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MB
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Rösrath

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Insgesamt 478 Bewertungen
Bewertung vom 07.04.2021
Keller, Hildegard E.

Was wir scheinen


sehr gut

Gelungen!!!
Ein Roman über das Leben von Hannah Arendt - erschienen pünktlich zum 60. Jahrestag des Kriegsverbrecherprozesses gegen den Nazi Eichmann - darf nicht allzu einfach gestrickt sein, das wäre der großen Denkerin nicht würdig. Als Leser darf man selbstverständlich nicht die gesamte Lebensgeschichte erwarten. Die Autorin Hildegard E. Keller hat eine Auswahl an Stationen aus dem Leben der Arendt getroffen und es gelingt ihr sehr gut uns die Figur, auch mit ihren weniger populären Seiten, nahe zu bringen: die nicht so nüchtern-analytische Seite und die Liebe für die Lyrik. Ein Zentrum bildet der Beginn der 60-er Jahre, als Hannah Arendt als Reporterin die Eichmann-Prozesse beobachten durfte und mit ihrem ein Jahr später erschienenen Buch - auch durch die Behauptung der 'Banalität des Bösen' - eine große Kontroverse ausgelöst hat. Eine zweite wichtige Erzählebene ist das Jahr 1975: Hannah Arendt - inzwischen verwitwet - zieht sich in ein Dorf ins Schweizer Tessin zurück, um in Ruhe zu arbeiten und auch über ihr Leben zu reflektieren. Immer wieder stößt der Leser auf geniale Gedanken und Aussaagen voller Poesie und Tiefgang: "Auf die wenigen kommt's an, wenn man den meisten besser aus dem Weg geht.", "Das ist ja das Einzige, was wir fürchten, wenn wir uns vor dem Ende bangen. Nicht den Tod, sondern diese Welt zu verlieren.", "Wir alle erschaffen die Welt, wie sie ist, ob wir's nun wahrhaben wollen oder nicht."
Nimmt man das Erzählte, so ist es durchweg 'rund' und die Frage, was denn Fiktion und was geschehene Wirklichkeit sei, die erübrigt sich. Ein lohnenswertes Buch, welches dem Leser aber einiges an Konzentration abfverlangt; keine 'Nebenbei-Lektüre'; am Ende hätte es noch gewonnen, wenn es um eine Namensliste mit Kurzbiographien ergänzt wäre - finden doch viele Persönlichkeiten im Umfeld von Hannah Arendt oft zunächst einmal nur mit Vornamen Erwähnung - eine Kenntnis ihrer Zeit, ihrer Weggefährt*innen ist jedenfalls hilfreich.

Bewertung vom 07.04.2021
Samson, Polly

Sommer der Träumer


gut

Eigentlich...
Eigentlich eine tolle Story mit ungeheurem Potenzial... sich mit Polly Samson's "Sommer der Träumer" in einen Sehnsuchtsort fernab unserer durch die Pandemie gezeichneten Wirklichkeit zurückziehen zu können... in der Beschreibung der Künstler-Gemeinschaft selbst eine Zugehörigkeit erleben zu können - mit viel körperlicher Nähe und gemeinsamer Gestaltung sonniger Stunden und lauer Abende in der wunderbaren Landschaft der griechischen Insel Hydra, mit Einkäufen von 'Insel-Essen', mit Disputen und Diskussionen, die sich sowohl um die kleinen wie auch um die großen Dinge des Lebens drehen... mit Diskussionen über Kunst und Literatur, mit dem Gefühl, dass es eigentlich nicht viel braucht zum Leben... mit Liebeleien und Verstrickungen... mit dem reflektieren der Zeit vor Hydra in London... mit der Auseinandersetzung über die Frage, ob man nun 'Das andere Geschlecht' von Simone de Beauvoir oder lieber doch einen Erzählungsband von Jean Paul Sartre lesen solle... und wo die Frage, welche attraktive Person oder bekannte Persönlichkeit wohl mit der nächsten Fähre auf der Insel eintreffen würde, eine tagesbestimmende Bedeutung bekommt...
Natürlich nimmt auch die Handlung im letzten Drittel an Fahrt auf... auch der Schreibstil ist äußerst angenehm... aber irgendwie konnte mich das Buch dann doch nicht so richtig packen, weil es schlussendlich doch phasenweise still und unaufgeregt vor sich hin plätschert...
Wie gesagt: Eigentlich...

