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Benutzername: westeraccum
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Bewertungen

Insgesamt 93 Bewertungen
Bewertung vom 15.10.2021
Der längste Tag im Leben des Pedro Fernández García
Rinke, Moritz

Der längste Tag im Leben des Pedro Fernández García


sehr gut

Postbote auf Lanzarote - ein Traumjob? Für Pedro Garcia eher nicht. Sein Vater war schon Postbote, doch seit der Erfindung des Internets werden die Sendungen immer seltener. Pedro hat also Zeit, sich um die Menschen auf seinen Routen zu kümmern, in Ruhe am Hafen Kaffee zu trinken und um seinen kleinen Sohn liebevoll zu begleiten. Eigentlich ein beschauliches Leben, sollte man meinen, doch dann geht seine Frau mit ihrem Chef und ihrem Sohn nach Barcelona und alles wird anders. Pedro leidet wie ein Hund unter der Trennung von dem Jungen und schmiedet Pläne, wie er ihn zurückholen kann.
Das Buch ist so beschaulich geschrieben wie Pedros Leben, nur keine Hetze. Detaillierte Beschreibungen der Menschen auf der Insel wechseln sich ab mit hektischen Phasen. Das ist nicht schlecht, aber ab und zu hätte ich mir doch etwas mehr Handlung gewünscht.
Rinke schreibt gut, er widmet sich seinen Figuren ausführlich und liebevoll. Das macht das Buch ansprechend, aber für fünf Sterne fehlt noch das I-Tüpfelchen.

Bewertung vom 13.10.2021
Reality Show
Freytag, Anne

Reality Show


sehr gut

Die Idee für dieses Buch ist großartig. Am Heiligabend in einer nicht allzu fernen Zukunft werden wichtige deutsche Persönlichkeiten gefangengenommen, zehn von ihnen werden in einer Fernsehshow vorgeführt und die Zuschauer müssen entscheiden, wie sie bestraft werden. Da ist die Hotelkonzernbesitzerin, die ihr Imperium auf dem Erbe aus der Nazizeit aufgebaut hat, da ist die Textilunternehmerin, die in der Produktionskette keine Rücksicht auf die Gesundheit der Arbeitenden nimmt, der Finanzberater, der seine Kunden betrügt...

Der Plan zu dieser Entführung ist in einer WG von drei jungen Männern entstanden, die sehr professionell an die Sache herangehen, Mitstreiter und Geldgeber suchen und nach drei Jahren der Vorbereitung endlich zur Tat schreiten können. Die ganze Nation sitzt vor den Bildschirmen.

Man bekommt direkt einen Bezug zu den Entführern und fiebert mit ihnen, ob die Sache klappt. Denn immer wieder gibt es Probleme und manche Menschen reagieren unvorhersehbar. Auch ist die Polizei natürlich auf ihren Fersen.

In Rückblicken, die in den Überschriften angekündigt werden, lernt man die Protagonisten besser kennen. Trotzdem macht das Hin und Her in den zeitlichen Abläufen das Buch etwas unübersichtlich. Dazu kommt, dass die Handelnden teilweise mit ihren Klarnamen, aber auch mit ihren Decknamen auftauchen. Das verwirrt zusätzlich.

Trotzdem fand ich das Buch sehr spannend und sehr gut zu lesen. Es ist sehr politisch, denn den Hintergrund bildet die Machtübernahme einer rechten Partei und die Frage nach Gerechtigkeit und sozialer Teilhabe stellt sich auch bei uns immer wieder. Man hat ja oft den Eindruck, dass nicht die Politiker die Macht innehaben, sondern Autokonzerne und Banken einen viel größeren Einfluss ausüben als die Politik.

Der Schreibstil der Autorin ist insgesamt gut und flüssig zu lesen, allerdings stören mich immer wieder kleine Fehler. Da müsste noch einmal ein Lektorat drübergucken.

Insgesamt aber ein lesenswertes Buch!

