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zu den Top-Rezensenten

Benutzername: Gela
Wohnort: Niedersachsen
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Danksagungen: 9 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 65 Bewertungen
Bewertung vom 20.08.2019
Das Haus der Verlassenen
Gunnis, Emily

Das Haus der Verlassenen


sehr gut

Schwanger, diese Nachricht bedeutet glücklich über einen neuen Erdenbürger zu sein. Mutter zu werden. Doch 1956 ist Ivy alles andere als glücklich. Ihr Geliebter wendet sich von ihr ab und antwortet nicht auf ihre verzweifelten Briefe. Ihr Stiefvater schickt sie in ein Heim für ledige Mütter. Und hier in St. Magaret tut sich die Hölle für Ivy auf.

Emily Gunnis hat ein schreckliches Kapitel der Vergangenheit geöffnet. Schonungslos, detailliert und emotional schildert sie Ivys verzweifelten Überlebenskampf unter dem Regime grausamer Nonnen. Ärzte, Beamte alle verschließen den Blick und unterstützen somit die Behandlung der jungen Mädchen. Sklavenähnlich gehalten, ihrer Kinder beraubt, gibt es für diese Menschen keinen Lichtblick mehr.

Parallel zur Vergangenheit schildert ein Erzählstrang im Jahr 2017 wie die Journalistin Sam in der Wohnung ihrer Großmutter alte Briefe findet. In den Briefen schreibt Ivy ihrem Geliebten, fleht ihn an, ihr zu helfen. Sam wird neugierig und beginnt zu recherchieren. Die Gegenwart gleicht eher einem Krimi mit undurchsichtigen Gestalten, schillernden Persönlichkeiten und persönlichen Beziehungen.

So ganz wollen Vergangenheit und Gegenwart nicht miteinander harmonisieren. Mir waren die Sprünge zu unvorhersehbar und der Plot am Ende hätte nicht sein müssen. Ivys Geschichte hätte allein für einen bewegenden Roman ausgereicht.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 02.04.2019
Geheimnisse / Prinzessin undercover Bd.1
Glynn, Connie

Geheimnisse / Prinzessin undercover Bd.1


sehr gut

Durch eine Verwechselung halten die Schüler des Eliteinternats Rosewood Hall die bescheidene neue Schülerin Lottie für eine inkognito auftretende Prinzessin. Als sich herausstellt, das eigentlich ihre neue Zimmergenossin Elli diese Prinzessin ist, tauschen sie kurzerhand die Rollen. Lottis größter Wunsch einmal Prinzessin zu sein, geht in Erfüllung und auch Ellie freut sich darauf, endlich einmal als normales Mädchen auftreten zu können. Was als Spaß anfängt, entwickelt sich schnell zu einem gefährlichen Spiel.

"Prinzessin undercover" ist ein Reihenauftakt empfohlen für die Altersgruppe ab 12 Jahren. Rollentausch ist keine neue Idee, aber es macht Spaß zu sehen, wie es ist, in eine neue Rolle zu schlüpfen. Die Autorin versteht es, gerade die angesprochene Altersgruppe in eine andere Welt zu entführen. Zwei Mädchen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, entwickeln eine Freundschaft, die anfangs auf wackeligen Beinen steht und erst durch einschneidene Erlebnisse gefestigt wird. Lotti erzählt hauptsächlich aus ihrer Perspektive, so dass man sich ihr sehr nah fühlt. Man muss sie einfach mögen. Ellie hat einen sehr starken Wesenszug und führt sich gar nicht prinzessinnenhaft auf, man merkt wie wichtig es für sie ist, aus ihrem goldenen Käfig auszubrechen. Doch gerade als beide sich in ihren Rollen wohlfühlen, taucht Jamie, Ellies Leibwächter auf, um zu verhindern, dass das Rollenspiel außer Kontrolle gerät.

Der Spannungsbogen wird schnell aufgebaut und merkt spürt,dass es um geheime Ränkespiele geht, Gut und Böse sind nicht einfach zu erkennen. Einige Charaktere scheinen anfangs klar und deutlich skizziert, entwickeln aber im Laufe der Zeit düstere Züge.
Auch wenn einige Passagen etwas überzogen dargestellt werden, geht es hauptsächlich um Vertrauen, Freundschaft, sich selbst zu vertrauen und zu mögen und natürlich auch um die Liebe. Es macht Lust auf den zweiten Band.

