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Benutzername: Volker Jentsch
Danksagungen: 15 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 45 Bewertungen
Bewertung vom 11.06.2021
Der Teufel von Mailand, 6 Audio-CDs
Suter, Martin

Der Teufel von Mailand, 6 Audio-CDs


weniger gut

Der Teufel im Herrn Suter

Dieses Buch gehört in Dennis Schecks Grabbelkiste: (fast) alles ist vorhersehbar, die Bösen bekommen ihre Quittung, die Guten wonach ihnen verlangt (Sonia ihren Bob, Bob seine Sonja und die ehrgeizige Barbara verliert); die Analogien zum Mythos „Teufel vom Mailand“ an den Haaren herbeigezogen. Peinlich ist das acknowlegdement: die vielen Dankessprüche für all die Hochwürden, die beim Text geholfen haben, sollen dem Text wohl Gewicht und Ansehen verleihen. Anmerken muß ich aber, daß mir die Beschreibung der unentwegten Wolkenbildung gefallen hat.
Die Vielstimmigkeit der Lobeshymnen auf Suters „Teufel“ zeigt, daß ich mit meiner Kritik ziemlich daneben zu liegen scheine. Dafür gibt es eine Erklärung: Ich habe das Buch im stillen Kämmerlein gelesen. Habe dabei festgestellt, daß ich den falschen Ort gewählt habe und außerdem nicht der richtige Typ bin. Ich stelle mir da eher die eingeölte Person am Swimmingpool vor, die vom Buch abgeschirmt, gelangweilt, hin und wieder, die Umgebung abscannt, ob da nicht doch etwas Passendes vorbeikommt.

Bewertung vom 11.06.2021
Der Club
Würger, Takis

Der Club


gut

Takis' verunglücktes Finale

Wenn der bücherwerfende Herr Scheck von der ARD das vorliegende Buch „ein ganz großes“ genannt haben soll, bin ich versucht anzunehmen, dass es sich um ein ganz kleines handelt. Das wiederum wäre ungerecht. Aber beeindruckt hat „Der Club“ mich nicht.
In diesem Buch geht es hart her. Es wird viel getrunken, gekotzt, geschlagen, geblutet. Gerächt. Und ̶ vergewaltigt. Ähnlich ist der Sound. Taff und meist knapp. Am Ende fast jeden Absatzes nach aufregendem Vorspiel kommt (natürlich nicht zufällig) eine Belanglosigkeit. Nach meinem Geschmack sind die Sätze zu sehr auf Effekt angelegt. Eben Spiegel-Stil.
Der Kontrast: die mit Brüchen besetzte, vorsichtige Liebe zwischen Hans und Charlotte; das feine Essen, die geschneiderten Anzüge, die erlesenen Getränke.
Interessant fand ich die Strukturierung des Buchs. Alle Akteure/Akteurinnen dürfen ihre Sicht der Dinge in eigens für sie reservierten Artikeln darstellen. Aber ist das neu oder auch schon in anderen Büchern ausprobiert worden?
Der Schluss scheint mir das eigentliche Manko des Buches zu sein. Da ist dem Autor und Boxer buchstäblich die Puste ausgegangen. Mir gefällt nicht, dass der Held der Geschichte, ähnlich einem mittelmäßigen CIA-Agenten, hintenherum den Fall zu lösen versucht. Ich plädiere für einen anderen Schluss (Takis, hören Sie mich?) Hans sollte Josh fordern und ihn im Kampf Mann gegen Mann niederstrecken. Diesen so büßen lassen, was er seiner Charlotte angetan hat. Für Charlottens Vater hätte er den Billy angeheuert, der es ihm ordentlich besorgen würde. Allerdings gibt es für dieses Finale eine Einschränkung: die Gewichtsklasse. Josh scheint mir eine höher als Hans zu sein. Aber durch gute Technik hätte das Hans vergessen lassen.
Was für mich aber wirklich schwer wiegt: trotz aller Bemühung des Autors will bei mir keine Sympathie, weder für Charlotte noch für die verbitterte Alex (die ich zunächst des Namens wegen für einen Mann hielt) aufkommen. Und leider, ich kann es nicht ändern, am wenigsten für den Hans.
Takis Würgers anderes Buch, die „Stella“, fand ich übrigens viel besser.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 11.06.2021
Königskinder
Capus, Alex