Bewertung vom 11.10.2021
Fanzi
Schmidauer, Elisabeth

Fanzi


ausgezeichnet

Fanzi - so nennt Elfi ihren älteren Bruder. Sie wachsen in einem kleinen Dorf in der Steiermark auf und Franz fühlt sich als Beschützer seiner kleinen Schwester. Alles ist gut, bis Elfi krank wird und in ein Heim gebracht werden muss. Die Nazis mögen keine Menschen, die der Gemeinschaft zur Last fallen und Elfi kehrt nie zurück. Nach dem Krieg muss Franz den Bauernhof übernehmen, denn seine älteren Brüder sind gefallen und er heiratet seine große Liebe, die Bärbi. Doch die Vergangenheit lässt ihn nicht los. Erst seine Enkelin kann ihn zum Sprechen über seine schwere Last bringen.
Das Buch zeigt deutlich, wie sehr die Vergangenheit eine ganze Familie über Generationen belasten kann. Man sprach nicht über seine Erlebnisse, fraß alles in sich hinein und verstummte. Aber irgendwann wird man von der Vergangenheit eingeholt.
Schmidauer hat das sehr gut beschrieben, sehr sensibel und mit viel Empathie für die handelnden Personen.
Das hat mir sehr gut gefallen!

Bewertung vom 07.10.2021
Wenn ich wiederkomme
Balzano, Marco

Wenn ich wiederkomme


sehr gut

In seinem Erfolgsroman "Ich bleibe hier" schreibt Bolzano vom Bleiben, in diesem Buch dagegen vom Weggehen.
Daniela verlässt heimlich ihre Familie in Rumänien, um in Mailand einen alten Mann zu pflegen, wie so viele Frauen aus Osteuropa, die für die Hoffnung auf ein besseres Leben ihre Kinder und Ehemänner zurücklassen. Mit dem verdienten Geld finanziert sie das Gymnasium für ihre Tochter und ihren Sohn und viele Dinge, die sich die beiden wünschen, Kleidung, Elektronik... Doch das Leben in der Fremde ist nicht leicht, Daniela bleibt einsam und hat ständig ein schlechtes Gewissen. Als ihr Sohn Manuel schwer verunglückt, kehrt sie zurück, denn er liegt im Koma.
Wie schon in seinen ersten Bücher berichtet Bolzano auch hier eindringlich vom Leben der einfachen Leute, weit weg vom Glitzer der Metropolen.
Das Buch ist in drei Abschnitte eingeteilt, zuerst berichtet Manuel vom Weggang seiner Mutter und seiner Verlassenheit. Im zweiten Abschnitt kommt Daniela zu Wort und erzählt, warum sie wegging und was sie in Italien erlebt hat. Der dritte Abschnitt ist der Tochter Angelica gewidmet, die die Mutterrolle in der Familie übernehmen musste und damit überfordert war.
Das Buch ist ein sehr intensives Leseerlebnis, die Geschichte geht unter die Haut. Sie ist auch wie die vorigen Bücher sehr politisch, denn was läuft in Ländern schief, die ihren Bewohnern keine Lebensgrundlage und keine Hoffnung bieten können? Und was stimmt nicht in den reichen Ländern, wenn Frauen ausgebeutet werden, um die alten Menschen zu versorgen?
Das Buch lässt einen nachdenklich und auch ratlos zurück.
Nicht unerwähnt muss hier das wieder einmal sehr gelungene Titelbild des Buches bleiben!

Bewertung vom 06.10.2021
Wellenflug
Neumann, Constanze

Wellenflug


sehr gut

Das Buch handelt von zwei Frauen am Ende des 19. und am Beginn des 20. Jahrhunderts, die unterschiedlicher kaum sein könnten.
Anna ist in wohlhabenden Verhältnissen aufgewachsen, heiratet reich, bekommt eine ganze Schar von Kindern und ist angepasst an die gesellschaftlichen Verhältnisse bis in die Haarspitzen. Beherrscht, kühl, auf das Ansehen der Familie bedacht und sie möchte ihre Kinder gut verheiraten. Ihr Lieblingssohn ist Heinrich, doch der spurt nicht so, wie Anna es möchte.
Ganz anders ist Marie, aus armen Verhältnissen, geht von zuhause weg und schlägt sich in Berlin als Garderobendame und Bedienung durch. Als sie Heinrich kennenlernt und er sich in sie verliebt, scheint alles anders zu werden. Doch dann wird der junge Mann nach New York verbannt, um die beiden zu trennen. Marie folgt ihm....
Das Buch ist in zwei stark voneinander abgegrenzte Teile aufgespalten. Der erste Teil, der von Anna und ihrem Werdegang handelt, ist in einer eher vornehmen Sprache geschrieben und unterscheidet sich auch dadurch vom zweiten Teil, der Maries Geschichte erzählt.
Die politischen Verhältnisse in der Gründerzeit und zu Beginn der Naziherrschaft werden exemplarisch an den beiden Frauen deutlich. Das ist sehr interessant, denn die Politik hat immer wieder Einfluss auf das Leben der einzelnen Menschen.
Mir hat das Buch sehr gut gefallen, es ist sehr ausdrucksstark geschrieben und man kommt den beiden Frauen sehr nahe. Es wird niemals kitschig oder sentimental.
Ein lesenswertes Buch!

