Über die Demokratie in Amerika - Tocqueville, Alexis de
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Im ersten Band beschäftigt sich Tocqueville insbesondere mit der Soziologie des US-amerikanischen Staats. Er analysiert nicht nur die Struktur des Bundesstaats, sondern auch den Aufbau der Einzelstaaten, die er als Ergebnis ihrer ethnisch-geografischen und historischen Voraussetzungen beschreibt. Er setzt sich mit der Allgewalt der Mehrheit in der US-amerikanischen Demokratie auseinander, die er als die größte Gefahr für das Staatswesen betrachtet. In diesem Zusammenhang hebt er u. a. die Bedeutung des unabhängigen Rechtswesens hervor. Mit dem 1840 publizierten zweiten Band beabsichtigt…mehr

Produktbeschreibung
Im ersten Band beschäftigt sich Tocqueville insbesondere mit der Soziologie des US-amerikanischen Staats. Er analysiert nicht nur die Struktur des Bundesstaats, sondern auch den Aufbau der Einzelstaaten, die er als Ergebnis ihrer ethnisch-geografischen und historischen Voraussetzungen beschreibt. Er setzt sich mit der Allgewalt der Mehrheit in der US-amerikanischen Demokratie auseinander, die er als die größte Gefahr für das Staatswesen betrachtet. In diesem Zusammenhang hebt er u. a. die Bedeutung des unabhängigen Rechtswesens hervor. Mit dem 1840 publizierten zweiten Band beabsichtigt Tocqueville, allgemeine Züge demokratischer Gesellschaften zu zeichnen, von denen bis dahin noch kein vollständiges Modell existierte. Er versucht, zur universellen Problematik einer demokratischen Weltordnung vorzudringen, wobei ihm die Demokratie in den USA lediglich als Folie dient. Dabei analysiert er Probleme, die auch in der Gegenwart nicht an Aktualität verloren haben, wie z. B. das Spannungsverhältnis zwischen den Prinzipien Gleichheit und Freiheit.
  • Produktdetails
  • Reclam Universal-Bibliothek Nr.8077
  • Verlag: Reclam, Ditzingen
  • Bibliogr. erg. Ausg.
  • Erscheinungstermin: Januar 1985
  • Deutsch
  • Abmessung: 147mm x 98mm x 17mm
  • Gewicht: 172g
  • ISBN-13: 9783150080771
  • ISBN-10: 3150080770
  • Artikelnr.: 02592312
Autorenporträt
Alexis de Tocqueville war einer der wichtigsten politischen Denker seiner Zeit. Seine Schriften, allen voran sein Hauptwerk "Über die Demokratie in Amerika", werden bis heute in Politikwissenschaft und Soziologie intensiv rezipiert. Mit seinen Reiseberichten aus Amerika und Algerien begründete er die vergleichende Politikwissenschaft.
Rezensionen
"Ein wunderbar hellsichtig-analytisches Buch, faszinierend durch seine Einsichten in die Natur des Menschen und der von ihm veranstalteten Politik, von geradezu prophetischer Qualität, was die Entwicklung der Demokratie und ihrer inwendigen Gefährdungen anbelangt - immerhin erschien die Erstauflage bereits 1835." -- Kölner Stadt-Anzeiger

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 14.04.2004

Diszipliniert

Das Buch von Alexis de Tocqueville über die "Demokratie in Amerika" gilt bis heute als eine der besten, wenn nicht immer noch als die beste Untersuchung über ihren Gegenstand. Immer wieder werden seine Antworten auf die großen Fragen behandelt, die mit den demokratischen politischen Institutionen zusammenhängen. Man übersieht dabei, daß in dem weniger bekannten zweiten Band des Werkes viele Phänomene des amerikanischen Alltags diskutiert werden, von der Religion bis zu den öffentlichen Umgangsformen und den häuslischen Gewohnheiten.

Die Beschreibung einer Gesellschaft, die so umfassend angelegt ist wie die Tocquevilles, scheint wie beiläufig Einsichten in die unspektakulärsten Verhaltensweisen abzuwerfen. Bei Tocqueville muß dies um so merkwürdiger erscheinen, als er ja keinen Roman über Amerika schreiben und nicht einmal so etwas wie eine beschreibende Soziologie der Vereinigten Staaten geben wollte. Statt dessen sehen wir den Verfasser darum bemüht, Formeln nicht nur für die politischen Strukturen, sondern auch für die Verhaltensweisen zu finden. Das Erstaunliche ist, daß manche dieser Formeln noch heute als Hinweis auf die Eigenheiten der Amerikaner gelesen werden können.

