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hasirasi2
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Dresden

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Bewertung vom 27.08.2022
Verano, Daniel

Canaria Mortal


gut

Arbeiten, wo andere Urlaub machen

… so hat sich Journalist Felix Faber seinen Neustart auf Gran Canaria bei der vielversprechenden linksorientierten Zeitschrift LA VIDA vorgestellt, aber nicht nur die Insel, auch die Redaktionsmitglieder sind anders als erwartet. Die Insel ist kein grünes Tropenparadies, sondern eher felsig und steinig und seine neuen Kollegen verschweigen ihm etwas Wichtiges, das ihn in Gefahr bringen könnte. Außerdem liegen sie mit der neuen, rechtsgerichteten Partei RAZÓN im Clinch.
Als eine junge Frau ermordet aufgefunden wird, führt eine der Spuren zu LA VIDA und Faber stellt zusammen mit einer Kollegin eigene Nachforschungen an, da sie Informationen haben, die die Polizei noch nicht kennen kann.

Felix ist gerade erst auf der Gran Canaria und in seinem neuen Job angekommen, als er in die Ermittlungen rutscht. Durch ihn lernt man Land und Leute und auch die dunklen Seiten der Urlaubsregion kennen. Die Handlung dreht sich nämlich auch um Flüchtlinge, die die Insel als Sprungbrett nach Europa nutzen, Geldwäsche, Bestechung und die Reibereien zwischen den verschiedenen politischen Lagern.

Auf Seiten der Polizei ermittelt Ana Montero in dem Mord. Sie stammt ursprünglich aus Madrid und wurde hierher zwangsversetzt, will aber so schnell wie möglich zurück. Um ans Ziel zu kommen, braucht sie den einen großen Fall und wittert jetzt ihre Chance. Aber sie ist sich auch des Klüngels unter den Einwohner bewusst und spannt darum Felix ein, weil sie ihm mehr traut als ihren Kollegen …
Sie ist nicht die perfekte, linientreue Polizistin, die man erwartet, sondern noch relativ jung und dynamisch, sieht sehr gut aus und liebt schnelle Autos – und ab und an einen Joint.

Die Grundidee von „Canaria Mortal“ hat mir gut gefallen. Ein junges Mädchen aus der Unterschicht wird ermordet und es ist lange nicht klar, ob sie in etwas Illegales verwickelt war oder es sich um eine Beziehungstat handelt.

Etwas schwer hingegen habe ich mich mit den häufigen Sprüngen zwischen den erzählenden Personen getan. Durch den ständigen Perspektivwechsel fiel die Spannung immer wieder ab und mein Lesefluss wurde gestört. Auch die Geheimnistuerei wer die beiden Unbekannten sind, war mir zu viel (zumal eine recht schnell die Tote und damit ihre Identität geklärt ist).

Nicht ganz rund fand ich auch den Plot Twist, als Faber Lehrer wird, um an der Schule der Toten zu ermitteln und dafür keine Papiere oder Ausbildung braucht und es auch in der Redaktion außer einer Kollegin niemand weiß.
Zwei weitere Ungereimtheiten sind eine nächtliche Kletterpartie, für die Ana als geübte Kletterin eine Spitzhacke braucht, er als Ungeübter aber nicht, und dass sie anderthalb Stunden zu einem möglichen Tatort fahren, um dann Verstärkung zu rufen, die schon nach einer Viertelstunde da ist?!

Mein Fazit: Interessante Grundidee, auch die (Flüchtlings-)Politik hat gut in die Handlung gepasst, aber der Erzählstil und einige Ungereimtheiten haben mich etwas gestört.

Bewertung vom 26.08.2022
Gabriel, Micaela A.

Ruf nach Veränderung / Die Frauen vom Reichstag Bd.2


sehr gut

Träume sind aus Mut gemacht

Berlin 1926: Marlene von Runstedts Vater stirbt, ohne ein Testament bzgl. seiner Anwaltskanzlei zu hinterlassen. Jetzt muss sich die Abgeordnete der DDP entscheiden, ob sie endlich ihr zweites Staatsexamen ablegen und selber als Juristin arbeiten, oder Max, dem Kanzleipartner ihres Vaters, weiterhin nur zuarbeiten will. Erschwerend kommt hinzu, dass sie sich ihrer Gefühle für ihn nicht klar ist, da sie in ihm seit über 20 Jahren nur ihren besten Freund sieht. Aber als er jetzt ausgerechnet ihre Intimfeindin Sonja Grawitz in einem Fall vertritt und dieser dabei privat näherkommt, wird Marlene eifersüchtig. Zumal es bei dem Fall um die uneheliche Tochter von Sonja und Justus geht, Marlenes vor 6 Jahren verstorbenem Geliebten.

Ihre beste Freundin Sophie Maytrott hat ähnliche Probleme. Sie ist Abgeordnete der Zentrumspartei und mit einem 20 Jahre älteren Mann verheiratet. Er hat ihr vor der Hochzeit versprochen, dass sie ihre politische Karriere weiterverfolgen kann. Allerdings hat er nicht damit gerechnet, dass sie es bis in den Reichstag schafft. Jetzt fordert er plötzlich, dass sie ihrer Rolle als Hausfrau und Stiefmutter seiner halbwüchsigen Kinder gerecht wird. „Es kommt mir seit ein paar Wochen – oder sogar schon Monaten – so vor, als verlöre ich den Boden unter den Füßen. Meine Wünsche und Hoffnungen sind eine Sache, aber meine Pflichten und die Ansprüche meiner Familie eine andere.“ (S. 258)
Außerdem hat sie nach einer Polio-Erkrankung ein gelähmtes Bein, das sie im Alltag extrem beeinträchtigt, und verliebt sich einen katholischen Pfarrer, der ihre Gefühle zu erwidern scheint.

