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zu den Top-Rezensenten

Benutzername: Gela
Wohnort: Niedersachsen
Über mich: Ob Krimi, Belletristik, Biografie oder Dokumentation. Ich mag Bücher und reise gerne mit ihnen in andere Welten.
Danksagungen: 12 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 69 Bewertungen
Bewertung vom 03.08.2020
Die Marschallin
Buono, Zora del; Buono, Zora del

Die Marschallin


sehr gut

Die überzeugte Kommunistin Zora del Buona lebt in der gutbetuchten Welt der Reichen in Bari. Ihr Mann, ein Radiologe, führt mit ihr ein großes Haus, das ganz im Widerspruch zum Kommunismus steht. Für Zora stellt dies aber kein Problem dar.

Die Autorin erzählt in wechselnden Perspektiven in der Zeit zwischen 1919 bis 1980 von Kriegsschauplätzen zwischen Slowenien und Italien. Man erfährt, wie es war unter Mussolinis Diktatur zu leben. Sloweniens Geschichte in dieser Zeit war mir bis dahin, wenig bekannt. Dank dem Roman, habe ich einiges dazu gelernt. Auch wenn manche Passagen ein wenig lang und schwerfällig erschienen. Dank der vielen Dialoge kann man den Protagonisten gut folgen, erlebt sie lebendig. Viele kleine Details lassen Bilder beim Lesen entstehen.

Spannend finde ich das Frauenbild dieser Zeit. Der Wandel an Rechten und Pflichten und besonders die Person der Zora del Buona macht den Roman interessant und lesenswert.

Lediglich das Ende ist für mich nicht ganz schlüssig und vielleicht auch enttäuschend, weil man es anders erwartet hat.
Lesenswert ist dieser Roman auf jeden Fall.

Bewertung vom 09.06.2020
Niemandsstadt
Goldfarb, Tobias

Niemandsstadt


sehr gut

Moderne "unendliche Geschichte"

Josefine hat ein besonderes Talent: Sie kann in eine andere Welt gelangen. In der Niemandsstadt gibt es Drachen, Feen, Zwerge, zum Teil bissige Wesen. Doch wie genau es ihr gelingt und warum nur sie in diese Stadt springen kann, weiß sie nicht. Als Außenseiterin in der Gegenwart genießt sie die Abenteuer in der Niemandsstadt. Doch plötzlich wird aus den einzelnen Sprüngen ein längerer Aufenthalt und Josefine weiß nicht, wie sie wieder zurückkehren soll. Ihre einzige Freundin Elisabeth setzt alles daran, Josefine zu retten.

Tobias Goldfarb setzt auf kurze knappe Kapitel in flüssigem Schreibstil. Man wechselt zwischen den Protagonistinnen Josefine und Elisabeth, gut erkennbar durch eine andere Schriftart. Hauptfigur Josefine lebt in einer Welt, die durch Social Media geprägt ist. Wer sich ausgrenzt, wird nicht akzeptiert. Elisabeth, viel beliebte Magick-Influenzerin, nähert sich Josefine, als diese die dunklen Träume von ihr deuten kann. Langsam werden die beiden gegensätzlichen Mädchen Freundinnen. XX

Der Einstieg in die Geschichte ist etwas zäh und gerade die Sprünge zwischen der Niemandsstadt und der Gegenwart wirken verwirrend. Man findet nur schwer Zugang zur Geschichte. Erst nach und nach wird klar, worum es eigentlich geht. Warum Josefine so leicht hin- und herspringen kann. Mich erinnert dieser Roman sehr an eine moderne Version der "Die unendliche Geschichte" von Michael Ende. XX

Zwar ist Josefine die Hauptfigur, doch beeindruckt hat mich Elisabeth. Sie nutzt die Sozialen Medien, um Geld zu verdienen. Ihre Online-Gestalt ist perfekt gestylt, weiß genau, was ihre Follower interessiert und neugierig macht. Doch hinter dieser Kunstfigur steckt ein kluges, beeindruckendes Mädchen. Eine Kriegerin. XX

Ein Jugendbuch, das erst auf den zweiten Blick seinen tieferen Inhalt preisgibt. Wacht auf, lasst euch nicht in die Welt des Konsums ziehen und bleibt euch selbst treu. Wäre der Anfang nicht so zäh gewesen, würde ich die volle Punktzahl vergeben.

