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Schuld und Sühne in China - Literaturnobelpreis 2012 Seit Jahrzehnten kommen in Gaomi mithilfe der Hebamme Gugu alle Kinder zur Welt. Mit Beginn der Geburtenkontrolle verantwortet die parteitreue Gugu auch Abtreibungen und Zwangssterilisierungen. Für ihre Karriere macht sie sich zum willigen Werkzeug der Partei. Im Alter jedoch wird sie von Schuldgefühlen und Albträumen geplagt und bereut ihre Taten, die zahlreichen Menschen das Leben kosteten. Doch kann man sich von einer solchen Schuld befreien? In farbenprächtigen und oft auch komischen Szenen erzählt Mo Yan von den Schicksalen der Frauen…mehr

Produktbeschreibung
Schuld und Sühne in China - Literaturnobelpreis 2012
Seit Jahrzehnten kommen in Gaomi mithilfe der Hebamme Gugu alle Kinder zur Welt. Mit Beginn der Geburtenkontrolle verantwortet die parteitreue Gugu auch Abtreibungen und Zwangssterilisierungen. Für ihre Karriere macht sie sich zum willigen Werkzeug der Partei. Im Alter jedoch wird sie von Schuldgefühlen und Albträumen geplagt und bereut ihre Taten, die zahlreichen Menschen das Leben kosteten. Doch kann man sich von einer solchen Schuld befreien? In farbenprächtigen und oft auch komischen Szenen erzählt Mo Yan von den Schicksalen der Frauen und Kinder in seiner ländlichen Heimat und von den dramatischen Folgen der Ein-Kind-Politik für die Menschen in China.
  • Produktdetails
  • dtv Taschenbücher Bd.14346
  • Verlag: Dtv
  • Originaltitel: Wa
  • Seitenzahl: 512
  • Erscheinungstermin: 1. Oktober 2014
  • Deutsch
  • Abmessung: 190mm x 125mm x 30mm
  • Gewicht: 424g
  • ISBN-13: 9783423143462
  • ISBN-10: 3423143460
  • Artikelnr.: 40003117
Autorenporträt

Guan Móyè, bekannt unter seinem Pseudonym Mo Yan, wurde am 17. Februar 1955 in Gaomi in der Provinz Shandong geboren. Als Sohn einer Bauernfamilie verließ der junge Mo Yan mit zwölf Jahren die Schule um ebenfalls in der Landwirtschaft, als Hirte, tätig zu werden. Sein Studium der Literatur begann er an der Kunsthochschule der chinesischen Volksbefreiungsarmee im Jahr 1984. Dieser hatte er sich bereits acht Jahre zuvor angeschlossen.


Mo Yans erster veröffentlichter Text war eine Novelle in einer chinesischen Literaturzeitschrift, damals allerdings noch unter seinem Geburtsnamen. Seinen Durchbruch erzielte er mit seinem Roman "Trockener Fluss"(1986, dt. 1997), zu diesem Zeitpunkt verwendete er allerdings bereits seinen Künstlernamen, der übersetzt so viel bedeutet wie "nicht sprechen" - eine selbstironische Betitelung. Sein wohl bekanntestes Werk, der Historienroman "Das rote Kornfeld", wurde 1987 (dt. 2007) publiziert und noch im gleichen Jahr verfilmt.


Seine größte Herausforderung beim Schreiben sieht Mo Yan in der Verarbeitung von sozialen Realitäten. Um diese möglichst authentisch darzustellen lässt er viele seiner eigenen Kindheitserfahrungen in seine Arbeit einfließen, weshalb diese nach seiner eigenen Aussage untrennbar mit seinem Privatleben verbunden ist.


Heftige Kritik musste Mo Yan nach dem Gewinn des Nobelpreises für Literatur 2012 über sich ergehen lassen. Einige frühere Gewinner des Preises bemängelten seine Nähe zur chinesischen Regierung, seine Aussagen zur Zensur, sowie sein Schweigen bezüglich des in China inhaftierten Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo. Die Tatsache, dass er trotz seiner Tätigkeit als stellvertretender Vorsitzender im chinesischen Schriftstellerverband Kritik an seinem Heimatland übte, sowohl in seinen Werken wie auch in seiner Dankesrede in Stockholm, wurde dabei jedoch größtenteils ignoriert.


