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Bellis-Perennis
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Wien

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Insgesamt 1185 Bewertungen
Bewertung vom 08.01.2026
Gárdos, Péter

Der Retter der Mütter (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

Heute gilt Ignaz Semmelweis (1818-1865) als Retter der Mütter und ist auf der ganzen Welt bekannt. Doch zu seinen Lebzeiten wurde er angefeindet, seine Hygienevorschriften ab 1847/48, dass Ärzte NACH Obduktionen und VOR Untersuchungen der Patientinnen sich die Hände mit Chlorkalklösung zu desinfizieren, als teure Zeitverschwendung abgetan. Obwohl er den direkten Zusammenhang, dass die hohe Mortalitätsrate (phasenweise bis zu 30 %) in der I. Geburtshilflichen Abteilung des Allgemeinen Krankenhauses in Wien (in der II. Abteilung, in der fast ausschließlich Hebammen arbeiteten und keine Sektionen vorgenommen worden sind, lag die Mortalitätsrate unter 1%) nach Anwendung der Hygienemaßnahmen auf knappe 1,2% zurückgehen, beweisen konnte, werden seine Anordnungen von Dr. Johann Klein (1788-1856), seinem Vorgesetzten und Abteilungsleiter, bewusst unterlaufen und nach seinem Abgang aus Wien, wieder abgeschafft.

Semmelweis dokumentiert, forscht, fordert und ist unbequem. Leider vergisst er, für seine Änderungsvorschläge Verbündete zu suchen. Er publiziert seine Erkenntnisse spät (1861), nicht ordentlich und stößt selbst jene Kollegen vor den Kopf, die wie der Kieler Arzt Gustav Adolphe Michaelis (1798-1848) seiner Argumentation etwas abgewinnen können. Mit seiner Forderung nach Händedesinfektion war er seiner Zeit – zwei Jahrzehnte vor Entdeckung der Bakterien als Krankheitserreger durch Robert Koch und Louis Pasteur – weit voraus.

Als er seine Stelle im Wiener Allgemeinen Krankenhaus verliert, geht er nach Budapest und führt dort in der Klinik St. Rochus seinen Kampf gegen das Kindbettfieber beinahe schon zwanghaft weiter, zumal die bei seinem Eintreffen vorgefundenen Zustände noch schlimmer als in Wien waren. So gab es für die Patientinnen keine saubere Bettwäsche.

Das Ende des unbeugsamen Arztes liest sich wie eine geheimdienstliche Verschwörung: Semmelweis wird auf Betreiben seiner Frau Maria (1837-1910), mit der er drei Kinder hat und die ihn um 45 Jahre überleben wird, im Juli 1865 in das psychiatrische Krankenhaus in Wien Oberdöbling eingeliefert. Dort stirbt er rund zwei Wochen später unter bis heute nicht geklärten Umständen. Selbst das Todesdatum wird unterschiedlich angegeben. Angeblich ist er bereits mit einer infizierten Wunde, die eine Sepsis verursacht hat und an deren Folge er verstorben ist, worden. Ist es Ironie des Schicksals, dass der Entdecker der Sepsis (nicht anderes ist das Kindbettfieber) an derselben zu Grunde geht? 1963 werden seine sterblichen Überreste exhumiert. Man stellt multiple Knochenbrüche an Armen und Brustkorb fest. Hat man den unbeugsamen Arzt ermordet?

Meine Meinung:

Dieser historische Roman von Péter Gárdos ist nicht mein erstes Buch über Ignaz Semmelweis. Zuvor habe ich schon die 2015 im Residenz-Verlag erschienene Biografie „In den Händen der Ärzte - Ignaz Semmelweis, Pionier der Hygiene“ von Anna Durnová gelesen. Während sich Durnová intensiv dem Krieg zwischen Semmelweis und seinem Vorgesetzten in Wien Dr. Johann Klein widmet, hat Péter Gárdos eher den Menschen Ignaz Semmelweis im Fokus. Gárdos beschäftigt sich auch mit dem Privatleben Semmwelweis‘ und den wenigen Freunden, die er hat. Hier verquickt er geschickt Fakten wie den Tod seines Freundes Jakob Kolletschka (1803-1847) der an einer Sepsis stirbt, mit fiktiven Charakteren.

Über die Änderung in Semmelweis‘ Wesen kann nur spekuliert werden. Die jahrelangen, zermürbenden Kämpfe können durchaus eine schwere Depression verursacht haben, ebenso könnte eine nicht ausgeheilte Syphilis, die ihm kaum körperliche Beschwerden bereitet hat (obwohl man von Juckreiz und häufigen Blutigkratzen lesen kann), aber eine massive Änderung seiner Psyche herbeigeführt haben. Man wird es wohl nie erfahren.

