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westeraccum
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Sauerland

Bewertungen

Insgesamt 223 Bewertungen
Bewertung vom 24.07.2019
Schami, Rafik

Die geheime Mission des Kardinals


sehr gut

Rafik Schami ist zwischen zwei Welten aufgewachsen, als Sohn syrischer Eltern, der seit 1971 in Deutschland lebt und schreibt. Seine Bücher wurden mit vielen Preisen ausgezeichnet.
Dieses Buch ist ein Kriminalroman der eher ungewöhnlichen Art.
An die italienische Botschaft in Damaskus wird ein Fass mit Olivenöl geliefert, das aber auch die Leiche eine römischen Kardinals enthält. Der Kardinal, ein Freund der arabischen Welt und hervorragender Islamkenner, war auf einer geheimen Mission im Norden Syriens unterwegs, um den geheimnisvollen Bergheiligen kennen zulernen. Nun soll Kommissar Barudi, der kurz vor seiner Pensionierung steht, ermitteln. Zur Seite wird ihm der italienische Polizist Mancini gestellt, der zu einem guten Freund Barudis wird. Gemeinsam müssen sie vorsichtig vorgehen, denn das Leben in Syrien ist mit vielen Minenfeldern gespickt.
Das Buch spielt vor dem großen Syrienkrieg, aber die Vorboten sind schon zu erkennen. Korruption, die Macht der Islamisten und Ungerechtigkeit dem einfachen Volk gegenüber sind an der Tagesordnung. Aberglaube spielt eine große Rolle und die mächtigen Clans verstehen es die Gutgläubigkeit des Volkes für ihre Zwecke auszunutzen.
Schami schreibt in einem sehr blumigen Stil, immer wieder schweift er ab zu kleinen Begebenheiten, das macht das Buch leicht zu lesen und sehr locker.
Abwechselnd wird aus der Außensicht über die Ermittlungen berichtet, dann wieder folgen Passagen aus Barudis persönlichem Tagebuch.
Das Buch ist zwar ein Krimi, aber einer der eher ungewöhnlichen Art, denn oft treten die eigentlichen Ermittlungen in den Hintergrund. Dafür bekommt man tiefe Einblicke in das Leben und die Politik von Syrien im Jahr 2010.
Wer Politkrimis liebt und sich mit der orientalischen Erzählweise anfreunden kann, wird dieses Buch genießen!

Bewertung vom 17.06.2019
Ani, Friedrich

All die unbewohnten Zimmer


ausgezeichnet

In diesem Buch begegnet man drei alten Bekannten aus Anis vorigen Romanen wieder: dem Vermisstensucher Tabor Süden, dem ehemaligen Mönch und Kriminalkommissar Polonius Fischer und dem Überbringer von Todesnachrichten Jakob Franck. Dazu kommt die Halbsyrerin Fariza Nasri. Sie alle haben in München mit zwei Fällen zu tun, die sehr diffizil sind.
Eine Frau wurde erschossen, ein Polizist schwer verletzt, die Suche nach dem Täter gestaltet sich zuerst schwierig. Kurze Zeit später wird am Rande einer Neonazidemo ein junger Polizist mit einem Stein erschlagen, ein Verdächtiger ist verschwunden.
Unter hohem Druck der Öffentlichkeit, der Politik und der Medien müssen Fischer und Nasri ermitteln und bekommen unerwartet Hilfe von Franck und Süden.
Anis Bücher sind immer besonders, sie entsprechen nicht dem üblichen Krimigeschehen, denn dafür taucht Ani zu tief in das Seelenleben seiner Figuren ein. Da ist nichts oberflächlich und effektheischend, die Figuren sind in ihrer ganzen Gebrochenheit scharf gezeichnet. Dabei zeigt Ani in seinen Büchern eine starke politische Haltung.
Anis Stil ist sicher gewöhnungsbedürftig, aber seine Sätze sind manchmal wie Monumente, manchmal wie Federn so leicht. Man möchte sie immer wieder unterstreichen und aufschreiben.
Der Titel bezieht sich übrigens auf die Menschen, die in unserem Leben einen Platz hatten und daraus verschwunden sind, sie haben viele unbewohnte Zimmer zurückgelassen.
Ich halte dieses Buch für eines der besten von Friedrich Ani, unbedingt lesenswert, wenn man sich darauf einlassen kann.