Neben dem in Frankreich im Exil lebenden und im Jahr 2000 ausgezeichneten Gao Xingjian ist Mo Yan erst der zweite Träger des Literaturnobelpreises aus China.


Auch nach dem Erhalt der Auszeichnung arbeitet Mo Yan weiter an seinen Büchern. Der Autor lebt heute in Peking.

Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 27.02.2013

Ich bin selbst schuldig

Die Nagelprobe auf den Nobelpreis: Was der jetzt auf Deutsch erschienene neue Roman von Mo Yan über China zu erzählen weiß, ist spektakulär. Das Thema von "Frösche" ist die Ein-Kind-Politik der Partei, und von der Mo oft unterstellten Flucht in einen halluzinatorischen Realismus kann dabei keine Rede mehr sein.

PEKING, 26. Februar

Jene Kritiker des letztjährigen Literaturnobelpreisträgers Mo Yan, die sein Werk kennen, stützen sich vor allem auf ein sprachliches Argument: Ausgerechnet mit den Mitteln der literarischen Moderne, mit dem, was das Nobelkomitee seinen "halluzinatorischen Realismus" nannte, schaffe er es, heikle politische Themen zugleich anzusprechen und zu relativieren. Mit einem Feuerwerk an phantastischen Bildern, drastischen Detailschilderungen körperlicher Funktionen, folkloristischen Derbheiten und satirischen Übertreibungen halte er die Beschreibung von Missständen in einer Schwebe, die sie für die staatliche Zensur akzeptabel macht, und wenn er vordergründig die Mao-Sprache auch ständig persifliere, komme er letztlich aus deren Bannkreis nicht heraus. Der Sinologe Perry Link aus Princeton prägte für diesen Stil, der für eine Reihe chinesischer Gegenwartsautoren charakteristisch sei, den Begriff der daft hilarity, einer dümmlichen Lustigkeit, die letztlich apolitisch sei und systemkonform.

All diese Annahmen und Vorwürfe müssen nach der Lektüre von Mo Yans jüngstem Roman "Frösche", der gerade in der ebenso genauen wie flüssigen Übersetzung von Martina Hasse im Hanser Verlag auf Deutsch erschienen ist, revidiert werden. Der erste Fall von halluzinatorischem Realismus tritt dort erst nach mehreren hundert Seiten auf. Die Hauptfigur des Romans, Tante Gugu, die als Hebamme und Funktionärin der chinesischen Ein-Kind-Politik Tausende Kinder aus dem Mutterleib geholt und Tausende andere abgetrieben hat, viele davon mit Gewalt, gerät nach der alkoholisierten Abschiedsfeier von ihrer Arbeitsstelle in einen vom Mondlicht illuminierten Froschtümpel. Frösche stehen mit dem Thema des Romans, der menschlichen Geburt und deren staatlicher Kontrolle, in einem engen Zusammenhang. An mehreren Stellen wird betont, dass die Schriftzeichen für "Baby" und "Frosch" im Chinesischen gleich ausgesprochen werden und dass die Rufe von Fröschen an das Weinen neugeborener Kinder erinnerten.

Die Tante, die sich zeitlebens nie vor etwas gefürchtet hat, verfällt inmitten der millionenfachen Schreie der Frösche, die ihr als Hassschreie in den Ohren gellen, in eine Panik, die sich noch steigert, als eine glitschige Flüssigkeit unter ihren Füßen sie am Weitergehen hindert und sich zahllose Frösche an ihr festsetzen und dabei eine unsagbar eklige Flüssigkeit absondern. Dieses über mehrere Seiten hinweg ausgemalte Bild der von Fröschen überfallenen und bedeckten Frau, eine wahrhaft surreale, eines Hieronymus Bosch würdige Vision, ist im Zusammenhang dieses Romans jedoch keine relativierende Ausschmückung, sondern das Gegenteil: eine Radikalisierung der moralischen These des Romans, der keinerlei Verflüchtigung durch Abstraktion zugestanden wird. In Gestalt der als Frösche erscheinenden ungeborenen Kinder holen die Gewissensqualen über die begangenen Abtreibungen die Tante, die so stolz auf ihren Materialismus ist, mit gewissermaßen materialistischen Mitteln ein. Eine schärfere Abrechnung ist im Rahmen dieses philosophischen Systems nicht möglich.

