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Eine Mutter auf der Flucht - ein Roadtrip ans Ende der Zivilisation. Josie, eine Zahnärztin, die ihre Praxis hat schließen müssen, bekommt Panik, als ihr Exmann darum bittet, die gemeinsamen Kinder seiner neuen Verlobten vorstellen zu dürfen. Sie packt die Kinder und flieht mit ihnen an den entlegensten Ort, der für sie ohne Pass erreichbar ist: Alaska. Die Reise in dem angemieteten, abgetakelten Wohnmobil durch die Wildnis rüttelt die Familie durcheinander. Der achtjährige Paul übernimmt die fürsorgliche Vaterrolle in der Familie, während die fünfjährige Ana Chaos und Zerstörung magisch…mehr

Produktbeschreibung
Eine Mutter auf der Flucht - ein Roadtrip ans Ende der Zivilisation.
Josie, eine Zahnärztin, die ihre Praxis hat schließen müssen, bekommt Panik, als ihr Exmann darum bittet, die gemeinsamen Kinder seiner neuen Verlobten vorstellen zu dürfen. Sie packt die Kinder und flieht mit ihnen an den entlegensten Ort, der für sie ohne Pass erreichbar ist: Alaska. Die Reise in dem angemieteten, abgetakelten Wohnmobil durch die Wildnis rüttelt die Familie durcheinander. Der achtjährige Paul übernimmt die fürsorgliche Vaterrolle in der Familie, während die fünfjährige Ana Chaos und Zerstörung magisch anzieht. Was sich zunächst wie ein Abenteuerurlaub am Ende der Welt anfühlt, wird schnell zur verzweifelten Flucht, nicht zuletzt vor einem Lauffeuer, das in der Region ausgebrochen ist. Doch nicht nur das Feuer scheint Josie auf den Fersen zu sein, sie kämpft auch gegen die imaginären sowie realen Geister ihrer Vergangenheit und muss dafür bis an ihre Grenze gehen.
  • Produktdetails
  • KiWi Taschenbücher Nr.5185
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • Seitenzahl: 479
  • Erscheinungstermin: 4. Oktober 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 190mm x 126mm x 30mm
  • Gewicht: 370g
  • ISBN-13: 9783462051858
  • ISBN-10: 3462051857
  • Artikelnr.: 52437307
Autorenporträt
Wie ein glühender Komet taucht Dave Eggers im Jahr 2000 am literarischen Firmament auf. Mit seinem vor Witz, Sprachverliebtheit und Stilexperimenten sprühenden Debüt "Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität" landet der 1970 in Chicago geborene Autor aus dem Stegreif einen Weltbestseller. Aufgrund eines ähnlich hysterischen Realismus wird das Buch sogleich mit dem post-modernistischen Aufschrei "Unendlicher Spaß" von David Foster Wallace verglichen. Es erzählt entsprechend fiktionalisiert davon, wie Eggers im Alter von 21 Jahren seine Eltern an Krebs verliert und daraufhin die Vaterrolle für seinen jüngeren Bruder Tophe übernehmen muss. Der Roman wird mit Preisen überhäuft und etabliert den damals 30-jährigen Eggers als einen der wichtigsten Autoren der USA. Die bereits in seinem ersten Buch auffallend starke Präsenz von Wirklichkeit und Tatsachen wird fortan zum Markenzeichen von Eggers, der seinen Erfolg auch dazu nutzt, sich ziviligesellschaftlich zu engagieren. 2002 gründet er "826 Valencia", eine Schreibwerkstatt für Kinder und Jugendliche. 2010 nimmt ScholarMatch seine Arbeit auf. Das Projekt bietet Studenten aus armen Familien finanzielle Hilfen. Eggers betreibt zudem mit McSweeney's einen eigenen Verlag und ist Herausgeber der erfolgreichen Zeitschrift "The Believer". 2006 gelingt ihm mit "Weit gegangen" ein weiterer Welterfolg, der die abenteuerliche Flucht eines jungen Sudanesen erzählt. Drei Jahre später folgt die Reportage "Zeitoun", in der Eggers dramatisch-packend die Geschichte eines syrischen Muslims aufbereitet, der 2005 in New Orleans den verheerenden Hurrikan Katrina erlebt. Das Buch wird mit dem American Book Award ausgezeichnet. Neben seinen Romanen schreibt der zweifache Familienvater Kurzgeschichten und Drehbücher wie z. B. zur Verfilmung des Maurice-Sendak-Klassikers "Wo die wilden Kerle wohnen". 2012 erscheint in den USA schließlich Eggers' neuer Roman "Ein Hologramm für den König", der wiederum stürmisch von der Kritik gefeiert wird.
Rezensionen