Micaela A. Gabriel schreibt auch im 2. Teil der „Frauen vom Reichstag“ sehr lebendig und mitreißend, lässt das frühere Berlin und die Stimmung und Abläufe im Reichstag wieder auferstehen.

Marlene und Sophie führen in Berlin ein eigenständiges und unabhängiges Leben, engagieren sich in ihren Parteien vor allem für die Fragen und Rechte von Frauen und Kindern. Doch auch durch das Erstarken des Nationalsozialismus werden die Freundinnen von ihren männlichen Parteigenossen in Richtungen gedrängt, mit denen sie nicht konform gehen und die auch nie Ziele ihrer Parteien waren. Sollen sie sich doch beruflich umorientieren?
Marlene will sich immer noch nicht an einen Mann binden, liebt ihre Freiheit und trauert dem Kind nach, das sie damals nicht bekommen hat. Dass sie jetzt Justus` Tochter zu ihrem Recht verhelfen soll, wühlt die bislang erfolgreich verdrängten Erinnerungen erneut auf und bringt sie an ihre Grenzen.
Sophie lebt ihren Glauben sehr intensiv, Nächstenliebe und vor allem -hilfe stehen für sie nach ihrer Arbeit als Abgeordnete an erster Stelle. Je länger sie in Berlin lebt, desto mehr fallen ihr die Einschränkungen durch ihren Mann zu Hause in München auf. Als er ihr ihre Tätigkeit dann sogar verbieten will, muss sie eine Entscheidung treffen. „Der Beschützer, den sie in ihm gefunden zu haben glaubte, entpuppte sich als Wächter, der nicht um sie besorgt war, sondern dem es nur um sich selbst und seinen gesellschaftlichen Ruf ging.“ (S. 368)

De beide Frauen studierte Juristinnen sind, hat Micaela A. Gabriel auch einen echten und extrem spannenden Skandalfall aus dieser Zeit in die Handlung einfließen lassen. Ein 18jähriger soll nach einer Orgie zwei Mitschüler erschossen haben. Die einzige Zeugin ist die Schwester des einen Toten. Marlenes Kanzlei wird mit der Verteidigung des Täters beauftragt und vor allem Sophie arbeitet Max dabei zu. Bei der Recherche nach Beweisen für die Unschuld des Angeklagten, wächst sie über sich hinaus und erlangt nationale Berühmtheit und Anerkennung – die ihrem Mann natürlich nicht auch passen.

Fazit: Spannende Fortsetzung der „Parlamentarierinnen-Reihe“, in der zwei Abgeordnete und Freundinnen für Emanzipation und ihr persönliches Glück kämpfen, aber auch die Rechte von Kindern und Frauen. Aber wie schon beim ersten Teil wurden mir einige politische Details etwas

Bewertung vom 22.08.2022
Glaesener, Helga

Das Kind der Lügen / Hamburgs erste Kommissarinnen Bd.2


sehr gut

Hysterie

Hamburg 1929: Paula Haydorn ist seit einem Jahr eine der ersten Frauen bei der Kriminalpolizei und macht ihren Job wirklich gerne und auch gut, doch die Hinrichtung einer von ihr überführten Mehrfachmörderin hat sie verunsichert und geht ihr noch lange nah. „Und wenn wir doch etwas übersehen haben?“ (S. 11)
Darum ist sie bei ihrem neuesten Fall besonders gründlich. Die gutsituierte aber hysterische Witwe Signe von Arnsberg zeigt erst den Mord ihres Schoßhündchens an und meldet später ihre sechsjährige Tochter Dorothee als vermisst. Außer Paula nimmt sie zunächst niemand ernst. Man glaubt ihr nicht einmal, dass es das Kind wirklich gibt. Dann vermuten Paulas Kollegen, dass sich das Kind und sein Kindermädchen Alma nur verlaufen oder durch etwas haben ablenken lassen, schließlich machen sie hier Urlaub.

„Das Kind der Lügen“ ist bereits der zweite Teil der Reihe mit Paula Haydorn. Sie und ihr Vorgesetzter Martin Broder sind sich im letzten Jahr nähergekommen, aber immer, wenn sie denkt, dass er endlich den nächsten Schritt macht, zieht er sich wieder zurück. Also stürzt sie sich voller Elan in die Arbeit.

Die Suche nach Dorothee und Alma verlangt dem ganzen Team einiges ab. Im Laufe der Ermittlungen geraten neben Signe selbst auch ihr Chauffeur und eine alte Freundin ins Visier der Polizisten – aber nirgendwo findet sich eine Spur von oder zu dem Kind und Kindermädchen. Die Zeit rennt ihnen langsam davon. „Wir sind nicht schnell genug, Paula. Wir suchen zwei Menschen, darunter ein kleines Kind, und tappen auch nach einer Woche immer noch im Dunkeln.“ (S. 162)
Signe erschwert die Nachforschungen, ist übernervös, sehr undurchsichtig und voller Geheimnisse. Sie verrät den Ermittlern immer nur das Allernötigste und belügt sie auch – natürlich nur zum Wohl ihres Kindes, behauptet sie später. Die Situation spitzt immer weiter zu, es gibt sogar Anschläge auf die die Ermittler. Will der Entführer die Polizisten etwa mit allen Mitteln von der Aufklärung des Falles abhalten?!

Helga Glaesener hat einen sehr komplexen Handlungsstrang geschaffen, bei dem man bald nicht mehr weiß, wem bzw. was man noch glauben kann und wer alles involviert ist. Paula und ihre Kollegen ermitteln in Hamburg, Cuxhaven und Bielefeld, dadurch bekommt man einen Einblick in die Örtlichkeiten zur damaligen Zeit, wie die (Zusammen-)Arbeit funktionierte und welche Ermittlungsmethoden angewandt wurden.

