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Benutzername: Gurke
Wohnort: Berlin
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Danksagungen: 69 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 142 Bewertungen
Bewertung vom 21.07.2019
Fünf Tage in Paris
Rosnay, Tatiana de

Fünf Tage in Paris


gut

Linden Malegarde erzählt uns in „Fünf Tage in Paris“ die Geschichte seiner berühmten Familie, die sich anlässlich eines runden Geburtstages in der franzözischen Hauptstadt einfindet, um zu feiern. Leider macht ihnen die Natur da einen gewaltigen Strich durch die Rechnung, denn in Paris erwartet sie ein Jahrhundertregen par excellence, der die Seine über die Ufer treten lässt und Paris langsam in Wasser und Schlamm versinken lässt. Anfangs lassen sich die Malegards davon nicht die Freude verderben, doch dann nimmt das Unheil seinen Lauf und die Familie gerät in einen Strudel aus Dramatik, Krankheit und Trübsinnigkeit.

Lindens Vater Paul ist ein anerkannter Dendrologe, der sein Leben den Bäumen gewidmet hat und auf dem Familiensitz in Südfrankreich ein kleines Paradies rund um den großen Lindenhain erschaffen hat. Als Vater war er dagegen eher eine Niete, wodurch Linden auch nie den Mut fand ihm von seiner Homosexualität zu erzählen. Die Erzählungen rund um die Kindheit in dem beschaulichen Familiensitz waren sehr interessant zu lesen und für meinen Geschmack der optimale Ort für die kleine Familiengeschichte. Leider hat sich die Autorin dann lieber für das hektische Paris entschieden, was durch das schreckliche Unwetter noch unpersönlicher wurde und mich nicht fesseln konnte. Ich wartete sehnsüchtig darauf, dass sich der Handlungsort endlich verlagerte, was leider erst auf den letzten 50 Seiten der Fall war.

Insgesamt wurde viel zu viel Input in das kleine Büchlein gequetscht, denn jede kleine Nebenfigur erwacht durch Tatiana de Rosnay zu einer großen problembeladenen Figur. Im Zusammenspiel mit dem ziemlich getragenden Schreibstil, der streckenweise zäh anmutete und durch den trübsinnigen Grundton zusätzlich schwächelt , war es kein Roman, der mir Freude bereitet.
Die Bäume waren für mich der heimliche Star der Geschichte und reichen vollkommen aus für eine gelungende Story, deshalb vergebe ich nur drei Sterne.

Bewertung vom 14.03.2019
Eisige Tage / Seiler und Novic Bd.1
Pohl, Alex

Eisige Tage / Seiler und Novic Bd.1


gut

Das winterliche Leipzig steht Kopf! Ein Anwalt liegt brutal ermordet in seinem Auto. Ein neuer Pädophilenring treibt sein Unwesen. Junge Mädchen verschwinden spurlos und die Russenmafia der sächsischen Großstadt hält sich bedeckt. Das Ermittlerduo Seiler und Novic muss schnell Ergebnisse liefern, denn die Zeit rennt.

Der Autor hat einen einnehmenden Schreibstil, der die Leser durch die Einführung der neuen Charaktere in den Bann zieht. Für meinen Geschmack wurden sowohl Milo Novic als auch Hanna Seiler aber im weiteren Verlauf des Krimis etwas stiefmütterlich behandelt. Es wurden die Eigenheiten der beiden angeschnitten, aber nicht genug im Zusammenhang mit ihrem bisherigen Leben ausgeführt, sodass ihre „Macken“ eher störend, als sympathisch wirkten und sich nicht optimal in den Plot einfügten.
In der Kombination mit der linkischen Russenmafia konnte der Autor mich leider nicht so packen, wie gehofft. Die Thematik ist für mich schlichtweg zu abstrakt und erinnert an politische Irrungen und Wirrungen, um die ich bei Belletristik sowieso einen Bogen machen.
Da ich ein Fan von Psychothrillern bin, waren mir die beschriebenen Erlebnisse der beteiligten Mädchen auch eindeutig zu lasch und geben Raum zur Steigerung. Wahrscheinlich ist man als tatkräfigte Leseratte einfach etwas abgestumpft und braucht den Wahnsinn der Täter direkter statt nur wage angetippt.
Ansonsten ist „Eisige Tage“ eine nette Lektüre für zwischendurch, die sich schnell wegliest, aber mir nicht als Highlight im Gedächtnis bleibt.

