Benutzer
Top-Rezensenten Übersicht

Benutzername: 
kkarin
Wohnort: 
Oberösterreich & Wien

Bewertungen

Insgesamt 31 Bewertungen
Bewertung vom 20.10.2018
Vier.Zwei.Eins. (eBook, ePUB)
Kelly, Erin

Vier.Zwei.Eins. (eBook, ePUB)


sehr gut

Dranbleiben, dranbleiben, dranbleiben … der Lohn sei Dir in der zweiten Hälfte des Buches sicher!

Kurzmeinung:
Beklemmendes Thema, schwierige Charaktere & Längen.
Nach beharrlichem Dranbleiben wird man mit unerwarteten & spannenden Wendungen belohnt.

Zum Inhalt:
Laura und Kit erleben 1999 im Rahmen eines Festivals eine totale Sonnenfinsternis in Cornwall. Auf ihrem Rückweg zum Zelt unterbrechen sie eine Vergewaltigung. Der Täter – Jamie Balcombe – behauptet, dass es sich um einvernehmlichen Sex gehandelt habe, das Opfer – Beth Taylor – schweigt.

Es kommt zum Prozess, in welchem Jamie zu einer Haftstrafe verurteilt wird. Monate später steht Beth plötzlich vor Lauras und Kits Tür, sucht deren Nähe – insbesondere die von Laura – und schleicht sich sukzessive in deren Leben ein, was vor allem für Kit zunehmend bedrohlich erscheint.

Um vor Beth zu fliehen, tauchen Laura und Kit unter, nehmen neue Namen an und versuchen, in sozialen Medien nicht in Erscheinung zu treten. Laura setzt die ständige potentielle Bedrohung zu. Sie reagiert mit Panikattacken, denn Beth kennt beide so gut, dass sie weiß, dass Kit jeder Sonnenfinsternis hinterherjagt. Zudem will Jamie seinen Ruf rehabilitieren und lässt nichts unversucht, Beth und Laura zu einer Änderung ihrer Aussagen zu bringen.
Plötzlich – 15 Jahre später – steht Beth vor der Tür der hochschwangeren Laura und das Drama um Betrug, Lüge und Feigheit nimmt seinen schicksalhaften Lauf ...

Meine Meinung:
Erin Kelly gelingt es anfangs gut, in die Geschichte einzuführen, wobei sie die Ereignisse in kurzen Kapiteln zwischen zwei Erzählersichtweisen (Lauras bzw. Kits) und auf zwei Zeitebenen (Jetzt und Rückblenden zur Cornwall-Sonnenfinsternis/Vergewaltigung) darstellt, wodurch zusätzliche Spannung entsteht.

Die vier Hauptcharaktere werden gut skizziert, jedoch erscheint jeder auf seine Weise psychiatrisch auffällig. Bald weiß man nicht mehr, wem man noch was glauben soll, zudem häufen sich die inneren Monologe, die Ausführungen über Sonnenfinsternissen ermüden und die Spannung nimmt ab, weshalb ich ungefähr bei Mitte das Buches dieses beiseite legte (und zwei andere Bücher las).

Das Hauptthema – war es nun eine Vergewaltigung oder hat Beth Jamie verleumdet – und die Frage: „Wieso verhalten die sich alle so „komisch“?“ ließen mir keine Ruhe, weshalb ich das Buch fortsetzte … und welch freudige Überraschung! Die Spannung nahm wieder Fahrt auf und in weiterer Folge wurde ich mit unerwarteten Wendungen, unvorhergesehenen Enthüllungen und tragischen Verstrickungen konfrontiert. Ähnlich dem Lösen eines Gordischen Knotens waren dann auch die zu Buchbeginn eigentümlichen Verhaltensweisen der Protagonisten vollkommen nachvollziehbar!

Fazit:
Dranbleiben lohnt sich! Man möge sich von langatmigen Sonnenfinsternisjagden und inneren Monologen nicht abschrecken lassen, denn Erin Kelly spinnt hier ganz geschickt ein verworrenes psychologisches Beziehungsgeflecht zwischen den ProtagonistInnen, das von Vertrauensbrüchen, Grenzüberschreitungen und einem permanenten Psychoterror gekennzeichnet, dessen wahre Genialität sich dann im 2. Teil des Buches erschließt.