Bewertung vom 05.06.2019
Natt och Dag, Niklas

1793 / Winge und Cardell ermitteln Bd.1


ausgezeichnet

Ich bin eigentlich kein Fan von historischen Krimis, doch dieser hat mich von Anfang an in seinen Bann gezogen.
Stockholm ist 1793 eine Stadt im Umbruch, in Frankreich wütet die Revolution und nach dem Mord am König regiert ein korrupter Statthalter das Land, bis der Kronprinz volljährig wird. Überall herrscht die Angst vor einem Umsturz und die Eliten tanzen auf dem Vulkan, während das gemeine Volk im Elend lebt.
Das Buch spielt - wie der Titel schon sagt - im Jahr 1793, doch es ist nicht chronologisch erzählt. Am Anfang steht im Herbst 1798 ein Toter, dem Beine und Arme amputiert wurden und dem Zähne, Zunge und Augen entfernt wurden. Der Stadtknecht Mickel Cardell muss sich um den Todesfall kümmern und er erhält Unterstützung von Cecil Winge, einem lungenkranken Juristen, der dem Tode nahe ist.
Der zweite Teil spielt im Sommer und ist eine Art Briefroman des Feldscherlehrlings Kristofer Blix, währen man im dritten Teil (Frühjahr) die grausame Geschichte der jungen Maja Knapp erfährt. Erst im vierten Teil (Winter) werden alle Erzählstränge zusammengeführt.
Das Buch ist hervorragend geschrieben, die Sprache ist faszinierend und die Spannung wird über das ganze Buch gehalten. Ein Buch, das man kaum aus der Hand legen kann, trotz der vielen grausamen Szenen, die das Leben im Jahr 1793 genau beschreiben. Dahinter steckt viel Recherchearbeit.
Die Sprache ist nur wenig altertümlich, das erleichtert das Lesen.
Ich bin froh, dass ich das Buch trotz der Vorbehalte gelesen habe und empfehle es jedem Krimifan!

Bewertung vom 31.05.2019
Kliesch, Vincent

Auris / Jula Ansorge Bd.1


gut

Zuerst einmal das Positive: Das Cover ist schön und ganz besonders gestaltet. Damit hat es sich aber meiner Meinung nach auch schon...
Mich irritierte zuerst, dass groß der Name Sebastian Fitzek auf dem Cover steht, obwohl er nur die Idee für das Buch geliefert hat. Das wirkt für mich wie Bauernfängerei.
Zum Inhalt: Die Podcasterin Jula hat Schweres erlebt und schreibt in ihrem Podcast über True-Crime-Fälle. Dabei stößt sie auch auf den Fall von Matthias Hegel, der "Auris" genannt wird, weil er Verdächtige an Hand ihrer Stimme überführen kann. Nun sitzt der mann im Gefängnis, weil er angeblich eine Obdachlose brutal ermordet hat. Doch da stimmt etwas nicht und Jula macht sich auf die Suche nach den Hintergründen.
Das Ganze ist recht spannend geschrieben, keine Frage, es liest sich schnell weg. Mir fehlt aber der Tiefgang, die Figuren werden nur oberflächlich gezeichnet, die Sprache ist eher schlicht. Wie bei Fitzeks Büchern reiht sich atemlos eine Überraschung an die andere, es bleibt kaum Zeit zum Atemholen oder um das Ganze zu überdenken und einzuordnen. Dadurch verliert man ab und zu die Übersicht.
Ganz schlimm fand ich dann das Ende, ein Cliffhanger! Das geht gar nicht. Man soll wohl genötigt werden das nächste Buch zu kaufen und dagegen wehre ich mich.
Kliesch und Fitzek - nein, danke!

Bewertung vom 20.05.2019
Ahnhem, Stefan

Zehn Stunden tot / Fabian Risk Bd.4


sehr gut

Bisher habe ich alle Bände der Reihe um Fabian Risk gelesen und freute mich auch auf den vierten Band.

