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sleepwalker

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Insgesamt 548 Bewertungen
Bewertung vom 22.04.2021
Bienvenu, Sophie

Sam ist weg


ausgezeichnet

Mathieu braucht Sam. So viel ist ganz klar. Denn Mathieu hat außer Sam niemanden mehr und ohne die Pitbill-Hündin ist sein Leben auf der Straße schwierig bis unmöglich. Und dann passiert das Schreckliche: Sam ist weg. Dabei hatte er sie nur kurz angebunden, um einkaufen zu gehen. Und dann ist die Hündin weg. Und man ist als Leser:in mitten im Buch „Sam ist weg“ von Sophie Bienvenu.
„»Ich vermisse sie so sehr, das kannst du dir gar nicht vorstellen. Es fühlt sich an, als hätte man mir ein Stück aus dem Körper gerissen. Und die Wunde will einfach nicht heilen. Als ob sie dir einen Arm oder ein Bein amputiert hätten, weißt du? Es heißt doch, dass man das noch weiter spürt.«
»Redest du von Sam?«
»Ja … Auch von Sam.«
Spätestens an der Stelle ist klar, dass es in Mathieus Leben noch mehr Verlust gegeben hat. Verlust, der ihn aus seinem geregelten Leben gerissen hat und in ein Leben auf der Straße katapultierte. Aufgewachsen mit einer dominanten und narzisstischen Mutter („»Du versaust dein Leben. Sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.« Fuck you, Mom. Du hast mich versaut.“), die ihn und sein Leben kontrollierte und manipulierte und einem Vater, der in der Familie nichts zu sagen hatte und früh starb. Er ist ein nachdenklicher, melancholischer und unverstandener Jugendlicher („Du hast kein Recht, traurig zu sein, Mathieu. Du hast ein Dach überm Kopf, du gehst zur Schule … Du hast eine Mutter, die dich liebhat und sich für dich aufopfert. Weißt du, was du bist, Mathieu? Ein verwöhntes Balg. Und undankbar.“) und wird mit 18 Vater einer Tochter. Anschließend versucht er (zu) vieles gleichzeitig: dem Einfluss der Mutter zu entkommen, sein Leben zu ordnen und seiner Tochter ein guter Vater zu sein. Weitere Brüche im Leben werfen ihn dann aber vollends aus der Bahn. Über all das denkt er nach, während er durch die Straßen geht und Sam sucht und gibt den Leser:innen einen Einblick in sein Leben.
Das Buch ist zwar eher ein Büchlein (nur knapp 170 Seiten lang und ich habe es in etwa zwei Stunden durchgelesen), aber es hinterließ bei mir einen tiefen Eindruck, so tief, dass ich es schade fand, dass es so kurz war. So viel Schicksal und Gefühl gebündelt auf so wenigen Seiten, so viel Liebe, Zuneigung und gleichzeitig Zweifel und Verzweiflung („Du wärst einfach am liebsten überhaupt nicht da. So wie Freddie Mercury. I don’t want to die, I sometimes wish I’d never been born at all.“) Und ganz zum Schluss ein Sonnenstrahl mit Hoffnung und einer Prise Optimismus. So traurig und schön gleichzeitig.
Das Buch hat keine Einleitung und keinen richtigen Schluss, ist also eher Novelle als Roman. Geschrieben ist es so, wie die Gedankengänge von Mathieu verlaufen: nicht linear, sprunghaft, durcheinander und in Umgangssprache (bei der Wortwahl, aber auch grammatikalisch). Authentisch, bildhaft, schlicht und doch bildgewaltig und berührend. Mal schön, mal weniger schön. Aber immer klar, prägnant und auf den Punkt. Da ist kein Wort zu viel und kein Satz überflüssig. Für mich ist es ein ganz besonderes und leises Buch und eine klare Lese-Empfehlung. 5 Sterne.

