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zu den Top-Rezensenten

Benutzername: Nuigurumi
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Bewertungen

Insgesamt 67 Bewertungen
Bewertung vom 17.09.2016
So wie die Hoffnung lebt
Ernst, Susanna

So wie die Hoffnung lebt


gut

Vom Cover her hätte mich dieses Buch nie angesprochen und auch von der Autorin hatte ich noch nie gehört, aber die vielen begeisterten Meinungen haben mich neugierig gemacht. Leider hatte ich dann beim Lesen das Gefühl, ein ganz anderes Buch in den Händen zu halten als die anderen Rezensenten, denn mir hat es nicht besonders gut gefallen…

Katie und Jonah lernen sich in einem Kinderheim kennen, nachdem sie beide auf tragische Art ihre Familien verloren haben. Katie spricht seitdem nicht mehr, aber Jonah bringt sie dazu, sich ihm zu öffnen und zwischen den beiden entsteht eine besondere Beziehung. Der Anfang des Buches hat mir ganz gut gefallen, auch wenn ich manchmal das Gefühl hatte, ein Kinderbuch zu lesen.

Was mich sehr irritiert hat, ist, dass die Handlung in den USA spielt. Warum? Ich bin immer froh, wenn ich mal einen deutschsprachigen Autor lese und die Handlung endlich mal nicht in Amerika spielt. Jeder amerikanische Autor träumt davon, "The Great American Novel" zu schreiben; Susanna Ernst anscheinend auch. Gelungen ist es ihr leider nicht.

Nach zwei glücklichen Jahren zusammen wird das Kinderheim, in dem Katie und Jonah leben, plötzlich aufgelöst und die beiden werden getrennt. Als sie einen Plan schmieden, um wieder zusammen sein zu können, geht alles schief und sie verlieren sich aus den Augen. Jonah gibt die Hoffnung nie auf, Katie wiederzufinden, und nach 17 Jahren entdeckt er sie…

Von da an rutscht das Buch auf ein Niveau zwischen Groschenroman und schlechtem Hollywoodfilm ab. Vielleicht spielt die Handlung deshalb in den USA, denn in Deutschland hätte man der Autorin diese Handlung nicht abgenommen.

Natürlich gibt es ein Happy End. Den "Clou" am Ende, von dem alle Rezensenten so schwärmen, fand ich extrem unglaubwürdig.

Die Dialoge sind hölzern, die Bilder merkwürdig. Kann mir jemand sagen, was ein "tiefschwarzes Netz" sein soll? (S. 341) Ich kenne tiefschwarze Löcher oder Tunnel, aber Netze?

Normalerweise lese ich ein Buch dieser Länge in ein bis zwei Tagen, aber für dieses habe ich zwei Wochen gebraucht. Es gab einfach nichts, was mich gereizt hätte weiterzulesen, außer der Tatsache, dass ich gehofft habe herauszufinden, was alle außer mir an diesem Buch so toll finden…

Ich gebe 2,5 Sterne, weil mir der erste Teil ganz gut gefallen hat. Empfehlen kann ich das Buch als anspruchslose Urlaubslektüre, die man jederzeit zur Seite legen und nach ein paar Tagen weiterlesen kann.

Bewertung vom 31.08.2016
Der Angstmann / Max Heller Bd.1
Goldammer, Frank

Der Angstmann / Max Heller Bd.1


ausgezeichnet

Nachdem der Trend in letzter Zeit ja anscheinend dahin geht, dass Krimi-Autoren sich mit jedem Buch bei der Darstellung von Grausamkeiten übertreffen und ohne komplizierte chemische Analysen gar nichts mehr läuft, war das zur Abwechslung ein Krimi ganz nach meinem Geschmack: ein Polizist auf der Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit in den Kriegswirren in Dresden 1944/45. Auf die Frage, wer oder was er denn eigentlich sei, Nazi oder Kommunist – das eine nach dem Krieg ein Problem, das andere vor dem Krieg – antwortet er nur: "Ich bin Max Heller", ein Satz, der dieses Buch für mich auf den Punkt bringt. Es ist mir egal, ob die Beschreibungen der Bombenangriffe historisch genau sind und es ist mir auch egal, obwohl ich mir die Frage beim Lesen natürlich auch gestellt habe, ob es tatsächlich möglich war, dass ein Polizist im Dritten Reich relativ unbehelligt weiterarbeiten konnte, ohne in der NSDAP oder in der SS zu sein. Darum geht es für mich in diesem Buch nicht.

