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Erstmals in der Geschichte des Christentums: Ein Papst zieht die Bilanz seiner Amtszeit
In den Gesprächen, die Papst Benedikt XVI. mit dem Journalisten Peter Seewald kurz vor und nach seinem Rücktritt geführt hat, blicken sie auf das Pontifikat des deutschen Papstes zurück. Nie zuvor hat Benedikt XVI. so offen über die Hintergründe seiner überraschenden Demission und die Erneuerung des Glaubens als das große Thema seines Pontifikats gesprochen, aber auch über kontroverse Themen seiner Amtszeit, etwa das Verhältnis zu Juden und Muslimen/Islam, Vatileaks oder die Affäre um die…mehr

Produktbeschreibung
Erstmals in der Geschichte des Christentums: Ein Papst zieht die Bilanz seiner Amtszeit

In den Gesprächen, die Papst Benedikt XVI. mit dem Journalisten Peter Seewald kurz vor und nach seinem Rücktritt geführt hat, blicken sie auf das Pontifikat des deutschen Papstes zurück. Nie zuvor hat Benedikt XVI. so offen über die Hintergründe seiner überraschenden Demission und die Erneuerung des Glaubens als das große Thema seines Pontifikats gesprochen, aber auch über kontroverse Themen seiner Amtszeit, etwa das Verhältnis zu Juden und Muslimen/Islam, Vatileaks oder die Affäre um die Piusbruderschaft. Und nie zuvor hat dieser Papst so persönlich über seinen Zugang zum Glauben, die gegenwärtigen Herausforderungen für das Christentum und die Zukunft der Kirche Auskunft gegeben. Seine Erinnerungen an die Familie, an wichtige Weggefährten und prägende Ereignisse seines Lebens unterstreichen den besonderen Charakter dieses Buches. Nach den Interviewbüchern "Salz der Erde", "Gott und die Welt" und "Licht der Welt", die Benedikt XVI./Joseph Ratzinger und Peter Seewald veröffentlicht haben und die allesamt Bestseller waren, sind die "Letzten Gespräche" das Vermächtnis des deutschen Papstes, einem der bedeutendsten Denker und Theologen unserer Zeit. Er hat acht Jahre lang die Geschicke des Vatikan geleitet und als Pontifex Maximus an der Spitze der katholischen Kirche mit ihren 1,3 Milliarden Mitgliedern bedeutende Wegmarkierungen gesetzt und wichtige Impulse für die Kirche des 3. Jahrtausends gegeben.

Über den Bestseller "Licht der Welt" notierte die "Süddeutsche Zeitung": "Seewalds Interviewbuch mit dem Papst ist selbstverständlich eine Sensation: So ausführlich hat noch nie ein Papst Rede und Antwort gestanden" (SZ, 20.12.2010).

Benedikt XVI., 1927 als Joseph Ratzinger geboren, war Professor für Theologie, Erzbischof von München und Freising (1977-1982) und Präfekt der Glaubenskongregation (1982-2005), bevor er im Konklave 2005 zum Papst gewählt wurde; 2013 überraschte er die Welt mit seinem Rücktritt.
Peter Seewald, Jahrgang 1954, arbeitete als Journalist für den SPIEGEL, den STERN und das Magazin der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. Er gilt heute als einer der erfolgreichsten religiösen Autoren Deutschlands. Seine bekanntesten Bücher sind neben "Salz der Erde", "Gott und die Welt" und "Licht der Welt" die Werke "Jesus Christus. Die Biografie" und "Gott ohne Volk?" (zus. mit Bischof Stefan Oster).
Empfehlung der bücher.de Redaktion

Letzte Gespräche, Benedikt XVI., Peter Seewald



Mit „Letzte Gespräche“, dem neuen Interview-Band eines der erfolgreichsten religiösen Autoren und Journalisten Deutschlands, Peter Seewald, erhalten die Menschen zum ersten Mal in der Geschichte die Chance, die Gedanken und die Meinung eines (ehemaligen) Oberhaupts der katholischen Kirche, Benedikt XVI., rückblickend auf seine Leistungen und Fehlschläge, Erfolge und Skandale während seiner Amtszeit, in seinen eigenen Worten formuliert, zu lesen.

