Karl Lueger (1844-1910) - Boyer, John W.
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Dies ist die erste fundierte Biografie, die Karl Luegers Leben in den Kontext der von ihm gegründeten Christlichsozialen Partei einbettet. Das Leben des Wiener Bürgermeisters war in so überragender Weise ein öffentlich-politisches, so untrennbar mit der Politik in Wien verknüpft, dass man Lueger als Person nicht verstehen kann, ohne die Partei mit zu bedenken, die er gründete. John W. Boyer untersucht, wie Luegers Verwaltung in Wien funktionierte, was seine Prioritäten waren, und wie sein politisches Agieren mit den größeren Problemen zusammenhing, die sich in der österreichischen Monarchie…mehr

Produktbeschreibung
Dies ist die erste fundierte Biografie, die Karl Luegers Leben in den Kontext der von ihm gegründeten Christlichsozialen Partei einbettet. Das Leben des Wiener Bürgermeisters war in so überragender Weise ein öffentlich-politisches, so untrennbar mit der Politik in Wien verknüpft, dass man Lueger als Person nicht verstehen kann, ohne die Partei mit zu bedenken, die er gründete. John W. Boyer untersucht, wie Luegers Verwaltung in Wien funktionierte, was seine Prioritäten waren, und wie sein politisches Agieren mit den größeren Problemen zusammenhing, die sich in der österreichischen Monarchie zwischen 1895 und 1914 entwickelten. Erstmals unternimmt der Autor auch den Versuch, die Christlichsozialen Karl Luegers der Zeit vor 1914 mit den Christlichsozialen nach 1918 unter der Führung von Ignaz Seipel zu vergleichen und kommt zum Schluss, dass Lueger und Seipel sich in ihren Anliegen sehr stark unterschieden und einem völlig anderen politischen Führungsstil folgten. Der Autor nimmt das Problem des Antisemitismus in einer kritischen Phase der europäischen Geschichte in den Blick. Wer pauschalierende Zusammenfassungen sucht, wird diese bei Boyer nicht finden; hingegen wird fündig, wer eine ganze Epoche aus einer Vielzahl, zum Teil einander widersprechender Quellen verstehen will.
  • Produktdetails
  • Studien zu Politik und Verwaltung Band 093
  • Verlag: Böhlau Wien
  • Seitenzahl: 595
  • Erscheinungstermin: Oktober 2009
  • Deutsch
  • Abmessung: 241mm x 169mm x 46mm
  • Gewicht: 1138g
  • ISBN-13: 9783205783664
  • ISBN-10: 3205783662
  • Artikelnr.: 26430623
Autorenporträt
Boyer, John W.§John W. Boyer lehrt Geschichte an der Universität Chicago, der er auch seit 1992 als Dean of the College vorsteht. Ein Schwerpunkt seiner Forschung und Lehrtätigkeit ist die politische und kulturelle Geschichte des Habsburgerreiches. Zur Zeit arbeitet er an der Fertigstellung des Bandes Austria, 1867-1985 im Rahmen der Oxford History of Modern Europe.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 17.03.2010

Wiens skrupelloser Verführer

Karl Lueger war von 1897 bis zu seinem Tod 1910 sozialpolitisch sehr erfolgreich. Zu den Bewunderern des Bürgermeisters zählte auch Adolf Hitler.

Von Carsten Kretschmann

Wer das Burgtheater verlässt, um zu vorgerückter Stunde vielleicht noch auf eine Melange ins altehrwürdige "Café Landtmann" zu schlendern, findet sich unversehens am Dr.-Karl-Lueger-Ring wieder. Und man muss zuvor nicht unbedingt Thomas Bernhards "Heldenplatz" in der magischen Inszenierung Claus Peymanns gesehen haben, um beim Blick auf das unschuldige Straßenschild ins Grübeln zu geraten. Dass Adolf Hitler bei Lueger, den er als "gewaltigsten deutschen Bürgermeister aller Zeiten" bewunderte, gleichsam politisch in die Schule gegangen sei, ist eine weitverbreitete, aber keineswegs unumstößliche Meinung. Gleichwohl haftet Karl Lueger, dem eigentlichen Gründer der Christlichsozialen Partei, mit deren Hilfe er es bis an die Spitze des Wiener Magistrats schaffte, noch heute der Ruf eines skrupellosen Verführers an. Und das nicht ohne Grund. Immerhin verdankte Lueger seinen kometenhaften Aufstieg vor allem dem politischen Geschick, mit dem er die Ängste und Ressentiments der Wiener Mittelschicht zu schüren verstand - zugunsten seiner eigenen Person und der Christlichsozialen Bewegung, aus der er eine Volkspartei völlig neuen Zuschnitts formte.