Bewertung vom 22.07.2018
Wahrheit gegen Wahrheit
Cleveland, Karen

Wahrheit gegen Wahrheit


gut

Als Spionageabwehr-Analystin steht Vivian Miller kurz vor einem revolutionärem beruflichen Erfolg. Ihr ist es gelungen, einen russischen Agentenführer per PC-Zugriff ausfindig zu machen. Die auf dem Rechner befindlichen Fotos zeigen sogenannte Schläfer, die in den USA auf ihren Einsatz warten. Ein Bild zeigt einen Mann, den Vivian vermeintlich seit vielen Jahren gut kennt. Doch ist ihr Mann Matt, der liebevolle Vater und Ehemann, der er zu sein scheint?

Karen Cleveland verspricht einen spannenden Thriller, doch die anfängliche Dramatik ebbt nach den ersten Seiten schnell ab. Statt die Spannung zu halten und den Konflikt zwischen Familie und Beruf herauszuarbeiten, werden Rückblicke eingeflochten, die den Spannungsbogen zerreissen. Dabei würde die Romanhandlung durchaus genügend Stoff für einen hevorragenden Thriller liefern. Leider verliert sich die Autorin zu oft in harmlosen Schilderungen, z.B. wie es zu den Schwangerschaften kam, die Reaktion von Matt darauf und all das fast neutral beschrieben.
Vivian mag unter Schock stehen, aber man hat nicht das Gefühl, dass die Hauptprotagonistin wirklich mit Herz und wachem Verstand agiert. Hier geht es um ihre Familie, den Mann, den sie über alles liebt, die in Gefahr schwebenden Kinder und trotzdem möchte man sie an einigen Stellen rütteln und ihr mehr Leben einhauchen.
Das Drama nimmt seinen Lauf, als klar wird, dass die Russen nicht einfach klein beigeben werden. Am Ende gibt es eine unvorhersehbare Wendung, die den Leser tatsächlich überrascht. Das Ende lässt Fragen offen und könnte auf eine Fortsetzung hinweisen.

Mir fehlte für einen Thriller die notwendige Spannung. Ein interessantes Spionage-Thema aus Frauensicht betrachtet und mehr ins Genre Drama passend.

Bewertung vom 05.03.2018
Der Schein
Blix, Ella

Der Schein


sehr gut

Ein Internat ohne Handyempfang mitten im Nichts einer kleinen Ostseeinsel, was kann es Schlimmeres für einen Teenager geben. Genauso sieht es die 16-jährige Alina, als ihr Vater sie für sechs Monate ins Internat Hoge Zand schickt. Fern vom Großstadtleben hadert sie mit ihrem Schicksal, bis sie ein geheimnisvolles schwarzes Schiff am Horizont entdeckt. Niemand scheint etwas Genaueres darüber zu wissen oder schweigt absichtlich. Alina macht sich allein an die Lösung des Rätsels und wagt sich in das verbotene Naturschutzgebiet.

Das Autorenduo Antje Wagner und Tania Witte, die das Pseudonym Ella Blix für diesen Jugendroman verwendet haben, hat eine Mischung aus Fantasy, Humor und Science-Fiction für die Zielgruppe ab 12 Jahren geschaffen. Erzählt in der Ich-Perspektive begleitet der Leser Alina zuerst bei der Anreise per Schiff, die sehr unterhaltsam und locker ausfällt. Abwechslungsreich wie der Schreibstil ist auch die Handlung. Wer denkt, schon wieder eine Internatsgeschichte, der liegt falsch. Hier stehen die Charaktere im Vordergrund. Besonders der kauzige Kioskbetreiber Mühlstetter mit einem besonderen Geheimnis ist besonders gelungen.