Wegen einer Verletzung aus dem 1. Weltkrieg ist Kriminalinspektor Max Heller einer der wenigen Männer, die im Winter 1944/55 noch in Dresden leben und nicht an der Front sind. Er ist Polizist mit Leib und Seele, obwohl er sich in diesen schwierigen Zeiten manchmal selbst daran erinnern muss, warum er den Beruf ergriffen hat. Sein Vorgesetzter ist gelernter Fleischer, kein Polizist, aber im Gegensatz zu Heller parteitreu. Heller hat sich schon immer geweigert, irgendeiner Gruppierung beizutreten. In jenem Winter verbreitet der sogenannte "Angstmann" Angst und Schrecken in den Dresdner Bombennächten. Die Menschen hören merkwürdige tierähnliche Geräusche und es werden grausam verstümmelte Frauenleichen gefunden. Heller versucht mit den bescheidenen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, den Mörder zu finden. Als nach Kriegsende wieder Spuren des Täters auftauchen, ermittelt er weiter, obwohl er offiziell kein Polizist mehr ist. Zu diesem Zweck muss er mit einem russischen Kommissar zusammenarbeiten und es herrscht Misstrauen auf allen Seiten. Man weiß genauso wenig wie in der Nazi-Zeit, wem man trauen kann und wem nicht…

Im Winter 1944/45 sterben so viele Menschen in Dresden, eigentlich machen die wenigen Frauenleichen da keinen großen Unterschied, aber Heller will diesen Mörder finden. Er will ein Mensch bleiben und er ist auf der Suche nach Wahrheit. Er weiß nicht, wem er trauen kann, vertraut auch manchmal den Falschen, aber er bleibt Mensch. Bei seinen Ermittlungen muss er sich hauptsächlich auf Menschenkenntnis und Intuition verlassen. Mir hat diese ruhige, altmodische Darstellung der Ermittlungen gut gefallen. Man erfährt zwar, dass die Leichen grausam verstümmelt wurden, der Autor geht aber nicht ins Detail, was ich als angenehm empfand. Ob historisch korrekt oder nicht, "Der Angstmann" ist ein gut zu lesender, spannender Krimi, vor allem für Leser wie mich, die viele Krimis lesen und gerne einmal "entschleunigen" möchten.

Bewertung vom 26.08.2016
Was ich euch nicht erzählte
Ng, Celeste

Was ich euch nicht erzählte


ausgezeichnet

Das Buch beginnt mit dem Satz "Lydia ist tot", doch ihre Familie, die sich wie immer um den Frühstückstisch versammelt, weiß das noch nicht. Ich hatte ein Buch mit Krimi-Elementen erwartet, aber das ist es nicht; die Frage, wie Lydia gestorben ist, rückt im Laufe des Buches immer mehr in den Hintergrund. Es geht darum, wie Lydias Familie mit dem Tod der Tochter zurechtkommt, wobei die Autorin aus den verschiedenen Perspektiven der einzelnen Familienmitglieder, einschließlich Lydia, erzählt und dabei nahtlos zwischen den Personen und zwischen Gegenwart und Vergangenheit wechselt.

