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Dietmar Dath, "der produktivste und radikalste Schriftsteller Deutschlands" (Thomas Lindemann, Die Welt) über die revolutionäre Demokratin Rosa Luxemburg

Produktbeschreibung
Dietmar Dath, "der produktivste und radikalste Schriftsteller Deutschlands" (Thomas Lindemann, Die Welt) über die revolutionäre Demokratin Rosa Luxemburg
  • Produktdetails
  • Suhrkamp BasisBiographie Bd.35
  • Verlag: Suhrkamp
  • Artikelnr. des Verlages: 18235
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 152
  • Erscheinungstermin: 25. Januar 2010
  • Deutsch
  • Abmessung: 191mm x 120mm x 10mm
  • Gewicht: 192g
  • ISBN-13: 9783518182352
  • ISBN-10: 3518182358
  • Artikelnr.: 23864904
Autorenporträt
Dath, Dietmar
Dietmar Dath, 1970 geboren, ist Autor und Übersetzer. Er war Chefredakteur der Zeitschrift Spex und von 2001 bis 2007 Feuilletonredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, seit September 2011 ist er dort Filmkritiker. Dietmar Dath veröffentlichte fünfzehn Romane, außerdem Bücher und Essays zu wissenschaftlichen, ästhetischen und politischen Themen, darunter die Streitschrift Maschinenwinter (2008) und die BasisBiographie Rosa Luxemburg (2010). Jüngst ist Dietmar Dath auch als Dramatiker und Lyriker in Erscheinung getreten. Er lebt in Freiburg und Frankfurt am Main.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 14.03.2010

Tat und Traktat

Eine Biographie und ein Bilderbuch - Dietmar Dath schreibt über Rosa Luxemburg und über den langen, langen Weg zum Klassenbewusstsein

Als Karl Kraus über einen Brief, den Rosa Luxemburg im Dezember 1917 aus dem Frauengefängnis in Breslau an Sonja Liebknecht geschrieben hatte, sagte, man solle diesen Brief in den Schullesebüchern den aufwachsenden Generationen überliefern, um der Jugend die Ehrfurcht vor der Erhabenheit der menschlichen Natur einzuflößen, war er guten Mutes. Luxemburg hatte aus der Zelle geschrieben: "Die tiefe nächtliche Finsternis ist so schön und weich wie Samt, wenn man nur richtig schaut." Und auch das Knirschen des Sandes unter den Schritten der Schildwache sang ihr "ein kleines schönes Lied vom Leben, wenn man nur richtig zu hören weiß".

Die Kraft zur Bejahung in der Ohnmacht - Luxemburg saß zum Zeitpunkt des Briefes bereits drei Jahre in Breslau ein - war es, die Karl Kraus als so bemerkenswert empfand. Der Brief gehört zu der Sammlung, die unter dem Titel "Briefe aus dem Gefängnis" bekannt geworden sind und zum Schönsten gehören, was in deutscher Sprache in den Jahren des Ersten Weltkriegs geschrieben worden ist. Dieser Meinung ist auch Dietmar Dath in seiner gerade in der Reihe "Basis-Biographien" bei Suhrkamp erschienenen Rosa-Luxemburg-Monographie.

Dath beginnt allerdings mit einem anderen Kraus-Zitat. Nachdem Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht am 15. Januar 1919 durch Soldaten festgenommen, misshandelt und ermordet worden waren, hatte sich auch eine Gutsbesitzerin zu Wort gemeldet. In einem spöttischen Nachruf auf die Ermordete glaubte die Dame bedauern zu müssen, dass Luxemburg nicht Gärtnerin oder Tierschützerin gewesen sei, weil sie sich und anderen auf diese Weise viel Leid hätte ersparen können. Kraus' Antwort darauf: Gott möge der Menschheit den Kommunismus erhalten, "damit dieses Gesindel, das schon nicht mehr ein noch aus weiß vor Frechheit, nicht noch frecher werde. Damit ihnen wenigstens die Lust vergehe, ihren Opfern Moral zu predigen, und der Humor, über sie Witze zu machen!"

Der Kommunistin Luxemburg setzt Dath den Pazifisten Kraus an die Seite, um der Sache, um die es geht, die Veränderung der Verhältnisse von der Wurzel her, auch in der Sprache den notwendigen Zorn zu erhalten. Wer heute, nach Auschwitz, Hiroshima und anderen Katastrophen, den Kommunismus erhalten will, kommt mit kleinen Schritten und kosmetischen Veränderungen nicht weit. Über die "Große Erzählung", von deren vermeintlichem Ende man immer wieder lesen kann, ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Für Dath ist die wiedererwachte Neugier an Rosa Luxemburgs Denken ein Indiz dafür, dass die Linke gerade auf dem Weg ist, sich von den schweren Niederlagen des vergangenen Jahrhunderts zu erholen.