Bewertung vom 19.10.2018
Slow Horses / Jackson Lamb Bd.1 (eBook, ePUB)
Herron, Mick

Slow Horses / Jackson Lamb Bd.1 (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

Mission accomplished

Inhalt:
River Cartwright, ein aufstrebender MI5-Agent, wird nach einem folgenschweren Fehler bei der Vereitelung eines Bombenangriffs im Londoner U-Bahn-Netz von der Zentrale des Secret Services zu den „Slow Horses“ in die Nebenstelle „Slough House“ unter der Führung von Jackson Lamb strafversetzt, ein Sammelbecken ausgemusterter Agents, die mit stumpfsinnigen Arbeiten zur Selbstkündigung getrieben werden sollen.

Als ein pakistanischer Jugendlicher entführt und gedroht wird, ihn live zu köpfen, wittert River die Chance, sich aus „Slough House“ wieder hochzuarbeiten. Doch wer steckt hinter der Entführung? Wer zieht einen Nutzen daraus? Welche Ziele verfolgen Diana Taverner („Lady Di“), die Vizechefin des Secret Service, und sein Chef Jackson Lamb?


Meine Meinung:
Mick Herron gelingt es in seinem Serienstart um River Cartwright und Jackson Lamb hervorragend, die Stimmungslage aufgrund der Terrorangriffe in Großbritannien (und der restlichen Welt) und die damit einhergehenden (sicherheits-)politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen aufzugreifen und sie mit einer spannenden Geheimdienstgeschichte rivalisierender Secret Service-Teams zu vernetzen.

Mit britisch-trockenem schwarzen Humor werden Sichtweisen zu situationselastischen Regelauslegungen, der Instrumentalisierung von Einzelpersonen und/oder Gruppen, internationale Konflikte und nationalistische Tendenzen sowie das Spannungsfeld zwischen fake news und Wahrheit sowie Freund und Feind behandelt.

Dabei sind es - ähnlich dem „Sonderdezernat Q um Carl Mørck“ (von Jussi Adler-Olsen) - auch bei Mike Herron die vermeintlichen underdogs/lahmen Gaule/alten Klepper, die aus ihrem „Drecksloch“ heraus mit eingeschränkten Ressourcen agieren und auch vor „friendly fire“ nicht gefeit sind, um wahre Größe beweisen können.

Die Spannung fällt zwischendurch zwar kurzfristig ein wenig ab, wird jedoch – im Sinne der Nachfolgebände – gut genützt, um die Hauptcharaktere zusehends detaillierter zu skizzieren.


Fazit:
Ein spannender Start dieser neuen britischen Spionage-Reihe! Vielversprechend dürfte sich die Rivalität zwischen Taverner und Lamb entwickeln, aber auch River und sein Großvater (eine bereits pensionierte MI5-Legende) sowie Rivers KollegInnen - allen voran Catherine Standish (die „Miss Moneypenny“ von Slough House) und hoffentlich auch wieder Sid Baker - sind es Wert, an dieser Reihe weiter dran zu bleiben!

Bewertung vom 19.10.2018
Deutsches Haus
Hess, Annette

Deutsches Haus


ausgezeichnet

Tagtäglich beweisen, dass wir aus der Geschichte gelernt haben

Vorausschickend: Ich hatte mich mit dem Thema Nationalsozialismus und dessen Gräueltaten bereits neben Geschichtsunterricht und Literatur auseinandergesetzt und sofort TV-Filmen wie „Das Urteil von Nürnberg“, „Der Staat gegen Fritz Bauer“ und „Die Akte General“ im Kopf, weshalb ich sehr gespannt war, welche Perspektive die Autorin Annette Hess einnehmen wird und inwieweit dies meine bisherige Sichtweise beeinflussen würde.