Bewertung vom 25.02.2020
Der Empfänger
Lenze, Ulla

Der Empfänger


sehr gut

Im Winter 1925 wandert Josef Klein aus Neuss nach New York aus. Durch einen Zufall findet er Arbeit in einer Druckerei, bekommt einen amerikanischen Passs und ein Zuhause im quirligen East Harlem. Die Zeichen für seinen neuen Lebensabschnitt stehen gut, bis die deutschen Schatten 1939 auch in den USA aktiv werden und auf den Hoppyfunker aufmerksam werden. Der ahnungslose Joe (Josef) lässt sich darauf ein, Zahlencodes nach Deutschland zu senden. Obwohl er langsam ahnt, mit wem er sich eingelassen hat, findet er keinen Ausweg. Bestärkt durch seine Freundin, wehrt er sich gegen die Nationalsozialisten und wendet sich an das FBI. Vor der jahrelangen Haftstrafe in den USA und die anschließende Ausweisung, rettet ihn das aber nicht mehr. Zurück in Deutschland ist er ein Fremder, der sich nirgendwo Zuhause fühlt. Es zieht ihn 1949 weiter bis nach Südamerika, wo ihn schon wieder alte Bekannte erwarten.

Ulla Lenze erzählt anhand einer fiktiven Romanfigur, die Geschichte ihres Großonkels. Rückblickend erzählt der Protagonist seine Erlebnisse. Er springt zwischen den Zeitebenen, 30 Jahre verschwimmen chronologisch ungeordnet. Das passt sehr gut zur Hauptfigur Josef Klein. Er findet einfach keinen Halt, möchte so gerne Amerikaner sein, doch die Zeit der Nationasozialisten lässt ihm keine Chance. Egal auf welche Seite er sich schlängt, er wird angefeindet, für sein Sein angegriffen. Beinahe emotionslos schlägt sich Josef durchs Leben, erst die Tränen beim Abschied vom jüngeren Bruder lassen ihn lebendig erscheinen.
Beängstigend ruhig wird geschildert, wie Josef in den Sog der Geheimagenten gerät. Erst arglos und unpolitisch, dann immer mehr im bewussten Handeln, hin- und hergerissen zwischen Zwang und Ausweglosigkeit. Gekonnt zeichnet die Autorin ein Bild von den manipulativen Fähigkeiten der Geheimagenten. Nicht die Beschreibung der Personen, sondern ihr Handeln steht im Vordergrund.

Was in den Jahren 1939 - 1950 in den USA für Meinungsbilder über das Hitlerregime herrschten, war mir bisher nicht bewusst. Ein interessantes Thema, das mich sicherlich noch eine Weile beschäftigen wird. Hilfreich ist hier eine Auflistung der Materialien, die die Autorin gesammelt hat.

Mir hat dieser melancholische, nachdenklich stimmende Roman gefallen.

Bewertung vom 06.01.2020
Happy End für zwei
Winters, Rachel

Happy End für zwei


gut

Allein die Aussicht auf eine Beförderung lässt die Filmagentur-Assistentin Evie den Kampf mit Drehbuchautor Ezra aufnehmen. Dieser hat das längst überfällige Drehbuch immer noch nicht abgeliefert, glaubt er doch nicht an die romantische Liebe und weigert sich, darüber zu schreiben.
Evie stellt sich als Versuchsperson zur Verfügung und stellt filmische magische Momente nach, um Ezra davon zu überzeugen, dass es schicksalhafte Begegnungen auch im wahren Leben gibt. Falls sie Recht behält, muss Ezra das Drehbuch schreiben. Doch so einfach kann man Liebe eben doch nicht erwecken.

Rachel Winters hat einen klassischen Herz-Schmerz-Roman a`la Hollywood geschrieben. Zwei Handlungsstränge laufen aufeinander zu. Evie, die händeringend einen magischen Moment herbeisehnt und die anstehende Hochzeit ihrer besten Freundin. Leider schwächelt der Part rund um die Hochzeit. Hier wird nichts erzählt, was man nicht schon irgendwo gelesen hat. Peinliche Brautjungfernkleider, Junggesellinenfeiern, die anders geplant waren, Kappeleien unter den Brautjungfern. Allein Evie, die jede noch so kleine Möglichkeit nutzt, um einen magischen Moment zu erzeugen, glänzt ein wenig. Jede Menge Missgeschicke der Protagonistin würzen die nicht allzu überraschende Handlung. Der reiche Schönling überrascht genauso wenig, wie der grummelige Witwer mit der süßen Tochter. Wer gerne romantische Komödien schaut, wird die ein oder andere leicht abgewandelte Szene entdecken. Dennoch liest sich der Roman flott und unterhaltsam.