Benedikt XVI. Letzte Gespräche von Peter Seewald – Entstehung und Kontext



Zur Recherche für die Arbeit an einer Biographie über den nun emeritierten Papst fanden zahlreiche Treffen zwischen dem Autor Peter Seewald und Benedikt XVI., sowohl während dessen Zeit als Kirchenoberhaupt wie auch nach dem Rücktritt von seinem Posten, statt. Das Ergebnis der Gespräche, die während dieser Treffen geführt wurden, liegt nun in „Letzte Gespräche“, dem, wie der Titel bereits vermuten lässt, letzten Buch dieser Art vor.

Doch die beiden verbindet bereits seit Längerem eine gemeinsame Geschichte mit zahlreichen Unterhaltungen, die Peter Seewald in den vorangegangenen Gesprächsbüchern „Salz der Erde“ (1996), „Gott und die Welt“(2000) und „Licht der Welt“(2010) festhielt.

Benedikt XVI. Letzte Gespräche von Peter Seewald – Inhalt



Letzte Gespräche“ ist das wohl persönlichste Buch über das Leben des Joseph Ratzinger, Benedikt XVI.. Offen wie nie zuvor, spricht er über seine Familie und seine Kindheit, die schwere Zeit als Jugendlicher während des Zweiten Weltkriegs und seinem Weg zur Glaubensfindung. Wir erfahren von seinem rasanten Aufstieg innerhalb der katholischen Kirche bis hin zu seiner Ernennung zum 265. Nachfolger des ersten Apostels im Jahr 2005, den Herausforderungen denen er sich in den darauffolgenden acht Jahren zu stellen hatte, sowie seinem Leben und weiteren Wirken im Ruhestand.

Letzte Gespräche“ ist ein faszinierendes Werk über das Leben eines außergewöhnlichen Menschen, der sich selbst aber stets als gewöhnlicher Mann, ja sogar als „kleiner Papst“ sah, und den Wert des Glaubens über alles stellte.

Autorenporträt
Benedikt XVI., 1927 als Joseph Ratzinger geboren, war Professor für Theologie in Bonn, Münster, Tübingen und Regensburg, Erzbischof von München und Freising (1977-1982) und Präfekt der Glaubenskongregation (1982-2005), bevor er 2005 im Konklave zum Papst gewählt wurde; 2013 überraschte er die Welt mit seinem Rücktritt. Peter Seewald, Jahrgang 1954, arbeitete als Journalist für den STERN, den SPIEGEL und das Magazin der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG und ist einer der erfolgreichsten religiösen Autoren Deutschlands. Seine Gesprächsbücher "Salz der Erde", "Gott und die Welt", "Licht der Welt" und "Benedikt XVI - Letzte Gespräche" (Droemer 2016) waren internationale Bestseller. Peter Seewald ist verheiratet und lebt mit seiner Familie in München.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 10.09.2016

Der Blick des Christen geht immer in die Zukunft

Benedikt XVI., der zurückgetretene Papst, gibt in Interviews mit dem Journalisten Peter Seewald noch einmal Auskunft über sein Pontifikat, die Gründe für den Rücktritt, seine Begeisterung für Adenauer - und wie er sich auf seine letzte Begegnung vorbereitet.

Der Titel könnte makaber wirken. Die "Letzten Gespräche", das vierte Buch aus Interviews von Peter Seewald mit Joseph Ratzinger, erscheinen schließlich zu Lebzeiten des emeritierten Papstes. Aber unangemessen ist der Titel nicht. Benedikt XVI. tritt uns nicht als ein Mensch entgegen, der mit dem Leben abgeschlossen hat. Aber sein Leben ist in die Phase der letzten Konzentration eingetreten, geht auf in Vorbereitung auf den Tod.