Meine Meinung zum Buch:
Annette Hess gelingt es auf beeindruckende Weise, ihre Protagonistin Eva stellvertretend für die (im/nach dem Krieg geborenen) LeserInnen loszuschicken, um Antworten zu finden, wie weit das Vergessen-Wollen, Verdrängen, Verstummen sowohl innerfamiliär als auch gesellschaftlich nach dem Krieg um sich gegriffen hatte.

Sie führt in eine Zeit des Wirtschaftsaufschwungs, der Fassaden der heilen Familien und der ach so vielen, die nicht gewusst haben wollen, was während des Krieges passiert sei, thematisiert die Frage der individuellen und kollektiven Schuld und zeigt auf, wie schwierig es für das Gericht war, die Verbrechen der sich hinter dem „Befehlsnotstand“ versteckenden Angeklagten zu sühnen.

Die Reaktionen beim Vorort-Termin im KZ Auschwitz haben mich besonders nachdenklich gestimmt, denn es ist bitter, dass sich die emotionale Dimension – obwohl die Fakten bekannt waren – bei einigen der Teilnehmer erst vor Ort erschloss.

Mit Eva erleben wir auch die Zeit der Frauen in den 60er Jahren, in welcher unter anderem der Mann seine (zukünftige) Frau dominierte (und sogar entscheiden durfte, ob sie berufstätig ist und in welchem Beruf/Umfang).

Eva vollzieht eine beeindruckende Entwicklung, will „Hinschauen“, sich mit der Vergangenheit auseinander setzen und emanzipiert sich dadurch von ihrem Verlobten Jürgen, der selbst mit seiner Kriegsschuld zu kämpfen hat, und auch ihren Eltern, deren fehlendes Vertrauen und der Verrat an ihr als Tochter besonders schwer wiegen.

Annette Hess arbeitet viel mit Symbolen, beispielweise der Name der Gaststätte „Deutsches Haus“, welcher auch für die gesamte Gesellschaft/Nation zu verstehen ist.

Auch ihren „Nebenschauplatz Annegret“ (Evas Schwester) habe ich symbolisch für das tagtägliche Wegschauen zum eigenen Vorteil verstanden: Annegrets Wertesystem scheint - vermutlich kriegsbedingt - verschoben zu sein und zeigt sich anhand „kleinerer“ Grenzüberschreitungen (Lesen von Evas Tagebuch), nimmt jedoch schreckliche Dimensionen an.
Ihr Liebhaber bevorzugt es, wegzuschauen/zu verschweigen - zu seinem persönlichen Nutzen, denn er will mit Annegret ein neues Leben in einer neuen Stadt beginnen.

Weshalb der damalige Generalstaatsanwalt Fritz Bauer im gesamten Buch nie namentlich erwähnt wird bzw. welche Botschaft Annette Hess mit der Person Davids (für die Staatsanwaltschaft tätiger kanadischer Jurist) beabsichtigt, ist für mich nur bedingt nachvollziehbar, beeinträchtigen jedoch in keiner Weise meinen positiven Gesamteindruck des Buches.


Fazit:
Gerade in Zeiten wie diesen, wo Gruppierungen (und Parteien) verstärkt wieder Menschen/Nationen gegeneinander auszuspielen versuchen, ist ein derartiges Buch besonders wichtig!

Es fordert uns auf, aus der Geschichte zu lernen und im Heute besonders genau hinzuschauen, wenn uns - egal von wem - ein „Vorteil“ oder „Gewinn“ offeriert wird (politisch häufig als „Klientelpolitik“ bezeichnet), ohne die Kehrseite/den dafür zu zahlende Preis/drohenden Werteverlust ausreichend zu benennen.

Jede/r trägt Verantwortung, wohin sich eine Gesellschaft entwickelt, in ihrem/seinen täglichen Tun und insbeso
ndere an der Wahlurne! Wir sind es uns selbst (und unseren Kindern bzw. Nachfolgegenerationen) schuldig, diese Verantwortung auszuüben!