Bewertung vom 02.10.2021
Junge mit schwarzem Hahn
vor Schulte, Stefanie

Junge mit schwarzem Hahn


ausgezeichnet

Der elfjährige Martin ist ein lieber und freundlicher Junge und gerade deshalb wird er in seinem Dorf verachtet. Dort braucht man Ellenbogen, um zu überleben. Trotzdem hat er es geschafft ohne Familie irgendwie durchzukommen. Einige barmherzige Seelen helfen ihm dabei.
Als ein Maler ins Dorf kommt, packt Martin seine Sachen und geht mit dem Mann fort, um nach der Spur der verschwundenen Kinder zu suchen, die von schwarzen Reitern geraubt werden. Mit ihm geht sein schwarzer Hahn.
Das Buch hat etwas von einem Märchen, in dem der Held zuerst schwierige Prüfungen bestehen muss, bevor ihm Erlösung widerfährt. In einem leicht märchenhaften Ton, manchmal etwas altmodisch, ist es auch geschrieben.
Das macht neben der Geschichte auch die Qualität des Buches aus. Es hat mich von Anfang an fasziniert in diese fremde Welt einzutauchen und die Autorin hat die Geschichte ganz fabelhaft (in wahrsten Sinne des Wortes) geschrieben.
Das Buch hat mich bezaubert und begeistert.

Bewertung vom 01.10.2021
Reise durch ein fremdes Land
Park, David

Reise durch ein fremdes Land


ausgezeichnet

Das schwarzweiße Cover ist wunderschön und deutet schon an, worum es in dem Buch geht. Es ist eine Reise durch eine verschneite Landschaft, aber euch eine Reise zu sich selbst.
Tom reist von Nordirland nach England, um seinen Sohn abzuholen. Dabei verarbeitet er den Tod seines zweiten Sohnes David, der an Drogen gestorben ist. Er war ein wildes Kind und ging immer seinen eigenen Weg. Niemand konnte ihm helfen, als er im Drogensumpf versank. Auf der Fahrt durch die verschneiten Landschaften findet Tom langsam einen Zugang zu seinen Gefühlen und kann mit Davids Tod abschließen.
Das Buch hat mich sehr berührt. Es ist eine ganz intensive Leseerfahrung und hat mich lange beschäftigt. David Park gelingt es ganz sensibel mit dem Thema umzugehen und die Leser mitzunehmen in die tiefe Gefühlswelt von Tom und seiner Familie.
Ein Buch, das ich allen ans Herz legen möchte, auch wenn es nicht immer einfach ist den Emotionen standzuhalten!