Bewertung vom 21.03.2021
Seeberger, Astrid

Nächstes Jahr in Berlin


gut

Anteil nehmen...
Astrid Seeberger hat mit "Nächstes Jahr in Berlin" ein bewegendes Moment Zeitgeschichte vorgelegt. Und Biographie ist kein Spiel sondern vielmehr konsequente Spurensuche. Aus den Spuren der Vergangenheit finde ich ein tieferes Verstehen meines gegenwärtigen Soseins! Abtauchen in die Familiengeschichte mit all ihren Wendungen und Fügungen, mit ihren Irritationen und Geheimnissen. Noch einmal ganz nah sein an dem Gefühl, welches einen im 'Dort und Damals' ausgefüllt hat. Anlässlich des Todes ihrer Mutter macht sich die Tochter auf die Suche nach der Geschichte ihrer Familie. Dabei lässt uns die Autorin teilhaben an den großen Ereignissen, dem zweiten Weltkrieg, der Flucht aus Ostpreußen, der Zeit nach dem Krieg, dem Mauerbau; und mit großer Intensität schreibt sie auch über die kleinen Dinge mit der großen Bedeutung - das Vorlesen durch den Großvater, die Liebe, Beziehung und Trennungen. Zuweilen wirken die Durchmischungen von Zeitsprüngen und die sich ablösenden Geschichten ein wenig willkürlich aneinandergereiht, ergeben aber am Ende, wenn alle Puzzlesteine sich ineinander fügen, das generationenübergreifende Bild des Innenlebens einer Familie in bewegten Zeiten.

0 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 12.03.2021
Hearne, Kevin

Tinte & Siegel / Die Chronik des Siegelmagiers Bd.1


gut

Durchaus unterhaltsam für Fans des Genres
Kevin Hearne hat offensichtlich mit "Tinte & Siegel" den Grundstein zu einem Mehrteiler gelgt. Und grundsätzlich ist es ja auch nicht verkehrt - je nachdem auf wieviele Bände "Die Chronik des Siegelmagiers" angelegt ist - sich mit dem Spannungsaufbau etwas Zeit zu lassen... Obwohl, so ganz stimmt das nicht, weil es eigentlich schon auf den ersten Seiten einigermaßen losgeht - mit dem Tod des Lehrlings Gordie; auch wird sehr schnell klar, dass sich düstere Geschäfte dahinter verbergen und auch, dass die Hauptperson, der Lehrmeister und Siegelmagier Al MacBharrais (der übrigens weltweit mit anderen Siegelmagiern vernetzt ist), jetzt vor einer herausfordernden Aufgabe steht. Es gilt die Strippenzieher für den Handel mit nichtmenschlichen Wesen zu entlarven. Es gilt, Auseinandersetzungen mit fremden Wesen (z.B. Trollen) zu bestehen und auch einen eigenen Fluch loszuwerden... Stoff genug also für gute Fantasy-Handlung! Am Anfang ist alles ein wenig verwirrend; die Handlung ist von der Zeitebene nicht allzufern der Gegenwart angesiedelt und die Durchmischung von vertrauter Realität und fantastischer Handlung ist zuweilen recht amüsant. Aber nach den 'Vorkommnisen' zu Beginn dümpelt der Spannungsbogen so vor sich hin und mag nicht so richtig Fahrt aufnehmen. Ein kurzes Namensverzeichnis und eine Liste der 'Wesenheiten' hätte es dem Leser leichter gemacht! Schade, da war mehr drin... liegt vielleicht aber an mir als Leser, der dieses Genre eher über die berühmten Klassiker kennt.

Bewertung vom 10.03.2021
Boyle, T. C.

Sprich mit mir


sehr gut

Eine Nachdenkaufgabe!!!
Und wieder hat T.C. Boyle einen Roman geschrieben, der uns auffordert nachzudenken und uns in unserem Handeln zu hinterfragen; dieses Mal geht es ihm um die Frage was das Tier, insbesondere den Schimpansen, vom Menschen unterscheidet. Ist eine Kommunikation mit dem Menschen möglich und kann diese von Seiten des Schimpansen auch proaktiv erfolgen? Können Schimpansen lügen und empfinden sie Mitgefühl? Haben sie ein Ich-Bewusstsein? Verstehen sie, was 'Gott' bedeutet? Und woher nehmen wir Menschen das Recht, diese hochkomplexen Wesen für Tierversuche zu missbrauchen und sie dafür in Käfige zu sperren, in denen man logischerweise nicht den Schimpansen in seinem eigentlichen Wesen sondern lediglich sein hospitalisiertes Verhalten beobachten kann? Im Rahmen eines Forschungsvorhabens zum Sprachverhalten von Schimpansen wird die zunächst etwas zurückhaltende Aimee die studentische Assistentin von Professor Schemerhorn; sie beginnt mit ihrem Prof eine Affaire, baut daneben aber eine sehr intensive Beziehung zu dem zweijährigen Schimpansen Sam auf und steht diesem am Ende näher als den meisten Menschen in ihrem Umfeld; Aimee nimmt Sam in Obhut und flüchtet mit ihm, als er bei Abbruch des Vorschungsvorhabens in die Käfighaltung soll. Die Handlung schraubt sich einem tragischen Höhepunkt entgegen. Es wird aus wechselnder Perspektive erzählt - auch, und das ist T.C. Boyle besonders gut gelungen, aus der Perspektive von Sam, dem Schimpansen. Eine lohnenswert Lektüre!