Königskinder


gut

Eingeschneit

Die Geschichte ist schön erzählt, wie auch so manche andere, die Alex Capus aus der Feder fließt. Zufrieden legt die Leserin, natürlich auch der Leser, das Buch zu den anderen, nachdem gegen Ende der Geschichte die zwei Schweizer Bauernkinder, mit Hilfe der wohlmeinenden Prinzessin, zueinander finden. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn es anders gekommen wäre. Alexis Ansehen wäre von heute auf morgen vom hohen Gipfel ins tiefe Tal gestürzt.
So gut das eine, so überflüssig das andere: Die häufig eingeschobenen Kabbeleien zwischen Mann und Frau von heute, alias Tina und Max oder Herr und Frau Capus, fand ich doch recht aufgesetzt. Ich weiß nicht, wie es anderen Lesern ergangen ist, aber bei mir verdichtete sich der Eindruck, daß parallel zum Märchen, auch im Auto noch irgendetwas Außergewöhnliches passieren würde. Was nur bloß? Durchaus denkbar, daß aus dem Geplänkel ein Liebesakt, oder so was ähnliches erwachsen könnte. Erleichterung, daß es dazu nicht kam. Dafür war es, glücklicherweise, wohl zu kalt im Auto. Die Geschichte von Tina und Max endet ganz schweizerisch. Bei der Polizei wegen Verkehrsvergehen. Und der Steinbock sieht zu.

Bewertung vom 11.06.2021
Wütendes Wetter
Otto, Friederike

Wütendes Wetter


gut

Wutausbrüche des Wetters

Zuallererst: Der Titel ̶ wütend, weil ihm stetig steigende Konzentration von Kohlenstoff in der Atmosphäre zugemutet wird? Oder ein Wüterich, der mit Menschen und Natur macht was es will? Aber eins nach dem anderen.
Frau Ottos Vermutung ist, dass die extremen Wetterereignisse, wie Starkregen, Orkane und Hitzewellen, als auch deren Gegenteile, wie Dürre, Flaute und Kältewellen von der zunehmenden CO2 ̶ Konzentration in der Luft beeinflusst werden. Die Beeinflussung beinhaltet: kürzere Wiederholzeiten, größere Intensität und womöglich auch größere zeitliche und räumliche Ausbreitung. An sich ließe sich auch das genaue Gegenteil vermuten. Ereignisse der extremen Art werden seltener, schwächer, kürzer. Wahrscheinlicher (und natürlich viel interessanter) ist ersteres.
Bei der Vermutung bleibt es nicht. Frau Otto weist nach, oder behauptet, nachgewiesen zu haben, dass ein großer Teil der von ihr untersuchten Beispiele durch die Klimaänderung beeinflusst werden, und sie ermittelt Zahlen ̶ die Eintrittswahrscheinlichkeit verdoppelt, verdreifacht oder verzehnfacht sich, je nachdem. Sie hat aus ihrer Sicht eine neue Wissenschaft geschaffen, sie nennt das Attributionswissenschaft („event attribution science“).
Hat sie das? Zusammenhänge zu finden ist immanenter Bestandteil jeder Wissenschaft. Im Zeitalter der Epidemiologie untersucht man z.B. die Assoziation von Lungenkrebs und Rauchen. Bekanntlich ist die Sterblichkeit wegen Lungenkrebs weitgehend auf das Rauchen zurückzuführen. Das attributable Risiko der Exponierten beträgt mehr als 90%. Allerdings ist eine Assoziation, auch wenn sie statistisch signifikant ist, nicht notwendig auch kausal.
Unstreitig ist, dass Frau Otto sich einer wirklich wichtigen Fragestellung angenommen hat, und dass, solange nicht das Gegenteil bewiesen ist, ihre Resultate plausibel erscheinen. Ob allerdings aufgrund höherer Kohlenstoff-Anteile in der Luft ein Hurrikan mit einer Wahrscheinlichkeit daherkommt, genau einmal in hundert statt in tausend Jahren aufzutreten, mag diskutiert werden. Dass er wahrscheinlicher wird, dessen ist sich Frau Otto gewiss. Was übrigens viele aus der Szene, allerdings wohl ohne die wissenschaftliche Grundierung, die Frau Otto erarbeitet hat, schon des längerem im Fernsehen verkünden.
Aber wie ist das Ganze im Buch verarbeitet? Es geht ordentlich durcheinander. Berichte über den Harvey-Wirbel wechseln mit Erläuterungen zum Klima; es gibt kurze Beschreibungen der benutzten Verfahren, Ergebnisse, gelegentliche Rückschläge, aber vor allem Erfolge, schnelle Erfolge, bei den Wissenschaftlern und mehr noch bei begierigen Redakteuren. Ich hätte mir aber eine deutlich präzisere, gleichwohl umgangssprachliche Beschreibung der zugrunde liegenden Methoden gewünscht, auf denen die von Frau Otto und Mitarbeiterinnen erzielten Resultate aufbauen. Vielleicht so:
1. Schritt: Ich untersuche die verfügbaren Daten nach Starkregen. Definiere Starkregen nach dieser oder jener Regel. Konstruiere ihre Verteilung und berechne ihre (empirische) „return period“. 2. Schritt: Nehme Modelle, beschreibe sie in Kürze, die einen für ein Klima mit zunehmender Kohlenstoff ̶ Belastung, die anderen ohne. 3. Schritt: Erzeuge („würfele“) aus diesen theoretische Extremereignisse. 4. Schritt: Vergleiche die Eintrtttswahrscheinlichkeiten aus den beiden. 5. Schritt: Gleiche das mit den empirischen ab. Erhalte so die gewünschte Differenz der Eigenschaften der Ereignisse mit und ohne Verschmutzung, jetzt evidenzbasiert. 6. Schritt: Berechne die Unsicherheit der Ergebnisse (das dürfte der schwierigste Part sein).