Wenn schon Antonio Negri und Michael Hardt, die meistgelesenen unter den aktuellen Versuchen, die "Große Erzählung" weiterzuführen, Luxemburg als Theoretikerin des Imperialismus aktueller finden als Lenin, muss ja etwas dran sein. Mit Negri und Hardt, die Dath "modische Globalisierungskritiker" nennt, hat man aber auch seine Gegner unter den Linken im Visier. Dath versteht sich als Kommunist in der bolschewistischen Tradition. Zu der gehört Lenin auf alle Fälle, und die Geschichte der Sowjetunion ist ein praktischer Bestandteil des Versuchs, die kapitalistischen Geschäftsgrundlagen zu destabilisieren, wie Dath schreibt. Ein Argument für Lenin ist, dass die russische Revolution siegreich war. Das ist ganz im Sinne der hegelschen Geschichtsphilosophie gedacht: Der Sieg verifiziert die Tat. Die Niederlage falsifiziert allerdings auch.

Warum also Kommunismus? Und warum ist er so schwer zu machen? Weil er das einzige politische Programm ist, das sich nicht naturalisieren lässt. Es ist der einzige politische Entwurf, den man buchstäblich machen muss. Wer die Geschichte bewusst einrichten will, kann sich nicht auf die Selbstregulierungskräfte des Marktes verlassen, wie es die Liberalen tun, oder nach Art der Konservativen auf Gott, Vaterland oder einen modernen Statthalter der Monarchie. Das heißt aber auch, dass der Schritt zum Kommunismus immer ein aktiver, im Zweifel gewalttätiger ist. Für Rosa Luxemburgs Denken zeigt Dath dieses Verhältnis zur Gewalt an ihrem Engagement gegen den Kriegseintritt des Deutschen Reichs und gegen die Bewilligung der Kriegskredite durch die SPD, der Luxemburg 1914 noch angehörte. Luxemburg war Anti-Militaristin, aber keine Pazifistin. Eine Einstellung, die sie mit Lenin teilt.

Man kann Daths Monographie als den gelungenen Versuch lesen, die theoretischen Gemeinsamkeiten zwischen Lenin und Luxemburg herauszuarbeiten. Die Kritik Luxemburgs an der straffen Parteiorganisation der Bolschewiki wird für Dath zum Eigentor. Vergleicht man, so schreibt er, den Verlauf der russischen Revolutionen von 1905 und 1917 mit dem der gescheiterten deutschen Revolution von 1918/19, dann hätten Lenins Argumente zumindest damals einiges für sich gehabt. Aber was heißt das für heute? Da ist erst einmal festzuhalten, dass es keinen inneren Zusammenhang zwischen Demokratie und kapitalistischer Entwicklung gibt. Die Gleichsetzung "freier Markt = Demokratie" habe nicht mal im Kalten Krieg, als der Kapitalismus sich von seiner schönsten Seite zeigen wollte, problemlos funktioniert.

Wer also Demokratie oder genauer: eine Gesellschaft freier Menschen wolle, komme um den marxschen Sozialismus nicht herum. Mit Lenin und Daths Luxemburg sieht man das theoretisch sehr klar. Dabei gehört es zu den Stärken von Daths Buch, dass er Luxemburgs Denken und ihre Kämpfe immer in Verbindung zu aktuellen Debatten bringt. Wie kurz, heißt es einmal, wären heute manche Debatten, wenn die Befürworter einer Regulierung der Finanzströme, linke Investmentriesen wie George Soros und andere Teile der globalen Gerechtigkeitsliga, Rosa Luxemburg gelesen hätten. Ihr Staatsvertrauen würde ihnen abhandenkommen, sie würden merken, dass, sobald die Demokratie zum Werkzeug der Interessen der Bevölkerung wird, die demokratischen Formen selbst von der Bourgeoisie und ihrer staatlichen Vertretung geopfert werden.

Ein Prozess, für den Dath genug Beispiele anführt und von dem er nicht glaubt, dass er sich von selbst erledigt. Im Unterschied zu Luxemburg und vielen anderen Marxisten glaubt Dath nicht daran, dass der Kapitalismus an sich selbst zugrunde geht. Man muss ihn abschaffen, sonst macht das ungerechte System immer weiter. Das wäre der analytische Teil der Biographie. Aber was ist mit dem programmatischen?

Für diesen Fall hat sich Dath in letzter Zeit mehrmals positiv auf die Linkspartei bezogen, deren Parteiwerdung er allerdings als "schmerzhaft" bezeichnet, was aber immer noch besser sei als gar keine Bewegung. Für Parteiprogramme ist er allerdings auch nicht zuständig, im Hauptberuf ist er ja Dichter, und als solcher teilt er mit Rosa Luxemburg jenen guten Mut, den man braucht, wenn man nicht verbissen werden will im Kampf gegen das Übel der Zeit.

