Benutzer
Benutzername: 
Bellis-Perennis
Wohnort: 
Wien

Bewertungen

Insgesamt 1167 Bewertungen
Bewertung vom 21.11.2025
Illies, Florian

Wenn die Sonne untergeht (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

„Die Gefahr ist sicherer als die Sicherheit!“

Zu Autor Florian Illies habe ich, ebenso wie zur Familie Mann ein zwiespältiges Verhältnis. Der Besuch der Buch Wien, bei der ich Florian Illies bei einem Interview zu seinem neusten Buch erleben durfte, hat mich dazu bewogen, mich sowohl mit ihm selbst, als auch mit der Familie Mann nochmals zu beschäftigen.

Florian Illies lässt in diesem, seinem neusten Buch die Monate Februar bis September 1933, die für die Familie Mann (und Tausende andere) weitreichende Folgen haben wird, Revue passieren. Er lässt uns einen Anteil haben am Leben der Familie Mann, das in diesen Monaten zu einem Leben in absoluter Fassungs- und Hilflosigkeit erstarrt. Dabei verabsäumt er nicht, darzustellen, wie sich - vor allem Thomas Mann - in einer Blase von Egozentrik und Selbstgefälligkeit befindet, aus der es kaum ein Entrinnen gibt. Wie ein Herrscher gebietet er seinen Kindern Erika und Golo, Manuskripte, Briefe, Geld sowie zahlreiche Wertgegenstände aus der Münchener Villa nach Sanary-sur-Mer, wo sie aktuell leben, zu schaffen. Beide bemühen sich, stets auch in Gefahr zu sein von der Gestapo verhaftet zu werden, doch der Dank oder wenigstens eine Anerkennung ihrer Leistungen seitens des Vaters bleibt aus.

Obwohl die Familie Mann ihr Schicksal mit Dutzenden anderer Literaten wie Eva Herrmann, Aldous Huxley, Lion Feuchtwanger, Arnold Zweig usw. teilt, scheint Thomas Mann vor allem persönlich beleidigt zu sein. Er, der Literaturnobelpreisträger von 1929 wird einfach ausgebürgert und mit Verhaftung bedroht! Manns Empörung ist deutlich spürbar, gleichzeitig verschließt er, im Gegensatz zu seinem Bruder Heinrich seine Augen vor den politischen Umwälzungen in Deutschland. Dies führt letztendlich zu einem Konflikt zwischen Thomas Mann und seinem Sohn Klaus, für dessen Empfinden Thomas nicht eindeutig genug Stellung gegen das NS-Reich bezieht.

Geschickt zeigt uns Autor Florian Illies wie die Mitglieder der Familie Mann mit dem Gefühl der Entwurzelung umgeht. Dazu zitiert er aus zahlreichen Briefen und Tagebüchern, anhand derer er die Charaktere der Familienmitglieder beschreibt. Das schließt unter anderem die Drogensucht von Klaus mit ein. Ehrlich gesagt ist mir nach wie vor kein Familienmitglied so richtig sympathisch, am ehesten Katja Mann, geborene Pringsheim, die im Hintergrund die Fäden in der Hand hält.

Das Buch ist keine durchgehende Biografie der Familie Mann. Eine solche würde wohl den Rahmen sprengen. Das Buch ist eine mehrmonatige Momentaufnahme, die manchmal kühl beobachtend und durchaus ironisch ist. Immer wieder sorgen Aussprüche von Thomas Mann bei mir für Kopfschütteln, wenn er sich beinahe weinerlich um seinem zurückgelassenen Besitz sorgt und die verlorene Bequemlichkeit beklagt. Schmunzeln musste ich bei der Vorstellung, Thomas und Heinrich Mann gehen hanseatisch, sommerlich gekleidet am Stand von Sanary spazieren - weißer Dreiteiler bei 30 Grad im Schatten.

Sehr gut gefällt mir der Abschnitt „danach“, in dem die weiteren Lebenswege der einzelnen Familienmitglieder gut und prägnant zusammengefasst sind. So wird Thomas Mann später in Zürich alle seine Bücherkisten und (fast) all seine geliebten Dinge wiederfinden. Nur seine Heimat, die hat er verloren.

