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Als Europas Herrscher eine große Familie waren - das schwungvoll erzählte Panorama einer Zeit, die sich uns faszinierend fremd und doch seltsam vertraut darstellt. Ein eigenartiger Kontinent ist das Europa der Könige: Hier kann ein König von England, der kein Englisch spricht, auf die Idee kommen, die Pläne eines kein Spanisch sprechenden Königs von Spanien zu durchkreuzen, indem er dem kein Polnisch sprechenden König von Polen anbietet, König von Sizilien zu werden. Hier residiert die Macht in überfüllten Schlössern, deren Höflings-Bewohner sich den ganzen Winter über um das Recht streiten,…mehr

Produktbeschreibung
Als Europas Herrscher eine große Familie waren - das schwungvoll erzählte Panorama einer Zeit, die sich uns faszinierend fremd und doch seltsam vertraut darstellt.
Ein eigenartiger Kontinent ist das Europa der Könige: Hier kann ein König von England, der kein Englisch spricht, auf die Idee kommen, die Pläne eines kein Spanisch sprechenden Königs von Spanien zu durchkreuzen, indem er dem kein Polnisch sprechenden König von Polen anbietet, König von Sizilien zu werden. Hier residiert die Macht in überfüllten Schlössern, deren Höflings-Bewohner sich den ganzen Winter über um das Recht streiten, in Gegenwart der Königin auf einem Hocker sitzen zu dürfen, bevor sie im Sommer losziehen, um an der Spitze knallbunt uniformierter Truppen direkt in das Musketenfeuer der Kriegsgegner hineinzumarschieren. Hier lebt eine Gesellschaft, in der ein Edelmann, der erst mit dreiundzwanzig Jahren feststellt, keinen Vornamen zu haben, weniger auffällt als einer, der seine Frau mit ihrem Vornamen anredet. Hier schart sich der höfische Adel um Herrscher, die in einem dichten Netz aus diplomatischen Beziehungen, Intrigen und Verschwörungen gefangen sind: Nationalität und Ideologie sind ihnen nichts, die eigene Dynastie dagegen alles.
Leonhard Horowski führt uns kenntnisreich und unterhaltsam durch untergegangeneWelten, deren Bewohner er auf die Schlachtfelder des Krieges wie auf die der Heiratspolitik begleitet; er folgt Edelleuten und Prinzessinnen durch labyrinthische Palast-Korridore und sieht zu, wie mit Duellen und Zeremonien Politik gemacht wurde. Er zeichnet ein schillerndes Porträt des Adels in jener Epoche, als er noch keine natürlichen Feinde kannte - im Europa der Könige, das an sich und seinem dynastischem Denken schließlich gescheitert ist.
  • Produktdetails
  • Verlag: Rowohlt, Reinbek
  • 4. Aufl.
  • Seitenzahl: 1120
  • 2017
  • Ausstattung/Bilder: 1120 S. Zahlr. 4-farb Abb. 220 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 223mm x 159mm x 66mm
  • Gewicht: 1330g
  • ISBN-13: 9783498028350
  • ISBN-10: 3498028359
  • Best.Nr.: 28161826
Autorenporträt
Leonhard Horowski, geboren 1972, studierte Geschichte, Anglistik und Politologie an der Freien Universität Berlin und der University of Durham. Er promovierte mit einer Arbeit über den französischen Hof in der Frühen Neuzeit; seine Habilitationsschrift beschäftigt sich mit den brandenburg-preußischen Staatsministern. Er fungierte zudem als Experte und historischer Berater für Radio, Film und Fernsehen, u.a. bei "Mätressen.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Als Jugendlicher hat Micha Brumlik die "Angélique"-Romane mit heißen Ohren unter der Bettdecke verschlungen, heute stürzt er sich mit größter Neugier auf Leonhard Horowskis Prachtband über das "Europa der Könige". Mit 1.200 Seiten unterhaltsamster Monarchiegeschichte kommt der Rezensent auch auf seine Kosten: Er lernt, dass Mätressen für den Monarchen nicht nur als erotische Gespielinnen von Bedeutung waren, sondern auch als Sündenböcke bei eventuellen Legitimationskrisen. (Wer hatte keine? Ludwig XVI!) Auch dass die Autobiografie nicht unbedingt eine bürgerliche Gattung war, sondern auch von den Damen am Hof eifrig betrieben wurde, erfährt Brumlik von Horowski. Aber natürlich macht er sich nichts vor. So glänzend diese Geschichte auch erzählt wird, sie ist eine "volle Artilleriesalve" auf jede Form heutiger und soziologisch fundierter Geschichtsschreibung.

