Bleeding Edge - Pynchon, Thomas
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"Bleeding Edge" nennt man eine so neuartige elektronische Anwendung, dass sie noch keinen erwiesenen Nutzen hat. Wie etwa DeepArcher, eine verbesserte Version von Second Life, in der alles möglich scheint. Sogar Geldwäsche oder Terrorplanung für 9 /11, ohne dass man eine Spur hinterlässt. Deshalb interessiert sich dafür neben Geheimdiensten und internationalen Verbrechern auch eine kleine New Yorker Wirtschaftsdetektivin namens Maxine Tarnow, jüdisch, geschieden, zwei schulpflichtige Kinder, mit einer wirklich wenig beeindruckenden Beule in der Handtasche, da, wo sie ihre Damen-Beretta…mehr

Produktbeschreibung
"Bleeding Edge" nennt man eine so neuartige elektronische Anwendung, dass sie noch keinen erwiesenen Nutzen hat. Wie etwa DeepArcher, eine verbesserte Version von Second Life, in der alles möglich scheint. Sogar Geldwäsche oder Terrorplanung für 9 /11, ohne dass man eine Spur hinterlässt. Deshalb interessiert sich dafür neben Geheimdiensten und internationalen Verbrechern auch eine kleine New Yorker Wirtschaftsdetektivin namens Maxine Tarnow, jüdisch, geschieden, zwei schulpflichtige Kinder, mit einer wirklich wenig beeindruckenden Beule in der Handtasche, da, wo sie ihre Damen-Beretta versteckt ...
Mit gelegentlichen Ausflügen nach Long Island und ins Deep Web versetzt uns Thomas Pynchon in eine historische Romanze über New York in den frühen Tagen des Internets ...
"PYNCHON ERZÄHLT ZWEI ROMANE GLEICHZEITIG: EINEN FINSTEREN THRILLER UND EINE ABSURDE NEW YORKER KOMÖDIE."
SÜDDEUTSCHE ZEITUNG
  • Produktdetails
  • Verlag: Rowohlt, Reinbek
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 608
  • Erscheinungstermin: 24. September 2014
  • Deutsch
  • Abmessung: 218mm x 145mm x 47mm
  • Gewicht: 831g
  • ISBN-13: 9783498053154
  • ISBN-10: 3498053159
  • Artikelnr.: 40812027
Autorenporträt
Pynchon, Thomas
Thomas Pynchon wurde 1937 in Long Island geboren. Sein einziger öffentlicher Auftritt fand 1953 an der Oyster Bay High School in Long Island statt. Er studierte Physik und Englisch an der Cornell University, später schrieb er für Boeing technische Handbücher und verschwand. Seither sind seine Bücher (u.a. "Die Enden der Parabel"; "V"; "Gegen den Tag") die einzigen öffentlichen Spuren seiner Existenz. Pynchon gilt als einer der bedeutendsten englischsprachigen Schriftsteller der Gegenwart. Er lebt in New York.

Gunsteren, Dirk van
Dirk van Gunsteren, 1953 geboren, übersetzte u.a. Jonathan Safran Foer, Colum McCann, Thomas Pynchon, Philip Roth, T.C. Boyle und Oliver Sacks. 2007 erhielt er den Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Preis.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Willi Winkler erwartet von diesem Autor nicht mehr, als dass er nur weiter seine adoleszenten Witze macht und sich mit Ironie am Nobelpreis vorbeischreibt. Als großer Erfinder der Jetztzeit bietet ihm Thomas Pynchon in seinem neuen Roman wieder allerhand Kulturschrott, aber virtuos und besser präsentiert, als alles, was wir sonst so lesen, versichert Winkler. Dass der Autor keine Kulturkritik kann oder will und stattdessen über Datenklau und 9/11 wenig plausibel und eher im Stil eines New Yorker Heimatromans schreibt, ficht Winkler nicht an. Zwar wird der Rezensent nicht schlauer mit diesem Buch, doch amüsiert er sich köstlich und noch dazu meist weit über seinem Niveau. Mehr geht fast nicht, meint er.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 04.10.2014
Das Chaos ist aufgebraucht

Eine Legende lebt literarisch wieder auf: Thomas Pynchon rekonstruiert in seinem Roman "Bleeding Edge" die vergangene Zukunft des Internets.