Alina ist schnell dabei, Menschen in Schubladen zu stecken. Die Einheimische Cara wird von ihr, wegen derer Leidenschaft für Rosa und ihrer vollen Körperformen sofort als einfältig und unsportlich eingestuft. Ihre Zimmergenossin landet in der Schublade "Pflanzenfreak" und wird von Alina ignoriert. Auch die über das Wochenende verbleibenden Schüler, die sich selbst "Lonelies" nennen, scheinen vor Alina keine Gnade zu finden. Erst als Alina sich für das Geheimnis des Schwarzen Schiffes interessiert und bei ihrer gefährlichen Suche im Naturschutzgebiet Unterstützung benötigt, lernt sie, wie sehr sie sich in den Menschen getäuscht hat. "Die Schubladen in meinem Hirn klapperten hilflos auf und zu".

Im Naturschutzgebiet, das sie eigentlich gar nicht betreten darf, begegnet Alina der geheimnisvollen Tinka. Irgendetwas verbindet die beiden unterschiedlichen Mädchen. Doch bevor sie sich richtig kennenlernen, verlieren sie sich auch schon wieder aus den Augen. Anhand von Tagebucheinträgen kann man Alinas Gedankenwelt gut folgen. Obwohl sie nach außen sehr tough wirkt, ist sie sehr verletzlich und leidet unter schlimmen Träumen. Sie vermisst ihre Mutter, die spurlos verschwand. Man spürt, dass hier durch geschickt eingeflochtene Spuren ein Geheimnis gelüftet werden wird.

Der Spannungsbogen wird gekonnt aufgebaut, bis es zu einer entscheidenden Fahrt aufs Meer kommt, die mehr als lebensgefährlich wird. Am Ende überschlagen sich die Ereignisse und die überraschende Lösung wird sicherlich nicht jeden überzeugen, ist aber dennoch in sich schlüssig und gelungen.

Nicht nur Jugendliche werden hier gut und fesselnd unterhalten.

Bewertung vom 02.12.2017
Der Club, 5 Audio-CDs
Würger, Takis

Der Club, 5 Audio-CDs


sehr gut

Für den Waisen Hans Stichler bedeutet das Boxen eine Flucht aus dem Alltag. Im Jesuiteninternat in Bayern lernt er von Pater Gerald das Kämpfen. Seine Tante Alex bietet ihm ein Stipendium für die Universität Cambridge an, stellt aber eine Bedingung. Hans soll als Mitglied im elitären Pitt Club aufgenommen werden, um dort im Verborgenen ein Verbrechen aufzuklären. Die reiche und unnahbare Charlotte stellt die notwendigen Verbindungen her. Eine Welt voller Traditionen, Geheimnisse, Geld und Verbindungen öffnet sich Hans und stellt ihn vor die Wahl.

Märchenhaft beginnt Takis Würger sein Debüt, welches eine Mischung aus Entwicklungsroman und Krimi bildet. Ein Haus mitten im einsamen niedersächsischen Wald und ein Kind, das fast nicht geboren wurde, sich lieber versteckt und auf dem Baum ausharrt, als mit anderen Kindern zu spielen. Der stille und schüchterne Hans Stichler, der aus der Ich-Perspektive erzählt, hat mich sofort für sich eingenommen. Er leidet spürbar unter dem Tod seiner Eltern, für den er sich zu Unrecht die Schuld zuschreibt. Statt bei seiner letzten Verwandten, der Kunsthistorikerin Alex, aufgenommen zu werden, kommt er an ein Jesuiteninternat. Auch hier bleibt Hans allein, findet keinen Anschluss und boxt sich im wahrsten Sinne des Wortes durchs Leben.

Episodenhaft wechseln die acht Erzähler. Durch die flüssige, ruhige und schnörkellose Schilderung erhält der Hörer einen detaillierten, ungefilterten Blick auf das Geschehen. Gleichzeitig wird dadurch eine Spannung aufgebaut, der man sich kaum entziehen kann. Immer wenn man bei einem Erzähler bleiben möchte, wechselt die Perspektive. Ungewöhnlich feinfühlig, vielschichtig und einfühlsam werden Gefühle eingefangen, die man zum Beispiel in einem Boxring nicht erwarten würde.