Auf den ersten Blick scheinen sie eine ganz normale Familie zu sein: Vater James ist Geschichtsprofessor, Mutter Marilyn Hausfrau und sie haben drei Kinder, Nathan, Lydia und Hannah. Doch James ist chinesischer Herkunft und wir schreiben das Jahr 1977… Das musste ich mir beim Lesen immer wieder vor Augen halten, dass "Mischehen" zu dieser Zeit in den USA alles andere als normal waren und dass halbasiatische Kinder damals noch sehr auffielen.

James, der schon immer darunter gelitten hat, "anders" zu sein, hat nur den Wunsch, dass seine Kinder im Gegensatz zu ihm akzeptiert werden und dazugehören. Marilyn dagegen möchte, dass ihre Kinder außergewöhnlich sind. Das heißt, eigentlich interessiert sie nur Lydia, von der sie erwartet, dass sie das Leben lebt, was sie selbst nicht leben konnte. Marilyn war eine in Naturwissenschaften sehr begabte Studentin und wollte Ärztin werden, doch ihre Ehe kam dazwischen. Jetzt soll Lydia das schaffen und dafür tut Marilyn alles. Und Lydia tut alles, um ihre Mutter glücklich zu machen.

Die Charaktere dieses Buches haben und machen alle viele Fehler, was es so unheimlich glaubwürdig macht. Die Eltern wollen das Beste für ihre Kinder, aber kennen und verstehen sie überhaupt nicht. Aus Liebe wird so viel falsch gemacht und die Kinder übernehmen die Fehler der Eltern…

Es ist eigentlich ein sehr ruhiges Buch, in dem nicht viel passiert, und doch hat es bei mir einen tiefen Eindruck hinterlassen und mich zum Nachdenken gebracht.

Bewertung vom 25.08.2016
Die Canterbury Schwestern
Wright, Kim

Die Canterbury Schwestern


sehr gut

Am Anfang des Buches war ich etwas irritiert, denn durch den Titel, und den Bezug des Buches auf die "Canterbury Tales" hat ich ein durch und durch englisches Buch erwartet, doch die Handlung beginnt in den USA und später stellt sich heraus, dass die Gruppe, die nach Canterbury pilgert, nur aus Amerikanerinnen besteht – bis auf die Reiseleiterin. Ein Blick in die Umschlagklappe hat meine Befürchtungen bestätigt: die Autorin ist Amerikanerin…

Das Leben von Che wird innerhalb kürzester Zeit auf den Kopf gestellt: ihre Mutter stirbt und hinterlässt den Wunsch, dass Che ihre Asche in Canterbury verstreut und kurz darauf macht Ches Freund mit ihr Schluss. Sie organisiert also eine kultivierte private Pilgertour mit eigener Reiseleiterin, die aber plötzlich krank wird, so dass sie sich einer amerikanischen Frauengruppe anschließt. Ganz im Sinne der "Canterbury Tales" soll jede Teilnehmerin auf dem Weg eine Geschichte über die Liebe erzählen; ob wahr oder erfunden, spielt keine Rolle.

Die Frauen sind zwar alle sehr verschieden, aber selbst in dieser Gruppe bleibt Che lange eine Außenseiterin. Ständig verliert sie etwas oder ihr passiert etwas und sie scheint die einzige zu sein, die bis zum Schluss nicht weiß, was sie erzählen soll.

Es hat ein bisschen gedauert, bis ich in das Buch hineingefunden habe, da es mir am Anfang tatsächlich zu "amerikanisch" war und es zu sehr um Ches Leben und ihre Gedanken geht, wobei Che nicht einmal eine besonders sympathische Protagonistin ist. Auch die anderen Frauen werden von der Autorin erst einmal nicht sehr wohlwollend beschrieben und die erste Geschichte, die erzählt wird, hat mich auch nicht mitgerissen, so dass ich überlegt habe, ob es sich überhaupt lohnt weiterzulesen. Doch plötzlich hat sich eine Gruppendynamik entwickelt, die Geschichten wurden interessanter und haben mich zum Mitdenken angeregt und die Atmosphäre hat mir gefallen. Am Ende wird vieles klar, vor allem für Che, und ich habe angefangen, sie zu verstehen und zu mögen und hätte eigentlich gerne noch weitergelesen…

