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westeraccum
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Sauerland

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Insgesamt 224 Bewertungen
Bewertung vom 07.04.2019
Herrmann, Elisabeth

Schatten der Toten / Judith Kepler Bd.3


sehr gut

Ein Buch mit über 600 Seiten spannend und fast ohne Durchhänger zu schreiben, das schafft kaum ein Krimiautor. Elisabeth Herrmann ist es aber gelungen.
Im dritten Band ihrer Reihe um die Tatortreinigerin Judith Kepler kommt es zum Showdown. Judith sucht noch immer ihren Vater, den Waffenhändler Larcan und nimmt eine neue Spur auf, die nach Odessa führt. Aber auch die LKA-Mitarbeiterin Isa Kellermann sucht den Mann und will ihm eine Fall stellen, denn er hat auch Isas Mutter ins Unglück gestürzt. In Odessa spitzen sich die Ereignisse zu, nicht alles läuft wie geplant.
Es ist hilfreich, wenn man die beiden Vorgängerbände kennt, denn viele Ereignisse beziehen sich darauf, allerdings kann man das Buch auch "solo" lesen.
Herrmann schreibt sehr präzise, raffiniert, aber auch anspruchsvoll. Der Romanaufbau ist sehr raffiniert, lässt den Leser aber nie den Faden verlieren. Die Ereignisse in der früheren DDR sind gut recherchiert und nachvollziehbar.
Ein wirklich lesenswerter und spannende Krimi mit geschichtlichem und aktuellem politischen Hintergrund.

Bewertung vom 23.03.2019
Romagnolo, Raffaella

Bella Ciao


ausgezeichnet

Giulia und Anita wachsen gemeinsam in einem kleinen Ort im Piemont auf. Während Giulia zusammen mit ihrer harten Mutter in Armut lebt, findet sie bei Anitas Familie Zuwendung und Wärme. Doch dann entzweien sie sich, denn sie lieben den selben Mann und Giulia entschließt sich nach Amerika auszuwandern. Erst nach über 45 Jahren kehrt sie zurück. Da ist der Zweite Weltkrieg gerade zu Ende gegangen und Giulia kommt in ein zerstörtes Land.
Vor dem Hintergrund der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entfaltet Raffaella Romagnolo die Geschichte von zwei Familien mit allen ihren Höhen und Tiefen. Während Giulia in New York einen guten Mann findet und mit ihm zusammen eine Kette von Läden aufbaut, erlebt Anita zwei Weltkriege mit und muss um ihren Sohn und viele andere Familienangehörige trauern.
Das Buch hat mich sehr bewegt, das harte Leben der einfachen Menschen, die Niedertracht der Ausbeuter, die sich ihre Taschen vollstopfen, ohne die Not der kleinen Leute zu sehen, das Leid der Kriege, alles beschreibt Romagnolo intensiv und detailreich. Ihren Schreibstil fand ich gut lesbar, allerdings auch anspruchsvoll. Kein Buch für nebenbei, denn man muss sich bei der Vielzahl von Figuren schon konzentrieren.
Das Titelbild ist wie immer bei Diogenes sehr gelungen, eine vornehme Frau, die kühl und distanziert in ihre eigenen Vergangenheit zurückblickt und alle wichtigen Fragen des Lebens stellt.
Zuerst hat mich der Titel des Buches etwas befremdet, aber dann erfuhr ich, dass es sich um ein altes Lied der Partisanen im Kampf gegen den "Duce" handelt und das passt dann wieder.
Insgesamt ist dies ein Buch, das ich jedem ans Herz lege, der sich für die neuere Geschichte interessiert. Die Kombination von Historie und persönlichem Schicksal finde ich sehr gelungen und spannend, oft auch sehr berührend. Dabei ist das Buch sehr politisch und bildet ein Stück Zeitgeschichte sehr faszinierend ab.

