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dorli
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Berlin
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Insgesamt 827 Bewertungen
Bewertung vom 26.06.2022
Frisch ermittelt: Der Fall Vera Malottke / Heißmangel-Krimi Bd.1
Franke, Christiane;Kuhnert, Cornelia

Frisch ermittelt: Der Fall Vera Malottke / Heißmangel-Krimi Bd.1


ausgezeichnet

„Frisch ermittelt: Der Fall Vera Malottke“ ist der Auftakt zu einer neuen Krimireihe, die Ende der 1950er Jahre im ostfriesischen Leer spielt. Christiane Franke und Cornelia Kuhnert nehmen den Leser mit in eine Zeit, in der die dunklen Jahre des Krieges noch nicht ganz aus den Köpfen der Menschen verschwunden sind, man aber nach den vielen Entbehrungen mittlerweile wieder optimistischer in die Zukunft blickt und das Leben überall wieder bunter wird.

Auch Vera Malottke malt sich ihre Zukunft in rosigen Farben aus, doch für sie soll es anders kommen. Vera verdient ihren Lebensunterhalt als Edelprostituierte und ist damit den meisten Leuten in der beschaulichen Kleinstadt ein Dorn im Auge. Nichtsdestotrotz geben sich die feinen Herren der Leeraner Gesellschaft bei Vera die Klinke in die Hand. Als die junge Frau tot in ihrer Wohnung aufgefunden wird, weint allerdings kaum jemand der jungen Frau eine Träne nach. Selbst Kommissar Ludger Onnen möchte den Fall möglichst schnell als bedauerlichen Unfall zu den Akten legen, doch die Obduktion ergibt eindeutig, dass ein Fremdverschulden vorliegt. Onnen hält die Honoratioren der Stadt für über jeden Verdacht erhaben und beginnt deshalb eher halbherzig mit den Ermittlungen. Schon bald hat er die Lösung seines Problems gefunden: Nur der gerade aus dem Gefängnis entlassene Richard Nowak kann der Täter sein. Denn: Einmal kriminell, immer kriminell - das weiß doch schließlich jeder…

Die Witwe Martha Frisch betreibt eine Heißmangelstube. Der Tod ihrer Nachbarin und treuen Kundin Vera Malottke erschüttert die patente Mittfünfzigerin zutiefst. Dass bei den sowieso schon lasch geführten Ermittlungen mit zweierlei Maß gemessen wird und jetzt auch noch ein vermutlich Unschuldiger für die Tat büßen soll, geht Martha gewaltig gegen den Strich. Also nimmt sie die Dinge selbst in die Hand und begibt sich auf Spurensuche…

Martha Frisch ist eine Protagonistin, der man gerne folgt. Die sympathische Hobbydetektivin hat einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. Sie hält nichts von Vorurteilen und Doppelmoral, ist sehr umsichtig und hat einen guten Blick für Kleinigkeiten, die wichtig sein könnten. Es gefällt mir besonders gut, dass Martha während ihrer Ermittlungen stets im Rahmen ihrer Möglichkeiten bleibt - sie stellt Fragen, geht Hinweisen nach, nutzt den Klatsch und Tratsch aus ihrem Umfeld und beobachtet, spekuliert und kombiniert, bis sie dem Täter schließlich auf die Spur kommt.

Es ist den Autorinnen ganz wunderbar gelungen, den Zeitgeist der Fünfzigerjahre einzufangen und den Alltag ihrer Figuren authentisch darzustellen. Die Eigenarten und Denkweise der Menschen fließen genauso wie die Gepflogenheiten, Mode und Sprache der damaligen Zeit in die Handlung ein und lassen die Welt, wie ich sie aus den Erzählungen meiner Eltern und Großeltern kenne, vor meinen Augen aufleben. Neben dem Kriminalfall und dem Alltag spielen auch das damalige Frauenbild sowie die ersten Schritte zur Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau in der sich wandelnden Nachkriegsgesellschaft eine große Rolle.

„Frisch ermittelt: Der Fall Vera Malottke“ hat mir sehr gut gefallen. Vor allem die 50er-Jahre-Atmosphäre und das authentische Verhalten der Akteure fand ich sehr gelungen. Es hat großen Spaß gemacht, Martha bei ihrem ersten Fall über die Schulter zu schauen.