Bewertung vom 17.11.2018
Der Schatten
Raabe, Melanie

Der Schatten


sehr gut

CUT! Raus aus Berlin und einen Neuanfang in Wien wagen!

Norah ist guter Dinge, als sie ihre Habseligkeiten packt und nach einigen persönlichen Tragödien endlich ein neues Kapitel beginnen möchte. Mit einer Mischung aus Einsamkeit, Stolz und Neugierde stromert Norah durch die Straßen ihrer neuen Heimat und wird prompt von einer Bettlerin mit wahrsagerischen Fähigkeiten auf ihr Schicksal angesprochen – sie wird zur Mörderin; freiwillig und ziemlich bald!

Geschickt konstruiert die Autorin um die Protagonistin ein dichtes Netz, wobei sich das weiße Blatt Papier, das Norah sprichwörtlich mit nach Österreich brachte, rasent schnell mit allerlei Input für uns Leser füllt.
Für meinen Geschmack prischt die Autorin aber in Bezug auf den Kern ihres Thrillers leicht über das Ziel hinaus. Melanie Raabe weist eine gewisseTheaterleidenschaft auf, die der Plot nicht leugnen kann und genau dort liegt für mich die kleine Schwäche in ihrer Geschichte, die auch den Punktabzug in der Gesamtbewertung erklärt. Wie Shakespeare damals sagte, ist wahrscheinlich wirklich die ganze Welt schlichtweg eine Bühne und bei „Der Schatten“ wäre für mein Empfinden etwas mehr Realität und weniger künstlerischer „Irrsinn“ (Herr Balder) hilfreich gewesen.
Zusätzlich ist Norah für meinen Geschmack etwas zu bissig, da sie mich in manchen Episoden fast an eine rigorose Kriminalkommissarin erinnerte und nicht an eine pfiffige Journalistin. Frauenpower wird hier großgeschrieben, doch auch Thrillerprotagonistin dürfen ihre weiche Seite haben.

Der Schreibstil ist dagegen ein Genuss und sicherlich werde ich mir nach dieser angenehmen Lektüre auch noch die anderen Werke der Autorin kaufen.

Bewertung vom 22.05.2018
Für immer ist die längste Zeit
Fabiaschi, Abby

Für immer ist die längste Zeit


gut

Maddy ist Mutter von Eve – sportlich, hübsch, beliebt - und Ehefrau von Brady - ein Workaholic par exellence. Sie leben in einem schönen Haus und sind von außen betrachtet die perfekte Familie - bis Maddy in den Selbstmord stürzt und damit die heile Welt zerbricht. Aber sie ist nicht fort, sondern wie ein geisterhafter Engel in himmlischer Mission für ihre Lieben unterwegs.

Die Idee des Romans gefällt mir sehr, dass unsere verstorbenen Familienangehörigen wie heimliche Lebensbegleiter aus einer Zwischenwelt zu uns herabschauen und mitmischen, aber die Umsetzung hat mich nicht komplett überzeugt.

Eve wirkt auf mich mit ihren 17 Jahren leider nicht glaubwürdig und taugt als Sympathieträgerin leider nur mangelhaft. Natürlich ist es für die junge Frau eine unfassbar schwierige Situation, aber insgesamt wirkt sie viel zu bockig und verzickt. Ihre Wandlung vollzieht sich sehr langsam und schwenkt dann beinahe mit einem Ruck um. Wobei mich die gesamte Geschichte sowieso sehr an einen Jugendroman erinnert und da bin ich leider kein Fan von. Ich hätte dagegen gerne mehr von Paige, Maddys bester Freundin, oder Rory, der taffen Nachhilfelehrerin, gelesen, welche starke Charaktere waren, die mir im Gedächtnis bleiben. Desweiteren hätte ich gerne mehr im Tagebuch der Protagonistin gestöbert. Der Roman wird nämlich aus drei Erzählperspektiven wiedergegeben und die Einschübe aus den Gedanken der Verstorbenen bringen ein paar Schmunzler oder regen zum Nachdenken an, wohingegen Bradys oder Eves Kapital teilweise langatmig sind.

Den Erzählstil würde ich als solides Mittelmaß bezeichnen, ohne nennenswerte Höhe- oder Tiefpunkte, was für ein Debüt aber vollkommen in Ordnung war.