Ich finde es toll, dass Paula zwar als starke Frau, aber nicht als überlegene Einzelkämpferin dargestellt wird. Sie ist mutig und kann sich durchsetzen, hat aber auch Schwächen und Ängste. Zusammen mit ihren Kolleginnen hat sie sich inzwischen gut in die Kripo integriert, man kann sich aufeinander verlassen, deckt sich auch schon mal gegenüber Vorgesetzten und geht nach der Arbeit zusammen baden oder ein Bier trinken.

Mein Fazit: Paula ist eine sympathische Ermittlerin mit Ecken und Kanten, die Handlung bis zum Ende spannend und temporeich. Ich bin gespannt auf den nächsten Fall.

Bewertung vom 20.08.2022
Swann, Leonie

Miss Sharp macht Urlaub / Miss Sharp ermittelt Bd.2 (MP3-Download)


ausgezeichnet

Tod im Paradies

Nachdem Agnes Sharp mit ihrer Senioren-WG (Edwina, Charlie, Winston, Bernadette und der Marschall) den Mord an ihrer Nachbarin aufgeklärt hat, fallen ihr weitere eigenartige Todesfälle in ihrem Ort auf, die die Polizei einfach als natürliche Tode abtut. Vielleicht sollte sie sich die mal genauer ansehen? Aber nein, ein Abenteuer ist genug. Und als Edwina dann bei einem Preisausschreiben eine Reise für zwei Personen in ein romantisches Öko-Hotel an der Küste von Cornwall gewinnt, klingt das nach einer tollen Abwechslung mit Erholungsgarantie. Sie fahren einfach alle mit – auch, weil man die vergessliche Edwina nirgendwo mehr allein hingehen lassen kann und sie sich nicht einig werden, wer zu Hause bleiben soll …

Das Hotel sieht zwar sehr futuristisch aus und liegt etwas abgelegen direkt an der Steilküste, ist aber sehr heimelig und das Personal wirklich nett. Die Bewohner von Sunset Hall lassen sich nach Strich und Faden verwöhnen. „Das Eden schien ein Ort, an dem einen nichts Böses zustoßen konnte.“
Doch schon am ersten Abend beobachtet Agnes ein verliebtes Pärchen, das in Richtung der Klippen geht, und hört kurz darauf einen Schrei – und nur eine Person kommt zurück. Ist etwa ein Unfall passiert? Oder gar oder ein Mord? Allerdings wird niemand vermisst. „Vielleicht spielte sich der ganze Mordfall ja doch nur in ihrem Kopf ab?“ Aber dann wird das Hotel durch einen Erdrutsch von der Außenwelt abgeschnitten und eine Leichen nach der anderen taucht auf. Agnes und ihre Freunde nehmen die Ermittlungen auf.

Auch der zweite Fall der skurrilen Rentner-WG hat mich wieder bestens unterhalten. Die alten Leutchen sind herrlich schräg und machen das Beste aus ihren Gebrechen. Agnes hört kaum noch – zum Glück, da kann sie in Ruhe nachdenken. Edwina ist dement, dann kann sie sich wenigstens alles erlauben und auch ein neues, gefährliches Haustier anschleppen und einen jungen Mann im Schrank verstecken. Und Bernadette ist zwar blind, hört und riecht dafür aber besonders gut. Zudem waren sie früher alle bei der Polizei bzw. dem Geheimdienst und wissen, wie man Nachforschungen anstellt und was man alles als Waffe benutzen kann. Man darf sich nur nicht von den herrlich weichen Sesseln und Betten, den leckeren Mahlzeiten, Gratis-Drinks und dem Eis-Buffet ablenken lassen und schließlich selber verdächtigt werden …

Leonie Swann unterhält und fesselt ihre Hörer bzw. Leser gleichermaßen. Die Bewohner von Sunset Hall ermitteln in alle Richtungen, da als Täter sowohl Gäste als auch das Personal in Frage kommen. Und als Bernadette von ihrer Vergangenheit eingeholt wird, muss sie sich der Frage stellen, ob nicht sogar ein alter Freund und Profikiller sein Unwesen im Eden treibt.

„Was einem Niemand sagt, wenn man mit dem Morden anfängt, ist, wie stressig es ist. Ständig auf dem Sprung, nie hat man Zeit, nie hat man Zeit, die Sache ein wenig bewusst anzugehen. Immer nur alles schnell, schnell …“
Ich mag den trockenen Humor der Reihe und habe mich gefreut, dass Anna Thalbach den verschiedenen Protagonisten wieder ihre raue, kratzige und damit perfekt passende Stimme geliehen hat. Hoffentlich ermittelt die Senioren-WG bald wieder!