"Der Kanzler der Bundesrepublik Deutschland hing vollständig bekleidet, Kopf nach unten, in seinem Büro, die Fußgelenke mit eisernen Reifen an einer Teppichstange befestigt. Vor einiger Zeit war er noch eine Frau, das mußte jetzt abgearbeitet werden", beginnt das Kapitel "Beim Chef" in Daths neuem literarischem Werk. Dath nennt "Deutschland macht dicht" ein politisches Bilderbuch - die Geschichten sind mit vierzig Bildern von Christopher Tauber illustriert, und man sieht den Kanzler mit schon vom Blut dunklen Gesicht kopfüber in der Zeichnung hängen. Neben ihm steht aufrecht mit verfeinerten Gesichtszügen der Sozialwissenschaftler Josef Schumpeter und doziert; auch Jesus ist im Bild, der ein Hobby hatte: "Er interessierte sich aus Liebe zum Nochniedagewesenen stets für den bestmöglichen Menschen." Er ist also, nach Peter Hacks, klassischer Sozialist, denn der Sozialismus ist das Nochniedagewesene.

Solche Menschen werden dringend benötigt, denn der Zustand der Gewerkschaften ist erbärmlich, auf ihren Veranstaltungen stehen Leute unter Regenschirmen und "hofften auf einen Grund für ihr Hiersein". Es zeigt sich aber keiner, und außer traurigen Sachen wie "Wir wollen Ausbildungsplätze" haben sie nichts zu sagen. Das macht den ältesten Kommunisten Deutschlands noch trauriger, aber nicht mutlos. Also macht er sich, in Rosa Luxemburgs Manier, an die Rekrutierung seiner Truppe. Die besteht dann aus einer tauben Nuss, einem armen Teufel und einem Ausgestoßenen. Für den Kommunisten nur die "traurige Truppe", aber bestimmt keine Arbeiter.

Die taube Nuss ist Verkäuferin in einer Bahnhofsbuchhandlung, der arme Teufel ist Rollwagenverkäufer im ICE und der Ausgestoßene Obdachloser. Wie dann der greise Kommunist die traurige Truppe in Richtung Klassenbewusstsein und damit zur Tat bringt, gehört zum Besten, was Dath geschrieben hat. Nichts ist aussichtslos, also wird die Tat geplant. Bis plötzlich eine Stimme warnt: "Tun Sie das lieber woanders." Die Stimme gehört Bernd Vollfenster, für Kultur zuständiger Herausgeber der in Frankfurt am Main erscheinenden "Erhabenen Zeitung". Vollfenster hatte im Unterschied zur traurigen Truppe bemerkt, dass sie ihre konspirative Absprache in der Nähe einer Bankfiliale abhielt und von elektronischen Geräten überwacht wurde. Es ist bei Dath also einer der Chefs der wichtigsten Zeitung des Landes, der dem Widerstand beisteht. Weit hergeholt ist das nicht, weil Vollfenster eine Tochter hat, Rosalie heißt sie, die mit Hendrik, dem Helden der Geschichte, verbandelt ist. Die beiden sind die eigentlichen Kämpfer der Geschichte, die sich durch die Welten bewegen und konstruktivistisch verbinden, bis Rosalie am Ende sagt: "Und wenn ich gestorben bin, dann komm' ich schon zurecht."

Die Geschichte in "Deutschland macht dicht" kann man tatsächlich nur selbst verbinden, aber ihr Mut, der Rosa Luxemburgs Kraft zur Bejahung in der Ohnmacht nicht nachsteht, macht sie zur besten Komplementärlektüre zur Biographie der politischen Kämpferin, die man sich denken kann.

CORD RIECHELMANN

Dietmar Dath: "Rosa Luxemburg". Suhrkamp, 160 Seiten, 8,90 Euro Ders.: "Deutschland macht dicht". Suhrkamp, 201 Seiten, 17,80 Euro

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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Mehr über die politischen Vorlieben des Autors dieser Biografie als über Rosa Luxemburg hat Felix Baum aus Dietmar Daths Buch erfahren. Darin nämlich fand der Rezensent eine bolschewisierte Luxemburg und ein paar naive Erwärmungen für den verblichenen Staatssozialismus, den Dath der Darstellung des Kritikers zufolge dafür bewundert, so lange die kapitalistischen Geschäftsgrundlagen destabilisiert zu haben. Als hätte etwas anderes die Arbeiter im Westen stärker an den Kapitalismus gekettet, "als die schaurige Karikatur der befreiten Gesellschaft im Osten", wie Baum höhnt. Auch sonst hat Dath aus Kritikersicht wesentliche Fragen weder gestellt noch ist er überhaupt darauf eingegangen. So sei das Buch kaum mehr als ein bolschewestisch retouchiertes Porträt, das Luxemburgs Kritik am Konzept der Parteidisziplin und der Revolution ignoriere, und sich stattdessen im Gestus einer ins Politische gewendeten "Rede des Spießers" artikuliere.

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