Bewertung vom 20.04.2021
Sawatzki, Andrea

Woanders ist es auch nicht ruhiger / Die Bundschuhs Bd.5


sehr gut

Wohngemeinschaften an sich sind ja schon chaotisch. Wer aber die Bundschuhs kennt, der weiß, dass man das Chaos noch toppen kann. Unerwarteterweise wird der Flughafen BER eröffnet und ebenso überraschend ist, dass das Haus im Rotkehlchenweg direkt in der Einflugschneise liegt. Wie konnte das denn passieren? Ach, wer die Bundschuhs (erdacht und zu Papier gebracht von Andrea Sawatzki) kennt, den überrascht das wohl eher nicht. Und im fünften Band stellt die Chaotenfamilie dann fest: „Woanders ist es auch nicht ruhiger“.
Da das Leben in der Einflugschneise unerträglich ist, beschließt die komplette Familie einen Umzug. Also sucht die „Kernfamilie“, bestehend aus Gundula, Gerald und Matz (zwei der Bundschuh-Kinder sind ja bereits ausgezogen), zusammen mit den Omas Ilse und Susanne und Gundulas Bruder Hans-Dieter samt Frau Rose und Söhnchen Eddie Barrak eine neue Bleibe. Haussuche und Umzug ist an sich schon ein Kraftakt, auch wenn man kein Bundschuh ist. Aber wenn man einer ist, dann ist Chaos vorprogrammiert und für den Leser einiges an Witz und Kopfschütteln. Vor allem, wenn das einzige bezahlbare Domizil (ein Dreiseitenhof aus einer Zwangsversteigerung) irgendwo im Nirgendwo liegt, wo nur einmal am Tag ein Bus fährt, es einen einzigen Laden gibt und der einzige fahrbare Untersatz der Familie eine in die Jahre gekommene Ente ist, die noch dazu jeden Tag von Gerald für den Weg zur Arbeit gebraucht wird.
Insgesamt fand ich das Buch lustig zu lesen, für Zwischendurch war es genau das Richtige. Sprachwitz und Situationskomik, aber auch Skurrilität und Absurdität wechseln einander ab und ab und zu schaffte die Autorin es doch, mich herzhaft zum Lachen zu bringen. Allerdings fand ich den Schreibstil von Andrea Sawatzki etwas gewöhnungsbedürftig, sie schreibt für mich ungewohnt sehr einfach und unverblümt. Manchmal fand ich die Geschichte etwas sehr stark übertrieben, die Ansammlung von neurotischen/naiven/nervigen Menschen ist mir zeitweise zu überspitzt, ab und zu wollte ich den einen oder anderen Protagonisten einfach nur schütteln, damit er zu Verstand kommt. Denn in der Familie herrscht ein stetes Geben und Nehmen: Gundula gibt – und alle anderen nehmen. Die Geschichte an sich fand ich wenig überraschend, einiges sehr klischeehaft, aber alles in allem ist das Buch unterhaltsam und daher vergebe ich vier Punkte.

Bewertung vom 19.04.2021
Buschmann, Claas

Wenn die Toten sprechen


ausgezeichnet

Ganze drei Mal habe ich die Vorlesung „Gerichtliche Medizin für Juristen“ besucht, man könnte also mit Fug und Recht sagen, dass mich das Thema interessiert. Daher habe ich mich auch über das Buch „Wenn die Toten sprechen“ von Claas Buschmann sehr gefreut. Und der Rechtsmediziner hat ein sehr gutes und informatives, teilweise auch spannendes Buch geschrieben, das ich in einem durchgelesen habe. Einziger Kritikpunkt: es hätte gerne länger sein dürfen. Ich fand seine Art zu schreiben so angenehm und die zwölf von ihm beschriebenen Fällen so spannend, dass ich gerne weitergelesen hätte.
Aber von vorn.
Claas Buschmann, leitender Oberarzt der Rechtsmedizin der Berliner Charité, beschreibt in seinem Buch anonymisiert aufbereitet über eher ungewöhnliche uns spektakuläre Fälle, die er in seiner Laufbahn erlebt hat. Er ordnet sie gekonnt ein (für ihn sind nämlich auch ungewöhnliche Fälle manchmal Alltag) und beschreibt sie sachlich, manchmal sogar mit einem Hauch Witz, aber immer mit dem nötigen professionellen Abstand und dem gebotenen Anstand. Manche Fälle setzt er in einen erweiterten Kontext, schließlich kann er nicht nur auf seine Erfahrungen Rechtsmediziner zurückgreifen, sondern auch auf die als Rettungssanitäter. So schweift er ab und zu ein bisschen ab, aber er findet den roten Faden immer wieder.
Manche Fälle (be)rührten mich tief, andere ließen mich schaudern. So der Fall einer Frau, die von ihrem Lebensgefährten mit Benzin übergossen und angezündet wurde und bei lebendigem Leib im Treppenhaus vor den Augen von Nachbarn verbrannte. Oder die 12,2 Promille, die er bei einer zu Tode Gekommenen feststellte. Oder die brutalen Schlägereien und Messerstechereien, bei denen am Ende jemand tot war und die Täter die Leiche zur Vertuschung zerteilten. Die Fälle, mit denen es die Gerichtsmediziner:innen (nicht nur der Autor, sondern alle) zu tun haben, sind vielfältig und sehr oft sehr schrecklich. Ob es nun Tötungsdelikte, Suizide (er als Rechtsmediziner würde niemals „Selbstmorde“ sagen) oder Kunstfehler von Ärzten sind – jeder Tote ist in erster Linie ein Mensch mit einem Schicksal und erfahrungsgemäß kann nicht jeder Fall abschließend aufgeklärt werden und bei manchen kann der Täter trotz allem aus irgendwelchen Gründen nicht verurteilt werden.
Der Autor „nimmt den Leser auch ein bisschen an die Hand“, indem er immer wieder versucht, medizinisches und ein bisschen juristisches Wissen zu vermitteln. So kann seine Leserschaft einerseits dem Buch noch besser folgen, andererseits eventuell etwas „fürs Leben“ lernen. Außerdem räumt er mit einigen Mythen auf, die man aus den einschlägigen Krimis kennt. Dort verlangen Ermittler nämlich gerne schon am Tatort detaillierte Aussagen über Todesursache oder Tatwaffe. „Das wäre auch völlig unprofessionell“ – so die Aussage des Profis. Die genauen Aussagen können erst nach der Obduktion gemacht werden, später werden Rechtsmediziner auch oft als Gutachter in Gerichtsverhandlungen gehört. Und auch dass aus Krematoriumsasche noch DNA extrahiert werden könnte, gehört ins Reich der Märchen. („Es bleibt lediglich ein Häufchen Asche zurück. Und gegebenenfalls ein bisschen Metallschrott, der auf Herzschrittmacher, Zahnarbeiten und künstliche Gelenke schließen lässt. Nicht einmal DNA lässt sich aus der Krematoriumsasche noch gewinnen.“)
Claas Buschmann schreibt anschaulich und flott, vor allem im Vergleich zu seinen medizinischen Gutachten (ein paar zitiert er im Buch) sehr gut lesbar und verständlich und manchmal sogar launig, denn „Bisweilen ist es in der Rechtsmedizin sogar recht heiter“. Für mich war das Buch trotz des zum Teil wirklich harten Inhalts super zu lesen und daher eine klare Lese-Empfehlung (nicht nur für True-Crime-Fans) und 5 Sterne von mir.

