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Über welche Möglichkeiten verfügt unter den gegenwärtigen Bedingungen ein Schriftsteller zum Eingreifen in den Lauf der Dinge? Ein mit allen literarischen Traditionen vertrauter Volker Braun bedient sich der bewährten Prosaformen, um diesem Zweck näherzukommen: Aphorismen, Dialogfetzen, Zitaten. In seiner Werkstatt entstehen Träume, Rätselhaftes, eigensinnige Wahrheiten, Beobachtungen zum schreibenden und fühlenden Ich und zur Welt.
Solche handstreichartigen Überfälle erfolgen in der Schelmenperspektive: Der Schelm gründet sein Denken und Handeln auf den plebejischen Umgang mit den Dingen,
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Produktbeschreibung
Über welche Möglichkeiten verfügt unter den gegenwärtigen Bedingungen ein Schriftsteller zum Eingreifen in den Lauf der Dinge? Ein mit allen literarischen Traditionen vertrauter Volker Braun bedient sich der bewährten Prosaformen, um diesem Zweck näherzukommen: Aphorismen, Dialogfetzen, Zitaten. In seiner Werkstatt entstehen Träume, Rätselhaftes, eigensinnige Wahrheiten, Beobachtungen zum schreibenden und fühlenden Ich und zur Welt.

Solche handstreichartigen Überfälle erfolgen in der Schelmenperspektive: Der Schelm gründet sein Denken und Handeln auf den plebejischen Umgang mit den Dingen, ungehobelte Einsprüche, Angriffe und Verteidigungen, Burlesken, Handgriffe, Fingerzeige, Rippenstöße.


Dieser Download kann aus rechtlichen Gründen nur mit Rechnungsadresse in A, D ausgeliefert werden.

  • Produktdetails
  • Verlag: Suhrkamp Verlag AG
  • Seitenzahl: 112
  • Erscheinungstermin: 09.04.2019
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783518761090
  • Artikelnr.: 54402105
Autorenporträt
Volker Braun, 1939 in Dresden geboren, arbeitete in einer Druckerei in Dresden, als Tiefbauarbeiter im Kombinat Schwarze Pumpe und absolvierte einen Facharbeiterlehrgang im Tagebau Burghammer. Nach seinem anschließenden Philosophiestudium in Leipzig wurde er Dramaturg am Berliner Ensemble. 1983 wurde Volker Braun Mitglied der Akademie der Künste der DDR, 1993 der (gesamtdeutschen) Akademie der Künste in Berlin. 1996 erfolgte die Aufnahme in die Sächsische Akademie der Künste und in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung. Im Wintersemester 1999/2000 erhielt er die Brüder-Grimm-Professur an der Universität Kassel. Von 2006 bis 2010 war Volker Braun Direktor der Sektion Literatur der Akademie der Künste. Er erhielt zahlreiche Preise, u.a. den Georg-Büchner-Preis im Jahr 2000. Volker Braun lebt heute in Berlin.

Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 07.05.2019

Dieses Leben muss man verprassen

Ohne Hoffnung, aber nicht aus Prinzip: Zum 80. Geburtstag von Volker Braun erscheint ein Band mit Aphorismen, Dialogen und Traumprotokollen.

Es gibt Beispiele für die Wirkungsmacht von Literatur, die den jeweiligen Autoren vermutlich alles andere als recht sind. Ein solcher Fall, auch wenn er erst später davon erfuhr, war schon Mitte der siebziger Jahre Volker Braun. Im Jahr 1975 veröffentlichte die Zeitschrift "Sinn und Form" seine Novelle "Unvollendete Geschichte", zwei Jahre später erschien sie im Westen als Buch bei Suhrkamp. Die Geschichte von der Funktionärstochter Karin, deren persönliche Glücksansprüche sie in einen Loyalitätskonflikt mit dem Staat DDR bringen, dessen Kind und gläubige Anhängerin sie ist, beruht auf einem authentischen Fall, der Braun von einer jungen Frau erzählt wurde, die sich später selbst als IM herausstellte. Sie ist aber auch ein Spiegelbild des Loyalitätskonflikts, den ihr Autor spätestens seit der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 mit seinem Staat hatte, noch über dessen Untergang hinaus.

