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Liebeslenchen
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Bewertungen

Insgesamt 235 Bewertungen
Bewertung vom 29.05.2022
Man kann Müttern nicht trauen
Roedig, Andrea

Man kann Müttern nicht trauen


gut

»MAN KANN MÜTTERN NICHT TRAUEN« ist ein autobiografisches und sehr persönliches Buch, in dem die Autorin Andrea Roedig von ihrer schweren Kindheit und ihrem schwierigen Verhältnis zu ihrer Mutter erzählt.

Andrea Roedig wird als Kind von ihrer Mutter Lilo verlassen und die Beziehung zwischen Mutter und Tochter soll sich nie wieder davon erholen. Mit diesem Buch möchte sich die Autorin emotional an ihre bereits verstorbene Mutter, die die Schuld für ihre emotionale Kälte, ihren Erlebnissen im Zweiten Weltkrieg zuschreibt, annähern. Dieses Buch soll ihr dabei helfen, Lilo zu verstehen, und gleichzeitig soll es sie dabei unterstützen, die Vergangenheit endlich hinter sich zu lassen.

Ich muss zugeben, dass dieses Buch keine leichte Kost ist und nicht wie ein Roman betrachtet werden sollte. Dieses autobiografische Werk zeigt die traurige und grauenvolle Talfahrt einer Familie, die von außen betrachtet, die besten Voraussetzungen für ein glückliches, gemeinsames Leben gehabt hat. Wie es dazu kommt, dass die eigene Mutter zu einer fremden Frau wird, ist emotional nur schwer zu verarbeiten.

»MAN KANN MÜTTERN NICHT TRAUEN« ist ein aufwühlendes Werk, in dem die Autorin sich mit ihrer traurigen Kindheit und ihrer fremden Mutter auseinandersetzt.
Für dieses Buch benötigt man selbst eine emotionale Stärke! Man sollte es nicht lesen, wenn man sich selbst in einem emotional verletzlichen Zustand befindet.

Auch wenn ich anfänglich kleine Schwierigkeiten hatte, in die Handlung hineinzufinden, hat mich die persönliche Geschichte der Autorin tief berührt.

Bewertung vom 29.05.2022
Grenzfall - Ihr Schrei in der Nacht / Jahn und Krammer ermitteln Bd.2
Schneider, Anna

Grenzfall - Ihr Schrei in der Nacht / Jahn und Krammer ermitteln Bd.2


ausgezeichnet

Vor einigen Monaten habe ich bereits den Auftaktband zur Grenzfall-Krimireihe von Anna Schneider verschlungen und habe mich, dank des finalen Cliffhangers in Bezug auf die private Verbindung der Ermittler, sehr auf diese Fortsetzung gefreut.

Wer den ersten Grenzfall »DER TOD IN IHREN AUGEN« noch nicht gelesen hat, kann trotzdem direkt mit diesem zweiten beginnen. Denn Anna Schneider blickt kurz zurück und reflektiert die wichtigsten Eckpunkte, die für den weiteren Verlauf der Handlung wichtig sind.

In »IHR SCHREI IN DER NACHT« geht es um mehrere Vermisstenmeldungen, die bei der deutschen und der österreichischen Polizei eingehen. Da die deutsche Ermittlerin Alexandra Jahn und ihr österreichischer Kollege Bernhard Krammer nicht mehr im Kontakt miteinander stehen, erkennt niemand die grenzübergreifende Verbindung. Je mehr Zeit vergeht, um so größer wird die Gefahr für die Opfer.

Erneut ist die Handlung realitätsnah. Durch den ständigen Perspektivenwechsel zwischen Alexandra, Bernhard und den Entführungsopfern steigert sich die Spannung von Seite zu Seite. Wie die drei Handlungsstränge nach und nach schlüssig zueinanderfinden, ist hervorragend konstruiert und am Ende gipfelt die Spannung in einem packenden Finale, in dem die Charaktere über sich hinauswachsen.

Der Schreibstil von Anna Schneider ist mitreißend und die Kulisse, die sie für diese Krimireihe gewählt hat, ist fantastisch. Die Handlung läuft wie ein Film vor dem inneren Auge ab und auch wenn man diese Orte noch nie besucht hat, hat man beim Lesen das Gefühl schon mal dort gewesen zu sein.

