Agenten der Bilder - Vowinckel, Annette

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Wie verändert der Ansturm der Bilder im 20. Jahrhundert politisches Handeln und Öffentlichkeit?
Fotografiegeschichte wird oft als Geschichte der Bilder geschrieben. Wer aber fotografiert unter welchen Bedingungen und für wen? Wer wählt Fotografien zur Publikation aus (und verwirft oder zensiert andere), und wer nutzt sie zu welchem Zweck? Annette Vowinckel beschreibt die an der Bildproduktion beteiligten Berufsgruppen der Fotojournalisten und Bildredakteure als 'Agenten der Bilder'. Sie zeigt, wie im vergangenen Jahrhundert Fotografien im öffentlichen Raum als Argumente eingesetzt wurden,…mehr

Produktbeschreibung
Wie verändert der Ansturm der Bilder im 20. Jahrhundert politisches Handeln und Öffentlichkeit?

Fotografiegeschichte wird oft als Geschichte der Bilder geschrieben. Wer aber fotografiert unter welchen Bedingungen und für wen? Wer wählt Fotografien zur Publikation aus (und verwirft oder zensiert andere), und wer nutzt sie zu welchem Zweck?
Annette Vowinckel beschreibt die an der Bildproduktion beteiligten
Berufsgruppen der Fotojournalisten und Bildredakteure als 'Agenten der Bilder'. Sie zeigt, wie im vergangenen Jahrhundert Fotografien im öffentlichen Raum als Argumente eingesetzt wurden, welche unterschiedlichen Verwendungen Fotografie in der freien Presse, in staatlichen Organisationen, in Armeen und im politischen Diskurs fanden. Dabei hinterfragt sie auch, welche Rolle ethische und editorische Entscheidungen spielten. Anhand konkreter Beispiele - wie etwa Fotografien von Politikern oder aus dem Vietnamkrieg - erläutert die Historikerin, wie sich deren Verwendung über Landes-, Sprach- und Systemgrenzen hinweg auf die Formation visueller Öffentlichkeiten im 20. Jahrhundert auswirkte.
  • Produktdetails
  • Visual History. Bilder und Bildpraxen in der Geschichte Bd.2
  • Verlag: Wallstein
  • Seitenzahl: 464
  • Erscheinungstermin: 5. September 2016
  • Deutsch
  • Abmessung: 246mm x 174mm x 38mm
  • Gewicht: 1257g
  • ISBN-13: 9783835319264
  • ISBN-10: 3835319264
  • Artikelnr.: 45010807
Autorenporträt
Annette Vowinckel, geb. 1966, leitet die Abteilung für Mediengeschichte am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und ist Privatdozentin am Institut für Geschichtswissenschaft der HU Berlin. Veröffentlichungen u. a.: Fotografien im 20. Jahrhundert. Verbreitung und Vermittlung (Mithg., 2013).
Rezensionen
Besprechung von 29.11.2016
Gefährliche
Bilder
Annette Vowinckel analysiert
brillant die politische Fotografie
Bereits im Jahr 1963 stellte der von Legenden umwobene österreichische Journalist Karl Pawek (1906-1983) die These vom „Optischen Zeitalter“ auf. Es dauerte aber noch mindestens zwanzig Jahre, bis die Sozial- und Kulturwissenschaften erkannten, worüber diktatorische Regimes ebenso lange Bescheid wussten wie kritisch-aufklärerische Fotografen und demokratische Politiker: die komplex-diffuse Macht von Bildern und die Möglichkeiten, diese einzusetzen.
  Politische Theorien und Analysen kamen lange ohne Bilder aus. Die Zeithistorikerin und Medienforscherin Annette Vowinckel beleuchtet in ihrem fast 500 Seiten starken Buch die verschlungenen Wege zur Einsicht, wie unhaltbar das war. Sie nähert sich dem Thema von der praktischen Seite her. Das heißt, sie untersucht nicht die Geschichte der jahrhundertealten Ignoranz gegenüber dem Bild und auch nicht die These von der Überlegenheit der Sprache gegenüber dem Bild. Daran ist nicht zu rütteln: Jede Fotografie, und sei sie noch so manipulationsfrei, spricht nicht durch sich selbst, sondern muss erst dechiffriert werden. Fotos sind angewiesen auf Antworten zu folgenden Fragen: Wer hat wann, wo, unter welchen Umständen und in wessen Auftrag oder Interesse und mit welchen Absichten und Methoden ein Foto gemacht? Weil Zeugen dafür fehlten, konnten Fotografien etwa in NS-Prozessen nur eine marginale Rolle spielen. Bilder allein schaffen nur selten gerichtsfeste Evidenz.
  Annette Vowinckel dokumentiert die Produktion von Fotos und Kriegsfotos durch Fotojournalisten, Bildredaktionen, Bildagenturen, Zensoren und andere staatliche Institutionen in der Zeit vom Ersten Weltkrieg bis in die Gegenwart. Die Kontexte dieser Bildproduktion sind so unterschiedlich wie die Herkunft und Ausbildung der Macher. Private und staatliche Bildagenturen handelten in Demokratie und Diktaturen ähnlich, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven. Aber es gibt -außer kulturellen Differenzen auch strukturelle Muster, gemeinsame professionelle Standards und alltägliche Zwänge in der fotojournalistischen Praxis. Die Autorin beschreibt ein buntes Mosaik anhand von Bildquellen aus russischen, japanischen, amerikanischen und europäischen Archiven. Das Ergebnis ist be-achtlich, überraschend und gelegentlich schlicht sensationell.
  In der DDR etwa, die als Überwachungs- und Zensurstaat gilt, gab es unter den 55 Gutachten zu Fotobüchern, die Annette Vohwinckel analysierte, ein einziges negatives. Zumindest in dieser Diktatur galt die Wirkungsmacht von Bildern also als „eher gering“. Die USA dagegen zogen aus dem Desaster fast freier Bildberichterstattung über den Vietnamkrieg, in dem sie eine Zensur militärisch relevanter Bilder schon allein deshalb nicht einführen konnten, weil sie dort angeblich gar keinen Krieg führten, die Konsequenz, in zukünftigen Kriegen nur noch „eingebettete“ oder gar keine Foto- und Filmberichterstattung zuzulassen. Hier sah man Bilder also als Gefahr.
  Annette Vowinckel ist ein großer Wurf gelungen, mit dem sie postmoderne Plattitüden und Vereinfachungen zur Bildproduktion kritisiert. So meinte etwa der Flensburger Historiker Gerhard Paul, der Krieg sei „vor allem ein Anschlag auf die Wahrnehmung“. Paul verwechselt dabei Krieg mit dem „Krieg“ aus dem Fernseh-apparat.
RUDOLF WALTHER
Im Zensurstaat DDR
galt die Wirkmacht von
Fotografien als eher gering
Annette Vowinckel:
Agenten der Bilder.
Fotografisches Handeln im
20. Jahrhundert.
Reihe: Visual History.
Bilder und Bildpraxen in
der Geschichte, Band 2.
Wallstein-Verlag,
Göttingen 2016.
480 Seiten, 34,90 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Besprechung von 31.05.2017
Der naive Glaube von der Manipulierbarkeit
Zirkulierende Bilder: Die Historikerin Annette Vowinckel widmet sich der Frage, wie Fotojournalismus funktioniert