John W. Boyer, einer der besten Kenner der österreichischen Geschichte, hat diesem Phänomen bereits vor Jahren zwei gründliche Studien gewidmet. Jetzt liegen sie in einer Teilübersetzung erstmals auf Deutsch vor - und das ist ohne Frage hocherfreulich, bietet Boyer doch nach wie vor die differenzierteste Analyse des politischen Wiens in der christlichsozialen Ära. Weniger erfreulich ist der Umstand, dass die Vertriebsabteilung des Böhlau Verlags offensichtlich der Ansicht war, das Buch lasse sich im hundertsten Todesjahr Luegers besonders gut als Biographie verkaufen. Denn damit werden Erwartungen geweckt, die Boyer nicht erfüllen kann und auch gar nicht erfüllen will.

So ist über Lueger selbst, über seinen atemberaubenden Weg an die Macht, der ihn - 1844 als Sohn eines einfachen Saaldieners am Wiener Polytechnikum geboren - über das Studium der Rechtswissenschaft, die Gründung einer eigenen Kanzlei und erste lokalpolitische Gehversuche, zunächst in liberalen, dann in demokratischen und schließlich in antisemitischen Vereinen und Parteien, schließlich 1897 ins Amt des Bürgermeisters brachte, wenig zu erfahren. Viel hingegen über parteipolitische Strategie und kommunale Daseinsvorsorge am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Der Antisemitismus, der bei Lueger und den Christlichsozialen - anders als etwa bei der deutschnationalen Bewegung Georg von Schönerers - nur selten rassistisch konnotiert war, wirkte in einer Zeit der sozialen und ökonomischen Umbrüche sowohl bei den Handwerkern und Kleingewerbetreibenden als auch bei der städtischen Beamtenschaft und dem niederen Klerus als "kurzfristiges Allheilmittel". Als eine "Mixtur aus wirtschaftlichem Protest, kalkuliertem Opportunismus und irrationalen Ängsten" wurde der Antisemitismus zum kleinsten gemeinsamen Nenner einer heterogenen Bewegung, dem sich schon bald ein vehementer Klerikalismus zugesellte. Letzterer erwies sich dabei als Domäne von Geistlichen, die ihre Pfarreien nicht selten zu Zentren politischer Agitation machten.

Wo die Liberalen, deren Herrschaft in Wien sich dem Ende entgegenneigte, angesichts des drohenden Niedergangs des Handwerkerstandes die Parole ausgaben, die Lage des Kleinbürgertums sei einzig durch organisierte Selbsthilfe, nicht jedoch durch staatliche Eingriffe zu verbessern, schritten die Christlichsozialen frisch zur Tat. An die Macht gelangt, zögerten sie nicht, eine Klientelpolitik zu betreiben, wie sie Wien bis dahin nicht gesehen hatte. So wurde etwa im Juni 1904 das Lainzer Versorgungsheim festlich eröffnet, ein hochmodernes Altersheim, dessen Bau eine günstige Gelegenheit gewesen war, um politisch nahestehenden Bauunternehmern und christlich sozialen Handwerksmeistern lukrative Aufträge zu verschaffen. Das galt nicht zuletzt für die dem Heiligen Karl Borromäus geweihte Kirche, die im Zentrum der Anlage errichtet worden war. An ihren Wänden prangten die traditionellen Wappen der Wiener Handwerkerzünfte, das dreiflüglige Altarbild aber zeigte die Jungfrau Maria - und Karl Lueger in der Rolle des vor Gott knienden Stifters. Die oft beschworenen Ambivalenzen der Moderne, hier waren sie zum Greifen nahe.

