1963 - 1965 - Böll, Heinrich
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Band 14 der Werkausgabe, herausgegeben von Jochen Schubert, umfasst essayistische Texte Bölls aus den Jahren 1963-1965. Sie veranschaulichen Bölls Reaktionen auf gesellschaftliche Entwicklungen und literarische Konstellationen. Darüber hinaus bietet der Band die Frankfurter Vorlesungen sowie die programmatische Erzählung Entfernung von der Truppe. Band 14 (1963 - 1965) enthält unter anderem:Briefe aus dem Rheinland · Antwort an Msgr. Erich Klausener · Briefe an einen Freund jenseits der Grenzen · Ich gehöre keiner Gruppe an · Gesinnung gibt es immer gratis · Frankfurter Vorlesungen ·…mehr

Produktbeschreibung
Band 14 der Werkausgabe, herausgegeben von Jochen Schubert, umfasst essayistische Texte Bölls aus den Jahren 1963-1965. Sie veranschaulichen Bölls Reaktionen auf gesellschaftliche Entwicklungen und literarische Konstellationen. Darüber hinaus bietet der Band die Frankfurter Vorlesungen sowie die programmatische Erzählung Entfernung von der Truppe.
Band 14 (1963 - 1965) enthält unter anderem:Briefe aus dem Rheinland · Antwort an Msgr. Erich Klausener · Briefe an einen Freund jenseits der Grenzen · Ich gehöre keiner Gruppe an · Gesinnung gibt es immer gratis · Frankfurter Vorlesungen · Entfernung von der Truppe · Stichworte · Über Jürgen Becker, "Felder" · Wort und Wörtlichkeit · Angst vor der "Gruppe 47" · Mauriac zum achtzigsten Geburtstag · Keine so schlechte Quelle · Heimat und keine · Raderberg, Raderthal · Inspektor Moll · Kommentar.
Alle Bände der Kölner Ausgabe
  • Produktdetails
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • Seitenzahl: 580
  • Erscheinungstermin: 24. Oktober 2002
  • Deutsch
  • Abmessung: 204mm x 144mm x 60mm
  • Gewicht: 900g
  • ISBN-13: 9783462031522
  • ISBN-10: 346203152X
  • Artikelnr.: 10784102
Autorenporträt
Als literarische Stimme schrieb Heinrich Böll (* Köln 1917, † Langenbroich 1985) gegen Doppelmoral in Staat und Kirche an, und er gilt als einer der wichtigsten Autoren einer Nachkriegsliteratur, die sich kritisch mit dem Nationalsozialismus und den Nachkriegsjahren auseinandersetzt. Der aus einfachen Verhältnissen stammende Böll studierte, wurde 1939 als Soldat eingezogen und geriet nach Kriegsende kurz in Gefangenschaft. Mit seiner Frau Annemarie zog er drei Söhne groß. "Haus ohne Hüter" (1954), "Das Brot der frühen Jahre" (1955), "Ansichten eines Clowns" (1963), "Gruppenbild mit Dame" (1971) oder "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" oder "Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann" (1974) seien als kleine Auswahl an Werken genannt - viele davon wurden verfilmt. Schon vor "Katharina Blum" kritisiert Böll scharf den Umgang der Boulevardpresse (vornehmlich "Axel Springer") mit der Wahrheit und den Menschen und wird wegen eines Textes zur RAF-Terroristin Ulrike Meinhof als "geistiger Sympathisant" der Terroristen verunglimpft. Böll fühlte sich deswegen von konservativen Kreisen vorsätzlich missverstanden. Er vertrat ab 1971 den Internationalen P.E.N.-Club als Präsident (bis 1974) und erhielt im Jahr 1972 den Nobelpreis für Literatur. Lange zuvor war er bereits mit dem Literaturpreis der "Gruppe 47" (1951) oder dem Georg-Büchner-Preis (1967) geehrt worden.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 08.03.2003

Passion im Schützengraben
Der Autor als Fußsoldat: Heinrich Böll in der Kölner Ausgabe

Man muß sich Heinrich Böll als Zwilling Ernst Jüngers vorstellen. Das Gedankenexperiment spielt im Winter 2017: In seinem Eifelhaus feiert der Kettenraucher seinen Hundertsten. Staatskarossen fahren in Langenbroich vor. Der Gesandte des Vatikans würdigt Bölls Einsatz für den Weltfrieden, Karl Heinz Bohrer bekennt als Festredner seine geheime Liebe zum "Irischen Tagebuch", und Heinrich-Böll-Preisträger Rainald Goetz zitiert jenen Abschnitt seines 1983 geschriebenen Romans "Irre", in welchem "Herr Be" noch als Anführer einer ältlichen "Peinsackparade" auftritt.

