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Benutzername: westeraccum
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Bewertungen

Insgesamt 61 Bewertungen
Bewertung vom 04.08.2020
Zeiten des Sturms / Sheridan Grant Bd.3
Neuhaus, Nele

Zeiten des Sturms / Sheridan Grant Bd.3


gut

Die Taunuskrimis von Nele Neuhaus habe ich immer gern gelesen, sie waren spannend und die Figuren waren interessant. Mit diesem Buch kam ich allerdings nicht klar.
Lag es daran, dass ich die beiden Vorgängerbände nicht gelesen habe? Die Figur der Sheridan Grant, die ein wirklich schweres Schicksal erlitten hat, blieb mir fremd. Mich nervten die ständigen Rückblicke, obwohl sie teilweise ja auch hilfreich waren, um das geschehen zu verstehen. Sie machen das Buch aber auch langatmig. Dass Sheridan sich am Ende ihren großen Traum erfüllen kann, ist für mich so ein typisch amerikanisches Happyend...
Nele Neuhaus kann in diesem Buch zwar ihre große Stärke - Spannung und unerwartete Wendungen - ausspielen, aber für mich blieb das Buch trotzdem blass. Schade, ich hatte mehr erwartet!

Bewertung vom 03.08.2020
Wings of Silver. Die Rache einer Frau endet nie / Golden Cage Bd.2
Läckberg, Camilla

Wings of Silver. Die Rache einer Frau endet nie / Golden Cage Bd.2


gut

Nachdem ich vor einiger Zeit "Golden cage" gelesen hatte und begeistert war, wollte ich natürlich auch unbedingt den nächsten Band der Geschichte von Faye lesen. Leider wurde ich von dieser Fortsetzung enttäuscht.
Faye hat ihre Tochter, die angeblich von ihrem Vater Jack ermordet worden war, zusammen mit ihrer Mutter nach Italien gebracht. Dort leben sie im Luxus. Denn Fayes Firma Revenge ist erfolgreich und plant den Sprung in die USA. Doch dann geht vieles schief...
Das Buch liest sich wie ein Drehbuch, schnell, viel passiert, aber trotzdem ist es nicht wirklich rund. Nach dem Erfolg des ersten Bandes musste wohl schnell ein weiteres Buch her, ein echter Schnellschuss.
Die Figuren sind oberflächlich gezeichnet, Faye entwickelt sich immer mehr zur Narzisstin und geht im wahrsten Sinne über Leichen, so wie sie es ihr ganzes Leben lang schon getan hat.
Das Buch hinterlässt ein schales Gefühl und den wahrscheinlich geplanten dritten Band werde ich wohl nicht mehr kaufen. Mit viel gutem Willen gebe ich drei Sterne.

Bewertung vom 03.08.2020
Der letzte Satz
Seethaler, Robert

Der letzte Satz


sehr gut

Ein kleines Büchlein mit einem eindrucksvollem Inhalt!
Der berühmte Komponist und Dirigent Gustav Mahler tritt schwer krank seine letzte Reise an. Gemeinsam mit seiner Frau Alma und seiner Tochter Anna reist er von New York zurück nach Wien und lässt sein Leben noch einmal Revue passieren.
Robert Seethaler schreibt - wie nach seinen anderen Büchern nicht anders zu erwarten - sehr sensibel und ausgefeilt über Mahlers Gedanken und Erlebnisse und taucht dabei tief in die Seele des kranken Mannes ein.
Sein schlechtes Verhältnis zu seiner schönen Frau Alma spielt dabei eine Rolle, aber auch die Trauer über den Verlust seiner ältesten Tochter, Kompositionsideen zu seiner 9. Sinfonie, Erinnerungen an die Kindheit und Jugend und der immer wiederkehrende Ärger mit Institutionen. Man kommt Mahler dabei sehr nahe.
Es hilft, wenn man Mahlers Musik und Leben zumindest in groben Zügen kennt, aber auch sonst ist das Buch eine zwar anspruchsvolle, aber auch erfreuliche Lektüre.