Ich schwankte in meiner Bewertung zwischen zwei und drei Sternen und habe mich für die höhere Wertung entschieden, weil ich das Buch kurz vor dem Muttertag gelesen habe und es für diesen Anlass optimal ist, um auf unkoventionelle Art und Weise „Danke“ zu sagen. Mamas sind die Besten und genau das ist die gelungene Kernaussage von der Autorin, sodass man „Für immer ist die längste Zeit“ auch gerne an Heranwachsende in der schwierigen Pubertät als kleinen Wink mit dem Zaunpfal verschenken kann. Denn nach der Lektüre weiß man die kleinen Dinge wieder etwas mehr zu schätzen.

Bewertung vom 15.01.2018
Das Licht der Insel
Pendziwol, Jean E.

Das Licht der Insel


ausgezeichnet

Elizabeth Livingstone hat in ihrem Leben wahrlich viel erlebt. Sie wuchs gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester Emily und den beiden Brüdern auf einer idyllischen, abgeschiedenen Insel mitten im Lake Superior auf, wo ihre Eltern als Leuchtturmwärter tätig waren.
Mittlerweile ist Lizzy eine alte Dame, wohnt in einem Seniorenheim und ist beinahe vollständig erblindet, als ihr zwei Polizisten mehrere alte Tagebücher überrreichen, die aus dem Nachlass ihres Vaters stammen.
Gemeinsam mit Morgan, die wegen einer unerlaubten Graffitti Aktion Sozialstunden leisten muss, tauchen die beiden ab in die Zeit der 20er Jahre und blicken hinter die Idylle von Porphyry Island mit seinem schaurigen Geheimnis, was noch bis in die Gegenwart hineinstrahlt.

Die Autorin hat die aktuell sehr beliebte Erzählweise gewählt, bei der wir uns abwechselnd in der Vergangenheit, also in Elizabeths Jugend, und der Gegenwart befinden – gespickt wird das Ganze noch durch zahlreiche O-Töne aus den Tagebüchern vom Leuchttürmwärter, der damit nicht nur interessante Ereignisse von der rauen See teilte, sondern auch seine Schuldgefühle ins Reine schreiben wollte, die ein liebender (Ehe-)Mann und Vater in der Einöde so anhäuft.

Die Arbeit auf dem Leuchttum wird sehr bildlich beschrieben und obwohl es bestimmt kein Zuckerschlecken war, wollte ich selbst gerne auf der kleinen, abgeschiedenen Insel meine Kindheit verbringen und das warme Gefühl uneingeschränkter Schwesternliebe erfahren.
Die Atmosphäre schwillt zudem wie die Wellen vor Lake Superior stetig an und ließ mich beim Knall des Höhepunkts beinahe erschaudern. Zwar zeichnete sich schon deutlich ein Familiendrama ab, aber die Auflösung war dann doch überraschend und überaus eindringlich!

Ich möchte mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, aber für mein Empfinden hat Jean Pendziwol auf circa 400 Seiten ein kleines Familienepos erschaffen, mit dem man auch gut und gerne eine Trilogie füllen könnte, wenn man die Geschichte um Morgan noch ein wenig weiter spinnen würde.
Ihr Schreibstil ist jedenfalls wunderbar malerisch, die Sätze sind kunstvoll konstruiert und die Charaktere ergeben einen runden Rahmen für das Erzählte aus einer Zeit, die so unfassbar entfernt, unfassbar schön und unfassbar grausam erscheint.

Ich bin sehr gespannt, auf die (hoffentlich bald) folgenden Romane der Autorin.

Bewertung vom 17.09.2017
Frag nicht nach Sonnenschein
Kinsella, Sophie

Frag nicht nach Sonnenschein


sehr gut

„Du bist eine sprechende, lächelnde Mooskugel“ (S.401) - gemeint ist mit dieser wunderbar blumigen Beschreibung die Protagonistin Katie Brenner und es trifft den Nagel eindeutig auf den Kopf! Aufgewachsen auf dem ländlichen Anwesen ihres Vaters in Somerset, träumt sie davon, als junge Frau, nun endlich in der florierenden Welt Londons Fuß zu fassen und ein cooles Großstadtmädchen zu werden. Leider ist ihr London nicht so wohl gesonnen, denn neben schlechter Bezahlung, macht ihr auch noch ihre selbstherrliche Chefin Demeter einen Strich durch die Rechnung. Als sie gerade anfing eine kleine Flirterei mit dem charmanten Alex zu genießen, wird sie kurzerhand gefeuert und heuert erneut auf dem Land bei ihrem Vater an. Dieser hat eine grandiose Geschäftsidee: GLAMPING – also luxuriöses Camping in der Einöde und wer muss diesen neuen Trend natürlich gleich ausprobieren? Demeter und Alex! Kann das gut gehen?