In einfachsten Worten schildert uns Benedikt die täglichen Verrichtungen eines auf einem Auge erblindeten Greises. Der äußere Radius seiner einst den Erdkreis umspannenden Tätigkeit ist auf eine Wohngemeinschaft im Vatikan geschrumpft, eine Art Klosterzelle. Er schreibt noch, aber keine Bücher mehr, sondern nur noch Predigten für den gleichsam privaten Gebrauch in der Sonntagsmesse vor den Mitbewohnern.

Seewald hat in die Gesprächsprotokolle auch knappe Notizen über nonverbale Regungen seines Gesprächspartners aufgenommen. Dieser firmiert stets als Papst. Das kann irritieren. Benedikts Nachfolger Franziskus hat ihm Papstnamen und -titel im Sinne einer Ehrenbezeigung belassen. Aber wenn der frühere Papst sich wozu auch immer äußert, spricht er nicht mehr als Papst; sein Sekretär hat sich in diesem Zusammenhang gelegentlich in verwirrender Weise eingelassen. Andererseits spricht aus Benedikts persönlichen Mitteilungen seine Auffassung vom Papstamt, und anhand von Angelegenheiten, die jeder Mensch mit sich selbst ausmachen muss, kann vielleicht ganz besonders deutlich werden, wie die Nachfolger des Petrus ihr Amt verstanden haben.

Wie Benedikt berichtet, beschäftigte ihn beim Nachdenken über seinen Rücktrittsplan die Frage, ob er mit dem präzedenzlosen Schritt einer "funktionalistischen" Umdefinition des Papsttums Vorschub leisten würde. Es wäre eine Ironie der Kirchengeschichte, wenn ausgerechnet Ratzinger, der Kritiker der Selbstsäkularisierung der Funktionärskirche, dafür sorgen sollte, dass aus dem Diener der Diener Gottes ein Beamter mit Pensionsberechtigung werden würde. Es ist nicht auszuschließen, dass es entgegen Benedikts Absicht dazu kommt.

Die Diskrepanz zwischen Intentionen und Konsequenzen ist in der Kirche besonders groß, weil die Stabilisierung der Institution durch kontrafaktisches Beharren auf der Normgeltung, die es in jeder Organisation gibt, hier auf der Annahme eines übernatürlichen Fundaments ruht und die Adressaten der kirchlichen Botschaft außerhalb wie innerhalb des Apparats die Personen in ihrer Eigenschaft als Personen sind. Leopold von Ranke konnte die Geschichte der Institution des Papsttums als Geschichte der aufeinanderfolgenden Päpste schreiben, im ironischen Modus.

Über Pius IV., der 1559 mit sechzig Jahren zum Papst gewählt wurde, erzählt Ranke, er sei nach der Genesung von einer als lebensgefährlich eingeschätzten Krankheit aufs Pferd gesprungen, zu dem von ihm als Kardinal bewohnten Palazzo geritten und dort treppauf und treppab gelaufen: ",Nein, Nein!' ruft er, ,Wir wollen noch nicht sterben!'" Benedikt demonstriert eine entgegengesetzte Haltung, wenn er Einblick in den Inhalt seiner täglichen Meditationen gewährt. "Dass ich immer wieder daran denke, dass es zu Ende geht. Das Wichtige ist eigentlich nicht, dass ich mir das vorstelle, sondern dass ich in dem Bewusstsein lebe, das ganze Leben geht auf eine Begegnung zu." Im Tod, so seine Hoffnung, muss sich die Wahrheit enthüllen, in deren Dienst er sein Leben gestellt hat.