Neun Stasioffiziere und zweiunddreißig inoffizielle beziehungsweise "gesellschaftliche" Mitarbeiter beschäftigten sich seit 1975 mit dem Dramatiker, Lyriker und Erzähler Volker Braun. Der war qua Biographie eigentlich der Wunschkandidat für einen Schriftsteller, wie die SED ihn sich vorstellte: mit "Erfahrungen in der Produktion" (Gaskombinat Schwarze Pumpe), seit 1960 Parteimitglied und dazu im Unterschied zu manchem seiner Kollegen mit einem großen und reichhaltigen Talent als Lyriker, Dramatiker und Erzähler gesegnet. Die "Unvollendete Geschichte" liest sich noch heute in ihrem atemlosen Tempo und ihrem sprachlichen Zugriff, als habe der wiedergeborene Kleist sie geschrieben.

Braun, der in den sechziger Jahren auf Einladung Helene Weigels zwei Jahre als Dramaturg am Berliner Ensemble arbeitete, verstand sich als politischer Autor in der Nachfolge Brechts. Das musste zwangsläufig den Argwohn seines Staates und der Partei hervorrufen, deren Mitglied er war. Gleichzeitig hatte dieser Staat, wie später zu erfahren war, eine panische Angst, dieses Aushängeschild eines sozialistischen und zugleich talentierten Autors könne in den Westen gehen. Nicht zuletzt, um das zu verhindern, kümmerte sich die Staatssicherheit so umfassend und fürsorglich um ihn.

Volker Braun ist nicht in den Westen gegangen, nicht einmal dann, als es seinen Staat nicht mehr gab. Unter dem Datum 1. Juli 1990, dem Tag der zweiten Währungsreform, findet sich in seinem Arbeitsbuch ("Werktage 2") stattdessen das Gedicht, das vermutlich sein berühmtestes bleiben wird: "da bin ich noch: mein land geht in den westen. / KRIEG DEN HÜTTEN FRIEDE DEN PALÄSTEN" - so beginnt es. Brauns Lesart der frühen Jahre nach der sogenannten Wende, die sich in diesem Arbeitsbuch spiegelt, folgt dem bis heute beliebten ostdeutschen Narrativ der westdeutschen Kolonialisierung des Ostens. "die vereinigung der deutschen gleicht einem überfall hier, einer landflucht da. Man sieht die bullige geste / die geduckte gier." Dabei wird unterschlagen, von welcher Seite, kaum war die Mauer geöffnet, die Parolen "Wir sind ein Volk" und "Deutschland, einig Vaterland" gerufen wurden, die so wenig realen Boden hatten wie Willy Brandts Hoffnung, dass nun zusammenwachse, was zusammengehöre.

Hoffnung aber ist das Stichwort, von dem her Volker Brauns Werk zu lesen ist, bis in die jüngst veröffentlichten Notate mit dem Titel "Handstreiche", eine Sammlung von Aphorismen, Dialogen, Traumprotokollen und anderen Fragmenten. Hoffnung und die immer wieder durchscheinende Bitterkeit darüber, dass sie vielfach enttäuscht wurde, in seinem Staat und auch nach dessen Ende. "Was denn für ein Hunger?", lesen wir. "Wir hatten andere Appetite, als man mit einer Banane abspeist."

Das wehrt sich gegen das Klischee der D-Mark- und Konsumgierigen, und das natürlich zu Recht, soweit bestimmte Fraktionen der Revolte von 1989 gemeint sind, etwa jene, die wie Braun auch zu den Erstunterzeichnern des Aufrufs "Für unser Land" gehörten. Dort wurde um die Chance gerungen, "in gleichberechtigter Nachbarschaft zu den Staaten Europas eine sozialistische Alternative zur Bundesrepublik zu entwickeln". Dies war aber offenbar nicht der Impuls der "Massen". Ihre Hoffnungen, wenn auch von vornherein illusionär, richteten sich auf die Möglichkeiten des gelobten Landes und riefen in der Tat jene Landflucht hervor, von der oben die Rede war, so dass Braun im Rückblick jetzt nur notieren kann: "In Wendezeiten zeigt sich der Gerade."