Bewertung vom 14.05.2022
Papyrus
Vallejo, Irene

Papyrus


ausgezeichnet

Irene Vallejo ist promovierte Literaturwissenschaftlerin mit einer großen Passion für die Antike. Entsprechend hat sie diese Epoche in „Papyrus“ in den Fokus gerückt und erzählt die Geschichte der Bücher von den Anfängen der Bibliothek von Alexandria bis zum Untergang des Römischen Reiches.

Irene Vallejo bringt in diesem über 700 Seiten starken und dennoch handlichen Sachbuch gefühlt alles zur Sprache, was mit dem Werdegang der Bücher von den Ursprüngen bis zum heutigen Tag zu tun hat. Es geht zum Beispiel um die bahnbrechende Erfindung des Alphabets und die Magie, die in den Buchstaben steckt. Um unterschiedliche Schriften und den Materialien, auf denen im Laufe der Jahrhunderte geschrieben wurde bzw. wird. Um Bibliotheken und die Arbeit von Bibliothekaren, Kopisten und Kritikern. Um Schriftsteller, Denker und Leser. Es geht darum, wie Bücherliebhaber sich in Zeiten, in denen es noch keinen Buchhandel gab, die gewünschten Bücher beschafft haben oder auch um die Frage, was ein Klassiker ist. Und um vieles mehr.

Die Autorin schildert die Entwicklung des Buches allerdings nicht chronologisch, sondern in zahlreichen Episoden. Sie greift ein Thema auf und springt dann munter zwischen den Jahrhunderten hin und her und schweift dabei laufend ab, indem sie das Gestern mit dem Heute vergleicht, Fakten nennt und Überlieferungen hinterfragt, mit Meinungen und Vermutungen jongliert, immer wieder intelligente Parallelen zu anderen Abhandlungen zieht und zudem Zitate und Anekdoten in ihre Ausführungen einfließen lässt. Aufgepeppt wird das Ganze dann noch mit den persönlichen Gedanken, Erinnerungen und Erfahrungen der Autorin. Das klingt alles nach einem großen Durcheinander ohne jegliche Struktur, doch ich habe diesen enormen Detailreichtum während des Lesens zu keiner Zeit als verwirrend empfunden, sondern „Papyrus“ als vielfältig, informativ und vor allen Dingen als sehr unterhaltsam erlebt - ein herrliches Kaleidoskop aus Buchgeschichte und Bücherwissen, das farbenfroh und lebendig erzählt wird.

„Papyrus“ hat mir sehr gut gefallen - eine Entdeckungsreise, die es mir auf unterhaltsame Weise ermöglicht hat, auf den Spuren der Bücher zu wandeln.

Bewertung vom 08.05.2022
Flüssiges Gold
Riva, Paolo

Flüssiges Gold


sehr gut

Paolo Riva hat sich für sein Romandebüt „Flüssiges Gold“ als Handlungsort ein idyllisches Fleckchen inmitten der Toskana ausgesucht: Montegiardino. Hier geht es geruhsam und traditionell zu. Man begegnet sich freundlich und fröhlich, man respektiert einander. Wichtigstes Tagesthema ist zum Beispiel die Frage, ob es schon frische Steinpilze auf dem Markt gibt. Doch diese Beschaulichkeit ist trügerisch, denn unversehens fällt am helllichten Tag mitten auf der Piazza ein Schuss, der die Olivenbäuerin Fabrizia Gori schwer verletzt. Commissario Luca, der Venedig den Rücken gekehrt hatte, um solchen Gewaltverbrechen aus dem Weg zu gehen, muss sein gemächliches Leben als Gemeindepolizist hintanstellen und nimmt gemeinsam mit der Vice-Questora Aurora Mair von der Polizia di Stato aus Florenz die Ermittlungen auf...

Paolo Riva lässt seine Kommissare ohne Hektik und Action ermitteln. Genauso geruhsam, wie man sich das Leben in einem kleinen toskanischen Städtchen vorstellt, sind auch die Ermittlungen - Fragen stellen, Hinweisen nachgehen, beobachten, spekulieren und kombinieren, so versuchen Commissario Luca und die anfangs recht forsch auftretende Aurora Mair nach und nach dem Täter auf die Spur zu kommen. Auch wenn der Krimi nicht mit nervenaufreibender Höchstspannung daherkommt, lädt das mit einigen Wendungen und Überraschungen gespickte Geschehen den Leser zum Mitfiebern und Miträtseln ein.