Den Siegeszug der Desinfektion, die vor allem auf den schottischen Chirurgen Joseph Lister (1827-1912) zurückgeführt wird, der aus den Schriften Semmelweis‘ seine Erkenntnisse zieht und ab 1867 mittels Karbollösung desinfiziert, wird Ignaz Semmelweis nicht mehr erleben.

Als Robert Koch 1905 den Nobelpreis für Medizin erhält soll er in seiner Dankesrede gesagt haben:

„Und auf diesem Weg, der uns verbindet, danke ich tief bewegt einem ungarischen Arzt. Ohne Ignaz Semmelweis wäre ich nie soweit gekommen. Ohne Ignaz Semmelweis wäre die Welt nicht so, wie sie ist. Sagen wir es offen: Semmelweis war einer der größten Ärzte der Welt.“ (S. 246)

Dieser historische Roman lässt sich gut lesen. Ein wenig Kenntnis der damaligen Zeit ist für das gesellschaftspolitische Umfeld hilfreich. Wir bewegen uns im Kaisertum Österreich, das 1848 von mehreren Revolutionen, einem schwachen Kaiser Ferdinand, dessen Abdankung und dem Beginn der Regentschaft des erst 18-jährigen Kaiser Franz Joseph I. (1830-1916). Von bahnbrechenden wissenschaftlichen Erkenntnissen will man nichts Genaues wissen. Das ist eben, neben Semmelweis‘ Schwäche beim Publizieren seiner Thesen, genau das Dilemma.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem historischen Roman 5 Sterne.

Bewertung vom 08.01.2026
Rossbacher, Claudia

Steirerzwist


ausgezeichnet

Abteilungsinspektorin Sandra Mohr ist kaum aus ihrem Urlaub zurück, als man eine tote Joggerin, der die Kehle durchschnitten worden ist, aus der Mur geborgen hat. Die Tote entpuppt sich als Direktorin des 5-Sterne Hotels Wagner, die Sandra Mohr flüchtig gekannt hat. Als wenig später, das LKA ist noch dabei das Umfeld der Toten zu durchleuchten, ein toter Obdachloser mit ähnlichen Verletzungen entdeckt wird, liegt die Vermutung nahe, dass die beiden Morde in einem Zusammenhang stehen, nur in welchem? War Frau Wagner das erste Opfer und der Obdachlose Zeuge der Tat, weshalb er beseitigt werden musste? Oder was es genau umgekehrt?

Chefinspektor Sascha Bergmann und Sandra Mohr ermitteln zügig, finden das Arbeitsklima im Hotel nicht gar so prickelnd und entdecken einige Ungereimtheiten im Leben der Hoteldirektorin wie zum Beispiel einen Unbekannten, der während der Beisetzung kürzlich vom verstorbenen Hoteldirektor Wagner in dessen offene Grab gepinkelt hat. Wer macht so etwas?

Während der Ermittlungsarbeiten erreicht Sandra Mohr, die nun seit kurzem mit Förster Georg eine neue Liebe hat, die Nachricht ihres kriminellen Halbbruders Mike, dass die gemeinsame Mutter verstorben ist. Sofort spulen in Sandra die Erinnerungen an frühere gewalttätige Auseinandersetzungen mit Mike ab. Gleichzeitig erhält sie dieselben Morddrohungen wie die getötete Hoteldirektorin. Wer versetzt die Ermittlerin hier in Angst und Schrecken?

Wird es gelingen, sowohl die Morde an der Hoteldirektorin und am Obdachlosen als auch die Bedrohung für Sandra Mohr aufzuklären?

Meine Meinung:

In diesem 15. Fall wird wieder in der Landeshauptstadt Graz ermittelt, nachdem schon zuvor in allen Bezirke der Steiermark verübte Verbrechen aufgeklärt worden sind. Der Kriminalfall ist komplex, denn das Motiv ist zu Beginn an völlig unklar. Dass der Sohn der Ermordeten, den von seiner Mutter entlassenen Angestellten wieder in seine Funktion einsetzt, ist auch eines der Puzzlesteinchen, die noch an die richtige Stelle gelegt werden müssen, um die Verbrechen aufzuklären.

