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zu den Top-Rezensenten

Benutzername: MB
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Bewertungen

Insgesamt 43 Bewertungen
Bewertung vom 27.11.2020
Funkenmord / Kommissar Kluftinger Bd.11
Klüpfel, Volker;Kobr, Michael

Funkenmord / Kommissar Kluftinger Bd.11


sehr gut

Gerne wieder!!!
Funkenmord ist mein erster 'Kluftinger'... Im ersten Viertel dachte ich "Wo bleibt der Kriminalfall" und "Warum zieht der Autor die Story so in die Länge?" Zugegeben - alles recht amüsant, schräge Figuren, man möchte fast sagen 'nicht so ganz von dieser Welt, die Figuren' - Niederbayern halt... Kluftinger hat noch nicht abgeschlossen mit einem Kriminalfall, den er als als junger Polizist zu lösen hatte, rollt ihn nach 35 Jahren wieder auf und bekommt dabei eine junge Kollegin an die Seite gestellt. Aber wie gesagt, der Fall lässt sich Zeit. Vorher erfahren wir von diletantischen Teambildungsmaßnahmen, vom Versuch, im Team einen Weihnachtsbaum zu erstehen, von Kluftingers Versuch, sich als Hausmann zu betätigen und die Wäsche zu machen, von seiner Begegnung mit einem Thermomix; wir dürfen erleben, wie Kluftinger in nahezu jedes Fettnäpchen reintappst, welches nur irgendwo liegt - so hat er noch nicht verstanden, was Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau bedeuten könnte und Multikulti ist auch noch nicht zu ihm durchgedrungen. Als Kommissar wirkt er nicht nur leicht hinterwäldlerisch, offenbart aber am Ende einen columbo-artigen Spürsinn... Dachte ich in der ersten Hälfte des Buches noch "wie eine seichte Vorabendserie" - gefiel mir das Werk nach seiner Hälfte mehr und mehr, die Handlung nahm Fahrt auf und ganz nebenher sind mir auch einige Schmunzler entlockt worden... und: Ja, Kluftinger ist mir ans Herz gewachsen! so dass ich jetzt einfach bekennen muß: Gerne mehr.

Bewertung vom 20.11.2020
Lars Eidinger

Lars Eidinger


sehr gut

Mit seinen scheinbar beiläufig festgehaltenen Momenten und Augenblicken entlarft Lars Eidinger unseren Alltag, hält uns unsere kleinen Sehnsüchte vor Augen und irritiert, indem er zuweilen Widersprüchliches miteinander kombiniert. Ein Kuschelkissen mit herzförmigen Augen und Lachen, was gespiegelt wirkt, als würde es sich selbst als peinliches Objekt unserer Sehnsucht auslachen. Die Hässlichkeit unserer Städte - und wie sich der Pflanzenwuchs den grauen Asphalt zurückerobert. Sämtliche Bilder ohne Titel; der Betrachter ist selbst gefordert, das Betrachtete zu benennen und es sich auf diese Weise anzueignen. Notlösungen: eine Plastikflasche hält den Spalt zwischen Fenstersims und Rollo offen. Der Rahmen auf dem Sperrmüll, der unser weggeworfenes Leben rahmt. Die 'Thriller-LP' als Mousepad. All die kleinen Weltverschönerungsversuche. Die Madonnenfigur neben dem Telefon - der direkte Draht in den Himmel. Die Schlafstätten der Aussortierten mit ihren Schlafsäcken. Und schlussendlich eine wilde Sammlung von Hotelbetten - hat die Lars Eidinger alle belegt?
Eine wunderbare Sammlung! Erschreckend nahe dran!!

Bewertung vom 20.11.2020
Aus dem Schatten des Vergessens / Victor Lessard Bd.1
Michaud, Martin