Das mag im ersten Moment überheblich klingen, ist aber nur die veredelte Form jener Notate etwas später, in denen Braun seine Autobiographie in vier Sätzen auf den Punkt bringt: "Auch das Leben, erlebten wir, kann entwertet werden. Hätten wir es ausgegeben, verprasst!" Und weiter: "Gewiss, wir haben es verjubelt, und klagen es nun nicht ein. Aber beschämend ist, dass es das Unsere war."

Die neuen Verhältnisse können es ihm nicht zurückgeben. So sehr er die Widersprüche seines verlorenen Landes gelebt und formuliert hat, so sehr kommt ihm seine sprachliche Sensibilität bei der Erfassung der neuen Wirklichkeiten zugute: ",Bäume weichen Gewerbegebiet.' Nicht direkt, sie weichen nicht zurück, sie haun nicht ab, sie werden abgehauen." Chapeau!

Das zentrale Motiv im Werk von Volker Braun, der heute achtzig Jahre alt wird, war von Anfang an der Glücksanspruch des Einzelnen, der mit den Forderungen der Gesellschaft, selbst wenn man diese anerkennt, in Konflikt gerät. In den "Handstreichen" hat er dafür vielleicht die endgültige Formulierung gefunden: "Sich üben, ein Mensch zu sein. Nur ist die Frage seit 5000 Jahren, soll es der Einzelne tun oder die Gesellschaft? Allein bist du wohl kein Mensch, in der Masse bleibst du es nicht. Übungen an Geräten, die groß wie Staaten sind; aber diese gerade verfehlen den Zweck."

"Man kann ohne Hoffnung leben, aber nicht aus Prinzip", schreibt Braun in deutlicher Anspielung auf Bloch. Man kann aber, wäre dem zu entgegnen, auch die Hoffnung nicht als Prinzip leben. Gegen Ende der Notate scheint davon eine Ahnung durch in der großartigen Formel: "Aus den Kieseln der Erkenntnis das Massiv des Irrtums."

JOCHEN SCHIMMANG

Volker Braun: "Handstreiche". Aphorismen.

Suhrkamp Verlag, Berlin 2019. 91 S., geb., 18,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Zu Volker Brauns achtzigstem Geburtstag liegt dieser Band mit Aphorismen, Dialogen und Traumprotokollen vor, freut sich der hier rezensierende Jochen Schimmang, für den Braun spätestens seit dessen "Unvollendeter Geschichte" der "wiedergeborene Kleist" ist. "Hoffnung und Bitterkeit" über die Wendezeit erkennt der Kritiker in den Sentenzen des Dichters, der hier die Treuhand ebenso wie seine einstige Heimat, die DDR, kritisiert, an den neuen Verhältnissen leidet, diese aber mit äußerster "Sensibilität" beschreibt, staunt der Rezensent. 

© Perlentaucher Medien GmbH
" ... diese 'Rippenstöße' haben allemal das Zeug und die Originalität, zum Begrübeln der Zeit(en) zu verleiten."
Roland Gutsch, Nordkurier 15.04.2019