Ganz hervorragend gelungen ist dem Autor das Lokalkolorit - neben den Besonderheiten der Region, dem Naturell und den Gewohnheiten der Bewohner Montegiardinos sowie dem facettenreichen Alltagsgeschehen inklusive Olivenanbau und Ölherstellung darf der Leser sich auch auf einige Spezialitäten und Leckereien aus der italienischen Küche freuen.

„Flüssiges Gold“ hat mir sehr gut gefallen. Wer Krimis mit warmherzigen Figuren und ganz viel Lokalkolorit mag, kommt hier voll auf seine Kosten.

Bewertung vom 05.05.2022
Die sieben Schalen des Zorns
Thiele, Markus

Die sieben Schalen des Zorns


ausgezeichnet

Hamburg. Für den Staatsanwalt Jonas van Loon ist der Posten des Generalstaatsanwaltes zum Greifen nahe, doch ein 25 Jahre zurückliegendes Ereignis droht ihm einen Strich durch die Rechnung zu machen: Max Keller - seit Internatstagen ein guter Freund von Jonas und heute Allgemeinmediziner mit eigener Praxis - hat damals die Schuld auf sich genommen, als Jonas alkoholisiert Auto gefahren und in einem schweren Unfall verwickelt war, bei dem ein gemeinsamer Freund zu Tode kam. Ohne Max’ selbstloses Handeln wäre Jonas Karriere vermutlich schon zu Ende gewesen, bevor sie überhaupt begonnen hätte…

Heute ist es Max, der dringend Hilfe braucht. Er bittet Jonas, ihn vor dem Verlust seiner Approbation und einer möglichen Gefängnisstrafe zu bewahren. Max hat - in der festen Überzeugung, das Richtige zu tun - seiner Tante und Ziehmutter Maria einen großen Wunsch erfüllt: nachdem sie die Diagnose Demenz bekommen hat, hat Maria Max das Versprechen abgenommen, sie von ihrem Leiden zu erlösen, wenn die Krankheit ihr das Leben zur Qual machen sollte. Patientenverfügung und Abschiedsbrief wurden geschrieben, damit Max ihren Willen belegen kann, doch die Dokumente sind nach Marias Tod aus ihrem Tresor verschwunden. Dass Maria Max als Alleinerben eingesetzt hat und Max zudem in argen finanziellen Schwierigkeiten steckt, spricht nicht gerade für ihn. Plötzlich steht sogar der Vorwurf Mord aus Habgier im Raum…

Markus Thiele versteht es ganz ausgezeichnet, in seinen Romanen die juristische Sichtweise auf gesellschaftlich gewichtige Themen auch für den Laien leicht verständlich darzustellen und lädt seine Leser damit ein, über diese Dinge nachzudenken und sich ein eigenes Bild zu machen.

In „Die sieben Schalen des Zorns“ geht es um Sterbehilfe und die aktuelle Rechtslage zu diesem Thema. Der Autor macht im Verlauf der Handlung deutlich, wie schmal der Grad zwischen Legalität und Straftat ist und geht der Frage nach, wie weit das Recht auf einen selbstbestimmten Tod reicht. Gut gefallen hat mir, dass auch die moralischen Aspekte und religiöse Ansichten beleuchtet werden.

Die Handlung hat mich schon nach wenigen Seiten gefesselt. Markus Thiele wartet nicht nur mit einem interessanten Thema auf, er erzählt die Geschichte auch äußerst spannend. Bevor es um den eigentlichen Prozess geht, in dem über Max’ Handeln geurteilt werden soll, erfährt der Leser in mehreren Rückblenden allerlei aus den Leben von Max und Jonas. Über ihre familiären Hintergründe, ihre unterschiedlichen Charaktere, die Höhen und Tiefen, die sie durchgemacht haben und über ihre gemeinsamen Erlebnisse. Als Leser lernt man die beiden Protagonisten auf diese Weise nicht nur richtig gut kennen, es wird auch greifbar, wie groß die Belastung für Max und Jonas und ihre Freundschaft nach Marias Tod ist. Auch wenn ich sehr neugierig war, wie die Geschichte für Max ausgeht, fand ich es noch spannender, Jonas zu beobachten. Dieser steckt in einer Zwickmühle: Er fühlt sich natürlich dem geschriebenen Gesetz verpflichtet. Er ist Staatsanwalt, kein Strafverteidiger, seine Rolle in diesen Fall ist damit eindeutig geregelt. Davon abzuweichen, könnte ihm die Karriere kosten. Dennoch möchte er seinem Freund helfen, auch wenn dieser nach geltender Rechtssprechung eine Grenze überschritten hat. Jonas beginnt, sich auf unterschiedliche Weise mit der Situation und seiner Aufgabe auseinanderzusetzen…