Aus dem Schatten des Vergessens / Victor Lessard Bd.1


gut

Verdammt gute Story!!!
Nach den ersten Seiten von Martin Michauds 'Aus dem Schatten des Vergessens' ahnt man noch lange nicht, in welche Richtung die Handlung sich entwickeln wird... und am Ende - mit einem kleinen showdown - erschließt sich dann alles und man mag dem Autor ein dickes Kompliment machen für seine hervorragende Konstruktion des Kriminalfalls. Und ein weiteres Kompliment dafür, dass er uns als Leser*innen gut durch die 600 Seiten begleitet. Sergent-Détective Victor Lessard und seine Kolegin Jacinthe Taillon sind ein fantastisches Duo mit persönlichen Eigenarten (Alkohol, Essen); im aktuellen Fall stellen sie einmal mehr unter Beweis, dass die Vergangenheit stets bis in die Gegenwart hinein wirkt und vergangenes Unrecht nicht einfach vergessen werden kann. Eingebunden in reale historische Ereignisse rund um die Ermordung von John F. Kennedy (nur ein kleines Puzzlesteinchen im Verhältnis zur gesamten Handlung) entwickelt die Story eine vollkommen eigene Dynamik, die verdeutlicht, dass alles im Hier & Jetzt eine Vorgeschichte, einen Hintergrund und einen Untergrund hat. Fast möchte man glauben, dass sich hinter vielen Vorkommnissen ein vielschichtiger Kriminalfall verbirgt. Was das Buch und den Autor zudem ausgesprochen sympathisch machen: Der weitgehende Verzicht auf 'Blutrünstigkeit' und die Einblicke in die Autorenwerkstatt... so erfahren wir am Schluss, welche Musikstücke, mit welchem Kopfhörer und wie oft gehört, den Autor während des Schreibvorgangs begleitet haben.
So - ich muss jetzt meinen nächsten 'Michaud' beginnen...

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 19.11.2020
QualityLand 2.0 / QualityLand Bd.2
Kling, Marc-Uwe

QualityLand 2.0 / QualityLand Bd.2


ausgezeichnet

Unglaublich und doch schon fast wahr...
Was Marc-Uwe Kling uns da wieder einmal präsentiert ist sicher nicht jedermanns Geschmack... aber wer will schon 'Jedermann' sein? Qualityland 2.0 ist die konsequente Fortsetzung von Qualityland 1.0... man hätte auch einen dicken Wälzer draus machen können, dann wären wir bei gut 800 Seiten gewesen... aber das am Stück zu lesen, wäre schon eine nicht unerhebliche Herausforderung gewesen - man wäre nämlich aus dem Schmunzeln gar nicht mehr raus gekommen und die Grinsemuskulatur wäre zusätzlich durch Lachanfälle durchgeschüttelt worden. Man kennt das Personal aus dem ersten Teil und spürt beim Lesen eine irrsinnige Vertrautheit, weil ein Teil der Figuren einem inzwischen so richtig ans Herz gewachsen sind... Peter Arbeitsloser und Kiki... und wie man in seinen (siehe China) 'social-credit-points' steigen, aber auch fallen kann...
Marc-Uwe Kling sollte Zukunftsminister werden, man fragt sich nämlich, wo hat der Kerl bloß die ganzen Idden her? Einiges davon ist die konsequente gedankliche Fortschreibung von bereits existierenden Dingen und Phänomenen, anderes überraschend neu... Und wer würde nicht schon heute behaupten können, dass unsere Algorithmen uns weit besser kennen als unsere Partner*innen??? Weil ich das gedruckte Werk auch noch als Hörbuch besitze, welches im beim Joggen genieße, bin ich schon von vielen Spaziergängern seltsam angeschaut worden, wenn ich unterwegs mal wieder einen Lachanfall hatte. Dieses wunderbare Werk ist ein absolutes Muss für Gegenwartskritiker und Zukunftsinteressierte. Mehr wird nicht verraten!!! Lest gefälligst selbst!

Bewertung vom 08.11.2020
Female Photographers Org

Female Photographers Org


ausgezeichnet

Lohnenswert!!!
Beeindruckend andere Perspektiven; verstörende Nacktheit; heimliche Blicke; Menschen in Alltagssituationen & Menschen, die ihren Körper fernab von irgendwelchen Schönheitsidealen zur Schau stellen; Körper, die mit der Natur verschmelzen. Bilder, die im Betrachter Assoziationen bewirken.
Ein wahrer Augenschmaus - eine absolut lohnenswerter Rundgang durch eine gut in Szene gesetzte und hervorragend fotographierte Bilderwelt!