Bewertung vom 19.04.2021
Sten, Viveca

Das Grab in den Schären / Thomas Andreasson Bd.10


gut

„Das Grab in den Schären“ ist der zehnte Band der „Sandhamn-Reihe“ von Viveca Sten, der Serie um den Polizisten Thomas Andreasson und die Staatsanwältin Nora Linde. Ich habe die Serie sporadisch verfolgt, daher waren mir die Charaktere bekannt, aber ich denke, auch ohne Vorkenntnisse kann man das Buch problemlos verstehen.
Bei Bauarbeiten entdecken Arbeiter eine Leiche auf der unbewohnten Insel Telegrafholmen. In der Gegend sind vor etwa zehn Jahren fast zeitgleich zwei junge Frauen verschwunden und als die Untersuchungen ergeben, dass das Skelett weiblich ist, rücken sie in den Fokus der Ermittlungen. Parallel zum Haupt-Handlungsstrang erlebt man daher als Leser die (Vor)Geschichten der 17-jährigen Astrid und der 35jährigen Siri mit. Die Perspektivwechsel verleihen dem Buch das gewisse Etwas und eine besondere, eher unterschwellige Spannung, wobei auch der Leser bis kurz vor Schluss im Unklaren gelassen wird, wer das Skelett von Telegrafholmen ist.
Ich fand das Buch an sich nicht schlecht, aber ganz sicher auch nicht besonders gut. Staatsanwältin Nora Linde ist seit einem Fall aus einem der Vorgänger-Bände stark traumatisiert und deswegen krankgeschrieben. Ihre Angst versucht sie vor allem, mit übermäßigem Alkoholgenuss zu betäuben. Dabei wirft sie ihre Professionalität und Berufsethik komplett über Bord und mischt sich ungebeten in die Ermittlungen von Thomas Andreasson und seinem Partner Aram ein. Selbst für skandinavische Verhältnisse (dort haben Staatsanwälte zum Teil andere, weiterreichende Befugnisse als in Deutschland) geht sie dabei viel zu weit und mir mit ihrer ziemlich egozentrischen und teilweise extrem selbstherrlichen Art heftig auf die Nerven.
Abgesehen davon fand ich das Buch trotz der in der Hauptsache unblutigen Handlung spannend, gut geschrieben und flüssig zu lesen, wobei die Übersetzung für mich zum Teil holprig ist und ein paar handwerkliche Fehler aufweist. Die Charaktere sind gut gezeichnet, eventuell etwas weniger ausführlich als in den anderen Bänden, ich hatte das Gefühl, die Autorin setzt mehr oder weniger voraus, dass man die anderen Teile bereits kennt. Dann ist auch die Wandlung von Nora Linde, bedingt durch ein posttraumatisches Belastungssyndrom, deutlich zu erkennen, sie wurde von der engagierten Staatsanwältin, liebenden Ehefrau und Mutter zu jemandem, der trotz Krankschreibung in Ermittlungen eingreift („Ist dir nicht klar, dass du dich eines Dienstvergehens schuldig machst, wenn du dich auf diese Weise in eine Ermittlung einschaltest?“) und „Scheinvernehmungen“ durchführt, sich von ihrer Tochter zurückzieht und Menschen in ihrem Umfeld wegstößt und verletzt.
Ihr Verhalten ist psychologisch sehr interessant, wenn es auch manchmal für die Ermittlungen eher schädlich ist und für mich als Leser oft ein zwiespältiges Gefühl schuf: so wie Nora Linde zwischen Angst, Trauma und dem ständigen egozentrischen Gefühl, nur sie könne die Ermittlungen erfolgreich durchführen, hin- und hergerissen ist, schwankte ich zwischen „ich will sie trösten“ und „ich will sie packen und schütteln“. Denn im Endeffekt landet sie immer wieder bei einer Flasche Wein und bringt sich selbst und die Ermittler in schwierige Situationen. Mich haben die Alkoholexzesse von Nora Linde auf jeden Fall immer wieder aus dem Lesefluss gerissen und der Spannungsbogen brach für mich dadurch mehrfach komplett zusammen. Allerdings ist die Geschichte an sich gekonnt konstruiert, die Mischung aus verschiedenen möglichen Opfern und damit verbunden einigen möglichen Tätern fand ich sehr geschickt. Die Landschaft ist wie gewohnt bildhaft beschrieben und die Atmosphäre wechselt, wie in den anderen Teilen, zwischen „heile Welt“ und dem Drama, das sich abspielt(e). Dennoch bleibt dieses Buch meiner Meinung nach eher eines für Fans der Reihe. Daher vergebe ich drei Sterne.

