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MB
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Rösrath

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Insgesamt 479 Bewertungen
Bewertung vom 11.03.2022
Pleijel, Agneta

Doppelporträt


gut

Wie ein Entwurf zu größerem...
Das schmale Bändchen "Doppelporträt" von Agneta Pleijel wirkt ein wenig wie ein erster Entwurf. Zwar war die Begegnung der Krimi-Ikone Agatha Christie mit dem Maler Oskar Kokoschka tatsächlich nur eine kurze, im Roman werden die 6 Tage der Porträterstellung geschildert, doch als Leser hätte ich mir ein Mehr an Seiten gewünscht und damit auch ein Mehr an Tiefe. 'Doppelporträt' macht neugierig auf die beiden Lebensgeschichten, das schon - aber es bleibt doch an der Oberfläche, wenn auch auf eine gute Art. Wir schreiben das Jahr 1969. Christie soll zu ihrem 80. Geburtstag ein Porträt von sich bei Kokoschka malen lassen; beide sind inzwischen in die Jahre gekommen. Christie - eher die Verschwiegene - fragt sich, worüber sie reden soll, als sie Modell sitzt. Kokaschka hingegen will sich ein Bild machen und benötigt Bewegung und erzählte Lebensgeschichte, um es in seine Portäts einfließen zu lassen. Allerdings hat auch Kokoschka zunächst wenig Lust auf den Auftrag, zumal ihm die Schriftstellerin Agatha Christie kein Begriff ist. Das gewählte Atelier ist ein Museum, in dem Zeit keine Rolle spielt, sehr wohl aber Geschichte. Was also liegt näher, als dass die beiden sich schließlich doch noch die Novelle ihres Lebens berichten. In der doch sehr intimen Situation zwischen Maler und Modell gelingt es Christie dann zuerst, dass Kokoschka erzählt, v.a. über seine verzweifelte Liebe zu Alma Mahler; und nach dieser Vorleistung ist auch Christie bereit, vom Treuebruch ihres Mannes zu berichten. Klar, dass wir auch etwas über Kokoschkas Kunstverständnis und den Kulturbetrieb der Zeit erfahren; ebenso wird auch angedeutet, was für Christie das Schreiben zur Manie machte. Aber es bleibt eben nur bei Andeutungen. Ich wünschte daher tatsächlich, dass es sich bei 'Doppelporträt' nur um einen ersten Entwurf handelte, dem noch mindestens 400 Seiten hinzugefügt würden. Und: Das tatsächliche Porträt unbedingt anschauen!!! Kokoschka halt...

Bewertung vom 08.03.2022
Vigan, Delphine

Die Kinder sind Könige


ausgezeichnet

Wichtig!!!
Delphine de Vigan hat mit ihrem neuen Buch "Die Kinder sind Könige" einen extrem wichtigen Roman geschrieben... wobei der Schreibstil des 'Romans' viel eher an einen Bericht erinnert. Was mich zunächst stutzen ließ, wirkte es doch zunächst wenig 'literarisch'. Am Ende denke ich aber, dass es der Autorin mit diesem Stilmittel gelungen ist, das Thema spürbar nahe an unsere konkrete Wirklichkeit heranzurücken. Grob skizziert geht es darum, wie Eltern ihre noch sehr kleinen Kinder im Internet auf Pattformen wie Youtube und Instagram inszenieren, Millionen von Followern einsammeln und über Productplacement eine Menge Geld anhäufen. Aus dem selbstlosen Teilen, wie wir es aus der analogen Welt kennen, ist ein selbst- und gewinnsüchtiges Teilen in der digitalen Welt geworden. Youtuber / Instagramer und ihre Follower sind in einer sinnentleerten Abhängigkeitsbeziehung miteinander verbunden, leben voneinander. Real-Life und Insta-Life prallen aufeinander. Melanie stellt das Leben ihrer beiden Kinder Kimmy und Sammy online, was zunehmend die komplette Tagesgestaltung der Familie betrifft. Als Kimmy verschwindet, übernimmt die Polizeibeamtin Clara - voll in der analogen Welt verwurzelt - den Fall; bei den Recherchen eröffnet sich ihr eine vollkommen fremde Welt, die sie zu verstehen versucht: "Wenn sie darüber nachdenkt, liegt ihr nicht besonders an diesem am Display klebenden Leben, am ständigen Dialog mit der künstlichen Intelligenz, in dem es nur deshalb 'Kopf hoch' heißt, weil den Anforderungen der Gesichtserkennung Genüge getan werden soll." Warum gibt es Menschen, die sich so sehr für das Leben anderer interessieren, dass regelrechte Fankulturen entstehen - anstatt für Spannung im eigenen Leben zu sorgen? Und wohin führt der Lebensweg, wenn es nur noch darum geht, möglichst viele likes zu erhalten? Wichtige Fragen in einer Welt von der Clara denkt, dass sie ihr nicht mehr verständlich ist, dass sie ihr entglitten ist. Unbedingt lesen!!!