Dem Autor gelingt es besonders gut, die Atmosphäre dieser traditionsbehafteten Universität einzufangen. Man spürt die Macht, die von diesem Ort ausgeht und riecht das alte Geld, das an den edlen Polstern und Möbeln zu haften scheint. Unzählige elitäre Clubs, geheime Verbindungen und nur wer dazugehört, der hat es geschafft. Viele lassen sich auf ein Spiel ein, aus dem sie nicht unversehrt herausgehen können. Das Verwischen von angenommenen Wahrheiten und der tatsächlichen Realität zeigt sich besonders bei dem narzisstisch versnobten Josh.

"'Es gibt nur zwei Typen von Menschen in Cambridge. Die einen sind reich, die anderen versuchen, reicher zu wirken, als sie sind', sagte er."

Coole Typen in gut geschnittenen Anzügen, Alkohohl in Ströhmen und schöne Frauen. Die Partys und Ausschweifungen im Pitt Club lassen erahnen, um was für ein Verbrechen es sich handeln muss. Doch das eigentliche Verbrechen liegt im Vertuschen, Gutheißen, Wegsehen. Jeder spielt perfekt seine Rolle, versteckt sich hinter einer Maske. Hans steht am Ende allein vor der Entscheidung Freundschaft oder Verrat zu wählen. Die Auflösung ist vielleicht eine Spur zu heroisch dramatisch ausgefallen, glaubhaft aber durchaus.

Dieser Roman mit seinen verschiedenen Erzählperspektiven ist wie gemacht für ein Hörbuch. Fesselnde Sprecher wie Anna Maria Mühe oder Hartmut Stanke machen den Roman zu einem besonders erlebbaren und empfehlenswerten Hörgenuss.

Bewertung vom 02.12.2017
Herz auf Eis
Autissier, Isabelle

Herz auf Eis


ausgezeichnet

Wer träumt nicht davon aus dem Alltag auszusteigen und die Welt kennenzulernen. Louise und Ludovic machen den Traum wahr und umsegeln während eines Sabbatjahres die Welt. Eine einsame Insel südlich von Kaphorn im kalten Atlantik reizt die beiden Bergsteiger, denn hier wartet ein Gletscher auf sie. Während der Klettertour zieht ein heftiger Sturm auf, der die Rückkehr zur Jacht unmöglich macht. Dann der Schock am nächsten Morgen: Das Schiff hat sich losgerissen und ist verschwunden. Fern aller Zivilisation kämpfen die Steuerbeamtin und der Kommunikationswissenschaftler ums nackte Überleben.

Isabelle Autissier hat einen so eindringlichen und plastischen Schreibstil, dass man sich von der Handlung mitreißen lässt. Die Autorin spiegelt die tiefsten existenziellen menschlichen Ängste in einer extrem spannungsgeladenen Geschichte wider. Dazu kommen die Naturschilderungen, die bildhaft die Schönheit und gleichzeitige Unerbittlichkeit der Landschaft zeigen. Man spürt förmlich selbst die raue Gletscherkruste und die Kraft des eisigen Windes. Zwei Großstadtmenschen mit einer Handvoll Habseligkeiten allein auf einer einsamen Insel. Um zu verstehen, was mit den beiden passiert, gibt es einen Rückblick auf die Zeit ihres Kennenlernens. Dabei spielen ihre unterschiedlichen Charaktere eine große Rolle. Hier geht es um viel mehr, als um den existenziellen Kampf gegen Kälte und Hunger.

"Wenn es um das Leben, um den Tod, um Entscheidungen von größter Wichtigkeit geht, zählt der andere nicht mehr. ..... Das ist unbedingtes Recht, ihre Pflicht sich selbst gegenüber."

Die Wahrung der eigenen Würde, das Begreifen des Menschseins wird zu einer immer größeren Bürde. Zwei sich vertrauende, liebende Menschen stehen am Abgrund ihres Lebens und diese Zerrissenheit ist unglaublich intensiv beschrieben. Man bekommt ein Gefühl dafür, wie schnell man aus der vermeintlich sicheren Komfortzone herausgerissen werden kann und was von einem übrig bleibt, wenn nichts weiter als das Überleben bleibt.