Die Hoffnung speist sich aus der Erfahrung, schon vor dem Tod, in Krisen wie in der Routine, Gott begegnet zu sein. Von ihm spricht Benedikt als einer Person im schlichten Wortsinn, nicht anders als von seinen Eltern, Lehrern und Kollegen. Er versichert, dass die Abdankung schon deshalb kein einsamer Entschluss gewesen sei, weil er mit Gott Zwiesprache darüber gehalten habe. Der doppelt persönliche Charakter der priesterlichen Berufung, die von einer Person an eine Person ergeht, ist die dogmatische und nach Benedikts Zeugnis auch die praktische Grenze des Funktionalismus. Benedikt war sich sicher, auch mit der Niederlegung des Amtes im Sinne eines Auftrags zu handeln, der sich in sachlichen Anforderungen nicht erschöpft.

Während des Pontifikats von Johannes Paul II. gab es Vermutungen, Kardinal Ratzinger müsse die charismatische Amtsausfüllung seines Chefs mit Sorge sehen, als Risiko für die durch Formen gewährleistete überindividuelle Kontinuität der Gnadenverwaltung. Benedikt trat auch deshalb zurück, weil er der Kirche die Wiederaufführung des Schauspiels der Hinfälligkeit eines Papstes ersparen wollte. Um diese Entscheidung fällen zu können, musste er allerdings ebenfalls in individualistischer Manier Symptome seiner körperlichen Verfassung als Zeichen des göttlichen Willens dechiffrieren.

Das Leben des Menschen läuft zu auf die Begegnung mit dem lebendigen Gott: In dieser Überzeugung tritt der eschatologische Gehalt der christlichen Botschaft hervor. Vor diesen Horizont muss man auch eine zeithistorische Aussage des 1927 geborenen Altpapstes zur Stimmungslage der unmittelbaren Nachkriegszeit stellen. Er bejaht die Frage des Interviewers, ob die Erfahrung der gottlosen Diktatur Hitlers sein Wirken grundlegend geprägt habe, und muss dann erklären, warum das Dritte Reich nur selten Thema in seinen Schriften ist: "Nun, der Blick geht immer in die Zukunft." Das sagt der Theologe, der im Gespräch mit dem heiligen Augustinus sein Verhältnis zur modernen Philosophie klärte, dessen am Votum des Zweitgutachters beinahe gescheiterte Habilitation die Geschichtstheologie des heiligen Bonaventura behandelt und der im Bemühen um das rechte Verständnis des Zweiten Vatikanischen Konzils eine Hermeneutik des Bruchs bekämpfte.

Der Blick des Christen geht immer in die Zukunft, in jeder Epoche. Das bedeutet in Benedikts Augen aber auch, dass man sich davor hüten muss, die christlichen Politiker unter den Gründern der westdeutschen Republik als Agenten einer aus dem Willen zur Verdrängung geborenen Restauration hinzustellen. Zehn Jahre nach dem Inkrafttreten des Grundgesetzes wurde Ratzinger an die Universität der Bundeshauptstadt berufen. Er kam an einen Ort, wo noch "alles im Anfang" war. "Die Bundesrepublik war noch jung, und in diesem Sinne war auch das Leben an einem Anfangspunkt." Der Neunundachtzigjährige legt ein politisches Bekenntnis ab: "Ich bin nach wie vor ein überzeugter Adenauerianer."

Frappant ist die Begründung: Mit der SPD der Einheit Deutschlands den Vorrang vor der Freiheit zu geben "hätte bedeutet, dass es irgendwann wahrscheinlich Krieg gegeben hätte". Dass Adenauer einen Krieg in Kauf nehme, hielten seine Gegner ihm vor, darunter viele Christen. Der Professor, an dessen Bad Godesberger Wohnung die Dienstlimousine des Kanzlers täglich vorbeikam, erkannte in Adenauers Politik eine Wirkung der christlichen Hoffnung, dass der gegebene Weltzustand nicht der letzte ist.

PATRICK BAHNERS

Benedikt XVI.

mit Peter Seewald:

"Letzte Gespräche".