© Perlentaucher Medien GmbH
Geschichte kann man besser kaum erzählen. Giovanni di lorenzo, 3nach9
Besprechung von 11.03.2017
Kampf
um Hocker
Leonhard Horowski erzählt von
den europäischen Höfen des 17. und
18. Jahrhunderts. „Das Europa
der Könige“ steht auf der Shortlist für den
Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse
VON GUSTAV SEIBT
Diese Geschichte der Führungsschichten des barocken Europa ist einerseits sehr witzig. So wird der König von Sardinien als der „norditalienische Wackelkandidat“ bezeichnet, der „aus jedem Krieg in einem anderen Bündnis herauskam, als er hineingegangen war, wenn er nicht zufällig eine gerade Zahl von Seitenwechseln schaffte“. Solche Pointen kommen hier alle zwei bis drei Seiten vorbei, was bei 1047 Textseiten doch eine stattliche Ausbeute ergibt.
Andererseits fordert dieses Buch den Leser und sein Gedächtnis sehr stark, weil es immer wieder seitenlange Auszüge aus genealogischen Handbüchern referiert, um den schier unglaublichen Grad von Vernetzung und dynastischer Verdichtung der damaligen Eliten vorzuführen: Lest nicht Statistiken, wenn ihr die Sozialgeschichte der Herrschenden verstehen wollt, lest Stammbäume, denn sie sind präziser als Vermögensverteilungen, die wie Flugsand wechseln konnten.
Egal, dass der Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel nur über ein paar Dutzend Bauern und ein paar Hundert Rinder herrschte und dass sein Residenzschloss anderswo, etwa in Sankt Petersburg, nicht einmal als Pförtnerloge akzeptiert worden wäre – er gehörte zu den regierenden Häusern, also waren seine Töchter heiratsfähig für Zarensöhne, wie es die Kinder zehnmal so reicher Grundherren aus Polen eben nicht gewesen wären.
Nun schafft es Leonhard Horowski, der unersättlich faktenhungrige Autor dieses kiloschweren Staatsromans, selbst die Namenskaskaden seiner Genealogien mit Geistreichtum zu beleben, einer Art von imitiertem Schlossdeutsch, in dem die Politik von Groß-, Mittel- und Kleinmächten als Familienaffäre berichtet wird, mit dem Ton von „Ja damals, als Tante Sophie-Dorothea mit diesem unmöglichen preußischen Wüterich verheiratet wurde, der ihr dann das Leben zur Hölle machte!“.
Man ist „chez nous“, ganz unter sich, und kann sich noch nach Jahrzehnten darüber ärgern, dass eine impertinente Konkurrentin einen Hocker bei den Empfängen der Königin von Frankreich erhielt, während die eigene Großmutter stehen bleiben musste – nur, weil ihr die entscheidende Verbindung ins Kabinett der dritten Mätresse des Königs fehlte.
Denn darum geht es hier ganz wesentlich: Ob man in Versailles einen Hocker bekommt, ob man sein Appartement unweit von den Königszimmern einrichten darf, wofür dann andere Familien so weiterrücken müssen, bis am Ende eine aus dem langen Schlossflügel heraus und sozusagen auf die Straße fällt.
Dafür werden jahrelange, umwegige Intrigen angezettelt, die aber schon durch einen einzigen Todesfall buchstäblich über Nacht wieder zusammenbrechen können. Man hat auf die Prinzen „Burgund“ und „Bretagne“ gesetzt und sich in die Vor- und Schlafzimmer gerobbt, wo man Nachthemden reicht und gleichzeitig nah am Machthaber ist, aber dann sterben sie tragischerweise kurz nacheinander weg, und alles war umsonst!
„Saint-Simon zieht um“ oder „Die alte Dame reist ab“ heißen die Kapitel, und gerade diese gehören zu den beeindruckendsten, weil sie nicht nur Glanz, Ehrgeiz, weitgespannte und fein gesponnene Machtnetze zeigen, sondern auch den tragischen Moment aller irdischen Vergeblichkeit, wenn die Flure leer werden und eine soeben noch allmächtige Oberhofmeisterin in einer Kutsche mit zerbrochener Fensterscheibe in die bitterkalte Winternacht entlassen wird. Da Horowski solche Momente mit methodischer Ausführlichkeit aus den Tiefen aller Motive, Hoffnungen, Verbindungen, Zufälle und Pläne langsam aufbaut, in kreisförmigen Erzählbewegungen, die weit in die Vorgeschichten zurückgreifen, den Ausgangspunkt eines Kapitels wieder erreichen, um dann in harten Hufschlägen auf die Zukunft zuzureiten, gelingen ihm immer wieder Bögen maximaler Binnenspannung.
Wer sich das ganze dicke Buch nicht zutraut, kann sich davon in den überschaubaren fünfzig Seiten über die abreisende alte Dame, nämlich eine am spanischen Hof zu jahrelanger Macht gekommene Fürstin Orsini, ein gutes Bild machen. Früher schnitt man aus einzelnen schönen Kapiteln der großen Geschichtswerke, etwa Rankes, kleine feine Insel-Bändchen zurecht. Das wäre ein Kandidat dafür.
Worum geht es wirklich? Horowski zeigt die Funktionsweise von Macht in einer Epoche, als feudale Gewalt nicht mehr und als monetärer Reichtum noch nicht ihre wichtigsten Medien waren. Nicht Nationen stellten die entscheidenden Einheiten dar, sondern „Monarchien“ und Konfessionen, also war sie unfassbar kosmopolitisch. Der Adel, hoch, niedrig, gelegentlich sogar über Juristen- und Beamtenkarrieren noch jung und unvornehm, hat sich mit den Monarchien arrangiert, die den Machtwechsel über das Erbrecht organisieren und schon damit elementare Rechtssicherheit erzeugen.
Wie wenig trivial das Erstgeburtsrecht ist, zeigen zwei Gegenproben: Am Papsthof wird der Nachfolger des Herrschers aus dem Kardinalskollegium, faktisch einem Pool gealterter Vertreter des römisch-italienischen Hochadels gewählt, sodass die an die Macht gekommene Großfamilie nur wenige Jahre hat, um sich mit Land, Palästen, Familienbeziehungen in andere regierende Häuser, gar mit souveränen Herrschaften zu versorgen. Rom wird zum heißesten Dampfdruckkessel des Klientelismus, den die Welt je gesehen hat.