Dieser zweite Grenzfall-Krimi hat mir genauso gut gefallen wie der erste, da er genauso spannend ist. Das Gefühl, wieder zu einem bekannten Ort zurückzukommen und das Wiedersehen mit den nahbaren Charakteren, bei denen es privat überhaupt nicht rund läuft, ist großartig. Der authentische Fall selbst ist von Beginn an spannend und schaurig. Zum Ende hin wird er plausibel aufgeklärt.
Doch die private Geschichte von Alexandra und Bernhard endet erneut raffiniert, das einige Fragen offen hält.

Daher freue ich mich sehr auf den dritten Grenzfall, der den Titel »IN DER STILLE DES WALDES« tragen und am 25. Januar 2023 erscheinen wird.

Bewertung vom 10.04.2022
Wer das Feuer entfacht - Keine Tat ist je vergessen
Hawkins, Paula

Wer das Feuer entfacht - Keine Tat ist je vergessen


sehr gut

Bekannt wurde die britische Autorin Paula Hawkins spätestens durch die Hollywood-Verfilmung ihres Bestsellers »GONE GIRL«.

In einem früheren Interview verriet sie, dass sie bei Spaziergängen in ihrer Londoner Heimat, in dessen Nähe ein Kanal mit vertäuten Hausbooten liegt, oft darüber nachdachte, dass dies ein interessanter Ort für ein Verbrechen wäre. Diese Eindrücke blieben ihr im Gedächtnis und sie begann die Geschichte von »WER DAS FEUER ENTFACHT« niederzuschreiben.

Im Mittelpunkt stehen instabile Frauenfiguren, für die die Leser:innen unterschiedliche Sympathien entwickeln.

Zu Beginn der Geschichte sieht man die Protagonistin Laura, wie sie ein Hausboot in den frühen Morgenstunden verlässt, indem der Besitzer Daniel des Hausbootes später tot aufgefunden wird. Laura trägt mehr emotionales Gepäck mit sich herum, als man sich vorstellen kann.
Doch sie ist nicht die einzige verzweifelte Frau in dieser Geschichte. Die unscheinbare Nachbarin Miriam findet die Leiche von Daniel und im Laufe der Geschichte erfährt der:die Leser:in in einem separaten Handlungsstrang von ihrer schrecklichen Vergangenheit.
Carla ist die Tante von Daniel und eine trauernde Mutter, die vor einigen Jahren ihren kleinen Sohn auf tragische Weise verloren hat.
Theo, Carlas Ex-Mann, ist ein erfolgreicher Schriftsteller und ein arroganter Charakter, der sich den weiblichen Figuren gegenüber auffallend herablassend verhält.

Die primäre Frage in diesem Thriller ist: Wer hat Daniel getötet und warum?

Obwohl mich die Schicksale der einzelnen Charaktere tief bewegt haben, empfand ich die Charaktere selbst dennoch blass und sie blieben mir emotional fern. Sie sind kompliziert, merkwürdig und unberechenbar. Doch Paula Hawkins schafft es, all diese eigensinnigen und unnahbaren Figuren in einen fesselten und psychotischen Thriller einzubinden, in dem einer versucht, einen grausamen Mord zu vertuschen.

Insgesamt hat mir die temporeiche Geschichte, die komplett ohne polizeiliche Ermittler auskommt, gefallen. Die wendungsreiche Handlung kann von den distanzierten Charakteren ablenken. »WER DAS FEUER ENTFACHT« ist intelligent, gut durchdacht und spannend verstrickt. Dieses Buch hat definitiv Hollywood-Potenzial.

Bewertung vom 13.11.2021
Never - Die letzte Entscheidung
Follett, Ken

Never - Die letzte Entscheidung


ausgezeichnet

## Erschreckend realitätsnaher Politthriller vom Meister des Erzählens

Erst im letzten Jahr ist mit »KINGSBRIDGE. DER MORGEN EINER NEUEN ZEIT« ein neuer historischer Schmöker von Ken Follett erschienen. Dass in diesem Jahr eine weitere Neuerscheinung angekündigt wurde, hat mich freudig überrascht. Doch dieses Mal entführt der Brite seine Leser:innen nicht in die Vergangenheit, sondern bleibt in der Gegenwart und erzählt eine fiktive Geschichte, mit einem erschreckend realistischen Szenario.

Die Grundidee zu »NEVER« keimte vor einigen Jahren, während der Recherche zu »STURZ DER TITANEN«, in Folletts Gedanken auf. Er erkannte, dass niemand den Ersten Weltkrieg wirklich gewollt hat und dieser das Ergebnis von moderaten Entscheidungen war, die zu einem furchtbaren Konflikt geführt haben. Er fragte sich, ob das noch einmal passieren könnte, mit einem Dritten Weltkrieg als Ergebnis.