buecher-magazin.de - Rezension
buecher-magazin.de

Josie will nur noch weg. Weg von ihrer Zahnarztpraxis, weg von ihrem Ex-Partner. Weg von den anderen Müttern in Ohio, die sie, die Alleinerziehende, an ihren Versäumnissen messen. Weg von ihren Schuldgefühlen und Selbstzweifeln. Der einzige ferne Ort, der für sie ohne Pass zu erreichen ist, ist Alaska. Dort begibt sie sich mit der fünfjährigen Ana und dem achtjährigen Paul in einem Wohnmobil auf eine Reise, die als Abenteuerurlaub gedacht war, sich jedoch eher zu einer Flucht entwickelt. Dazu wären die Waldbrände, die Josie einzuholen drohen, nicht nötig gewesen, glaubt sie sich doch ständig verfolgt und verurteilt. Ähnlich wie in "Hologramm für einen König" ist Eggers' Protagonistin in einer Krise und sucht den Ausweg in der Flucht. Jedoch fehlen hier die tiefen Einsichten in die Figur, vielmehr wählen Autor und Hauptfigur den häufigen Ortswechsel, um Intimität und Nähe zu entkommen, so dass sich bisweilen der Eindruck einstellt, keiner von beiden weiß, wohin er eigentlich möchte. Weitaus gelungener ist die Beschreibung der Beziehung zwischen Josie und ihren Kindern, die lebendig und irritierend ist, zumal Eggers mit der wilden Ana, die beständig von Trümmern und Chaos umgeben ist, und dem seelenvollen, vernünftigen Paul zwei wundervolle Charaktere gelungen sind.

"Er unterhält, er ist genau und funkelt irr." Boris Pofalla Frankfurter Allgemeine Zeitung 20170319

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 18.03.2017

Ich glaub, mich knutscht ein Bär

Und das ist noch längst nicht alles: Dave Eggers setzt seinen Road-Roman über eine selbstbewusste Frau in Alaska konsequent in den Sand.

Von Jan Wiele

Wer ein Faible für fahrende Häuser in großartigen Landschaften hat, was ja beides in Nordamerika nicht unüblich ist, der wird gar nicht anders können, als sich für den neuen Roman von Dave Eggers erst einmal zu begeistern. Er spielt in Alaska und beginnt mit einem klassischen Roadtrip-Motiv: Die Hauptfigur Josie, eine Zahnärztin aus Ohio, sucht sprichwörtlich das Weite, nachdem ihr Mann sie verlassen hat.

Das privat gemietete Wohnmobil, in dem sie diesen Fluchtversuch mit ihren beiden Kindern unternimmt, ist allerdings eine fahrende Altbauwohnung. Der Fahrzeugtyp nennt sich "The Chateau", doch dieses Schloss nähert sich bereits der Ruine und bringt eine Höchstgeschwindigkeit von 48 Meilen pro Stunde auf die Straße, so dass sich hinter ihm ständig hupende Autos stauen. "Das Chateau klapperte und röchelte", heißt es einmal, dafür verfügt es aber über eine Kaffeemaschine und sogar über ein Handrührgerät, "falls jemand einen Napfkuchen backen wollte". Das erinnert an ein romantisiertes Unterwegssein wie in John Steinbecks "Travels With Charley" oder seinem Roman "The Wayward Bus".