Dieser Fall für Sandra Mohr und Sascha Bergmann ist voraussichtlich die letzte gemeinsame Ermittlung, wie Autorin Claudia Rossbacher im Nachwort erklärt. Allerdings könnte mit Elena eine neue Kollegin an der Seite von Bergmann ermitteln. Man wird sehen, ob die Reihe irgendwie weitergeht. Für Sandra Mohr scheint die Autorin ein Ausstiegsszenario vorbereitet zu haben. Ich kann das gut verstehen, einerseits muss sie sich gegen den aus Wien zugezogenen Macho Bergmann behaupten, was einiges an Kraft kostet, andererseits ist ihr Privatleben bis jetzt ein stetes auf und ab. Mit Georg scheint es einen Lichtblick zu geben, weshalb sie das zarte Pflänzchen hegen und pflegen möchte. Auch die persönlichen Angriffe, sei es durch ihren kriminellen Halbbruder oder durch anderes Gelichter, nagen an schwer an ihr, daher ist ihr eine Auszeit zu gönnen. Vielleicht kommt sie ja doch wieder zurück. Mich würd’s freuen.

Ich mag es ja, wenn an Orten ermittelt wird, die ich gut kenne. Im April 2025 war ich anlässlich meines Geburtstags eine Woche in Graz und bin, wie Sascha Bergmann, die Stufen auf den Grazer Schlossberg hinauf geschnauft und habe auf die wunderschöne Dachlandschaft der Grazer Altstadt hinuntergeschaut. Zudem verströmt die Stadt mit seinem milderen Klima und ihrer gepflegten Altstadt ein ähnlich südliches Flair wie Meran.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem komplexen Krimi wieder 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

Bewertung vom 07.01.2026
El-Arifi, Saara

Kleopatra


sehr gut

Die junge Autorin Saara El-Arifi nähert der neben Nofretete wohl bekanntesten Herrscherin Ägyptens von einer ungewöhnlichen Seite an. Sie lässt Kleopatra VII. Thea Philopator, wie sie korrekt heißt, selbst erzählen. Dabei schweift sie aus ihrer Gegenwart in die Vergangenheit und die Zukunft ab. Hier liegt Kleopatras Fokus auf der Tatsache, dass Geschichte von Männern gemacht und nur von Männern aufgeschrieben wird/wurde. Frauen haben weder etwas zu sagen, noch sind sie der Erwähnung wert, außer als Sündenbock für allerlei Unwägbarkeiten oder schlechtes Wetter.

Als Beispiel führt sie römische Schriftsteller wie Plutarch und Sueton sowie William Shakespeare an, der wie man weiß mehrere römische Dramen verfasst hat. Natürlich darf hier der Hinweis auf die Schauspielkunst von Liz Taylor und Richard Burton nicht fehlen.

Wir erfahren im lockeren Plauderton einiges aus ihrer Familie, die aus der makedonisch-griechischen Dynastie der Ptolemäer stammt. Dabei spart sie familieninterne Machtkämpfe, denen u.a. Schwester Berenike IV. zum Opfer fielen, nicht aus.

Ihre Liebesbeziehungen mit Gaius Iulius Caesar und Marcus Antonius nehmen recht viel Raum in der Erzählung ein. Sie schildert, quasi als Außenstehende, ihren Tod, der anders als üblicherweise dargestellt, ohne Schlange am nackten Busen auskommt.

Darüber müsst ihr bitte selbst lesen ....

Meine Meinung:

Als historisch Bewanderte bin ich zu Beginn ein wenig vorsichtig an diesen Roman herangegangen. Ich war neugierig, wie Saara El-Arifi das Leben der Kleopatra, das wir nur aus der Sicht der Männer kennen, darstellen wird. Ich bin angenehm überrascht worden. Nicht alles ist historisch eindeutig belegbar, aber der Roman bietet gute Unterhaltung.

Schmunzeln musste ich, wie sie versucht überlieferte Gerüchte, wie das tägliche Bad in Eselsmilch, als Blödsinn zu qualifizieren. Auch Kleopatras heimliche Ausflüge in die Bibliothek gefallen mir.

Worüber ich beim Lesen ein bisschen gestolpert bin, ist moderne gegenderte die Anrede „Pharaonin“. Soweit ich die ägyptischen Herrscher und Herrscherinnen verfolgt habe, war „Großes Haus“ die geschlechtsneutrale Anrede. Selbst Hatschesput (um 1490 bis um 1445 vor Christus) , die als erster weiblicher Pharao gilt, ist mit Knebelbart dargestellt.

Aber, die Ptolemäer waren ja kein autochthonen Ägypter.

Interessant ist auch zu lesen, dass in dieser Erzählung jeder Herrscher, jede Herrscherin eine von den Göttern gesandte Gabe bzw. ein göttliches Zeichen auf dem Körper haben soll. Da muss Kleopatra bei Caesarion, dem gemeinsamen Sohn mit Caesar, mittels Tätowierer ein wenig nachhelfen.