Bewertung vom 12.04.2021
Kreutzer, Lutz

Die Akte Hürtgenwald


gut

Da ich ein großer Freund von Regio-Krimis bin und mir die Gegend zwischen Roetgen und Mausbach, das Hohe Venn und die (Vor)Eifel nicht unbekannt sind, habe ich mich auf „Die Akte Hürtgenwald“ von Lutz Kreutzer sehr gefreut. Völlig enttäuscht wurde ich von dem Buch nicht, aber wirklich begeistern konnte es mich weder inhaltlich noch sprachlich. Die Schlacht im Hürtgenwald vermutlich vielen bekannt, die Deutsche Wehrmacht stellte sich gegen den Vormarsch der amerikanischen Truppen. Die „Altlasten“ aus der Zeit sind trotz der Wiederaufforstung an manchen Stellen noch deutlich zu erkennen, auch einige Bunker existieren noch. Bis in die 2000er-Jahre wurden in der Gegend noch Überreste von gefallenen Soldaten gefunden.
Der Fall, in dem der strafversetzte Kriminalhauptkommissar Josef Straubinger ermittelt, ist alt und inzwischen von vielen vergessen. Er selbst findet ihn eher zufällig, da ihm die alte Akte in die Hände fällt, als er im Keller Akten sortieren soll. Er verbeißt sich in die Ermittlungsarbeit und versucht, anfangs eher planlos, zu ergründen, wieso der Industrielle Heinrich III. Vandenberg 1956 bei Holzarbeiten im Gressenicher Wald zu Tode kam. Schnell steckt der Kommissar tief in der Geschichte rund um die Schlacht im Hürtgenwald und die Geschehnisse in den Jahren und Jahrzehnten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Das Buch besteht aus zwei großen Handlungssträngen: dem Jetzt und Hier und der Beschreibung der Ereignisse im Mai 1956. Bei den Gesprächen, die Straubinger mit Zeitzeugen führt, vermischen sich die beiden Zeitebenen ab und zu, was der Geschichte einen sehr authentischen Anstrich gibt.
Es war mein erstes Buch des Autors, vermutlich aber auch mein letztes. Sprachlich fand ich ihn holprig und manchmal auch nicht ganz korrekt. Seine Beschreibung der Gegend fand ich hingegen sehr gelungen und auch die Menschen, die er in seinem Buch auftreten lässt, sind authentisch und gut getroffen. Manchmal schafft er es auch, ein wenig Spannung in seiner Erzählung zu erzeugen, im Großen und Ganzen plätschert die Geschichte aber eher dahin und leider war mir auch sehr schnell schon klar, wie sie ausgehen wird. Allerdings muss man gegen Ende sehr gut aufpassen, um bei dem vielen „wer mit wem“ den Überblick nicht zu verlieren, denn tatsächlich hängt zum Schluss alles mit jedem irgendwie zusammen.
Mit Josef Straubinger hat der Autor einen mir völlig unsympathischen Kommissar geschaffen. Zwar scheint er kompetent und konsequent zu sein, seine Herangehensweise an die Ermittlungen fand ich aber sehr willkürlich und sein Auftreten hölzern und zum Teil fast unverschämt. Hölzern fand ich auch manche der Dialoge, manchmal sind sprachliche Unebenheiten und Fehler im Text und alles in allem konnte das Buch bei mir nicht wirklich punkten. Dennoch vergebe ich für die gelungene Schilderung der Gegend und der Menschen dort (die aus den 1950ern und die von heute), den guten Aufbau der atmosphärischen Stimmung und die hervorragende Idee drei Sterne. Das enorme Potenzial, das die Geschichte geboten hätte, hat der Autor leider überhaupt nicht ausgeschöpft, da wäre sehr viel mehr drin gewesen.