Ehe es aber zu lieblich wird, schiebt Eggers dem einen Riegel vor und lässt seine Figuren eine in Amerika leider ebenfalls typische, sehr enttäuschende Camper-Erfahrung machen: An den schönsten Stellen darf man nicht über Nacht stehen - das ist wohl leider nicht nur am kalifornischen Highway One, sondern auch in Alaska so - und wird mitunter unsanft von der Polizei geweckt und vertrieben. Da hat man nun also die große Freiheit, muss aber für 55 Dollar in einem Wohnmobilpark stehen, mit Blick auf den Parkplatz und ein kaputtes Schild.

Das auch sonst noch einiges kaputt oder zumindest arg angekratzt ist in Josies Leben, wird dank aufdringlicher Symbolik bald dem Leser dämmern, der dieser Frau auf Gedeih und Verderb in ihre Erinnerungen folgen muss. Sie nehmen leider bald mehr Raum ein als das auf der Reise Erlebte: Der seelische Ballast von Jahren fährt da mit, wird bei jedem einsamen Glas Pinot aus dem Plastikbecher umgewälzt: unglückliche Kindheit, rastloses Wandern und eine wohl auch nicht ganz glückliche Berufswahl, eine unerfüllte Ehe mit einem Mann, der ein großes Kind ist, unerquickliche Mitmenschen und Wut über den Sozialdruck, den die Helikoptereltern der Mitschüler von Josies Kindern zu erzeugen wussten.

Aber auch die Menschen, denen Josie, die kleine Ana und deren älterer Bruder Paul dann in Alaska begegnen, sind nicht alle offen und freundlich. Da gibt es zwar mal den Campingplatzbesitzer mit verständnisvollem Blick, der Josie zunächst einen Bourbon einschenkt, aber woanders wird die Kleinfamilie schroff abgewiesen oder sogar verjagt. Die Missgeschicke der Reise und das immer wieder blank liegende beschädigte Leben Josies lassen den Originaltitel des Romans, "Heroes of the Frontier", der auf eine glorreiche Besiedlung Amerikas anspielt, einigermaßen zynisch wirken. Und doch weiß man nicht, ob Eggers ihn wirklich zynisch meint oder doch affirmativ, ob er das Durchwursteln dieser Josie wirklich für heroisch hält - es ist natürlich die Frage, woran man seine Figuren misst, und immerhin übersteht die Frau mit ihren Kindern Waldbrände und ein Gewitter, hat Sex mit einem Kriegsveteranen, lernt eine Gruppe Musiker kennen und scheint am Ende auf wundersame Weise geläutert.

Der Roman ist offenbar am Reißbrett entstanden, und die konzeptuellen Schlüsselsätze werden den Figuren oft direkt in den Mund oder in die Gedanken gelegt. Weil der Autor vielleicht selbst ein schlechtes Gewissen dabei hat, die Geschichte derart glatt aufgehen zu lassen, fügt er ihr noch ein allerletztes Kapitel an, das aus einem einzigen Satz besteht. Er beschreibt die Ungewissheit darüber, wie der nächste Tag sein wird. So unbeholfen wie dieser Schluss wirkt häufig auch Eggers' grobklötzig-substantivischer Stil, der kaum Lesefreude macht: "Als sie die Tür öffnete, roch sie Sauberkeit und guten Geschmack."

Die Übersetzung von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann klebt noch viel zu sehr an den englischen Buchstaben und vermag den Roman kaum je elegant in ein lesbares Deutsch zu überführen. Was zum Beispiel ist "das vulkanische Aufkommen uralter Hassformen"? Manchmal kann diese Übersetzung freilich auch nur den Mangel verwalten: "Mut war einfach eine Form von Weitergehen."

Auf die Schreibkünste von Dave Eggers wirft dieses Werk, so wie schon sein Bestseller "The Circle" und andere Bücher, kein gutes Licht. Auch wenn der 1970 in Boston Geborene hier mit seinem Land manchmal hart ins Gericht geht ("Amerikaner sein bedeutet, eine Leerstelle zu sein"), produziert er ziemlich amerikanischen Kitsch. Was Josie nämlich in Alaska findet, diesem vermeintlich so ganz anderen Amerika, wo alle wild und frei sind, ist auch nur ein Klischee, eine Leerformel: "Es gab so viel Platz, so viel Weite, so viel Überfluss." Ja, es heißt über dieses Alaska der Seele in Anspielung auf die Inschrift der Freiheitsstatue sogar einmal, dass es "die Müden und Heimatlosen" einlade.