Für seine globale Handlung wählt Follett drei Schauplätze aus, an denen die folgenschweren Entscheidungen getroffen werden - USA, Nordafrika und China. Die Geschichte wird aus den Perspektiven der unterschiedlich gesinnten Charaktere erzählt, was das Denken in alle Richtungen ermöglicht. Das Szenario, das er dabei entwirft, ist von der ersten Seite an einnehmend. Die Spannungskurve schnellt schon nach wenigen Kapiteln in die Höhe, da die wendungsreichen Szenen wie Bilder vor dem inneren Auge ablaufen.

Dabei zusehen zu müssen, wie sich ein vermeintlich unbedeutender Schritt dermaßen in die Höhe steigert und den Zustand eines Atomkrieges erreicht, stimmt nachdenklich. Man kommt am Ende zu der Erkenntnis, dass ein Dritter Weltkrieg durchaus möglich und leider sehr wahrscheinlich ist ...

Im Vordergrund der Handlung steht eindeutig die Politik, was Leser:innen nicht abschrecken sollte, die wenig Hintergrundwissen besitzen. Durch die einnehmende Erzählweise und gut gezeichneten Charakteren, deren Denkweisen man zu jeder Zeit gut nachvollziehen kann, wird die komplexe Geschichte leicht verständlich übermittelt. Nach dem Lesen hat man durchaus das Gefühl, viel dazugelernt zu haben.

Fazit

»NEVER« ist ein diplomatischer und komplexer Politthriller, der von der ersten bis zur letzten Seite meisterhaft erzählt wird. Dank des cineastischen Schreibstils, einer wendungsreichen Handlung und der erschreckenden Nähe zur Realität fühlen sich die 800 Seiten überraschend kurzweilig an.

Fans von »JACK RYAN«, »HOMELAND« oder »HOUSE OF CARDS« und natürlich den Fans von Ken Follett kann ich dieses Buch nur ans Herz legen.

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 31.10.2021
Eine ganz dumme Idee
Backman, Fredrik

Eine ganz dumme Idee


sehr gut

Fredrik Backman zählt zu den erfolgreichsten Autoren Schwedens und wurde mit seinem Bestseller »EIN MANN NAMENS OVE« international bekannt.

Bereits im Jahr 2019 wurde auf der Frankfurter Buchmesse offiziell verkündet, dass Backmans neuer Roman »EINE GANZ DUMME IDEE« für Netflix als Serie verfilmt. Die Adaption wird den Titel »ANXIOUS PEOPLE« tragen und ab 31.12.2022 veröffentlich werden.

Die Geschichte beginnt mit einem gescheiterten Bankräuber, der bei seiner Flucht versehentlich eine Geiselnahme verursacht. Doch als die Polizei die Wohnung stürmt, ist die Wohnung leer. Anschließend erzählen die Zeugen widersprüchliche Versionen zum Tathergang, die das Rätsel um das Verschwinden des Bankräubers richtig kompliziert machen und viele offene Fragen aufwerfen.

Mit seinem ganz eigenen Humor, seinem großen Einfallsreichtum und mit einem überraschenden Tiefgang zwischen den Zeilen beschreibt Fredrik Backman seine Charaktere auf sehr persönliche Weise. Die Frage, wie dem Bankräuber die Flucht gelungen ist, ist der rote Faden der Handlung und die Suche nach der Antwort bringt interessante Geschichten über die Charaktere ans Tageslicht, die überraschen und nachdenklich machen.

Die Verkettung von unglücklichen Umständen und Missverständnissen in Kombination mit einem schnellen Szenenwechsel und kurzen Kapiteln sorgen dafür, dass man den Roman in rasender Geschwindigkeit durchliest.

Die Ernsthaftigkeit, die zwischen den Zeilen mitschwingt, macht den teilweise flapsig erzählten Roman so besonders und lesenswert. Er bringt seine Leser*innen zum Schmunzeln und zum Nachdenken.

Bewertung vom 25.10.2021
How to Politik
Kerp, Livia Josephine

How to Politik


ausgezeichnet

Mit ihrem Debütroman »HOW TO POLITIK« klärt die Politik-Bloggerin Livia Josephine Kerp ihre jugendlichen Leser*innen über Politik auf.