Der Schreibstil ist ziemlich modern, was aber bei dieser Art der Erzählung sein darf. Man spürt direkt den wachen Geist Kleopatras über sich schweben. Über manche Dinge amüsiert sie sich, manchmal kommen ihr Zweifel an ihren Handlungen und anderes hätte sie wohl (in der Rückschau) anders handhaben sollen. Fest steht, Macht macht einsam - Je weiter oben, desto mehr Speichellecker und Intriganten.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem ungewöhnlichen Porträt Kleopatras 4 Sterne.

Bewertung vom 06.01.2026
Grossman, Wassili

Armenische Reise (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

Wassili Grossmann (1905-1964) war lange Jahre Reporter der Armeezeitung Roter Stern und linientreuer Schriftsteller der Sowjetunion, der das umfassende Werk „Stalingrad“ hervorgebracht hat. Allerdings hat der Stalin-Terror, der Zweite Weltkrieg und die Vernichtung der Juden, die ihn als Juden mit der Ermordung seiner Mutter, auch persönlich betroffen hat sowie die vielen Schicksalen, denen er als Journalist begegnet ist, sein Leben verändert. Er wird zum Chronisten der Stalin-Zeit und der Jahre danach und beugt sich nicht den Vorschriften der Zensur. Das hat dann zur Folge, dass 1961 die Fortsetzung von „Stalingrad“, der Roman „Leben und Schicksal“ beschlagnahmt, verboten und sowohl Druckplatten als auch Manuskript vernichtet wird. Dass das Werk dennoch, allerdings erst 16 Jahre nach Grossmanns Tod, im 1980 in der Schweiz veröffentlicht werden kann, ist dem Umstand zu verdanken, dass es Fotos von den Manuskriptseiten gibt, die von Grossmanns Freunden unter Lebensgefahr außer Landes geschmuggelt worden sind.

Unter diesen Aspekten muss man das vorliegende Buch „Armenische Reise“ betrachten.

Wassili Grossmann wird nach Armenien geschickt, um die Werke eines bekannten armenischen Schriftsteller zu übersetzen. Er, Grossmann, kann aber nicht armenisch. Wie soll das funktionieren? Zumal niemand von seiner Ankunft in Jerewan informiert worden ist. So schlägt sich der Fremde Tag um Tag durch. Man spricht buchstäblich mit Händen und Füßen. Für ihn sieht alles grau in grau aus, nur manchmal unterbrochen von Frauen, die ihre Festtagstrachten, die mit bunten, vornehmlich roten Bändern verziert sind, anlegen. Die am häufigsten gebrauchten Wörter dieses Roman sind Steine, grau und arm.

Dieses letzte Werk des sowjetischen Schriftstellers, das er über seine Reise nach Armenien verfasst hat. ist nicht nur durch den Schreibstil interessant, sondern auch wegen der Vorbehalte, die Grossmann der Bevölkerung Armeniens gegenüber hat. Erst der Toast, den ein Armenier ihm, Grossmann ausspricht, in dem er die Shoah der Juden mit dem Völkermord an den Armeniern gleichsetzt, öffnet ihm die Augen.

Im Nachwort erfahren wir noch einiges über Grossmann und die Entstehung dieses Romans.

Fazit:

Ein interessantes Buch, dem ich gerne 5 Sterne gebe.

Bewertung vom 06.01.2026
Dinev, Dimitré

Zeit der Mutigen (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

Dieser Roman von Dimitré Dinev hat den Österreichischen Buchpreis 2025 erhalten. Zunächst war ich so gar nicht von diesem 1.152 Seiten Schmöker angetan, weil ich einen anderen Favoriten für den Buchpreis im Auge hatte. Doch nach den ersten Seiten hat mich das Werk dann doch gepackt.

Dimitré Dinev spannt in seinem Roman, der mit Eva, die am Vorabend des Ersten Weltkrieges in der Donau Selbstmord begehen will, beginnt, einen Bogen, der rund hundert Jahren umfasst, und wieder mit einer Eva endet, auf. Dazwischen liegen zwei Haupthandlungsstränge, einer in einem kleinen Ort in Österreich, der an der Donau liegt, die eine wichtige Rolle spielt, und ein anderer in Bulgarien. Daneben gibt es weitere Erzählstränge, die die Hauptstränge wie die Knoten in einem Fischernetz, an manchen Stellen treffen.

Der Erzählstrang, der in Österreich spielt, lässt sich leicht nachvollziehen: Armut, Ende der Monarchie, Ständestaat, Nazi-Diktatur, Zweiter Weltkrieg, Besatzung und deren Ende 1955 mit dem Staatsvertrag, Aufschwung, Demokratie, Ungarnaufstand 1956, Prager Frühling 1968 und den Fall des Eisernen Vorhangs 1989.