Die andere Möglichkeit zeigt das Zarenhaus, das zwischen Peter dem Großen und Paul I. die Auswahl des Nachfolgers aus der Familie dem jeweils regierenden Zaren (oft einer Zarin) überlässt – mit chaotischen, selbstzerstörerischen Folgen samt Mord und Totschlag, die Horowski plausibel mit der Selbstzerfleischung des julisch-claudischen Kaiserhauses zwischen Augustus und Nero vergleicht.
Dann lieber Kindkönige wie es Ludwig XV. einer war, auch wenn sie den vorübergehenden Aufstieg von Regenten und ihren Hofcliquen erlauben. Der Adel wurde, so Horowski, nicht vom sich bürokratisierenden Beamtenstaat des Absolutismus „gebändigt“ und in einem „goldenen Käfig eingesperrt“, wie eine fortschrittsgläubige Geschichtswissenschaft lange Zeit postulierte; er wurde an Macht und Reichtum des Staats beteiligt, während die wenigen Fachleute für Verwaltung und Finanz, die dazukamen, schwer zu kämpfen hatten, bevor sie nach etlichen Generationen Teil der obersten Oberschicht wurden.
Eigentlich ging es um die allmähliche Ablösung roher Gewalt auf allen Seiten. Denn der goldene Käfig hielt auch die Könige selbst gefangen, die einem gnadenlos langwierigen Hofzeremoniell unterworfen wurden, das alle heutigen Begriffe von Geduldsprobe läppisch erscheinen lässt. Dass Horowski die oft tagelang währenden Festzeremonien des Barock so spannend als Schauplätze des Machtkampfs, der Machtbefestigung erlebbar macht, gehört zu den beträchtlichen Leistungen des Buchs, weil er ja mit der Ungeduld moderner Leser rechnen muss. Er muss sie besiegen und diese Leser in einen barocken Wahrnehmungsmodus zwingen.
Manchmal ist man gut beraten, ein herkömmliches Handbuch begleitend heranzuziehen, wo die Erzähleinheiten „Preußen“, „Frankreich“ oder „Russland“ heißen, um nicht verloren zu gehen. Dort wird das, was Leonhard Horowski erzählt, als „internationale Beziehungen“ beschrieben, also irgendwie ähnlich dem, was wir vor Augen haben, wenn Angela Merkel sich mit Putin trifft. Allerdings zeigt der knurrende Hund, den Wladimir Putin um Merkels Knie streichen ließ, dass es auch heute noch eine Ebene persönlicher Beziehungen von einer gewissen Relevanz geben kann.
Horowskis Haupthelden sind nicht diese staatlichen Großsubjekte, nicht einmal ihre Monarchen, so wichtig deren Rolle ist. Sondern die ersten Figuren der zweiten Reihe, Minister und Generäle also, Mätressen und die männlichen Geliebten (vor allem russischer Herrscherinnen), denn deren Aufstieg und Fall lässt die Gesetze des Systems viel deutlicher hervortreten als die doch recht statuarische Legitimität an der obersten Spitze, so spannend deren Heiratsverflechtungen auch sind. Also sind Grumbkow, Lauzun, Saint-Simon, Orsini, Poniatowski, Madame de Staël hier wichtiger als der Große Kurfürst, Ludwig XIV., Philipp V., Katharina die Große und Napoleon.
Und da die vor allem aus Briefwechseln und Memoiren geschöpfte Darstellung durchgehend romanhaft-umständlich ist, wird der Leser aus einem Füllhorn kulturgeschichtlicher Details überschüttet. Wie transportiert man Champagner, wenn man irgendwo in der neumärkischen Wüste mit dem sächsischen Kurfürsten und König von Polen Pläne schmieden muss? In Fässern geht es nicht, die Flaschen aber platzen immer wieder bombenartig. Also reist man mit vielspännigen, wegen der schlammigen Wege aber doch äußerst rumpeligen Staatskutschen, aus denen es immer wieder einmal knallt, wenn sich ein Korken aus den Flaschen löste.
Historische Strukturen, so argumentierte einst die inzwischen außer Mode gekommene Alltagsgeschichte, werden sichtbar erst in den Handlungen und Vollzügen einer Gesellschaft. Sie sind nichts Statisches jenseits der Ereignisse, sondern realisieren sich durch das Geschehen hindurch. So arbeitet Horowski der Erzähler, der anhand einer riesenhaften Empirie, vor allem aus der mittleren Ebene der Oberschicht, die Funktionsweise der absolutistischen Gesellschaft Europas und ihrer Herrschaften verstehbar macht. „Das Europa der Könige“ ist weit mehr als anekdotisch, auch wenn ganz böse Kritiker es als eine ins Elefantenhafte gewachsene Don-Alphonso-Glosse zu den besseren Ständen um 1700 missverstehen könnten.
Ein tolles Buch also, und wer die zehn bis vierzehn Tage, die eine berufstätige Leserin für seine Lektüre doch braucht, mit den 170 Jahren zwischen 1640 und 1810 und den Diagonalen zwischen Sizilien, Spanien, Schottland und Russland gegenrechnet, die es umspannt, der wird zugestehen, dass es nicht einmal viel zu lang ist. Das enggedruckte, zweispaltige Namensregister hat nur 31 Seiten.
Dieser faktenhungrige Autor
belebt seinen barocken
Staatsroman mit Geistreichtum
Die Macht residierte in
überfüllten Schlössern,
deren Höflingsbewohner sich
den ganzen Winter über um
das Recht stritten, in
Gegenwart der Königin
auf einem Hocker zu sitzen . . .“
LEONHARD HOROWSKI 
Wie aber transportiert man
Champagner? Die Flaschen
platzen leider oft bombenartig
In der Fernsehserie „Versailles“ tanzt Ludwig XIV. recht ausgelassen, aber auch er drehte sich in einem goldenen Käfig aus Regeln und Intrigen.
Foto: Canal+
Leonhard Horowski:
Das Europa der Könige. Macht und Spiel an den Höfen des 17. und 18. Jahrhunderts. Rowohlt Verlag, Reinbek 2017.
1119 Seiten, 39,95 Euro. E-Book 29,99.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Besprechung von 21.04.2017
Im Königreich der tausend Schmankerl
So viele unerhörte Geschichten: Leonhard Horowski erzählt vom europäischen Hochadel vor der Revolution