Bewertung vom 18.09.2021
Die andere Tochter
Golch, Dinah Marte

Die andere Tochter


gut

Das Buch hat mich etwas ratlos zurückgelassen.
Aber vom Anfang an!
Toni hat bei einem Arbeitsunfall ihr Augenlicht verloren und bekommt eine Spenderhornhaut von einer jungen Frau. Den Namen der Frau erfährt sie von deren Mutter, die sie nach Frankfurt einlädt, um sich zu bedanken. Toni, die aus kleinen Verhältnissen stammt, ist beeindruckt vom Reichtum und der Eloquenz der Familie. Aber bald merkt sie, dass sie in die Tochterrolle hineingeschoben werden soll und will auf Distanz gehen. Doch das gelingt ihr nicht, weil sie merkt, dass mit dem Tod der jungen Frau etwas nicht stimmt. Auch in ihrer eigenen Familie gibt es große Probleme, der Vater sitzt im Gefängnis, weil er angeblich seine Frau umgebracht hat.
Das Buch erzählt auf zwei voneinander abgegrenzten Ebenen. Die Geschichte mit der Frankfurter Familie wird in einer objektiven Außensicht erzählt, während Toni selbst die eigene Familiengeschichte berichtet. Der Teil ist deutlich emotionaler.
Was mich verwirrt hat, ist die Fülle an Themen, die typisch für einen Erstlingsroman ist, und dass das Buch sich nicht entscheiden kann, ob es ein Thriller oder eine Familiengeschichte sein will. Mit den Themen hätte man gut zwei Romane füllen können.
Das Buch ist manchmal langatmig und die Ausflüge in die Esoterik stören mich. Am Schluss wird es noch ziemlich spannend, aber auch immer unglaubwürdiger.
Insgesamt leider nicht mein Buch!

Bewertung vom 16.09.2021
Der Panzer des Hummers
Minor, Caroline Albertine

Der Panzer des Hummers


gut

Es geht um die drei erwachsenen Kinder der Familie Gabel, die nach dem Tod der Eltern zurückgeblieben sind und auf unterschiedliche Art und Weise mit dem Verlust umgehen.
Während die älteste Tochter Ea in San Francisco lebt und dort durch ein Medium Kontakt zu der Mutter aufnehmen will, schlägt sich ihr Bruder in Kopenhagen als Plakatierer durch und unterstützt seine jüngere Schwester Sidsel, die es als alleinerziehende Mutter nicht leicht hat. Die Geschwister sind sehr unterschiedlich und sie haben keinen engen Kontakt miteinander. Das ist eigentlich eine interessante Konstellation, aber sie macht das Buch auch sprunghaft und man kann manchmal nur schwer den einzelnen Erzählsträngen folgen. Auch hat mich irritiert, das immer wieder ganze Abschnitte von der "Seherin" handelten, die den Kontakt zu Eas Mutter im Jenseits herstellen soll.
Das Buch hat mich nicht wirklich begeistert, da gab es schon erheblich bessere Familiengeschichten. Schade!

Bewertung vom 14.09.2021
SCHWEIG!
Merchant, Judith

SCHWEIG!


gut

Esther macht sich am Tag vor Heiligabend heftige Sorgen um ihre Schwester Sue, die allein in einer großen Villa im Wald lebt und an Weihnachten wahrscheinlich allein ist. Deshalb fährt sie zu ihr, um ihr ein Geschenk zu bringen und nachzusehen, ob es ihr gut geht.

Was so harmlos beginnt, entwickelt sich zu einer echten Horrorstory, bei der am Ende jemand stirbt.

Abwechselnd berichten Esther und Sue ihre Sicht der Dinge und manchmal schaltet sich auch Esthers Mann Martin ein, dazu ein Mädchen aus der Kindheit der beiden, das sich als Esthers Kindheits-Ich entpuppt. Die beiden Mädchen hatten eine schwere Kindheit, der Vater nahm sich an Weihnachten das Leben.

Esther ist eine echte Psychopathin, manipulativ und narzisstisch. Sie wirkt zuerst harmlos und besorgt, hat aber ihre Umgebung voll unter Kontrolle. Dagegen ist Sue eher das Opfer, das sich nicht wehren kann. Auch Martin hat sich anscheinend mit seiner Opferrolle abgefunden, bevor er sich dann doch aufbäumt. Die Mechanismen einer toxischen Beziehung sind recht gut beschrieben.

Die ersten 200 Seiten des Buchs zogen sich allerdings endlos hin, erst danach kam so etwas wie Spannung auf. Für meinen Geschmack war das zu wenig, um ein wirklich gutes Buch auszumachen. Ich mag eigentlich diese wenig blutigen Psychothriller, wie sie die Skandinavier meisterhaft schreiben. Von diesem Buch war ich trotz der vielen Vorschusslorbeeren eher enttäuscht, zu langatmig, zu wenig spannend. Nur der überraschende Schluss hat mich einigermaßen versöhnt. Mit dem Buch bin ich einfach nicht warm geworden.