Diese Geschichte rüttelt auf, führt an Grenzen, die man selbst nie erleben möchte und ist ein Spiegel, der den Leser auffordert, sich selbst zu erforschen.
Ein eindringlicher und empathischer Roman, der ein ganzes Spektrum an Emotionen hervorruft und mich begeistert hat.

Bewertung vom 02.12.2017
Acht Berge
Cognetti, Paolo

Acht Berge


sehr gut

Literarische Bergwanderung

Grana, ein abgelegenes Bergdorf im Monte-Rosa-Massiv ist im Sommer Pietros Heimat. Fern der städtischen Hektik Mailands genießt der Junge seine Freiheit in den Bergen. Zusammen mit dem Viehhirten Bruno, dessen Freundschaft ihm immer mehr bedeutet, erkundet er das verlassene Dorf und bezwingt die raue Natur. Als Dokumentarfilmer zieht es Pietro hinaus in die Welt, doch Grana bleibt sein Rückzugsort und Bruno ein fester Bestandteil darin.

Paolo Cognetti lässt den Leser an seiner Leidenschaft für die Berge spürbar teilhaben. Sie sind die unerschütterlichen Hauptdarsteller dieses leisen Buches. Auch wenn sich im Tal die Welt verändert, der Wildbach bezwungen wird und Straßen die Landschaft zerteilen, die Berge thronen weiter über dem Tal. Die Protagonisten sind aus unterschiedlichen Gründen mit ihnen verbunden. Pietros Vater scheint besessen davon zu sein, alle Berge zu bezwingen. Rücksichtslos sich selbst und seinem Sohn gegenüber, rastlos, bis der Gipfel erreicht ist.

" 'Von hier sieht alles so klein aus, nicht wahr?', sagte er, ohne dass ich das nachvollziehen konnte. Ich verstand nicht, wie er dieses majestätische Panorama klein finden konnte. Oder kamen ihm andere dinge klein vor? Dinge, die ihm wieder einfielen, sobald er hier oben war? "

Bruno, der sein Tal nie verlassen würde, kann sich keinen anderen Ort vorstellen. Ihn zieht es in die Abgeschiedenheit einer Almhütte. Auch hier wird nichts beschönigt, denn hier oben ist die Natur unerbittlich und gibt den Lebensrhythmus im Lauf der Jahreszeiten vor. Die Schlichtheit und Wärme, die Bruno ausstrahlt, ist dem Autor besonders gelungen. Man muss diesen scheinbar mit sich völlig im Einklang lebenden Bruno einfach mögen.

Der Erzähler, Pietro, dagegen, scheint rastlos durchs Leben zu ziehen, bis er nach Nepal gelangt und dort im Schatten der mächtigsten Gipfel zu sich selbst findet.

20 Jahre dauert es, bis die Jugendfreunde sich wieder begegnen. Zusammen bauen sie eine zerfallene Berghütte auf und mit jedem Balken, den sie setzen, erneuern sie auch ihre Freundschaft. Trotz aller Gegensätze verbindet die beiden Männer ein tiefes Gefühl, das ohne Worte auskommt.

Mir hat dieses Buch sehr gefallen, weil ich auch immer wieder dem Zauber der Bergriesen verfalle. Diese literarische Bergwanderung überzeugt besonders durch ihre leise unaufdringliche Schreibweise. Echte Freundschaft überdauert die Zeit und bleibt bestehen, das zeigt sich besonders am Ende des Weges.

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 20.03.2017
Die Geschichte eines neuen Namens / Neapolitanische Saga Bd.2
Ferrante, Elena

Die Geschichte eines neuen Namens / Neapolitanische Saga Bd.2


sehr gut

Neapolitanisches Stimmungsbild

Anfang der 60er Jahre beginnt für die sechzehnjährigen Lila und Elena ein neuer Lebensabschnitt. Lila, jetzt Signora Caracci, ist verheiratet mit einem angesehenen Kaufmann, der ihr ein Leben in Luxus und Ansehen verspricht. Doch dafür zahlt sie einen hohen Preis, denn als Ehefrau hat sie zu gehorchen. Elena setzt dagegen auf ihre Schulbildung und geht aufs Gymnasium, wohl wissend, dass sie sich dadurch immer mehr vom Rione ihrer Kindheit entfernt. Als beide sich in den gleichen Mann verlieben, scheint kein Platz mehr für ihre Freundschaft zu sein.