Bewertung vom 19.10.2018
Das bunte Kamel
Simsa, Marko

Das bunte Kamel


ausgezeichnet

Mit Aug, Ohr, Zunge und Herz in den Orient eintauchen

Zum Inhalt:
Ein Kamel, das unterwegs ist, die Welt zu entdecken, trifft ein Mädchen auf dem Schulweg, das ihm erklärt, was eine Schule ist. Beim Verabschieden wird das Kamel beschenkt und reist weiter. Es gelangt auf einen Basar, wo es neben all den angebotenen Waren und Speisen auch verschiedenste orientalische Sprachen und das Treiben auf einem Basar staunend erlebt.
Dort macht das Kamel auch die Bekanntschaft mit einem Bergführer und begleitet ihn in die faszinierende Bergwelt. Auf seinem Heimweg stößt das Kamel auf eine im Fluss badenden Familie, um sodann auf einem riesigen Dorf-Familien-Picknick zu landen, wo gemeinsam geschmaust, gesungen und getanzt wird.
Schlussendlich trifft das Kamel wieder die Schülerin und berichtet von seinen Reiseerlebnissen, woraufhin die beiden beschließen, die nächste Reise gemeinsam anzutreten.

Unsere/meine Meinung:
Das Buch hat sowohl meinem 8jährigen Sohn, an dessen Schule aus Syrien geflüchtete Kinder gehen, als auch mir SEHR GUT gefallen!

Der Autor, Marko Simsa, erzählt in „Das bunte Kamel“ einerseits die Erlebnisse eines Kamels auf seinem Weg beim Erkunden der Welt, andererseits liefert er wertvolle, kindgerechte Sach-Informationen (zB über Land und Leute, Speis & Trank, Kamele, Sprachen, Schreib-/Leseweisen, Geographie, …). Die Illustratorin Linda Wolfsgruber steuert in erd-/sandfarben gehaltenen Töne liebevoll gestaltete und auf den Text abgestimmte Bilder bei.

Zusätzlich zum Buch überrascht die Begleit-CD mit einem akustischen orientalischen Hörerlebnis, denn Marko Simsa liest auf der CD den Buchtext nicht bloß vor, sondern - orientalischen Märchenerzählern gleich – vermittelt er wunderbar moduliert, langsam und deutlich die Geschichte.

Zudem geben Markos Musikerfreunde – Marwan Abado, Salah Ammo und Amirkasra Zandlan – neben deren instrumentaler und gesanglicher Darbietungen (zB Kinderliedern) auch noch einige Wörter und Sätze in ihrer jeweiligen Muttersprache wieder und lassen uns an ihren persönlichen Kindheitserlebnissen und –erinnerungen teilhaben. Dass am Ende noch jeder Musiker sein spezielles Musikinstrument erklärt und nochmals angestimmt hat, hat die Geschichte perfekt abgerundet.

Fazit:
Ein wunderbarer Einstieg für Kinder, die mehr über den Orient wissen möchten.
Die Kombination aus Buch mit Hör-CD bietet ein sinnliches orientalisches Rund-um-Erlebnis!
Gerne schließen wir uns dem Mädchen und dem bunte Kamel auf ihrer nächsten Reise wieder an!

Bewertung vom 17.10.2018
Der Apfelbaum (eBook, ePUB)
Berkel, Christian

Der Apfelbaum (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

Mein lieber Freund und Kupferstecher! Was für ein literarisches Denkmal!

Der Autor Christian Berkel sieht sich mit dem fortschreitenden Alter seiner Mutter und ihrer zunehmenden Demenz konfrontiert.

Jeder, der diesen Prozess bereits erlebt hat, weiß, wie emotional fordernd dies ist und welche Fragen einem durch den Kopf gehen: zB Wer war meine Mutter? Was hat sie erlebt? Weshalb wurde sie die, die sie heute ist? Weshalb kenne ich nur Teile/Fragmente ihrer/meiner Familiengeschichte? Aus welcher Familie komme ich überhaupt? Was bleibt?