Erfolgreiche Wiederentdeckungen setzen immer die Verfremdung ihres Gegenstandes voraus. Im Falle Ernst Jüngers, zuvor als Gewaltverherrlicher abgestempelt, schuf das unwahrscheinliche Lebensalter des Autors die richtige Distanz für neugierige Beobachter. Daß eine gescheite Gesamtausgabe im Falle Bölls, als Friedensbringer des Deutschunterrichts verharmlost, einen vergleichbaren Einschnitt in der Rezeptionsgeschichte zeitigt, bleibt wohl ein Germanistentraum. Dennoch bieten bereits die ersten drei Bände der neuen Kölner Ausgabe in ihrem dunkelroten Leineneinband einen guten Abstandhalter zu jenen Taschenbüchern, denen der pädagogisch wertvolle Vorlesestoff bereits an den handkolorierten Titelbildern anzusehen war.

Immerhin teilt Heinrich Böll mit Ernst Jünger, den er im Lesehunger der Kriegsjahre ausgiebig las, das Schicksal, daß seine Haltung zum Krieg das literarische Werk ins Abseits stellte - auch wenn die Kritik bei Jünger einen Überschuß an Ästhetik ausmachte, während sie Böll ein Überangebot an guten Absichten vorwarf. Mit der Kölner Ausgabe will der Verlag die Fixierung auf den Moraldiskurs auflösen und Böll aufs Schlachtfeld der Literatur zurückholen. Bereits die frühe Veröffentlichung des elften Bandes, der Bölls erzähltechnisches Abenteuer "Billard um halb zehn" enthält, setzt ein Zeichen für die Zeichenhaftigkeit - selbst wenn die Geschichte der Architektenfamilie Fähmel, die über drei Generationen hinweg Neubau, Zerstörung und Wiederaufbau eines Klosters betreibt, kein frühes Beispiel für eine Ästhetik der Dekonstruktion abgibt und der im Kommentar erwähnte "farblich differenzierte Strukturplan" Böll nicht zum deutschen Strukturalisten macht.

Auch der vierzehnte Band, der mit den Texten der Jahre 1963 und 1964 eine Vielzahl literarischer Reflektionen und vor allem die "Frankfurter Vorlesungen" zur Poetik enthält, schiebt Fragen der Machart in den Vordergrund. Zwar stilisiert der Kölner Studienabbrecher, der sich 1946 in erster Linie wegen der Lebensmittelkarten für die Fächer Klassische Philologie und Germanistik einschrieb und bereits 1947 wegen verpaßter Rückmeldefristen die Exmatrikel erhielt, den Autor - "er hat keinen Apparat, keine Hilfstruppen" - als Antitypus des Akademikers gleichsam zum einfachen Fußsoldaten. Doch eine Gesinnungstäterschaft, welche die literarischen Tatwerkzeuge als austauschbare Nebensachen behandelt, weist Böll in seinem im "Tagesspiegel" erschienenen "Plädoyer für freigelassene Autoren, Leser und Romanfiguren" deutlich von der Hand: "Die Manifeste der Engagierten sind meistens so peinlich wie die Gegenerklärungen derer, die sich für nicht engagiert erklären."

Trug denn Böll mit seiner sagenhaften Baskenmütze, Erkennungszeichen des linken Intellektuellen spätestens seit Sartre, den Begriff der engagierten Literatur nicht gleichsam auf dem Kopf? Vielleicht hilft die Erinnerung an jene französische Nebenbedeutung von Engagement, welche die Verpflichtung zum Dienst an der Waffe bezeichnet. Denn Bölls literarisches Werk nahm, wie der zweite Band mit den Frühschriften der Nachkriegsjahre 1946 und 1947 eindrucksvoll vorführt, in der verhaßten Gußform des Stahlhelms Gestalt an. Das hier versammelte unbekannte Material und vor allem der unveröffentlichte Roman "Kreuz ohne Liebe" bilden das eigentliche Neuland der Kölner Ausgabe.