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 07.05.2019

Harte Fügung
An diesem Dienstag wird Volker Braun achtzig. Zum Geburtstag
erscheinen aphoristische „Handstreiche“ und eine Auswahl seiner Essays
VON HELMUT BÖTTIGER
Volker Braun hat mit „Das Eigentum“ das bleibende Gedicht zur Wende in Ostdeutschland geschrieben, Anfang der Neunzigerjahre: die Zeile „mein Eigentum, jetzt habt ihrs auf der Kralle“ charakterisiert die Tätigkeit der Treuhandanstalt und ihre fatalen Folgen auf ewig zitierbare Weise. Braun war beileibe kein „Wendehals“, aber ebenso wenig ein sturer ideologischer Parteigänger. Zu seinem 80. Geburtstag sind zwei Bücher erschienen, die das Eigenständige dieses Schriftstellers umkreisen: Der schmale Band „Handstreiche“ mit aphoristischen Sentenzen pointiert bereits im Titel Brauns typische Verbindung von politischem und literarischem Eingreifen, und die Sammlung „Verlagerung des geheimen Punkts“ mit Schriften und Reden aus mehreren Jahrzehnten dokumentiert die Entwicklung dieses Autors vom kritischen, ungeduldigen DDR-Schriftsteller zum bissig-sarkastischen Kapitalismus-Kommentator.
Was Braun trotz vieler undogmatischer, lebenszugewandter Gemeinsamkeiten von seinen linken westdeutschen Pendants grundsätzlich unterscheidet, ist ein anderer sprachlicher Duktus, ein anderer Erfahrungshintergrund. Deutlich wird das 1997 in seiner kurzen Vorstellung als neues Mitglied der Darmstädter „Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung“, die das essayistische Buch programmatisch eröffnet. Braun definiert sich als Teil der „Sächsischen Dichterschule“ in der DDR und nennt als ersten Lehrer Brecht. Wesentlich sind aber auch die „Toten“, mit denen man sich „beriet“, die „die Worte genau und hart fügten, Klopstock, Hölderlin, Büchner“. Der aufklärerische Klopstock fällt dabei besonders auf, mit ihm flicht Braun mehrmals auch seinem Kollegen und „Bruder“ Karl Mickel Kränze. Gefeiert wird der große nordostdeutsche Protestant Klopstock als politischer Dichter, als Anhänger der französischen Revolution, der aber gleichzeitig deren extremistischen Auswüchse geißelte. Und auch, wenn Klopstocks Beschränkung auf das „elementar Gedankliche“ ihn manchmal sogar als „Urahn des Agitprop“ erscheinen und zwiespältig werden lässt, bleiben seine genauen und harten Fügungen das Stilideal.
Das ist etwas anderes als die „Neue Subjektivität“, die parallel im Westen Furore feierte, die privaten Empfindungen als Gegengewicht zum entpersönlichten Vokabular der Politik. Braun setzt rigoros auf das große Ganze, auf die Schärfung der Begrifflichkeit, hier gibt es keinen Rückzug. Wichtig ist die Berufung auf eine „Gelehrtenrepublik“, es geht um die „Aneignung und Weitergabe der belebenden und lastenden Tradition“. Auch dabei gibt es Lust und Ironie, aber das ist etwas völlig anderes, etwas Schwereres als der verspielte Gegenwarts-Hedonismus der Nach-68er-Linken im Westen – zu dem es in den Neunzigerjahren zum Beispiel auch gehörte, dass Redakteure liberaler Tageszeitungen kurzweilige Kolumnen über den aktuellen Börsenkurs ihrer Aktien schrieben. Für Volker Braun, mit seinen sozialistischen Erdungen, war so etwas unvorstellbar. Hier etwas Schwebendes, oft Zynisches und Uneigentliches, dort das Pochen und Hämmern der Aufklärung, mitunter auch mit den Schaufelbaggerrädern des Braunkohletagebaus. Brauns Ironie, sein Sarkasmus waren deshalb immer härter und schwärzer.
Ich und Staat waren bei Braun nie getrennt, er dachte beides zusammen. Vielleicht war das auch der Grund, warum er in den Neunzigerjahren die Frankfurter Allgemeine Zeitung als das neue Neue Deutschland begriff. Mit seinem Gespür für das traditionelle Formenarsenal und für die klassische Metrik stieß Braun auch auf verstärktes Interesse in konservativen akademischen Kreisen des Westens. Als virtuoser Meister der Dialektik kostete er diese Spannung ästhetisch aus: der Umgang mit „Widersprüchen“ war für ihn immer eines der wichtigsten Produktionsmittel.