Bewertung vom 19.03.2019
Naumann, Kati

Was uns erinnern lässt


sehr gut

Das Buch führt uns zurück in die Zeit der deutschen Teilung.
Familie Dressel besitzt ein Hotel direkt an der innerdeutschen Grenze auf dem Gebiet der DDR. Gäste dürfen nicht mehr zu ihnen hoch in den Thüringer Wald und man schikaniert die Familie, wo man nur kann, um sie zu einem Umzug zu bewegen. Kein fließendes Wasser, kein Krankenwagen und die Kinder müssen jeden Tag 6 km durch den Wald zur nächsten Bushaltestelle laufen. Doch dann fahren Lastwagen vor und die Familie wird zwangsweise umgesiedelt und enteignet.
Viele Jahre später stößt Milla auf die Überreste des Hotels und beginnt sich für die Vergangenheit zu interessieren. Die DDR ist längst Geschichte und die Dressels würden gern ihr Grundstück zurück erhalten.
Die Geschichte ist gut und die historischen Fakten stimmen, so weit ich das beurteilen kann. Leider schreibt Kati Naumann in einer etwas schlichten Sprache und nicht sehr differenziert. Das hat mich manchmal gestört. Die beiden parallel erzählten Zeitstränge sind gut auseinander zu halten. Die Personen agieren und sprechen manchmal etwas starr und formelhaft.
Insgesamt ist das Buch aber gut lesbar und sicherlich auch interessant für Leser, die die DDR nicht miterlebt haben.

Bewertung vom 02.03.2019
Glaser, Brigitte

Rheinblick


sehr gut

Bonn im Jahr 1972. Willy Brandt hat die Bundestagswahl haushoch gewonnen, doch dann zwingt ihn einen Stimmbandoperation zum Schweigen und er kann die Koalitionsverhandlungen nicht leiten.
Um diesen politischen Hintergrund herum ist der Roman konzipiert. Hauptfiguren sind Hilde Kessel, die Wirtin des beliebten Lokals "Rheinblick", in dem viele Politiker verkehren, und Sonja Engel, die junge Logopädin, die Willy Brandt in der Klinik betreut und ihm das Sprechen wieder beibringen soll. Diese beiden starken Frauen kämpfen mit ihren Problemen, jede auf ihre eigenen Art und Weise. Um diese beiden Frauen sind verschiedene Personen drapiert und ergeben ein interessantes Tableau aus unterschiedlichen Charakteren und sogar ein Mordfall spielt eine Nebenrolle.
Da ich mich selbst noch gut an die Zeit erinnere und auch den Wahlsieg von Willy Brandt gefeiert habe, weckte das Buch bei mir viele Erinnerungen. Es bietet aber auch einen interessanten Einblick in den damaligen Politbetrieb mit Rainer Barzel, Helmut Schmidt und anderen historischen Figuren.
Brigitte Glaser schreibt spannend und unterhaltsam. Ihre Figuren sind lebendig und nahbar. Einige kleine Fehler (z.B. Zinkteller statt Zinnteller) verzeiht man ihr da gern.
Jetzt werde ich mir mal ihr erstes Buch "Bühlerhöhe" über die Adenauerzeit besorgen und auch das nächste verspricht gute Unterhaltung.

Bewertung vom 28.02.2019
Lemaître, Pierre

Die Farben des Feuers / Die Kinder der Katastrophe Bd.2


sehr gut

Das Buch beginnt wie ein Gesellschaftsroman aus den 1920er Jahren und steigert sich dann zu einer sehr spanenden Geschichte, die sich stellenweise wie ein Thriller liest.
Madeleine wächst in der sehr reichen Bankiersfamilie Pericourt auf, heiratet einen schönen Mann, bekommt den Sohn Paul - alles bestens, so denkt man. Doch das Unglück beginnt, als ihr Vater stirbt und ihr kleiner Sohn vor der Beerdigung aus dem zweiten Stock der Villa springt. Er bliebt sein Leben lang gelähmt, die Ehe ist schon lange gescheitert und der Kindsvater sitzt im Gefängnis.
Madeleine kümmert sich vorwiegend um ihren Sohn und weniger um die Finanzen der Bank. So ist es für den Prokuristen Gustave Joubert, Madeleines Onkel Charles und ihren ehemaligen Liebhaber Andre Delcourt ein Leichtes sie in den Ruin zu treiben und aus der feudalen Villa zu jagen. Doch Madeleine sinnt auf Rache und ist dabei sehr erfindungsreich...
Das Buch ist zwar anfangs verhalten, eine weitere Geschichte von reichen Leuten, aber dann wird es zu einem ganz spannenden Krimi. Das Vorgehen von Madeleine ist raffiniert, ihre Helfer sind einfallsreich und man möchte unbedingt wissen, ob sie ihr Ziel erreichen.
Anfangs musste ich mich erst orientieren und die zahlreichen Personen einordnen, doch das geht schnell besser und man findet gut in das Geschehen hinein. Man schwankt zwischen dem Mitleid für die arme Madeleine und dem für ihre Opfer, denen alles genommen werden soll.
Alles geschieht vor dem Hintergrund geschichtlicher Umwälzungen in den 1920er und 1930er Jahren, als die Welt sich dem Faschismus zuwendet und die heraufziehenden Gefahren nicht sieht.
Lemaitre schreibt zwar für meinen Geschmack etwas umständlich und sehr detailreich, aber auch daran gewöhnt man sich schnell. Ihm ist ein ganz fesselndes Portrait einer Gesellschaft am Abgrund gelungen!

