Der letzte Wunsch des Don Pasquale - Riess, Erwin

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Wie schnell die Erfüllung einer einfachen Bitte zu einem bedrohlichen Unterfangen werden kann, erkennt Groll erst, als er mittendrin steckt. Der Schifffahrtsexperte, Rollstuhlfahrer und Europa-Korrespondent einer kleinen New Yorker Zeitschrift wird von seinem Verleger Joe Giordano nach Palermo geschickt. Don Pasquale, Oberhaupt eines sizilianischen Clans, ist todkrank und hat einen letzten Wunsch: Einmal noch möchte er seine Enkelin Angelina in den Armen halten. Groll soll die beiden zusammenführen. Doch das autistische Kind lebt in einem Heim in der Nähe von Triest und ihr Vater, ein…mehr

Produktbeschreibung
Wie schnell die Erfüllung einer einfachen Bitte zu einem bedrohlichen Unterfangen werden kann, erkennt Groll erst, als er mittendrin steckt. Der Schifffahrtsexperte, Rollstuhlfahrer und Europa-Korrespondent einer kleinen New Yorker Zeitschrift wird von seinem Verleger Joe Giordano nach Palermo geschickt. Don Pasquale, Oberhaupt eines sizilianischen Clans, ist todkrank und hat einen letzten Wunsch: Einmal noch möchte er seine Enkelin Angelina in den Armen halten. Groll soll die beiden zusammenführen. Doch das autistische Kind lebt in einem Heim in der Nähe von Triest und ihr Vater, ein Polizeioffizier, unterbindet jeden Kontakt. Groll freundet sich mit Angelina an und lernt in der Lagune von Grado ihre Eigenarten kennen. Don Pasquales Krankheit verschlimmert sich, die Zeit wird knapp. Um Grolls Abreise zu beschleunigen, setzt Giordano Grolls Freund, den Dozenten, aus Wien in Bewegung. Mittlerweile ist Groll in höchster Bedrängnis: Angelina ist verschwunden, ein Freund, der als Aufseher in einem ehemaligen KZ arbeitet, wird von zwei Neonazis niedergestochen, die sich auf Angelinas Fersen heften. Ein Wettlauf nach Palermo beginnt. Gekonnt verbindet der Erzähler Riess Spannung mit brisant aktueller Zeitkritik.
Autorenporträt
geboren 1957, Studium der Politik- und Theaterwissenschaft in Wien, verschiedene Tätigkeiten, Rollstuhlfahrer seit 1983, seit 1994 freier Schriftsteller, Aktivist der Behindertenbewegung. Zwölf Theaterstücke, zuletzt "Der Don Giovanni-Komplex" (Mozartjahr/Wiener Festwochen 2006), Hörspiele, Drehbücher, Prosa.
Rezensionen
Besprechung von 26.04.2007
Vom Humbug, zum Kaiser von Mexiko zu werden
Mit dem Rollstuhl reist man schneller: Erwin Riess schickt einen misanthropischen Ermittler zum Vergnügen des Lesers durch halb Europa
Seit einigen Wochen sorgt ein Buch für Furore in Österreich, das in Deutschland von Kritik und Buchhandel noch kaum bemerkt worden ist. Nahezu einhellig wurde „Der letzte Wunsch des Don Pasquale” in den österreichischen Medien als Roman gerühmt, der in Witz und Originalität seinesgleichen sucht. Erwin Riess, 1959 geboren, seit 1983 an den Rollstuhl weniger gefesselt, als mit ihm in aller Welt unterwegs, hatte sich bisher vor allem als scharfsinniger Essayist und Dramatiker einen Namen gemacht, aber auch, zuletzt etwa mit der Komponistin Olga Neuwirth, erfolgreiche Opernwerke geschaffen. Sein zweiter Roman, wie der Erstling „Giordanos Auftrag” von 1999 mit einem griesgrämigen Menschenfreund und gelähmten Welterkunder namens Groll als Protagonisten, ist vieles zugleich: ein aberwitzig konstruierter Krimi, ein mit zahllosen Pointen versetzter Traktat über wenig bekannte Facetten der europäischen Kulturgeschichte, eine kuriose Fortschreibung der Argonautensaga und ein road movie, nein roll movie, dessen Held es auf seinem Rollstuhl von Wien nach Palermo und von Triest nach Patras verschlägt.
Der Plot setzt weniger auf Logik als auf Zufälle, Einfälle, bizarre Vorfälle und ist dennoch krimitauglich. Groll wird über einen New Yorker Mittelsmann an den greisen sizilianischen Paten Don Pasquale vermittelt, der sterbend noch einmal seine autistische Enkelin Angelina zu sehen begehrt, die von seinem Schwiegersohn, einem Funktionär der Lega Nord, in eine geschlossene Anstalt in Triest gesteckt wurde. Der gelähmte Detektiv aus dem Wiener Arbeiterbezirk Floridsdorf soll dem Mafioso aus der sizilianischen Bauernstadt San Cipirello beispringen und die Enkelin befreien. Auf Hilfe bei diesem Unterfangen kann Groll kaum hoffen, denn die sizilianischen Gefolgsleute des Paten erweisen sich nicht gerade als Männer von welterfahrener Umsicht, und mit seinem aus Wien herbeigerufenen Freund ist es ohnedies so eine Sache: Der „Dozent”, wie er genannt wird, ist ein Soziologe, der in seinem idealistischen Verbrüderungspathos viel weniger von der Welt begreift als der misanthropische Groll, der sich keine Illusionen über die menschlichen Natur macht, gerade deswegen aber mit den fehlbaren Repräsentanten der Gattung durchaus auszukommen weiß.