„Wir sind eine erlauchte Versammlung - aber einen Knacks hat jeder.“ schreibt Thomas Mann in seinem Tagebuch.

Dem ist wohl wenig hinzuzufügen.

Fazit:

Ich bin nach wie vor kein großer Fan der Familie Mann, doch diese unterhaltsame Lektüre hat sie mir ein wenig zugänglicher gemacht. Gerne gebe ich hier 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

Bewertung vom 16.11.2025

Bewegte Zeiten. 1945-2015


sehr gut

In diesem Buch, das von Danielle Spera, der früheren ORF-Journalistin und ehemaligen Direktorin des Jüdischen Museums in Wien, im Amalthea-Verlag herausgegeben worden ist, kommen zahlreiche Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zu Wort. Darunter finden sich namhafte Autorinnen und Autoren, Künstlerinnen und Künstler sowie Politikerinnen und Politiker. Sie alle lassen persönliche Eindrücke und/oder Erlebnisse der Jahrzehnte zwischen 1945 und 2025 Revue passieren, um die prägenden Phasen der österreichischen Nachkriegsgeschichte mit gebotenen Abstand neu zu betrachten.
Auffällig ist, dass vorrangig die Geschichte Niederösterreichs und damit zusammenhängend jene von Wien präsentiert wird. Johanna Mikl-Leitner, Landeshauptfrau von Niederösterreich hat für dieses Buch das Vorwort geschrieben. Ja natürlich ist die Besatzung von Niederösterreich durch sowjetische Truppen sowie die Demontage der meisten Maschinen und Fabriksausrüstungen als Reparationszahlung für die weitere Verarmung der ohnehin schon wenig begüterten Bevölkerung verantwortlich. Doch stehen auch die anderen Bundesländer ebenso unter Fremdverwaltung, Wien gleich vierfach. Da wäre doch ein Blick in die anderen Bundesländer opportun gewesen. Aber wer weiß, vielleicht ist das in einem anderen Buch ja ohnehin angedacht.
Allen damaligen Unkenrufen zum Trotz, ist es erstaunlich, wie sich der Osten von Österreich über die Jahrzehnte zum Positiven hin entwickelt hat, auch wenn es da und dort ein wenig im Gebälk geknirscht hat. Eine weitere Zäsur ist der Fall des Eisernen Vorhangs, der vor allem den Grenzgebieten durchaus Vorteile gebracht hat, auch wenn das nicht immer (auch von der Politik) so gesehen wird.
Hier darf ich Erwin Pröll, den früheren Landeshauptmann von Niederösterreich zitieren:
„Die Menschen sind klüger, als die Politiker annehmen.“
Der Beitritt zu Europäischen Union ist ein weiterer Meilenstein in der Geschichte (Nieder)Österreichs. Nicht jede Vorgabe aus Brüssel oder Straßburg ist per se abzulehnen. Manches, das als bürokratische EU-Monster verteufelt wird, ist durchaus hausgemacht.
Zum Abschluss kommen junge Menschen zu Wort, die zuversichtlich in die Zukunft schauen. Davon bräuchten wir mehr.
Meine Meinung:
Wer, sich so wie ich, ständig mit der Geschichte Österreichs beschäftigt wird durch dieses Buch nicht allzu viel Neues erfahren. Doch auch Altbekanntes aus dem Mund von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zu lesen, kann durchaus interessant sein. Das Buch eignet sich sehr gut als Geschenk. Auch für jene Personen, die sich „nur“ einen schnellen Überblick über die letzten 80 Jahre verschaffen wollen. Vielleicht wird ja dadurch das Interesse geweckt, tiefer in die Geschichte einzusteigen.
Zahlreiche Fotos ergänzen die Texte und Interviews, die Herausgeberin Danielle Spera geführt hat.
Fazit:
Diesem Buch, das 80 Jahre der Geschichte (Nieder)Österreichs im oft sehr persönlichen Schnelldurchlauf darstellt, gebe ich 4 Sterne.