Ein kleiner, bärtiger Mann klettert an einem Februarmorgen des Jahres 1676 an einer Strickleiter aus dem durchgesägten Fenstergitter seiner Zelle in der französischen Alpenfestung Pignerol. "Einmal blickte er noch zurück, um zu sehen, ob sein Brief an den König auch gut sichtbar auf dem Tisch lag." Zwölf Jahre später steht derselbe Mann am Themseufer in London und hilft der englischen Königin und dem neugeborenen Thronfolger bei der Flucht aus ihrer Hauptstadt. "In Versailles würde er von diesem seltsamen Land erzählen, alle würden ihm dazu gratulieren, dass er nicht mehr dort war, und er hätte eine unglaubliche Geschichte mehr in seinem Repertoire."

Abermals zwölf Jahre später, im Sommer 1700, feiert ein anderer Mann, ein brandenburgischer Höfling, im Lustgarten des Berliner Schlosses seine Vermählung mit einer hugenottischen Kleinadligen: "Beinahe geblendet blickte Grumbkow auf die Tausende von Lichtern, die einen zum Himmel offenen achteckigen Saal aus bemaltem Stuck, Pappmaché, falschem Blätterwerk und echtem Holz erleuchteten." Und nur ein knappes Jahrzehnt danach besichtigt derselbe Friedrich Wilhelm von Grumbkow im Gefolge des preußischen Kronprinzen die Feldschanzen der französischen Armee beim belgischen Dorf Malplaquet: "Der ganze Wald war durch seltsame Farbtupfer verfremdet, die auch das links angrenzende Stoppelfeld zierten, dunkelblaue, weißgoldene und scharlachrote Röcke, dazu blonde, weiße, dunkelbraune Perücken, die sich im Regen garantiert auflösten." Am folgenden Tag, dem 11. September 1709, findet hier die blutigste Schlacht des Jahrhunderts statt, der Höhepunkt des Spanischen Erbfolgekriegs.