Während Risk wegen des Mordversuchs an seiner Tochter beurlaubt ist, wird in Helsingborg ein kleiner Flüchtlingsjunge brutal ermordet. Kurze Zeit später stirbt ein Fleischverkäufer auf ungewöhnliche Art und Weise und eine junge Frau wird mit Rizin umgebracht. Es gibt vielfältige Spuren, einige führen zu Rechtsradikalen und nur Irene Lilja und Klippan ermitteln einigermaßen gründlich, weil die Dienststelle chronisch unterbesetzt ist. Gleichzeitig geht Risk privat einer Vermutung nach, die ihm ein verstorbener Kollege anvertraut hat, angeblich starb der durch Selbstmord. Das alles und besonders die vertrackte Familiensituation lassen Risk an seine Grenzen kommen.

Das Buch ist stilistisch gut geschrieben und auch spannend.Die verschiedenen Handlungsstränge sind oft ungewöhnlich, gut nachvollziehbar die Personen wirken authentisch.

Leider läuft das Buch am Ende aus dem Ruder. Die Fälle werden nicht alle aufgeklärt, alles bleibt in der Schwebe und so soll man "gezwungen" werden, auch den nächsten Band zu kaufen. Das mag ich gar nicht und fühle mich genötigt!

Schade, denn eigentlich ist es ein gutes Buch und hätte solche Tricks nicht nötig.

Bewertung vom 16.05.2019
Gardam, Jane

Bell und Harry


ausgezeichnet

Jane Gardams Buch ist für mich bisher das Buch des Jahres.
In neun einzelnen Geschichten über mehr als zwanzig Jahre erzählt sie vom Bauernsohn Bell und seinem aus London stammenden Freund Harry, der seine Ferien immer auf einer Farm in der Nähe von Bell verbringt. Über viele Jahre hinweg erleben die beiden Jungen gemeinsame Abenteuer und Gefahren, doch die größte Gefahr - und eine Überraschung - wartet in der letzten Geschichte.
Jane Gardam schreibt sehr bedächtig, auf den Stil muss man sich einlassen können. Doch manche der Geschichten sind auch sehr witzig und skurril, ich musste öfters laut lachen. Genau diese Mischung macht die Qualität des Buches aus, das schon 1981 geschrieben wurde. Es entführt in eine Zeit, als Landwirtschaft noch bäuerlich geprägt war und nicht vom Profitstreben großer Konzerne bestimmt wurde, als die Menschen noch an Geister und Sagen und nicht an Fake News glaubten, und ich finde es einfach bezaubernd, ein Wort, das mir nur selten in den Sinn kommt. Aber hier passt es!

Bewertung vom 01.05.2019
Bronsky, Alina

Der Zopf meiner Großmutter


sehr gut

Es kommt selten vor, das ich ein Buch in einem Rutsch weglese, aber bei diesem Buch ist es mir gelungen.
Helikopter-Eltern sind ja eine Plage, aber eine russische Helikopter-Großmutter - das ist der Supergau! Der kleine Max ist mit einer solchen Oma gesegnet, sie und der Großvater sind wegen des kleinen Jungen aus der Sowjetunion nach Deutschland ausgewandert. Angeblich ist Max ein schwacher, debiler Irrer, der wegen der Bakterien nichts anfassen und nichts essen darf, was seine Oma ihm nicht selbst zubereitet und püriert hat. Das wird natürlich schwierig, als er in die deutsche Schule gehen soll. Es gibt Erleichterung, als die Familie die Klavierlehrerin Nina und ihre Tochter Vera kennen lernt. Doch dann verliebt sich der Großvater unsterblich in Nina und das Unheil nimmt seinen Lauf...
Das Buch ist so leicht und lustig und dramatisch und traurig geschrieben, dass man es kaum weglegen kann. Max berichtet als Ich-Erzähler aus seiner kindlichen Perspektive, das ist naiv und manchmal altklug, ab und zu aber auch richtig böse. Ein echtes Lesevergnügen, ohne jemals platt oder ordinär zu sein!