Prägten sie auch die Inszenierung des Politischen? Boyer, der keine Kulturgeschichte verfasst hat, sondern eine bisweilen kleinteilig argumentierende sozialhistorische Partei- und Verwaltungsgeschichte, erkennt in Lueger ein "tiefes Unbehagen gegen einen politischen Stil, der Massen, Straße und Paraden instrumentalisierte". Gewiss: Lueger war kein Rienzi. Und Wien kein vermeintlich dekadentes Rom. Dennoch wurde zum sechzigsten Geburtstag des Bürgermeisters nicht nur eine Gedenkmedaille in Umlauf gebracht, sondern überdies eine Festschrift verlegt, die gratis an alle Wiener Schulkinder verteilt wurde. Und der geplante Fackelmarsch auf der Ringstraße wurde nur deshalb in letzter Minute abgesagt, weil der Magistrat den Vergleich mit den Sozialdemokraten scheute, die spielend 200 000 Anhänger zu mobilisieren imstande waren.

Karl Lueger - daran lässt Boyers Studie keinen Zweifel - war ein Mensch mit vielen Gesichtern. Aber war er deshalb auch ein Mann ohne Eigenschaften? Die Leitlinien seiner politischen Existenz wird man in einem geradezu krankhaften Geltungsbedürfnis, vor allem aber in einer absoluten Hingabe an die Sache sehen können, in der sich ein neuer, moderner Typus des Politikers ankündigte. Die "Sache" meinte dabei vor allem eine effiziente Verwaltung der Stadt, die bei allen Tendenzen zum Staatskapitalismus auf die Rentabilität der kommunalen Versorgungseinrichtungen und den Schutz des Eigentums achtete. Die Sozialpolitik der christlich sozialen Ära verstand sich ausdrücklich nicht als Umverteilung, und die Armenfürsorge trug durchaus Züge sozialer Kontrolle.

Am Ende wurden die Christlichsozialen das Opfer jenes Prozesses der radikalen Demokratisierung, den sie selbst einst in Gang gesetzt hatten und der nach 1918 die Sozialdemokraten begünstigte. Daran vermochte auch der Personenkult nichts zu ändern, der nach Luegers Tod eifrig gepflegt wurde. Mittlerweile steht er vollständig zur Disposition, hat doch der aus Wien stammende Nobelpreisträger Eric Kandel vor nicht allzu langer Zeit dafür geworben, den Dr.-Karl-Lueger-Ring, an dem immerhin auch die Alma Mater liegt, in Universitätsring umzubenennen. Die Universität selbst hat freilich bislang eher verhalten reagiert: Die Folgekosten einer Umbenennung seien zu hoch. Karl Lueger hätte dieses Argument gut gefallen.

John W. Boyer: Karl Lueger (1844-1910). Christlichsoziale Politik als Beruf. Aus dem Englischen übersetzt von Otmar Binder. Böhlau Verlag, Wien 2010. 595 S., 39,- [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Carsten Kretschmann schätzt den britischen John Boyer als einen der besten Kenner der christlichsozialen Ära Wiens und ihres berüchtigten Frontmanns Karl Lueger und nimmt diese Publikation mit großem Interesse zur Kenntnis. Allerdings möchte er den vom verlag geweckten falschen Erwartungen vorbauen, hierbei handelte es sich um eine Biografie des charismatischen, und schreiend antisemitischen Wiener Bürgermeisters. Boyer liefert vielmehr eine detaillierte, zum Teil etwas kleinteilige Analyse der christlichsozialen Politik in dieser Zeit sowie der Wiener Verwaltungsgeschichte, für die Armenfürsorge ein wichtiger Bestandteil der sozialen Kontrolle wurde. Als Erkenntnis entnimmt Kretschmann diesem Buch auch, dass Lueger, bei dem Adolf Hitler quasi in die politische Schule ging, auch einen neuen Politikertypus darstellte, der ganz in seiner Sache aufging und seine eher heterogene Bewegung auf den Antisemitismus als kleinstem gemeinsamen Nenner stützte.

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