Elena Ferrante setzt im zweiten Teil ihrer Romanreihe die Geschichte der Freundinnen, erzählt von Elena (Lenù) in der Ich-Form, nahtlos fort. Auf den ersten Seiten findet sich ein ausführliches Personenverzeichnis mit Erläuterungen zu den bisherigen Ereignissen, das den Einstieg erleichtert. Um die Entwicklung der Protagonistinnen besser verstehen zu können, ist es hilfreich, vorab „Meine geniale Freundin“ zu lesen.

Handlungsort ist das düstere, von Gewalt und Brutalität geprägte Neapel in den Jahren 1960 bis 1966. Der Autorin gelingt es, diesen Ort lebendig werden zu lassen, man riecht die muffigen Gassen, sieht die scheelen, misstrauischen Blicke, die einen überall hin begleiten. Im Rione gelten eigene Regeln, an die sich jeder zu halten halt. Um so bemerkenswerter ist es, dass Elena für ihre Bildung kämpft, sich zur Wehr setzt. Doch immer wieder ist es die schöne, unnahbare Lila, die in den Vordergrund rückt.

Durch die Heirat hat sich Lila für eine Zukunft als Ehefrau und Mutter entschieden, nicht ahnend, dass ihr geliebter Mann entgegen aller Beteuerungen gemeinsame Sache mit dem Camorra-Clan macht. Ihren Widerspruch und ihr hitziges Temperament zwingt er mit Gewalt in ihre Schranken.

„Wir waren mit der Vorstellung aufgewachsen, dass kein Fremder uns anrühren durfte, dass aber unser Vater, unser Verlobter, unser Ehemann uns ohrfeigen durfte, wann immer er wollte, aus Liebe, um uns zu erziehen und uns zu bessern.“

Elena, die um keinen Preis so enden möchte wie ihre Mutter, wird zur Vorzeigeschülerin, doch innerlich brennt ein Kampf in ihr. Fast hätte sie sich an einen Mann gebunden, nur um dazuzugehören, denn Anerkennung für ihre Leistungen findet sie im Rione nicht. Ein Sommerurlaub auf Ischia wird zum Wendepunkt der beiden Frauen. Die vermeintliche Leichtigkeit des Sommers steht im spitzen Gegensatz zu den Emotionen, die schließlich in einem furchtbaren Fiasko enden. Elena wendet sich von Lila ab und erhält ein Stipendium an einer Eliteuniversität in Pisa. Sie scheint einen neuen Weg gefunden zu haben, doch die Erinnerung an Lila lässt sie nicht los.

"Und ihr Leben taucht beständig in meinem auf in den Worten, die ich gesagt habe und in denen häufig ihre Worte widerklingen; in jener entschlossenen Geste, die eine Nachahmung einer ihrer Gesten ist; in meinem Weniger, das als solches wegen ihres Mehr da ist; in meinem Mehr, das die Umkehrung ihres Weniger ist."

Lila, der einstige strahlende Stern des Rione, bleibt als Charakter schemenhaft und schwer durchschaubar. Fast meint man, sie sucht sich ihr Leid selbst aus. Elena dagegen ist für mich sehr klar gezeichnet. Trotz ihrer Zielstrebigkeit beim Lernen und den daraus resultierenden Erfolgen, bleibt sie unsicher, scheint ihren Platz im Leben nicht zu finden.

"Aber eigentlich blieb ich eine kulturell allzu angepasste Dilettantin, ich besaß keine Rüstung, in der ich ruhig voranschreiten konnte, wie sie es taten."

Eine vielschichtige und emotionsgeladene Studie menschlicher Schwächen macht den Reiz dieses Romans aus. Der tagtägliche Versuch, aus einer gesellschaftlich vorbestimmten Situation auszubrechen, der Kampf um Anerkennung, um Selbstfindung wird eindringlich und fühlbar vermittelt. Auch wenn das #FerranteFever bei mir nicht ausgebrochen ist, tauche ich gern in die atmosphärische Geschichte ein und bin auf die Fortsetzung gespannt.