Bewertung vom 08.03.2021
Haig, Matt

Die Mitternachtsbibliothek


ausgezeichnet

Lebensklug!!!
Wie macht der Typ das bloß? Soviel Lebensklugheit auf unterhaltsame Weise in einen Roman zu gießen! Matt Haig lädt uns Leser*innen in seinem neuen Buch dazu ein, über unser Leben neu nachzudenken - insbesondere bei latent vorhandner Unzufriedenheit. Er führt den Beweis, dass insbesondere die Vorstellung, es müsse das perfekt glückliche Leben geben, die größte Quelle für zunehmende Unzufriedenheit und vielleicht sogar für Lebensüberdruss darstellt. Er stärkt unseren Glauben daran, dass Glück nur da existieren kann, wo auch Traurigkeit seinen Platz haben darf! Ich weiß, das klingt jetzt nach 'Hermann Hesse' mit einem Schuss 'François Lelord', aber was solls - die Frage nach dem richtigen Leben ist immer eine Neuauflage wert! Nora Seed ist unzufrieden mit ihrem Leben und es gibt ne Menge, was sie rückblickend bereut - kein Wunder also, dass die in Richtung Zukunft zu tragende Last eines Tages so schwer ist, dass sie beschließt, ihrem Leben ein Ende zu bereiten. Doch statt zu sterben erhält sie in der 'Mitternachtsbibliothek' die Chance, sich alternative Lebensverläufe auszuwählen und auch auszuprobieren; ganz nach dem Motto 'Wie wäre es eigentlich gewesen, wenn ich zu einem bestimmten Zeitpunkt in meinem Leben eine andere Abzweigung genommen hätte?' Nach der Idee des 'Multiversums' gibt es gleichzeitig unzählige Möglichkeiten... Natürlich braucht es zuweilen die lebensbedrohliche Begegnung mit einem Eisbären, um zu merken, wie sehr man dann doch am Leben hängt. Das Ende darf leider nicht verraten werden: Ein wunderbares Buch!

Bewertung vom 04.03.2021
Suiter Clarke, Amy

Der Countdown-Killer - Nur du kannst ihn finden


gut

Ein wahrer Pageturner!!!
Amy Suiter Clarke hat einen beachtenswerten Erstling geschrieben. Wie es für einen guten Thriller geboten ist, nimmt die Handlung von Kapitel zu Kapitel an Fahrt auf, bis man das Buch im letzten Drittel gar nicht mehr aus der Hand legen mag. Der Plot ist intelligent konstruiert und erst nach und nach erschließen sich einige Dinge. True-Crime-Podcasterin Elle Castillo rollt in ihrem 'True Crime Podcast' vergangene Mordfälle auf und verfügt über eine beachtliche Zuhörerschaft. Aktuell rollt sie aber den 20 Jahre zurückliegenden Fall eines Serienmörders auf, bei dem sie als damals selbst Beteiligte in den Fokus des 'Countdown Killers' rückt. Der Thriller springt zwischen der aktuellen Handlung, den Podcasts von Elle Castillo, ihren Erlebnissen von vor 20 Jahren, der Perspektive des Serienmörders inklusive seiner Lebensgeschichte und der Opferperspektive hin und her; diese Zeit- und Perspektivwechsel sind gut nachvollziehbar und machen den Thriller, ohne dass Ungereimtheiten auftauchen, zu einem beachtenswerten Pageturner!