Bewertung vom 11.06.2021
An das Wilde glauben
Martin, Nastassja

An das Wilde glauben


sehr gut

Von den Wilden lernen
Was, wenn nicht ein Buch, als Nachspiel zum Bären-Ereignis, das so extrem, so einzigartig ist! Denn wer hat je davon gelesen, dass die Angegriffene, schwer verletzt, den bärenstarken Angreifer in die Flucht schlägt? Von daher alle Punkte für die Autorin.
Das Ereignis hat, wie alle extremen, zwei Seiten: die schlechte ist die körperliche Verwundung von Frau Martin, die gute ist die einzigartige Gelegenheit, daraus eine Erzählung zu machen, die sie, so scheint mir, zu einer vielgelesenen und vielgepriesenen Schriftstellerin gemacht hat.
Aber da ist ihre Lebenskrise, ihr zwiespältiges Verhältnis zur modernen Welt. Jedenfalls ist es ein Leiden an der Welt, das schon vor dem Ereignis bestand, jenseits der monatewährenden Schmach, die sie empfindet, wenn die Öffentlichkeit mitleidsvoll ihrer kaum verheilten Wunden gewahr wird. Einerseits ist sie die Wissenschaftlerin, französischer clarté verpflichtet, die sich vorgenommen hat, anthropologische Feldstudien unter dem Gesichtspunkten der „Alterität, Insularität, Liminalität“ im unwirtlichen Kamtschatka zu machen. Wissenschafts-konform sieht sie das Bären-Ereignis folglich als ein zufällig-mögliches, wenngleich extrem unwahrscheinlichen Ereignis. Ihr Studienobjekt ist eine zurückgebliebene, ungebildete Jäger und Sammler-Welt, wo allenfalls der Kühlschrank und (wen wundert‘s) das Smartphone an die herkömmliche Welt erinnern...
Andererseits fasziniert sie das Leben dieser Leute, ihr direkter Zugang zur Natur, ihr Glaube an Übersinnliches, Metaphysisches. So wird aus dem Bären als Aggressor der Bär der Erlöser, der ihre wunde Seele heilt; insofern die Begegnung natürlich keine zufällige, sondern vorherbestimmte ist, eine Sichtweise, der man sich, a posteriori eines extremes Ereignisses, zugegebenermaßen nur schwer entziehen kann. Zeichen und Vorzeichen werden bemüht, um das Ereignis zu deuten. Und am Ende wird aus dem Angriff des Bären ein etwas gewalttätiger Kuss, der sie erlöst, ihre Seele transzendieren lässt (als Tierfreund stellt sich mir übrigens die Frage: was ist aus dem Bären geworden? Den sie, folgt man ihrer Darstellung, nicht unerheblich verletzt hat? Er dürfte in keiner Klinik, weder einer russischen, noch einer französischen behandelt worden sein).
Die Erzählung hat mir auf den ersten 100 Seiten gefallen. Danach, als alles mehr oder weniger um ihre Befindlichkeit kreist, hatte ich Mühe, weiterzulesen. Für meinen Geschmack nahmen Mythen, Determinismus, Naturromantik oder wie immer man ihre Hingabe an das „Wilde“ nennen mag, überhand. Vieles habe ich dann auch nicht mehr verstanden, vor allem wenn es um ihre Erklärung der Welt ging; es wurde dunkel, wo Licht die bessere Lösung gewesen wäre. Denn was heißt das, am Ende der Erzählung: Die Ungewißheit: ein Versprechen von Leben??