Kapiteleinleitungen im Drehbuchstil und Shortmessage-Dialoge sprechen sicherlich eine jüngere Leserschaft an. Mich haben die Dialoge zwischen Evie und ihren Freunden eher von der Handlung abgelenkt.

Eine Leseempfehlung für alle, die gern kurzweilig unterhalten werden und nicht allzu viel Tiefgang erwarten.

Bewertung vom 20.08.2019
Das Haus der Verlassenen
Gunnis, Emily

Das Haus der Verlassenen


sehr gut

Schwanger, diese Nachricht bedeutet glücklich über einen neuen Erdenbürger zu sein. Mutter zu werden. Doch 1956 ist Ivy alles andere als glücklich. Ihr Geliebter wendet sich von ihr ab und antwortet nicht auf ihre verzweifelten Briefe. Ihr Stiefvater schickt sie in ein Heim für ledige Mütter. Und hier in St. Magaret tut sich die Hölle für Ivy auf.

Emily Gunnis hat ein schreckliches Kapitel der Vergangenheit geöffnet. Schonungslos, detailliert und emotional schildert sie Ivys verzweifelten Überlebenskampf unter dem Regime grausamer Nonnen. Ärzte, Beamte alle verschließen den Blick und unterstützen somit die Behandlung der jungen Mädchen. Sklavenähnlich gehalten, ihrer Kinder beraubt, gibt es für diese Menschen keinen Lichtblick mehr.

Parallel zur Vergangenheit schildert ein Erzählstrang im Jahr 2017 wie die Journalistin Sam in der Wohnung ihrer Großmutter alte Briefe findet. In den Briefen schreibt Ivy ihrem Geliebten, fleht ihn an, ihr zu helfen. Sam wird neugierig und beginnt zu recherchieren. Die Gegenwart gleicht eher einem Krimi mit undurchsichtigen Gestalten, schillernden Persönlichkeiten und persönlichen Beziehungen.

So ganz wollen Vergangenheit und Gegenwart nicht miteinander harmonisieren. Mir waren die Sprünge zu unvorhersehbar und der Plot am Ende hätte nicht sein müssen. Ivys Geschichte hätte allein für einen bewegenden Roman ausgereicht.

3 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 02.04.2019
Geheimnisse / Prinzessin undercover Bd.1
Glynn, Connie

Geheimnisse / Prinzessin undercover Bd.1


sehr gut

Durch eine Verwechselung halten die Schüler des Eliteinternats Rosewood Hall die bescheidene neue Schülerin Lottie für eine inkognito auftretende Prinzessin. Als sich herausstellt, das eigentlich ihre neue Zimmergenossin Elli diese Prinzessin ist, tauschen sie kurzerhand die Rollen. Lottis größter Wunsch einmal Prinzessin zu sein, geht in Erfüllung und auch Ellie freut sich darauf, endlich einmal als normales Mädchen auftreten zu können. Was als Spaß anfängt, entwickelt sich schnell zu einem gefährlichen Spiel.

"Prinzessin undercover" ist ein Reihenauftakt empfohlen für die Altersgruppe ab 12 Jahren. Rollentausch ist keine neue Idee, aber es macht Spaß zu sehen, wie es ist, in eine neue Rolle zu schlüpfen. Die Autorin versteht es, gerade die angesprochene Altersgruppe in eine andere Welt zu entführen. Zwei Mädchen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, entwickeln eine Freundschaft, die anfangs auf wackeligen Beinen steht und erst durch einschneidene Erlebnisse gefestigt wird. Lotti erzählt hauptsächlich aus ihrer Perspektive, so dass man sich ihr sehr nah fühlt. Man muss sie einfach mögen. Ellie hat einen sehr starken Wesenszug und führt sich gar nicht prinzessinnenhaft auf, man merkt wie wichtig es für sie ist, aus ihrem goldenen Käfig auszubrechen. Doch gerade als beide sich in ihren Rollen wohlfühlen, taucht Jamie, Ellies Leibwächter auf, um zu verhindern, dass das Rollenspiel außer Kontrolle gerät.