Bewertung vom 06.03.2022
Fricke, Lucy

Die Diplomatin


sehr gut

Beachtlich!
Fred Andermann, 50, alleinstehend und im auswärtigen Dienst für Deutschland auf Posten. Zunächst als Botschafterin in Montevideo/Uruguay und dann - wegen eines Vorkommnisses - auf den Posten einer Konsulin an die Auslandsvertretung nach Istanbul versetzt. In der ersten Zeile 'knattert die deutsche Flagge vor ihrem Fenster im Wind' - in der letzten Zeile des Buches '...wehte schlaff die deutsche Fahne im Wind'. Das ist der bildliche Rahmen des Romans 'Die Diplomatin' von Lucy Fricke. Die Diplomatin Fred Andermann hat sich aus einer einfachen Familie hochgearbeitet, sich von ihrer Herkunft gelöst: "Der diplomatische Lebenslauf beginnt mit der Ausbildung beim Amt. Davor ist man ein Nichts." Als kinderlose Botschafterin von der Frauenquote hochgespült. Aber auch ihre neue Identität weiß die Diplomatin nicht so recht auszufüllen. Sie erlebt das Deutschtum erst im Ausland - die Grillwürste zur Feier des Tages der deutschen Einheit, die pallettenweise Verfügbarkeit von moselaner Riesling Hochgewächs an der Botschaft und der lokale Chauffeur, der textsicher Helene Fischers 'Atemlos' mitträllert und den Song großartig findet. "Ich wurde in der Fremde deutsch." Die Mutter in Hamburg weiß wenig über die Tätigkeit der Tochter in der Welt - ca. alle vier Jahre auf einem neuen Posten. Fred traut sich nicht, ihrer Mutter von ihren Bediensteten zu berichten, fast schon schämt sich Fred dafür, weil es so wenig zu ihrer Herkunft passt; und ihre Mutter einmal auf einen Besuch einzuladen ist zwecklos, da die Mutter wohl einwenden würde, dass sie 'nur stören würde'. Und schließlich gibt es dann doch etwas sinnstiftendes für Fred zu tun, ihr Leben bekommt wieder einen lohnenswerten Inhalt - sie verhilft in der Türkei gefährdeten Menschen über die rettende Grenze nach Griechenland. Die plötzliche Erkrankung der Mutter zwingt Fred dann aber zurück nach Hamburg - aber nicht ohne doch jemanden gefunden zu haben, mit dem sie nun ihr Leben teilen kann. Lucy Fricke erzählt pointiert und zuweilen auch relativ beiläufig; sie gibt dabei Einblicke in den auswärtigen Dienst und in das (Seelen-) Leben einer erfolgreichen Frau, die die Lebensmitte bereits hinter sich gelassen hat und auf der Suche nach (einer neuen) Identität ist. Diese wird ihr allerdings nicht - wie vieles andere - von Staats wegen zur Verfügung gestellt. Leseempfehlung.