„Die sieben Schalen des Zorns“ hat mir sehr gut gefallen – ein tiefgründiger Roman, der genauso kurzweilig wie eindringlich erzählt wird und zum Nachdenken über die Frage nach einem selbstbestimmten Lebensende animiert.

Bewertung vom 25.04.2022
Düsteres Watt / Liv Lammers Bd.6
Weiß, Sabine

Düsteres Watt / Liv Lammers Bd.6


ausgezeichnet

Sylt im August. Kommissarin Liv Lammers und ihr Freund Sebastian genießen gerade ihren ersten gemeinsamen Urlaub, als die lauschige Ferienstimmung durch einen Leichenfund in den Wanderdünen bei List abrupt beendet wird. Bei dem Toten handelt es sich um Karl von Raboisen. Erste Erkenntnisse stellen die Ermittler vor ein Rätsel, denn der Spross eines alten holsteinischen Adelsgeschlechts scheint mitten in der Dünenlandschaft ertrunken zu sein…

Neben der Suche nach Karls Mörder hält auch das Verschwinden einer jungen Frau die Kommissare in Atem – Michelle Müller war mit ihrer Drohne in den Dünen unterwegs, hat beim Filmen des malerischen Sonnenaufgangs den Toten entdeckt und anonym bei der Polizei gemeldet. Seit dem ist sie spurlos verschwunden…

„Düsteres Watt“ ist bereits Liv Lammers sechster Fall - auch diesmal erwartet den Leser ein fesselnder Krimi mit einer abwechslungsreichen Handlung und vielschichtigen Figuren. Sabine Weiß kann vortrefflich erzählen. Sie versteht es ausgezeichnet, Situationen und Emotionen mitreißend darzustellen, so dass es mir ganz leicht gefallen ist, in die Handlung einzutauchen und mit den Akteuren mitzufiebern und mitzufühlen.

Im Fokus dieses Krimis steht die Familie von Raboisen. Alteingesessener Adel, hoch angesehen und steinreich. Doch der schöne Schein trügt – zwar geben sich die Herren von Raboisen nach außen edel und honorig, doch hinter der schillernden Fassade weht ein ganz anderer Wind: Familienpatriarch Eduard strotzt nur so vor Arroganz. Er herrscht mit harter Hand und drangsaliert sowohl Angestellte wie auch Familienangehörige. Auch Karl schreckte vor Gewalt nicht zurück und hat vor seinem Tod seine Frau Charlotte und seine Töchter Jennifer und Sophia erniedrigt, gegängelt und ausspioniert.

Nicht nur die wie eine Dunstglocke über der Insel hängende Hitze droht Liv und ihren Kollegen von der Kripo Flensburg die Energie zu rauben, auch die Ermittlungen im Hause Raboisen erweisen sich als äußerst anstrengend, denn irgendwie scheint fast jeder aus Karls Umfeld - ob nun geschäftlich oder privat - einen Grund gehabt zu haben, ihm den Garaus zu machen. Auch das unwirsche Verhalten Eduards, ein Sommerfest mit über einhundert Gästen aus Politik und Gesellschaft am Vorabend des Mordes sowie das öffentliche Interesse - handelt es sich doch bei den Raboisens um eine allseits bekannte Familie und bei Charlotte um eine aufstrebende Politikerin - machen den Fall für die Ermittler zu einer äußerst verzwickten Aufgabe. Falsche Fährten, mehrere Verdächtige und immer neue Hinweise halten die Handlung durchweg lebendig und laden den Leser zum Miträtseln und Mitgrübeln ein.

Besonders gut gefallen hat mir, dass neben der Ermittlungsarbeit auch die privaten Angelegenheiten der Kommissare wieder eine Rolle spielen. Die zum Teil dramatischen Entwicklungen verleihen dem ohnehin schon lebhaften Geschehen zusätzliche Spannung.