Das Schicksal der Menschen, die nach dem Zerfall der Donaumonarchie und vor allem nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in die Hemisphäre des Kommunismus geraten sind, ist außer politischer Willkür, Gulag, Mangel an allem und jedem, Profiteure in den Politkadern sowie Spitzelwesen, wenig bekannt. Wie der Staat, hier Bulgarien, mit seinem Volk umgeht, wird hier an Hand von einzelnen Schicksalen stellvertretend für viele, erzählt.

Bindeglied zwischen den beiden Welten ist Meto, ein Österreicher, der von den Sowjets hingerichtet werden sollte, aber mit einer Kugel im Kopf, überlebt. Er wird von einer bulgarischen Schafhirtin gefunden und gesund gepflegt. Die im Schädel steckende Kugel ist inoperabel und hat ihm sein Gedächtnis geraubt. Mit einem halb verbrannten Ausweis auf den Namen Helmut Nagorny tritt er die Reise ins besetzte Österreich an, ohne zu wissen wer er eigentlich ist. Nur manchmal, manchmal scheint er einzelne Worte im Tiroler Dialekt zu sprechen.

Meine Meinung:

Nach der Lektüre dieses Romans bin ich mit der Entscheidung der Jury, den Österreichischen Buchpreis 2025 an dieses Buch zu vergeben, einverstanden.

In jedem Kapitel, in jedem der Handlungsstränge sind es vor allem die Frauen, sich mutig den Herausforderungen des Lebens stellen. Dabei finden sie sich selbst gar nicht mutig. Was getan werden muss, wird einfach getan. Oft wird ihnen die Entscheidung ohnehin abgenommen.

Eine bewusste und mutige Entscheidung ist, den Mann mit der Kugel im Kopf, der Meto genannt werden will, als Helmut Nagorny anzunehmen, obwohl doch der eine oder andere Zweifel an seiner Identität besteht.

Die Charaktere sind außergewöhnlich lebendig. Wir dürfen mit ihnen nicht nur an der großen Weltgeschichte teilnehmen, sondern erleben auch ihre inneren Konflikte, wenn es um persönlichen Freiraum oder um das Wohl der Gemeinschaft wie z. B. des Roma-Clans geht.

Das eine oder andere aus der Geschichte Bulgariens habe ich nachgelesen, weil es mir nicht so bekannt war.

Das blaue Band, das sich auf dem weißen Cover dahin schlängelt, habe ich als Donau interpretiert, die in diesem Buch in beiden Hemisphären eine Rolle spielt.

Eine kleine Anmerkung habe ich für den Verlag für eine Neuauflage: Man möge doch die starke Beugung der Verben verwenden. Wenn ich melkte statt molk, oder flechtete statt flocht, lese, stellen sich bei mir die Nackenhaare auf. Wenig später treffe ich dann allerdings auf buk, das mir meine Volksschullehrerin schon 1966 als antiquiert in backte korrigiert hat.

Fazit:

„Die Zeit der Mutigen“ ist ein Roman, der lange nachhallt und den ich bestimmt wieder lesen werden. Von mit gibt es 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

Bewertung vom 06.01.2026
Jensen, Michael

Zurück unter Mördern


ausgezeichnet

Michael Jensen, dessen historischen Kriminalromane rund um die Brüder Sass sowie jene um Jens Druwe, der auch hier, im aktuellen Krimi eine Rolle spielt, ich gelesen habe, nimmt mich mit in das Nachkriegsdeutschland.

Oswald und Hertha Lassaly gehören zu den wenigen, von den Nazis Vertriebenen, die nach Hamburg zurückkehren. Er hat mit der Hansestadt und Deutschland noch eine Rechnung offen: Er will einerseits das geraubte Eigentum der Familie zurück und andererseits den angeblichen Selbstmord seines Vaters Eduard aufgeklärt wissen.

Doch der befreundete Anwalt, der schon seinen Vater betreut hat, macht ihm wenig Hoffnung, denn die Firma, ein Kaffeeimport und die Familienbank, sind „verkauft“ worden, was durch Dokumente belegbar ist. Dass der Kaufpreis durch Drohungen auf einen Bruchteil des Wertes gedrückt worden ist, interessiert niemanden. Um Beweise dafür zu finden, dass einerseits der Kauf Betrug und der Selbstmord seines Vaters Mord war, wird der Kriegsheimkehrer und Privatermittler Hans Mahler beauftragt, Dokumente und Zeugen aufzutreiben. Mahler scheint dafür sehr gut geeignet, hat er doch vor dem Zweiten Weltkrieg Jura studiert, aber nicht abgeschlossen und als Gegner der Nazis selbst im Gefängnis. Allerdings wird Mahler von seinen eigenen Dämonen geplagt wird, ist doch seine Frau seit dem, als „Operation Gomorrha“ bekannten, Bombardement Hamburgs verschollen.