Von Peter Körte

Auch Phantome können zu real werden. Nicht weil er 2004 in den "Simpsons" aufgetreten ist, mit einer Papiertüte über dem Kopf, auch nicht, weil seit Jahren ein unscharfes Straßenbild von ihm aus New York existiert, nicht wegen abnehmender Unsichtbarkeit seines Autors löst ein neuer Roman von Thomas Pynchon kaum noch jenes große Raunen aus, das ihn früher ankündigte. Das hat mit den Romanen selbst zu tun, vor allem aber mit der Welt, aus der und in die sie kommen. In Zeiten von Big Data, von Wikileaks und Whistleblowern ist aus wilden Verschwörungstheorien von gestern immer häufiger die nüchterne Agenturmeldung von heute geworden.

Weil er aber nun mal dieses unheimliche seismographische Gespür besitzt, diesen Blick für die irrwitzigen Querverbindungen unserer Welt, ist Thomas Pynchon zuletzt ein wenig ausgewichen, ins Genre des Kriminalromans, ins verkiffte Kalifornien der siebziger Jahre ("Natürliche Mängel", 2010) oder ins frühe zwanzigste Jahrhundert wie in "Gegen den Tag" (2006). Auch wenn er sich jetzt mit "Bleeding Edge" wieder der Gegenwart nähert, hält er sich im Windschatten der Zeitgeschichte. Der Roman beginnt zwar im Frühjahr 2001 in New York und endet dort ein knappes Jahr später, aber als 9/11-Roman lässt er sich nur mit einiger Willkür begreifen.

Auch diesmal treibt Pynchon ein Vexierspiel mit Motiven des Kriminalromans. Es gibt eine einsame Ermittlerin, mysteriöse Gestalten, Leichen und ein schwer durchschaubares Netzwerk des Bösen, dessen konspirativer Radius aber überschaubar bleibt. Maxine Tarnow, Betrugsermittlerin und Inhaberin der Agentur "Ertappt - geschnappt", ist geschieden, hat zwei Söhne und ist so etwas wie eine Eingeborene von Manhattans Upper West Side. Ein Bekannter, der leicht durchgedrehte Filmemacher Reg Despard, bringt sie auf die Spur einer Firma namens "hashslingrz", die als eine der wenigen das Platzen der Dotcomblase unbeschadet überlebt hat. Maxine entdeckt finanzielle Unregelmäßigkeiten, dubioses Geschäftsgebaren, den sinistren Chef Gabriel Ice und dazu viele getriebene, verängstigte, verärgerte IT-Existenzen aus der Reservearmee der arbeitslos gewordenen Nerds.

Pynchon hat natürlich auch noch immer die Gabe, bizarre Orte und Szenen zu entdecken, zu erfinden oder in surrealistischer Manier Dinge nebeneinander zu stellen, bis es wirkt wie "das zufällige Zusammentreffen einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch". Die Namen der Figuren haben diesen leicht irren Klang, werden auf einmal im Deutschen lautmalerisch; wenn man etwa "Vyrva" nur oft genug ausspricht, wird es wirklich wirr. Und den "freiberuflichen Riecher" Conkling Speedwell, der besessen ist von der Frage nach Hitlers Aftershave, wird man so wenig vergessen wie die beiden Russenmafia-Gehilfen Mischa und Grischa, die sich an Halloween 2001 als Bin Ladin verkleiden.

Von solchen kleinen Leuchtfeuern abgesehen, mäandert der Roman jedoch vor sich hin. Die Ermittlungen verlaufen schleppend, ein ominöser Nick Windust taucht auf, der allen Geheimdiensten angehören könnte - oder auch keinem. Große Fragezeichen springen wie im Pop-up-Buch aus dem Text, wenn Maxines Ex-Mann Horst Loeffler zwei Tage vor den Anschlägen auffällt, dass an der Börse auf den Fall von United-Airlines- und American-Airlines-Aktien spekuliert wird. Oder wenn Maxine ein Video vom Dach eines Hauses in Manhattan zugespielt wird, das Männer mit Stinger-Raketen zeigt, die eine Boeing am Himmel anvisieren.