Droemer Verlag, München 2016. 288 S., geb., 19,99 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Der theologisch bewanderte taz-Redakteur Philipp Gessler ist schrecklich enttäuscht von Benedikt XVI. Hätte der Alt-Papst nur geschwiegen und seinen Ruhestand im Gebet genossen! Stattdessen mutet er dem Rezensenten ein "letztes" Buch zu, das Gessler wirklich für das Letzte hält. Was für den interviewenden Journalisten Peter Seewald ein Coup sein mag, wird für Ratzinger zum spektakulären Fall von Selbstverklärung, schimpft Gessler. Statt Einsicht und Milde nur Frechheiten und Fiesheiten unter der Gürtellinie, meint der Rezensent, etwa gegen Hans Küng oder Karl Lehmann, für die Ratzinger offenbar nur Verachtung übrig habe. Ansonsten werden Popanze konstruiert und alte "Schützengräben" vertieft, so Gessler. Echte Einsichten, wie die über die Schwierigkeit des Glaubens im Alter, bietet das Buch nur sehr wenige, findet er.

© Perlentaucher Medien GmbH
"Das Buch aber ist vor allem ein bewegendes menschliches Zeugnis - mit der offenen und ehrlichen Selbstauskunft eines katholischen Oberhauptes, die es so in der langen Geschichte der Kirche noch nicht gegeben hat." Rheinische Post 20160915