Bewertung vom 16.11.2025
Céspedes, Alba de

Was vor uns liegt (eBook, ePUB)


sehr gut

Auf dieses Buch, das kurz nach seiner Erstveröffentlichung verboten worden ist, lange ungelesen, nun neu übersetzt und neu aufgelegt worden ist, war ich ziemlich neugierig.

Alba de Céspedes (1911-1997) beschreibt darin das Leben acht junger Frauen, die 1934 im faschistischen Italien studieren.

Anna, Silvia, Emanuela, Milly, Xenia, Augusta, Vantina und Vinca - sie wohnen in Rom, im Grimaldi-Konvikt, das nach wie vor von Nonnen geführt wird, spartanische Ausstattung, zahlreiche Ge- und Verbote sowie das tägliche Licht-aus um 22 Uhr. Zunächst sind sie einander fremd, entdecken Gemeinsamkeiten und werden so etwas wie Freundinnen.

Die jungen Frauen sehnen sich nach einem Leben voller Selbstbestimmung und Freiheit, abseits der familiären Strukturen, was zu jener Zeit kaum erreichbar scheint. Trotz ähnlicher Wünsche und Träume verbirgt die eine oder andere ein streng gehütetes Geheimnis. .

Hat das Leben nach dem Studium mehr zu bieten als die drei K (Kirche, Kinder, Küche)? Oder müssen sich die Frauen den gesellschaftlichen Konventionen wieder unterordnen? Aus den Gesprächen, die sie führen geht schon hervor, dass die eine oder andere fürchtet, dass die lieb gewonnene Freiheit wieder beschnitten wird:

„Wer könnte vergessen, schon einmal selbst über sich bestimmt zu haben?“ (S. 93)

Obwohl außerhalb der Konviktmauern der Faschismus tobt, wirken die Studentinnen auf mich davon seltsam unberührt. Okay, Vinca und Luis sprechen über die drohende Gefahr eines Bürgerkriegs in Spanien.

Nach und nach werden Geheimnisse gelüftet und die eine oder andere verlässt das Konvikt, nicht immer ganz freiwillig, so wie Emanuela, die an das Institut als eine eigene kleine Welt mit eigenen Gesetzen und Tribunalen zurückdenkt.

Einige Passsagen wirken ziemlich modern und auch ein wenig distanziert, was auch an der neuen Übersetzung durch Esther Hansen liegen könnte.

Schmunzeln musste ich, wenn die jungen Frauen den Nonnen frech entgegentreten.

Der Titel ist gut gewählt, denn 1934 weiß noch niemand, was die Zukunft bereit hält und welche Träume zerplatzen.

Nicht ganz klar ist für mich, wie viel Persönliches in diesen Roman eingeflossen ist. Die Autorin hat mit 15 (!) Jahren
einen italienischen Adeligen geheiratet. Der gemeinsame Sohn kommt zwei Jahre später zur Welt. Später wird sie als Widerstandskämpferin zwei Mal verhaftet werden.

Fazit:

Ein interessanter Roman, dem ich gerne 4 Sterne gebe.

Bewertung vom 11.11.2025
Marschall, Anja

Der Tote an der Alster


ausgezeichnet

Schwarze Schatten der Vergangenheit - dunkle Wolken für die Zukunft
In seinem 6. Fall wird Kommissar Hauke Sötje von seiner Vergangenheit als Kapitän eines Schiffes, das durch Sabotage versenkt worden ist, eingeholt, seine Familie wird entführt und er soll, - quasi als Sühne - einen Mord begehen. Erst dann würde seine Familie frei gelassen werden. Doch stimmt das? Und was soll das bringen, wenn er, Sötje, dann als Mörder gejagt und hingerichtet würde? Oder soll die Jagd nach Hauke Sötje von einer größeren Verschwörung ablenken?