Abgerundet wird die Krimihandlung durch allerlei Wissenswertes rund um Sylts einzigartige Natur und Kultur - genau die richtige Dosis Lokalkolorit, die ein Regionalkrimi braucht.

„Düsteres Watt“ punktet mit einer genauso spannenden wie abwechslungsreichen Handlung und hat mir ein paar kurzweilige Lesestunden beschert.

Bewertung vom 03.04.2022
Engel des Todes / Paul Stainer Bd.3
Ziebula, Thomas

Engel des Todes / Paul Stainer Bd.3


ausgezeichnet

In seinem historischen Kriminalroman „Engel des Todes“ nimmt Thomas Ziebula den Leser mit in einen brisanten Abschnitt der deutschen Geschichte. Die Krimihandlung spielt zwischen dem 13. und 19. März 1920 in Leipzig - der erste große Aufstand gegen die Weimarer Republik, der sog. Kapp-Putsch, führt in vielen deutschen Regionen und ganz besonders in Leipzig zu Demonstrationen und bürgerkriegsähnlichen Zuständen, zahlreiche Tote und viele Verletzte sind zu beklagen. Mittendrin in diesem brodelnden Hexenkessel versucht Kriminalinspektor Paul Stainer gemeinsam mit seinen Kollegen seinen dritten Fall zu lösen und einen bestialisch mordenden Serientäter zur Strecke zu bringen - kein leichtes Unterfangen, denn der Aufenthalt in Leipzigs Straßen ist auch für die ermittelnden Kommissare lebensgefährlich.

Anders als in den beiden vorhergehenden Bänden rund um den erst vor kurzem aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrten Stainer steht in diesem Krimi die politische Lage mit den Auswirkungen des Putsches und den unterschiedlichen Intentionen der einzelnen Gruppierungen im Vordergrund. Zudem ist der Täter dem Leser diesmal von Anfang an bekannt – man bekommt Einblick in seine Psyche, erfährt, was ihn antreibt und erlebt seine grausigen Taten mit.

Thomas Ziebula versteht es ganz ausgezeichnet, dem Leser den Zeitgeist und die Lebensart der 1920er Jahre zu vermitteln. Der Autor hat das Schicksal seiner Protagonisten eng mit den damaligen Ereignissen verwoben - die Nachwirkungen des Krieges, die politischen Unruhen, der ganz normale Alltag in der so turbulenten Zeit und auch das langsam wieder aufblühende gesellschaftliche Leben werden greifbar dargestellt und sorgen für eine genauso abwechslungsreiche wie authentische Handlung.

Die Mischung aus politischem Zeitgeschehen und spannender Kriminalgeschichte hat mir sehr gut gefallen - „Engel des Todes“ wird fesselnd erzählt und kann mit stimmigem Zeitkolorit und interessanten Charakteren überzeugen.

Bewertung vom 23.03.2022
Tote tanzen keinen Walzer
Minck, Lotte

Tote tanzen keinen Walzer


ausgezeichnet

Bärbel und Frank wollen heiraten und wünschen sich von ihren Freunden etwas ganz Besonderes: da auf einer richtigen Hochzeit auch ordentlich getanzt werden muss, soll ein gemeinsamer Tanzkurs für die nötigen Kenntnisse und Fertigkeiten sorgen - alle sind begeistert, nur Loretta missfällt die Idee, da sie fürs Tanzen so gar nichts übrig hat. Aber das Brautpaar enttäuschen geht natürlich nicht, also ist ab sofort immer freitags schwofen angesagt.

Niemals hätte Loretta für möglich gehalten, dass es ihr sogar Spaß macht, das Tanzbein zu schwingen; genauso wie sie es niemals für möglich gehalten hätte, das mitten in der Tanzstunde quasi vor aller Augen einer ihrer Tanzmitschüler erschossen wird.