Bewertung vom 08.11.2020
American Spy
Wilkinson, Lauren

American Spy


gut

Ein beeindruckend anderer Thriller...
Lauren Wilkinson hat einen beeindruckend anderen Thriller geschrieben. Welcher Thriller-Autor käme schon auf die Idee, die Protagonistin ihre Geschichte für ihre Kinder aufschreiben zu lassen, dass die Bescheid wissen, was wirklich geschehen ist, sollte ihr etwas passieren...
Marie Mitchell arbeitet als Geheimagentin beim FBI und es gelingt ihr, auf den Spuren ihrer verstorbenen Schwester, sich an einer Geheimoperation in Burkina Faso zu beteiligen; ihr Auftrag ist dabei das eine, ihre große Zuneigung zum charismatischen sozialistischen Präsidenten das andere; wunderbar beschreibt die Autorin den inneren Widerstreit der Protagonistin. Die Handlung ist (nur) der Rahmen für Themen wie Identität, Amerika, Rassismus, Machtspiele und das Aufbegehren für eine bessere Welt. Und Lauren Wilkinson hat eine Botschaft; so lässt sie ihre Protagonistin am Ende in das für ihre Zwillinge bestimmte Notizbuch schreiben: "Ich hoffe, ihr werdet den Mut haben,euch gegen Ungerechtigkeit zur Wehr zu setzen, wann immer ihr dazu aufgerufen seid. Ich hoffe, ihr werdet frei und heftig lieben." Akteure des Wandels sollen sie werden...
Ein gelungener Erstling!

Bewertung vom 31.10.2020
Der letzte Satz
Seethaler, Robert

Der letzte Satz


gut

Ein anerkennenswerter Versuch...
Robert Seethaler lädt die Leserschaft ein, den Komponisten und Dirigenten Gustav Mahler bei seiner letzten Fahrt, dem Rückweg von New York, wo er am Gipfel seines Erfolges angelangt ist, nach Europa zu begleiten; der Autor lässt seinen Protagonisten über einige Ausschnitte aus dem Leben sinnieren, über sein Verhältnis zu seiner Ehefrau Alma reflektieren und selbstverständlich auch über die Musik nachdenken. Wir erhalten das Porträt eines kränkelnden Mannes, der im Kontakt zu den Menschen - einzige Ausnahme die Kurzkontakte zu den Kindern - einen gewissen Überdruss erlebt. Erinnerungsbruchstücke, die winzigen Freuden des Lebens und auch die kleinen Babalitäten gehen Mahler auf dem Schiffsdeck durch den Kopf. Der einzige etwas intensivere Kontakt ist der Schiffsjunge (die Sehnsucht nach Jugend) - Mahler als einsames Genie. Mahler als Mann, dem die Musik gelingt - zuhause in seinem 'Komponierhäuschen' - dem aber bei den Menschen nicht viel gelingt. Der drohende Verlust seiner Frau an einen anderen Mann lässt ihn zu einem bedürftigen Kind werden, welches versucht, über Leiden und Krankheit die Anbindung an Alma wieder herzustellen. Und Am Schluss der Schiffsjunge, der nicht mehr Schiffsjunge sein möchte, weil es an Bord so sehr schwankt; wie er dann in einer veralteten Tageszeitung von Mahlers Tod liest.
Banal oder genial: "Auf seiner Kiste auf dem Sonnendeck dachte Mahler in einem Anflug bösartiger Resignation an die Nichtigkeit des Lebens. Es war kaum mehr als ein Ausatmen, ein Hauch im Weltensturm, und doch liebte er das Leben so sehr, dass ihm die Traurigkeit über die Vergeblichkeit dieser Liebe das Herz zerreißen wollte."
Ein irgendwie seltsames, fast wie nicht ganz fertiges Buch. Aber nach 'Der Trafikant' kann man schlecht sagen, "Seethaler übt noch"...
Bitte an einem verregneten Wochenende lesen und dabei Mahlers 8. Sinfonie lauschen!

Bewertung vom 29.10.2020
Zugvögel
McConaghy, Charlotte

Zugvögel


sehr gut

Zunehmend begeistert...
Die junge australische Autorin Charlotte McConaghy (irische Wurzeln) hat mit 'Zugvögel' einen fantastisch-bewegenden und von seiner Dramaturgie her exzellent konstruierten Roman geschrieben. Sie Verknüpft darin Lebensverzweiflung und (Über-) Lebensmut, Todessehnsucht und Liebessehnsucht, Bleibenwollen und expansive Wildheit, Bindungswunsch und Autonomie; genau in diesen Spannungsfeldern lässt die Autorin ihre Hauptfigur Franny - eine Australierin mit irischen Wurzeln - agieren und führt uns Leser*innen in literarisch hervorragender Weise das Drama des Menschseins vor Augen, in einer Zeit des Artensterbens. Den roten Faden bildet Frannys Vorhaben, den letzten Küstenseeschwalben zu folgen zu diesem Zweck macht sie sich nicht nur auf eine weite und gefährliche Reise in die Gefilden der Antarktis, sondern auch eine Reise zu sich selbst, in ihre Vergangenheit, die sie so noch nicht akzeptiert hat, dabei ihrem vermeintlichen Familienschicksal entfliehend, sich am Ende der Reise die Frage nach leben oder sterben wollen stellend. Eine düster-bewegende Geschichte ohne happy end, aber dafür mit einer großen Portion Ermutigung! Schade, dass die 400 Seiten ausgelesen sind...

