April - Klüssendorf, Angelika
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»Klüssendorfs Mädchen ist eine Heldin unserer Zeit« (Die Zeit) - und nun wird es erwachsen. Die Kindheit ist vorüber, aber erlöst ist das Mädchen deshalb noch lange nicht. Nach ihrem hochgelobten Roman »Das Mädchen« schreibt Angelika Klüssendorf die Geschichte ihrer jungen Heldin fort. Ihr Weg führt aus einer Jugend ohne Jugend in ein eigenes Leben - das den Umständen abgetrotzt werden muss. Am Anfang stehen ein Koffer mit ihren spärlichen Habseligkeiten und ein Zimmer zur Untermiete. Das Mädchen, das sich mittlerweile April nennt - nach dem Song von Deep Purple -, hat die Zeit im Heim hinter…mehr

Produktbeschreibung
»Klüssendorfs Mädchen ist eine Heldin unserer Zeit« (Die Zeit) - und nun wird es erwachsen. Die Kindheit ist vorüber, aber erlöst ist das Mädchen deshalb noch lange nicht. Nach ihrem hochgelobten Roman »Das Mädchen« schreibt Angelika Klüssendorf die Geschichte ihrer jungen Heldin fort. Ihr Weg führt aus einer Jugend ohne Jugend in ein eigenes Leben - das den Umständen abgetrotzt werden muss. Am Anfang stehen ein Koffer mit ihren spärlichen Habseligkeiten und ein Zimmer zur Untermiete. Das Mädchen, das sich mittlerweile April nennt - nach dem Song von Deep Purple -, hat die Zeit im Heim hinter sich, die Ausbildung abgebrochen und eine Arbeit als Bürohilfskraft zugewiesen bekommen. Zwischen alten Freunden und neuen Bekannten versucht sie sich im Leipzig der späten 70er-Jahre zurechtzufinden, stößt dabei oft an ihre eigenen Grenzen und überschreitet lustvoll alle, die ihr gesetzt werden, am Ende mit ihrer Ausreise auch die zwischen den beiden Deutschlands. Aber jedem Ausbruch folgt ein Rückfall, jedem Glücksmoment eine Zerstörung, jedem Rausch die Ernüchterung. Und immer ist da die Frage nach den Kindheitsmustern, der Prägung durch die verantwortungslose Mutter und den alkoholkranken Vater. Angelika Klüssendorf ist ein weiteres Meisterwerk gelungen. Ohne Pathos, nüchtern und souverän erzählt sie von einem Weg aus der scheinbar ausweglosen Vergangenheit - mit psychologischem Feingefühl und klarem Blick für die gesellschaftlichen Zustände. Es entsteht ein Doppeltes: ein erschütternder Adoleszenzroman und ein nüchternes Porträt der sozialen Zustände im untergegangenen real existierenden Sozialismus - und im West-Berlin der frühen 80er-Jahre.
  • Produktdetails
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • Seitenzahl: 224
  • Erscheinungstermin: 13. Februar 2014
  • Deutsch
  • Abmessung: 209mm x 134mm x 22mm
  • Gewicht: 345g
  • ISBN-13: 9783462046144
  • ISBN-10: 3462046144
  • Artikelnr.: 39998999
Autorenporträt
Angelika Klüssendorf, geboren 1958 in Ahrensburg, lebte von 1961 bis zu ihrer Übersiedlung 1985 in Leipzig; heute lebt sie in der Nähe von Berlin. Sie veröffentlichte unter anderem die Erzählungen »Sehnsüchte« und »Anfall von Glück«, den Roman »Alle leben so«, die Erzählungsbände »Aus allen Himmeln« und »Amateure«.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Lohnt, die Lektüre, hat aber zerfasernde, wenig suggestiv wirkende Momente, meint Rainer Moritz zu Angelika Klüssendorfs neuem Roman, in dem die Moritz bereits bekannte Heldin zwar älter und reifer geworden ist, jedoch weiterhin als "scheues Wesen" ihre Umgebung erkundet. Moritz, der im Buch viel Autobiografisches vermutet, freut sich an der stilistischen Reife der Sprache, am spröden Ton, auch wenn es ihm der Text in seiner Unerbittlichkeit und Freudlosigkeit mitunter recht schwer macht.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 11.03.2014
Ausbürgerung in einen Lampenladen
„April“: Angelika Klüssendorf folgt der unsentimentalen Heldin ihres autobiografischen Bildungsromans „Das Mädchen“ in eine neue Freiheit
April ist bekanntlich der grausamste Monat, der mit Frost und Sonne anstrengt und die Knospen aufbrechen lässt. „April“ ist ein Lied von Deep Purple und nun der Name, den sich das „Mädchen“ selbst gegeben hat, das bewundernde Leser vor zwei Jahren in einem schlanken, schonungslosen Roman Angelika Klüssendorfs kennenlernten, der diesen Titel trug: „Das Mädchen“. Er beschrieb die Pubertät einer Jugendlichen zwischen zwölf und siebzehn Jahren in der Provinz der DDR während der Siebzigerjahre. Der Rang dieses Romans erwies sich darin, dass die sozialistisch-paternalistischen Schauplätze – unter anderen ein Erziehungsheim – zwar gestochen scharf ins Bild kamen, aber nicht zu Ursachen eines Unglücks erklärt wurden, das privater und allgemeiner zugleich ist, nämlich eine durch Alkohol und Gewalt verwahrloste Familienkonstellation.