Kommissarin Küpper rückt mit ihrer Truppe an und nimmt die polizeilichen Ermittlungen auf, was Loretta und ihre Freunde nicht davon abhält, eigene Nachforschungen anzustellen. „Hornbrillen-Girl“ und „Minipli-Man“ nehmen das Umfeld des Opfers und auch das Umfeld der anderen Tanzschüler sowie der Tanzlehrer genauer unter die Lupe, doch vom Täter fehlt jede Spur. Das Motiv bleibt unklar und selbst die Frage, ob der Mörder es überhaupt auf Christian abgesehen hatte, kann lange nicht beantwortet werden. Loretta & Co. geben im großen Finale dieser Krimi-Reihe noch einmal alles - doch wie so oft bei ihren Ermittlungen scheinen die Dinge mit jedem neuen Hinweis verworrener und undurchsichtiger zu werden. Aber aufgeben kommt für die Spürnasen selbstverständlich nicht infrage…

Auch in Lorettas mittlerweile fünfzehnten - und voraussichtlich letzten - Fall erwarten den Leser wieder eine abwechslungsreiche Handlung, spannende Ermittlungen und wortwitzige Dialoge. Die muntere Hobbydetektivin hat mich dabei mit ihrer Spurensuche und der Art, wie sie aus ihrem Alltag erzählt, wieder bestens unterhalten. Wer amüsante Krimis mit genauso originellen wie warmherzigen Figuren mag, kommt in „Tote tanzen keinen Walzer“ genau wie in allen vorherigen Bänden der Reihe voll auf seine Kosten.

Das Ende einer vergnüglichen Reise in 15 Etappen ist nun also erreicht. Fürwahr ein gelungener Ausklang. Ich habe Loretta über die Jahre hinweg gerne bei ihren abwechslungsreichen Abenteuern begleitet, das Mitfiebern und Miträtseln hat immer wieder Spaß gemacht. Und irgendwie hoffe ich, dass dieses Finale kein endgültiger Abschied ist und es irgendwann ein Wiederlesen mit Loretta und ihrer lebhaften Einsatztruppe geben wird. Denn mal ehrlich: Loretta in Ermittler-Rente? Das ist nur schwer vorstellbar.

Bewertung vom 04.03.2022
Das verschlossene Zimmer
Givney, Rachel

Das verschlossene Zimmer


weniger gut

Polen im Frühjahr 1939. Die 17-jährige Marie lebt gemeinsam mit ihrem Vater Dominik in Krakau. An ihre Mutter, die spurlos verschwand, als Marie ein Kleinkind war, hat die Schülerin keine Erinnerung, kennt nicht einmal deren Namen. Da Dominik beharrlich über den Verbleib ihrer Mutter schweigt und nicht bereit ist, auch nur eine Frage zu beantworten, macht sich Marie daran, das Geheimnis rund um das Verschwinden ihrer Mutter zu lösen…

Klappentext und Leseprobe haben mich wahnsinnig neugierig auf diesen Roman gemacht. Ich habe eine Geschichte voller Zeit- und Lokalkolorit erwartet, in der ich eine junge Frau auf der Suche nach ihren Wurzeln begleite. In der ich mit ihr Puzzleteil für Puzzleteil umdrehe und schließlich gemeinsam mit ihr Licht in das Dunkel um die Ereignisse bringe, die ungefähr 15 Jahre zuvor geschehen sind. Bekommen habe ich eine ganz andere Geschichte.

Die Handlung spielt auf zwei Zeitebenen während der Zwischenkriegszeit – überwiegend 1939 sowie in einigen Kapiteln zu Beginn der 1920er Jahre. Rachel Givney stellt nicht Maries Nachforschungen in den Fokus, sondern wartet mit einer Vielzahl zum Teil recht gewichtiger Themen auf, die die Menschen damals bewegt haben. Neben dem damaligen medizinischen Standard mit Meilensteinen wie Penicillin und Aspirin geht es zum Beispiel um die Judenverfolgung in Polen, die politische Situation mit der Bedrohung durch den herannahenden Zweiten Weltkrieg, die Rolle der Frau in der Gesellschaft oder auch um Kriegsneurosen heimkehrender Soldaten nach dem Großen Krieg. Der Autorin gelingt es leider nicht, all diese interessanten Aspekte in Einklang zu bringen. Alles wirkt auf mich oberflächlich und irgendwie unausgegoren.