Die letzte Aufnahme des Kriegsfotografen Robert Capa zeigt einen französischen Konvoi, der sich im Mai 1945 auf die indonesische Stadt Thai Binh im Delta des Roten Flusses zubewegt. Verglichen mit Capas berühmten Bildern wie dem Foto des im spanischen Bürgerkrieg zu Boden stürzenden Soldaten oder den Aufnahmen von der Landung der Alliierten in Omaha Beach, wirkt das Foto aus dem Indochina-Krieg eher unspektakulär. Seine Besonderheit erhält es durch einem Umstand, der im Bild selbst nicht zu sehen ist, der, sobald man von ihm weiß, aus dem Anblick des Fotos aber nicht mehr wegzudenken ist: Es ist das letzte Bild des Fotografen, wenige Minuten nachdem er den Auslöser der Kamera betätigt hatte, starb Capa am Schauplatz der Aufnahme. Um sich einen besseren Überblick zu verschaffen, war er einen Grashügel hinaufgestiegen und trat dort auf eine Landmine.

Die Geschichte hält alle Elemente bereit, mit denen man Leben und Sterben der großen Kriegsfotografen des zwanzigsten Jahrhunderts immer wieder beschrieben hat: die Aura des Abenteurers, die allgegenwärtige Gefahr, der einsame Tod auf einem Schlachtfeld. Diese Mythisierungen sind nicht einfach falsch, aber doch einseitig und verkürzend, denn sie lassen vergessen, wie sehr die Arbeit der Fotojournalisten in ein Netzwerk aus Akteuren und Institutionen eingebunden war. Bekannt sind die großen Einzelnen, die wie Capa, Lee Miller oder James Nachtwey mit ihren Bildern das Bildgedächtnis des Krieges bestimmen, wenig aber weiß man über die Arbeit der Bildredakteure, staatlichen Zensurbehörden und Presseorgane, die an der Zirkulation der Bilder entschieden mitwirken.