Bis zum Ende der DDR setzte sich Braun ernsthaft und fordernd mit ihrem sozialistischen Anspruch und ihrer konkreten Realität auseinander. Auf faszinierende Weise zeigt sich das in seinem grandiosen Rimbaud-Essay, als Anfang der Achtzigerjahre Ideal und Wirklichkeit in der DDR immer weiter auseinanderklafften. Braun findet suggestive Worte für Rimbauds Revolte, für die Entfesselung der literarischen Formen. Und er weist nach, dass Rimbauds berühmte Formel „Das Ich ist ein anderer“ nichts mit einem postmodernen Vexierspiel zu tun hat, sondern dazu auffordert, im eigenen Ich nach den verborgenen Wünschen zu suchen, nach den Triebkräften, welche die bürgerlichen Konventionen sprengen. Es geht darum, „im Unbekannten anzukommen“.
Das Subversive dabei ist, dass Braun diese Analysen mit den Problemen der sozialistischen Gesellschaft verknüpft. Die Intentionen des Autors haben viel mit den Ideen der frühen, vorstalinistischen Sowjetunion zu tun, mit Aufbruch und Bewegung. Er kritisiert das erstarrte System der DDR. Es gelingt ihm sogar, den Namen Trotzki einzuschmuggeln, der für das Prozesshafte schlechthin steht, den Vorstellungen einer „permanenten Revolution“ gewinnt Braun sehr viel ab. Rimbauds Verstummen in der Wüste setzt er eine utopische Formel entgegen, Nerudas sinnlich-bewussten „Aufenthalt auf Erden“, und Braun definiert dabei die alte sozialistische Ästhetik neu: „Realismus. Er wird uns ins innerste Afrika führen.“
1989 scheinen die Utopien dieses Autors für einen kurzen historischen Moment eingelöst werden zu können. In der Wochenendausgabe des Neuen Deutschland vom 11. November, direkt nach dem Fall der Mauer, feiert er die „Erfahrung der Freiheit“, rechnet mit der „Selbstherrlichkeit des Systems“ der DDR ab und formuliert eine große Hoffnung: „Volkseigentum plus Demokratie“. Es ist spannend zu verfolgen, wie sich danach schrittweise eine Desillusionierung einstellt. Die Bewusstseinsstrukturen der DDR-Bevölkerung sind für Braun dabei weniger Thema als die Mechanismen des Kapitalismus: in der Rede zum Schiller-Gedächtnispreis des Landes Baden-Württemberg wird 1992 eine unüberbrückbare Kluft zwischen Ost und West benannt. Im selben Jahr, in einer „Adresse an das Cottbusser Theater“, fällt zum ersten Mal der Name der Treuhandanstalt.
Die „Verlagerung des geheimen Punkts“ (Braun greift hier ein großartiges Bild Goethes auf), diese Reflexionen und Selbstvergewisserungen über viele Jahre hinweg sind eine instruktive Lektüre, sie sind ein wichtiger Teil der jüngeren deutschen Literaturgeschichte. Wenn man Brauns bewegende Rede am Grab von Christa Wolf 2011 nachliest, wird deutlich bewusst, dass nach 1989 auch etwas verloren gegangen ist.
Des Autors „Handstreiche“ indes, sein zweites Buch in diesem Frühjahr, sind ein äußerst aktuelles Zeugnis und beileibe nicht nur ein Rückblick. Hier ist sein vertrackter, aufklärerisch-begrifflicher und zugleich die Fantasien freisetzender Ton auf kurze Sätze konzentriert. Die Verzweiflung, die in Brauns Büchnerpreisrede aus dem Jahr 2000 zum Thema wird, die Konfrontation mit Büchners „grässlichem Fatalismus der Geschichte“ kommt hier in einer assoziativen, wanderjahretauglicher Altersprosa daher, voll grimmiger Weisheit. Ein schmaler Band, mit dem sich der Autor auf adäquate Weise zum Geburtstag gratuliert: „Wer schreibt, handelt. Das kann ich nicht verharmlosen.“
Volker Braun: Verlagerung des geheimen Punkts. Schriften und Reden. Suhrkamp Verlag Berlin 2019. 319 Seiten, 28 Euro.
Volker Braun: Handstreiche. Suhrkamp Verlag, Berlin 2019. 91 Seiten, 18 Euro.
1989 erschienen die Utopien
dieses Autors für einen Moment
eingelöst werden zu können
In der Rede zum Schiller-Preis
1992 wird eine tiefe Kluft
zwischen Ost und West benannt
Wie entkommt man Georg Büchners „grässlichem Fatalismus der Geschichte“? Volker Braun.
Foto: picture alliance / dpa
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