Bewertung vom 03.03.2022
Osman, Richard

Der Mann, der zweimal starb / Die Mordclub-Serie Bd.2


sehr gut

Äußerst unterhaltsam...
Jetzt weiß ich endlich, wie man dieses Genre offensichtlich nennt: 'Cosy crime'... was es alles gibt... und in der Tat ist Richard Osmans "Der Mann, der zweimal starb" eine sehr nette Lektüre (und 'nett' ist hierbei keine geschönte sondern vielmehr eine ernst gemeinte Beschreibung). So liest man in Wikipedia: "Die Spannung eines Cosy-Krimis besteht weniger aus aktionreichen Szenen, als vielmehr aus den auszulotenden Tiefen der handelnden Figuren." Und genau dafür nutzt der Autor auch in seinem zweiten Fall für den Donnerstagsmordclub sein äußerst gutes Handwerkszeug. Der Fall ist recht komplex strukturiert, es gibt überraschende Wendungen und auch einen Showdown gegen Ende. Aber wo andere Krimis enden - nämlich mit dem Showdown, da gibt es bei Osmann stets noch einen Nachklapp; daran merkt man als Leser:in, dass es ihm mehr um die Figuren und die Dynamik ihrer Beziehungen als um die eigentliche Handlung geht; die Handlung ist beendet, der Fall gelöst, das Leben für die Figuren geht weiter. Die Dialoge begeistern. Und natürlich spielt Osman auch sehr gerne mit Klischees übers Alter: So hat Joyce 'Netflix' geschenkt bekommen, freut sich über die enorme Filmauswahl, fragt sich aber, wo sie - wie bei einer Programmzeitschrift - die Anfangszeiten / Sendetermine der Filme finden kann... Gleichzeitig zeichnen sich die Senior:innen durch eine ungeheure Pfiffigkeit und ihren großen Zusammenhalt aus... weshalb sie gerade wegen ihres fortgeschrittenen Alters sämtlichen Verbrechern dieser Welt überlegen sind. Man darf sich auf den nächsten Fall für den Donnerstagsmordclub aus der Seniorenresidenz Coopers Chase freuen...

Bewertung vom 27.02.2022
von Rönne, Ronja

Ende in Sicht


sehr gut

Herausforderndes Thema.
Dass Ronja von Rönne sich keine einfachen Stoffe vornimmt, das wissen wir ja bereits. Drum war ich höchst gespannt, wie es ihr in ihrem neuen Werk 'Ende in Sicht' wohl gelungen ist. Zwei Frauen, die des Lebens müde sind und geplant haben, sich umzubringen: Die 69-jährige Hella 'Licht', so der Künstlername der Schlagersängerin, deren Glanzzeit der Vergangenheit angehört, und die Teenagerin July, die das Leben eigentlich noch vor sich hat. Die Jüngere versucht es durch den Sprung von einer Brücke und trifft dabei auf Hellas Motorhaube, die Ältere plant den begleiteten Freitod durch Dignitas in der Schweiz. Was wir dann in Ronja Rönnes Roman erleben, ist nicht nur die Autotour zweier Lebensmüder in Richtung Schweiz, sondern auch eine Tour durch die deutsche Provinz mit ihrer einfachen, fast schon banalen 'Überlebensstruktur' - in der ein Fest der freiwilligen Feuerwehr die Gründe liefert, sich für das Leben und gegen den Tod zu entscheiden. Natürlich ist es auch ein kleines Roadmovie und Ronja Rönne lässt ihre Protagonistinnen im Angesicht des anvisierten Todes Dinge tun, die sie sonst wohl nicht getan hätten - sich über Nacht in ein Schwimmbad einschließen zu lassen... und wenn das Leben nicht mehr trägt, so zumindest das Wasser. 'Warum weitermachen in einer Welt, in der es der Welt egal war, ob man weiter machte?' Und beide beantworten diese Frage am Ende auf ihre eigene Weise. Ein gutes Buch, das nachdenklich stimmt.