Bewertung vom 12.04.2021
Fölck, Romy

Mordsand / Frida Paulsen und Bjarne Haverkorn Bd.4


sehr gut

„Mordsand“ ist der vierte Band aus Romy Fölcks Serie um das Ermittlerduo Frida Paulsen und Bjarne Haverkorn. Natürlich ist das Buch eigenständig zu lesen, Vorkenntnisse aus den anderen Teilen sind hilfreich, aber man braucht sie für das Verständnis nicht zwingend. Da diese aber ebenso spannend und unterhaltsam sind, ist die Lektüre durchaus empfehlenswert.
Ein gefesseltes Skelett wird am Strand einer Elbinsel gefunden, tief eingegraben und nur durch den Fluss freigelegt. Die Untersuchungen ergeben, dass die Überreste schon 30 Jahre lang dort vergraben sind. Kurz darauf wird nicht weit entfernt die Leiche eines Hamburger Bauunternehmers gefunden. Die Ermittlungen führen die Kommissare zurück in die Zeit der DDR und der dortigen Jugendwerkhöfe, eine Zeit voll Grausamkeit und Menschenverachtung. Aber wie hängen die Morde damit zusammen?
Romy Fölck präsentiert ihren Lesern in gewohnter Manier eine Erzählung, in der sich Gegenwart und Vergangenheit in zwei großen Handlungssträngen gegenüberstehen. Sie nimmt ihr Publikum mit in die Erziehungsanstalten (oder besser Umerziehungsanstalten) der ehemaligen DDR, die auch als Margots (Honeckers) Kinder-KZs bekannt wurden. Der „Jetzt“-Handlungsstrang spielt wie immer in der Elbmarsch, zwischen Apfelhof von Fridas Familie und der Insel Bargsand, auf der das Skelett und der Tote gefunden werden. Neben den tatsächlichen Ermittlungen bekommt man auch sehr viel Privatleben von Frida und Bjarne mit. Die ist inzwischen mit dem Rechtsmediziner Dr. Torben Kielmann liiert und Bjarne lebt in einer Art Wohngemeinschaft mit seiner Tochter Henni. Beide Konstellationen fanden ihren Anfang in den Vorgänger-Bänden, sind nicht ganz unkompliziert und nehmen einigen Raum im Buch ein.
Ich fand den Krimi stellenweise sehr spannend, stellenweise hatte er eher etwas von einem Heimat- oder Liebesroman, die Spannungskurve ist jedenfalls nicht konstant, alles in allem kam mir das Buch weit weniger spannend als seine Vorgänger vor. Aber manchmal kam mir eine „Verschnaufpause“ zwischen den geschilderten Grausamkeiten in den Jugendwerkhöfen ganz gelegen.
Alles in allem fand ich, dass die Autorin die Geschichte mit Privatleben der Ermittler, den Ermittlungen und den Episoden aus der Vergangenheit ausgewogen erzählt. Sprachlich ist der Krimi gut und flüssig zu lesen, die Beschreibung der Insel Bargsand und der Elbmarsch fand ich atmosphärisch gut gelungen und die Charaktere sind gut beschrieben. Vielleicht nicht so ausführlich wie in den anderen Teilen, vermutlich setzt Romy Fölck doch voraus, dass man diese kennt. Mir sind sie jedenfalls inzwischen sehr ans Herz gewachsen, vor allem Bjarne Haverkorn. Gegen Ende zieht das Tempo der Erzählung merklich an und die Spannungskurve steigt, der Schluss ist stimmig, wenn auch nicht überraschend. Allerdings überstürzt sich die Handlung ein bisschen und das Ende kam für mich etwas abrupt.
Insgesamt hat mir das Buch aber gut gefallen, ich freue mich auf den nächsten Teil der Serie und vergebe vier Sterne.