Doch von Beginn an: In der Suite des Grandhotel „Vier Jahreszeiten“ liegt ein Toter. Die Ermittlungen sind angesichts des bekannten Hotels heikel, weshalb Hotelbesitzer Haerlin und die Polizei den Fall so schnell wie unauffällig abschließen wollen und einen Raubmord annehmen. Doch Sötje erkennt in dem, als Strumpffabrikanten Oppenheimer im Meldebuch eingetragenen Mann, seinen ärgsten Widersacher: den kaiserlichen Spion Graf von Lahn.

Obwohl er vom Fall abgezogen wird, ermittelt er auf eigene Faust weiter und weiß noch nicht, dass er es mit einem schier übermächtigen Gegner zu tun hat.

Im Stadthaus, dem Sitz der Kriminalpolizei, hat Hauke Sötje zahlreiche Gegner, weil er durch seine unorthodoxen Ermittlungen zwar eine hohe Aufklärungsrate hat, es aber doch immer wieder an Teamgeist mangeln lässt. Immer mehr Kollegen wenden sich von ihm ab, allen voran Kommissar Kleiner. Nur Kriminalrat Roscher und ein, zwei Mitarbeiter sind auf seiner Seite. Die anderen würde ihn lieber heute als morgen aus der Kriminalpolizei entfernen. Als dann noch sein Geheimnis rund um den Schiffsuntergang und dessen Folgen im Stadthaus publik wird, gerät auch Roscher unter Zugzwang.

Meine Meinung:

Puh, was für eine Geschichte!

Anja Marschall ist es wieder gelungen, mich völlig in das Jahr 1907 eintauchen zu lassen. Plötzlich war die letzte Seite da! Was für ein gemeiner Cliffhanger! Das kann doch nicht das Ende von Hauke Sötje sein?

Es ist immer wieder spannend zu lesen, wie damals ermittelt worden ist. Gerade einmal die Daktyloskopie sowie eine Zettelkartei mit Fotos von Verhafteten stehen als technische Hilfsmittel zur Verfügung. Geständnisse, die zur Strafverfolgung bei Gericht nötig sind, werden durch Schläge und Drohungen den mutmaßlichen Verbrechern abgepresst.

Wie immer, sind den einzelnen Kapiteln Ausschnitte aus den örtlichen Tageszeitungen vorangestellt.

Ich hoffe, bald einen weiteren Band mit Hauke Sötje lesen zu können. Denn so ein offenes Ende, lässt mein Kopfkino Hochschaubahn fahren.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem historischen Krimi 5 Sterne und warte mit Ungeduld auf den nächsten.

Bewertung vom 10.11.2025
Reinhardt, Angela Marina

Die Welt in Meran - Walzerblut (eBook, ePUB)


sehr gut

Dieser historische Roman, der im Jahr 1872 im Luftkurort Meran spielt, ist der der erste Band einer Reihe von Angela Marina Reinhardt. Meran ist nicht ganz so mondän wie Davos, dennoch geben sich reich und schön, und vor allem Adelige aus aller Welt hier ein Stell-dich-ein.

Zahlreiche Kurgäste werden von ihren heiratsfähigen Töchtern begleitet, um für sie eine vorteilhafte Ehe zu arrangieren, weshalb man mit großem Gepäck reist, um bestens gekleidet an den diversen Tanzveranstaltungen teilzunehmen. Sollte das eine oder andere Kleidungsstück doch nicht genügen, so kann man sich innerhalb weniger Wochen eines in den örtlichen Werkstätten eines anfertigen lassen. Womit der Bogen zu den elenden Arbeits- und Lebensbedingungen der örtlichen Bevölkerung gespannt ist, die in den Seiden- und Baumwollspinnereien ihr Dasein fristen müssen. Deren Tuberkulose wird nicht mit Trinkkuren und Spaziergängen behandelt.