Der Spannungsbogen wird schnell aufgebaut und merkt spürt,dass es um geheime Ränkespiele geht, Gut und Böse sind nicht einfach zu erkennen. Einige Charaktere scheinen anfangs klar und deutlich skizziert, entwickeln aber im Laufe der Zeit düstere Züge.
Auch wenn einige Passagen etwas überzogen dargestellt werden, geht es hauptsächlich um Vertrauen, Freundschaft, sich selbst zu vertrauen und zu mögen und natürlich auch um die Liebe. Es macht Lust auf den zweiten Band.

Bewertung vom 22.07.2018
Wahrheit gegen Wahrheit
Cleveland, Karen

Wahrheit gegen Wahrheit


gut

Als Spionageabwehr-Analystin steht Vivian Miller kurz vor einem revolutionärem beruflichen Erfolg. Ihr ist es gelungen, einen russischen Agentenführer per PC-Zugriff ausfindig zu machen. Die auf dem Rechner befindlichen Fotos zeigen sogenannte Schläfer, die in den USA auf ihren Einsatz warten. Ein Bild zeigt einen Mann, den Vivian vermeintlich seit vielen Jahren gut kennt. Doch ist ihr Mann Matt, der liebevolle Vater und Ehemann, der er zu sein scheint?

Karen Cleveland verspricht einen spannenden Thriller, doch die anfängliche Dramatik ebbt nach den ersten Seiten schnell ab. Statt die Spannung zu halten und den Konflikt zwischen Familie und Beruf herauszuarbeiten, werden Rückblicke eingeflochten, die den Spannungsbogen zerreissen. Dabei würde die Romanhandlung durchaus genügend Stoff für einen hevorragenden Thriller liefern. Leider verliert sich die Autorin zu oft in harmlosen Schilderungen, z.B. wie es zu den Schwangerschaften kam, die Reaktion von Matt darauf und all das fast neutral beschrieben.
Vivian mag unter Schock stehen, aber man hat nicht das Gefühl, dass die Hauptprotagonistin wirklich mit Herz und wachem Verstand agiert. Hier geht es um ihre Familie, den Mann, den sie über alles liebt, die in Gefahr schwebenden Kinder und trotzdem möchte man sie an einigen Stellen rütteln und ihr mehr Leben einhauchen.
Das Drama nimmt seinen Lauf, als klar wird, dass die Russen nicht einfach klein beigeben werden. Am Ende gibt es eine unvorhersehbare Wendung, die den Leser tatsächlich überrascht. Das Ende lässt Fragen offen und könnte auf eine Fortsetzung hinweisen.

Mir fehlte für einen Thriller die notwendige Spannung. Ein interessantes Spionage-Thema aus Frauensicht betrachtet und mehr ins Genre Drama passend.

Bewertung vom 05.03.2018
Der Schein
Blix, Ella

Der Schein


sehr gut

Ein Internat ohne Handyempfang mitten im Nichts einer kleinen Ostseeinsel, was kann es Schlimmeres für einen Teenager geben. Genauso sieht es die 16-jährige Alina, als ihr Vater sie für sechs Monate ins Internat Hoge Zand schickt. Fern vom Großstadtleben hadert sie mit ihrem Schicksal, bis sie ein geheimnisvolles schwarzes Schiff am Horizont entdeckt. Niemand scheint etwas Genaueres darüber zu wissen oder schweigt absichtlich. Alina macht sich allein an die Lösung des Rätsels und wagt sich in das verbotene Naturschutzgebiet.

Das Autorenduo Antje Wagner und Tania Witte, die das Pseudonym Ella Blix für diesen Jugendroman verwendet haben, hat eine Mischung aus Fantasy, Humor und Science-Fiction für die Zielgruppe ab 12 Jahren geschaffen. Erzählt in der Ich-Perspektive begleitet der Leser Alina zuerst bei der Anreise per Schiff, die sehr unterhaltsam und locker ausfällt. Abwechslungsreich wie der Schreibstil ist auch die Handlung. Wer denkt, schon wieder eine Internatsgeschichte, der liegt falsch. Hier stehen die Charaktere im Vordergrund. Besonders der kauzige Kioskbetreiber Mühlstetter mit einem besonderen Geheimnis ist besonders gelungen.