Bewertung vom 18.10.2020
Verlangen
Hofstede, Bregje

Verlangen


gut

Eine poetische Selbsterkundung.
Die niederländische Autorin Bregje Hofstede lässt ihre Leserschaft an einer / ihrer poetischen Selbsterkundung einer Trennung teilhaben. Dabei spannt sie den Bogen mosaikartig über ihre Kindheit, ihre Jugend und Adoleszenz bis hinein in die Geschichte ihrer Beziehung mit Luc. Eingestreute Tagebucheinträge zeigen das Innenleben der Ich-Erzählerin - eine Seite ihrer Selbst, die sie in ihrer Beziehung nur begrenzt offenbart; schonungslos mit sich selbst kann sie sich selbst nicht genügen und auch Luc hat beständig das Gefühl, ihr nicht genügen zu können: "... worauf es ankommt, ist, dass es immer einen Teil von mir gab, der nicht in Wir-Form gegossen werden konnte. Ja, vielleicht nicht einmal in Ich-Form." 'Verlangen' erstreckt sich über 40 Tage, in denen die Protagonistin über sich selbst und ihre Beziehung reflektiert, beginnend mit dem Tag des Verlassens der gemeinsamen Wohnung bis hin zu dem Tag, an dem Sie tatsächlich ihre Koffer packt. Als männlicher Leser hatte ich das Gefühl, ein Zuschauer intimster Seelenzustände sein zu dürfen; mir aber gleichzeitig bei der Eroberung der wohlformulierten Zeilen die Einfachheit des Lebens und der Liebe herbeigewünscht. Fröhliche Geschichten gehen anders...

Bewertung vom 27.09.2020
Das lügenhafte Leben der Erwachsenen
Ferrante, Elena

Das lügenhafte Leben der Erwachsenen


sehr gut

Lesegenuss!!!
Eigentlich eine recht unspektakuläre Geschichte, die Elena Ferrante in ihrem neuen Roman erzählt - eine Geschichte, die wir alle kennen - die Geschichte vom Erwachsenwerden. Die dreizehnjährige Giovanna, Neapel in den 90-ern (wobei diese Zeit eine eher untergeordnete Rolle spielt), einem gutbürgerlichen Elternhaus entstammend. Als Leser*in dürfen wir Giovanna bei ihrem Erwachsenwerden begleiten - und das besondere ist, Ferrantes Geschichte ist weit mehr als nur ein 'coming of age' - es geht um Bildungsunterschiede, um Familienkonflikte und vor allem um die Suche nach der eigenen Identität. Giovannas Schlüsselerlebnis zu beginn ist, wie sie zufällig mitbekommt, dass ihr Vater sie mit seiner Schwester, Giovannas Tante vergleicht, die er als hässlich bezeichnet. Dies erlebt Giovanna als eine extreme Kränkung ihres Selbstwertgefühls und ist im Folgenden bemüht, ihre Tante Valleria kennenzulernen, nicht nur um für sich die Frage zu beantworten, ob sie selbst tatsächlich hässlich sei, sondern vor allem auf der Suche nach der eigenen Identität. Mit diesem Vorhaben reift Giovanna heran zu einer jungen Frau, entwickelt Sehnsüchte nach einem anderen Leben (idealisiert den um Jahre älteren Intellektuellen Roberto), findet am Ende aber zurück zu einem bescheidenen Anfang für ihr Erwachsensein, indem ihre geheime Liebe zu Roberto sich nicht erfüllt, aber der Anlass ist, sich in all ihrer Sehnsucht von dem 'einfach gestrickten' Rosario entjungfern zu lassen und so das Ende der Kindheit einzuläuten.
Elena Ferrante ist eine großartige Geschichtenerzählerin - fast schon egal, was sie erzählt - es ist reinste Poesie. Selten ist es jemandem gelungen die Irrungen und Wirrungen dieser Lebensphase derart differenziert, einfühlsam und auch gleichzeitig nüchtern zu erzählen.
"Wir beide sind nunmal so, bei schönen Gedanken werden wir schön, aber bei schlechten werden wir hässlich, die müssen wir uns aus dem Kopf schlagen."
Und der zentrale Satz des Buches lautet vielleicht "Ich muss wissen, wer ich wirklich bin und was für ein Mensch ich werden kann."
Unbedingt lesen!!!