Bewertung vom 01.04.2021
Arenz, Ewald

Der große Sommer


ausgezeichnet

Tja, da hat sich Friedrich mit seiner Faulheit ja etwas eingebrockt. Statt mit der Familie in den Urlaub zu fahren, darf er seine Sommerferien damit verbringen, sich bei den Großeltern auf die Nachprüfung vorzubereiten. Denn mit den Fünfen in Latein und Mathe wird er nicht versetzt und ein zweites Mal darf er die neunte Klasse nicht wiederholen. Da ist Pauken angesagt, denn der Großvater (eigentlich Stief-Großvater) ist streng, gebildet und konsequent. Die Großmutter ist Künstlerin, liebevoll und warmherzig – was für ein Kontrast. Friedrich erlebt einen ganz besonderen Sommer, in dem er viel lernt. Natürlich Mathe und Latein, aber auch über das Leben, Liebe, Freundschaften und nicht zuletzt über sich selbst und dass manches und mancher anders ist, als er bislang geglaubt hat.
„Der große Sommer“ von Ewald Arenz ist für mich ein ganz großes Buch. Anhand des 16jährigen Protagonisten zeigt der Autor so vieles: Zeitgeist der frühen 1980er-Jahre mit Friedensbewegung, kaltem Krieg, NATO-Doppelbeschluss, Pershings und Wettrüsten, Pubertät und Dummejungenstreiche, erste Liebe, Respekt, Generationenkonflikte und dass hinter manch rauer Schale ein etwas weicherer Kern steckt. Noch bis vor ein paar Jahren musste Friedrich seinen Großvater siezen, jetzt zollt der „Herr Professor“ ihm tatsächlich an manchen Stellen Respekt und auch Frieder sieht seinen Großvater nach und nach mit anderen Augen. Die beiden wachsen ein bisschen aneinander und wachsen enger zusammen, als sie sich es vermutlich beide je hätten träumen lassen.
Es ist ein Buch über einen Sommer, den vermutlich jede/r so ähnlich kennt – ob es bei den Leser:innen nun der Sommer war oder eine andere Zeitspanne. Ein paar Tage oder Wochen, an deren Ende nichts mehr so ist, wie es vorher war. In der man gewachsen, vielleicht sogar über sich hinausgewachsen ist. Das ist das Merkmal des Entwicklungsromans (neudeutsch: coming-of-age) schlechthin und das erfüllt Ewald Arenz ganz hervorragend. Ich denke, am Ende der Geschichte ist keiner der Charaktere derselbe wie am Anfang und auch das Publikum kann durchaus bei der Lektüre eine Entwicklung durchlaufen, wenn es sich auf die Geschichte und die vielen Dinge zwischen den Zeilen einlässt. Ich zumindest konnte aus dem Buch einiges mitnehmen.
Für mich ist es auf jeden Fall eines der besten Bücher dieser Kategorie, die ich bislang gelesen habe. Der Inhalt und die Sprache passen für mich auch ganz hervorragend zusammen. Weitgehend unaufgeregt, in klaren Worten und eher schlichten Sätzen, schafft der Autor eine Mischung aus heiler Welt und den wilden Zeiten der Pubertät, ein „normales“ Leben mit einigen Eskapaden. Seine gut ausgearbeiteten und bildhaft beschriebenen Charaktere nehmen die Leser:innen mit in eine Zeit, an die sich manche noch erinnern werden, es ist die auch Zeit seiner eigenen Jugend. Aber auch für mich, der ich 1981 erst vier Jahre alt war, war es spannend und interessant zu lesen. Ein großes Buch über einen großen, bewegten Sommer. Von mir eine klare Lese-Empfehlung und fünf Sterne.

Bewertung vom 24.03.2021
Park, Byung Jin

Ins Leere gelaufen


ausgezeichnet

„Ich, depressiv? Niemals!“ – so dachte Byung Jin Park noch vor einigen Jahren. Schlafstörungen, Antriebslosigkeit, kurzer Geduldsfaden – ja, aber das liegt ja an etwas anderem. Dass er im zwei-Wochen-Rhythmus krank wurde hatte auch einen anderen Grund. Welchen? Das wusste er auch nicht so genau. Aber irgendwann konnte er sich vor der Diagnose nicht mehr verstecken. Der Anwalt musste sich der Wahrheit stellen: er leidet unter einer Depression. Wie er es geschafft hat, damit leben zu lernen, beschreibt der inzwischen 36-Jährige in seinem Buch „Ins Leere gelaufen“.
Dabei kommt bei ihm so einiges zusammen, was einen Menschen ganz schön mitnehmen kann: mit zehn Jahren aus Südkorea nach Deutschland gekommen, erst einmal für fünf Jahre, da der Vater eine befristete Stelle hatte. Er wurde praktisch ohne Sprachkenntnisse aufs Gymnasium eingeschult, hat sich durchgebissen, war er doch in Korea Klassenbester gewesen. Er fand Freunde, trieb Sport und regelte als „Manager“ für die Familie Dinge (vor allem mit Behörden), für die er eigentlich noch viel zu jung war. Und immer hatte er im Hinterkopf: „mach uns stolz“. Gefühle zeigen und zulassen hat er nie gelernt, auf sich selbst stolz zu sein oder gar sich selbst zu lieben noch viel weniger. An diesen Stellen im Buch griff ich zum ersten Mal nach einem Taschentuch.
Einige Tränen und Schluchzer weiter fühlte ich mich in dem Buch fast gespiegelt. Der Autor und ich sind so verschieden und doch so gleich in vielem. Und das geht ganz sicher den meisten depressiven Lesern so. Wer also Angst hat, getriggert zu werden, sollte mit dem Lesen lieber warten, denn das Buch wühlte zumindest in mir eine Menge Gefühle auf. So viele Ähnlichkeiten schwarz auf weiß zu lesen, das kann einem ganz schön zu schaffen machen. Umso schöner ist es, wenn man dann liest, wie Byung Jin Park seinen Weg gefunden hat. Nein, nicht aus der Depression heraus, denn ihm ist klar, dass sie ihn ein Leben lang begleiten wird. Aber er hat Wege gefunden, mit ihr zu leben. Nach gescheiterter Ehe aus der „die beste Tochter der Welt“ hervorging, hat er eine Lebensgefährtin gefunden. Auch seine Familie unterstützt ihn bis heute, obwohl er den Kontakt zu ihr zeitweise komplett abgebrochen hatte.
Nein, dieses Buch ist kein „weiteres Buch über Depressionen“ oder gar ein Ratgeber, auch wenn es viele gute und nützliche Anregungen bietet – nicht zuletzt die, sich Hilfe zu suchen. Es ist auch keine Biografie eines „perfekt integrierten Anwalts mit Migrationshintergrund“. Es ist die berührende Geschichte eines jungen Mannes, der sich auf der Suche nach sich selbst verloren hat und sich mit viel Anstrengung neu aufstellen musste. Der Hilfe brauchte, zuerst nicht suchte, dann aber annahm. Der sich selbst und die Liebe fand, außerdem seine Wurzeln in der Familie und die Flügel in der Beziehung zu seiner Lebensgefährtin.
Eine Erfolgsgeschichte also? Jein. Eine Geschichte über harte Arbeit, die auch nach dem Aufenthalt in der psychosomatischen Klinik jeden Tag weitergeht. Denn „dunkle Phasen kommen und gehen“. Es ist eine Geschichte über Liebe, Leben, Musik, über ein Klapprad und ein Naturschutzzentrum, die Kampenwand und Twitter. Und darüber, dass Wut und andere negative Gefühle zu einem selbst gehören und man sich trotzdem lieben darf und dass man es lernen kann und sollte, diese Gefühle anzunehmen. Und dass man manchmal stolz auf das Erreichte sein kann, denn das Leben ist kurz und man muss es leben, solange man kann und solange es andauert. Von mir eine klare Lese-Empfehlung und 5 Sterne.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 23.03.2021
Remy, Maurice Ph.