Bewertung vom 23.02.2022
Hall, Georgie

Einatmen, ausrasten


sehr gut

Unterhaltsamer Mutmacher!
Ich bin froh, diesen humorvoll hintergründigen Roman mit dem schrecklichen Titel gelesen zu haben. Bei dem Buchcover und dem Titel hätte ich das Werk in keiner Buchhandlung in die Hand genommen - ich hätte eine Aneinanderreihung von Plattitüden und seichten pseudohumorigen Episoden erwartet. Weit gefehlt! Als lesender Mann bin ich für das neue Buch von 'Georgie Hall' (Achtung Pseudonym - dahinter verbirgt sich nämlich Fiona Walker) sicher nicht die Hauptzielgruppe - aber auch Männer werden älter, selbst wenn sie - so zumindest meine Erfahrung - über eine viel längere Zeit hinweg glauben, 'der Alte geblieben' zu sein; frei nach dem Motto: 'Man altert, doch sonst ändert sich nichts.' Das dem nicht so ist, erfahren wir in der erhellenden Geschichte rund um Eliza Finch, mit ihren 50 Jahren mitten im Klimakterium (mit allem was dazu gehört). Ganz nebenbei rettet sie ein Schaf von der Autobahn, zeigt Macho-Typen klare Kante, kann sich aber gegen eine gewisse Faszination auch nicht zur Wehr setzen (küsst einen Italiener mit Ferrari), rettet der Familie ein 'Kanalschifffahrtsboot' (steht dabei 'ihre Frau') und rettet auch eine Hundefamilie, übersteht eine abenteuerliche Kanalfahrt (raus aus der Komfortzone) und wiederbelebt das Verhältnis zu Ehemann Paddy und zu den gemeinsamen Kindern... bis am Ende alle ziemlich zufrieden beim Italiener (ja, genau dem!) speisen. Was sich nach Freitagabend-Schmonzette anhört ist in Wirklichkeit eine gelungene Kombination aus Leichtigkeit und Tiefgang. Wer also seine Mitte schon leicht überschritten hat (die Lebensmitte!), dem sei dieses Buch empfohlen. Und das im Roman gegen Ende aufgeführte Zitat von G.B. Shaw bringt es eigentlich sehr gut auf den Punkt: "Wir hören nicht auf zu spielen, weil wir alt werden, sondern wir werden alt, weil wir aufhören zu spielen."

Bewertung vom 19.02.2022
Mishani, Dror

Vertrauen


sehr gut

Am Ende fügt es sich dann doch! Ich war sehr begeistert von "Drei", dem Vorgängerroman des israelischen Autors Dror Mishani. Auch in diesem Vorgänger finden unterschiedliche Handlungsstränge am Ende zusammen - und zwar in fulminanter Weise; mir viel seinerzeit hierzu der Begriff des 'literarischen Thrillers ein. Und klassische Thriller sind ja eher selten mit literarischen Qualitäten ausgestattet. Und Spannung und Literatur in bester Weise miteinander zu verbinden, diese Kompetenz besitzt Dror Mishani zweifelsohne. Nur ist es ihm bei "Vertrauen" nicht ganz so gut gelungen. Bitte nicht falsch verstehen - ein gutes und durchdachtes, aber nicht ganz so packendes Buch, Erst im Epilog findet es sich schließlich: "Vom Dach aus sieht man die Menschen nicht mehr." Es ist natürlich eine Kriminalstory, Doch auf einer tieferen Ebene menschelt es gewaltig - da ist der Protagonist Inspektor Avi Avraham, Er befindet sich mitten in einer Krise der beruflichen Unzufriedenheit, will er doch weg von den ewigen Bagatellfällen und hin zu größeren Herausforderungen. Und so ist der Roman auch die Geschichte einer ersehnten Veränderung - die am Ende aber keine wird - zumindest nach außen hin, Obwohl der Inspektor am Ende eine Aufstiegsmöglichkeit angeboten bekommt, lehnt er diese ab, hätte diese Beförderung doch vor allem dazu gedient, ihn an weiteren Nachforschungen zu hindern - weil diese die Kreise des israelischen Geheimdienstes gestört hätten - und weil mit dem attraktiveren Posten auch ein Abbruch seiner Ermittlungen verbunden gewesen wäre. Diese Hintergrundgeschichte ist die Bühne für zwei zunächst unabhängig scheinende Fälle, in denen Avi Avraham ermittelt: Ein vor einem Krankenhaus abgelegter Säugling und ein verschwundener Hotelgast. Zwar bleibt sein Posten schließlich unverändert, aber die Fälle haben ihn als Person verändert. Hat er doch in den beiden Ermittlungen zu einem (neuen) Sinn in seiner Arbeit (zurück) gefunden: Dem Kampf für die Wahrheit und damit auch für die Gerechtigkeit. Und deshalb verbleibt er auch lieber 'unten' - denn 'vom Dach aus sieht man die Menschen nicht mehr'.