Mehr als solche Andeutungen gibt es nicht, weil Pynchon viel zu klug und sein Erzählen viel zu verspielt ist, um das Dotcom-Szenario per Hyperlink mit den Ereignissen von 9/11 zu verknüpfen. Und er vermeidet es zum Glück, wie ein zu spät gekommener Reporter von New York am 11. September 2001 und in den Tagen danach zu berichten.

Es geht in diesem Buch um etwas ganz anderes, das Pynchon-Lesern vertraut ist. Angetrieben von einem tiefsitzenden anarchischen Impuls, interessiert sich Pynchon für Welten und Zustände, in denen sich noch keine neue Ordnung formiert hat, wo der Möglichkeitshorizont weit ist und der Erwartungsüberschuss groß. Was in "Gegen den Tag" die Welt des frühen zwanzigsten Jahrhunderts war, in der vor dem Triumph von Quantenphysik und Relativitätstheorie Wissenschaft, Spekulation und Obskurantismus koexistierten; was in "Mason & Dixon" (1998) die Ungeschiedenheit der vielfältigen Wissens- und Weltmodelle des achtzehnten Jahrhunderts war, vor dem Monolog der Vernunft, das sind in "Bleeding Edge" die stürmischen Jahre des Internets.

Der Titel "Bleeding Edge" ist ein Wegweiser: der Begriff für eine Technologie, die brandneu ist, völlig unerprobt und daher höchst riskant. Pynchon lokalisiert sie in den Tiefen des Webs, wo keine Suchmaschine hinreicht. "DeepArcher" heißt eine virtuelle Welt (entfernt vergleichbar mit "Second Life"), von der ihre beiden Erfinder sagen, sie solle "ein riesiges Motel für die Geplagten" sein, eine "Zuflucht". Man könnte auch sagen, sie sei ein Unort oder gleichfalls: eine Utopie. Frei von Kontrolle und Hierarchien, noch nicht modelliert nach den Gesetzen von Big Data und des Cyberkapitalismus - wie "ein unsichtbarer, sich selbst verschlüsselnder Pfad, der nicht zurückverfolgt werden kann".

So imaginiert Pynchon in der Unordnung nach der geplatzten Dotcom-Blase den historischen Ort, an dem das Internet eine Zukunft gehabt hätte, die anders ausgefallen wäre als die real gewordene. Das mag eine - historisch unvermeidliche - Illusion gewesen sein oder nur eine Rückprojektion. In jedem Fall steckt darin eine säkulare Erlösungsphantasie. Der Sündenfall des Netzes, so drückt es Maxines Vater aus, sei dessen Herkunft aus dem militärischen Komplex des Kalten Kriegs. Und einer der IT-Zauberer sagt, mit dem Internet sei es jetzt sowieso vorbei: ",Man spielt mit uns, Maxi, aber die Karten sind gezinkt, und das Spiel ist erst vorbei, wenn das Internet - das echte, der Traum, das Versprechen - zerstört ist."

Da spricht natürlich der alte Maschinenstürmer Thomas Pynchon, der vor dreißig Jahren in einem Essay die Frage bejahte: "Is it OK to be a Luddite?"

Zu diesem Gestus passt sehr gut die Rolle des Sammlers, der in "Bleeding Edge" unermüdlich Material aus Werbeslogans, Supermarktflyern, Hiphop-Songs, IT-Slang, Fernsehserien und Filmen jener Jahre aufliest und ausbreitet; lauter Anspielungen und Zitate, von denen Evgeny Morozov gesagt hat, in zwanzig Jahren werde man wohl eine App brauchen, um sie noch entziffern zu können.