Auch die Darstellung von Marie hat mir nicht gefallen - mal ist sie eine intelligente junge Frau mit einem starken Willen, dann wieder wirkt sie so naiv, dass ich Zweifel hatte, ob sie in der Lage ist, auf eigenen Füßen zu stehen. Marie trifft bei ihrer Suche nach Antworten auf Ben Rosen, ihren Freund aus Kindertagen. Sie verliebt sich in ihn und konvertiert zum Judentum, um ihn heiraten zu können. Da Maries Entwicklung so gut wie gar nicht erkennbar ist, konnte ich ihr Handeln besonders in diesem Punkt nicht nachvollziehen und es ist mir entsprechend schwer gefallen, mit ihr mitzufiebern. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass sie überhaupt nicht begreift, was für ein Drama da auf sie zurollt.

Der Part, der kurz nach dem Ersten Weltkrieg in Lemberg spielt, hat mir ein wenig besser gefallen, wenn auch die Höhen und vor allen Dingen die Tiefen, die Maries Mutter Helena durchmachen musste und die Wege, die sie deshalb gegangen ist, ins Unglaubwürdige abdriften.

Auch wenn ich schon recht früh eine Ahnung hatte, welches Geheimnis Dominik verbirgt und mich das Ende schließlich nicht wirklich überzeugt hat, fand ich die Idee hinter der Geschichte spannend. Daher zwei Sterne und das Fazit: „Kann man lesen, muss man aber nicht“.

Bewertung vom 21.02.2022
Terra di Sicilia. Die Rückkehr des Patriarchen
Giordano, Mario

Terra di Sicilia. Die Rückkehr des Patriarchen


ausgezeichnet

In Mario Giordanos Roman „Terra di Sicilia. Die Rückkehr des Patriarchen“ geht es um die Lebensgeschichte von Barnaba Carbonaro, der – 1880 geboren und im archaischen Sizilien aufgewachsen - Dank seines Mutes und seiner Gewitztheit auch ohne Schulbildung zu einem geachteten Zitrushändler wird.

Mario Giordano erzählt diese Geschichte auf zwei Zeitebenen – zum einen vom Wachsen und Werden Barnabas an der Schwelle zum 20. Jahrhundert und zum anderen von seiner Rückkehr im Jahr 1960 in den Schoß seiner Familie nach München, der Stadt, in der er im Laufe seines Lebens Beachtenswertes erlebt und erreicht hat. Dem Autor gelingt es dabei ganz ausgezeichnet, den Zeitgeist der unterschiedlichen Jahrzehnte einzufangen.

Der Einstieg in die Geschichte war für mich aufgrund der vielen Namen etwas holperig. Dank einer Personenübersicht und eines Stammbaumes war die Hürde aber schnell überwunden und ich konnte Barnabas Geschichte in vollen Zügen genießen.

Barnaba wächst in einer Familie auf, die am Rande des Existenzminimums lebt. Er muss sich auf Geheiß seines Vaters von dem deutschen Fotografen Wilhelm von Gloeden nackt fotografieren lassen und sich für einen Hungerlohn auf einer Zitrusplantage abrackern, statt wie andere Kinder zur Schule zu gehen. Während er Jahr für Jahr bis zum Umfallen für den Orangenbauer schuftet, ist er ein aufmerksamer Beobachter. Er verinnerlicht die einzelnen Arbeitsschritte und träumt dabei von Reichtum und der Gründung einer Familiendynastie.

Barnaba bleibt Zeit seines Lebens Analphabet. Ich habe mich im Verlauf der Handlung des Öfteren gefragt, warum er sich nicht einfach die Zeit genommen hat, das Lesen und Schreiben zu lernen. Vieles wäre einfacher für ihn gewesen. Die Welt der Buchstaben bleibt ihm fremd, das Rechnen liegt ihm dagegen im Blut. Zahlen erscheinen ihm als Farben, Muster und Düfte, so dass auch komplizierte Berechnungen für ihn kein Problem sind – im Gegenteil, sein Talent ebnet ihm den Weg aus Armut und Elend. Über die Jahre hinweg wechseln sich Erfolg und Niederlage ab. Mal vom Pech verfolgt, dann wieder mit Glück gesegnet kämpft Barnaba bis zum Schluss mit den Launen des Schicksals. Er häuft ein Vermögen an, das von Misserfolgen wieder aufgefressen wird, sein Leben ist ein ständiges Auf und Ab.