Die wenigsten Kurgäste interessieren sich für die jungen Mädchen und Frauen im Gastgewerbe, in den Fabriken oder deren Lebensumstände. Eine Ausnahme ist unkonventionelle Helen, eine englisch-deutsche Adelige, die, wenn es nach der Mutter geht, hier in Meran einen Ehemann finden soll. Sie stolpert unversehens in das kurze Leben der jungen Anna, die im Hotel als Dienstmädchen schuftet und ein streng gehütete Geheimnis hütet. Damit ist Anna nicht die einzige. Auch der leicht aufbrausende Korse Jean de Benedetti, der auf Grund einer Kriegsverletzung mophinsüchtig ist und versucht, die Droge vom neuen Kurarzt aus Wien, dem Witwer Simon Hirsch, zu erhalten, ist bemüht seine Vergangenheit verbergen. Und dann haben wir noch den Erbgrafen Maximilian von Montalban um dessen Vermögen es doch nicht ganz so gut bestellt zu sein scheint, weshalb er selbst eine finanzkräftige Braut sucht.

Meine Meinung:

Die Autorin Angela Marina Reinhardt war mir bislang unbekannt.
Dieser historische Roman, der sehr gut recherchiert ist, hat mich nicht enttäuscht. Der Schreibstil ist flüssig, die Charaktere sind gut gezeichnet. Manchmal wird das eine oder andere Klischee bemüht. So wird der Korse als feurig, aufbrausend beschrieben und Helen als spleenig, wie man sich damals (?) Engländer eben vorstellt. Trotzdem wirken diese Zuschreibungen stimmig.

Auch die Beschreibung des Elends der Arbeiter und Arbeiterinnen in den Spinnereien sind ziemlich authentisch. Gut gefallen hat mir der Exkurs in die Seidenmanufaktur. Kaum jemand kann sich (bis heute) vorstellen, wie viel Arbeit in der Produktion der Seidenfäden für die wertvollen Stoffe steckt. Das milde Klima in Meran begünstigt die Zucht des Maulbeerspinners vulgo Seidenraupe, der sich ausschließlich von den Blätter des Maulbeerbaumes (Morus Alba) ernährt.

Und natürlich dürfen die Stadt an der Passer sowie das (damalige) Lokalkolorit nicht fehlen. Damit sich die Leserinnen und Leser in der Stadt zurecht finden, ist ein Stadtplan von Meran abgedruckt.

Um in dieser illustren Gesellschaft den Überblick zu bewahren, gibt es im Anhang ein Personenverzeichnis.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem Reihenauftakt, der auf eine Fortsetzung neugierig macht, 4 Sterne.

Bewertung vom 10.11.2025
Calic, Marie-Janine

Balkan-Odyssee, 1933-1941 (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

Die wenig bekannte Fluchtroute – Der Balkan

Wenn man „Balkan-Route“ hört, denkt man an illegale Einwanderungen der letzten Jahre. Dass der Balkan bereits in den Jahren 1933 bis 1941 für Tausende von verfolgten Juden und Kritikern des NS-Regimes ein Fluchtmöglichkeit geboten hat, ist längst nicht so bekannt, wie jene nach Frankreich und anschließend über die Pyrenäen in das neutrale Spanien über die Uwe Wittstock in seinem Buch „Marseille 1940“ ausführlich geschrieben hat.

Diese Lücke in der Exilforschung versucht nun Marie-Janine Calic zu schließen. In ihrem Sachbuch listet sie zahlreiche Prominente wie Tilia Durieux, Manès Sperber oder Franz Theodor Csokor und weniger Prominente auf, die sich auf den beschwerlichen und gefährlichen Weg durch die Schluchten des Balkans gemacht haben, um einen Platz auf einem der Seelenverkäufer nach Palästina zu gelangen.

Der Balkan, also das damalige Königreich Jugoslawien, ist lange Zeit nur von wenigen Verfolgten als Möglichkeit dem NS-Regime zu entkommen, wahrgenommen worden. Calices Recherchen stützen sich auf Tagebücher, Briefe, Akten, Fotos und andere Quellen um die verschlungenen Wege von mehr als 55.000 Betroffenen nachzuzeichenen. Dabei hat sie, wie sie schreibt, „Nichts wurde erfunden und kein Zitat verändert, um den Erzählfluss oder Spannungsbogen aufrechtzuerhalten.“.