Bewertung vom 24.08.2016
Schwestern bleiben wir immer
Kunrath, Barbara

Schwestern bleiben wir immer


sehr gut

Alexa und Katja sind Schwestern, die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten, sowohl äußerlich als auch in ihren Lebensweisen. Das empfinden sie beide selbst auch so und es war schon immer so. Jetzt sind sie Mitte Vierzig und haben nur noch sich, denn ihre Mutter ist vor kurzem gestorben und der Vater ist verschwunden, als beide noch klein waren und sie haben nie wieder von ihm gehört.

Von außen betrachtet ist Alexa diejenige, deren Leben in Ordnung ist: sie hat einen Mann, um den sie viele Frauen beneiden, zwei Kinder im Teenageralter und wohnt in einem schönen Haus. Doch in Wirklichkeit sind es nicht nur der Tod ihrer jüngsten Tochter, die schwerstbehindert war, und der Tod ihrer Mutter, mit der sie sich überhaupt nicht verstanden hat, die Schatten auf ihr Leben werfen. Sie kommt mit sich selbst nicht klar, ist immer noch so unsicher wie als Jugendliche und fühlt sich auch von ihrem Mann nicht verstanden. Und auf die hübsche Katja, die ihr chaotisches Leben anscheinend so souverän meistert, war sie schon immer ein bisschen eifersüchtig…

Katja ist alleinerziehende Mutter eines 15-jährigen Sohnes. Sie ist Journalistin, wohnt in einer Art WG, hat ständig wechselnde Liebhaber und führt kein besonders geordnetes Leben. Und so soll es auch bleiben, bis jetzt hatte sie nie Zweifel…

Ihre Mutter hat vor ihrem Tod alles geregelt, so dass nur eine einzige Kiste mit Habseligkeiten übrig blieb, die bis jetzt bei Alexa auf dem Dachboden stand. Als Alexa sie öffnet findet sie einen angefangenen Brief, in dem die Mutter sich auf Ereignisse in der Vergangenheit bezieht, die sie aber nicht näher erläutert. Alexa und Katja sind der Meinung, dass ihre Mutter keine gute Mutter war, und plötzlich hat Alexa eine Ahnung, dass sie ihre Mutter vielleicht besser verstehen könnten, wenn sie wüssten, was in der Vergangenheit geschehen ist und vor allem, warum der Vater damals verschwunden ist. Zu Alexas Überraschung willigt Katja ein, Nachforschungen anzustellen und ihre Erkenntnisse bringen ihre Leben noch mehr durcheinander, als sie es sowieso schon sind.

Dieses Buch ist ein richtiges Frauenbuch. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es einen Mann interessieren könnte und selbst wenn einer es lesen würde, würde er es ganz sicher nicht verstehen. Es geht hauptsächlich um Alexas und Katjas Gefühle und Gedanken. Beide befinden sich in einer Art Midlife-Crisis, da ihre Familien und Beziehungen auseinanderzubrechen drohen und sich alles um sie herum verändert. Und plötzlich verändert sich auch noch ihre Vergangenheit.

Das Buch ist gut geschrieben und der Inhalt ist interessant. Ich glaube, man muss in der richtigen Stimmung sein, um das Buch zu lesen, sonst könnte es teilweise zu deprimierend sein. Was mir nicht so gefallen hat, ist der Friede-Freude-Eierkuchen-Schluss – so einfach geht es im Leben nicht.

