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Ostberlin 1989. In einem Keller probt Die Seuche, eine Band, die Großes vorhat. Ihr einziger Fan ist zugleich ihr Manager. Äppstiehn tut, was er kann - und das ist nicht viel. Die Seuche spielt bei Familienfesten und Geburtstagsfeiern und lässt sich in Autoschiebereien am Rande der Prager Botschaft verwickeln. Doch gegen die Wende ist sogar Äppstiehn machtlos. Plötzlich spielt Musik keine Rolle mehr. Aber geht das überhaupt? Thomas Brussigs warmherzige Hommage an die Musik einer Zeit erzählt mit Witz und Leichtigkeit davon, wie es ist, wenn etwas zu Ende geht und gleichzeitig etwas beginnt.…mehr

Produktbeschreibung
Ostberlin 1989. In einem Keller probt Die Seuche, eine Band, die Großes vorhat. Ihr einziger Fan ist zugleich ihr Manager. Äppstiehn tut, was er kann - und das ist nicht viel. Die Seuche spielt bei Familienfesten und Geburtstagsfeiern und lässt sich in Autoschiebereien am Rande der Prager Botschaft verwickeln. Doch gegen die Wende ist sogar Äppstiehn machtlos. Plötzlich spielt Musik keine Rolle mehr. Aber geht das überhaupt? Thomas Brussigs warmherzige Hommage an die Musik einer Zeit erzählt mit Witz und Leichtigkeit davon, wie es ist, wenn etwas zu Ende geht und gleichzeitig etwas beginnt.
  • Produktdetails
  • Fischer Taschenbücher .29738
  • Verlag: Fischer Taschenbuch
  • Artikelnr. des Verlages: 23267
  • Seitenzahl: 190
  • Erscheinungstermin: März 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 192mm x 126mm x 18mm
  • Gewicht: 171g
  • ISBN-13: 9783596297382
  • ISBN-10: 3596297389
  • Artikelnr.: 52461011
Autorenporträt
Thomas Brussig, 1965 in Berlin geboren, wuchs im Ostteil der Stadt auf und arbeitete nach dem Abitur u.a. als Möbelträger, Museumspförtner und Hotelportier. Er studierte Soziologie und Dramaturgie und debütierte 1991 unter Pseudonym mit einem Roman. 1996 erschien sein in zahlreiche Sprachen übersetzter und auch als Bühnenfassung erfolgreicher Roman "Helden wie wir". 1999 erhielt er - zusammen mit Leander Haußmann - den Drehbuchpreis der Bundesregierung.
Rezensionen
Man muss es mögen für die Unzahl kleinster Wahrnehmungen [...], mit denen der Autor nicht nur eine Zeit [...] wiederaufleben lässt, sondern ein Lebensgefühl. Fridtjof Küchemann Frankfurter Allgemeine Zeitung 20170318

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 18.03.2017

Mit diesem Namen spielt ihr im Fresswürfel nicht

Rocken, bis die Mauer fällt: Thomas Brussig erzählt einmal mehr aus der Wendezeit in Ost-Berlin. Diesmal aus Sicht eines Möchtegern-Musikmanagers.

Von Fridtjof Küchemann

Vielleicht eignen sich die Mitglieder vermeintlich unvermeidlich aufsteigender Bands ja auch deshalb ganz gut als Helden von Romanen, in denen das Erwachsenwerden verhandelt wird: Die Leser können in den Sehnsüchten der Figuren ihre eigenen wiederfinden und in deren trotziger Entschlossenheit, die bestenfalls auch immer nur eine Handbreit vom Scheitern entfernt ist, die eigene ungeschützte Beharrlichkeit von einst. Wenn der Autor dann noch aus fixen Ideen, Zufällen, Rückschlägen sowie Rock 'n' Roll eine feine Geschichte zu spinnen weiß und dabei seine erzählerischen Ambitionen einigermaßen im Zaum hält, kann es richtig gut werden.

Thomas Brussig hat seine erzählerischen Ambitionen im Griff. Auch in seinem gerade veröffentlichten Roman "Beste Absichten" gibt der 1964 im Ostteil Berlins geborene Schriftsteller seinem Erzähler eine Stimme, die bei allem Staunen über das Selbsterlebte ihren Frieden mit der Geschichte gefunden zu haben scheint und dabei, wie man so sagt, ganz bei sich ist: Sie will den Leser weder anekdotisch noch reflexiv beeindrucken. Was sie zu erzählen hat, besitzt eine ganz eigene Wucht. Einen eigenen Schwung.

Einmal mehr erzählt Brussig von der Wendezeit. Diesmal stößt sein Held, der als Portier im Hotel Metropol sein Geld verdient, in einem Keller mit allenfalls "symbolischer Tür" auf eine Rockband, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Ob sie auch einen Namen habe, fragt er, nachdem er eine Weile überwältigt zugehört hat. "Und ob." Kunstpause. "Die Seuche." Auch der Portier bekommt, nachdem er als Bandkollege wegen mangelnder musikalischer Eignung für untauglich befunden wurde, einen Namen verpasst: Äppstiehn heißt er künftig für das Quintett mit der hinreißenden Sängerin, auserkoren, das für die Seuche zu werden, was Brian Epstein für die Beatles war.