Alina ist schnell dabei, Menschen in Schubladen zu stecken. Die Einheimische Cara wird von ihr, wegen derer Leidenschaft für Rosa und ihrer vollen Körperformen sofort als einfältig und unsportlich eingestuft. Ihre Zimmergenossin landet in der Schublade "Pflanzenfreak" und wird von Alina ignoriert. Auch die über das Wochenende verbleibenden Schüler, die sich selbst "Lonelies" nennen, scheinen vor Alina keine Gnade zu finden. Erst als Alina sich für das Geheimnis des Schwarzen Schiffes interessiert und bei ihrer gefährlichen Suche im Naturschutzgebiet Unterstützung benötigt, lernt sie, wie sehr sie sich in den Menschen getäuscht hat. "Die Schubladen in meinem Hirn klapperten hilflos auf und zu".

Im Naturschutzgebiet, das sie eigentlich gar nicht betreten darf, begegnet Alina der geheimnisvollen Tinka. Irgendetwas verbindet die beiden unterschiedlichen Mädchen. Doch bevor sie sich richtig kennenlernen, verlieren sie sich auch schon wieder aus den Augen. Anhand von Tagebucheinträgen kann man Alinas Gedankenwelt gut folgen. Obwohl sie nach außen sehr tough wirkt, ist sie sehr verletzlich und leidet unter schlimmen Träumen. Sie vermisst ihre Mutter, die spurlos verschwand. Man spürt, dass hier durch geschickt eingeflochtene Spuren ein Geheimnis gelüftet werden wird.

Der Spannungsbogen wird gekonnt aufgebaut, bis es zu einer entscheidenden Fahrt aufs Meer kommt, die mehr als lebensgefährlich wird. Am Ende überschlagen sich die Ereignisse und die überraschende Lösung wird sicherlich nicht jeden überzeugen, ist aber dennoch in sich schlüssig und gelungen.

Nicht nur Jugendliche werden hier gut und fesselnd unterhalten.

Bewertung vom 02.12.2017
Der Club, 5 Audio-CDs
Würger, Takis

Der Club, 5 Audio-CDs


sehr gut

Für den Waisen Hans Stichler bedeutet das Boxen eine Flucht aus dem Alltag. Im Jesuiteninternat in Bayern lernt er von Pater Gerald das Kämpfen. Seine Tante Alex bietet ihm ein Stipendium für die Universität Cambridge an, stellt aber eine Bedingung. Hans soll als Mitglied im elitären Pitt Club aufgenommen werden, um dort im Verborgenen ein Verbrechen aufzuklären. Die reiche und unnahbare Charlotte stellt die notwendigen Verbindungen her. Eine Welt voller Traditionen, Geheimnisse, Geld und Verbindungen öffnet sich Hans und stellt ihn vor die Wahl.

Märchenhaft beginnt Takis Würger sein Debüt, welches eine Mischung aus Entwicklungsroman und Krimi bildet. Ein Haus mitten im einsamen niedersächsischen Wald und ein Kind, das fast nicht geboren wurde, sich lieber versteckt und auf dem Baum ausharrt, als mit anderen Kindern zu spielen. Der stille und schüchterne Hans Stichler, der aus der Ich-Perspektive erzählt, hat mich sofort für sich eingenommen. Er leidet spürbar unter dem Tod seiner Eltern, für den er sich zu Unrecht die Schuld zuschreibt. Statt bei seiner letzten Verwandten, der Kunsthistorikerin Alex, aufgenommen zu werden, kommt er an ein Jesuiteninternat. Auch hier bleibt Hans allein, findet keinen Anschluss und boxt sich im wahrsten Sinne des Wortes durchs Leben.

Episodenhaft wechseln die acht Erzähler. Durch die flüssige, ruhige und schnörkellose Schilderung erhält der Hörer einen detaillierten, ungefilterten Blick auf das Geschehen. Gleichzeitig wird dadurch eine Spannung aufgebaut, der man sich kaum entziehen kann. Immer wenn man bei einem Erzähler bleiben möchte, wechselt die Perspektive. Ungewöhnlich feinfühlig, vielschichtig und einfühlsam werden Gefühle eingefangen, die man zum Beispiel in einem Boxring nicht erwarten würde.