Besonders gut gefallen hat mir Barnabas innere Zerrissenheit. Er möchte sich über die verstaubten Traditionen seiner Heimat hinwegsetzen und gleichzeitig daran festhalten. Und so balanciert der liebenswürdige, aufgeschlossene Mann durch die Stürme des Lebens und versucht, die Forderungen seiner Mutter – sie niemals allein zu lassen - zu erfüllen und gleichzeitig seine Träume und Wünsche im fernen München – er liebt das moderne, geordnete Leben in der Stadt - zu verwirklichen.

Einen übersinnlichen Touch bekommt die Geschichte durch die „Patruneddi“ – das sind die Seelen von Toten, die weiterhin an den Orten umherwandern, an denen sie früher gelebt haben. Diese Hausgeister erweisen sich für Barnaba mal als Retter in der Not, dann wieder als nerviges Hindernis. Ich habe diesen Part der Geschichte als Bereicherung empfunden. Das Bild, das der Autor von der facettenreichen sizilianischen Kultur zeichnet, wird durch die Einbindung dieser Surrealität auf eine für mich interessante Weise ergänzt.

„Terra di Sicilia. Die Rückkehr des Patriarchen“ lässt sich angenehm zügig lesen und hat mir nicht nur spannende, unterhaltsame Lesestunden beschert, sondern mir auch vielfältige Einblicke in die Historie und Kultur Siziliens ermöglicht.

Bewertung vom 21.02.2022
Es muss nicht immer Labskaus sein / Ostfriesen-Krimi Bd.9
Franke, Christiane;Kuhnert, Cornelia

Es muss nicht immer Labskaus sein / Ostfriesen-Krimi Bd.9


ausgezeichnet

Ostfriesland im Januar. Dorfpolizist Rudi Bakker vertritt einen Kollegen auf Spiekeroog. Während einer Joggingrunde entdeckt er am Strand einen toten Pottwal. Der mächtige Kadaver sorgt natürlich schnell für Aufsehen, so dass die Mitglieder der Umweltschutzgruppe EGA eine Walwache organisieren, um Schaulustige auf Abstand zu halten. Als Rudis Sohn Sven in den frühen Morgenstunden seine Schicht antreten will, findet er den Lehrer und EGA-Mitstreiter Martin Junghans erstochen neben dem Wal liegend auf. Die Kripo Wittmund rückt an und befragt die Anwesenden. Geertje Michelsen ist nicht nur völlig durch den Wind, weil ihr Freund ermordet wurde, die junge Frau hat auch entdeckt, dass dem Wal mehrere Zähne fehlen. Hat Martin Walzahndiebe überrascht und musste deshalb sterben? Die Polizei nimmt die Ermittlungen auf. Kurz darauf ist Geertje spurlos verschwunden…

Christiane Franke und Cornelia Kuhnert zeigen auch im neunten Abenteuer ihrer drei Neuharlingersieler Spürnasen, dass sie ein Händchen für eine gut ausbalancierte Mischung aus frischem Humor und spannender Krimihandlung haben und dass sie es zudem ganz ausgezeichnet verstehen, ihr Personal echt und lebensnah darzustellen. Die Akteure, die dieser Krimiserie mit ihren Eigenarten und Marotten die besondere Note geben, überzeugen dabei einmal mehr mit einem unterhaltsamen Zusammenspiel. Es macht einfach Spaß, Rosa, Rudi, Henner und die anderen Dorfbewohner während der Ermittlungen zu begleiten und ihnen bei ihren persönlichen Angelegenheiten über die Schultern zu schauen. Für den einen oder anderen Aufreger sorgt wie gehabt Rudis Kollege Helmut Schnepel - der Oberkommissar schießt mit seinen fadenscheinigen Anschuldigungen und Vermutungen wiederholt über das Ziel hinaus und stapft so munter von einem Fettnapf zum nächsten.

Ganz hervorragend gelungen ist den Autorinnen auch wieder das Lokalkolorit - neben den Besonderheiten der Region, dem facettenreichen Alltagsgeschehen in und um Neuharlingersiel sowie dem Naturell und den Gewohnheiten der Küstenbewohner darf der Leser sich auch wieder auf einige Spezialitäten und Leckereien aus der ostfriesischen Küche freuen. Die entsprechenden Rezepte gibt es wie immer im Anhang.

„Es muss nicht immer Labskaus sein“ hat mir sehr gut gefallen. Ein Krimi, der kurzweilige Unterhaltung bietet und zum Miträtseln einlädt - ein tolles Lesevergnügen.