Diese Haltung ist nicht unsympathisch, sie ist auch nicht uninteressant - aber sie ist als Begleiterin auf mehr als sechshundert Seiten ziemlich ermüdend. Denn unter der popkulturellen Überfülle hört man ein wenig zu monoton jenen romantischen Refrain, den man spätestens seit "Mason & Dixon" kennt. Er klingt wie der berühmte Satz des jungen Brecht: "Das Chaos ist aufgebraucht. Es war die beste Zeit."

Thomas Pynchon: "Bleeding Edge". Roman.

Aus dem Englischen von Dirk von Gunsteren.

Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2014. 608 S., geb., 29,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 25.10.2014
Höllenküche
Ein unheimlicher Heimatroman aus New York:
Thomas Pynchons „Bleeding Edge“
VON WILLI WINKLER
Maxine Tarnow, das muss erklärt werden, ist eine ZBE, eine Zertifizierte Betrugsermittlerin, was weit schlechter klingt, als es ist, denn sie recherchiert als weiblicher Philip Marlowe und ist noch mehr als der archetypische Humphrey Bogart bereit, notfalls auch etwas außerhalb der Legalität zu ermitteln. Barbarella und Lara Croft sind entfernte Verwandte, doch auch Maxine kann eine sexuelle Freibeuterin sein und findet Männer beispielsweise besonders attraktiv, wenn sie sich bereits als Folterknechte in Lateinamerika bewährt haben. Ihr noch nicht geschiedener Mann heißt Horst Loeffler, und weil er aus dem Mittleren Westen stammt, ist er zwar kein richtiger Deutscher, verfügt aber bestenfalls über die „Sensibilität eines Getreideaufzugs“.
  Obwohl sie das Haus nur in Begleitung ihrer verlässlichen Beretta verlässt, ist Maxine eine treue Bush-Feindin – der Roman spielt im ersten Amtsjahr von George W. –, lebt deshalb in New York auf der „Yuppie West Side“, in der Gegend links vom Central Park, in der sich nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem jüdische Emigranten aus Europa ansiedelten, wo Uwe Johnson und John Lennon wohnten und „Rosemary’s Baby“ gedreht wurde.
  Maxine erhält den Auftrag, sich um hashslingrz.com zu kümmern, eine IT-Firma, über die mehr als finanzielle Unregelmäßigkeiten behauptet werden. Dahinter steckt Gabriel Ice, ein Dotcom-Tycoon, der nicht bloß spekuliert, sondern das ergaunerte Kapital für Terroristen umleitet und das womöglich mit allerhöchstem geheim-dienstlichen Segen – das leib- und geldhaftige Böse mitten unter uns.
  Manchmal segelt Thomas Pynchons Roman „Bleedings Edge“ nur hart diesseits der Verschwörungstheoretiker, die genau wissen, dass der Angriff auf das World Trade Center doch nur eine Inszenierung der ölreichen Bush-Familie war. Aber die große Verschwörung hilft in der postreligiösen Zeit weiter, zum mindesten erklärt sie die Welt und ihre Rätsel, gibt ihr den Sinn und Verstand, den sie sonst so schmerzlich vermissen lässt, die wahre Theodizee des 20. Jahrhunderts.
  Es ist inzwischen guter Brauch unter Banausen, Pynchon, dem größten Erfinder der Jetztzeit, vorzuhalten, dass er nicht mehr so gut erfinde wie noch vor vierzig oder fünfzig Jahren. Kaum erscheint ein neuer Roman, teilt sich der Adressatenkreis bei den Rezensenten in Proselytenmacher, die vergeblich ihre Begeisterung mitzuteilen suchen, und jene anderen, die ihr Unverständnis mit Mäkeleien tarnen: dass es wieder nicht der große Wurf sei, dass das schon wieder keine richtige Geschichte mit richtigen Charakteren und einer richtigen Handlung geworden sei, endend mit dem verständnislosen Stöhnen: Wath tholl dath denn thein?