Dem Autor gelingt es besonders gut, die Atmosphäre dieser traditionsbehafteten Universität einzufangen. Man spürt die Macht, die von diesem Ort ausgeht und riecht das alte Geld, das an den edlen Polstern und Möbeln zu haften scheint. Unzählige elitäre Clubs, geheime Verbindungen und nur wer dazugehört, der hat es geschafft. Viele lassen sich auf ein Spiel ein, aus dem sie nicht unversehrt herausgehen können. Das Verwischen von angenommenen Wahrheiten und der tatsächlichen Realität zeigt sich besonders bei dem narzisstisch versnobten Josh.

"'Es gibt nur zwei Typen von Menschen in Cambridge. Die einen sind reich, die anderen versuchen, reicher zu wirken, als sie sind', sagte er."

Coole Typen in gut geschnittenen Anzügen, Alkohohl in Ströhmen und schöne Frauen. Die Partys und Ausschweifungen im Pitt Club lassen erahnen, um was für ein Verbrechen es sich handeln muss. Doch das eigentliche Verbrechen liegt im Vertuschen, Gutheißen, Wegsehen. Jeder spielt perfekt seine Rolle, versteckt sich hinter einer Maske. Hans steht am Ende allein vor der Entscheidung Freundschaft oder Verrat zu wählen. Die Auflösung ist vielleicht eine Spur zu heroisch dramatisch ausgefallen, glaubhaft aber durchaus.

Dieser Roman mit seinen verschiedenen Erzählperspektiven ist wie gemacht für ein Hörbuch. Fesselnde Sprecher wie Anna Maria Mühe oder Hartmut Stanke machen den Roman zu einem besonders erlebbaren und empfehlenswerten Hörgenuss.

Bewertung vom 02.12.2017
Herz auf Eis
Autissier, Isabelle

Herz auf Eis


ausgezeichnet

Wer träumt nicht davon aus dem Alltag auszusteigen und die Welt kennenzulernen. Louise und Ludovic machen den Traum wahr und umsegeln während eines Sabbatjahres die Welt. Eine einsame Insel südlich von Kaphorn im kalten Atlantik reizt die beiden Bergsteiger, denn hier wartet ein Gletscher auf sie. Während der Klettertour zieht ein heftiger Sturm auf, der die Rückkehr zur Jacht unmöglich macht. Dann der Schock am nächsten Morgen: Das Schiff hat sich losgerissen und ist verschwunden. Fern aller Zivilisation kämpfen die Steuerbeamtin und der Kommunikationswissenschaftler ums nackte Überleben.

Isabelle Autissier hat einen so eindringlichen und plastischen Schreibstil, dass man sich von der Handlung mitreißen lässt. Die Autorin spiegelt die tiefsten existenziellen menschlichen Ängste in einer extrem spannungsgeladenen Geschichte wider. Dazu kommen die Naturschilderungen, die bildhaft die Schönheit und gleichzeitige Unerbittlichkeit der Landschaft zeigen. Man spürt förmlich selbst die raue Gletscherkruste und die Kraft des eisigen Windes. Zwei Großstadtmenschen mit einer Handvoll Habseligkeiten allein auf einer einsamen Insel. Um zu verstehen, was mit den beiden passiert, gibt es einen Rückblick auf die Zeit ihres Kennenlernens. Dabei spielen ihre unterschiedlichen Charaktere eine große Rolle. Hier geht es um viel mehr, als um den existenziellen Kampf gegen Kälte und Hunger.

"Wenn es um das Leben, um den Tod, um Entscheidungen von größter Wichtigkeit geht, zählt der andere nicht mehr. ..... Das ist unbedingtes Recht, ihre Pflicht sich selbst gegenüber."

Die Wahrung der eigenen Würde, das Begreifen des Menschseins wird zu einer immer größeren Bürde. Zwei sich vertrauende, liebende Menschen stehen am Abgrund ihres Lebens und diese Zerrissenheit ist unglaublich intensiv beschrieben. Man bekommt ein Gefühl dafür, wie schnell man aus der vermeintlich sicheren Komfortzone herausgerissen werden kann und was von einem übrig bleibt, wenn nichts weiter als das Überleben bleibt.

Diese Geschichte rüttelt auf, führt an Grenzen, die man selbst nie erleben möchte und ist ein Spiegel, der den Leser auffordert, sich selbst zu erforschen.
Ein eindringlicher und empathischer Roman, der ein ganzes Spektrum an Emotionen hervorruft und mich begeistert hat.