Doch die Konstruktion des Romans geht über die Veranschaulichung der Monstrosität des staatlichen Zwangsapparats noch hinaus. Anfangs sieht die Erzählweise noch nach dem launig-grotesk unterfütterten Realismus aus, den manche Mo Yan vorwerfen. Wieder einmal schnurren die großen Kämpfe und Parolen der Geschichte auf die mal komischen, mal rüden Binnenverhältnisse der Dörfler von Nordost-Gaomi zusammen, wo fast alle Romane Mos spielen. Diesmal ist es das China der sechziger und siebziger Jahre, das auf solche Weise verlebendigt wird. Die Schrecken nehmen zu, als Tante Gugu, die zunächst nur als resolute Aufklärerin vorgestellt wird, die die abergläubischen Wehmütter vertreibt und mit wissenschaftlichen Methoden vielen Neugeborenen das Leben rettet, zur nicht minder resoluten Vorkämpferin der im Verlauf der siebziger Jahre einsetzenden staatlichen Geburtenkontrolle wird.

Doch auch das Grauenhafte wird mit einem Augenzwinkern erzählt, das man als Verharmlosung verstehen könnte. Selbst die Szene, in der eine Schwangere auf der Flucht vor der kein überzähliges Kind zulassenden Aktivistin im Fluss ertrinkt, gerät zu einem satirischen Kabinettstück, zur Demonstration, wie viele komischen Effekte die offizielle Sprache und Ideologie hervorbringt, wenn sie mit dem realen alltäglichen Leben zusammenstößt. Während das Boot der Geburtenkontrolleure durch den Fluss gleitet, beschallt sein Lautsprecher das Schilf mit Volksliedern aus Hunan zum Lobe des Vorsitzenden Mao.

Der Erzählton bleibt von der humorigen, kolloquial-gemütlichen Art, wie man sich in der Dorfschenke an Kindheitsanekdoten erinnern mag: So war und ist das halt bei uns, eine Art Selbstverständigungsliteratur der unter der Herrschaft der Kommunistischen Partei Sozialisierten. "Ein Sprichwort bei uns sagt", heißt es einmal: "Auf dreißig Jahre ostwärts folgen dreißig Jahre westwärts, so ändert der Gelbe Fluss seinen Lauf beständig."

Aber dann schlägt der Ton plötzlich um: Der Schrecken sucht auch den bis dahin eher belustigt beiseitestehenden Ich-Erzähler heim. Seine Frau, deren jugendlich witziger Charme ausführlich beschrieben wurde, stirbt bei der durch Gugu erzwungenen Abtreibung ihres zweiten Kindes. Das ist eine dramaturgische Wende, die dadurch noch nachhaltiger wirkt, dass sie psychologisch kaum aufgearbeitet wird. Im Gegenteil, der Ich-Erzähler heiratet kurz danach auch noch Gugus Assistentin. Alles vermeintlich Humorig-Relativierende wird hier seinerseits unterwandert durch etwas, was man wahlweise als Sprachlosigkeit, Unempfindlichkeit oder Schwäche interpretieren kann.

Der Erzähler, der da so unerwartet in die Mitte des Geschehens tritt, sieht sich selbst nicht nur als Opfer. Als Offizier hat er seine Frau beschworen, das Kind abzutreiben, damit er beim Militär bleiben kann und nicht wieder auf dem Land arbeiten muss. Im Gespräch mit dem "Spiegel" hat Mo Yan gesagt, was er auch im Nachwort andeutet: dass dieses Schuldbewusstsein einen autobiographischen Hintergrund hat. "Ich habe, um meiner eigenen Zukunft willen, meine Frau zu einer Abtreibung gedrängt. Ich bin schuldig."