  Aber echt, müssen die Figuren wirklich Vyrva McElmo und Felix Boïngueaux heißen? Was soll eine Band mit Namen „Nazi Vegetable“ oder eine „Dean Martin der Dissonanz“? Überhaupt: Muss dieses zeitgenössische Musik- und Kulturschrottgut wirklich mit solch kapillarer Gründlichkeit reproduziert werden, dass der DJ auf einer Kreuzfahrt für Borderliner alle paar Minuten Madonnas Hymne auflegt, in die die bipolaren Passagiere einfallen? Und wo wir schon dabei sind: Kann es wirklich sein, dass spätnachts im Fernseher eine apokryphe Version des „Don Giovanni“ mit Groucho Marx in der Titelrolle läuft? Kann nicht sein, gibt es aber Gott sei Dank beim Großen Pynchon.
  Es muss doch wieder einmal gesagt werden, dass Pynchon mit seiner Virtuosität turmhoch über allem steht, was unter Gegenwartsliteratur kreucht und läuft. „Während der Himmel über Jersey in Rottönen erstrahlt, der Heimservice-Fahrradverkehr in der Nachbarschaft seinem Höhepunkt entgegenstrebt, in allen Bäumen der Stadt Vogeldialoge erklingen, die mit dem Aufflammen der Straßenlaternen ein Crescendo erreichen, und die Kondensstreifen der Abendmaschinen leuchtend über der Stadt hängen“, könnte ein anheimelnder Party-Abend beginnen, was er auch wird (Motto: 1999, also Milleniumsabschied), ginge nicht wenige Tage später eine Welt unter, und nicht nur jene der Dotcom-Blase, die sich da in SoHo ein letztes Mal in Neonfarben und einem unbegreiflichen Jargon feiert. Auf der Heimfahrt kommt aus dem Radio im Taxi lautes Arabisch, noch eine Party, „nur ohne Musik und Gelächter. Die Emotionen schlagen hoch, tendieren aber zu Tränen oder Wut.“ Maxine versteht davon nur ein Wort, „Inschallah“, das ihr der Fahrer, ein Herr namens Mohammed Soundso, bereitwillig übersetzt: „Wenn Gott will“.
  Es kann also nur ganz schlimm und noch viel schlimmer werden. Ein befreundeter Dokumentarfilmer hat merkwürdig aussehende Gestalten beobachtet, die mit einer Stinger-Rakete auf dem Dach operieren und auf anfliegende Flugzeuge zielen, die Verkaufsangebote für die Aktien von United und American Airlines schießen in die Höhe, und kann es nicht sein, dass sich die CIA und überhaupt der ganze militärisch-industrielle Komplex dschihadistisch tarnt, um ihre übergesetzliche Macht noch weiter auszudehnen?
  Pynchons Drang, alles, was er aufbaut, sofort mit einem Witz wegzuballern und also auf gar keinen Fall eine zusammenhängende, halbwegs nutzerorientierte Geschichte zu erzählen, kostet diesen Weltmeister der unernsten Tragödie Jahr für Jahr den Nobelpreis. Selbst die heiligste Sache im Thomas-Pynchon-Kosmos, die Paranoia, wird ironisiert: „Paranoia ist der Knoblauch in der Küche des Lebens – man kann nie genug davon haben.“
  Lang bevor Bill Gates in seinem Schuhkarton an ersten Programm-Synapsen bastelte, saß in der kleinen Stadt Ithaca weit oben im Staat New York ein Student an seinem Schreibtisch und begann, die Welt zu enträtseln. Was weiß man von ihm? Dass er zur See gefahren war und erst auf Ingenieur und dann Literaturwissenschaften studiert hatte, bei Vladimir Nabokov sogar, der sich nicht an ihn erinnern wollte. Und dass er verschiedene Angebote in New York ausschlug und stattdessen als Redakteur einer Firmenzeitschrift nach Seattle zu den Boeing-Werken ging, die er mit einem Kopf voller Romane verließ.