Berkel drückt dies in einem Vergleich aus (Seite 174 lt. meiner epub-Version), dass er verhindern möchte, einem Buch gleich zu sein, aus welchem Kapitel herausgerissen wurden, unverständlich für andere und sich selbst und dass er diese leeren Seiten mit Hilfe seiner Mutter noch füllen möchte, denn zuerst stirbt der Mensch und dann die Erinnerung an ihn.


Und Berkel bedient sich – familientraditionsgemäß – der Literatur, Bücher und des schriftlichen Festhaltens der Familiengeschichte, um diesen - teilweise schmerzvollen - Prozess zu bewerkstelligen.

Es offenbart sich die Lebens- und Liebesgeschichte seiner Eltern Sala und Otto Berkel, die sich bereits 1932 in Berlin als 13-Jährige bzw. 17-Jähriger kennengelernt haben. Sie aus einer unkonventionellen jüdischen Intellektuellenfamilie, er aus der Arbeiterklasse (und auch bei diesem Kennenlernen spielte ein Buch eine gewichtige Rolle!).

Die bewegte Familiengeschichte führt einem über drei Generationen über den europäischen Kontinent (Deutschland, Frankreich, Spanien, Polen, Russland) bis nach Argentinien und wieder retour.
Der Roman lässt einem Eintauchen in die Welt der Kunst, Literatur, Mode, Psychotherapie; man begegnet vielen heute noch bekannten schillernden Berühmtheiten der damaligen Zeit, der Zeit des Aufbruchs, der zunehmenden individuellen Freiheit und Emanzipation, der jedoch die Gegenbewegung folgte: die Zeit des Umbruchs, der Diktaturen, des Widerstandes, der Gräuel der Nazis (aus religiösen Motiven oder aufgrund der sexuellen Orientierung), der Lager und der Kriegswirren.


Berkel erzählt große Teile der Familiengeschichte aus der Perspektive Salas, Ottos, der Großeltern oder anderer Familienmitglieder und nimmt selbst hauptsächlich die beobachtende, beschreibende, kaum wertende, manchmal philosophische Perspektive ein.

Seine Emotionen umschreibt er durch literarische Anspielungen, Vergleiche oder macht sie an Büchern fest, beispielsweise hat mir eine seiner „Rand“-Bemerkung zu Elementarteilchen (von Michel Houellebecq) das Wasser in die Augen getrieben.


Das Lesen ist zum Teil eine große Herausforderung: einerseits aufgrund der Vielzahl an Personen und Handlungsschauplätzen, andererseits aufgrund der Schwere der Themen (zB die Entmenschlichung/Verdinglichmachung durch die Nazis, die Lagerbeschreibungen, …).
Es kam mehrmals vor, dass ich das Buch weglegen musste, weil mich Passagen derart emotional beschäftigten!

Gleichzeitig gab es auch immer wieder erfreuliche Momente und Lichtblicke: Menschen, die unter Einsatz ihres Lebens Menschen geblieben sind und geholfen haben.


Fazit:
Ich freue mich für Christian Berkel, dass er mit seiner Verschriftlichung eine immerwährende literarische Erinnerung an seine Vorfahren (und ihn) in Händen hält, an der er mich teilhaben ließ!

Ein gelungenes Beispiel, wie Buch- und Literaturliebhaber ihre Passion nützen können, um sich herausfordernden Situationen zu stellen. Nicht nur eine Familiengeschichte, sondern ein umfangreiches, bewegendes und einen nachdenklich zurücklassendes Zeitzeugnis der europäischen – insbesondere deutschen – Geschichte. Gehört gelesen!

Bewertung vom 16.10.2018
Der englische Liebhaber
de Cesco, Federica

Der englische Liebhaber


ausgezeichnet

„Mensch“ (Album/Titel von Herbert Grönemeyer)

Ad Titel/Cover:
Ich hätte mir dieses Buch aufgrund des Titel/Covers und dem Zusatz „Das »Vom Winde verweht« der deutschen Nachkriegszeit“ NICHT gekauft, da ich zu viel Herz-Schmerz-Kitsch vermutet hätte.
Klappentext und Inhaltsangabe haben mir erst richtige Lust auf das Buch gemacht hat.