Je tiefer Hans Mahler in die Familiengeschichte der Lassallys eintaucht, desto mehr wird ihm bewusst, dass die Täter von damals durchwegs wieder in ihren alten Positionen arbeiten. Oswald und Hertha Lassaly sind zurück unter Mördern.

Meine Meinung:

Der Krimi beruht auf der wahren Familiengeschichte der jüdischen Familie Lassally aus Hamburg, die, wie Hunderttausende andere auch, systematisch gedemütigt, ausgeplündert, ihres Eigentums beraubt, teilweise in den Selbstmord getrieben und als sie nichts mehr hatten, was Nazi-Deutschland nützlich sein konnte, in den diversen Vernichtungslagern ermordet worden sind. Nur wenigen Mitglieder dieser jüdischen Familien ist es, wie Oswald Lassally, gelungen, das Land zu verlassen und noch viel weniger kehren in das Land der Mörder zurück.

Hans Mahler muss erkennen, dass die alten Parolen vom Durchhalten und der Volksgemeinschaft sind noch fest in den Köpfen der Menschen verankert ist. Zudem haben sie neue wie „nach vorne schauen“, „Wir haben auch gelitten.“ und „Wir haben nichts gewusst!“ gebildet haben und in einer Art Dauerschleife wiederholt werden. Schrecklich zu lesen ist das Selbstverständnis mit der Täter/Opferumkehr betrieben wird. Die Mehrzahl der Deutschen sieht sich als Opfer der Alliierten und der jüdischen Weltverschwörung. Unrechtsbewusstsein in kaum vorhanden, weshalb es kaum möglich ist, geraubte Gegenstände und Wohnungen den ursprünglichen Eigentümern zurückzugeben.

Michael Jensen hat mit diesem historischen Krimi die düstere und beklemmende Stimmung im Nachkriegsdeutschland sehr gut eingefangen. Die wahre Geschichte von Eduard Lassally und seiner Familie ist penibel recherchiert. Wie schon in den historischen Krimis rund um die Brüder Sass und um Kriminalkommissar Jens Druwe lässt sich dieser hier ebenso sehr gut lesen, auch wenn er keine leichte Kost ist. Zartbesaiteten Lesern könnte die eine oder andere Grausamkeit vielleicht Probleme bereiten.

Die Figur des Hans Mahler bietet sich gemeinsam mit dem Thema förmlich an, als Reihe weiter entwickelt zu werden. Denn leider ist die Familie Lassally kein Einzelfall.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem historischen Krimi aus dem Nachkriegsdeutschland 5 Sterne und eine klare Leseempfehlung.

Bewertung vom 06.01.2026
Navarro, Fabian

Miez Marple und die Tatze der Verdammnis (eBook, ePUB)


gut

„Miez Marple und die Tatze der Verdammnis“ von Fabian Navarro ist 2025 im Haymon-Verlag erschienen. Der Krimi ist bereits der dritte Band der Cosy-Krimi-Reihe mit der Katzendetektivin Miez Marple. Für mich ist das die erste Begegnung mit dem Autor und seiner tierischen Detektivin.

Weil ihre Dosenöffnerin Agathe Christenson einen Wanderurlaub antreten möchte, wird Miez Marple kurzerhand in das Luxus-Tier-Ressort Bellagio verfrachtet. Zunächst ist Miez Marple not amused, zumal sie das Zimmer mit dem alternden Schlagerkater Florian Silberschweif teilen muss, mit dem sie noch eine alte Rechnung offen hat.

Doch als am Tag nach der Ankunft eine der urlaubenden Showstar-Katzen tot aufgefunden wird, beginnt Miez Marple zu ermitteln, was nicht jedem Hotelgast in den Kram passt. Zudem ist ihr die Welt des Showbusiness nicht ganz so vertraut, weshalb sie über ihren Schatten springt und letztlich Silberschweif als ihren Assistenten akzeptiert. Doch der hat, wie so viele andere Hotelgäste, auch ein Geheimnis, das nicht enthüllt werden soll ....

Meine Meinung:

Meine Meinung zu diesem Krimi ist ziemlich zwiegespalten. Die Wortgewandtheit des Autors finde ich toll. So musste ich laut lachen, als ich von Gabriel zu Grundel, der Stockente gelesen habe, die am Finanzmarkt tätig ist, den Dachs beobachtet und mit Bitcorns handelt. Das muss einem erst einmal einfallen. Oder die Achtsamkeitsübung „Mensch barfuß auf Kies“, die Florian Silberschweif gerade übt. Welche menschliche Entsprechung gemeint ist, ist wohl klar.