Wenn Böll mit seinen quer durchs Frühwerk gestreuten Auslassungspunkten, zum Teil die am häufigsten verwendete Interpunktion, fast den Stil einer deutschen Beat-Generation vorwegnimmt, dann tut er dies als Vertreter einer geschlagenen Generation. Gerade in den unausgegorenen Kurzgeschichten, die der angehende Schriftsteller kurz nach dem Zweiten Weltkrieg - "29 Jahre alt, davon 7 Jahre einfacher Infanterist (!) jede Sekunde dieser 7 Jahre im Gefängnis der Uniform fast verzweifelnd" - erfolglos an die Redaktionen christlicher Zeitschriften verschickte, dienen die Druckwellen der Granatexplosionen als Impulse des Schreibens. Technische Abläufe wie die "Reihenfolge Abschuß - Heulen - Einschlag" schlagen als satanische Stahlgewitter zu Buche, und mit brutaler Genauigkeit protokolliert Böll "den Tod mit seinen tausend Möglichkeiten, vom Zertretenwerden unter den Füßen einer wild stürmenden Division bis zu jenem in der vaterländischen Literatur so gerühmten Kopfschuß, der den Stürmenden angeblich im höchsten Glück ins Jenseits befördert".

Fast scheint Böll mit seinem durch die Grauzonen des Horrors streifenden Todesarten-Projekt eine unmögliche Gattung wie den entromantisierten Landserroman anzustreben. Immerhin erklärt er den erdnahen Blickwinkel des Infanteristen - "Es gibt keinen schärferen und unbestechlicheren Beobachter als den schmutzigen Frontsoldaten, der vorne in seinem Loch liegt" - zur mustergültigen Erzählperspektive. Doch letztlich stehen bei Böll auch Bodentruppen unter dem höheren Gesichtspunkt der Ewigkeit, und jedem Gefechtsablauf liegt die tiefere Matrix des Kreuzwegs zugrunde. Böll schreibt Passionen für gebrochenen Heldentenor und Stalinorgel, er verlegt das Abendmahl in den Schützengraben und stellt die Jungfrau Maria ins Trommelfeuer. Natürlich überhöht diese Deutung des Krieges als "millionenfache Kreuzigung", die in jedem Gefallenen einen Nachfolger Christi erkennt, den Leidensdruck oft auf heikle Weise ins Schicksalhafte. Dennoch eröffnet Bölls Bekenntnis zu den Schmerzen eine Dimension, welche selbst den brutalsten Bildern der Wehrmachtausstellung abgeht.

Überhaupt schlägt der Ekel, vielleicht die bessere Querverbindung zu Sartre, fast überall als Leitmotiv des Böllschen Frühwerks durch. So sammelt der jugendliche Protagonist der Liebesgeschichte "Der Schulschwänzer" in einem Stadtpark Erfahrungen, welche an die in Sartres 1938 erschienenem Debütroman "Der Ekel" beschriebene und ebenfalls in einer Grünanlage angesiedelte Urszene des Existentialismus erinnern: "Der ganze dunkle, schwärzliche Park mit seinen kahlen Bäumen und Sträuchern war wie eine lebendige, stets gegenwärtige Anklage, die ihn umkrallt hielt." Gerade die verwüstete Nachkriegswelt schildert Böll fast gänzlich ohne den Klageton eines Wolfgang Borchert, um in den Kulissen der Zerstörung statt dessen eine ästhetische Kontrastfolie zu finden. "Man hätte meinen können", heißt es in der Liebesgeschichte "Der Schulschwänzer" über Köln, "daß die ganze, große Stadt nur zerstört worden sei, damit die beiden sich hier in der Stille küssen konnten."

Bölls frühe Prosa beruht auf diesen überscharfen Kontrasten, und als guter Manichäist schlägt der Autor nicht selten im Wörterbuch des Teufels nach. Der zu Unrecht nie veröffentlichte Roman "Kreuz ohne Liebe" führt die Verstörungskraft dieses dunklen Tiefblicks vor: Alle Wege führen hier nach Golgatha. Die Geschichte der Brüder Hans und Christoph Bachem, die als Kain und Abel in den Nationalsozialismus hineinwachsen, tritt als Abrechnung mit einem Bürgertum auf, das als "Geschlecht der unbegrabenen Leichen" in jedem Zombiefilm auftreten könnte und sich durch die "morsche Substanz der Gehirne" und die "modrige Mattheit des Blutes" für die Verdammnis qualifiziert.

Im himmlischen Frieden der nivellierten Mittelstandsgesellschaft wollte Böll niemals ankommen, auch wenn seine Texte gerade mit dieser Nachkriegsepoche verschmolzen sind. Böll sucht im Rückblick vielmehr die Vorzeichen des Untergangs: "Er hatte das dunkle Gefühl", heißt es über den Nazischergen Hans, "als sei sein Mund mit einer apokalyptischen Säure gefüllt." Und auch in Christophs mit allen Schikanen geschildertem Rekrutenschicksal zeichnet sich in jeder gefalteten Uniform ein Kadaver ab.