Bewertung vom 23.02.2021
Wells, Benedict

Hard Land


ausgezeichnet

Einfach wunderbar!!!
Ich weiß wirklich nicht, wie Benedict Wells das macht... Mit 'Hard Land' ließ er mich eintauchen in meine Zeit als Teenager - vor und nach dem 16. Geburtstag. Eine Zeit in der man festhängt im Dazwischen - nicht mehr Kind und auch noch nicht erwachsen ist. Auf der Suche nach seinem 'Ding'. Einen Platz finden in einer Gruppe, Dazugehören. Das Leben entdecken. Die Liebe entdecken. Sich mit einer Haltung zum Leben irgendwo positionieren... Und wenn dann die Wege der Freunde sich durchs Studium trennen... Benedict Wells lässt seine 'Coming of Age'- Geschichte in einer Kleinstadt im Mittleren Westen der USA handeln und siedelt sie an in der Mitte der 80-er Jahre. "Schon wieder eine 'C.o.A.' - Geschichte dachte ich zunächst... aber wie gesagt, das Buch hat mich nicht mehr losgelassen. Eine Story voller Melancholie und Lebensfreude, Liebe und Mut, Tod und Verzweiflung... und dazu noch eine Playlist, um sich als Leser*in auch richtig zurück in die Eighties zu beamen! Es ist schon wahre Kunst, wenn es einem Autor gelingt, dass man als Leser derart mit den Figuren verschmilzt. Und du musst den Ball ganz hoch hinaus werfen, denn wenn er wieder landet, dann bist du erwachsen geworden! Die Ereignisse der geschilderten Zeit, eines bewegten Sommers und darüber hinaus, sind nichts anderes als ein beeindruckendes Initiations-Ritual. Ich hätte ewig weiterlesen können...

Bewertung vom 23.02.2021
Heger, Moritz

Aus der Mitte des Sees


ausgezeichnet

Wunderbar!!!
Mit 'Aus der Mitte des Sees' ist Moritz Heger ein wunderbares Buch gelungen. Wahrhaft poetisch und mit schlichtweg schönen Sätzen lässt er die Leser*innen in die kontemplative Welt einer Benediktinerabtei eintauchen, lässt lebensweltlich banale Ereignisse, bedeutsame Lebensentscheidungen und Konflikte sich ereignen und schickt diese anhand der Themen Geburt und Tod, Selbstversenkung und Liebe, bei sich sein und beim anderen sein, auf die Bühne der Literatur. Die bildhaften Beschreibungen der Außenwelt, die komlexe Innenwelt des Protagonisten, des Benediktiners Lukas, und die Haut als Grenze zwischen Innenwelt und Außenwelt tragen in faszinierender Weise die Geschichte. Lukas, als einer der wenigen verbliebenen jüngeren Mönche erlebt über das Schwimmen und das Wasser noch sein Sein in der Welt - im Kloster ganz Geist, im Wasser ganz Körper. Bis ihm an seinem Steg am See Sarah begegnet und das Körperlich in ihm neu belebt, Körper und Geist sich vereinen.
Schon lange habe ich in der Literatur nicht mehr an einer derart introspektiven Hauptfigur teilhaben dürfen! Unbedingte Leseempfehlung!!

Bewertung vom 23.02.2021
Mosebach, Martin

Krass


ausgezeichnet

Grandios!!!
Martin Mosebach schenkt der Welt 525 Seiten Lesegenuss. Ein Sprachkünstler, der mit seinen Beschreibungen Figuren derart zum Leben erwecken kann, dass sämtliche Hollywood-Regisseure sich huldvoll verneigen müssten. Ein Sprachschatz ist entstanden, den man nicht aus der Hand legen mag! Da wird 'Telefon' noch mit 'ph' geschrieben, da begegnet man der hohen Kunst der Außen- und Innenweltbeschreibung und herrlich skizzierten Protagonist*innen; dabei jede Figur eine Besondere und ihr Zusammentreffen, weil auf Gegensätzen aufgebaut, etwas ganz Bedonderes. Der neue Roman ist 'echt krass' - da ist der Titel quasi Programm - nur wäre diese umgangssprachliche Plattitüde eine Beleidigung für diese Textkomposition. Ein Zeitsprung über zwanzig Jahre hinweg und wie er Menschen zum einen verändert und was doch bis zuletzt im Kern erhalten bleibt. Der Mann als dominantes und auch devotes Wesen; die Frauen als Beiwerk und Strippenzieherinnen; die Liebe und die Entfremdung, die innere Distanz zum nahen Liebesobjekt; Macht und Grenzerfahrungen. Wer eine langsam sich auflösende Beziehung wie folgt beschreiben kann, hat Großes geleistet: "... wer den Wettkampf der Desillusionierung am längsten durchhält." Oder auch, wie die Hauptperson Ralph Krass über sich selbst reflektiert: "Im Widersprüchlichen war er ein Meister." Oder wenn Ralph Krass sich an seine Kindheit erinnert: "... aber bei ihnen war ... der Frühjahrsputz kein Ritual, sondern eine tagelange Reinigungsschlacht, die den Haushalt von Grund auf umstülpte, alles unbewohnbar machte, ein Ausnahmezustand mit dem Ergebnis einer Ordnung, die gleichfalls irgendwie unbewohnbar war." "Man lernt nichts im Leben, es ist sinnlos, alt zu werden." Die ausgefeilte Handlung des Romans (siehe Klappentext) ist das eine, dass es einen wahren literarischen Schatz zu heben gibt das andere!!!