Dieser raunende Ton wirkt auch deshalb befremdlich, weil der Erzähler sonst viel derber redet, im Bukowski-Sound. Er kostet etwa die Beschreibung einer unerklärlichen Inkontinenz von Josies Ehemann weidlich aus, und nachdem ungefähr zwanzigmal vom Pinkeln die Rede war, heißt es: "Carl musste auch dauernd scheißen." Weil insbesondere die Darstellung von Sex häufig guter Gradmesser für schriftstellerische Qualität ist, soll auch hier eine Kostprobe nicht vorenthalten werden - wir sehen Josie in flagranti mit dem Veteranen Jim: "Wundervoll, dass dieser Mann Ende fünfzig seinen harten Penis an ihr rieb, im Chateau, im tiefsten Alaska. Sie fand es wundervoll spontan und verführerisch und hatte sogar die vorübergehende Fantasie, hinter ihr stünde Smokey der Bär, nicht Jim. Seine Ofenrohrarme, seine breite Brust." Ja, heiliges Ofenrohr, geht es noch schlechter?

Schade, dass aus dem vielversprechenden Stoff nicht mehr geworden ist - aber irgendwo ist das Wohnmobil, das jeder Roman für seine Leser darstellt, in diesem Fall völlig vom Weg abgekommen.

Dave Eggers: "Bis an die Grenze". Roman.

Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017. 496 S., geb., 23,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 09.03.2017