Als Erstes beschafft er eine schwere Eisentür, die den Musikern Gelegenheit gibt, nach den Proben einen trinken zu gehen, ohne dass jemand im Probenraum auf Instrumente und Ausrüstung aufpassen müsste. Als Zweites beschafft er ihnen eine Auftrittsmöglichkeit: Ohne offizielle Genehmigung dürfen die Fünf zwar nur bei geschlossenen Gesellschaften auftreten, davon gibt es in den Fresswürfel genannten Mehrzwecksälen zwischen den Plattenbauten allerdings jede Menge. Nur Seuche darf sich die Band dort nicht nennen, aus Hygienegründen. Sprengsatz allerdings geht. Sofern das Pflichtprogramm - "Happy Birthday" als Eröffnungsstück - eingehalten wird.

Als Drittes heckt Äppstiehn einen Coup aus, gedacht, der Seuche das nötige Kapital für die große Ausrüstung zu beschaffen: Mit dem Westgeld, das er als Portier zugesteckt bekommt, und den vier männlichen Bandmitgliedern macht er sich auf zur Prager Botschaft und kauft den Flüchtlingen durch den Zaun ihre Autos ab, um sie in Berlin wiederzuverkaufen. Die kuriosen Einzelheiten dieser ohnehin schon wahnwitzigen Geschichte bescheren den Lesern kurzweiliges Lesevergnügen, ihr Ergebnis der Seuche ein Konto mit mehr als 140 000 Ostmark und die Wirren der Wende dem Möchtegern-Manager die Erkenntnis, dass sein Name, der des Kontoinhabers, den Bandmitgliedern unbekannt ist. Für sie ist er ja lediglich Äppstiehn.

Unkomplizierter kann man eine Geschichte über Improvisationskunst und Opportunismus, Blauäugigkeit und Kaltschnäuzigkeit, Ideale und Alltag, Freundschaft und Verrat schwerlich konstruieren, lustiger lässt sie sich kaum erzählen. Und lebendiger als durch die vielen ebenso knapp wie sicher skizzierten Nebenfiguren wohl ebenso wenig.

Dass der erste Auftritt in einem echten Ost-Berliner Club im November 1989 untergeht und Äppstiehn wie auch die Musiker sich eingestehen müssen, jetzt gäbe es Wichtigeres als Arbeit im Probenkeller, bereitet die Geschichte für ein paar anekdotische Highlights und ein vielleicht etwas zu versöhnliches Ende vor, für dessen Märchenhaftigkeit sich der Erzähler denn auch gar entschuldigen zu müssen glaubt.

Nicht ahnend, mit welchem Ruf das Jurastudium im Westen behaftet ist und welche Klientel es anzieht, schreibt sich Äppstiehn an der Freien Universität ein und läuft dort Hannah in die Arme, der West-Berliner Freundin des Bruders der Seuche-Sängerin Silke, die ein paar Monate zuvor in einer lustigen Episode das Kleingeld des Portiers in Westscheine getauscht hatte. Die hält den armen Ossi nicht nur für einen Überläufer ins reaktionäre Lager, sondern zieht ihm auch noch seinen Lieblingszahn. Hatte der doch hinter dem Namen Sinéad O'Connor felsenfest seine Silke vermutet und in ihrem Welthit "Nothing Compares 2 U" den Beweis, dass Musiker aus der DDR im Westen durchaus ihren Weg gehen können.

Dann geht die Seuche eben einen anderen Weg: Äppstiehn besinnt sich und macht sich nicht etwa mit den nach Umrechnung verbliebenen 70 000 Westmark aus dem Staub, sondern trommelt das Quintett wieder zusammen, um sich mit ihm einen Traum zu erfüllen, der lange noch weniger erreichbar schien als eine Karriere als Band, "kindisch" und "typisch Nachwende": Sie fliegen gemeinsam nach New York. Und sie treten sogar noch einmal zusammen auf, ein erstes und letztes Mal, zwar nicht im Bitter End, wo Bob Dylan einst seine Karriere begann, aber immerhin im Continental Divide, eine Stunde lang, vor anfangs sechzig und am Ende achtzig Zuhörern, wieder unter falschem Namen, aber mit neuerwachter Begeisterung, die sie anschließend im Taxi zur nächsten rund um die Uhr geöffneten Musikalienhandlung führt und schließlich auf die offene Straße, wo sie es einem Obdachlosen gleichtun, für den Strom einfach eine Laterne anzapfen und den frisch erfundenen ultimativen Wende-Hit spielen, während der staunende Penner kundtut: "These guys are The Doors from Germany." Das ist vielleicht eine Spur zu großspurig, doch es führt zum Glück zu nichts außer zu ein paar begütigenden Einsichten.

Man kann Thomas Brussigs "Beste Absichten" wegen der wirren Geschichte mögen. Man muss es mögen für die Unzahl kleinster Wahrnehmungen, Wörter und Erinnerungen, mit denen der Autor nicht nur eine Zeit und ein Milieu wiederauferstehen lässt, sondern ein Lebensgefühl.

Thomas Brussig: "Beste Absichten". Roman.

S. Fischer Verlag,

Frankfurt am Main 2017. 192 S., geb., 18,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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