„...Wie unhöflich von mir! Runter vom Sofa. Hasso runter vom Sofa ist mein Name. Ich bin hocherfreut, Sie zu treffen, ich bin ein großer Fan…“

Diese Vorstellung des Reisegefährten Labradoodle klingt stark nach „Bond, James Bond“ und ist wohl beabsichtigt. In ähnlicher Diktion geht es weiter.

Geschickt flicht Fabian Navarro auch Vorurteile und Befindlichkeiten, wie jene, die Miez Marple dem Schlagerkater Silberschweif gegenüber hat, ein.

Als Zeichentrickfilm ist der Plot sicherlich eine gute Grundlage, aber als Krimi hat mich die Handlung nicht wirklich überzeugt. Aber, vielleicht bin ich schon zu alt dafür oder zu realistisch. Ich mag ja auch das Genre Fantasy oder S/F nicht.

Fazit:

Es gibt, wenn ich die 5-Sterne-Rezensionen so ansehe, eine große Fan-Gemeinde von Miez Marple. Ich zähle mich nicht dazu und vergebe 3 Sterne.

Bewertung vom 29.12.2025
Lorne, Mac P.

Robert Surcouf. Der Tiger des Indischen Ozeans


ausgezeichnet

Nach seinen Romanen rund um Piraten wie Jack Bannister und der Dilogie rund um Horatio Nelson, der ganz offiziell die Weltmeere durchpflügt, widmet sich Mac P. Lorne in diesem Buch einem Mann, der lange nicht so bekannt ist wie Nelson: Robert Surcouf (1773-1827).

Robert Surcoufs Vorfahren waren Korsaren, also Seefahrer, die mit „Genehmigung“ der Regierung, andere Schiffe aufbrachten und die erbeuteten Waren nach Abzug der Provisionen dem König überließen. Doch Roberts Vater, ein Kaufmann in St. Malo, hat mit seinem Sohn anderes vor und steckt ihn in die Jesuitenschule, die er ohne Erlaubnis verlässt. Wenig später beginnt seine Karriere als Seemann, zunächst als blinder Passagier.

Als er 1792 nach Frankreich zurückkehrt, ist die Monarchie Geschichte, der Vater verarmt und die nunmehrige junge Republik befindet sich im Krieg gegen alle jene, die die Bourbonen wieder einsetzen wollen. In Toulon lernt er einen jungen Mann kennen, der lange Jahre das Weltgeschehen dominieren wird und auch auf sein, Roberts Leben, großen Einfluss haben wird: Napoleon Bonaparte.

Mit welchem Husarenstück er aus dem Hafen von Toulon entkommt, müsst ihr selbst lesen ....

Meine Meinung:

Mit diesem historischen Roman ist Mac P. Lorne wieder ein großartiger Seefahrerroman gelungen, der das Leben von Robert Surcouf vor allem während der Jahre 1786 bis 1821 beschreibt.

Obwohl Sucouf Napoleon vor einem Seekrieg warnt, weil weder eingspielte Mannschaften noch fähige Kapitäne (Die hat die Revolution „gefressen“, weil sie fast ausschließlich aus dem Adel stammten.) vorhanden sind, besteht der auf Konfrontation mit den Briten, um die Seeblockade aufrecht zu erhalten und damit den Warenverkehr zu verhindern. Das Ergebnis ist bekannt: Die französische Flotte wird sowohl bei Abukir (1798) als auch bei Trafalgar (1805). wie von Robert Surcouf vorausgesagt, vernichtet und die Schmuggler verdienen sich eine goldene Nase.

Diese doch eher unrühmliche Geschichte der französischen Flotte wird von offizieller Seite gerne totgeschwiegen. Nur so legendäre Seefahrer wie eben Robert Surcouf leben in den Köpfen der Menschen und in der Literatur weiter, woran dieser Roman einen großen Anteil hat.

Wer also gerne Segel refft, in die Wanten klettert und mit waghalsigen Manövern aus gesperrten Häfen entflieht, sowie einem korrupten Statthalter das Handwerk legt und sich mit seiner direkten (und manchmal ziemlich respektlosen) Art auch noch mit Napoleon anlegt, dem sei dieser historische Roman ans Herz gelegt.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem penibel recherchierten und opulent erzählten Seefahrerroman 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

Bewertung vom 27.12.2025
Harris, C. S.