Der Fall Gurlitt


ausgezeichnet

„Der Fall Gurlitt. Die wahre Geschichte über Deutschlands größten Kunstskandal“ von Maurice Philip Remy ist ein Buch, das mich in mehrerlei Hinsicht fassungslos zurückgelassen hat. Es ist für mich nicht nur ein Buch über einen „Kunstskandal“, sondern ein Buch über viel mannigfaltigere Skandale. Denn es umfasst neben dem „Skandal“ der gefundenen Kunstwerke auch skandalös unsaubere Ermittlungsarbeit von Polizei und Zoll, skandalös unseriöse Politiker und skandalös unethische Pressearbeit. Der Autor entwirrt auf über 400 Seiten (plus mehr als 100 Seiten Quellenangaben) minutiös die Fäden, die bei Cornelius Gurlitt 2013 zusammengelaufen sind, in dem Jahr, als der Focus „Der Nazi-Schatz“ titelte und herausposaunte, dass in Gurlitts Münchner Wohnung 1500 Beutekunst-Stücke gefunden worden wären. Heute würde man das „Fake News“ nennen.
Der Inhalt des Buchs ist komplex und kompliziert. Fakt ist aber, dass der 80jährige Cornelius Gurlitt rüde aus seiner Anonymität gerissen wurde, als im Focus der oben genannte Artikel über ihn und seine ererbte Kunstsammlung erschien. Das Blatt nannte seinen kompletten Namen samt Wohnort und warf ihn damit praktisch der gesamten Journaille zum Fraß vor. Fakt ist auch, dass die genannten Zahlen falsch waren, vor allem der auf über eine Milliarde Euro bezifferte Wert der Sammlung und die Anzahl der „Beutekunst-Werke“, die schnell von 1500 auf nicht einmal ein halbes Dutzend zusammenschmolz. Fakt ist auch, dass Zoll und Polizei bei Gurlitt die Kunstwerke nach einer Hausdurchsuchung beschlagnahmte. „Die Begründung der Amtsrichterin aus Augsburg stand nicht im Einklang mit den Richtlinien für ein rechtsstaatliches Strafverfahren. Es bedarf zwingend konkreter Hinweise auf eine Straftat und zudem einer klaren zeitlichen Eingrenzung auf den Zeitraum, wann sie begangen worden sein soll. Beides fehlte im vorliegenden Fall.“ Sie genehmigte damit einen „Beschlagnahmeexzess gegen rechtsstaatliches Handeln“, für den der Begriff „Der Schwabinger Kunstfund“ viel weniger zutreffend ist, als „Der Schwabinger Kunstraub“.
Maurice Philip Remy hat den Fall Gurlitt in jahrelanger Recherche aufgearbeitet und präsentiert in dem Buch die Ergebnisse. So stellt er die Familie Gurlitt ab dem Großvater Louis dar, der 1812 den Grundstein für die Sammlung legte, die Cornelius Gurlitts Vater Hildebrand als Kunsthändler ausbaute und dann an seine Frau und letztendlich an seinen Sohn vererbte. Er beschreibt die Familiengeschichte, die Geschichte von jüdischen Familien, mit denen Hildebrand Gurlitt Geschäfte gemacht hat und die Vorgänge rund um den „Schwabinger Kunstfund“ fast wie einen Krimi. Rasant erzählt, präzise und mit unzähligen Fakten, Quellen und Querverweisen untermauert. Ein angenehmes Buch über ein unangenehmes Thema: die Enteignung von Juden in der NS-Diktatur. Angenehm fand ich es aus dem Grund, dass der Autor es schafft, trotz manchmal sehr emotionaler Passagen, die nötige journalistische Distanz zu wahren und nicht auf einen Populismus-Zug aufzuspringen. Er gibt den Menschen hinter der Geschichte eine Stimme, zeigt sie aber mit Licht- und Schattenseiten. Denn natürlich wurden auch auf Gurlitts Seite Fehler gemacht. Aber nichts, was die spätere Hatz auf Cornelius Gurlitt gerechtfertigt hätte. Die war wohl blinder Aktionismus. „Dabei ist davon auszugehen, dass die Verantwortlichen im Grunde von der guten Absicht getrieben waren, NS-Unrecht aufzuklären und, wo möglich, zu heilen [...] Aber all das kann nicht rechtfertigen, dass hierbei neues Unrecht begangen wurde.“Ob das Buch es schafft, den Namen Gurlitt rein(er) zu waschen, bleibt fraglich. Auf jeden Fall kann es an Cornelius Gurlitt nichts mehr gutmachen, er ist inzwischen verstorben. Was bleibt ist ein spannendes, wohlformuliertes Sachbuch, fast ein True-Crime-Thriller über Behörden-Versagen, Aktionismus und moralisch verwerfliches Handeln der Medien. Ein Lehrstück, wie neutraler Journalismus funktionieren sollte. Von mir 5 Sterne und eine klare Lese-Empfehlung.

