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Wie sieht Alltag hinter Gittern aus? Welche Perspektiven bietet die Zukunft? Und wie lebt man mit dem Wissen, etwas nie wiedergutmachen zu können? Mit 18 Jahren wurde Mihrali Simsek (Name geändert) zu einer Freiheitsstrafe von 6 Jahren und 6 Monaten verurteilt. Weil er verhindern will, dass anderen Jugendlichen Ähnliches passiert, erzählt er seine Geschichte – klar, direkt und schonungslos ehrlich.

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Produktbeschreibung
Wie sieht Alltag hinter Gittern aus? Welche Perspektiven bietet die Zukunft? Und wie lebt man mit dem Wissen, etwas nie wiedergutmachen zu können? Mit 18 Jahren wurde Mihrali Simsek (Name geändert) zu einer Freiheitsstrafe von 6 Jahren und 6 Monaten verurteilt. Weil er verhindern will, dass anderen Jugendlichen Ähnliches passiert, erzählt er seine Geschichte – klar, direkt und schonungslos ehrlich.
Autorenporträt
Daniel Oliver Bachmann, geb. 1965 in Schramberg im Schwarzwald, führt seit seiner Jugend ein nomadisches Wanderleben und reist rund um die Welt. Seine Dokumentarfilme aus Afrika und Asien wurden im ZDF und auf ARTE ausgestrahlt. Neben Reiseberichten schreibt Daniel Oliver Bachmann Romane und Erzählungen, für die er zahlreiche internationale Auszeichnungen erhielt. Ist er nicht unterwegs, lebt er in Stuttgart und auf La Palma.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 05.07.2010