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 14.08.2022
Heiland, Julie

Die Freundinnen vom Strandbad - Wogen der Freiheit / Die Müggelsee-Saga Bd.2


ausgezeichnet

Wunder gescheh´n

„Wir sind nun einmal keine Kinder mehr …“ (S. 238) Clara fehlt ihren Freundinnen Betty und Martha, aber sie können verstehen, dass sie die Chance auf ein Leben in Freiheit und vielleicht sogar ihrem Wunschberuf Astronautin einem Leben in der immer enger werdenden DDR vorgezogen hat und in allerletzter Minute geflüchtet ist. Doch ist sie auch lebend „drüben“ angekommen und glücklich? Ihre Ungewissheit hält lange, bis sie endlich eine verschlüsselte Nachricht bekommen.
Inzwischen feiert Betty eine Traumhochzeit mit Kurt und ist schwanger, versucht eine perfekte Ehefrau zu sein und führt ein angebliches Vorzeigeleben. Martha schafft es gegen alle Widerstände, einen Job bei der progressiven Frauenzeitschrift Evelyn zu ergattern. Doch es ist nicht alles Gold, was glänzt. Kurt betrügt Betty und ihre Eltern verlangen, dass sie wegsieht. „Geh nach Hause und reiß dich zusammen. Unsere Familie hatte immer einen tadellosen Ruf, und das soll auch so bleiben.“ (S. 177) Und Martha rebelliert immer häufiger und offener gegen das System. Als Betty eine Tragödie widerfährt, soll sie Martha für die Stasi bespitzeln …
Zur gleichen Zeit kämpft Clara in Westberlin gegen ihr Heimweh und sucht verzweifelt Halt und eine neue Perspektive. Findet sie das alles bei ihrer Retterin Lilli, die sie nach ihrer Flucht aufgenommen hat, oder dem Unbekannten, mit dem sie immer wieder zusammenstößt?

„Wogen der Freiheit“ ist die gelungene Fortsetzung und leider auch der Abschlussband der „Freundinnen vom Strandbad“, und verfolgt die Lebenswege der drei Frauen vom Bau der Mauer bis zu deren Fall 1989 bzw. bis kurz vor die Wiedervereinigung 1990.

Martha, Betty und Clara sind mir sehr ans Herz gewachsen. Ich habe wieder mit ihnen mitgefiebert, ihre unterschiedlichen Karrieren und vor allem ihre Emanzipation verfolgt. Sie werden in den zwei Bänden der Müggelsee-Saga in mehr als nur einer Hinsicht erwachsen. Ihre Kleinmädchen-Träume und Schwärmereien zerschellen ja schon im ersten Band auf dem Boden der Realität. Bettys große Liebe stammt aus dem Westen und ist damit nach dem Mauerbau für sie unerreichbar, also gibt sie dem Werben des berühmten Regisseurs Kurt Weiler nach. Marthas Familie entpuppte sich als Fälschung, und Clara wird kurz vor dem Abi wegen politischer Diskussionen von der Schule geworfen und bekommt nur Aushilfsjobs.

„Ist Erwachsensein ein Alter oder ein Gefühl?“ „Langsam denke ich, dass es nur darum geht, sich verzweifelt auf das Gute zu konzentrieren und das viele Schlimme auszublenden, weil man sonst kaputtgeht. Ein verzweifeltes Kopf-über-Wasser-Halten.“ (S. 351) Auch nach dem Mauerbau wird es nicht besser, die Probleme nicht kleiner. Die Freundinnen suchen ihren jeweiligen Platz im Leben, müssen entscheiden, mit wem und welchen Kompromissen sie leben können oder wollen, was sie wirklich glücklich macht. Ihre Schicksale sind sehr unterschiedlich und bewegend. Sie müssen mit Dramen und Problemen fertigwerden, sich zwischen verschiedenen Lebensentwürfen und Männern entscheiden. Zudem testen Betty und Martha aus, wie weit sie nicht nur für ihre eigene, sondern auch die Freiheit aller gehen, inwieweit sie sich gegen das System auflehnen wollen bzw. können.
Ich fand es toll, dass sie die ganze Zeit der Trennung über an dem Glauben und der Hoffnung festgehalten haben, dass sie sich nicht nur wiedersehen werden, sondern auch die Trennung der Stadt bzw. Staaten aufgehoben wird.

Julie Heiland hat die Unterschiede zwischen dem Leben in der DDR und Westberlin toll herausgearbeitet. Im Osten wird es immer farb- und trostloser, man muss für alles anstehen, wenn es denn überhaupt mal was zu kaufen gibt, während die Reklame und Läden im Westen nicht bunt genug sein können und Clara reisen kann, wohin sie will.

Auch „Wogen der Freiheit“ hat mich wieder sehr gut unterhalten – Julie Heiland kann extrem anschaulich schreiben – und an meine Vergangenheit in der DDR erinnert. Schade, dass die Reihe jetzt zu Ende ist.

Bewertung vom 09.08.2022
Fölck, Romy

Die Rückkehr der Kraniche


sehr gut

Das Glück der kleinen Dinge

„Bevor ich sterbe, möchte ich, dass ihr beide euch wieder vertragt.“ (S. 73)
Zwei Schwestern, die verschiedener kaum sein könnten, eine Mutter, die ihre Liebe nicht zeigen kann und eine Enkelin, die ihre Tante mehr zu lieben scheint als ihre Mutter. Vier Frauen aus drei Generationen unter einem Dach – wie lange kann das gutgehen?

„Es war ihr Kreuz, sich nach fernen Ländern zu sehnen und doch wieder in das in die Jahre gekommene Elternhaus zurückzukehren. So wie jeden Tag in den letzten 50 Jahren.“ (S. 10) Grete hat das Hamburger Marschland und ihr Elternhaus nie verlassen. Bisher hat sie das nicht gestört. Sie liebt ihre Heimat und ihren Job als Vogelwartin beim Naturschutzverein auf „ihrer“ kleinen Insel in der Elbmarsch. „Hier war ihr Seelenort, … wo die Zeit einem ewig fließenden Gewässer glich, in dem ein Menschenleben nur ein Wimpernschlag war. Wenn sie doch nur hier draußen leben könnte, dann wäre die Last, ihr Leben lang an einem Ort festzuhängen, besser zu schultern.“ (S. 14) Aber kurz vor ihrem runden Geburtstag wird sie dann doch nachdenklich – soll es das jetzt schon gewesen sein?