Tatsächlich ist dies, neben der Entfaltung des komplexen Charakters der Hauptfigur Tante Gugu, der zweite Fluchtpunkt des Romans: die sich stückweise immer mehr aufdrängende Notwendigkeit, das eigene Gewissen zum Thema zu machen. "Man muss das eigene Ich auf den Seziertisch legen und genauestens unter die Lupe nehmen", notiert der Ich-Erzähler, der im Roman Theaterautor ist, an einer Stelle. Mo Yan selbst schreibt im Nachwort, er habe sich eine Zeitlang "alle Mühe gegeben, nirgendwo anzuecken", damit man ihn weder der Käuflichkeit durch Funktionäre bezichtige noch der "Liebedienerei gegenüber dem Westen". Nun aber habe er beschlossen, die "ewig Selbstgerechten" abzuschütteln und sich nur noch auf sein Gewissen zu konzentrieren. Der Roman endet mit selbstquälerischen Fragen, die der Ich-Erzähler an seinen Briefpartner, einen nach dem Vorbild von Kenzaburô Ôe entworfenen japanischen Schriftsteller richtet: "Ist die Seele darin gefangen, dass sie sich eines Verbrechens schuldig fühlt, und muss sie es ewig bleiben? Oder ist Rettung möglich?"

Nun könnte man selbst diese skrupulöse Konzentration auf die individuelle Moral für eine subtile Relativierung der politischen Verhältnisse halten. Doch das würde verkennen, dass es sich bei der Frage um die Mitschuld im Gegenteil um ein bislang verdrängtes höchstpolitisches Thema handelt. In China wird die Ein-Kind-Politik heute sogar von Regierungsberatern kritisiert, weil sie Probleme für die demographische Entwicklung und die Sozialsysteme aufwerfe und weil Zwangsabtreibungen nicht mehr ins Bild der offiziell verordneten Gesellschaftsharmonie passten (gleichwohl kommen sie immer noch vor, weil Funktionäre weiterhin danach beurteilt werden, wie sie das Bevölkerungswachstum kontrollieren). Aber sie wird überhaupt nicht als Gewissensproblem diskutiert, genauso wenig wie der wieder anders gelagerte Fall der Beteiligung weiter Bevölkerungsschichten an den Verbrechen der Kulturrevolution.

Welche Auswirkungen solche Verdrängungsleistungen auf die gegenwärtige chinesische Gesellschaft haben, ist eine noch nicht einmal ansatzweise erörterte Frage. Insofern passt Mo Yan, der dies nun zum Thema macht, entgegen der weit verbreiteten Meinung, in Wirklichkeit überhaupt nicht zum offiziellen staatlichen Diskurs. Dagegen spricht nicht, dass er in der Rollenprosa des Ich-Erzählers auch immer wieder die Argumente der Geburtenkontrolleure stark macht (Dienst an der Menschheit); er ergänzt damit nur die vielschichtige Folie, vor der in der damaligen Realität jeder seine Entscheidungen fällen musste.

Und auch eine formale Schwäche des Romans schmälert diese Stärke nicht: dass die Figur des Ich-Erzählers bis zuletzt ziemlich unscharf bleibt. Diese Blässe könnte sogar ein Indiz für die Ehrlichkeit der Introspektion sein. Ohnehin gehorcht Mo Yans Figurenzeichnung meist weniger den Gesetzen psychologischer Plausibilität als dem Prinzip der satirischen Metapherntauglichkeit. Das gilt sogar für Tante Gugu, die literarische Bearbeitung einer realen Tante des Autors, deren widersprüchliches Verhalten, ein Abbild der fatalen Politik im Ganzen, mit besonderer Genauigkeit rekonstruiert wird. Sie, die sich nach der Flucht ihres Verlobten nach Taiwan ganz der Partei verschreibt, sich auch durch die Misshandlungen während der Kulturrevolution nicht irremachen lässt, und deren robuste Menschenfreundlichkeit in eine martialische Unnachgiebigkeit auf der Jagd nach "illegalen" Kindern umschlägt, endet schließlich, geistig halb umnachtet, beim Anfertigen von "Tonkindern", denen der Volksglaube eine eigentümliche Beseeltheit zuschreibt.