„Frag nicht nach Sonnenschein“ ist mein erster Roman von der Autorin und ich war sehr positiv überrascht! Uns erwartet ein Buch voller Charaktere, die liebevoll mit Ecken und Kanten gezeichnet wurden und nur noch von der paradiesischen Idylle in Somerset übertroffen wird. Als Hauptstadtkind habe ich mich häufiger dabei erwischt, wie ich nur verwirrt mit dem Kopf schütteln konnte, denn welcher normale Mensch möchte das harmonische Landleben gegen das stinkende, laute London tauschen? Die Passagen auf dem Land waren mir also eindeutig die liebsten, denn hier wurden selbst starre Chefs plötzlich weich und menschlich, was im hektischen Alltag eine echte Wohltat ist.
Für Katie hat die Autorin außerdem ein spannendes Berusbild gewählt, denn im „Branding“ konnte sie ihre Kreativität interessant austoben und wir als Leser schmunzelnd mitfiebern. Der weite Bogen zum „Glamping“ wird dann gelungen geschlagen und ich habe die Entwicklung gespannt verfolgt. Zugeben muss ich, dass ich ein heimlicher Fan des neuen Trends geworden bin, denn Sophie Kinsella hat es so grandios beschrieben, dass ich mich bei den Brenners beinahe selbst einmieten wollte.
Die obligatorische Liebesgeschichte ist von Höhen und Tiefen geprägt, was abwechslungsreich und unterhaltsam war - für mich aber gar nicht unbedingt im Mittelpunkt stand. Vielmehr ging es um die Freundschaft und die Veränderung im Denken, die eine Einkehr zu sich selbst bewirken kann.
Winziger Kritikpunkt könnte sein, dass die Ausführungen zu Demeters 2-tägiger „Spezialbetreuung“ etwas zu langatmig waren, aber damit kann man gut leben. So ganz zufrieden bin ich auch nicht mit der deutschen Wahl zum Titel, da er für mein Empfinden Katies Leben zu depressiv darstellt. Im Original („My not so perfect Life“) schwingt da auch noch ein gewisser Witz mit bei, der ja eindeutig charakteristisch für die Lektüre ist.
Insgesamt bekommt der Roman aber eine klare Leseempfehlung und die Überlegung den nächsten Urlaub auf einem Camping bzw. Glamping-Platz zu verbringen, ist eindeutig gewachsen.

Bewertung vom 24.04.2017
Die wundersame Reise eines verlorenen Gegenstands
Basile, Salvatore

Die wundersame Reise eines verlorenen Gegenstands


gut

Ein Bahnhof bedeutet für die meisten Menschen ein Sprungbrett zu einer spannenden Reise oder einen praktischen Verbindungsweg zwischen Regionen. Für Michele, den Bahnhofswächter von Miniera di Mare, bedeutet er lediglich eine sichere Festung – sein Schutz vor der Außenwelt und den Mitmenschen!
Seit seine Mutter ihn als kleinen Jungen verlassen hat, scheut er das aktive Leben und verbringt seine Tage abgeschottet und alleine. Lediglich die Fundsachen, die er akurat in seiner Wohnung aufgereiht hat und seine Arbeit mit der imposanten Lokomotive geben ihm Freude. Als eines Tages völlig unerwartet sein altes Tagebuch im Zug auftaucht, was seine Mutter damals als Erinnerung eingepackt hat, und kurz darauf ein Fahrgast, die junge Elena, seine Wohnung betritt und sich um Kopf und Kragen redet, ist es um ihn geschehen. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach seiner verlorenen Kindheit.

Beim Lesen der Inhaltsangabe wurde ich neugierig, denn manche zufälligen Begegnungen können tatsächlich auf wundersame Weise die Zukunft verändern und uns Leser mit großen Augen zum Schmachten bringen. Es wäre für meinen Geschmack allerdings etwas eindringlicher geworden, wenn der Autor dem Tagebuch mehr Raum gegeben hätte. Die kleinen Anekdoten vom jungen, unschuldigen Michele waren herzerwärmend und ein schönes Element, was leider zu kurz gekommen ist. Wahrscheinlich aus diesem Grunde blieb der Protagonist streckenweise sehr unnahbar und auf negative Weise verbohrt. Seine doch ziemlich rasche Wandlung vom notorischen Einzelgänger zum mutigen Fragensteller, ja beinahe Entdecker und dann wieder der harte Cut, sobald Elena aufkreuzte, hat mich etwas gestört.