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 05.06.2020

Das Gefäß Gottes
Ehrfurcht und Demut: Peter Seewalds tausendseitige Biografie von
Benedikt XVI. kommt weitgehend ohne Kritik aus
VON RUDOLF NEUMAIER
Peter Seewald, 65, hat ein mehr als tausend Seiten dickes Buch über Papst Benedikt XVI. geschrieben. Bei Gelehrten heißen solche Publikationen, wenn die wissenschaftliche Genialität mit dem Umfang korrespondiert, Opus magnum. Bei journalistischen Autoren, wie Seewald immer einer geblieben ist, wäre das etwas übertrieben. Wohl mit Fug und Recht kann man es aber als Hauptwerk in Seewalds durchaus umfangreichem Ratzinger-Œuvre bezeichnen. Es steckt nicht nur voller Detailwissen über den Werdegang des Oberklerikers und Übertheologen, vielmehr quillt aus jeder Zeile auch Herzblut in einem Maß hervor, dass man als Katholik fast Sünden fürchten müsste, wenn man Kritik übte an dieser Heiligenverehrung.
Keine Frage, eines Tages werden sich Theologen aus der Kongregation für Selig- und Heiligsprechungsprozesse auch mit der Causa Ratzinger, Joseph Aloisius alias Benedikt XVI. zu beschäftigen haben. Denn dass Heilige Väter zur Ehre der Altäre erhoben werden, ist in letzter Zeit üblich geworden – bei Johannes Paul II. hieß es schon wenige Augenblicke nach dem Ableben „santo subito“. Also werden sich die vatikanischen Heiligsprechungsforscher pflichtgemäß auch über Peter Seewalds Ratzinger-Biografie beugen und sie werden darin unter anderem lesen, dass Papst Benedikt XVI. am 11. Februar 2013 morgens in seinem Gemach „mit seinen kleinen Schritten mal hierhin, mal dahin“ trippelte und dass sein Vorvorvorvorvorgänger Pius XII. sich bei offenem Fenster elektrisch rasiert hatte, wobei jeden Morgen ein Singvogel herbeiflog, dem Pius den Kosenamen Gretel gab.
Elektro-Rasierapparat? Pius XII.? Gretel? Auch wenn sich Peter Seewald über die Morgentoilette Benedikts und die Vorlieben bei der Rasur bedeckter hält, muss man staunend anerkennen: Er ist Vatikan-Insider. Oft gibt er den Anschein, als wäre er physisch zugegen gewesen, wenn er Geschehnisse anschaulich macht. Da geht dem Reporter gern mal die Fantasie durch. Letztlich muss man darauf vertrauen, dass er über tragfähige Kenntnisse verfügt, wenn er seinen szenischen Kapiteleinstieg mit den kleinen Trippelschritten in diese Einschätzung münden lässt wie in eine Pointe: „Es ist der schwerste Tag in seiner achtjährigen Amtszeit. Vielleicht sogar der schwerste im Leben.“
Am 11. Februar 2013, einem Rosenmontag, verkündete Benedikt XVI. seine Demission. Welche Gründe ihn wirklich zu dieser seinerzeit sensationellen Entscheidung motivierten, was ihm die Kraft raubte, der anstrengenden Arbeit weiterhin nachzugehen, bleibt auch in diesem Wälzer des Haus- und Hofjournalisten Seewald im Dunkeln. Seewald gibt dem Skandal um den Kammerdiener Gabriele viel Gewicht, der geheime Dokumente aus dem päpstlichen Büro in die Öffentlichkeit schmuggelte. Aber dieses Episödchen kann unmöglich einen Fels ins Wanken gebracht haben, auf den die Kirche gebaut war.
Am Ende waren womöglich die Medien schuld. Seewald schreibt zu Beginn des 71. von 74 Kapiteln: „Es war nicht zu übersehen, dass sich das durch die Medien geprägte Image des Papstes zum entscheidenden Problem des Pontifikats entwickelt hatte.“ Die Frage, was zuerst da war, die Arroganz der Kirche oder die Ignoranz der Medien, das Huhn oder das Ei, diese Frage ist bislang weder dogmatisch noch fundamentaltheologisch hinreichend beantwortet. Seewald blendet sie in seinem phasenweise erbaulichen Heldenepos aus.
Joseph Ratzinger ist eine Erscheinung, vor der Ehrfurcht haben kann, wer zur Demut gegenüber Koryphäen fähig ist. Von Startheologen wie Hans Urs von Balthasar bis hin zu Kommilitonen wie Josef Finkenzeller bietet Seewald jeden auf, der die Genialität und die Integrität Ratzingers bezeugen kann. Trotz oder gerade wegen seines Heiligvatertums, das er mit Gewändern und Zeichen, mit barocken Äußerlichkeiten zelebrieren ließ, hätte dieser Gottesdenker eine kritischere Biografie verdient. Ob der Emeritus aus dem Kloster Mater Ecclesiae etwas anfangen kann mit Seewalds panegyrischem Werk? Andererseits weiß man, und die Lektüre bestätigt es, dass Joseph Ratzinger stets loyal zu allen war, die seine Ansichten vertraten und ihm schmeichelten. Wenn in Seewalds Hagiografie überhaupt so etwas wie eine zarte Bemängelung von Fehlern vernehmbar ist, dann sind es diese auf Zitate gestützten Befunde.