Die Zusammenfassung des Inhalts sagt im vorliegenden Fall freilich nicht gar viel aus. Denn Riess nutzt, wiewohl er das Kriminalgeschehen mit all seinen kolportagehaften Zügen nicht aus dem Auge verliert, jede Gelegenheit, um vom Thema abzuschweifen und im mäandernden Diskurs über „Grillparzers Liebe zu Flüssen”, die kulturhistorischen Schichtungen in Sizilien, das k.u.k. Marinewesen oder den traurigen „Niedergang der Kriminalsoziologie” zu spekulieren. Sein Verfahren rechtfertigt er in einer veritablen „Theorie des Umwegs”, die er einem Romankapitel einkapselt und die nur eine von vielen essayistischen Passagen darstellt, die er in seinem gesamteuropäischen Krimi verborgen hat.
Rhetorisches Mitgefühl
„Der letzte Wunsch des Don Pasquale” bietet heitere wie gelehrsame Lektüre. Unglaublich, was Riess, der offenbar über ein gewaltiges Archiv verfügt, in dem die merkwürdigsten Ereignisse der europäischen Geschichte dokumentiert sind, alles weiß; und bewundernswert, wie leichthändig er es zuwege bringt, mit seinem überbordenden Wissen die Leser nicht zu ermüden, sondern zu unterhalten. Vom Norden Italiens bis in den Süden nach Catania erfreut er uns mit Dutzenden Miniaturporträts von Städten, die gleichermaßen mit skurrilen Details aus der Geschichte und lebenspraktischen Hinweisen für heute aufwarten. Zu diesen gehören die präzisen Beschreibungen, mit denen Riess Lokalitäten aus dem Blickwinkel des Rollstuhlfahrers ins Auge fasst; seine Wut über Architekten, die gedankenlos den freien Zugang der Gebäude erschweren, steigert er zu Tiraden der Verachtung. Doch gilt seine Empörung nicht minder jenen Zeitgenossen, die beflissen die Sprache von vermeintlich diskriminierenden Wörtern zu säubern versuchen, weiß er doch, dass sich „sprachliche Heuchelei gut mit praktischer Borniertheit” verträgt und das rhetorische Mitgefühl eine der schlimmsten Zumutungen ist, denen Menschen mit Behinderungen ausgesetzt werden.
So viele wunderliche Anekdoten, Gedankenspiele, Phantastereien er auch aufbietet, im Detail bleibt Erwin Riess unerbittlich genau, und wenn er behauptet, dass ein bestimmtes Restaurant in den Hügeln zwischen Monfalcone und Duino nicht nur den besten Fisch der Region serviert, sondern auch als einziges eine Rampe besitzt, das Rollstuhlfahrern die Nutzung der Toiletten ermöglicht, kann man ihm vertrauen. Am Wahrheitsgehalt mancher historischer Verweise hingegen darf gezweifelt werden. Hier übt sich der Autor mit sichtlichem Spaß in der hohen Kunst des Flunkerns, etwa wenn er das „Rätsel Mayerling” endgültig zu lösen behauptet, dem blutigen Geschehen eine mexikanische Wendung gibt und endlich Frieda Kahlo als uneheliche Tochter des verblichenen habsburgischen Thronfolgers Rudolf präsentiert.
Das ist natürlich Humbug, aber war nicht der desaströs gescheiterte Versuch von Rudolfs Onkel Maximilian, Kaiser von Mexiko zu werden, selbst reiner Humbug? Und ist dieser Humbug nicht folgenreich bis heute geblieben, wie Riess nebenbei berichtet, da sich der von den Habsburgern geraubte Kopfschmuck des Aztekenhäuptlings Montezuma noch immer im Besitz des Wiener Völkerkundemuseums befindet, der täglichen Mahnwache mexikanischer Indios in Wien zum Trotze? Selbst die wildesten Flunkereien von Riess gehören zu der großen Parallelgeschichte, die er der bekannten, verbrieften Geschichte Europas mit Wissen, Witz und Phantasie entgegenstellt.KARL-MARKUS GAUSS
ERWIN RIESS: Der letzte Wunsch des Don Pasquale. Roman. Otto Müller Verlag, Salzburg 2006. 392 Seiten, 22 Euro.
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Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Karl-Markus Gauß weiß, dass der zweite Roman von Erwin Riess von der österreichischen Kritik begeistert gefeiert worden ist und will ihn auch dem deutschen Leserpublikum unbedingt ans Herz legen. In "Der letzte Wunsch des Don Pasquale", in dem ein gelähmter Detektiv die in einer geschlossenen Anstalt festgehaltene, autistische Enkelin des Paten Don Pasquale an dessen Sterbebett bringen soll, mischt der österreichische Autor Krimielemente mit essayistischen Ausflügen in die entferntesten Themen, stellt der Rezensent vergnügt fest. Er zeigt sich vom überbordenden Wissen, das Riess en passant in seiner aberwitzigen Geschichte unterbringt, ziemlich beeindruckt und versichert, dass die Leser eine gleichermaßen unterhaltsame wie lehrreiche Lektüre erwarten können. Zudem könne man sich auf die Details, die der Autor beispielsweise in seinen vielen kleinen Stadtporträts, die der Roman auch noch nebenbei aufbietet, unbedingt verlassen, lobt Gauß. Das gleiche gilt allerdings nicht für seine historischen Enthüllungen, die Riess in seine Geschichte eingestreut hat, warnt der Rezensent, der an der offenkundigen Freude am "Flunkern", die der Autor hier an den Tag legt, seinen Spaß gehabt hat.

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