Meine Meinung:
Die Inhaltsangabe ist derart vielversprechend, dass man sich beim Intro/der Vorstellung der Protagonistinnen – Anna, die im Sterben liegende Mutter aus Münster und Charlotte, die rebellische in Berlin in der Filmindustrie tätige Tochter – und deren nüchterne, speerige, noch nicht nachvollziehbare Mutter-Tochter-Beziehung durchquält …

… und Frederica de Cesco belohnt einem mit einer spannenden deutschen Familiengeschichte während der Nazi-Zeit und einer verzaubernden und zutiefst tragischen Liebesgeschichte in der Nachkriegszeit, die einem doppelt packt, weil sie nicht reine Fiktion ist, sondern auf wahren Begebenheiten beruht (Federica de Cesco wurde vom Nachlass der Tante zum Buch angeregt).

Beeindruckend sind vor allem die Dialoge zwischen Anna und Jeremy, die gespickt sind mit „leicht daherkommenden“ philosophischen Betrachtungen über Krieg und Frieden, Sieger und Besiegte, Macht, Liebe, uvam und zwar die damalige Zeit betreffen, jedoch auch im Hinblick auf die aktuelle politische (Welt-)Situation noch immer Gültigkeit haben!

Auch aus psychologischer Sicht fand ich „Der englische Liebhaber“ aus mehreren Gründen spannend: Erstens, wie F.d.Cesco die unterschiedlichen möglichen Facetten menschlichen Verhaltens hinsichtlich „Haltung“ (gegenüber politischen Mehrheitsmeinungen, gesellschaftlichen Konventionen, etc.) beschreibt.
Zweitens macht F.d.Cesco deutlich, wie dramatisch sich das Verschweigen von Familiengeschichte (oder Teilen davon) – auch wenn es bloß zum Schutze der Nachfolgegeneration gedacht ist – negativ auf die Beziehung (zwischen Mutter und Tochter) auswirken … und dass es nie zu spät ist/es Wert ist, sich mit ihr auseinanderzusetzen, entweder als Tagebuchschreiberin (wie Mutter Anna) oder als deren Leserin (Tochter Anna).

Tochter Anna (und auch die Leserschaft) werden belohnt mit einem Stück „Seelenfrieden“, einem Verständnis oder zumindest Nachvollziehen-Könnens des Geschehenen auf der persönlichen Ebene der Protagonisten, das einem mit dem Vergangenen versöhnt und die einem Anna und Charlotte emotional näher bringen.

Beim Lesen hatte ich immer wieder H. Grönemeyers Song „Mensch“ mit dem „… DU FEHLST …“ im Ohr, welcher für mich die Emotionalität dieses Werkes am besten beschreibt.

Fazit:
Ein geniales historisches, psychologisches, poetisches und philosophisches Meisterwerk der Zeitgeschichte über die deutsche Nachkriegszeit! Ich bitte um einen Nachschlag!

Bewertung vom 16.10.2018
Walter muss weg / Frau Huber ermittelt Bd.1
Raab, Thomas

Walter muss weg / Frau Huber ermittelt Bd.1


ausgezeichnet

Virtuoser Start der Huber-Reihe

Der österreichische Sprachakrobat Thomas Raab, vielen sicherlich wegen seiner (teilweise bereits verfilmten) Adrian-Metzger-Fälle - bekannt, zelebriert mit seiner neuen silver-/gold-ager-Protagonistin Hannelore Huber (oder kurz "Hanni" oder "Huberin" genannt) in "Walter muss weg" aufs Neue, wie sich das "große Kino" an Politik, Sex und Crime auch in einer kleinen 300-Seelen-Ortschaft wie Glaubenthal abspielen kann.

Wie gewohnt stellen bei Raab der Kriminalfall/Tote/Leichen bloss die Rahmenhandlung dar (zumindest interpretiere ich seine Krimis so).
Hauptteil sind seine gesellschaftlichen, weltpolitischen, wirtschaftlichen und philosophischen Betrachtungen, die von genauer Beobachtungsgabe zeugen und deren Analyse mit spitzer Feder kredenzt werden.