Es ist das große Verdienst der Historikerin Annette Vowinckel, die Arbeit dieser "Agenten der Bilder" im zwanzigsten Jahrhundert analysiert zu haben. Sie dokumentiert die Anfänge und Veränderungen der bildjournalistischen Praxis, von einer Zeit, als die amerikanische Nachrichtenagentur Associated Press ihre Fotos mit Brieftauben und per Eisenbahn übermittelte, bis zur heutigen Praxis, bei der auf den Monitoren der Bildredakteure täglich Tausende von Nachrichtenfotos eintreffen, deren Überschuss nur mit klaren Auswahlkriterien zu bewältigen ist. Man erfährt in diesem lesenswerten Buch auch vieles über die Herausbildung der Profession des Bildjournalisten, zu der man nicht selten über das erzwungene Schicksal des Migranten und ein autodidaktisches Studium kam wie beispielsweise Gisèle Freund, die als Jüdin Deutschland verlassen musste und sich ihr Studium in Paris durch Fotoreportagen finanzierte.

Erfreulicherweise macht die Autorin die routinierte Rede von der sozialen Konstruiertheit sämtlicher Fotografien nicht mit. Der naive Glaube an die Objektivität der Fotografie ist längst dem nicht weniger naiven Glauben an ihre restlose Manipulierbarkeit gewichen. Die unbestreitbare Existenz von Fälschungen, so erinnert Vowinckel zu Recht, ist kein Grund, der Fotografie ihr dokumentarisches Potential prinzipiell abzusprechen - "ebenso wenig wie Fälle von Steuerhinterziehung die Idee der Steuerfinanzierung in Frage stellen". Erhellend ist Vowinckels Schilderung der sehr unterschiedlichen Selbstdarstellungen der Kriegsfotografen.

Während James Nachtwey darüber nachdenkt, dass er dem Krieg und seinen Grausamkeiten die Legitimation seiner Arbeit verdankt, sieht sein Kollege Christopher Morris solche Selbstzweifel als sentimentalen Humanismus, der nur mühsam kaschiert, dass es auch im Bildjournalismus um die Produktion marktfähiger Bilder geht und dass Fotografien ohnehin nichts an der Wirklichkeit des Krieges ändern. Ähnlich vielgestaltig ist auch die Rezeption der Bilder. Während die amerikanische Antikriegsbewegung 1969 die Dokumentation eines Massakers der amerikanischen Armee an der Zivilbevölkerung Südvietnams zum Motiv einer Posterkampagne gegen den Krieg machte, brachten dieselben Bilder dem Fotografen den Vorwurf einer militärischen Untersuchungskommission ein, sie seien der sichtbare Beweis, dass er keinerlei Versuch gemacht habe, die Taten zu verhindern.

Mitunter hätte man sich gewünscht, ein wenig mehr über die Eigenart der Bilder zu erfahren, deren Zirkulationswege im Buch beschrieben werden. Dass die Autorin ihre Aufgabe als Historikerin weniger in der Deutung von Bilder als in der Rekonstruktion ihrer Handhabung sieht, ist im Text plausibel begründet. Und doch erscheint die kategorische Trennung zwischen Bild und Bildhandeln mitunter künstlich und eher einer akademischen Konvention als den beschriebenen Phänomenen selbst geschuldet. Ebenso wenig wie ein Foto aus sich selbst heraus und ohne das Netz seiner Relationen wirksam wird, lassen sich die Handlungen, die es mitbestimmen, isoliert betrachten.

In ihren Überlegungen zur "fotografischen Subversion in der DDR" deutet Vowinckel diesen Zusammenhang selbst einmal an. In der Serie "Das Denkmal" zeigt die Fotografin Sibylle Bergemann das Ost-Berliner Marx-Engels-Denkmal in verschiedenen Stadien vor seiner endgültigen Aufstellung. Die Aufnahmen zeigen das Denkmal als Gipsmodell noch ohne Köpfe oder auch Friedrich Engels gefährlich haltlos an einem Kran in der Luft schwebend. Der Grund, warum diese ambivalenten Bilder nicht beanstandet wurden, so die Autorin, sei entweder das Versagen der Kontrollinstanzen der DDR, die zwar ideologisch, aber nicht visuell geschult gewesen seien, oder die Unmöglichkeit, den Bildern ihr Autorität zersetzendes Potential stichfest nachzuweisen. Beide Deutungen sprechen für das Potential der Bilder, ihre Agenten hier einmal handlungsunfähig zurückzulassen.

PETER GEIMER

Annette Vowinckel: "Agenten der Bilder". Fotografisches Handeln im 20. Jahrhundert.

Wallstein Verlag, Göttingen 2016. 480 S., Abb, geb., 34,90 [Euro].

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