An manchen Stellen versprühte der Roman wiederum schon fast den Charme eines modernen Märchens, dafür blieb sich Salvatore Basile jedoch für mein Empfinden nicht treu genug und rutschte zurück in eine trübe Realität. Als Leser fühlte ich mich teilweise wie ein Fähnchen im Winde, was nicht wusste, in welchem Genre sich die Geschichte schlussendlich einordnen möchte. Man ahnt natürlich ziemlich früh, wo die literarische Reise sinnbildlich hingehen soll - der Weg dorthin fesselte mich leider nur bedingt.
In den Schreibstil kann man sich dagegen wunderbar einlesen und regelmäßig werden richtig schöne Vergleiche und versenähnliche Sätze eingebaut, die hängen bleiben und das Buch lesenswert machen!
Vielleicht wirkt die Handlung im Sommerurlaub (am besten nahe Italien) noch besser - ich würde deshalb gute 3,5 Sterne vergeben!

0 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 29.09.2016
Auf Null
Junk, Catharina

Auf Null


ausgezeichnet

Es gibt wohl keinen Menschen, der weder in seiner Familie, im Bekanntenkreis noch im Berufsalltag keinen Krebspatienten zu Beklagen hat. Die heimtückische Krankheit gilt als Volkserkrankung und insgeheim fürchtet sich wohl Jeder davor, selbst diese niederschmetternde Diagnose zu erhalten.
Die Protagonistin Nina aus dem vorliegenden Roman muss sich schon in jungen Jahren mit der Leukämie herumschlagen und zeigt, dass der Kampf gegen Ängste, seelische und körperliche Folgen, sowie das „normale“ Leben nach kräftezehrenden Chemotherapien alles andere als einfach und unbeschwert ist.

Ein wenig skeptisch war ich zu Beginn der Lektüre schon, ob die Thematik angenehme Lesestunden bescheren kann. Umso erstaunter war ich dann spätestens nach der letzten Seite, als ich „Auf Null“ mit einem guten, lebensbejahenden Gefühl weggelegt habe.
Zu verdanken ist das eindeutig Ninas ehrlicher Art und rebellischer Goßschnäuzigkeit, die sich auch im lässigen Schreibstil widerspiegelt – wenigstens was ihre Gedankengänge angeht. Da wird ein scheinbar gut gemeintes Geschenk der Eltern mit einer verbalen Heftigkeit zerrissen, die mir den Mund offen stehen ließ und auch die Ecken und Kanten ihre Freundschaften mit nüchternen Beschreibungen offenbart, wie es wahrscheinlich nur Menschen mit einer Nahtoderfahrung gelingt. Verbitterung und Selbstmitleid schwingen unterbewusst natürlich mit, aber auf eine Weise, die sehr verständlich und keineswegs erdrückend ist – hier hat die Autorin wunderbare Arbeit geleistet.

Im stetigen Wechsel erhalten wir Einblicke in Ninas steriler Krankenhauswelt, sowie nach der Entlassung mit allen Höhen und Tiefen. Diese Zeitsprünge habe ich nicht immer als optimal empfunden, aber insgesamt sorgten sie doch für die nötige Abwechslung und halfen die Protagonistin besser zu verstehen. Die kleine, obligatorische Romanze verlief etwas zu vorhersehbar und hätte für meinen Geschmack eine Prise mehr Überraschung vertragen können. Dahingegen war der Nebenstrang um die krankheitsbedingte Funkstille mit Ninas Freundin Bahar ein sehr gelungenes Element und hat mich mit den beiden mitfiebern lassen.
Einige komische, fast schon überspitzte Sezenen wurden von der Autorin zur Auflockerung auch eingewebt, die sich beispielsweise mit der Frage beschäftigen, ob wir selbst bzw. unsere Seele für gängige Krankheiten verantwortlich sind und ob eine Entspannungs-CD eventuell des Rätsels Lösung sein könnte. So ulkig wie es bei der Lektüre auch war, zeigt es doch, dass wir im Ernstfall sehr empfänglich für jeden Strohhalm zur Rettung sind und wie wichtig jeder einzelne Tag im Kreise unserer Lieben ist. Dies und noch vieles mehr hat mir Catharina Junk wieder deutlicher vor Augen geführt und genau deshalb war ihr Debüt für mich gelungen.