Rasselbande
Eine Frau verlässt das gewohnte Leben und flieht mit ihren Kindern in die Wildnis Alaskas. Dave Eggers überzeugt in seinem
Roman „Bis an die Grenze“ mit liebenswerten Protagonisten und nervt mit sozialromantischen Plattitüden
VON MEREDITH HAAF
Zu den Erfahrungen eines Menschen in der Moderne gehört oft der Eindruck, Gefangener seiner Umstände zu sein. Das betrifft auch und gerade diejenigen, die glücklich genug sind, für ihre Umstände mehr oder weniger selbst Verantwortung zu tragen. Wer den Vorteil genießt, in einer der Bastionen des friedlichen Westens zu leben, fühlt sich bisweilen keiner Kraft so sehr ausgeliefert wie der des eigenen Wollens.
Einer dieser selbst gewählten Verstrickungszusammenhänge ist die Elternschaft, und zwar paradoxerweise auch und gerade dann, wenn Partner, Zeitpunkt und Anzahl der Kinder selbstbestimmt gewählt werden dürfen. Die Unterhalterin und Autorin Charlotte Roche hat in einem Interview einmal gesagt „Eine Mutter ist keine freie Frau.“ Sie hat damit ein gängiges Selbst- und Fremdbild von Müttern artikuliert, aber auch einen real existierenden Seelenzustand. Mütter sind ja nicht nur unfrei durch die Liebe und Sorge für die Kinder, sondern auch in den sehr weltlichen Verpflichtungen ihnen gegenüber, Einhaltung von Bettzeiten und Körperpflegeritualen, Ermöglichung von Sozialleben und Erfüllung der Schulpflicht, um nur einige wenige zu nennen.
Doch geht es nicht auch anders? Könnte eine Mutter sich aus sämtlichen Verpflichtungen lösen, ohne dabei einen Verrat an ihren Kindern zu begehen? Gibt es so etwas wie Freiheit in Verantwortung für jemanden, der oder die mehrere schutzbedürftige kleine Leute und sich selbst versorgen muss? Was liegt überhaupt auf der anderen Seite einer ausgeklügelten Realitätsflucht? Und wie gnädig ist die Welt zu denen, die etwas anderes von ihr fordern als das für sie persönlich Naheliegende?
Das sind die Fragen, die Dave Eggers in seinem neuen Roman „Bis an die Grenze“ stellt. Seine Heldin, die Zahnärztin Josie, hat ihre Praxis aufgeben müssen, weil sie von einer geldgierigen und rachsüchtigen Patientin verklagt wurde. Sie leidet unter einer chronischen Belastungsstörung, die von einem komplizierten Elternhaus und einer Reihe falscher Entscheidungen herrührt. Josie hat zwei außergewöhnliche Kinder namens Paul und Ana und einen nichtsnutzigen Ex-Mann, namens Carl. Carl, „das Frettchen“, ein unausgeglichener Millionenerbe, der lieber Occupy-Aktivist gewesen wäre und stattdessen gar nichts tut, hat eine neue Freundin und möchte sie den Kindern vorstellen.
Josie aber beschließt, sich zu verweigern: „Sie war fertig, weg. Sie hatte es bequem gehabt, und Bequemlichkeit ist der Tod der Seele (. . . ) Ein Mensch kann sich entscheiden, entweder Neues zu sehen, Berge, Wasserfälle, gefährliche Stürme und Meere und Vulkane, oder dieselben von Menschenhand gemachten Dinge in endlosen Spielarten zu sehen. Metall in dieser Form, dann in jener Form, Beton so gestaltet oder anders. Auch Menschen! Dieselben Emotionen recycelt, neu konfiguriert, scheiß drauf, sie war frei!“ Sie fliegt mit ihren Kindern und einem Beutel voller Bargeld von Ohio nach Alaska, ein „Land aus Bergen und Licht“.
Dort angekommen, verhält sie sich zunächst eher durchschnittlich: Sie mietet sich ein uraltes Wohnmobil, Modell „Chateau“, kauft eine Menge Lebensmittel und trinkt, wenn sie am Waldrand parkt, einen Rotwein über den Durst, sobald die Kinder eingeschlafen sind.
Es dauert nicht lange, da taucht ein Polizist auf, und Josie muss weiterfahren. Eine lange Reise beginnt: „Sie hatte sich die Freiheit gewünscht, einfach irgendwo anzuhalten und zu essen oder zu schlafen und auf unbestimmte Zeit zu bleiben.“ Dave Eggers erzählt in diesen Passagen die Geschichte einer Ablösung von inneren und äußeren Zivilisationsgewohnheiten. Zunächst stellt sich heraus, dass selbst die vergleichsweise bescheiden anmutenden nomadischen Freiheitsvorstellungen nicht ohne Mühe zu verwirklichen sind. Das liegt auch an Josies gebeuteltem Zustand und an der maßlosen Wut, die sämtliche Zivilisationserscheinungen in ihr auslösen: „Oh nein. Ein Laubbläser. Die Dummheit und die fehl geleiteten Hoffnungen der Menschheit lassen sich am einfachsten erleben, wenn man zwanzig Minuten zuschaut, wie ein Mensch einen Laubbläser trägt.“