Dieses Buch ist eine große Empfehlung für alle interessierten Jugendlichen, die mehr über Politik erfahren und endlich ein Buch lesen möchten, das die trockene Thematik einnehmend und ansprechend darstellt.

Mit einer beeindruckenden Leichtigkeit, Ruhe und dem richtigen Ton begegnet Livia Josephine Kerp den Leser*innen auf Augenhöhe und erklärt komplizierte Umstände mithilfe von ansprechenden Grafiken und den richtigen Worten. Mit persönlichen Geschichten, nachvollziehbaren Vergleichen, interessantem Insider-Wissen und Fun-Facts führt sie ihren Leser*innen vor Augen, wie politisch unser gesamter Alltag ist und dass das Thema jeden etwas angeht.

Ja, Demokratie und Politik sind anstrengend und machen Arbeit. Dieses Buch nicht. Es führt vor Augen, wie wichtig Demokratie für unsere Freiheit ist. Frei wählen zu dürfen ist ein Privileg, von dem jeder Gebrauch machen soll. Dank Livia Josephine Kerps Engagement, ihrer ansteckenden Faszination und erfrischenden Art aufzuklären, wird die öde geglaubte Politik endlich interessant. Sie trifft bei den Leser*innen genau den richtigen Nerv. Mit dem neue gewonnenen Wissen stärkt sie, macht Mut und regt zum Umdenken an.

Beim Erzählen schafft sie es, ihre Meinung zu nennen und gleichzeitig einen neutralen Standpunkt einzunehmen. Sie wird niemals belehrend, im Gegenteil. Sie nimmt die Leser*innen an die Hand, klärt auf und erzählt, wie es um die aktuellen Themen Bildungspolitik, Klimawandel, Landtagswahlen und Problematik wie Cyber-Mobbing etc. steht.

Meine Tochter (16) und mich konnte die junge Autorin auf ganzer Linie überzeugen. Politik braucht genau solche engagierten Menschen, die die Zukunft unseres Landes aktiv gestalten möchten.

Auch wenn man Politik voll öde findet und man am liebsten nichts damit zu tun haben möchte, sollte man unbedingt dieses Buch lesen. Meiner Meinung nach sollte es eine Pflichtlektüre im Schulunterricht werden. Besser kann man junge Menschen nicht erreichen, aufklären und überzeugen.

Bewertung vom 09.08.2021
Und dann war es Liebe
Brown, Lorraine

Und dann war es Liebe


sehr gut

Mit ihrem Debütroman »UND DANN WAR ES LIEBE« erzählt Lorraine Brown eine lockere Liebesgeschichte, die sich im wunderschönen Paris abspielt.

Ein wunderschöner Pärchenurlaub in Venedig endet für Hannah und Simon unerwartet in Chaos. Mit Glück erreichen sie den Nachtzug nach Amsterdam, doch leider sind ihre reservierten Plätze besetzt. Aus Versehen setzt sich Hannah in den falschen Waggon und landet alleine in Paris. Dem Musiker Léo ist dasselbe Missgeschick passiert. Nach einem schwierigen Kennlernstart verbringen sie die Wartezeit in Paris...

Die Autorin erzählt mit einem eleganten und leichtgängigen Schreibstil eine sympathische Liebesgeschichte. Der Einstieg in die Handlung ist ein Kinderspiel und schnell wird klar, dass Hannah mit dem falschen Mann liiert ist. Man ist nahezu froh, dass sich ihre Wege versehentlich trennten und das Schicksal sie mit dem charismatischen Musiker Léo bekannt macht.

Die Liebesgeschichte selbst entwickelt sich langsam, wodurch im Mittelteil einige Längen entstehen, die den Lesefluss bremsen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Beschreibungen der Kulisse die Handlung dominieren und die Geschichte von Hannah und Léo verdrängen. Vielmehr ist dieses Buch eine große Liebeserklärung an Paris. Grundsätzlich ist das nicht weiter tragisch, doch für meinen Geschmack ist diese Detailverliebtheit beim Lesen stellenweise hinderlich.

Zum Glück beanspruchen die Charaktere zum Ende hin wieder mehr Aufmerksamkeit. Besonders die charakterliche Entwicklung von Hannah hat mir gefallen. Sie erkennt, dass sie mehr vom Leben will und setzt ihre Vorsätze direkt in die Tat um.