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 12.07.2016
Weil wir Flügel haben (Restexemplar)
Diffenbaugh, Vanessa

Weil wir Flügel haben (Restexemplar)


gut

Als ich den 400 Seiten starken Roman in den Händen hielt, waren meine Erwartungen erst einmal nicht sehr hoch. Das Debüt der Autorin „Die verborgene Sprache der Blumen“ lag mir mit seiner vom Weg abgekommenen und etwas schwer zu händelnden Protagonistin noch dumpf im Magen und die Inhaltsangabe deutete auch hier wieder ähnliches an. So war es für mich nicht verwunderlich, dass ich mit einigen Startproblemen zu kämpfen hatte.

Die dreiunddreißigjährige Letty ist alleinerziehende Mutter von zwei Kindern und lebt gemeinsam mit ihren mexikanischen Eltern in einem Armutsviertel, wo es nur Sumpf und pure Tristigkeit weit und breit gibt. Ihrer Mutterrolle war sie von Beginn an überhaupt nicht gewachsen, da sie als Teenager ungewollt schwanger wurde und diese Pflichten sofort nach der Geburt an ihre Mutter abgegeben hat. Um die Familie einigermaßen über die Runden zu bekommen, arbeitet Letty nachts als Kellnerin und schläft tagsüber. Als ihre Eltern sich in einer Nacht und Nebel Aktion plötzlich dazu entschließen wieder zurück nach Mexiko zu gehen, verliert Letty aufgrund der neuen Verantwortung komplett die Nerven. Wird sie es schaffen oder kläglich an der Herausforderung scheitern?

Die größten Schwierigkeiten hatte ich bei der Lektüre damit, dass ich kaum Sympathien zu den Handelnden aufbauen konnte. Lediglich der wissbegierige und frisch verliebte 14-Jährige Alex war mein Hoffnungsschimmer zwischen den ganzen Geldproblemen und Alkoholeskapaden der Erwachsenen. Er wirkte mit seiner friedfertigen und vernünftigen Art beinahe wie hineingeschmissen in die Szenerie einer Trash-Tv Sendung, die seine Mutter geschrieben hat. Noch deutlicher wird dieser Faktor als sein Erzeuger nach Jahren wieder auftaucht und seine Mutter in ein Gefühlschaos schleudert – zumal sie gerade dabei war mit einem Kollegen anzubändeln, womit das „Dreiecks-Wirrwarr“ perfekt ist.
Obwohl man Letty zugutehalten muss, dass sie sich im weiteren Verlauf der Handlung durchaus Mühe gibt, um den Karren sprichwörtlich aus dem Dreck zu ziehen, damit jedoch aber andere Steine ins Rollen bringt, die fatale Folgen haben. Wie ein kleiner nerviger Satansbraten nimmt die 6-Jährige Luna auch noch irgendwo dazwischen am Familienleben teil. Mit einer Mischung aus verzogen, quengelig und unterfordert sorgte sie bei mir regelmäßig für Augenrollen, da nützt auch kein Welpenfaktor.
Mr. Everett, Alex‘ Lehrer in den Naturwissenschaften, und Sara, Lettys beste Freundin, agieren glücklicherweise als Nebencharaktere wie gute Feen und zeigen, dass auch am Abgrund noch ein Licht am Tunnel Hoffnung schenkt, was in manchen Szenen wirklich goldwert war und die Stimmung wieder steigen ließ.

Wichtiger Pluspunkt der Autorin ist ihr federleichter Schreibstil, der trotzdem vollgepackt mit schönen Dialogen ist, die dem Ernst der Lage angepasst sind, aber auch Freude bereiten. Der angenehme Lesefluss hat mich mehrmals erstaunt und ein paar Kritikpunkte wieder aufgehoben.
Mein Highlight bei „Weil wir Flügel haben“ sind allerdings unbestritten Alex‘ Ausführungen zu den Federmosaiken seines Großvaters – Bilder aus Vogelfedern, die wie gemalt aussehen. Von dieser Form der Kunst hatte ich vorher noch nichts gehört und gebannt umgeblättert.
Das dramatische Finale ist dann für meinen Geschmack etwas zu gesellschaftskritisch, da hätte ich mir ein weicheres Ende für die Familie gewüscht nach den zahlreichen Höhen und Tiefen, aber wahrscheinlich macht genau dies Vanessa Diffenbaugh aus.