Der Teufel von Bethnal Green Der fesselnde historische Krimi im düsteren Regency London


ausgezeichnet

Lord Ashworth, der Ehemann von Sebastian St. Cyrs Nichte Stephanie, wird brutal ermordet in seinem Schlafzimmer aufgefunden. Die Trauer um den Mann, der abartige sexuelle Praktiken liebt und von St. Cyr verdächtigt wird, ein gutes Dutzend Kinder beiderlei Geschlechts missbraucht und getötet zu haben, hält sich in Grenzen. Blöderweise hat Stephanie, die mit ihren jüngst geborenen Zwillingssöhnen, wieder in ihrem Eltern lebt, nicht nur ein Motiv, sondern auch noch einige Geheimnisse, die Sebastian erst nach und nach aufdeckt. Doch Steph ist nicht die einzige, die ein Motiv hätte, ist doch Ashworth seinen Handwerkern die Rechnungen schuldig geblieben und aht einige deswegen in den Ruin getrieben.

Recht bald stößt St. Cyr bei seinen Recherchen auf eine ziemlich undurchsichtige russische Delegation rund um die Schwester des Zaren, in deren Umfeld auch sein intriganter Schwiegervater unterschiedliche Fäden (natürlich zu seinem eigenen Vorteil) zieht, geht es doch um eine mögliche politische Allianz, die durch die Hochzeit der russischen Großfürstin mit - ja mit wem? - besiegelt werden sollte.

Dann trifft die Meldung ein, dass Boney (also Napoleon Bonaparte) abgedankt hätte.

Meine Meinung:

Während sich Sebastian auf die Suche nach dem Mörder oder der Mörderin (ja, es könnte auch eine Frau sein) macht, recherchiert seine Frau Hero nach wie vor im Milieu der Ärmsten der Armen. Diesmal interviewt sie Kotsammler und Kreuzungsputzer. Dabei entdeckt sie einen möglichen Zusammenhang mit Ashworths Tod.

Als dann doch der wahre Hintergrund für den Mord ans Tageslicht kommt, sind Hero und Sebastian, der geglaubt hat, schon alles gesehen zu haben, doch schockiert.

C.S. Harris gelingt es wieder den Spannungsbogen hoch zu halten. dazu trägt auch das eigenartige Benehmen der jungen Witwe bei. Lange muss damit gerechnet werden, dass sie ihren Mann getötet hat. Geschickt lässt die Autorin auch die angespannte Lage, man schreibt ja das Jahr 1814, in dem es endlich gelingt, Napoleon zur Aufgabe zu zwingen, einfließen. Die Krimihandlung ist schlüssig und die Auflösung stimmig.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem historischen Krimi wieder 5 Sterne.

Bewertung vom 22.12.2025
Mohr, Judith

Taschenzauberei


ausgezeichnet

Es sind Herbstferien und wieder einmal müssen Ben und seine ältere Schwester Paulina im elterlichen Hotel mitarbeiten, während die Klassenkolleginnen und Klassenkollegen die Ferientage in den diversen Urlaubsorten verbringen dürfen. Urlaub machen ist für die Familie Waldmann nicht drin, denn mit dem Erlös des Hotels kommen sie gerade so über die Runden. Bens Laune ist am Tiefpunkt, denn ausgerechnet die schüchterne Lea aus seiner Klasse soll ein Praktikum im Hotel machen.

Als sich eine Gruppe faszinierender Gäste im Hotel „Zum Waldmann“ einquartiert, die als Häkelrunde eingebucht sind, aber mit Handarbeiten wenig am Hut haben, beginnt für Ben und Lea ein Abenteuer, an das sie noch lange denken werden.

Meine Meinung:

Schon das Format dieses Kinderbuch, das durch seine gediegene Aufmachung einen haptischen Genuss verspricht, ist besonders. Auf hochwertigem, griffigen Papier gedruckt, enthält es nicht nur eine witzige Geschichte, sondern auch zahlreiche gelungene Illustrationen.

Das Buch erzählt von Freundschaft und geschwisterlichen Auseinandersetzungen sowie Rivalitäten im Klassenzimmer und dem Druck durch teure Marken „dazugehören zu müssen“.

Die Handlung ist ideenreich und auch kurzweilig. Das Buch eignet sich zum Selbstlesen ab ca, acht Jahren oder zum Vorlesen. Die Kapitel haben ein gute Länge. Zudem dürfen sich große und kleine Leserinnen und Leser von der besonderen Atmosphäre des Buches verzaubern lassen.

Obwohl ich ja kein großer Hunde-Fan bin, musste ich über den Instant-Hund „Knorr“ (ja, wie die Packerlsuppe), herzlich lachen. Was es damit auf sich hat, müsst ihr selbst lesen.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem gelungenen Kinderbuch 5 Sterne und eine Leseempfehlung.