Fazit
»UND DANN WAR ES LIEBE« ist eine charmante und leichte Liebesgeschichte, die dazu führt, dass man sich spontan und Hals über Kopf in Paris verliebt. Die ursprüngliche Handlung wird von den detailverliebten Beschreibungen leider etwas zur Seite gedrängt, dennoch fühlt man sich zwischen den Seiten wohl und gut aufgehoben.

Bewertung vom 25.04.2021
Frau Merian und die Wunder der Welt
Kornberger, Ruth

Frau Merian und die Wunder der Welt


weniger gut

In »FRAU MERIAN UND DIE WUNDER DER WELT« wird das Porträt der Naturforscherin und Künstlerin Maria Sibylla Merian, die Ende des 17. Jahrhunderts lebte und als wichtige Wegbereiterin der modernen Insektenkunde (Entomologie) gilt, dargestellt.

Maria Sibylla Merian flieht aus ihrer unglücklichen Ehe und beginnt in Amsterdam ein neues Leben. Ihr Ziel ist es, nach Surinam (damals niederländische Kolonie an der Nordostküste Südamerikas) zu reisen, um die Verwandlung der Schmetterlinge zu erforschen und dokumentieren. Doch das Schicksal scheint diese Überfahrt verhindern zu wollen und schließlich, als sich die Chance endlich bietet, bringt ausgerechnet ein geheimnisvoller Mann ihre Pläne ins Wanken.

Von der titelgebenden Hauptfigur und ihrer wichtigen Forschungsarbeit rund um den Lebenszyklus von Insekten war mir bis jetzt noch nichts bekannt. Daher empfand ich den Einblick in ihr Leben und die Zeitreise ins 17. Jahrhundert durchaus interessant.

Allerdings konnte mich die Geschichte weder fesseln noch unterhalten. Die Art, wie Ruth Kornberger vom Leben der mutigen Künstlerin erzählt und historische Fakten mit Fiktion mischt, macht die Vergangenheit durchaus lebendig, doch leider ist der Text insgesamt zu langatmig und mit der Zeit wird das Lesen ermüdend.

Im Groß und Ganzen ist das Porträt von Maria Sibylla Merian durchaus faszinierend, doch dem gesamten Roman fehlt es an Lebendigkeit. Zudem weckte die Thematik (Thema: Insektenkunde) kein Interesse bei mir. Aus diesem Grund fiel es mir noch mal schwerer, an der Geschichte dranzubleiben.
Daher kann ich hier leider keine Empfehlung aussprechen.

Bewertung vom 12.04.2021
Die Verlorenen
Halls, Stacey

Die Verlorenen


gut

»DIE VERLORENEN« von Stacey Halls ist ein historischer Roman, der im 18. Jahrhundert spielt und von dem Schicksal der meist ledigen Mütter erzählt, die nicht für den Lebensunterhalt ihrer Kinder sorgen können und sie in die Obhut des Londoner Foundling Hospital geben müssen. Die verzweifelten Mütter müssen dafür an eine Art Lotterie teilnehmen und medizinische Tests bestehen, damit ihre Kinder in einer gesicherten Umgebung aufwachsen können. Falls eine Mutter jemals in der Lage sein soll, ihr Kind zu einem späteren Zeitpunkt zurückzuholen, kann sie es gegen eine Gebühr auslösen.

So versucht auch die Protagonistin Bess Bright ihre Tochter aus der Findlingsanstalt zurückzuholen, die sie vor sechs Jahren als Neugeborene dort abgeben musste. Als sie erfährt, dass sich ihre Tochter Clara gar nicht in der Anstalt befindet und bereits vor sechs Jahren von einer Frau abgeholt wurde, die sich als Bess ausgegeben hat, ist sie unfassbar verzweifelt, traurig und verwirrt.

Ungefähr an diesem Punkt beginnt die Geschichte, die aus zwei Perspektiven heraus erzählt wird. Im Verlauf verflechten sich beide Handlungsstränge miteinander. So durchlebt man die verzweifelte Lage von Bess und lernt auf der anderen Seite die wohlhabende und gefühlskalten Witwe Alexandra kennen, die sich um ihre sechsjährige Tochter Charlotte kümmert, ohne ihr gegenüber Liebe zu zeigen. Beide Frauen verbindet ein gemeinsames Schicksal, das sie schon bald einholen wird.