Bewertung vom 24.06.2020
Ich bleibe hier
Balzano, Marco

Ich bleibe hier


ausgezeichnet

Trina wächst in Graun in Südtirol auf. Sie will Lehrerin werden und gerät zwischen alle Stühle, denn als die Faschisten Südtirol besetzen, darf der Unterricht nur noch auf Italienisch stattfinden. Auf Bitten des Pfarrers erteilt sie aber heimlich deutschen Unterricht in einer Katakombenschule. Als auch das nicht mehr möglich ist, heiratet sie ihren Jugendfreund Erich und bewirtschaftet mit ihm zusammen den Bauernhof. Erich engagiert sich gegen den geplanten Staudamm, der das Dorf ebenso wie das benachbarte Dorf Reschen zerstören soll. Eines Tages verschwindet ihre gemeinsame Tochter Marica gemeinsam mit Erichs Schwester nach Deutschland, wo sie sich unter den Nazis eine bessere Zukunft erhofft. Die Eltern hören nie wieder vorn ihr und das belastet die Ehe sehr. Als Erich nicht wieder in den Krieg ziehen will, fliehen sie in die Berge und leben unter erbärmlichsten Umständen.
Das Buch ließ mich in eine mir bisher fast vollkommen unbekannte Geschichte eintauchen. Ich habe den Kirchturm im Reschensee, der auch auf dem Cover abgebildet ist, schon gesehen, aber die Hintergründe kannte ich nicht.
Balzano hat die Geschichte sehr genau recherchiert, einige der Figuren sind an reale Vorbilder angelehnt. Das Schicksal von Trina und Erich steht exemplarisch für die vielen Menschen, die in Südtirol zum Spielball der Geschichte wurden und nie eine Chance auf Mitbestimmung über ihr eigenes Leben hatten.
Balzano schildert Trinas Leben als Brief an ihre eigene verschwundene Tochter, die immer wieder angesprochen wird, manches bleibt im Dunkeln, um ihr die harte Wahrheit zu ersparen. Sein Stil ist eher sachlich, aber die Emotionen bleiben an manchen Stellen deutlich sichtbar. Diese Gratwanderung gelingt wunderbar.
Mich hat das Buch sehr berührt, es bekommt die volle Punktzahl und wird hoffentlich ein großer Erfolg!

Bewertung vom 21.06.2020
DUNKEL / HULDA Trilogie Bd.1
Jonasson, Ragnar

DUNKEL / HULDA Trilogie Bd.1


sehr gut

"Dunkel" ist der erste Teil einer Trilogie, aber eigentlich der letzte Band, da die Trilogie von hinten nach vor erzählt wird. Keine Sorge, das Buch selbst ist schon chronologisch erzählt, aber es ist der letzte Fall für Hulda Hermannsdottir, die kurz vor ihrer Pensionierung steht.
Sie ist Kriminalkommissarin in Reykjavik und ihr Chef möchte sie gern vorzeitig loswerden. Doch sie erbittet sich eine Schonfrist, denn sie hat sich noch nicht mit dem Gedanken an immerwährende Freizeit vertraut gemacht. Als letzten Fall will sie das Verschwinden einer jungen russischen Asylbewerberin aufklären, die am Meer ertrunken ist. Doch sie hatte kurz vorher ihren positiven Asylbescheid bekommen. Deshalb ist Selbstmord für Hulda unwahrscheinlich. Da in dem Fall schlampig ermittelt wurde, macht sie sich mit dem erneuten Aufrollen nicht nur Freunde unter ihren Kollegen.
Hulda ist eine einsame Frau, die schwere Schicksalsschläge hinnehmen musste und es im Leben nicht einfach hatte. Dieser Hintergrund ist im Buch immer präsent und das macht die Figur so besonders.
Mit hat das Buch sehr gut gefallen, es ist gut geschrieben und spannend bis zum letzten Augenblick. Echte Leseempfehlung!

Bewertung vom 21.05.2020
Milchmann
Burns, Anna

Milchmann


sehr gut

Das ist das ungewöhnlichste Buch, das ich in diesem Jahr bisher gelesen habe. Fast kommt es einem vor wie eine düstere Dystopie, doch die Handlung spielt in Nordirland während der "Troubles".
In einem langen Monolog berichtet die Erzählerin über ihren Alltag, ihre Gedanken, ihre Familie... Sie hat keinen Namen, wird von den anderen Familienmitgliedern nur "Mittelschwester" genannt, so wie alle Personen nicht mit ihren Namen, sondern mit ihren Familienbezeichnungen oder ausgedachten Bezeichnungen aufgeführt werden: Ma, Pa, Älteste Schwester, Kleine Schwestern, Vielleicht-Freund, Irgendwer McIrgendwas, Atomjunge usw. Das ist sehr gewöhnungsbedürftig.
Die Erzählung setzt ein, als Mittelschwester von einem führenden Mitglied der Paramilitärs, "Milchmann" genannt, angesprochen wird und er sie immer wieder "zufällig" trifft. Schnell macht das Gerücht die Runde, dass sie die Geliebte des verheirateten Mannes sei, dagegen kann sie sich nicht wehren, aber es verschafft ihr eine neue Rolle, die sie nicht haben will. Als sie weiter ihren eigenen und eigensinnigen Weg gehen will, wird es schwierig.
Bei diesem Buch bin ich sehr unsicher. Einerseits ist die Erzählstruktur ganz anders als gewohnt, das macht das Buch sehr faszinierend, weil man tief in die Gedankenwelt des Mädchens eintaucht. Andererseits ist es auch manchmal zäh, wenn Gedanken hin und her gewendet und von allen Seiten betrachtet werden.
Anfangs konnte ich auch Zeit und Ort nicht einordnen, erst nachdem ich mehr über das Buch gelesen hatte, wurde es besser und je länger ich las, umso interessanter wurde das Buch. Auch die politische und gesellschaftliche Situation spielt eine wichtige Rolle, besonders die Rollenmodelle der Frauen sind sehr eingeschränkt.
Man bracht eine lange Gewöhnungsphase, bis man sich in das Buch eingelesen hat, dann aber ist es faszinierend. Durchhalten lohnt!