Bewertung vom 19.02.2022
Schmidt, Joachim B.

Tell


sehr gut

Ein Thriller ohne einer zu sein...
Die Geschichte des schweizer Nationalhelden Wilhelm Tell - als unprätentiös geschildertes Heldenepos. J.B. Schmidt reiht sich mutig ein, haben sich doch bereits Friedrich Schiller und Max Frisch dieses Stoffes angenommen. Anders als bei Schiller beschränkt sich Schmidt auf einen zentralen Handlungsstrang und lässt uns zudem recht eindrücklich teilhaben am einfachen, bäuerlichen Leben; Kernthema des bäuerlichen Lebens ist das Überleben - das meint zum einen die todbringenden Gefahren der Natur und zum anderen die ausbeuterische und gewalttätige Herrschaft der Habsburger in der Mitte des 14. Jahrhunderts, hier in der Tell-Geschichte vertreten durch den Landvogt Gessler und seine Vasallen. Auch die Kirche ist in dieser Zeit kein sicherer Ort - den ungeschützten Kindern widerfährt der Missbrauch. Auf seine ganz spezielle Weise schildert Schmidt aber auch eine Zeitenwende. Nicht nur dass der Bauer Wilhelm Tell vom Tellhof den Landvogt im Nachgang des legendären Apfelschusses tötet und damit die Sehnsucht der Bauern nach einem Ende der Unterjochung schürt; auch der Landvogt selbst hegt bei Schmidt Zweifel an dem Sinn der Gewalt und entdeckt im Tode noch sein Menschsein, indem er an seine Tochter denkt, die er als Vater noch nicht zu Gesicht bekommen hat. Schmidt scheint es weniger darum zu gehen, Wilhelm Tell als einen Aufständigen zu beschreiben, vielmehr lässt er ihn einen Vater sein, der seine Familie behüten will. Das Vatersein ist hier die eigentliche Heldenrolle. Vater ist er in der Hauptsache gewesen - zum Helden erkärt hat man ihn erst später. Anfangs verwirren die vielen kurzen Kapiteln und die rasanten Perspektivwechsel. Aber schon bald mag man nicht mehr aufhören, sich von der Handlung und der wunderbaren Sprache bis zur letzten Seite vorantreiben zu lassen. Und das schafft ja ein guter Thriller.