  Der verletzliche Sarkasmus im „Mädchen“ zeigte die Grenzen dessen, was Gesellschaft als Instanz – sei sie bürgerlich oder autoritär – selbst bei guten Absichten leisten kann, wenn ein Mensch schon in seinen ersten Bezügen gestört aufwachsen muss. Die Selbsttaufe von „April“ im jetzt folgenden Roman, der das Leben des Mädchens vom achtzehnten Lebensjahr an zu Wort kommen lässt, ist symptomatisch: Das aus dem Heim entlassene Kind, das volljährig wird und sich ins Arbeitsleben einfügen soll, hat keine Eltern, keine Familie. Die junge Frau ist stark und schwach zugleich, hart und schutzlos, auf sich gestellt und unfähig, allein zu sein, liebebedürftig und böse.
  Wenn sie von ihren Gefühlen überwältigt zu werden droht, stellt sie sich vor, ihr Gegenüber in Einzelteile zu zerlegen und behält so die Fassung. Bringt ihr jemand Freundschaft und Zuneigung entgegen, muss sie schnell alles wieder kaputt machen. Die Verbindung von Unerreichbarkeit und Verletzlichkeit ist der seelische Grundriss, der nach der Vorgeschichte im „Mädchen“ traurig plausibel erscheint: „Ich halte es nicht aus, wenn es mir gut geht, ich traue dem nicht.“
  Der Roman verliert sich nicht selbstmitleidig in dieser Konstellation, sondern ergreift sie als Wahrnehmungschance. April hat den bösen Blick, auf sich selbst und auf ihre Umwelt. Das Mädchen soll im „Starkstromanlagenbau Leipzig-Halle“ arbeiten, doch in der Leuchtschrift über dem Eingang fehlt das große H: Es heißt nun „Leipzig – alle“, das Manko wird zur Übertreibung. Dass es hier nichts werden kann mit April, ist damit schon klar. Sie ist rücksichtlos zur Zimmerwirtin, zu Kollegen, zu besten Freunden. Klauen ist keine Folge von Not, sondern ein schäbiger Selbstzweck.
  Die Stationen der nächsten sieben oder acht Jahre führen April über eine psychiatrische Anstalt, aus der sie in einen therapeutischen Museumsjob gelangt, zu einem zaghaften persönlichen Auftauen mit Freundschaften und ersten Liebesversuchen; Schwangerschaft und Mutterwerden unterlaufen ihr fast beiläufig; die Fähigkeit, sich durch Lesen und Träumen aus dem Moment herauszuziehen, bleibt ihr ebenso erhalten wie die Sperrigkeit bei dauernden Beziehungen.
  Ihr Bildungsroman besteht erst einmal darin, dass sie beginnt, sich selbst zu durchschauen. Besser wird sie nicht. Derweil werden ihr Staunen und ihre Beobachtungsgabe zu einem großen Spaß für den Leser. April lernt einen Journalisten aus München kennen, „der geradezu hingerissen ist von den vermüllten Straßen, dem Dreck, der Wäsche vor den Fenstern“. „Das ist wie in Venedig, ruft er und wirft vor Begeisterung die Arme in die Luft. Venedig hat sie sich ganz anders vorgestellt. Alles ist so echt, sagt er, unverfälscht und einfach, Kaffee und Bockwurst, eure Gastfreundschaft; man hat das Gefühl, in eine Wirklichkeit einzutauchen wie sonst nur noch bei den Russen.“ Als April dann mit Freund und Kind in den Westen kommt – der Entschluss zum Ausreiseantrag folgt nach einer harmlosen politischen Kerzenaktion, die jedoch drakonisch bestraft wird, mit so existenzieller Beiläufigkeit wie alles in diesem Leben –, hat sie das Gefühl, „einen riesigen Lampenladen betreten zu haben, das grelle Licht schmerzt in ihren Augen“.
  In solchen Momenten wird das Buch zu einem Zeitbild. Die neue Freiheit kommt der jungen Familie mit einem langen Laufzettel für Behördengänge entgegen. „April wünscht sich das schmale grüne Büchlein zurück, in dem ihr bisheriges Leben verzeichnet war: Schule, Ausbildung, Krankheiten. Später wäre dort ihre Rente eingetragen worden und ihr Sterbedatum.“ Es ist jedenfalls nicht das Ausmaß an Bürokratie, das Ost und West unterscheidet. Dass die Geschichte des Menschen April eine Wendung ins Bessere nimmt, dafür bürgt nur die einfache schöne Sprache des Buches: „Sie sieht durch das Abteilfenster zerklüftete Berge an sich vorbeiziehen, Bäume mit Laub aus rostigem Gold, Fichten auf schiefergrau glänzenden Hängen, dazwischen kleine Gehöfte, das Wort Heimat kommt ihr in den Sinn.“
  Am Ende steht, etwas konventionell, eine Italienreise und die Aussicht auf ein Literaturstipendium. „Rippchen“ wird das Mädchen von seinen Freunden eigentlich genannt, weil es so dürr ist, am Ende sagt es von sich selbst: „Seht ihr, euer Rippchen versteht es zu leben“, was an dieser Stelle immer noch wie Selbsttäuschung klingt; immerhin hat es für einen Moment einen Namen akzeptiert, den ihm andere gegeben haben.
GUSTAV SEIBT
  
Angelika Klüssendorf: April. Roman. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2014. 224 Seiten, 18,99 Euro, E-Book 16,99 Euro.
Dass sich die Geschichte
zum Besseren wendet, liegt
vor allem an der Sprache
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»Mit April ist Angelika Klüssendorf ein kleines Meisterwerk gelungen.«