Bewertung vom 24.08.2016
Wir sehen uns am Meer
Rabinyan, Dorit

Wir sehen uns am Meer


gut

Liat ist Israelin, Chilmi ist Palästinenser. Sie lernen sich in New York kennen und verlieben sich ineinander. Chilmi lebt schon länger als Maler in den USA, aber Liat hat ein Stipendium und der Termin für ihren Rückflug steht fest. Von Anfang an wissen die beiden, dass ihnen nur sechs Monate zusammen bleiben…

Ich habe von diesem Paar erwartet, dass es jeden Tag seiner "Liebe mit Verfallsdatum" genießt, dass es für seine Liebe kämpft und natürlich habe ich gehofft, dass vielleicht so eine Art Wunder geschieht und es ein Happy End gibt.

Leider habe ich eine der langweiligsten Beziehungen entdecken müssen, von denen ich jemals gelesen habe. Natürlich gibt es Spannungen zwischen den beiden, denn beide – meiner Meinung nach vor allem Liat – sind mit Vorurteilen und Klischees über den anderen aufgewachsen und beide wissen, dass ihre Liebe von niemandem zuhause akzeptiert werden würde, so dass sie ihren Familien auch nicht davon erzählen. Diese Beschreibungen der innerlichen Zerrissenheit sind für mich die Höhepunkte des Buches; ich fand sie oft tief bewegend und wirklich herzzerreißend. Passagen wie "dass wir beide auch hier in dieser großen Stadt, weit weg von zu Hause, nicht wirklich allein sind, dass in unserem Bett nicht nur wir liegen, auch wenn wir das gern glauben möchten" haben mich sehr berührt, doch davon gab es viel zu wenige.

Liat und Chilmi machen nichts aus ihrer Beziehung und sie stecken den Kopf in den Sand, was die Zukunft betrifft, daher war die Beschreibung ihrer gemeinsamen Zeit für mich bis auf wenige Ausnahmen langweilig. Dazu gibt es seitenlange Beschreibungen anderer Dinge, vor allem des New Yorker Winters. Die Autorin hat das Buch sicher hauptsächlich für israelische Leser geschrieben, daher kann man ihr da keinen Vorwurf machen, aber gelangweilt haben mich die vielen Beschreibungen trotzdem, denn das war nicht das, was ich wissen wollte.

Wie gesagt, ich hatte auf ein Happy End gehofft, aber zumindest darauf, dass die beiden sich ein bisschen Mühe geben, um zusammen zu bleiben, daher war das Ende für mich die größte Enttäuschung.

Ich hätte gerne ein paar Hintergrundinformationen zu diesem Roman gehabt, zum Beispiel warum er erst auf die Lektüreliste der Oberstufe gesetzt wurde, dann aber Anfang dieses Jahres vom israelischen Erziehungsministerium wieder von der Liste gestrichen wurde. Ich persönlich finde, dass dieses Buch Jugendlichen nicht viel bringt. Liat würde ich mir in keiner Hinsicht zum Vorbild nehmen und das Buch regt auch nicht unbedingt zum Nachdenken an, daher Liat und Chilmi ihre Situation einfach so hinnehmen.

Bewertung vom 01.08.2016
Boy in the Park - Wem kannst du trauen?
Grayson, A. J.

Boy in the Park - Wem kannst du trauen?


gut

Auf den ersten 100 Seiten hat mich das Buch völlig begeistert: der Leser lernt Dylan kennen, einen Mann mittleren Alters, der in San Francisco in einem Naturkostladen arbeitet. Nicht aus Überzeugung, für ihn ist es einfach nur ein Job. Sein Leben scheint völlig ereignislos zu sein und der Höhepunkt seines Tages ist die Mittagspause, die er immer auf derselben Bank im Botanischen Garten verbringt und wo er immer einen kleinen Jungen sieht. Eines Tages hat der Junge Blut am Arm und am nächsten Tag hat Dylan den Eindruck, dass der Junge entführt wurde und will ihn retten…

Diesen eintönigen Alltag beschreibt der Autor großartig, ich habe mich keine Sekunde gelangweilt. Dylan sieht sich als Dichter und betrachtet die Welt mit den Augen eines Dichters, so dass selbst Kleinigkeiten es wert sind, beschrieben zu werden und man Dylan beinahe um sein Leben beneidet.