Bewertung vom 19.02.2022
Glaser, Brigitte

Kaiserstuhl


sehr gut

Ein richtig guter Historienschmöker.
Brigitte Glaser ist es mit ihrem neuen historischen Roman "Kaiserstuhl" gelungen, mich bis zur letzten Seite zu fesseln - und das, obwohl ich eigentlich gar kein Freund dieses Genres bin. Die Aurorin hat es geschafft, mit einer gut komponierten Handlung und realistischen Figuren, die mmer auch mit inneren Konflikten ausgestattet sind, eine Zeit wiederauferstehen zu lassen, die nicht in Vergessenheit geraten darf: Den Beginn der 60-er Jahre, die Zeit des deutsch-französischen Freundschaftsvetrages (der Elysée-Vertrag von 1963, unterzeichnet durch Konrad Adenauer und Charles deGaulle), den Beginn des deutsch-französischen Jugendaustausches und der Städtepartnerschaft, die Geburtsstunde der Idee eines friedlichen und vereinten Europas (Dank an die Auitorin, dass sie im Nachwort so offen und direkt ihre Sorge über das Wiedererstarken der rechten und nationalistischen Kräfte in Europa äußert!) Es ist auch ein Roman über die Kultur der Zeit: Der Jazz ist eine Alternative zur konventionellen Musik geworden und die Nouvelle Vague erobert die Kinos. Hauptort der Handlung ist teffenderweise die französisch-deutsche Grenzregion des Elsass. Die Handlung ist intelligent rund um eine Flasche eines 1937-er Champagners aufgebaut. Liebe, Schuld, Kriegsverbrechen, die Resistance würzen den spannenden Handlungsverlauf. Und an einer Stelle lässt die Autorin einen ihrer Protagonisten denken: "Mit der Vergangenheit leben, trotz allem Weh und Aber, sie nicht leugnen, die Lehren nicht vergessen und dennoch den Blick nach vorne richten, das wär's." Recht hat sie! Leseempfehlung!!!

Bewertung vom 12.02.2022
Yanagihara, Hanya

Zum Paradies


gut

Das Buch braucht Zeit.
In Yanagiharas neuem Roman bekommen die Leser Einblick in drei Geschichten in völlig unterschiedlichen Welten. Eines haben alle drei gemeinsam: ein Stadthaus am Washington Square.
1893 versucht ein junger Mann inmitten seiner familiären Erwartungen und Regeln seinen eigenen Weg zu finden und auf dem Weg ins eigene Glück auszubrechen.
1993 lebt ein junger Hawaiianer mit einem älteren wohlhabenden Mann zusammen als ein Brief seines verstorben geglaubten Vaters seine Welt erschüttert und die tiefsten Geheimnisse seiner Vergangenheit aufrollt.
2093: Eine junge Frau, die in einem Amerika lebt, welches streng reglementiert und von unzähligen Pandemien und dem Klimawandel gezeichnet wurde. Das Internet ist verboten und jeder, der den Staat kritisiert wird unter Hochverrat zum Tode verurteilt.
Die durchgehend mitschwingende Frage: Schaffen die drei Protagonisten es ins Paradies?

Nach dem letzten großen Erfolg mit „Ein wenig Leben“, kann Hanna Yanagihara diese Erwartungen nicht noch einmal erfüllen. Die Autorin überzeugt mit ihrem fantastischen und durchdachten Schreibstil, schafft es jedoch nicht, den Leser in den gleichen Bann zu ziehen. Die Figuren sind nicht so nahbar, es fällt schwer mit ihnen zu fühlen, zu trauern und ihre Entscheidungen nachzuvollziehen. Vor allem die ersten beiden Geschichten haben viele Längen, viele Wiederholungen. Es kann sich keine Sympathie für die Figuren entwickeln
und fehlt es auch an Spannung.
Im dritten Teil fiebert der Leser (etwas widerwillig) mit, während er eine Dystopie kennenlernt, welche die Angst vor dem schürt, was noch auf die Menschheit zukommen könnte - vor allem mit der aktuellen Corona Pandemie als realistischem Beispiel.
Immer wieder kommen Fragen auf, wieso die Figuren der drei Geschichten die gleichen Namen tragen und inwieweit ein Zusammenhang zwischen den Geschichten hergestellt werden kann. Der große Zusammenhang bleibt jedoch offen.
Yanagihara schafft es dennoch, dass dieses dicke Buch nicht vor der letzten Seite weggelegt wird. Nicht zuletzt wegen des dritten Teils, der dann doch durch eine ganz besondere Spannung überzeugen kann.
Am Ende stellt sich eine Erleichterung ein, das Buch geschafft zu haben und sich wieder auf die Gegenwart besinnen zu können, mit der Hoffnung, dass es nur eine Dystopie bleibt und keine wirkliche Aussicht auf die Zukunft im Jahr 2093, einer vom Menschen zerstörten Welt.
Das Buch braucht Zeit.