Besonders gut haben mir seine Beispiele gelebter Integration am Lande oder sein Hinschauen auf das Thema Altersarmut - insbesondere bei Frauen bzw. zu welchen "Stilblüten" sich deshalb jemand genötigt fühlt - gefallen.

Es ist eine Freude, Raabs Einsatz und Spiel mit der deutschen Sprache zu verfolgen! So wird zB von Hanni das Wort "Gemahl" nach dem Ableben ihres bedingt geschätzten Gatten zu einem "GEH MAL".

Generell ist Raabs Schreibstil virtuos, spielerisch, häufig humorvoll, ironisch und sarkastisch, aber er vermag sehr wohl auch "tiefe" (emotionale) Töne anzustimmen:
Beispielweise hat mich der Dialog der 6jährigen Amelie Glück mit ihrer Mutter über den Tod sehr berührt und an "Sofies Welt" von Jostein Gaardner erinnert. Amelie versteht aufgrund ihres Alters jedes Wort noch wortwörtlich und kann den Euphemismus der Erwachsenen/ihr Unvermögen über den Tod klar zu sprechen, noch nicht nachvollziehen.

Zusätzlich hinterläßt auch Raabs Musiker-Background seine Spuren im Werk, einerseits in der Sprachrhythmik, andererseits durch das Einstreuen eingängiger Lied(texte), deren Melodien beim (Weiter-)Lesen unweigerlich im Hirn nachhallen.

Fazit:
Frau Huber ist ein weiteres virtuoses Glanzstück von Thomas Raab! Das Cover mit dem Zusatz "Frau Hubers erster Fall" läßt auf eine Fortsetzung hoffen, bei der ich sicherlich wieder dabei bin!

Bewertung vom 16.10.2018
Ins Dunkel
Harper, Jane

Ins Dunkel


ausgezeichnet

Mein neuer australischer Stern am Krimi-/Thriller-Himmel
Jane Harper entführt in ihrem zweiten Thriller "Ins Dunkel" ihre Leserschaft zu einem Teambuilding-Survival-Camp eines jeweils gegeneinander entretenden fünfköpfigen Frauen- und Männer-Teams der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Bailey Tennants aus Melbourne in die Berge des Giralang-Massivs.

Am dritten Tag erreichen die Männer den vereinbarten Treffpunkt, doch von den Frauen fehlt jede Spur. Stunden später wanken vier von ihnen abgekämpft und teilweise verletzt aus dem Wald, aber wo ist Alice Russell?

Zwischenzeitlich hat Aaron Falk, Ermittler der australischen Finanzpolizei, seine Mobilbox abgehört, auf welcher sich eine Sprachnachricht von Alice befindet, auf welcher eine männliche (?) Stimme bloss mit einem "... ihr weh tun ..." zu vernehmen ist.
Seit Wochen arbeiten Aaron Falk und seine Kollegin Carmen Cooper mit Alice zusammen, um ihre Arbeitgeber - Jill und Daniel Bailey - der Geldwäsche zu überführen. Hat Alice Verschwinden etwa mit diesen Ermittlungen zu tun?

Umfangreiche Sucharbeiten nach Alice starten in den Bergen, die bereits vor vielen Jahren Schauplatz eines Serienmöders waren. Kann Alice gefunden werden?

Meine Meinung:
Hochspannung, die bereits in der Leseprobe versprochen wurde, kann bis zuletzt aufrecht erhalten werden!
Aufgrund des flüssigen Schreibstils ist man schnell mit den Hauptcharakteren - allen voran dem Ermittler Aaron Falk und dem Frauen-Team mit Alice, Lauren, Bree, Beth und Jill - vertraut.

Durch die Rückblenden im Zuge der "Vernehmungen" der Frauen werden die gemeinsamen Berg-Stunden jeweils aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt, wodurch das komplexe und komplizierte emotionale Beziehungsgeflecht geschickt dargestellt wird.
Die zusätzlichen Ermittlungsergebnisse von Aaron Falk und Carmen Cooper fordern den Leser zusätzlich, immer wieder neue Hypothesen über den möglichen Verbleib von Alice Russel anzustellen.