Von solcher Art sind die Geschichten, die Leonhard Horowski in seinem Buch über das "Europa der Könige" erzählt, von dem wir vorab eine Kostprobe in dieser Zeitung präsentierten (F.A.Z. vom 4. März). Und mit solchen Sätzen schildert er das Geschehen an den Höfen und in den Gefängnissen, in den Parks und auf den Schlachtfeldern der frühen Neuzeit. Normalerweise kann man die Frage des Stils, in dem historiographische Neuerscheinungen geschrieben sind, am Ende einer Besprechung abhandeln. Diesmal nicht. Denn der Ton, der in diesem Buch angeschlagen wird, ist von seinem Inhalt nicht zu trennen; ja, er ist über weite Strecken der Inhalt selbst.

Die Alternative, vor der der Autor bei der Zusammenfassung seiner Studien zur höfischen Gesellschaft im Absolutismus gestanden hat, stellt er im zweiten der zwanzig Kapitel des Buches zur Diskussion. Man könne sich, so Horowski, "begeistert ins Triviale stürzen" und den Boulevardreporter von Versailles, Petersburg und Kensington geben - oder aber den ausgetretenen Pfaden der zeitgenössischen Geschichtswissenschaft folgen und das Spektakel der europäischen Fürstenhöfe zum sinnlosen Glasperlenspiel erklären, das nur von der eigentlichen Entwicklung abgelenkt habe, dem Aufstieg des merkantilen Bürgertums.

Es ist ein doppelter Popanz, der hier aufgebaut wird: einerseits die verblendete akademische Forschung, die alles Gewesene teleologisch auf ihre eigene Gegenwart bezieht, andererseits die naive Schwärmerei des historischen Amateurs. Interessanterweise tritt Horowski jedoch nur einen seiner beiden kunstvoll drapierten Buhmänner in die Tonne: Die "große Erzählung" der Sozialgeschichtler - Namen nennt er leider nicht -, nach der in Versailles bloß Kinkerlitzchen verhandelt wurden, sei "schlichtweg" falsch. Die Mantel-und-Degen-Variante findet der Autor dagegen weniger falsch: Historische Salonmalerei in Buchform sei "natürlich erlaubt", wenn auch nach dreihundertjähriger Übung "nicht unbedingt interessanter geworden".