So benutzte Tocqueville für das Verhalten der Amerikaner im Alltag einen Schlüssel, den man auch heute noch im Schloß umdrehen kann, wenn man etwa die sprichwörtliche Freundlichkeit oder Hilfsbereitschaft der Amerikaner verstehen will: "Die Demokratie schafft kein starkes Band zwischen den Menschen, aber sie erleichtert ihren Umgang miteinander." Heute würde man an die ständige Aufmerksamkeit denken, die das Alltagsleben begleitet, die Freundlichkeit, die wie ein Schmiermittel den flüchtigsten Begegnungen zugeführt wird, aber auch an die Flüchtigkeit und Unpersönlichkeit der Kontakte, zu denen es im Alltag kommt.

Gewiß beruhte Tocquevilles Axiom über das demokratische Verhalten auf einer Vielzahl von Beobachtungen, die jedoch weniger durch schlichte Empirie als durch seine eigene Erziehung in der aristokratischen Gesellschaft Frankreichs Prägnanz gewannen. Die Unterschiede konnten größer nicht sein: hier die Befangenheit der unteren gegenüber den oberen Klassen, die Absonderung der Vergnügen der einen von denen der anderen, nicht zu vergessen der unüberbrückbare Abstand zwischen Reich und Arm - und dort eine Gesellschaft, deren Mobilität und Durchlässigkeit schon in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts nicht zu übersehen war, bei der vor allem das durchgängige Gleichheitsbewußtsein auf das Verhalten durchschlug.

Tocqueville wäre nicht der Institutionentheoretiker, als der er berühmt wurde, wenn er nicht das elementare Verhalten als Institution im kleinen gesehen hätte. Auch und gerade die Gleichheit bedarf ihrer ständigen Bekräftigung im alltäglichen Umgang, sonst wird sie bald abstrakt wie andere Organisationsprinzipien einer Gesellschaft. Im Unterschied zu einer Despotie muß die demokratische Gleichheit gelebt und geglaubt werden. Daraus ergibt sich der institutionelle Aspekt der Freundlichkeit der Amerikaner, den Tocqueville nicht übersehen hat: Sie ist eine demokratische Konvention, ähnlich den Distanztechniken innerhalb der aristokratischen Gesellschaft. Und deswegen handelt es sich weniger um einen spontanen Gefühlsausdruck als um in ihrer Weise strenge Verhaltensregeln.

Für Tocqueville bedarf eine egalitäre Gesellschaft, die sich selbst regieren will, einer moralischen Disziplin, die im Bewußtsein des einzelnen verankert ist. Die Bürger, so hat Raymond Aron dies erläutert, unterwerfen sich dieser Disziplin nicht aus Furcht vor Strafe, sondern freiwillig, sie hängt sogar mit ihren religiösen Überzeugungen zusammen. Vielleicht ist sie auch Ausdruck einer anderen Art von Glauben: des Glaubens der Gesellschaft an sich selbst. Was an diesen Erklärungen und Beobachtungen bis heute richtig zu sein scheint, dürfte das Doppelantlitz von Freundlichkeit und Disziplin sein. Die Freundlichkeit des Umgangs durchzieht den Alltag wie ein strenges Reglement, sie wirkt viel weniger persönlich und ist viel weniger zufällig als die Freundlichkeit hierzulande oder besser: die im Alltag viel auffallendere Unfreundlichkeit.

Die Unterschiede des Alltagsverhaltens in demokratischen Ländern Europas und in den Vereinigten Staaten werden gewöhnlich der Mentalität der jeweiligen Bevölkerung zugeschrieben: Die Amerikaner sind freundlich, die Deutschen unfreundlich. Es gibt aber kein Gesetz, das Nationen oder ihren Angehörigen Charaktereigenschaften vorschreiben könnte. Wenn sich Mentalitätsunterschiede bei gleichen oder ähnlichen politischen Institutionen behaupten, dann hängt dies wohl mehr von der Art der Verwirklichung im einen oder andern Fall ab, vor allem aber von der Prägung der einzelnen durch die politischen Institutionen.

Wieviel stärker als in europäischen Demokratien auch heute noch die demokratische Prägung der amerikanischen Gesellschaft ist, wird an der nicht zu übersehenden egalitären oder demokratischen Disziplin in vielen Lebensbereichen sichtbar. Zu den auffallendsten Phänomenen zählt zweifellos die sogenannte "political correctness": Daß man durch explizite Sprachregelungen strittige Probleme der Gesellschaft glaubt lösen zu können, ist selbst ein urdemokratischer Gedanke, der zu seiner Verwirklichung nichts anderes als eine egalitäre Disziplin voraussetzt - die Bereitschaft, sich Konventionen und Sprachregelungen zu beugen, weil sie einem demokratischen Konsens entsprungen sind. Auch hier, wie im freundlichen Umgang des Alltags, glaubt die Gesellschaft sich durch sich selbst erlösen zu können.

HENNING RITTER

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