Doch dann zieht Dylan los, um den Jungen zu finden und ich habe den ersten Riss in der Realität entdeckt, da mit den Entfernungen meiner Meinung nach etwas nicht stimmen konnte. Schon wenige Seiten später war mir klar, worum es in diesem Buch geht und was da genau vorgeht.

Parallel zu dieser Handlung werden Aufzeichnungen von Gesprächen zwischen einer Gefängnispsychologin und einem Häftling beschrieben. Die Gespräche sind interessant, aber sie führen den Leser auch zu schnell zu den richtigen Schlussfolgerungen.

"Boy in the Park" ist nicht uninteressant und auf jeden Fall toll geschrieben, aber es ist eine Art Handlung, die ich einfach nicht mag und ich wäre nie darauf gekommen, dass es in diese Richtung gehen würde. Das war vielleicht etwas naiv von mir, denn das Buch wird ja auch angepriesen mit "für Fans von "Girl on the Train", was ich schrecklich langweilig fand.

Falls A. J. Grayson ein weiteres Buch schreibt, kann ich mir aber gut vorstellen, es zu lesen, da mich der Autor vor allem am Anfang absolut von seinen Schreibkünsten überzeugt hat – ich würde mich allerdings vorher genauer über den Inhalt informieren und nicht so sehr auf den Klappentext vertrauen…

Bewertung vom 25.07.2016
The Girls
Cline, Emma

The Girls


sehr gut

"The Girls" beginnt wie ein Buch für junge Erwachsene, allerdings mit mehr literarischem Anspruch. Die Autorin Emma Cline beschreibt das Leben von Evie Boyd, die im Sommer 1969 in Kalifornien lebt und eigentlich ein typischer Teenager ist. Sowohl sprachlich als auch vom Verständnis des Seelenlebens einer 14-jährigen her ist der erste Teil des Buches toll zu lesen. Jeder Leser wird die Ängste und Sehnsüchte seiner Jugend auf den Punkt gebracht wiedererkennen.

Evie lechzt nach Anerkennung und möchte wahrgenommen werden. Da sie aber ein völlig durchschnittliches Mädchen ist und ihre Eltern sich noch dazu gerade getrennt haben und daher mit sich selbst beschäftigt sind, gelingt ihr das nicht – bis sie Suzanne begegnet. Suzanne sieht sie bei einer Zufallsbegegnung nur einmal an und Evie hat das Gefühl, dass sie zum ersten Mal richtig "gesehen" wurde.

Evie schafft es, in Suzannes "Familie" aufgenommen werden, die auf einer heruntergekommenen Ranch lebt und deren Zentrum der charismatische Russell ist. Alle Mädchen lieben ihn. Obwohl Evie sich seiner Anziehungskraft auch nicht entziehen kann, ist Suzanne aber ihr eigentlicher Fixpunkt in dieser Gemeinschaft.

Die reelle Vorlage dieses Buches ist der Kult um Charles Manson. Auch dieser Kult um Russell endet mit Gewalt und Tod, wie man gleich am Anfang des Buches erfährt. Die Autorin versucht zu zeigen, wie leicht ein unsicheres Mädchen wie Evie in die Fänge eines Mannes wie Russell gelangen kann. Das ist ihr meiner Meinung nach aber nur begrenzt gelungen, da die Geschichte in dem Moment an Tempo und Glaubwürdigkeit verliert, als Evie auf die Ranch zieht. Während ich Evies Faszination mit der Gruppe um Russell und dem Leben auf der Ranch durchaus nachvollziehen kann, ist Russell einfach zu blass beschrieben, als dass ich verstehen könnte, was sein Charisma ausmacht. Immer wenn er auf der Bildfläche erscheint, verwandeln sich alle und das Leben wird schön und bunt – ja, aber warum? Das kann die Autorin zumindest mir nicht nahebringen.