Das will Horowski ändern. Auf 1047 nur selten durch Absätze aufgelockerten Textseiten setzt er seine ganze Beredsamkeit ein, um die interessantesten High-Society-Schmankerl, die das siebzehnte und achtzehnte Jahrhundert uns hinterlassen haben, noch interessanter zu machen. So lesen wir von Antonin de Caumont, Marquis de Puyguilhem, dem Häftling von Pignerol, Fluchthelfer von London und späteren Herzog von Lauzun, der das Stelldichein Ludwigs XIV. mit Madame de Montespan unter dem Bett belauschte; von der unglücklichen Sophie Dorothea von Braunschweig-Lüneburg, die nach der Ermordung ihres Liebhabers in ein einsames Wasserschloss gesperrt wurde, während ihr geschiedener Mann Georg von Hannover auf den englischen Thron gelangte; von Ferdinand III. von Neapel, der so rüpelhaft war, dass er die Makkaroni mit Händen aß und beim Hofball seinem Habsburger-Schwager Joseph II. auf den Rücken sprang; von der Fürstin Orsini, die zwanzig Jahre lang die Geschicke Spaniens lenkt, bevor sie in einer eisigen Winternacht in einer Kutsche mit zerstoßener Scheibe zur französischen Grenze eskortiert wird; vom Sohn des Sonnenkönigs, der an den Pocken, und seinem Enkel, der an den Röteln stirbt, und vielen anderen mehr.

Das alles breitet Horowski mit der Detailfuchsigkeit eines "Bunte"-Klatschreporters und der peniblen Quellenkenntnis eines wilhelminischen Professors aus; er zieht sozusagen die kürzeste Linie zwischen Michael Graeter und Leopold von Ranke. Und weil die bunten Anekdoten über Günstlinge und Mätressen, geglückte und gescheiterte Intrigen und Karrieren nicht beliebig hingestreut, sondern chronologisch-geographisch sortiert sind, entsteht aus den vielen kleinen Pinselstrichen tatsächlich das Porträt einer Herrschaftselite, die in der Kulturgeschichte einzigartig dasteht, eines Netzwerks von Clans und Dynastien, in dem Politik nur die Fortsetzung des Familienlebens mit anderen Mitteln war. Für Freunde erzählter Geschichte ist "Das Europa der Könige" die schärfste Droge, die in diesem Frühjahr auf dem Buchmarkt angeboten wird.

Die Pointe dieses tausendseitigen Halluzinogens liegt freilich darin, dass es die Bastionen und Festungsgräben der heutigen Geschichtswissenschaft, die es mit anekdotischer Evidenz überschüttet, nicht im mindesten anzutasten vermag. Die geschmähten Begrifflichkeiten der Sozialhistoriker gehen unbeschädigt aus Leonhard Horowskis Prosa-Bombardement hervor, eben weil es Begriffe und keine bloßen - wenn auch noch so virtuosen - Beschreibungen sind. Bei Horowski dagegen beschränkt sich die analytische Durchdringung des Geschehens nicht selten auf das Nachzeichnen von Stammbäumen und die Aufzählung von Gleichzeitigkeiten.

Natürlich ist es hübsch, dem entmachteten Zarinnengünstling Platon Subow dabei zuzusehen, wie er im Berliner Dom die Leichenfeier für den gestorbenen Preußenkönig Friedrich Wilhelm II. absitzt, während in Neapel die für ihre antikischen Schleierposen bekannte Diplomatengattin Emma Hamilton ihrem nächsten Rendezvous mit dem britischen Admiral Nelson entgegenfiebert - oder ein paar hundert Seiten früher zu erfahren, dass Prince Charles und seine zweite Frau Camilla Nachfahren von Günstlingen Wilhelms III. von Oranien sind. Aber eine Galerie farbenfroher Skizzen ergibt am Ende doch kein Epochenpanorama. Von der Aufklärung, von Klassizismus und Frühromantik ist bei Horowski praktisch nicht die Rede. Sie hätten das Genrebild womöglich durch Gedankenblässe eingetrübt.

Eine der schönsten Episoden des Bandes handelt davon, wie der erwähnte preußische Höfling und Staatsminister Grumbkow mehrere Wagenladungen Champagner mühsam in die Provinzstadt Crossen schaffen ließ, um August den Starken bei einem Trinkgelage über seine Pläne als polnischer König auszuhorchen. Aus Augusts Plänen und Preußens Gegenplänen wurde nichts, weil der Sachsenfürst kurz darauf starb. Übrig blieb die Erinnerung an eine prächtige Sauferei ohne Folgen. So ähnlich geht es einem mit diesem Buch. Während man es liest, kann man kaum genug davon bekommen. Wenn aber die Party vorbei ist, fragt man sich, ob es nicht bessere Möglichkeiten gegeben hätte, den Abend zu verbringen.

ANDREAS KILB

Leonhard Horowski: "Das Europa der Könige".

Macht und Spiel an den

Höfen des 17. und 18. Jahrhunderts.

Rowohlt Verlag, Reinbek 2017. 1120 S., geb., 39,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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«Geschichte kann man besser kaum erzählen.»