Natürlich muss Josie sich und ihre Kinder aus einer Umgebung entfernen, in der Laubbläser zum Einsatz kommen. Weiter geht es mit dem Wohnmobil, der „sterbenden Maschine“, im Höllenlärm seiner schäbigen, schlecht befestigten Inneneinrichtung: „Die Geräusche ähnelten denen eines Erdbebens. Das Besteck rasselte wie die Ketten eines ruhelosen Gespenstes.“
Es dauert gut 300 Seiten, bis Josie einen Platz für sich und ihre Kinder findet, an dem sie bleiben können. Denn immer wieder entpuppen sich vermeintliche Idyllen für die nervöse Josie als Fallen: Ein friedlicher Strand ist bei näherem Hinsehen eine einzige Müllkippe. Andauernd müssen auf der Suche nach der Freiheit Risiken eingegangen werden, Verkehrsunfälle, wütende, wohnwagenfahrende Norweger und vor allem die Waldbrände, die sich in ganz Alaska ausbreiten. Der Familie passieren dauernd Dinge, doch es geschieht ihr nichts wirklich. Seite um Seite wachsen die Kräfte von Josie und ihren Kindern, dem engelsgleichen achtjährigen Paul und seinem fünfjährigen Schwestern-Derwisch. Am Ende steht Josie ohne fahrbaren Untersatz oder Behausung da und auch mit sonst wenig, außer einer Erkenntnis: „Mut war der Anfang, furchtlos sein, weitergehen, trotz kleiner Entbehrungen nicht kehrtmachen. Mut war einfach eine Form des Weitergehens.“
Und da ist er dann auch wieder – der bei all seinem unbestreitbaren Humor und Charme doch beklagenswert sozialpädagogisch literarisierende Eggers. So ist man etwa versucht zu zählen, wie oft das Wort „tapfer“ in diesem Roman auftaucht, wenn der Autor seine Figuren loben will. Dass Eggers einen besonderen Draht zur Gegenwart hat, weiß man, aber leider hat er auch einen Hang zu prototypischen Figuren und sozialromantischen Plattitüden. Diese Schwäche war in seinem letzten Roman „The Circle“ nicht zu übersehen, einem blutarmen Buch, das nicht so recht zu dem Eigentlichkeitsanspruch passte, der in Eggers’ Menschenideal steckt.
Damit verglichen ist „Bis an die Grenze“ deutlich erfreulicher, vielleicht weil Eggers mit Josie und ihren Kindern Protagonisten ersonnen hat, die seinem Ideal zumindest nahezukommen suchen. Sie nutzen das Internet nicht, unternehmen lieber Wanderungen durch Stürme, kümmern sich um fremde Tiere. Damit kann der Autor Eggers etwas anfangen.
Die Familie findet schließlich ein vorübergehendes Zuhause in einer abgelegenen Waldhütte, ein vorübergehendes Kleinfamilien-Eden, bis die Feuersbrunst es erreicht: „Jeder Tag hatte hundert unkomplizierte Stunden, und sie sahen wochenlang keine Menschenseele. (. . . ) Tagsüber war alles still bis auf den gelegentlichen Schrei eines Vogels, wie ein irrer Nachbar; nachts war die Luft erfüllt von Fröschen und Grillen und Kojoten. Paul und Ana schliefen tief, und Josie schwebte über ihnen, wie eine kühle Nachtwolke über Bergzügen, die sich den ganzen Tag in der Sonne gewärmt hatte.“
Je weiter sich Josie und ihre Kinder von der Normalität entfernen, desto entspannter werden sie. Keine Rotweintiraden mehr, keine kindlichen Missetaten, keine Eskalationen mit Fremden. Diese Entspannung gereicht aber leider der Sprache nicht zum Vorteil, und die Sprache ist ohnehin die größte Schwachstelle des Schriftstellers Dave Eggers. Der Roman, in seiner ersten Hälfte noch enorm komisch, wird später fast dröge vor lauter Erfülltheit. Da enthält er dann Sätze wie diesen: „Die Kinder entwickelten sich wunderbar und vergaßen alle materiellen Belange.“
Dass „Bis an die Grenze“ dennoch ein berührendes und lesenswertes Buch ist, liegt an den Protagonisten, von denen Dave Eggers so liebevoll und detailverliebt erzählt, dass man es fast mütterlich nennen möchte. Die Welt verändern Josie und ihre Kinder nicht, aber immerhin treffen sie eine Wahl, wie sie sich selbst von der Welt verändern lassen.
Dave Eggers: Bis an die Grenze. Roman. Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017. 426 Seiten, 23 Euro. E-Book 19,99 Euro.
Josie, die Heldin, hat einen
nutzlosen Ex-Mann und zwei
außergewöhnliche Kinder
„Das Besteck rasselte
wie die Ketten
eines ruhelosen Gespenstes.“
Der Roman ist erst komisch
und dann bisweilen
dröge vor lauter Erfülltheit
Dave Eggers, Jahrgang 1970, lebt mit Frau und zwei Kindern in der Nähe von San Francisco.
Foto: Tom Pilston / VISUM
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