Schnell wird klar, dass Alexandra an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet, die sie in ihrem Alltag und den Gefühlen ihrer Tochter gegenüber stark einschränkt. Anfangs wirkt sie stumpfsinnig und ihre Selbstisolation ist beklemmend, doch je mehr man über ihre Vergangenheit erfährt, umso besser kann man ihr Verhalten nachempfinden. Dennoch ziehen sich Alexandras Passagen streckenweise unangenehm in die Länge.

Deutlich besser kann man sich in die verzweifelte Lage der verwaisten Mutter Bess einfühlen, die sich seit Jahren nach ihrer leiblichen Tochter sehnt. Hautnah muss man miterleben, wie sie unter dem ungerechten System der Zweiklassengesellschaft leidet. Gemeinsam mit ihr hofft man auf eine Zusammenführung von Mutter und Tochter.

»DIE VERLORENEN« ist ein gut recherchierter Roman, der die verzweifelte Liebe einer verwaisten Mutter in den Mittelpunkt stellt. Durch den einnehmenden und leichtgängigen Schreibstil werden die verzweifelten Situationen der unterschiedlichen Protagonistinnen deutlich und das georgianische London als Kulisse lebendig. Trotz meiner widersprüchlichen Sympathien den Charakteren gegenüber, habe ich die Geschichte gerne verfolgt und trotz seiner Längen hat mich dieser Roman kurzweilig gut unterhalten.

Bewertung vom 25.03.2021
Die Schweigende
Sandberg, Ellen

Die Schweigende


ausgezeichnet

In »DIE SCHWEIGENDE« erzählt die Bestsellerautorin Ellen Sandberg die aufwühlende Geschichte einer Frau, die als Kind der 50er-Jahre in einem Erziehungsheim aufwachsen musste.

Beginnend in der Gegenwart durchlebt Karin eine schwere Zeit. Ihr geliebter Mann verstirbt plötzlich im Alter von 79 Jahren, und er hat ihrer Tochter Imke auf dem Sterbebett einen Schwur abgenommen. Imke soll nach Karins Bruder Peter suchen, den sie vor über 60 Jahren zum letzten Mal gesehen hat. Karin wehrt sich vehement dagegen, die verdrängte Vergangenheit wieder in ihr Leben zu lassen. Zur gleichen Zeit treibt die jüngste Tochter Anne quer und fordert von ihrer Mutter ihren Erbanteil ein.

Die Dynamik zwischen Karin und ihren unterschiedlichen Töchtern kann man nur als kompliziert und schwierig beschreiben. Da Karin in der gegenwärtigen Situation stur, kaltherzig und eigensinnig agiert, steckt man sie schnell in die Klischeeschublade. Wie auch ihre Töchter findet man als Leser*in nur schwer einen Zugang zu ihr und es dauert eine ganze Weile, bis man in die Geschichte einfindet.

Das, was dann im Verlauf der Handlung passiert, ist schwer zu beschreiben und liegt mir immer noch schwer im Magen. Deswegen muss ich an dieser Stelle auch eine Triggerwarnung aussprechen, da es im Roman viele körperliche und seelische Gewaltszenen gibt. Der Titel »DIE SCHWEIGENDE« macht schnell Sinn und es ist nicht leicht, Szenen zu durchleben, in denen zarte Kinderseelen gebrochen werden.

Auf zwei Zeitebenen erzählt Ellen Sandberg Karins Geschichte, die stellvertretend für die unzähligen Schicksale der Heimkinder steht, die unter der grausamen Art der »Pädagogik« und der gnadenlosen Heimerziehung nach dem Zweiten Weltkrieg schwer gelitten haben. Karins Beispiel zeigt, wie sich die traumatischen Erlebnisse eines Menschen auf die nächste und übernächste Generation auswirken.

»DIE SCHWEIGENDE« von Ellen Sandberg erzählt die Geschichte einer Frau, die als Jugendliche seelische und körperliche Qualen durchleben musste. Die eingangs gestellte Frage, wo ihr verschollener Bruder Peter ist, zieht sich wie ein roter Faden durch die Handlung. Auf der Suche nach ihm kommen die verdrängten Erinnerungen aus Karins Vergangenheit erneut ans Tageslicht, und die Hilflosigkeit, die man als Leser*in die gesamte Lesezeit über spürt, ist erdrückend und schmerzhaft. Die realen und schonungslosen Schilderungen sind nur schwer zu ertragen. Dennoch kann ich diesen erschütternden Roman nur loben. Ellen Sandbergt ist es gelungen, den hilflosen und vergessenen Heimkindern der Nachkriegszeit eine Stimme zu geben.