Bewertung vom 23.12.2018
Herkunft
Strauß, Botho

Herkunft


sehr gut

Ein Buch für ungestörte Stunden
Über Herkunft und Leben von bekannten und weniger bekannten Leuten gibt es vermutlich allein im deutschen Sprachraum fast unendlich viele Bücher. Dieses Buch, von Botho Strauß verfaßt, halte ich für ein besonderes. Es handelt sich um die aneinandergereihten Szenen aus dem Leben seiner Familie, die fünfzig, sechzig und mehr Jahre zurückliegen: sie erzählen über den kriegsversehrten, Form und Charakter haltenden, strengen gleichwohl liebevollen, kultivierten Vater, die von Frohsinn geprägte (schöne) Mutter, eine gütige Großmutter, inspirierende Lehrer und immer wieder über die kleine Stadt am trägen Fluß. Vorgetragen in behutsamer, jedes Wort wägende, erfindende, hochgradig empfindliche Sprache. Unterschiede und Ähnlichkeiten zwischen Vater und Sohn nachzeichnend, Eigenschaften nachsinnend, die der Vater dem Sohn, durch sein Verhalten, seine bloße Existenz, aufgeprägt hat. Eine schmerzliche Stimmung geht durch das Buch, unvermeidbar wohl, wie aus ähnlichen Büchern bekannt, wenn der Autor dem Unwiederbringlichen nachtrauert, die Arglosigkeit und Beherztheit des Heranwachsenden, für Augenblicke zumindest, zurückwünscht.
Besonders stark die Passage über die Mutter (S.79-81), die erst gegen Ende des Buches größere Beachtung findet, die ich in Form und Inhalt gerne auch über meine Mutter hätte schreiben wollen...
Natürlich sehe ich mich auch in diesem Buch mit dem für Strauss charakteristischen Dickicht seiner Tiefenreflexionen konfrontiert, die mir im Sinn verschlossen, in ihrem Pathos übermäßig erscheinen. Seite 48 bietet ein beredtes Beispiel. Was ist ein atmosphärischer Gewinn? Was die Weißung des Wissens? Oder Seite 62: „Akute Erinnerung kennt nur Damals-Unmittelbarkeit, Damals-Überwältigung“. Ich wäre auch neugierig auf sein neues Haus in Berlin (oder der Uckermark?), „das keine weiblichen Höhlungen besitzt.“ Vieles mehr ließe sich anführen, was besser unterbleibt, würde es doch allein dadurch unverständlicher, weil aus dem Kontext genommen.
Ein Buch für ungestörte Stunden, in der einsamen Berghütte vor dem Schlafengehen, zum Beispiel.

Bewertung vom 23.12.2018
Sieben Nächte
Strauß, Simon

Sieben Nächte


gut

Sieben Nächte Schaum vorm Mund

Dieses Buch ist die trotzige Antwort auf die Verhaltensweisen des wohlmeinenden deutschen Durchschnittsmenschen: der Autor möchte anders sein, mutig sein, männlich sein, die Gefahr nicht scheuen, Gefühle kultivieren. Das ist nichts Neues, erinnert an die romantische Sturm und Drang Attitüde, ins 21.Jahrhundert transponiert. Allerdings mit einem modernen Sound, der aggressiv-pointiert-boshaft die Lächerlichkeiten aufspießt, denen nicht nur der Autor, sondern wir alle auf der Straße, in den Geschäften, in den Netzen und den Bars, sofern wir letztere aufsuchen, Tag für Tag begegnen. Ja, das Buch hat mich immer wieder zum Lachen gebracht. Der Ton ist das Beste daran.
Alles andere halte ich für wenig geglückt. Allem voran die ungeschickte Dramaturgie um die sieben Totsünden, den Pakt mit dem Teufel (?), der nicht aufgeht – eine blasse Konstruktion, die dem Buch eher schadet als nützt.
Im Übrigen: hier schreibt ein Privilegierter über seinen Traum, ein Ungebändigter zu werden, der stark genug ist, um sein eigenes, von Vorschriften freies Leben zu führen. Würde es Realität, würde dieser schon jetzt Gebändigte davor flüchten. Das gibt er freimütig zu. Also alles nur geschrieben, um Aufsehen zu erwirken? Ja und nein. Immerhin habe ich, ein eher alter Mann, das Buch des eher jungen Mannes mit Vergnügen gelesen.
Anders sein, mutig werden, die Gefahr nicht scheuend, wem daran wirklich gelegen ist, wird sich Ernsthafterem zuwenden, wie etwa dem „Empört Euch“ von Stephane Hessel.