Solche mehrfach gebrochenen, aufeinander Bezug nehmenden Travestien häufen sich, so kunstvoll sie im Einzelnen auch sind, gegen Ende des Romans etwas zu sehr. Ein angefügtes Theaterstück des Ich-Erzählers, das alle Motive auf bitter-burleske Weise noch einmal aufnimmt, fügt dem Plot nichts Neues hinzu.

In den letzten Kapiteln kehrt der Erzähler im neuen Jahrtausend in ein gewandeltes Dorf zurück, wo an die Stelle der ärmlichen Geburtsstation von einst eine hochgerüstete Tempelanlage, ein teures chinesisch-amerikanisches Geburtskrankenhaus und eine Froschzuchtfarm getreten sind, die in Wirklichkeit ein geheimes Leihmütterzentrum ist. Nur die innere Kälte ist geblieben, und die Korruption hat sich vermehrt. Mo Yan hat ein Buch geschrieben, das nicht nur das Bild von ihm selbst verändert, sondern auch von dem, was im Herzen der chinesischen Gesellschaft vor sich geht.

MARK SIEMONS

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Der 2009 in China erschienene Roman des Literaturnobelpreisträgers Mo Yan ist für Ijoma Mangold nicht nur große Literatur, sondern politische dazu. Über Massenwahn, Zwangsabtreibung und verordnete Politik jedenfalls, meint Mangold, schreibt der Autor ohne ideologische Scheu, schonungslos und kalt. Spannungsmäßig muss der Rezensent die ein oder andere Durststrecke aushalten, doch die Spannung zwischen der politischen Wirklichkeit und der potentiellen humanen Kraft der Figuren hält ihn doch bei der Stange. Beeindruckt hat ihn ferner die Unerbittlichkeit, mit der Yan das Mittelmaß seiner Protagonisten darstellt, die unter dem Regime immer wieder einknicken.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 01.03.2013

