Krimitipp April: Camilla Sten, „Bachelorette Party“
Das Treffen der vier Freundinnen war Tradition. Auch, dass der Ort, an den der Ausflug führte, geheim blieb. Es ist zehn Jahre her, als Matilda, Evelina, Linnea und Anna losfuhren – und nie zurückkamen. Schnell, zu schnell, einigte sich die Öffentlichkeit auf einen Unfall, ein gekentertes Boot als Ursache. Die vier Frauen hießen von nun an „Die Verschwundenen von Nacka“.
Was geschah damals auf Isle Blind?
Tessa Nilsson ist Podcasterin. Ihr Podcast „The Witching Hour“ war mal sehr erfolgreich. Dann kam der Absturz. Ein Fehler, den sie machte, um Aufmerksamkeit zu bekommen, endete in einer Tragödie. Shitstorms in der digitalen und realen Welt rissen Tessas Leben in Stücke. Sie ist pleite und weiß nicht, wie es weitergehen soll. Vor die Tür zu gehen, fällt ihr schwer. Weil sie aber True-Crime-Fälle immer schon spannend fand und insbesondere den Fall der vier vermissten Frauen verfolgt hat, sagt sie für ein Treffen von alten Freundinnen zu. Tessa ist sich sicher, dass die vier Frauen vor zehn Jahren ermordet wurden. Und zwar genau auf der Insel, auf der Anneliese ihren Junggesellinnenabschied feiert: Isle Blind. Ein schickes Yoga-Retreat in den Schären. Handys werden am Empfang abgegeben, und die sechs Frauen freuen sich auf 96 Stunden Yoga, Sekt und Bonding. Das interessiert Tessa alles nicht. Sie fährt nur mit, weil sie schon seit Jahren versucht, Zugang zur Isle Blind zu bekommen, einer Privatinsel. Nun findet die „Bachelorette Party“ genau dort statt, und Tessa, das schwarze Schaf der Truppe, will recherchieren und beweisen, dass die vier Frauen ermordet wurden. Hier.
Das luxuriöse Retreat Baltic Vinayasa im Schärengarten ist noch nicht offiziell eröffnet. Die sechs Frauen der Bachelorette Party sind die einzigen Gäste, sie werden von Irene, der Besitzerin des Retreats, und einem Koch betreut. Kein WLAN und nur ein kleines Boot für Notfälle, um von hier wegzukommen. Die anderen Freundinnen haben keine Ahnung von Tessas Vermutung. Und sie ahnen nicht, dass Irene, die Besitzerin, die Schwester einer der vermissten Frauen ist.
Die Außenseiterin Tessa und ihr Verdacht
Natürlich fängt der Trip wunderbar an. Köstliches Essen, fantastischer Wein und sechs Freundinnen, die sich schon ein halbes Leben lang kennen. Da ist die zukünftige Braut Anneliese, gut aussehend, vermögend und ein von Herzen freundlicher Mensch. Dann sind da noch Lena, Tessas große Schwester, die immer perfekt organisiert ist, und die Familientherapeutin Caroline, von der Tessa denkt: „Ich bin noch keiner Therapeutin begegnet, die aussah wie sie.“ Tessa ist sexy. Weitere Freundinnen sind Mikaela und Natalie. Mikaela, Trauzeugin, eine Schönheit mit zwei kleinen Kindern. Damals, in der Schule, war Tessa, bisexuell, ziemlich in Mikaela verknallt. Natalie ist „die Neue“, sie gehört nicht zu der Clique, die sich schon ewig kennt.
Für all die Freundinnen ist es einfach nur ein Junggesellinnenabschied. Für Tessa ist alles anders: „Ich zögere. Dies ist der letzte Moment, bevor wir von einem Wirbelsturm aus pinkfarbenem Konfetti, Sekt und veganem Brunch verschluckt werden. Bevor [...] ich Normalität vortäuschen und so tun muss, als hätte ich mein Leben ansatzweise im Griff. Und das in Gegenwart von Frauen, auf die das tatsächlich zutrifft.“
Ein tödlicher Ausflug
Trotz allem hofft Tessa, dass sie mit ihren dunklen Vermutungen, dem Verdacht eines Vierfachmordes, unrecht hat. Als das einzige Boot, das die Frauen von hier wegbringen könnte, plötzlich von seiner Anlegestelle weggedriftet ist, beschleicht Tessa ein mulmiges Gefühl – das sich massiv verstärkt, als eine der Frauen verschwindet. Angeblich musste die Verschwundene wegen eines Notfalls zurückreisen. Tatsächlich hat sie die Insel nie Richtung Stockholm verlassen. Sie liegt tot in einem Boot, ermordet und übel zugerichtet. Für Tessa ist klar: Sie alle schweben in Lebensgefahr. Ein Kampf auf Leben und Tod beginnt ...