Bewertung vom 10.03.2020
Die Schule am Meer
Lüpkes, Sandra

Die Schule am Meer


ausgezeichnet

Sandra Lüpkes kannte ich bisher nur als Krimiautorin und Sängerin, wir haben sie mal bei einer Lesung erlebt und sie war sehr sympathisch.
Nun hat sie einen Roman über ihre Heimat, die Insel Juist, geschrieben. Darin arbeitet sie die eher unbekannte Geschichte der "Schule am Meer" auf, eine Reformschule, die 1925 auf der Insel gegründet wurde und nur bis 1933 bestand.
Hauptpersonen in diesem teilweise fiktiven, teilweise auf Tatsachen und realen Menschen beruhenden Werk sind die jüdische Lehrerin Anni Reiner und ihre Familie, "Moskito", der als Sohn eines Zinnminenbesitzers aus Bolivien an die Schule kommt, Marje, die Tochter einer Spülfrau und der Nazi Gustav Wenniger.
Während die Schule die Kinder zu selbständigem Denken und Kreativität erziehen will, wird ihr Treiben von vielen Dorfbewohnern misstrauisch verfolgt, wilde Gerüchte machen die Runde. Besonders schwierig wird es, als die Nazis die Macht übernehmen wollen und Juist "judenfrei" werden soll. Anni muss mit ihren Kindern die Insel verlassen.
Sandra Lüpkes hat für dieses Buch sehr gründlich recherchiert, so konnte sie auch Unterlagen einsehen, die die jüngste Reiner-Tochter Karin aufbewahrt hatte. Sehr intensiv, aber auch sachlich schildert sie die Freuden und Leiden in der Schule, den harten Winter auf der Insel, fröhliche Feste und schwere Stunden.
Das Buch ist sehr gut lesbar geschrieben, man liest es mit viel Empathie. Es zeigt, wie der Faschismus zuerst mit kleinen Begebenheiten, dann aber immer stärker in das Leben der Menschen auf der Insel eingreift. Mitläufer sind ebenso dabei wie überzeugte Nationalsozialisten, auch in der Schule. Aber alle Hoffnungen auf ein Weiterbestehen der Schule zerschlagen sich.
Besonders gelungen finde ich auch den Schutzumschlag. Er versetzt sofort in eine längst vergangene Welt, da zum Glück und durch einen Zufall viele Fotos von der Schule noch vorhanden sind.
Ein Buch, das man gern liest!

Bewertung vom 23.02.2020
Der Empfänger
Lenze, Ulla

Der Empfänger


sehr gut

Josef (Joe) Klein ist in den 1920er Jahren in die USA ausgewandert und schlägt sich mit einfachen Jobs durch. Er ist begeisterter Funker und tritt auf diese Weise in Kontakt mit der ganzen Welt.
Als die Nazis in Deutschland an die Macht kommen, entsteht auch in der deutschen Community in New York eine starkte Nazibewegung und Josef gerät in diese Kreise. Er soll angeblich für einen Unternehmer Geschäftsdaten nach Hamburg funken, doch in Wirklichkeit funkt er verschlüsselte Informationen für die deutsche Abwehr. Als er auf Drängen seiner Freundin Lauren aussteigen will, wird er zusammengeschlagen.
1941 treten die Amerikaner in den 2. Weltkrieg ein und Josef wird wie viele andere Deutsche auf Ellis Island interniert, kann aber 1946 nach Deutschland ausreisen. Dort nimmt er wieder Kontakt zu seinem Bruder Carl auf.
Das Buch ist eingebettet in eine Rahmenhandlung im Jahr 1953, als Josef in Costa Rica lebt. Dazwischen pendelt die Handlung zwischen den USA und Deutschland. Das macht das Buch lebendig und wegen der Zeitangaben auch gut verständlich.
Ich habe viel über das Wirken der Nazis in den USA gelernt, mit war nicht bewusst, dass es dort so eine starke Nazibewegung gab, die auch sogar in die schwarze Bevölkerung hinein reichte.
Ulla Lenze schreibt sehr sachlich, aber pointiert und gut lesbar. Ihre manchmal sehr poetische Sprache hat mir gut gefallen. Die Heimatlosigkeit und Einsamkeit des Mannes wird sehr deutlich.
Das Titelbild fand ich sehr gelungen, denn trotz der gut erzählten Geschichte bleibt Josef Klein schemenhaft und nicht wirklich zu fassen.