0 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 28.02.2019
Hausmann, Romy

Liebes Kind


ausgezeichnet

Es ist eine grausige Vorstellung: Vater, Mutter und zwei Kinder leben eingeschlossen in einer Waldhütte, nur der Vater hat Kontakte nach außen und lebt ein fast normales leben, der Rest der Familie ist von ihm absolut abhängig.
Erst als es der Mutter gelingt den Vater niederzuschlagen und zu fliehen, kommen die Kinder mit einem normalen Leben in Kontakt. Dabei ist Hannah, die Tochter, mit ihren 13 Jahren sehr klein und beide Kinder sind erschreckend blass, weil sie nie das Tageslicht gesehen haben. Dann stellt sich heraus, dass die "Mutter" nicht die leibliche Mutter der Kinder ist, sondern eine junge Frau, die vor einigen Monaten entführt wurde. Wo ist Lena, die echte Mutter? Ihr Vater Matthias dreht fast durch und macht viele Fehler im Umgang mit der Polizei und der Presse.
Das Buch erzählt die Geschichte der Hauptpersonen aus unterschiedlichen Perspektiven und spielt dabei gekonnt mit den Vorstellungen der Leser. Immer, wenn man glaubt die Handlung durchschaut zu haben, gibt es wieder ein überraschendes Detail, dass diese Vorstellung ins Wanken bringt. Das ist sehr gekonnt und erinnert an Jeffrey Deaver.
Insgesamt ein überraschend gekonnter Debütkrimi, bei dem man kaum glauben kann, dass es das erste Buch der Autorin ist.
Der Schluss ist etwas schwach, nicht alle Fäden werden entwirrt, aber das ist für mich der einzige Kritikpunkt.
Von Romy Hausmann kann man noch viel erwarten, wenn sie auf diesem Niveau weiterschreibt!

1 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 28.02.2019
Krien, Daniela

Die Liebe im Ernstfall


sehr gut

Die Buchhändlerin Paula, die Ärztin Judith, die Schriftstellerin Brida, die Musikerin Malika und die Schauspielerin Jorinde leben alle in Leipzig und kennen sich mehr oder weniger gut.
So unterschiedlich wie die Frauen sind auch ihre Lebensentwürfe. Paula liebt Wenzel, sie ist geschieden und hatte zwei Kinder. Judith dagegen sucht auf Datingportalen nach dem "Mr. Right" und findet seltsame Typen und Männer, die nicht über die nächste Nacht hinaus denken. Brida hat erfolgreiche Bücher geschrieben, doch seit sie von dem Möbelrestaurator Götz geschieden ist, hat sie eine Schreibblockade. Malika war früher mit Götz zusammen, sie haben sich getrennt, als sie keine Kinder bekommen konnte. Jorinde ist Malikas Schwester und als Schauspielerin erfolgreich. Sie erwartet das dritte Kind, das nicht von ihrem Mann ist und zieht zu ihrer Schwester, die sich liebevoll um die Kinder kümmert.
Das Buch ist sehr dicht geschrieben, alle Charaktere sind sehr gut ausgearbeitet und man kann sich trotz aller Unterschiedlichkeit gut in die Frauen hineinversetzen.
Der geschichtliche Hintergrund - alle haben als Jugendliche die Wende erlebt - tritt nicht zu sehr in den Vordergrund, aber ist als Hintergrundrauschen immer da.
Ein gutes Buch, das mir das Lebensgefühl junger Frauen von heute näher gebracht hat!