Fazit:
Mit Jane Harper würde ich jederzeit sofort wieder in Down Under ermitteln, denn Spannung bis zum Ende zu halten, schaffen die Wenigsten ... und ganz besonders gern wieder mit dem Polizistenteam Aaron Falk und Carmen Cooper!

Bewertung vom 10.10.2018
Geheimstadt Vatikan
Kunter, Katharina

Geheimstadt Vatikan


ausgezeichnet

4 Daumen hoch (eines 8jährigen & seiner Mama) für diese spannende Entdeckungsreise durch den Vatikan samt wunderschöner Illustrationen

Für Jung und Alt: Kids erkunden den Vatikan und treffen den Papst

Zum Inhalt:
Die Geschwister Jan und Mila sind in den Osterferien mit ihren Eltern auf Rom-Urlaub. Am dritten Tag geht es in den Vatikan, wo sie elendslange vor dem Petersdom Schlange stehen müssen. Plötzlich verschwindet Mila, Jan sucht sie und stößt auf den Buben Markus, der ihn (und später auch Mila) einlädt, mit ihm ein Rätsel zu lösen.

Und so machen sich die drei auf: von der unterirdischen Totenstadt, vorbei an den Wächtern (Markus Vater arbeitet bei der Schweizer Garde), besuchen unter anderem das Hotel Santa Marta, laufen die Wendeltreppe rauf in den Dom und wieder runter in die Museen ...

Parallel zu ihrer Suche erfährt der Leser viel Wissenswertes über die Geschichte des Vatikans, die Ursprünge der katholischen Kirche in Rom, die Schweizer Garde, Einiges zur Kunstgeschichte (zB Michelangelo), wie ein Papst gewählt wird, eine Kurz-Biographie zum aktuellen Papst, weshalb er sich Franziskus nennt und wann/wo in jeder treffen kann.


Unsere Meinung:
Äußerst informative und unterhaltsame Detektiv-Geschichte dreier Kinder, die bei der Erforschung des Vatikans nicht nur Freunde werden, sondern auch viel Wissenswertes aufschnappen.

Geschickt verbindet die Autorin Katharina Kunter dabei die Bedürfnisse der Kinder (zB Durst) mit Fakten über den Vatikan (zB dass es ein Hotel Santa Marta gibt, wo sie mit einer interessanten Person am Tisch sitzen).

Wunderbar ergänzt werden die spannenden Ausführungen durch die farbenfrohen und detailreichen Illustrationen von Evi Gasser – entweder direkt zum Text passend im Kapitel platziert oder jeweils am Kapitelende als Doppelseite/bildliche Zusammenfassung, wobei sich witzige Details darin verstecken, die im Text noch nicht erwähnt wurden (zB die Fußballschuhe des Papstes).

Mein 8jähriger Sohn ist begeistert: von der Rätsel Rallye der Kids, den vielen Side-Stories und den witzigen Illustrationen. Verstört haben ihn bloß die Ausführungen über die Christenverfolgung und dass der Papst Leibwächter benötigt.

Ich finde das Buch überaus gelungen und informativ – auch für Erwachsene!!!

Fazit:
Ein tolles Buch, das sowohl textlich als auch bildlich überzeugt und definitiv nicht nur für den Religionsunterricht oder für römisch-katholische Kinder geeignet ist.

Zudem werden auch vorlesende Erwachsene bestens unterhalten bzw. gibt es - altersabhängigen - Besprechungsbedarf der Kinder (zB Christenverfolgung).

Geheimstadt Vatikan bietet einen (kunst-)geschichtlichen Überblick über die Entstehung des Staates, seine Bedeutung und Rolle in der Vergangenheit, setzt sich auch kritisch mit einigen zu beanstandenden Themen auseinander (zB Vertrag mit Mussolini, Vatikanbank) und liefert spannende Infos über eine bedeutende Persönlichkeit der Gegenwart – dem Papst, dem religiösen Oberhaupt für ca. 1 Milliarde Menschen.