1 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 13.02.2017
Gefährliche Empfehlungen / Xavier Kieffer Bd.5 (eBook, ePUB)
Hillenbrand, Tom

Gefährliche Empfehlungen / Xavier Kieffer Bd.5 (eBook, ePUB)


sehr gut

Geheimnisse um ein blaues Buch

Bei der Einweihung des Firmenmuseums des Guide Gabin in Paris wird die Leihgabe des seltenen Guide Bleu von 1939 gestohlen. Gastrokritikerin Valerie bittet ihren Freund, den luxemburgischen Koch Xavier Kieffer, um Hilfe. Brisant wird es, als auch der Französische Präsident Kieffer um ein geheimes Gespräch bittet. Auf der Suche nach dem Buch begibt sich Kieffer in große Gefahr, denn noch ahnt er nicht, dass es um mehr als nur einen Restaurantführer geht.

Dies ist bereits der fünfte Band des eigenwilligen Kochs Xavier Kieffer. Obwohl ich die vorherigen Bände nicht kenne, konnte ich sofort ins Lesevergnügen einsteigen. Tom Hillenbrand hat einen flüssigen Schreibstil, der sehr detailliert, fast schon detailverliebt, Szenen herausarbeitet. Die Mischung aus Reiseguide, Krimi und Geschichtsbuch mit kulinarischen Einschüben ist ungewöhnlich, aber gelungen. Vor allem Luxemburg und Frankreich Fans werden hier auf ihre Kosten kommen. Der Autor arbeitet mit viel Lokalkolorit, typischen Landesgerichten, Dialekt und Ortsbeschreibungen. Am Ende des Buches findet man dankenswerterweise ein Glossar über Küchenlatein, das besonders bei den ungewöhnlichen Gerichten hilfreich ist.

Zwei parallele Erzählstränge geben Einblick in das Geschehen. Die Kriegsjahre, in denen der Guide Gabin aus dem Jahr 1939 seine Schlüsselrolle erhält, werden durch die Erlebnisse eines geheim agierenden Amerikaners geschildert. Besonders die Franzosen und deren ungewohnte Mittel, dem Feind ein Schnäppchen zu schlagen, haben mir gefallen.

In der Gegenwart bereist Xavier Kieffer verschiedene Regionen, um das geheimnisvolle blaue Bauch wiederzubeschaffen. Statt einer Gourmetreise entwickelt sich seine Suche schnell zur Verfolgungsjagd, denn immer mehr dunkle Gestalten scheinen an dem Buch interessiert zu sein. Dabei gehen sie nicht gerade zimperlich vor und scheuen auch nicht vor Mord zurück. Obwohl Kieffer als Koch nun ganz und gar nicht in das Agentenmilieu passt, schlägt er sich tapfer und mit Raffinesse. Unterstützung erhält er von Pekka Vattanen, einem Freund und Stammkunden seines Restaurants in Luxemburg. Der trinkfeste finnische EU-Beamte trägt mit seinem lockeren Wortwitz sehr zum humorvollen Teil der Handlung bei.

Spannend steigert sich die Handlung zu einem lebensgefährlichen Plot mit überraschenden Elementen.

Obwohl nicht alle Szenen für mich schlüssig erklärbar sind, hat mich dieser Gourmetkrimi ungewöhnlich gut unterhalten und Lust auf einen Besuch in einem luxemburgischen Restaurant gemacht.

Bewertung vom 10.02.2017
Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod
Jäger, Gerhard

Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod


ausgezeichnet

"Es gibt Momente, Orte, die dir Angst machen. Du weißt, dass da etwas ist, das auf dich wartet, gesichtslos, namenlos, jenseits aller Begriffe, jenseits aller Konturen, und doch, es ist da, du spürst es, und du weißt nur eines: Es ist nichts Gutes."