Bewertung vom 28.02.2019
Engman, Pascal

Der Patriot


sehr gut

Das Buch hat zwei Erzählstränge. Einmal ist da August, ein Schwede, der sein Land verlassen musste, weil er ein Verbrechen begangen hat und zur Fremdenlegion ging. Er hat für Blackwater gearbeitet und bewacht nu einen russischen Waffenhändler in Chile. Als seine schwangere Freundin und sein bester Freund umgebracht werden, beschließt er nach Schweden zurück zu gehen und das Risiko auf sich zu nehmen.
Und dann ist da Carl, ein Rechtsradikaler, der in seinem eigenen fremdenfeindlichen Weltbild lebt und gemeinsam mit zwei Freunden liberale Journalistinnen und Journalisten umbringt. In einem perfiden Plan zwingen sie dann einen eingewanderten Taxifahrer ein Attentat zu begehen, um den Hass gegen Muslime zu schüren.
Die beiden Erzählstränge finden zusammen, als August seine große Liebe Amanda wieder trifft, die auf der Todesliste von Carl steht. In einem furiosen Finale auf einer Fähre treffen die beiden aufeinander...
Das Buch ist unglaublich spannend geschrieben. Aber da es manchmal auch sehr brutal ist, musste ich ab und zu eine Lesepause einlegen, denn es geht sehr unter die Haut.
Auch fiel es mir schwer die Gedankenwelt Carls nachzuvollziehen, sein Hass auf alle Muslime ist sehr extrem und irrational. Aber Engman schildert diese Welt so, als wäre sie ganz normal, das ist beängstigend.
Insgesamt ein sehr aktueller politischer Thriller, den man kaum erträgt. Nichts für sensible Gemüter!

Bewertung vom 26.02.2019
Taneja, Preti

Wir, die wir jung sind


gut

Jivan kehrt nach vielen Jahren in den USA nach Indien zurück und wird sofort in eine dramatische Familiengeschichte gezogen.
Er ist der uneheliche Sohn eines engen Mitarbeiters der "Company", eines großen indischen Konzerns, der von Beton bis Lifestyle alles vermarktet und beherrscht. Eigentümer des Konzerns ist der alte Devraj Bapuji, der sein Lebenswerk nun an seine drei Töchter und die Söhne seines Mitarbeiters übergeben will, zu denen auch Jivan gehört. Devrajs Töchter waren immer heimlich in Jivan verliebt.
Doch dann artet die ganze Sache aus. Devraj verschwindet und zieht als Wanderprediger durch die Lande, um gegen seine Töchter zu wettern, seine jüngste Tochter will ganz anders leben, Jivans Halbbruder ist ebenfalls unauffindbar. Ales geht de Bach runter, Menschenleben zählen nicht mehr.
Laut Klappentext soll das Buch an "König Lear" erinnern, aber bei einigen Gemetzeln dachte ich eher an "Macbeth".
Anfangs kam ich ganz gut in das Buch hinein, aber nach etwa 300 Seiten fiel mit das Lesen immer schwerer. Die zahlreichen Namen, die vielen indischen Worte, die zum größten Teil im Anhang nicht erklärt werden, der sehr detailreiche Erzählstil, das fand ich sehr anstrengend.
Ich hatte bisher sehr wenige Bücher über Indien gelesen, deshalb interessierte mich dieses Buch, denn ich wollte in eine fremde Welt eintauchen. Das ist nur bedingt gelungen, weil sich die Seiten irgendwann nur noch zogen. Schade!
Preti Tenaja hat sicherlich Potential, denn ihr Schreibstil ist sehr ausgefeilt, aber leider konnte ich persönlich mit diesem Buch wenig anfangen.
Das Cover ist übrigens sehr spektakulär, sieht aus wie einem Holi-Festival entsprungen.

Bewertung vom 24.01.2019
Hager, Elisabeth R.

Fünf Tage im Mai


sehr gut

Das Buch beginnt am 8. Mai 1986 und endet am 18. Mai 2004, dem 100. Geburtstag von Tat'ka.
Tat'ka nennt die kleine Illy ihren Urgroßvater, der zugleich ihr bester Freund und Helfer in aller Not ist. Das beginnt schon lange vor Illys Erstkommuniontag und zieht sich durch ihre Jugend und ihr Erwachsenenleben bis zum Tod des alten Mannes hin.
Elisabeth R. Hager erzählt exemplarisch von fünf Tagen, immer im Mai, an denen sich besondere Ereignisse im Leben der beiden abspielen. Aber sie geht weit darüber hinaus, denn auch das Leben des alten Mannes und seiner Urenkelin spielen eine große Rolle.
Sehr sensibel und warmherzig schildert Hager das innige Verhältnis der beiden, aber auch Probleme im Zusammenleben mit der Familie. As Illy sich in den Außenseiter Tristan verliebt, der ihrer Familie nicht gefällt, weil er trinkt und kifft und lange Haare hat, findet sie bei Tat'ka Verständnis. Und auch als ihr Glück nicht lange hält, lässt der Urgroßvater sie nicht allein.
Mir hat das Buch gut gefallen, weil es wirklich schön geschrieben ist und man sich unwillkürlich wünscht selbst einen solchen Urgroßvater gehabt zu haben. Durch die "strenge" Form, die sich an den fünf Tagen orientiert, bekommt es eine übersichtliche Struktur und ist gut lesbar.
Insgesamt ein eher ungewöhnliches und gutes Leseerlebnis!