So wird einerseits die systematische Enteignung und Vertreibung der Juden aus Deutschland, Österreichs und der letztlich anderen annektierten Gebiete, bevor der staatlich angeordnete Massenmord an den Juden vollzogen wird, sowie die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Bevölkerung Jugoslawiens und Albaniens beschrieben. Die Hilfsbereitschaft endet schlagartig im Jahr März 1941 als gegen die Regierung des Prinzregenten geputscht wird. Wenig später marschiert die deutsche Wehrmacht über Ungarn in Jugoslawien ein, das nach nur elf Tagen kapituliert und von Hitlers Truppen besetzt wird. Einige Gebiete müssen an Mussolinis Italien abgetreten werden, der zuvor schon Albanien annektiert und 1940 Griechenland überfallen hat.

Die Flüchtlinge sitzen in der Falle, weil die Briten gleichzeitig die Einwanderung der verfolgten Juden nach Palästina verbieten. Sie bringen die ohnehin kaum seetüchtigen Schiffe auf und internieren die Menschen unter anderen auf den Malediven.

Die Autorin gibt uns einen Einblick in die Arbeit der verschiedenen jüdischen Hilfsorganisationen, die oft als willfährige Helfer des NS-Regimes erscheinen, zumal sie dazu gezwungen werden, mit zwielichtigen und kriminellen Personen zusammenzuarbeiten. Es müssen Unterkünfte, Lebensmittel, Einreisegenehmigungen und Transitvisa beschafft werden. Alles äußerst schwierig und gefährlich sowie kostspielig.

Wie oft die versprochenen und im Voraus bezahlten Passagen - aus unterschiedlichen Gründen - nicht durchgeführt worden sind, zeigt die Geschichte des Kladowo-Transportes, der 1939 in einem der jugoslawischen Donauhäfen festsaß. Der heftige Wintereinbruch 1939 verhindert ihre schnelle Weiterreise, denn die versprochenen Schiffe kmen nicht.

Fazit:

Ich habe schon einiges über den Balkan als Fluchtroute für verfolgte Juden gelesen, trotzdem ist dieses Buch auf Grund der peniblen Recherche und der Fülle der dargebotenen Unterlagen eine Ergänzung meines bisherigen Wissens. Gerne gebe ich dafür 5 Sterne.

Bewertung vom 10.11.2025
Borrmann, Mechtild

Lebensbande (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

Dieser historische Roman von Mechthild Borrmann spielt so wie viele ihre anderen Roman während des bzw. nach dem Zweiten Weltkrieg. Geschickt werden die Ereignisse in zwei Zeitebenen dargestellt.

Worum geht’s hier?

Diese Geschichte erzählt das Leben von drei jungen Frauen, Lene, Nora und Lotte, die durch das NS-Regime und den Krieg zu Freundinnen werden, obwohl sie unterschiedlicher nicht sein könnten.

Lene, die Tochter von Bauern, die wiederum einen Bauern heiraten soll, sich aber in einen jungen Holländer verliebt, Nora, ihre Cousine und Krankenschwester, die einige Jahre später Lenes Sohn Leo aus den Fängen einer Vernichtungsanstalt retten wird, und Lotte, eine überzeugte Nationalsozialistin, die erst sehr spät erkennt, welcher Propaganda sie aufgesessen ist.

Wie die Geschichte der drei Frauen miteinander verknüpft ist, müsst ihr schon selbst lesen.

Meine Meinung:

Dieser historische Roman ist nach wahren Begebenheiten geschrieben und nimmt ein eher unbeachtetes Thema der Nachkriegsgeschichte auf: Frauen, die als Zwangsarbeiterinnen in die UdSSR verschleppt worden sind, um dort Wiederaufbauarbeit zu verrichten. Nora und Lotte werden acht lange Jahre im Gulag von Workuta Wiedergutmachung leisten. Als Bundeskanzler Konrad Adenauer beginnt, diese Zwangsarbeiterinnen freizukaufen, scheint eine Heimkehr möglich.