Camilla Sten ist mit „Bachelorette Party“ ein nicht nur wahnsinnig spannender, sondern enorm vielschichtiger Thriller gelungen. Seine Figuren sind psychologisch fein gezeichnet, und natürlich führt die Autorin uns gekonnt immer wieder in die Irre. Das Finale hat es dann wirklich in sich …
GLOSSAR
TESSA
Tessas Begeisterung für True Crime fing früh an. Als damals die vier Frauen verschwanden, war sie noch ein Teenager. Das Unglück erschütterte die kleine Gemeinde, und Tessa startete ihren eigenen Podcast. Sie nannte ihn „Sweden After Dark“, machte aber kaum Werbung dafür. Irgendwann aber verlinkte jemand mit Reichweite auf sie, und Tessa wurde bekannt. Ihre Ex-Partnerin und Produzentin drängte Tessa, immer noch mehr Follower zu generieren. Dann beging sie einen Fehler, den sie schrecklich bereut. Nach dem dadurch verursachten Shitstorm stürzte sie völlig ab. Schon davor war sie eine Art schwarzes Schaf. Sie hatte das College abgebrochen, bei Beziehungen auch nie ein gutes Händchen, ebenso wenig bei Jobs.
Nun ist Tessa ziemlich weit unten, das Konto leer, ehemalige Freunde und Kollegen wollen nichts mehr mit ihr zu tun haben. Da kommt Tessa die Chance, das Schicksal der „Verschwundenen von Nacka“ aufzuklären, wie ihre Rettung vor. Oder bedeutet sie ihr Verderben?
ANNELIESE
Gibt es jemanden, der Anneliese nicht mag? Kaum möglich, denn sie ist einfach ein wirklich netter Mensch, der sich ehrlich für andere Menschen interessiert und auch sozial engagiert. Für Tessa strahlt Anneliese eine besondere Magie aus. Doch ist, wer so freundlich nach außen wirkt, auch wirklich so perfekt?
CAROLINE
Früher war Caroline still und fleißig, aber zugleich auf eine subtile und düstere Art witzig, obwohl sie eher bieder daherkam. Heute ist sie eine umwerfend aussehende Familientherapeutin, die sagt: „Ich kann es nicht ausstehen, wenn Leute über ihre Kinder reden.“ Tessa schaut ungläubig, als sie diesen Satz von Caroline hört, schließlich sollte die sich doch für Kinder begeistern. Doch Caroline winkt ab und gesteht: Sie löse einfach gerne Rätsel …
LENA
Lena war schon immer komplett durchorganisiert, ganz anders als Tessa. Wenn Lena mal ein paar Minuten zu spät kommt, hat sie dafür einen wirklich triftigen Grund. Ihr Leben scheint ausgeglichen, ganz im Gegensatz zu dem von Tessa. Genau deshalb macht Lena sich Sorgen und zweifelt daran, dass es eine gute Idee ist, Tessa zum Junggesellinnenabschied mitzunehmen. Da weiß Lena noch nicht, was Tessa wirklich antreibt …
NATALIE
Natalie ist der „Normalo“ der Gruppe. Jedenfalls, was ihre Herkunft angeht. Denn alle anderen Frauen wuchsen zusammen in den sehr reichen Vororten von Stockholm auf. Viele dort haben aristokratische Wurzeln. Natalie definitiv nicht. Wie wird sich Natalie schlagen zwischen fünf Freundinnen, die sich schon ewig kennen und aus demselben gesellschaftlichen Milieu stammen?
MIKAELA
Wie fast alle der Freundinnen kommt auch Mikaela aus einer wohlhabenden Familie und kleidet sich auch so. Rosafarbene Celine-Sonnenbrille, Mikaela ist umwerfend schön und makellos. Tessa war mal sehr verliebt in Mikaela, doch damals wusste noch niemand, dass Tessa auch auf Frauen steht. Die zweifache Mutter Mikaela hat anscheinend ein Problem mit Tessas Bisexualität – für sie sind „solche Menschen“ irgendwie nicht vertrauenswürdig, weil in Liebesdingen unzuverlässig. Keine guten Voraussetzungen für einen netten Freundinnenausflug.
IRENE
Retreat-Besitzerin Irene, Ende 30, sieht aus wie das, was sie ist: eine Yogalehrerin. Hübsch, aber nicht so spirituell, wie von Tessa angenommen. Ihr modernes und neu gebautes Retreat aus Stein und viel Glas ist beeindruckend. Sie ist eine hervorragende Yogalehrerin, und doch will Tessa eigentlich nur eins: Irene dazu bringen, ihr bei den Ermittlungen zu den verschwundenen Frauen zu helfen. Schließlich war Matilda Sperling ihre Schwester. Doch Irene will nicht auf Matilda angesprochen werden ...