Bewertung vom 23.12.2018
Die Hauptstadt
Menasse, Robert

Die Hauptstadt


gut

Brüsseler Allerlei
Würde ich das Buch kommentieren, wenn es landauf, landab mit weniger Lorbeer behängt worden wäre? Ich würde nicht. Schon gar nicht, wenn dessen Kapitel mit Untersprüchen beschwert werden („Wenn wir in die Zukunft reisen könnten, hätten wir noch mehr Distanz“, u.a.), deren Sinn und Zusammenhang mit dem Folgenden mir regelmäßig verschlossen blieben. Und dennoch tu ich es. Korrumpiert vom vielen Lorbeer?
Ich konzentriere mich auf eine Gestalt in Menasses Werk, eine von den vielen, die durch Brüssels Straßen, Kneipen, Gebäude laufen, vielleicht doch eher irren, essen, schlürfen, schwitzen, intrigieren, von ihren körperlichen und psychischen Schmerzen und der unaufhörlichen Hitze gepeinigt werden. Auf eine aus dem umfangreichen „Personal“ (Bezeichnung von S. Prokopp, einer Amazon-Kommentatorin): den Herrn Professor Erhart. Dieser gelehrte Österreicher hält eine aufrührerische Rede vor einem von der EU finanzierten „think tank“. Es geht um Europas Zukunft, insbesondere die wirtschaftliche. Nach mehreren Anläufen, die vom Autor unterbrochen werden, weil es zwischendurch auf jeweils hundert Seiten ja auch anderes zu berichten gibt (so daß ich immer wieder rekapitulieren mußte, wer denn bloß noch dieser Erhart ist), kommt es endlich. Es muß etwas Großes kommen, es muß der Kulminationspunkt des Romans sein, dachte ich, was sonst hätte die gespreizten Wege von Erhart durch Brüssel gerechtfertigt, bis er loswerden kann, was ihm auf den Nägeln brennt? Doch der Berg kreißte und gebar eine Maus. Das Elend der Ökonomie, so Erhart, sei ihr nationalistischer Charakter. Und Auschwitz müsse europäische Hauptstadt werden.
Alles in allem: ein Buch mit bescheidener Dramaturgie, ein Behälter für Geschichten und Gestalten, die den berühmten roten Faden vermissen lassen. Die Bücher von Menasses Schwester Eva gefallen mir besser. Der Bruder wird’s mir verzeihen.

Bewertung vom 09.02.2018
Die Weisheit der Wölfe
Radinger, Elli. H.

Die Weisheit der Wölfe


sehr gut

Das Menschliche im Wolf

Oder das Wölfische im Menschen? Wenn der Wolf in eine Schafherde einbricht, reißt er nicht eins, um seinen Hunger zu stillen, sondern gleich alle, um seine Gier zu befriedigen.
Die Autorin will der Leserschaft weismachen, daß kein Tier dem Menschen so nahe kommt wie der Wolf. Mehr noch: Menschen können vom Wolf lernen, was Gemeinsinn und respektvollen Umgang betrifft. Sie stützt ihre Werbung auf Vermutungen, die auf eigenen Beobachtungen basieren. Die entbehren nicht einem gewissen Reiz und lassen den Wolf tatsächlich als fürsorgliches, soziales, sensibles, überaus bemerkenswertes Tier erscheinen. Da auch ich dem Wolf viel abgewinnen kann (ohne ihn allerdings im Mindesten zu kennen), habe ich das flott geschriebene und schön bebilderte Buch gerne gelesen. Auch wenn Frau Radinger in ihrer Liebe zum Wolf gelegentlich weit über das Ziel hinausschießt. Aber Liebe macht ja bekanntlich blind.
Interessant fand ich, was die Autorin unter der albernen Überschrift „Nur mal kurz die Welt retten“ ausführt. Hier geht es um die Wirkung des Wolfs auf das Ökosystem. Die Wechselwirkungen sind wie ich vermute, beileibe noch nicht vollständig erforscht und verlangen Computermodelle, in denen mehr als nur die einfachen Räuber-Beute Beziehungen wiedergegeben werden (auch wenn diese schon überraschende Resultate hervorbringen). Es werden, ganz im Sinne der Autorin, mehr Variable berücksichtigt werden müssen und mehr Daten benötigt, um die Wirkung von der Wiederbelebung des Wolfs in unseren Wäldern realistisch abschätzen zu können.

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