Vom Quäken der toten Seelen
Seltsam, dass man diesen Schriftsteller für einen Staatsdichter halten konnte: Mo Yans „Frösche“ ist ein ebenso heiterer wie abgründiger Roman
über die revolutionäre Zerstörung einer Kultur, belehrend und erschütternd zugleich
VON ULRICH BARON
Bei Anbruch der neuen Zeit waren noch viele guter Hoffnung. Wenn die junge Ärztin Gugu auf ihrem Fahrrad über die kleine Steinbrücke preschte, dann fiel schon mal ein Hund voller Panik in den Kiaolai-Fluss. Aber die Frauen von Gaomi wussten, dass auf diese Geburtshelferin Verlass war. Wer hätte ahnen können, dass dieses lotosgleiche Mädchen mit dem roten Herzen sich in einen alten Drachen verwandeln würde, in eine Inkarnation des Höllenfürsten Yama, die schwangere Frauen zu Tode hetzte und ganze Familien ins Unglück stürzte?
  Wie sein bekanntestes Werk „Das Rote Kornfeld“ (1987) hat der 1955 in Gaomi geborene Mo Yan auch die im Original 2009 erschienenen „Frösche“ in seiner Heimat angesiedelt. Das Leben der 1937 geborenen Tante seines Ich-Erzählers liefert einen Zeitrahmen, der japanische Besatzung, Revolution, Hungerkatastrophe und Kulturrevolution ebenso umfasst wie Chinas Wirtschaftswunder und die ersten Jahre des neuen Jahrtausends.
  Mo Yan bekennt im Nachwort, er habe sich von der Lebensgeschichte einer Verwandten zu diesem Buch inspirieren lassen, das sich mit der chinesischen Geburtenpolitik der letzten dreißig Jahre befasse, die als Ein-Kind-Politik bekannt geworden ist. Aber „Frösche“ ist mehr als nur ein Roman über jene rigide Geburtenregelung, die von der treuen Parteisoldatin Gugu als „Chinas Geschenk an die Menschheit“ gepriesen wird. Es ist ein Generationenroman über Chinas langen Marsch in die Gegenwart, über dessen Opfer und Mitläufer, zu denen auch der Erzähler zählt, der, wie sein Autor, eine kleine Karriere in der roten Armee gemacht hat, bevor er sich dem Schreiben zuwandte.
  Zu Beginn der fünf Bücher des Romans wendet Mo Yans Protagonist sich jeweils brieflich an einen japanischen Lehrmeister, der ihn ermuntert hatte, Gugus Geschichte aufzuschreiben. Eigentlich will er daraus ein Theaterstück machen. Doch am Ende haben sich die Aufzeichnungen zu einem Roman gerundet, dem das Stück als Appendix anhängt. Im Nachwort enthüllt Mo Yan, dass der Mentor ein reales Vorbild habe – Kenzaburo Oe, der seit 1994 Träger des Literaturnobelpreises ist, mit dem Mo Yan drei Jahre nach Veröffentlichung dieses Romans ausgezeichnet wurde. Vieles in „Frösche“ wirkt nun so, als habe er nicht nur diese Ehrung vorausgesehenen, sondern auch den Ärger und den Vorwurf ein „Staatsdichter“ zu sein, den sie ihm 2012 einbringen sollte.
  Mit „Frösche“ nämlich erweist der Autor Guan Moye seinem Schriftstellernamen Mo Yan ironische Reverenz. Der soll sich auf eine Anweisung seiner Mutter beziehen, die man mit „sei still!“ oder „kein Wort!“ übersetzen könnte, und Mo Yan zeigt, wie weise das im revolutionären China war. „Frösche“ ist ein Meisterstück des Nebenhererzählens und steckt schon in frühen, noch heiter anmutenden Szenen voller Anspielungen auf revolutionäre Exzesse. Wurde in „Das Rote Kornfeld“ die Häutung eines Mannes, wurde in „Die Sandelholzstrafe“ eine Pfählung in grausamsten Details geschildert, so erzählt Mo Yan nun subtiler. Doch legt damit Wunden bloß, die schon vernarbt schienen.
  Der chinesische Romantitel „Wa“ kann sowohl das Quaken eines Frosches als auch das Quäken eines Babys wiedergeben. Und während Gugu wahre Feldzüge gegen überzählige Schwangerschaften führt, nimmt nicht nur die Zahl der Frösche rasant zu, sondern auch die der „Niwawas“, tönerner „Glückskinder“, die auf gespenstische Weise zu Stellvertretern jener toten Seelen mutieren, die sie auf dem Gewissen hat.
  Bei Gugu schlagen die Freuden der Pflichterfüllung, schlagen humanes Engagement und der vernünftige Versuch, die drohende Bevölkerungsexplosion abzuwenden, in Wahn und Fanatismus um. Aber neben der einen Furie und ihren Opfern gibt es hier auch die Vielen, die sie gewähren lassen. „Frösche“ ist ein Roman über die revolutionäre Zerstörung einer Kultur, über eine brutale, materialistische Vergröberung, die das Vertrauen zwischen den Menschen, zwischen Eltern und Kindern, Lehrern und Schüler und auch deren Lebenslinien brutal zerriss.
  Aus der Kinderperspektive wird nicht nur die von Mao verursachte große Hungersnot erwähnt, sondern ganz nebenbei auch, dass damals in der Schulkantine nur der Direktor, ein Drillmeister und zwei Kommunekader beköstigt worden seien – von einem Koch, der „wegen einer falschen Äußerung“ seinen Posten als Leiter der amtlichen Veterinärstelle verloren habe. Die ausgehungerten Kinder fallen dagegen über eine Kohlenlieferung her: „Die schmecken prima!“, verkündet Chen Nase, der Kindheitsfreund des Erzählers, angesichts von Kohlestücken, die einen Pinienduft verbreiten. Nur ein einziger Mitschüler folgt dem nicht. Er hat keinen Hunger, „weil sein Vater das Getreidelager verwaltete“. Mo Yans Erzähler, der sich bescheiden „Kaulquappe“ nennt, setzt zu einer Kritik aus kindlicher Froschperspektive an, doch was als Schelmengeschichte beginnt, gewinnt bald ein kritisches Niveau, auf dem auch sein Verhalten immer fragwürdiger wird.