Ihre Mutter Wilhelmine ist früh verwitwet, Grete hat ihr schon als Kind geholfen, die jüngere Schwester Freya aufzuziehen. Als Freya mit 18 die Familie verließ, wurde Grete unverheiratet schwanger und zog ihre Tochter Anne mit Wilhelmines Hilfe auf. Und als Anne flügge wurde, brauchte Wilhelmine Gretes Hilfe auf dem Resthof. Jetzt bekommt Grete ein berufliches Angebot, von dem sie viele Jahre geträumt hat, da wird Wilhelmine krank. Muss sie wieder verzichten? Sie bittet Freya, die inzwischen eine erfolgreiche Firma in Berlin leitet, und Anne, die mit knapp 30 noch studiert, nach Hause zu kommen. Doch es wird kein friedliches Wiedersehen. Stattdessen brechen alte Wunden, Vorwürfe und schon oft gestellte Fragen nach streng gehüteten Geheimnissen wieder auf. „Keiner will hören was ich denke!“ „Weil in dieser Familie niemand die Wahrheit hören möchte.“ (S. 68)

Freya kommt Gretes Hilferuf gerade recht. Ihr Freund hat sie verlassen, weil sie ihm zu distanziert war und keine Kinder bekommen konnte – dabei hat sie sich immer nach einer eigenen Familie gesehnt. Sie wollte die Probleme zu Hause wie immer mit Geld regeln und schnell zurück, aber dann stellt sie fest, wie ruhig es dort ist, wie sehr sie das alles vermisst hat, wie sehr es sie erdet. Sie stellt sich endlich den Fehlern ihrer Vergangenheit „… ich habe die Menschen verletzt, die mich bedingungslos geliebt haben. Nur um endlich respektiert zu werden.“ (S. 154) und denkt über ihre Zukunft nach.

Anne ist gegenüber Grete immer gereizt, versteht alles negativ. Sie glaubt ihr nicht, dass sie wirklich das Ergebnis eines One-Night-Stands ist, fühlt sich nur von Freya verstanden und hat ein Geheimnis, von dem sie noch nicht weiß, wie sie es den Anderen beibringen soll.

Wilhelmine hat ein schweres, arbeitsreiches Leben hinter sich und nach dem Tod ihres Mannes, ihrer großen Liebe, nie wieder einen Mann an sich herangelassen. „Sie war einen Hansen, aus hartem Holz geformt, von Sturm und Wasser geschliffen wie ein Stück Strandgut, das die Elbe mit sich trug.“ (S. 222) Sie will leben oder sterben, aber nicht im Bett dahinsiechen, wie es der Arzt und ihre Gesundheit verlangen. Aber vorher muss sie den Mädchen noch etwas Wichtiges sagen – sie sollen es nicht erst nach ihrem Tod erfahren.

Romy Fölck schreibt sehr intensiv und detailreich, aber auch poetisch über ein hartes Leben, das sich nach den Jahreszeiten und der Natur richtet. So war es schon bei Wilhelmine und auch Grete hält es so. Neben dem Beobachten der Vögel bäckt sie Brot nach alten Rezepten, hält Bienen und bestellt einen großen Nutzgarten. Sie steht mit beiden Beinen fest im Leben, ist im Marschland verwurzelt und gestattet sich nur selten, von einem ganz bestimmten Mann und einem anderen Leben zu träumen.
Wilhelmine hat es immer für selbstverständlich genommen, dass Grete, die Ältere,

Bewertung vom 06.08.2022
Goldammer, Frank

Ein dunkler Ort / Felix Bruch Bd.1


ausgezeichnet

Guter Bulle, Böser Bulle

Hauptkommissaren Nicole Schauer hat sich gerade erst von Hamburg nach Dresden versetzen lassen und muss sich nicht nur mit ihrem neuen Kollegen Felix Bruch zusammenraufen, sondern auch den Fall der verschwundenen zwölfjährigen Celina im ländlichen Stadtteil Goppeln aufklären. Das Prekäre daran ist, dass deren beste Freundin vor 2 Jahren verschwunden und erst nach 2 Wochen plötzlich unterernährt, dehydriert und traumatisiert wieder aufgetaucht war. Ihre Eltern haben damals eine psychologische und gynäkologische Untersuchung verweigert, da das Mädchen eh nicht sprach, und schotten sie auch jetzt vor der Polizei ab. Hat der gleiche Täter wieder zugeschlagen? Und was tut er den Mädchen an?
Die Situation spitzt sich immer weiter zu. Presse, Anwohner und „besorgte Bürger“ stürzen sich auf jeden eventuellen Verdächtigen und schrecken auch vor Selbstjustiz nicht zurück. Nur bringt sie keiner dieser Schritte Celina näher.
Schauer und Bruch fällt auf bei ihren Nachforschungen auf, dass die Geschwister der Mädchen und ihre Freunde etwas zu wissen scheinen, aber aus Angst nicht darüber reden. Sie flüstern schüchtern vom Spukhaus und der Hexe – einem verfallenen Dreiseithof und deren Bewohnerin, die vor einem halben Jahr verstorben ist. Angeblich irren immer wieder Lichter durch das alte Gemäuer und man kann Schritte hören, wenn man sich reintraut ... „Nein, sie wollte nicht in dieses Haus. Ganz und gar nicht. Nicht in der Nacht, nicht am Tag, nicht mit Bruch.“ (S. 239)

Frank Goldammer hat es wieder geschafft, dass ich mich beim nächtlichen Lesen vor einer wehenden Gardine zu Tode gefürchtet habe. Er webt in „Bruch – ein dunkler Ort“ eine extrem dichte und düstere Atmosphäre, die einen sofort in seinen Bann zieht und in der man bald niemandem mehr traut, auch nicht seinen eigenen Wahrnehmungen. Die Handlung ist so gruselig, dass man mit dem Lesen nicht aufhören kann bis man endlich weiß, was mit den Mädchen passiert (ist). Bruch und Schauer finden immer neue Theorien, Motive und Verdächtige, die alle sehr plausibel klingen, doch sie können nichts davon beweisen, und die Zeit läuft ihnen davon.