Zum Schreiben hat sich der junge Historiker Max Schreiber 1950 in ein Tiroler Bergdorf zurückgezogen. Einsam ist es hier und die Dorfbewohner voller Misstrauen dem Fremden gegenüber, denn er rüttelt an alten Geheimnissen. Er fühlt sich hingezogen zu einer jungen Frau, doch da ist noch der Kühbauer, der schon lange um Maria wirbt. Jemand stirbt und ein Stall brennt, aber zur Klärung bleibt keine Zeit, denn die Lawinen bedrohen das Dorf und alle bangen um ihr Leben. Fast 60 Jahre später fliegt der achtzigjährige John Miller von Amerika nach Innsbruck, um Recherchen über einen Mörder, seinen Cousin, durchzuführen.

Der Schreibstil erinnert an ein Gemälde. Jeder Satz ein Pinselstrich, der emotionsgeladene Bilder entstehen lässt. Gerhard Jäger hat einen besonderen Sprachrhythmus, der fesselt und besondere Gefühle heraufbeschwört. Verschiedene Zeit- und Erzählebenen, lange verschachtelte Sätze, die sich erstaunlich gut lesen lassen und akzentuierte Wiederholungen einzelner Sequenzen, zeichnen den Stil aus.

"...aus seinem Mund kommen Berge und Hügel, Gipfel und Grate, Wälder und Schluchten, Wege und Pfade, ein paar rot glühende Sonnenstrahlen wie Farbtupfer auf die Bergspitzen gesetzt, zimmern weitere Buchstaben die kleine Alm, die in einer Senke an einer steilen Bergflanke vor den wütenden Winden des Hochgebirges Schutz sucht und Schutz bietet, seit vielen, vielen Jahren, all den Hirten, die die Sommer hier verbringen, hier, bei den Kühen, die die Hänge und die wenigen Ebenen abweiden, ruhig und bedächtig, denn es ist ein friedliches Leben."

Es liegt von Anfang an eine spürbare Spannung in der Luft. Ein Fremder, der in die abgeschnittene harte Welt des kleinen Bergdorfes eindringt. Man sieht förmlich, wie Max Schreiber argwöhnisch beobachtet, jeder Schritt und jedes Wort kritisch bewertet wird. Sagen, Mythen und Aberglaube spielen hier eine große Rolle. Unbewusst schürt Max den Unwillen der Dörfler, als er sich für die stumme Marie interessiert. Sein anfänglich als Roman geplantes Buch wird immer mehr zu einem Tagebuch, dessen Form sich von der Ich-Erzählung zur Betrachtung wandelt und seine Unruhe, Verlorenheit und Ängste widerspiegelt.

Dann kommt der Winter, so kalt, brutal und unberechenbar, dass man beim Lesen eine Gänsehaut bekommt. Vom geschichtlichen Lawinenwinter 1951 (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-29192063.html) hatte ich vorher noch nichts gelesen und wurde von der unfassbaren Wucht der Lawinen sprichwörtlich mitgerissen. Man kämpft gegen die Schneemassen, die die Häuser einstürzen lassen und am Ende nur noch ums nackte Überleben. Zusammengedrängt in der Kirche hört man das Donnern der ins Tal krachenden alles zermalmenden weißen Flut. Viele kommen darin um, werden vermisst, so auch Max Schreiber. Nur sein Manuskript taucht später wieder auf.

Hier setzt die Rahmenhandlung ein. Im Jahr 2006 fliegt der achtzigjährige Amerikaner John Miller nach Österreich, um am spürbaren Ende seines Lebens der Spur eines Mörders zu folgen. Im Innsbrucker Landesarchiv liest er das Manuskript von Max Schreiber, taucht in dessen Geschichte ein und lässt den Leser am Geschehen teilhaben. Eigene Erinnerungen führen ihn immer wieder fort in die Vergangenheit, wecken Gefühle und Sehnsüchte nach seiner verstorbenen Frau Rosalind:

Das Lesen wühlt den alten Herren sichtlich auf und man bangt um dessen Gesundheit. Nach und nach wird ersichtlich, dass auch seine Lebensgeschichte ein Geheimnis birgt, welches bis zum Schluss verborgen bleibt.

Mich hat dieser Roman mit seiner poetisch eindringlichen Art schlicht und einfach begeistert. Ein absolut empfehlenswertes Lesehighlight.