Dennoch verfällt Böll als besessener Zeichensucher selten einem plumpen Beziehungswahn. Bereits die am Anfang des Romans stehende Überkreuzung einer im Bau befindlichen Autobahnbrücke, Abzeichen der neuen Macht, mit dem alten Strom des Rheins ist ein mythologisches Meisterstück. Selbst die mitunter ungeschickten Beschreibungen - über Christophs Geliebte Cornelia heißt es im Zeichenstil des Mondgesichts: "Brauen und Stirn und Nase und Mund im ovalen Rahmen von Kinn, Wangen und Schläfen" - entwerten dieses feine Gespür für verborgene Bedeutungen nicht.

Den Höhepunkt des Roman und zugleich sein finsteres Herzstück bildet wohl jenes abgründige Kapitel, welches das Ende des von Selbstekel ergriffenen und an die Ostfront strafversetzten Hans Bachem beschreibt: "Wie eingeklemmt zwischen zwei Finsternisse, die Finsternis des Himmels und die der Erde, kriecht eine Kompanie Infanterie, den Rücken zur Front, durch den Schlamm." Apocalypse Now - so lautet das Schlüsselwort zum Verständnis dieser Szene. Denn Hans Bachem führt als außer Kontrolle geratener Ortskommandant ein unberechenbares Dasein, welches ihn als reumütigen Doppelgänger von Marlon Brando im gleichnamigen Film erscheinen läßt. Bachem begnadigt Todgeweihte, fälscht Urkunden und brüllt irrsinnige Befehle ins Feldtelefon: "Bestellen Sie dem Herrn Major, mein Dienstplan für morgen sei, die ganze Kompanie Scheiße ... Scheiße ... Scheiße schreien zu lassen, Scheiße auf die ganze deutsche Wehrmacht!" Als Zyniker aus verlorener Ehre fällt der Saboteur nach seiner Erschießung an einer Gartenmauer auf die Knie - in die Haltung der Bußfertigkeit.

Die christlichen Ikonen bilden beim frühen Böll nur die kunstvoll bemalte Rückseite einer Ästhetik des Grauens. Auch wenn der Leser über die kölschen Mein-Gott-Ausrufe, welche einem Musenanruf gleichkommen, eine eigene Strichliste führen könnte - die neue Ausgabe zeigt einen Autor, dessen Widerspenstigkeit sich nicht in der Sitzblockade, sondern in der Schreibbewegung erweist. Dem Wiederlesen steht nichts im Weg. Und vielleicht werden, ganz wie bei Ernst Jünger, die letzten Leser die ersten sein.

Heinrich Böll: "Werke". Kölner Ausgabe. Herausgegeben von Àrpád Bernáth, Hans-Joachim Bernhard, Robert C. Conrad u.a. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2002.

Band 2: "1946 - 1947". Herausgegeben von J. H. Reid. 556 S., geb., 34,90 [Euro].

Band 11: "1959". Herausgegeben von Frank Finlay und Markus Schäfer. 450 S., geb., 34,90 [Euro].

Band 14: "1963 - 1965". Herausgegeben von Jochen Schubert. 827 S., geb., 34,90 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

In Band 14 der Kölner Gesamtausgabe, der vor allem Bölls Frankfurter Vorlesungen zur Poetik enthält, sieht Rezensent Andreas Rosenfelder "Fragen der Machart" und eine Vielzahl literarischer Reflexionen im Vordergrund stehen. Er fand den Autor sich als Studienabbrecher und "Antitypus des Akademikers" stilisieren. Hervorgehoben wird aber auch ein Text, in dem Böll "eine Gesinnungstäterschaft, welche die literarischen Tatwerkzeuge als austauschbare Nebensachen" behandeln würde, deutlich von der Hand weise. Diese Hervorhebung steht sichtlich mit der vor Rezensenten skizzierten Bemühung der Herausgeber dieser Gesamtausgabe zusammen, die Böll-Rezeption aus dem Moraldiskurs herauszulösen. Doch einen entscheidenden Einschnitt der Edition auf die Rezeption des "als Friedensbringers des Deutschunterrichtes" verharmlosten Autors verweist der Rezensent ins Reich der Germanistenträume.

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"Der Grund, sich mit Böll von Neuem zu beschäftigen, ist [...], dass er [...] Romane und Erzählungen schrieb, die sich nicht in der politisch-moralischen Botschaft erschöpften [...]." Ulrich Greiner Die Zeit