Auch die beiden Ermittler sind nicht ohne. Sie haben mit eigenen Traumata zu kämpfen, wobei Felix seins ins Unterbewusste verdrängt hat und Nicole oft mit blinder Wut und Gewalt reagiert, wenn ihres getriggert wird, dafür war sie schon in ihrer alten Dienststelle bekannt. Außerdem hatte sie sich wegen ihres Freundes nach Dresden versetzen lassen, der sie aber inzwischen verlassen hat. Zu diesem ganzen Ärger kommt jetzt noch der Stress mit Bruch, über den ihr Vorgesetzte sagt: „Felix ist ein wenig … eigen. …er hatte es in letzter Zeit nicht leicht. Vor Kurzem erst hat er bei einem Unfall seinen langjährigen Kollegen und Freund verloren.“ (S. 8) Doch es gibt Gerüchte, dass Felix ihn hätte retten können.
Nicole weiß nicht, wie sie mit ihm zusammenarbeiten, wie sie überhaupt an ihn herankommen soll. Felix scheint emotionslos, fast apathisch. Er spricht nur im Notfall, lässt sie alle Entscheidungen treffen – ist er vielleicht Autist? Zudem verzettelt er sich bei den Ermittlungen immer wieder in Nebensächlichkeiten, die nicht wirklich was mit Celinas Verschwinden zu tun haben können – oder doch? Und dann sind da diese Pillen, die zu nehmen ihn eine Anruferin jeden Tag erinnert und seine eigentümlich leere Wohnung … „Was sie sehen, ist ein Mensch, der einmal Felix war. Der etwas sucht und es nicht finden kann.“ (S. 271 / 272)

Für mich ist der Krimi schon fast ein Thriller. Vom Opfer fehlt jede Spur und das Setting (die Enge der fast schon dörflichen Gemeinschaft und der verfallene Dreiseithof), die krassen Wendungen und undurchsichtigen Ermittler voller Selbstzweifel sorgen für Gänsehaut. Ich hoffe, Schauer und Bruch gehen in Serie – denn wenn sie zusammen agieren, ist nicht immer klar, wer der gute und wer der böse Bulle ist. Das finde ich extrem spannend!

Bewertung vom 02.08.2022
Stern, Anne

Drei Tage im August


ausgezeichnet

Wie ein Licht in dunkler Nacht

… erstrahlt das Schaufenster der ältesten Berliner Pralinenmanufaktur Sawade auch im August 1938 auf der Prachtstraße Unter den Linden. Darum kümmert sich Elfie, die Prokuristin und erste Verkäuferin. „Über allem hier drinnen liegt der Duft nach Schokolade, wie ein feiner Puder hängt er in der Luft. Er tränkt den Raum, schaukelt über dem Parkett, legt sich weich in Elfies Nase. Süß und herb, ein Versprechen, ein Aufruf zur Zuversicht, und ja, zum kleinen Ungehorsam, weil die Versuchung in jeder Lade lauert.“ (S. 13)

Seit Hitlers Machtübernahme sind schon viele Läden und Restaurants in der Umgebung verschwunden, deren Besitzer den neuen Machthaber nicht passten. Auch der jüdische Buchhändler Franz bangt um seine Existenz. „Er hat sich sein eigenes kleines Himmelreich geschaffen – und das soll er aufgeben? Diesem braunen Pack überlassen, das ihn seit einigen Jahren terrorisiert?“ (S. 19) Nicht nur einmal wurde ihm nahegelegt, seinen Laden endlich in deutsche Hände zu übergeben, dabei hatte sich bereits sein Urgroßvater in Berlin niedergelassen. Soll er bleiben und hoffen oder gehen?
Erwin arbeitet seit 40 Jahren Aufseher im Kronprinzenpalais, doch er erkennt die Ausstellung kaum wieder, seit die „entartete“ Kunst daraus entfernt und in den Keller verbannt wurden. Aber zumindest er geht sie noch jeden Tag besuchen und fühlt sich dabei, „So als bewege er sich als Überlebender unter Gespenstern.“ (S. 47).
Zu den letzten „Überlebenden“ gehört auch der Halb-Ägypter Issa El Hamady. Er hat vor 3 Jahren eine Bar eröffnet und obwohl die Nazis ihn nicht gern sehen, gehören sie zu seinen wenigen Stammgästen. Jetzt hofft er durch Olympia auf mehr Umsatz. Er serviert übrigens Sawade-Pralinen zu seinen Drinks und scheint ein Auge auf Elfie geworfen zu haben. Aber hätte ihre Beziehung überhaupt eine Chance?
Direkt über dem Sawade wohnt Madame Marie Conte, die schon über 90 Jahre alt ist und bei der Geburtsstunde der Manufaktur dabei war, mit der sie etwas ganz Besonderes verbindet ...

„Drei Tage im August“ ist eine Ode an Berlin, eine Hommage an jüdische Künstler wie Max Liebermann und Käthe Kollwitz, an die berühmte Prachtstraße Unter den Linden und alles, was Berlin damals ausmachte – die Leierkastenmänner und Blumenmädchen, die Ur-Berliner aus aller Welt und Sawade-Pralinen. Denn Berlin war während der Olympiade, kurz vor dem 2. WK, noch einmal für kurze Zeit bunt, bevor es braun und schwarz wurde.