Die übliche, eiskalte Drei
Der Bericht eines jungen Straftäters aus dem Gefängnis
Natürlich kommt niemand als Totschläger, als Dieb oder auch nur als Drückeberger auf die Welt. Was ist aber für die entscheidende falsche Weichenstellung verantwortlich, ab der es nur noch abwärts geht, wo alle Stopp- und Warnschilder übersehen werden? Zufall, Schicksal, das soziale Umfeld, der „Charakter“? Mihrali Simsek hat derzeit viel Zeit, über diese Frage nachzudenken. Wegen Totschlags wurde der 18-Jährige zu einer Freiheitsstrafe von sechseinhalb Jahren verurteilt. Außerdem muss er jederzeit damit rechnen, ausgewiesen zu werden. Denn als Häftling bekommt der junge Türke keinen deutschen Pass, den er so gerne beantragen würde.
Mihrali Simsek, der in Wirklichkeit anders heißt, hat ein packendes, ein selbstkritisches und schonungsloses Buch geschrieben. Geholfen hat ihm dabei der Schriftsteller und Dokumentarfilmer Daniel Oliver Bachmann. Auch wenn nicht ersichtlich ist, wieviel tatsächlich Originaltext des jungen Autors ist, wirkt die Geschichte sehr ehrlich und authentisch. Mihrali Simsek versucht erst gar nicht, die Schuld bei anderen, bei seinen Eltern etwa oder bei der „Gesellschaft“ zu suchen. „Ich bin das Arschloch, deshalb bin ich hier“, sagt er zu seiner gegenwärtigen trostlosen Situation. Zur Tat selbst äußert er sich erst nach mehr als 100 Seiten. Der Anlass ist lächerlich. In einer Kneipe, in der ein Fußballspiel im Fernsehen übertragen wird, geraten Mihralis bester Freund und „Blutsbruder“ Mahmut (der ihn später verpfeifen wird) und ein anderer Kumpel namens Göktan mit einem Andi darüber in Streit, welche Mannschaft moderner spiele. Die Sache eskaliert, die Fäuste fliegen. Außerhalb der Kneipe wird es noch heftiger. Mihrali glaubt, eingreifen zu müssen, bedroht Andi mit dem Messer. Als der sich aber nicht einschüchtern lässt, sticht Mihrali zu. Obwohl er sich später einredet, er habe ihn nur an der Schulter verletzt, hat er Andis Herz getroffen. Nach zehn Tagen – da sitzt Mihrali schon in der Untersuchungshaft – stirbt Andi.
Wie konnte es dazu kommen? Warum hat sich Mihrali überhaupt auf die bereits abgestürzten Freunde, auf den von Minderwertigkeitskomplexen geplagten Sonderschüler Erman, auf den zu klein geratenen Hauptschüler Han und vor allem auf den arbeitslosen Mahmut eingelassen? Er selbst geht aufs Gymnasium, er ist zwar kein Überflieger, schafft aber die Prüfungen, will es seinen rastlos schuftenden Eltern rechtmachen.
Vorurteile begleiten sein Leben
Doch dann kommt wieder ein Anruf seiner angeblichen „Superfreunde“, und Mihrali vergisst seine besten Vorsätze, belügt seine Mutter, er kifft und säuft, macht, meist erfolgreich, Mädchen an und geht keiner Schlägerei aus dem Weg. Er wird immer wieder gewarnt, ein tunesischer Nachbar, selbst ein Ex-Knacki, hilft ihm, wo er kann, redet ihm gut zu. Eine Organisation, die sich um Migranten kümmert (Mihrali: „Alles supernette Leute“) nimmt ihn auf eine Ferienfahrt mit, leider auch Mahmut und Ernan. Das Trio baut nur Mist, terrorisiert die anderen Jugendlichen und wird nach Hause geschickt. So geht es die ganze Zeit. Ein Nachhilfelehrer („Er hat es immer gut mit mir gemeint“), dringt bei Mihrali ebenso wenig durch wie seine ganze Verwandtschaft und insbesondere sein fleißiger jüngerer Bruder Müddet, der inzwischen sein Abitur gemacht hat, und für den Älteren der Beweis dafür ist, „dass mein Versagen nicht an der Erziehung meiner Eltern lag“.
Woran lag es dann? Sicher sind es viele kleine Nadelstiche, Verletzungen, Benachteiligungen, die Mihrali scheitern lassen. Im Gegensatz zu seinen Geschwistern, die alle blond und blauäugig sind, erfüllt er „jedes Schema eines Roland Koch“. Er sei „ein Kanake, den Vorurteile sein Leben lang begleitet haben“. Im Gegensatz zu seinen Geschwistern wird er ständig von der Polizei kontrolliert. Als er Heinrich Heine entdeckt, alles von ihm und über ihn liest und eine gute Schularbeit schreibt, bekommt er trotzdem nur die übliche „eiskalte Drei“. Mihrali: „Für mich war klar: Die gab es, weil ich der Ausländer bin.“ So ein Satz ist aber nicht typisch für ihn, der immer betont, dass alles keine Entschuldigung für seine Tat sei. Er wolle aber immerhin erreichen, dass Vorurteile abgebaut würden. Er versucht dies mit Rap und nicht zuletzt mit diesem eindrucksvollen Buch. Trotz allem noch immer selbstbewusst, stellt er zum Schluss fest: „Wer sich für solche Bücher interessiert, landet nicht im Knast.“ (ab 13 Jahre und für junge Erwachsene) RALF HUSEMANN
MIHRALI SIMSEK (In Zusammenarbeit mit Daniel Oliver Bachmann): Mit 18 mein Sturz. Mein Leben im Gefängnis. Arena, Würzburg 2010. 156 Seiten, 9,95 Euro.
Ein Gefangener in der Jungendstrafanstalt Adelsheim.
Foto: Markus Benk / ddp
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Was genau ist schief gelaufen, wenn ein 18-Jähriger wegen Totschlags im Gefängnis sitzt? Im Fall des Migranten Mihrali Simsek lässt sich das nachlesen in einem Buch, das der Täter selbst mit Hilfe eines Schriftstellers und Dokumentarfilmers verfasst hat. Ralf Husemann hat das Buch mit Spannung gelesen und Respekt vor der Schonungslosigkeit, mit der der Autor mit sich selbst ins Gericht geht. Die Geschichte von Mihrali, seinen eigenen Versehrungen, Möglichkeiten, den angeblichen "Superfreunden" und schließlich von seinem Absturz hält Husemann für eindrucksvoll ehrlich und authentisch.

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