Den Ratzinger-Schüler und Judaistik-Professor Peter Kuhn lässt er sagen, Benedikts Schwäche liege „einfach in der Auswahl seiner Mitarbeiter. Das war schon immer so“. Ein ehemaliger Mitarbeiter der Bildungskongregation attestiert dem Papst eine „gewisse Eigenbrötelei, die er schon als Schüler an sich entdeckte. Eine gewisse Unbeholfenheit ist geblieben“.
Joseph Ratzinger und sein Bruder Georg stammen aus einer Priestergeneration, die im Wesentlichen vom Glauben geprägt ist, der geweihte Geistliche sei ein Gefäß Gottes. Wer dieses Selbstverständnis nicht in aller Gebühr zu respektieren weiß, gilt ihnen als ungeistig. Oder, noch schlimmer, als ein dem widerlichen Zeitgeist verfallenes Subjekt. Dass auch Gefäße Gottes menschliche Schwächen aufweisen und sogar monströse Taten begehen können, passt nicht in ihr frommes Weltbild. Symptomatisch ist Georgs Verhalten, als er in seiner Eigenschaft als Regensburger Domkapellmeister von brutalen Übergriffen eines Priesters in der Domspatzen-Vorschule erfährt. Er unternimmt nichts, er lässt es geschehen. Seewald erwähnt das der Vollständigkeit halber.
Ähnlich wie bei Georg ist es bei seinem Bruder Joseph, als er als Erzbischof in München waltet. Aus der Diözese Essen wird in seinem Episkopat ein pädophiler Priester übernommen. In Oberbayern sollte dieser Mann erneut Kinder sexuell missbrauchen. Laut Seewald wusste Ratzinger nichts vom weiteren Einsatz des Priesters in der Seelsorge – und folglich auch nichts von weiteren Übergriffen. Nach neueren Recherchen des Journalisten-Netzwerks Correctiv.org hätte ihm dies jedoch keineswegs entgehen dürfen – wenn ihn diese Angelegenheit interessiert hätte. Näheres dazu dürfte man wahrscheinlich in anderen Ratzinger-Biografien erfahren.
Für Peter Seewald sind solche Recherchen Teil einer Kampagne. Bei ihm liest es sich, als sei Ratzinger Opfer eines Komplotts seines Lebensantipoden Hans Küng, dem Tübinger Theologen, dem die Kirche die Lehrbefugnis entzog, mit den Medien – allen voran mit dem Spiegel, aber auch mit den TV-Sendern und mit der Süddeutschen Zeitung.
Seewald, der ehemalige Redakteur von Spiegel, Stern und SZ-Magazin und nun längst bekehrte Autor, zitiert Überschriften von Artikeln, mit denen die Meute seinen Protagonisten über die Jahrzehnte die Medienhölle auf Erden bereitete. Immer wurde er übelst missdeutet, und immer wurde nur das aus seinen Ansprachen exzerpiert, was sich für Bloßstellungen eignete. Meint Seewald. Wird die Nachwelt seine Sichtweise teilen, so ist Benedikt XVI. später einmal als katholischer Märtyrer zu verehren.
Es ist schon seltsam: Auf der einen Seite wird Ratzinger allenthalben für die Schönheit und Klarheit seiner Sprache vergöttert und für die Poesie seiner Worte. Auf der anderen Seite haben viele seiner Äußerungen Menschen brüskiert oder zumindest irritiert, sie boten Angriffs- und Interpretationsmöglichkeiten. Wie geht das zusammen? Womöglich hat sich der verkörperte Anti-Zeitgeist doch nicht klar und unmissverständlich genug artikuliert.
Peter Seewald hat recherchiert, wie er es als Magazinjournalist gelernt hat, und das Material gesammelt. Es würde nicht verwundern, wenn sein Ratzinger-Archiv schon ein ganzes Einfamilienhaus füllte. In seinem Buch gibt er alles von dem preis, was er von Ratzinger hält: Er verehrt ihn uneingeschränkt. Doch es kommt der Verdacht auf, dass Seewald über manches vatikanische Netzwerk besser Bescheid weiß, als er zugibt – und diskret schwieg. Aus Rücksicht? Aus Ergebenheit?
Die Biografie des Joseph Ratzinger, der Papst Benedikt XVI. wurde, ist noch lange nicht zu Ende erzählt. Es sind noch zu viele Fragen offen. Und zum Glück lebt Benedikt noch, und der liebe Gott möge diesem bescheidenen Gottesdiener noch viele glückliche Tage auf Erden bescheren.
Peter Seewald: Benedikt XVI. Ein Leben. Droeme Verlag, München 2020. 1150 Seiten, 38 Euro.
Oft hat man den Eindruck, der
Autor wäre in der Papstwohnung
physisch zugegen gewesen
Ein ehemaliger Mitarbeiter
attestiert dem Papst
eine „gewisse Eigenbrötelei“
Ratzinger wird für seine Klarheit
vergöttert, aber
trotzdem häufig missverstanden
Wenn sich die Theologen eines Tages mit der Heiligsprechung von Benedikt XVI. beschäftigen, werden sie in Peter Seewalds Buch reichlich Anschauungsmaterial finden.
Foto: Patrick Seeger / dpa
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