  Im Schatten der Atombombe und, als ereignete sich nicht die Große Kulturrevolution, entstanden die aufklärerischen Dunkelmännerwerke „V.“ (1963) und „Gravity’s Rainbow“ (1973), und nach Jahrzehnten der Vorarbeit die historischen Abenteuerromane „Mason & Dixon“ (1997) und „Against the Day“ (2006). Epen aus dem beschädigten Leben, verbunden mit dem Bemühen, die Welt aus den Stücken, in die sie zerfallen ist, neu zu erschaffen.
  Maxine Tarnow, besorgte Mutter und zugleich eine Heroine mit der Knarre, die nicht davor zurückschreckt, im Stripclub an der Stange zu tanzen, um bei ihren Recherchen weiterzukommen, ist eine jüngere Schwester von Oedipa Maas aus der „Versteigerung von Nr. 49“ (1966), dem kleinen Roman, in dem sich der damals in Kalifornien untergetauchte Pynchon ein geheimes Netzwerk mit einer Nebensonderunterwelt ausgemalt hat. Was einmal (wie der PC) die Hoffnung der Gegenkultur sein sollte, ist ein weiteres Herrschaftsinstrument über alles geworden. „Das Internet ist aus Sünde geboren“, sagt Maxines Vater in patriarchaler Resignation, „und während es gewachsen ist, hat es nie aufgehört, diesen bitterkalten Todeswunsch für den Planeten im Herzen zu tragen.“
  Der mittlerweile 77-jährige Pynchon ist aber zum Glück als Kulturkritiker nur mäßig begabt und eher im Referenzsystem der „Simpsons“ zu Hause, ein ewiger Adoleszent, sträflich unerwachsen, immer bereit, für einen Witz den furchtbaren Ernst aus den Schwerthemen Datenklau, Totalüberwachung, Spätkapitalismus und Terrorismus herauszulassen.
  „Bleeding Edge“ ist alles und nichts, oder jedenfalls nicht der 9/11-Roman, nicht das NSA-Epos, schon gar nicht der Große Amerikanische Roman, den seit John Dos Passos doch keiner mehr geschrieben hat. Nein, „Bleeding Edge“ ist ein New-York-Roman, fast ein Heimatroman, wie es schon Salingers „Fänger im Roggen“ war. Pynchons New York ist das der bekannten geschupften Hühner und nerdigen Kerle, die das mittlere Werk von Woody Allen bevölkern, dazu kommen absurde russische Gangster, wenig plausible Mossad-Agenten, eine linksradikale Bloggerin, die sich im Untergrund immer neue Wlan-Zapfstellen suchen muss. Das gigantische, das 9/11-New York braust irgendwo draußen, mit dem Dreck auf der Straße, dem Verkehrslärm, dem disneyfizierten Times Square.
  Als „Bleeding Edge“ wird eine Technologie bezeichnet, die noch recht neu ist und ungeprüft, „kein erwiesener Nutzen, hohes Risiko“. Das oder auch die „Klapsmühle mit Hausaufgaben“ ist die Bauchbindenformel, auf die sich dieser Roman bringen lässt. Er macht niemanden zu einem besseren oder auch nur klügeren Menschen, aber wer ihn liest, läuft Gefahr, sich weit über seinem Niveau zu amüsieren, manchmal auch knapp drunter. Mehr kann man, beim Hl. Marcel Proust, von einem Buch nicht verlangen.
                        
Thomas Pynchon: Bleeding Edge. Roman. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Rowohlt, Reinbek 2014. 608 S., 29,95 Euro. E-Book 25,99 Euro.
Lange vor Bill Gates
begann der junge Pynchon,
die Welt zu enträtseln
Die Bauchbindenformel
für den Roman müsste lauten:
Klapsmühle mit Hausaufgaben
Manchmal segelt der Roman hart diesseits der Paranoiker,
die wissen wollen, dass der Angriff auf das World Trade Center nur eine Inszenierung war.
Foto: Aaron MILESTONE/AFP PHOTO
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9/11 ist jene Singularität, zu der das Universum aller paranoider Geschichtstheorien für einen Moment zusammenschnurrte, bevor es wieder endlos expandierte, und mithin ein ideales, zwingendes Thema für einen Pynchon-Roman. Michael Chabon