Der kleine Kosmos Unter den Linden steht für Deutschland, für die Veränderungen, die seinerzeit vor sich gingen. Berlin wurde zwar noch einmal aufgehübscht, aber die alten Linden durch junge Bäume ersetzt und unliebsame Einwohner (wie fahrendes Volk) in Lager gesperrt. Die Leute wusste davon, raunten sich diese Informationen zu, aber man redete nicht öffentlich darüber oder wehrte sich, hatte zu viel Angst.
Die Welt traff sich in Berlin, und für diese kurze Zeit hofften alle, dass es doch keinen Krieg geben würde, dass die Lager nur vorübergehend wären, während Juden wie Franz alles für ein Affidavit gaben und sogar Versprechen gegenüber Freunden brachen.

Elfie ist mir beim Lesen besonders ans Herz gewachsen. Sie ist oft schwermütig, alles außerhalb des Ladens und die Umbrüche machen ihr Angst. Das Sawade ist ihre Insel: „Es ist, als habe die Schönheit der Welt, nach der sich Elfie sehnt, die sie überall sucht, hier im Laden alle Kraft zusammengenommen, nur um ihr zu gefallen.“ (S. 13) Sie ist einsam und lässt niemanden an sich heran, ist vom Alltag abseits des Sawade überfordert. Ihre Großmutter hat ihr immer wieder gesagt, dass sie nichts wert ist und nichts kann. Inzwischen müsste sie es besser wissen, aber sie hat diese Vorwürfe verinnerlicht – kein Wunder, dass sie sich mit den 2. Wahl Pralinen tröstet. Dabei ist sie bei den Kunden sehr beliebt und die Manufaktur auch wegen ihr eine der ersten Adressen in Berlin und darüber hinaus. Ich hätte sie gern in den Arm genommen und getröstet, i

Bewertung vom 28.07.2022
Crönert, Claudius

Die Aufrechte


gut

Journalistin im Widerstand

Berlin 1933: Die Journalistin Felicitas von Reznicek (29) schreibt Artikel über Mode, Kultur oder Bridge (Frauenthemen eben) für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften. Eine eigene Familie hat sie nie gegründet, der passende Mann war bisher nicht dabei. Außerdem führt sie die Geschäfte ihres Vaters, des berühmten Komponisten und Dirigenten Emil Nikolaus von Reznicek, kümmert sich um den Schriftkram, organisiert seine Reisen und Konzerte, zu denen sie ihn auch begleitet.
Als die Nationalsozialisten an die Macht kommen stellt sich heraus, dass ihr Bruder Emil schon seit 2 Jahren in der NSDAP und SS ist, und die Familie droht daran zu zerbrechen. Zudem braucht er jetzt dringend einen Ariernachweis, aber die Mutter ihrer Mutter war „nur“ eine getaufte Jüdin und soll Fee das irgendwie richten. „Schon immer war es ihre Aufgabe in der Familie gewesen, anstehende Probleme zu lösen.“ (S. 37) Sie denkt sofort ans Auswandern, aber ihre Eltern leben seit Jahrzehnten in Berlin und wollen nicht weg. Außerdem glauben sie, dass der „braune Spuk“ bald vorbei ist.
Fee sieht das anders und will aktiven Widerstand leisten, schließt sich Rudolf Peschel von der Deutschen Rundschau an, der offiziell regimekritische Artikel veröffentlicht und inoffiziell kriegswichtige Informationen sammelt und an Verbündete in Frankreich und Großbritannien weitergibt – u.a. durch Fee auf ihren Auslandsreisen.

Claudius Crönert beschreibt Fees Arbeit und (Über-)Leben in der Zeit von 1933 bis 1945, lässt den Leser an ihrem Privat- und Berufsleben teilhaben. Er zeigt ihre politische Ausrichtung und Entwicklung und dass sie auch im Kleinen Widerstand leistet, indem sie u.a. eine Jüdin in ihrem Haus mit Lebensmitteln versorgt.
Fee sitzt immer zwischen den Stühlen, würde gern vor den Nazis ins sichere Ausland fliehen, fühlt sich aber ihren alten Eltern (beide sind schon Mitte 70) verpflichtet. „Es war eine Tatsache, dass sie ihre Eltern nicht zurücklassen konnte, und eine andere, dass sie ihre Brüder nicht in Schwierigkeiten bringen wollte. Aus beidem folgte, dass sie weitermachen musste, hier, in Berlin.“ (S. 80)
Ihr einziger „Ausbruch“ ist die Affäre mit Fritz Wiedemann, dem Adjutanten von Adolf Hitler, dem ersten Mann, zu dem sie sich wirklich hingezogen fühlt. „Mit ihm war sie einfach eine Frau. Und er war ein Mann.“ (S. 182) Aber die Beziehung ist kompliziert. Fritz ist verheiratet, hat neben ihr noch mindestens eine andere Geliebte und würde sich nie scheiden lassen. Außerdem muss sie ihm mehrfach Informationen für Peschel entlocken oder ihn bei Problemen um Hilfe bitten. Das fällt ihr nicht leicht und belastet sie zusätzlich.