Durch den geschickten Schachzug, eine zunächst unbekannte Frau, die in Kühlungsborn an der Ostsee lebt und kurz nach dem Mauerfall ein Schreiben der Rentenversicherung erhält, ergänzende Angaben zu den Jahren vor 1953 zu machen, ihr Leben erzählen zu lassen, ist es kaum möglich, dieses Buch aus der Hand zu legen. Nach und nach enthüllt sich das Geheimnis dieser Frau, die nun im Alter ihre Lebensgeschichte und die gleich zweifache Schuld, die sie auf sich geladen hat, in zwei Schulheften notiert.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem historischen Roman, der einen großen Eindruck bei mir hinterlassen jat, 5 Sterne.

Bewertung vom 29.10.2025
Sandmann, Elisabeth

Wir dachten, das Leben kommt noch


sehr gut

"Fahr nach Paris und schau, ob Lilou noch lebt!" .
Dieser historische Roman ist der zweite, der die junge Radiomoderatorin und Übersetzerin Gwen in den Mittelpunkt stellt. Ich habe den ersten Teil der Reihe (Porträt auf grüner Wandfarbe) nicht gelesen. Ob es der Vorgeschichte bedurft hätte, kann ich nicht sagen, werde aber bei Gelegenheit diese Lücke schließen.

Als Gwen die Chance erhält, ein Buch über jene Frauen zu schreiben, die während des Zweiten Weltkrieges für Winstin Churchils SOE (Special Operations Executive) in Frankreich ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, um die deutsche Besatzung auszuspionieren, packt sie ihre Koffer, schnappt ihre kleine Tochter Ruth und reist nach Paris, um dort weiterführende Recherchen durchzuführen. Mit im Gepäck sind Tonbandkasetten, die ihre verstorbene Großmutter Isabé besprochen hat, denn sie scheint nicht nur ein großes Geheimnis gehütet zu haben, sondern hat auch einen Auftrag, der Gwens Sicht auf ihre Granny nachhaltig verändern wird:

"Fahr nach Paris und schau, ob Lilou noch lebt!" .

Meine Meinung:

Ich habe schon einige Romane von Elisabeth Sandmann gelesen und finde ihren Schreibstil sehr angenehm. Es gelingt ihr sehr gut, die Charaktere lebendig und mit Ecken und Kanten darzustellen.

Das Thema dieses historischen Romans, die Leistungen der Frauen der SOE, die im allgemeinen nicht gewürdigt, sondern verschwiegen worden sind, in den Fokus der Leserschaft zu rücken, ist an sich gut gelungen. Auch wenn ich mir ein wenig mehr erwartet habe. Ich habe nämlich eine mehrteilige Doku über einige dieser wagemutigen Frauen gesehen, von denen nur Noor Inayat Khan (1914-vermutlich 1944 im KZ Dachau) in diesem Roman Erwähnung findet.

Der Roman wird auf mehreren Zeitebenen erzählt und lässt uns mit den fiktiven Agentinnen des SOE, die ständig von der Enttarnung und mit dem Tod bedroht sind, mitzittern. Gleichzeitig lernen wir ihre Gedanken der Überlebenden kennen, weil sie sich niemandem anvertrauen können und mit Schuldgefühlen, eventuell an einer Verhaftung einer Kollegin schuldig zu sein, leben müssen. Auch die Recherchen, die Gwen anstellt, sind sehr interessant.

Elisabeth Sandmann hat für diesen Roman penibel recherchiert, was ich sehr schätze. Auch die Rolle der BBC während des Zweiten Weltkriegs wird beleuchtet.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem historischen Roman, der versucht die Leistungen der britischen Agentinnen postum zu würdigen, 4 Sterne.

Bewertung vom 21.10.2025
Winkelmann, Andreas

Entführung im Himmelreich / Mord auf Achse Bd.2 (eBook, ePUB)


sehr gut

Gute Krimi-Unterhaltung!
Wie schon im ersten Kriminalfall auf dem Campingplatz im Himmelreich lässt Andreas Winkelmann sein ungewöhnliches Trio, bestehend aus dem ehemaligen Schauspieler Björn Kupernikus, seiner Hundedame Pinguin und seiner Bekannten Annabelle abermals ermitteln.