Bewertung vom 04.01.2020
1794 / Winge und Cardell ermitteln Bd.2
Natt och Dag, Niklas

1794 / Winge und Cardell ermitteln Bd.2


ausgezeichnet

Nachdem ich im vergangenen Jahr 1793 gelesen hatte und mich das Buch sehr faszinierte, bekam ich auch 1794 zum Vorablesen und es ist fast noch besser.
Mickel Cardell ist nach den Ermittlungen des letzten Jahres erschöpft, trinkt wieder zu viel und lässt sich gehen. Cecil Winge dagegen ist an der Tuberkulose gestorben und begraben. Als eine Mutter Hilfe bei Mickel sucht, weil ihre Tochter in der Hochzeitsnacht angeblich von ihrem Ehemann grausam getötet wurde, sie diese Version aber nicht glaubt, rappelt er sich mühsam wieder auf. Zur Hilfe kommt ihm Erik Winge, der jüngere Bruder von Cecil, der aber nicht ganz richtig im Kopf ist. Auch Anna Stina taucht wieder auf, sie ist hoch schwanger und man hat sie in der Meerkatze vor die Tür gesetzt.
Das Buch ist stellenweise brutal und grausam bis zur Schmerzgrenze, manchmal musste ich die Lektüre unterbrechen, weil ich es nicht mehr ertragen konnte. Trotzdem ist das Buch genial geschrieben, in einem leicht altertümlichen Ton, der aber nicht übertrieben ist. Niklas Natt och Dag hat es einfach drauf, man kann das Buch kaum aus der Hand legen und seine literarischen Qualitäten sind unumstritten.
Das Buch ist nicht nur einfach ein historischer Krimi, sondern ein Zeit- und Sittengemälde einer untergehenden Epoche. Während in Paris schon die Revolution in aller Grausamkeit wütet, steht hier der Kessel kurz vor der Explosion. Das lässt das Schlimmste im Menschen hervorkommen.
Unbedingt lesenswert!

Bewertung vom 10.10.2019
Der Fund
Aichner, Bernhard

Der Fund


ausgezeichnet

Bernhard Aichner ist bekannt für seine hervorragenden Krimis, schon "Bösland" hat mir sehr gut gefallen.
Aber dieses Buch ist ganz anders.
Rita Dalek ist Verkäuferin in einem Supermarkt, sie räumt Ware ein, sitzt an der Kasse und schließt abends den Laden ab. Bis zu dem Tag, an dem sie in einer Bananenkiste aus Südamerika Plastikbeutel mit weißem Pulver findet, eindeutig hochreines Kokain. Statt sich bei der Polizei zu melden, nimmt sie die Kiste mit nach Hause und versteckt sie bei ihrer Freundin Gerda. Doch die Besitzer, ein albanisches Mafiakartell, möchte die Tüten natürlich gern zurück haben. Dann wird Ritas Leiche in einem ausgebrannten Wagen gefunden.
Aichners Erzählweise ist sehr ungewöhnlich und sehr raffiniert. Abwechselnd befragt ein Ermittler, von dem man weder Namen noch Dienstgrad erfährt, Zeugen zu dem Mordfall und dann gibt es Rückblicke auf das Geschehen aus Ritas Sicht. Dadurch hat der Leser unterschiedliche Perspektiven, einmal objektiv über den Autor, dann subjektiv von den Beteiligten. Durch diesen Trick verschieben sich die Sichtweisen wie bei einem Kaleidoskop, immer wieder tauchen neue Facetten auf. Das ist unglaublich geschickt und sehr spannend.
Ein ganz hervorragender Krimi, dessen Spannung bis zur letzten Seite trägt!