Auch Evies Faszination mit Suzanne ist schwer zu verstehen, da ich Suzanne völlig langweilig und nichtssagend finde. Aber in dem Fall reicht es mir, dass Evie sich von ihr angezogen und verstanden fühlt, da muss ich nicht unbedingt mehr wissen.

Durch den wunderbaren Stil der Autorin macht es Spaß, "The Girls" zu lesen. Sowohl Evie als auch Suzanne sind relativ unsympathisch und Russell ist für mich eine Randfigur, da müsste das Buch eigentlich langweilig sein, was es aber nicht ist. Und auch wenn die Autorin es nicht schafft, den Sommer 1969 heraufzubeschwören oder mir Russells Charisma zu vermitteln, zeigt sie doch, wie leicht unsichere, verletzliche Teenager beeinflusst werden und als Mittel zum Zweck benutzt werden können.

Auch den Aufbau des Buches finde ich sehr gelungen, denn erzählt wird die Geschichte von der erwachsenen Evie, die zurückblickt und die in einem jungen, unsicheren Mädchen, das sie zufällig trifft, die Evie von früher wiedererkennt…

Bewertung vom 13.07.2016
Lügenmauer / Emma Vaughan Bd.1
Bierach, Barbara

Lügenmauer / Emma Vaughan Bd.1


sehr gut

Und wieder einmal ein Buch mit irreführendem Klappentext: "Die Spur führt in ein Kloster, in dem in den 60er Jahren junge Mütter ihre unehelichen Kinder zur Welt brachten. Was aber passierte mit den Kindern? Emmas Fragen treffen nur auf eisiges Schweigen."

Tja, nur leider spielt dieses Heim für ledige Mütter in den Ermittlungen von Inspector Emma Vaughan überhaupt keine Rolle – sie weiß bis zum Ende des Buches nicht einmal, dass es existiert – also kann sie auch keine Fragen dazu stellen! Ich hatte mir nach dem Klappentext ein ganz anderes Buch vorgestellt, aber glücklicherweise hat es mir trotzdem gefallen, gerade weil es nicht diesem Klischee entsprach.

Emma muss den Mord an dem pensionierten Reverend Fitzpatrick aufklären. Ein protestantischer Pfarrer im katholischen Irland, der noch dazu für die britische Armee gearbeitet hat, muss doch Feinde gehabt haben. Steckt vielleicht gar die IRA dahinter? Oder doch ganz einfach ein eifersüchtiger Ehemann, da der Reverend für seine Frauengeschichten bekannt war? Während Emma in diese Richtungen ermittelt, sieht sich in England eine Altenpflegerin mit der Vergangenheit einer dementen alten Dame konfrontiert…

Emma Vaughan als Ermittlerin gefällt mir. Sie hat eine schwierige Ehe hinter sich, deren Auswirkungen sie immer noch körperlich spürt, nämlich in Form von starken Schmerzen durch einen Unfall, die sie mit immer höheren Dosen Schmerztabletten zu bekämpfen versucht. Sie hat das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn, aber ihr Ex-Mann hat das Wohlwollen der Leute um ihn herum, denn nur Emma und er kennen die Wahrheit über ihre Ehe. Emma ist Protestantin wie der ermordete Reverend, will aber mit jeder Form von Religion nichts zu tun haben, was in Irland nicht möglich ist. Ihren Kollegen, Sergeant James Quinn, findet sie manchmal zu nett und zu charmant für einen Polizisten, aber eigentlich tut er ihr auch ganz gut in ihrem chaotischen Leben. Die beiden bilden ein interessantes Team und die Autorin hat sich viel Spielraum für eine eventuelle Fortsetzung als Serie mit diesem Duo gelassen.