Fee führte prinzipiell ein interessantes Leben, aber an einigen Stellen wird es zu ausführlich erzählt, lässt der Autor zu viele allgemeine Informationen und Personen einfließen, die nur kurz auftauchen und keine Bedeutung für den weiteren Verlauf der Handlung haben. Dafür werden die in meinen Augen spannendsten Erlebnisse, wie ihre Tätigkeit für den Widerstand oder ihre Reise von Amerika über Japan und Russland zurück nach Deutschland, leider nur angerissen. Auch der Krieg passiert nur im Hintergrund oder Nebensätzen. Mich haben erst die letzten 100 – 120 Seiten so richtig gepackt.
Ein weiteres Manko sind die fehlenden Jahreszahlen. Man muss entweder von Beginn an anhand der Monate oder Jahreszeiten selber mitrechnen, welches Jahr gerade ist, oder auf ein politisches Ereignis hoffen. Dadurch scheint ihr Leben oft wie aus der Zeit und dem historischen Kontext gefallen.

„Die Aufrechte“ ist ein wichtiges Buch im Kampf #gegendasvergessen, hätte für mich aber mehr Spannung haben und die Handlung etwas gestraffter sein können.

Bewertung vom 22.07.2022
Schwarz, Alexander

Die Entdeckerin der Welt / Außergewöhnliche Frauen zwischen Aufbruch und Liebe Bd.9


ausgezeichnet

Die Jungfrauen-Compagnie

„Ich will, dass die Welt weiß, wer Maria Sybilla Merian war.“ (S. 170)
1691 fängt Maria Sybilla Merian mit 44 Jahren noch einmal neu an. Sie hat sich von ihrem Mann scheiden lassen, weil der auf ihren Erfolg eifersüchtig war, und die letzten Jahre mit ihren Töchtern Johanna und Dorothea bei den Labadisten gelebt – einer Sekte, in der sie auf persönlichen Besitz und Annehmlichkeiten verzichten mussten. Aber die Labadisten haben in Suriname eine Kolonie gegründet und schicken wunderschön präparierte Schmetterlinge nach Hause, die Maria Sibylla fasziniert und in ihr den Wunsch geweckt haben, selber in den südamerikanischen Regenwald zu reisen. Das ist für eine alleinstehende Frau eigentlich unmöglich und auch fast unbezahlbar. Doch sie ist niemand, der sich davon abschrecken lässt. Um das Geld für die Reise zu verdienen, gründet sie mit ihren Töchtern die „Jungfrauen-Compagnie“, in der sie Zeichenunterricht geben, Auftrags-Illustrationen anfertigen und Farben etc. verkaufen. Allerdings arbeiten Johanna und Dorothea noch unter dem Namen ihrer Mutter, weil der mehr Gewicht hat, schließlich hat sie bereits erfolgreich zwei Raupen- und drei Blumenbücher herausgebracht.

Sybilla hat mir sehr imponiert. Sie ist selbstbewusst, zielstrebig, willensstark und geht keiner Diskussion aus dem Weg oder lässt sich von anderen unterkriegen. Sie erzieht ihre Töchter zu modernen, unabhängigen Frauen und bildet sie zu Künstlerinnen aus. Das natürlich nicht ganz uneigennützig, schließlich müssen sie ihr bei der vielen Arbeit helfen. Außerdem sollen sie selber für ihren Lebensunterhalt sorgen können und nicht von ihren Männern abhängig sein. Johanna muss z.B. in der Zeit, als Maria Sibylla und Dorothea in Suriname sind, die Geschäfte zu Hause weiterführen.

Alexander Schwarz schreibt unglaublich lebendig und lässt Amsterdam als damals drittgrößte Stadt mit seinen Bewohnern und hochmodernen Bauwerken wiederauferstehen, beschreibt aber auch die unschönen Gerüche und verdreckten Krachten. Die Stadt protz mit ihrem Reichtum und hat einen der ersten Botanischen Gärten mit zahleichen Sammlungen und Ausstellungen. Zusätzlich gibt es unzählige private Sammler, die sich „Naturalien-Wunderkammern“ einrichten und alles sammeln, was sich mit Geld beschaffen lässt – je seltener und teurer, desto besser.
Maria Sybilla passt also eigentlich perfekt in diese Szene, zumal sie anbietet, bei ihrer Forschungsreise nach Suriname für Nachschub zu sorgen, wenn man sie finanziell unterstützt – aber das wollen die Männer nicht hören. Also fällt sie eine radikale Entscheidung und verkauft fast alles, was sie besitzt, um die Reisekosten für sich und Dorothea zusammenzubekommen.

„Das Ablegen der Haube … passte zu der neuen Freiheit … Eine Freiheit, die Maria Sibylla sogar bis hier auf den Surinam gebracht hatte.… Sie musste abstreifen, was ihr nicht diente. Sich nicht nach sinnlosen Regeln richten, sondern ihr Leben selbst bestimmen. Eigentlich war das nicht anders als bei den Raupen. Scheinbar hatten sie für jeden Lebensabschnitt eine andere Form, die ihnen in dieser Phase am besten diente, bis sie sich schließlich im wahrsten Sinne des Wortes entfalten konnten und im Fliegen und ihre Schönheit ihre Freiheit fanden.“ (S. 246 / 247)
Auch Suriname mit seiner Tier- und Pflanzenwelt wird sehr farbenprächtig und anschaulich geschildert. Maria Sybillas Illusionen zerschlagen sich schon bei ihrer Ankunft. Das Land lebt vom Zuckerrohr und die Plantagen werden mit unzähligen Sklaven bewirtschaftet. Das Klima ist noch unwirtlicher als erwartet, ihre Kleidung unpraktisch und der Urwald ohne die Sklaven, die ihr den Weg erst freischlagen und sie vor gefährlichen Tieren und Pflanzen schützen müssen, nicht begehbar. Der Kontrast zu Europa könnte kaum größer sein. Da sie gegen die Sklaverei und seine Begleiterscheinungen ist, versucht sie sie wenigstens als (fast) Gleichgestellte zu behandeln. Zudem weist sie die Plantagenbesitzer auf die Grundzüge von