Bewertung vom 23.03.2021
Hastings, Reed;Meyer, Erin

Keine Regeln


gut

Guter Einblick
„Wir arbeiten alle wie verrückt, aber das liegt daran, dass wir unsere Jobs so leidenschaftlich lieben.“ – so könnte man laut „Keine Regeln. Warum Netflix so erfolgreich ist“ von Reed Hastings und Erin Meyer die Firmenphilosophie von Netflix zusammenfassen. Alle lieben ihren Job, alle lieben die Firma und daher tun alle ihr Möglichstes, um die Firma erfolgreich zu machen. Ob dies so stimmt, beleuchtet das Buch von zwei Seiten. Die Autoren sind Reed Hastings, Mitbegründer und Mit-CEO von Netflix und Erin Meyer, Professorin an einer privaten Wirtschaftshochschule.
Das Buch ist eine Mischung aus Biografie des Firmengründers Reed Hastings und der Geschichte von Netflix vom online DVD-Verleih zur heutigen Streaming-Plattform. Die einzige Regel im Unternehmen ist, dass es keine Regeln gibt. Es gibt keine innerbetrieblichen Hierarchien und Urlaub kann jeder nehmen, wann er möchte, ebenfalls sind die Arbeitszeiten nicht starr geregelt und alles läuft, solange die Ergebnisse stimmen. Es liest sich wie eine glückliche große Familie, eine Utopie, in der alles auf Ehrlichkeit und Loyalität fußt. Das ist die Seite, die Reed Hastings in dem Buch beschreibt.
Die „Gegenseite“ vertritt Erin Meyer, die das System zum Teil kritischer sieht und ihre Kritikpunkte direkt neben den Texten von Reed Hastings klar darlegt. Denn wo viel Licht ist, kann auch viel Schatten sein. So toll ein System ohne Regeln und ohne Hierarchie klingt, so traumhaft sich flexible Arbeitszeiten und –orte anhören und wie schön es wäre, in einer Firma sein Feedback ohne Angst abgeben zu können – auch bei Netflix gibt es Schattenseiten. Denn trotz aller Freiheit erwartet natürlich auch Reed Hastings von seinen Angestellten Höchstleistungen und den bedingungslosen Einsatz aller, schlicht „Großartiges“. Wer damit nicht konform geht, ist raus, wenn auch mit guter Abfindung. Und vermutlich gibt es auch in dieser „heilen Familie“ Probleme, denn zu viel Freiheit kann schnell ausgenutzt werden, zu viel ehrliches Feedback kann schnell zum Streitpunkt werden und Strukturen ohne Hierarchie haben sich in der Vergangenheit selten bewährt.
Insgesamt ist es für mich ein interessantes Buch, das mit Vorsicht gelesen und kritisch betrachtet werden sollte. Es ist gut und flüssig geschrieben, manchmal kam ich mir aber ein bisschen vor wie in einer Mischung aus einem „positive thinking“-Seminar, einem Selbstoptimierungs-Workshop und einer Predigt in einer (pseudo) religiösen Vereinigung. Alles in allem fand ich es nett zu lesen, manche Anregung ist sicher auch gut und praktikabel, also ist es insgesamt kein schlechtes Buch, aber sicher auch keine „Wirtschafts-Bibel“ mit Weisheiten, die immer und überall passen. Von mir daher 3 Sterne.