Jetzt kommt meine Kritik: man merkt, dass das Buch von einer deutschen Autorin geschrieben wurde; es ist teilweise einfach zu belehrend und schulmeisterlich, vor allem wenn es um die Geschichte, Kultur und Landschaft Irlands geht. Was ich auch sehr merkwürdig finde, ist, dass Emma angeblich nichts von Religion wissen will, aber auf fast jeder Seite kommen ihre Überlegungen zu katholisch/protestantisch vor. Selbst in den Krimis von Adrian McKinty, der seinen Detective Sean Duffy Anfang der 80er Jahre in Nordirland ermitteln lässt, spielt das keine so große Rolle wie hier im Jahr 2005, in dem das Buch spielt. Obwohl die Handlung interessant war, hat es mich irgendwann etwas genervt.

Emma denkt und handelt insgesamt zu deutsch, dadurch hat mich das Buch beim Lesen trotz aller Landschaftsbeschreibungen nicht nach Irland versetzt, so wie das zum Beispiel bei McKintys Büchern der Fall ist, aber von der Handlung her hat mir das Buch gut gefallen, wenn auch nicht so sehr als "Irland-Krimi".

Bewertung vom 10.07.2016
In Liebe, Layla
Barrows, Annie

In Liebe, Layla


sehr gut

"In Liebe, Layla" ist für mich ein typisch amerikanischer Roman, der in einer amerikanischen Kleinstadt während der Wirtschaftskrise in den 30er Jahren spielt.

Die Senatorentochter Layla weigert sich, standesgemäß zu heiraten und wird von ihrem Vater in die "Verbannung" geschickt, in diesem Fall in das kleine Städtchen Macedonia in West Virginia; dort soll sie die Geschichte der Stadt zu deren 150-Jahr-Feier aufschreiben. Sie wohnt zur Untermiete bei der Familie Romney und bald gilt ihr Interesse nicht nur der Vergangenheit der Stadt, sondern auch der Vergangenheit dieser Familie…

Die Geschichte wird mal aus Laylas Sicht erzählt und mal aus der Sicht der 12-jährigen Willa Romney, die am Tag von Laylas Ankunft beschließt, erwachsen zu werden und sich nicht mehr von den Erwachsenen belügen zu lassen – vor allem, wenn es um die Vergangenheit geht.

Wenn ich dieses Buch sehr amerikanisch finde, dann liegt das hauptsächlich an der Erzählweise. Das Tempo ist sehr ruhig, fast schon beschaulich, und spiegelt damit das Tempo wider, in dem sich das Leben der Bewohner von Macedonia in der Hitze des Sommers abspielt, in dem Layla dort ankommt. Die Beschreibungen des Wetters, der Menschen, der Häuser, der Gärten, der Stadt usw. nehmen einen großen Teil des Buches ein. Die Erzählweise hat mich an viele andere amerikanische Romane erinnert. Einerseits zieht es das Buch ziemlich in die Länge und manchmal hat es mich ungeduldig gemacht, weil ich lieber gewusst hätte, wie die Handlung weitergeht, aber andererseits sorgt es für eine sehr angenehme Lektüre. Es ist kein Buch, das ich ohne Unterbrechung gelesen habe, da ich ja sowieso nicht wusste, wann es in der Handlung endlich weitergeht, aber ich habe es immer wieder gerne in die Hand genommen, um zur Entspannung zu lesen.

Die Handlung, und letztendlich auch die Familiengeschichte der Romneys, ist nichts Weltbewegendes, aber da das Buch 600 Seiten hat, kann man damit für eine Weile in das Leben in Macedonia eintauchen, was ich sehr nett fand.

Was mich wirklich gestört hat, war ein Punkt in der Übersetzung: fast alle Frauen und Mädchen in Macedonia werden mit "Süße" angesprochen und das sehr, sehr häufig. In meinem Sprachgefühl kann man nur kleine Mädchen oder seine Frau/Freundin mit "Süße" titulieren", andererseits hat es einen sehr komischen Beigeschmack. Wahrscheinlich steht im Original "Sweetie" oder "Honey", was gerade in den USA völlig normal ist, aber auf Deutsch stört mich dieser inflationäre Gebrauch von "Süße" sehr.