Was haben das Verschwinden des Bäckers und das verdächtige Gehabe des Fleischhauers mit den durchaus als schräg zu bezeichnenden Gewese der alten Damen zu tun?

Kuperinkus fühlt sich in der Rolle des Ermittlers pudelwohl, obwohl er diese Rolle während seiner Schauspielkarriere nie inne gehabt hat. Ein Naturtalent? Aber reicht das, um die Entführung des Bäckers aufzuklären?

Meine Meinung:

Andreas Winkelmann ist abermals ein kurzweilige Cosy-Krimi gelungen, der einem für geraume Zeit den stressigen Alltag vergessen lassen kann. Höchstspannung darf man sich nicht erwarten, dafür die eine oder andere humovolle Szene, die einen schmunzeln lässt.

Fazit:

Dieser Krimi hat mich gut unterhalten, weshalb ich ihm 4 Sterne gebe.

Bewertung vom 16.10.2025
Hermann, Birgit

Der Uhrenhändler (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

"Der Uhrenhändler" von Birgit Hermann ist ein packender historischer Roman, der uns auf eine faszinierende Reise vom Schwarzwald nach London, Wien, Prag und das Osmanische Reich des 18. Jahrhunderts mitnimmt.

Matthias Faller gilt als schwarzes Schaf seiner Familie, die als Uhrmacher ihr Einkommen erzielt, weil er eigene Ideen hat und sich so gar nicht der strengen Hand seines Vaters unterordnen will. Für ihn zählen nur Erfolg, Macht und Geld - doch bis er alles erreicht, dauert es eine Weile, Abstürze in tiefste Armut und Kerker inklusive.

Wir folgen allerdings nicht nur Matthias auf seinem Lebensweg sondern auch Resle, Matthias‘ Jugendliebe, die mit einer zerlegten Spieluhr den eigentlichen Grundstock für Matthias‘ Reichtum legen wird, sowie ihrem Bruder Pirmin, der als Strafgefangener in der Österreichischen Armee gegen die Osmanischen Truppen kämpfen muss, weil er als Dieb verurteilt worden ist. Natürlich darf der eine oder andere Widersacher auch nicht fehlen.

Meine Meinung:

Wie schon in „Die Apfelrose“ dem anderen historischen Roman, der ebenfalls die Schwarzwälder Uhrenmanufakturen als Thema hat, verbindet auch dieser geschickt historische Fakten mit fiktiven Elementen und bietet so ein lebendiges Bild jener Zeit. Matthias Faller ist eine historisch verbürgte Person, dessen Geschichte sich so ähnlich zugetragen haben kann. Geboren um 1745, hat er fünf Brüder mit denen er um 1770 eine Handelsgesellschaft gründet, aus der wenig später ausgeschlossen wird. 1794 wird er Opfer eines Raubüberfalls in der Türkei, worüber sogar die Zeitungen berichten.

Die Autorin bietet einen Einblick in die Lebensbedingungen der Frauen und ihrer kinderreichen Familien. Besonders schwierig ist es nach dem Tod des Ehemanns die Familie durchzubringen, ohne erneut zu heiraten, also eine Versorgungsehe einzugehen.

Wie schon in den anderen historischen Romanen wie „Die Suche nach der eigenen Farbe“ oder „Die Glasbläserin“ dürfen starke Frauen nicht fehlen. Hier sind es das Resle und Mutter Faller, die als Witwe in Abwesenheit der Söhne das Unternehmen inoffiziell leitet.

Brigitte Hermann hat penibel recherchiert und einen gelungenen historischen Roman geschaffen. Die Sprache ist dem Zeitalter gut angepasst. Hin und wieder sind einzelne Ausschmückungen für meinen Geschmack ein wenig zu ausführlich geraten. Aber, das ist Meckern auf höchstem Niveau.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem historischen Roman, der uns in die Welt der Uhrenmanufakturen des Schwarzwaldes im 18. Jahrhundert entführt, 5 Sterne und eine Leseempfehlung.