  Zu Gugus Kummer ist das erste Baby, das sie mit ihren neuen Methoden holt, „das Balg eines Großgrundbesitzers“. Zudem muss sie zunächst eine alte Wehmutter aus dem Weg räumen, die mit ihrer Quacksalberei beinahe Mutter und Kind ums Leben gebracht hätte. Wenn Gugu eine film- und propagandareife Synthese von Kung-Fu und Geburtshilfe hinlegt, dann wird überspielt, dass der Vater über seinen neugeborenen Sohn nicht nur Freudentränen vergießt: „Es gab so viel, das er nicht auszusprechen wagte, die Verehrung der Familienahnen, das täglich brennende Räucherwerk am Hausaltar, die Ahnenhalle des Clans, die Großfamilie.“ Auch der ehemalige Gutsbesitzer Chen ist hier ein „Mo Yan“, denn „für einen wie ihn war das bloße Aussprechen ein Schwerstverbrechen“.
  Leider hat sein Sohn diese Weisheit nicht geerbt und als Schulkind ebenfalls eine falsche Äußerung getan: Nicht nur Chen Nase selbst hätte deshalb bitter zu leiden gehabt, „sondern mehr noch seine Eltern. Sie starben nach schwerer Folter an ihren Verletzungen und bezahlten seine kleine Gedankenlosigkeit mit dem Leben“.
  Auch die Bilderbuchrevolutionärin Gugu bleibt nicht verschont. Nachdem sich ihr Verlobter mit seinem Kampfjet nach Taiwan abgesetzt hat und erst recht während er Kulturrevolution bekommt sie zu spüren, wozu ihre Mitmenschen fähig sind. Das Böse gewinnt hier eine Massenbasis: „Die Massen sind erfinderisch, wenn es um das Ausschmücken und Dazuerfinden geht, sie verfügen über eine überbordende bösartige Phantasie.“
  Wenn Gugu die Inkarnation des Höllenfürsten ist, dann ist der Erzähler dessen Diener und Klient. Die erste Frau stirbt bei einer späten Abtreibung, zu der er sie, um seine Militärkarriere bangend, gedrängt hat. Seine zweite Frau wird als Mittfünfzigerin mit Gugu eine Schwangerschafts-Farce inszenieren, bei der eine durch einen Brand entstellte junge Frau zunächst als jungfräuliche Leihmutter missbraucht und dann um Kind und Honorar betrogen wird. Dass „Frösche“ trotz alledem ein überaus unterhaltsamer, ja manchmal heiter anmutender Roman ist, führt einem die Ambivalenz positiven Denkens und die korrumpierende Kraft der Schadenfreude vor Augen. Komik und Grausamkeit, Subtiles und Derbes gehen Hand in Hand.
  Als die Schwiegereltern des Erzählers ihre schwangere Tochter nicht verraten wollen, sucht Gugu sie damit zu erpressen, den Besitz ihrer Nachbarn zu verwüsten und lässt ein Stahlseil um den Stamm eines alten Baums legen. Dessen behinderter Besitzer „schleuderte den Krückstock fort und schlang beide Hände um den Baum. Er weinte: ,Ihr dürft meinen Baum nicht rausreißen. Backe sagt, der Baum liegt auf der Lebensader unserer Familie. Nur wenn es dem Baum gut geht, geht es unserer Familie gut.’“ Gugu grinst und lässt den Kettentrecker mit der Arbeit beginnen. Das Seil strafft sich, die Äste des Baumes zucken und zittern. Das Seil schneidet in die Rinde, so dass Saft austritt, und als der riesige Baum in die Schräge kommt, entfahren dem Stamm „berstende, leidvolle Geräusche“. Ein Stück Borke wird abgezogen, „so dass man die weißen Holzfasern sehen konnte“. Dass senkt sich die Krone, und aus dem Boden brechen wie Riesenschlangen die Wurzeln hervor.
  Bis heute kann es unliebsamen Chinesen geschehen, dass man ihre Häuser „plattmacht“. Doch hier wird die Entwurzelung einer ganzen Kultur in das beklemmende Bild eines geschundenen Baums gefasst. Was Revolution, was großer Hunger, was die Demütigungen der Kulturträger während der Kulturrevolution und die Zerstörung der Ahnenreihen durch die Ein-Kind-Politik nicht geschafft haben, wird hier mittels der Technik vollendet.
  Gugu hat sich im Alter eine Rechtfertigung zurechtgelegt, nach der die Seelen der durch ihre Schuld ungeborenen Kinder eine zweite Chance erhielten und nun an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit zur Welt kämen, aber das sei Selbstbetrug, meint der Erzähler: „Jedes Kind ist immer einzigartig und lässt sich durch nichts und niemals ersetzen“. Aber hat er selbst nicht versucht, ein abgetriebenes Kind zu ersetzen und damit ein unglückliches Mädchen noch tiefer ins Unglück gestürzt? „Die guten Menschen sind Menschen, die Bösen auch“, sagt Gugu.
  Doch wen interessieren im neuen China die Untaten alter Tanten? Wer es sich leisten kann, bekommt seine Wunschkinder mit einer Zweitfrau oder bezahlt eine Leihmutter. Es gibt luxuriöse Geburtskliniken und eine obskure „Froschzuchtfarm“, die dem Erzähler einen späten Sohn beschert. Und die Ärmeren dürfen im neuen Niangniang-Tempel der großen Himmelsmutter Tianhou wieder um ihr Wunschkind beten. „Überall Fröschequaken ohne Ende“, laute der Vers eines Song-Gedichts, der ihn seit Kindertagen verfolge, gesteht Mo Yan. Seltsam, dass man diesen Dichter für einen Staatsschriftsteller halten konnte.
Ein Meisterstück voller
Anspielungen
auf revolutionäre Exzesse
Wenn das Aussprechen von
kleinen Wahrheiten zum
Schwerverbrechen wird
Der Baum fällt, und mit
ihm wird das Leben einer
Familie zerstört
Ein Chronist auf Chinas langem Marsch in die Gegenwart: Mo Yan, Nobelpreisträger des Jahres 2012.
FOTO: ANDERSEN-GAILLARDE/GAMMA/LAIF
  