Bewertung vom 13.04.2019
Läckberg, Camilla

Golden Cage. Trau ihm nicht. Trau niemandem / Golden Cage Bd.1


ausgezeichnet

Faye ist mit Jack verheiratet, sie haben eine kleine Tochter namens Julienne. Nach außen ist alles okay, doch bald stellt sich heraus, dass Faye in einem goldenen Käfig lebt. Sie hat viel Geld, doch wirklich glücklich ist sie nicht, denn Jack versteht es geschickt ihr jegliches Selbstbewusstsein zu nehmen. Sie fühlt sich hässlich und fett. Als sie merkt, dass Jack eine Affäre hat, will sie Rache. Und die will sie nicht zum ersten Mal...
Erst nach und nach erfährt der Leser, dass Faye ein anderes Leben vor der Ehe hatte. Damals hieß sie noch Mathilda, ihr Vater war gewalttätig und sitzt wegen Mordes im Gefängnis, ihr Bruder brachte sich um. Sie verließ ihre Heimatstadt und beim Studium an der Stockholmer Handelshochschule lernte sie Jack kennen. Beide bauten zusammen mit einem Freund eine erfolgreiche Firma auf und kamen zu viel Geld und Ansehen, die Stockholmer Society liebt sie.
Anfangs liest sich das Buch wie die üblichen Frauenromane: eine Frau wird seelisch unterdrückt und will sich rächen. Doch dann merkt man, dass Läckberg mehr kann als die üblichen Krimischriftsteller, denn der Plot ist sehr raffiniert aufgebaut und hält die Spannung bis zum überraschenden Ende.
Schon auf der ersten Seite fragt man sich, was aus diesem Geschehen noch werden kann.
Das Buch hat drei verschiedene Teile, die geschickt miteinander verwoben sind: da ist zuerst einmal Fayes Geschichte, die in der dritten Person erzählt wird. Dann gibt es Erinnerungen an Fayes Zeit mit ihren Eltern, die in der Ich-Form geschrieben und durch Überschriften gekennzeichnet sind. Und dann sind da die geheimnisvollen kurzen, kursiv gesetzten Einsprengsel, die auf ein Geschehen hinweisen, das der Leser noch nicht entschlüsseln kann.
Ein wirklich guter Krimi, den man mit Freude liest!

Bewertung vom 12.04.2019
Dion, Katharine

Die Angehörigen


gut

Gene hat seine Frau Maida verloren, mit der er lange verheiratet war und mit der er eine gemeinsame Tochter und eine Enkelin hat.
Er durchlebt die üblichen Phasen der Trauer, seine Tochter hilft ihm bei der Organisation einer Trauerfeier, seine Freunde Ed und Gayle unterstützen ihn in den täglichen Belangen. Als er eine Haushälterin einstellt, beginnen die beiden eine kurze Liebesbeziehung. Doch dann verlässt sie ihn und Gene zieht sich in die Einsamkeit einer Hütte am See zurück, in der er glückliche Stunden mit seiner Familie und seinen Freunden verbracht hat, und denkt über sein Leben nach. Das Ende bleibt offen.
In diesem Buch passiert sehr wenig, es besteht vorwiegend aus den Reflexionen Genes über die Vergangenheit. Manchmal fand ich das Buch sehr ermüdend und langatmig.
Der Stil erinnerte mich an die Bücher von Meg Wollitzer, ohne aber deren Klasse zu erreichen. Man muss sich für dieses Buch Zeit nehmen, aber es hat mich nicht ganz überzeugt.

Bewertung vom 07.04.2019
Herrmann, Elisabeth

Schatten der Toten / Judith Kepler Bd.3


sehr gut

Ein Buch mit über 600 Seiten spannend und fast ohne Durchhänger zu schreiben, das schafft kaum ein Krimiautor. Elisabeth Herrmann ist es aber gelungen.
Im dritten Band ihrer Reihe um die Tatortreinigerin Judith Kepler kommt es zum Showdown. Judith sucht noch immer ihren Vater, den Waffenhändler Larcan und nimmt eine neue Spur auf, die nach Odessa führt. Aber auch die LKA-Mitarbeiterin Isa Kellermann sucht den Mann und will ihm eine Fall stellen, denn er hat auch Isas Mutter ins Unglück gestürzt. In Odessa spitzen sich die Ereignisse zu, nicht alles läuft wie geplant.
Es ist hilfreich, wenn man die beiden Vorgängerbände kennt, denn viele Ereignisse beziehen sich darauf, allerdings kann man das Buch auch "solo" lesen.
Herrmann schreibt sehr präzise, raffiniert, aber auch anspruchsvoll. Der Romanaufbau ist sehr raffiniert, lässt den Leser aber nie den Faden verlieren. Die Ereignisse in der früheren DDR sind gut recherchiert und nachvollziehbar.
Ein wirklich lesenswerter und spannende Krimi mit geschichtlichem und aktuellem politischen Hintergrund.