  
  
  
Mo Yan: Frösche. Roman. Aus dem Chinesischen übersetzt von Martina Hasse. Carl Hanser Verlag, München 2013. 509 Seiten, 24,90 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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"Mo Yans 'Frösche' ist ein ebenso heiterer wie abgründiger Roman über die revolutionäre Zerstörung einer Kultur, belehrend und erschütternd zugleich." Ulrich Baron, Süddeutsche Zeitung, 01.03.13 "Nach der Lektüre von 'Frösche' muss man sich fragen, ob Mo Yan in seiner Weltsicht dem Westen nicht viel näher ist, als seine Kritiker hierzulande glauben: Setzt er doch auf Vergebung der Schuld und die Liebe zum werdenden Leben." Sebastian Hammelehle, Spiegel Online, 13.03.13 "Sein neuer Roman zeigt, dass er ein großer Erzähler ist." Die Zeit, 14.03.13 "Eine ebenso befremdliche wie faszinierende Anderswelt tut sich auf, ein Jahrhundert der Umbrüche und Exzesse - und der oft gar nicht so verschiedenen Menschennöte am anderen Ende der Welt." Wolfgang Schneider, Der Tagesspiegel, 17.03.13 "In diesem vor Kraft und Farbe strotzenden, autobiografisch grundierten Werk lernt die Welt einen Autor kennen, der alles andere als ein Hofdichter der Kommunistischen Partei Chinas ist." Kölner Stadt-Anzeiger, 5.04.2013 "Literaturnobelpreisträger Mo Yan widmet sich in seinem Roman 'Frösche' den Brutalitäten rund um die chinesische Einkindpolitik. Keine Parteiliteratur, sondern ein starker Roman, der grosse Leseerlebnisse ermöglicht." Martin Ebel, Tages-Anzeiger, 12.04.13 "Nicht nur ein großes Erzähwerk, es ist auch das Gegenteil von unpolitisch." Ijoma Mangold, Die Zeit, 25.04.13 "Mo Yan bewegt sich behände zwischen Minimalismus und Panorama. ... Mo Yan lässt den Leser Schritt für Schritt an diesem, seinem Weg teilhaben. ... Wenig prägt sich dem Gedächtnis tiefer ein als Mo Yans ganz flüchtige Skizze der Macht." Tilman Spengler, Süddeutsche Zeitung, 24.06.14…mehr