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Readaholic

Bewertungen

Insgesamt 431 Bewertungen
Bewertung vom 16.01.2026
Hoersch, Judith

Niemands Töchter


ausgezeichnet

Auf der Suche nach der eigenen Identität
Judith Hoerschs Debütroman „Niemands Töchter“ handelt von vier Frauen, Marie, Gabriele, Alma und Isabell. Am Anfang fand ich es ausgesprochen verwirrend, zwischen den Kapiteln, die aus der Sicht der einzelnen Frauen erzählt werden, hin- und herzuspringen, zumal auch die Zeitebenen ständig wechseln. Auch die Beziehung der Frauen untereinander ist lange unklar. Nachdem ich den Versuch aufgegeben habe, die Puzzlestücke zeitlich einzuordnen, und einfach darauf vertraut habe, dass alles irgendwann Sinn ergibt, fand ich das Buch deutlich angenehmer zu lesen.
Es geht um die Themenbereiche „wer bin ich und wo gehöre ich hin?“. Alma spürt schon seit ihrer frühen Kindheit in ihrer Familie, die aus Mutter und Großeltern besteht, dass sie nicht nur äußerlich anders ist. Die Frage nach dem Vater wird ausweichend beantwortet. Als sie als junge Frau erfährt, dass sie adoptiert ist, bricht sie den Kontakt zur Mutter ab und zieht nach Berlin. Diesen Teil der Geschichte konnte ich nicht ganz nachvollziehen. Warum dieser unerbittliche Bruch mit der Adoptivmutter, die doch alles für ihr Kind getan hat?
Isabell, die andere Tochter in der Geschichte, wächst mit Mutter und Vater gutsituiert in Berlin auf. Der Vater, ein erfolgreicher Arzt, ist an seiner Tochter nicht sonderlich interessiert und betrachtet Isabells Mutter mehr oder weniger als „trophy wife“, eine hübsche Frau, mit der man angeben kann. Als diese stirbt, bricht für die zehnjährige Isabell eine Welt zusammen.
Das Schicksal führt Alma und Isabell beide in dieselbe psychotherapeutische Praxis. Die beiden lernen sich kennen und merken, dass sie viel mehr gemeinsam haben als geahnt.
Obwohl ich mich mit keiner der Personen wirklich identifizieren konnte und so manche Entscheidung für mich nicht nachvollziehbar war, hat mich die Geschichte gefesselt. Der Schreibstil ist packend, die Personen und ihre Lebenssituationen gut beschrieben. Vor allem Almas Kindheit in einem kleinen Dorf in der Eifel im Haus ihrer bodenständigen Großeltern fand ich äußerst realistisch dargestellt. Leseempfehlung!

Bewertung vom 05.01.2026
Céspedes, Alba de

Was vor uns liegt


gut

Schlechte Töchter und schlechte Ehefrauen
Acht junge Frauen leben im Jahr 1934 in dem von Nonnen geführten Grimaldi-Konvikt in Rom. Dort herrschen gefängnisähnliche Zustände. Abends werden die Türen verschlossen und das Licht zu einer bestimmten Zeit abgedreht. Tagsüber dürfen sie das Konvikt verlassen, um ihrem Studium nachzugehen. Die acht Frauen, von denen jede ein Geheimnis vor den anderen verbirgt, sind eine Art Schicksalsgemeinschaft. Eine von ihnen, Emanuela, hat durch ein uneheliches Kind, das in einem Internat aufwächst, Schande über die Familie gebracht und sie vertraut sich nicht einmal ihren Freundinnen an. Die andere, Augusta, gibt vor zu studieren, schreibt aber in Wirklichkeit Romane, die wahrscheinlich nie einen Verleger finden werden. Im faschistischen Italien der 1930er Jahre war es so gut wie unmöglich, als Frau ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Wer einmal einen Hauch von Freiheit verspürt hat, wird niemals mehr eine gute Tochter und Ehefrau sein, konstatiert Augusta.
Was mich sehr irritiert hat, ist, dass die Beschreibungen der einzelnen Frauenschicksale manchmal nahtlos ineinander übergehen, so dass ich oft nicht wusste, von wem jetzt gerade die Rede ist. Der distanzierte und langatmige Schreibstil machte es mir teilweise schwer, Empathie für die Frauen zu empfinden, einige waren mir regelrecht unsympathisch. Als eine der acht nach langer Krankheit stirbt, hält sich die Trauer sehr in Grenzen, schnell gehen alle wieder zum Alltag über. Eine andere hält es für angemessen, eine der Freundinnen zu bestehlen, um das Startkapital für ein Leben außerhalb des Konvikts zu bekommen. Etwa in der Mitte des Buchs wird ein Vorfall geschildert, der mich so schockiert und angewidert hat, dass ich das Buch beinahe zur Seite gelegt hätte.
Laut Verlag handelt es sich bei „Was vor uns liegt“ um einen „legendären Debütroman“, der mich jedoch nicht in seinen Bann ziehen konnte. Ich würde ihn nicht weiterempfehlen.

Bewertung vom 05.01.2026
Sten, Viveca

Lügennebel. Ein Fall für Hanna Ahlander (MP3-Download)


ausgezeichnet

War es ein Unfall oder Mord?
Sechs Studenten wollen einen unbeschwerten Skiurlaub in der schwedischen Ferienregion von Åre verbringen. Schon auf der Hinfahrt im Zug wird kräftig dem Alkohol zugesprochen, im luxuriösen Ferienhaus, das den Eltern von Wille, dem Alphamännchen der Clique, gehört, ist es genauso. Nicht nur Alkohol wird konsumiert, sondern auch Drogen. Die jungen Leute sind laut und feiern bis spät in die Nacht, womit sie sich in der direkten Nachbarschaft nicht gerade beliebt machen.
Am Morgen nach einer dieser Partys wird eines der beiden Mädchen tot im Schnee vor der Villa aufgefunden. Ist sie selbst, volltrunken wie sie war, bei minus zwanzig Grad in den Schnee hinausgelaufen und erfroren? Oder war es etwa Mord?
Die beiden Ermittler Hannah Ahlander und Daniel Lindskog vernehmen die geschockten jungen Leute, von denen jeder behauptet, nichts mit Fannys Tod zu tun zu haben. Während ihrer Vernehmungen wird schnell klar, dass auch schon vor Fannys Tod Spannungen und Rivalitäten in der Gruppe bestanden. Als dann auch noch das Gästehaus auf dem Grundstück wenig später brennt und einer der Studenten das Weite sucht, scheint die Lage klar zu sein. Weshalb sonst sollte er geflüchtet sein? Doch die Dinge sind komplizierter als es zunächst scheint.
Ich verfolge Viveca Stens Polarkreisreihe von Anfang an, dieser Band hat mir ganz besonders gut gefallen. Die Personen und ihre Beziehungen untereinander sind glaubhaft dargestellt und die Story ist äußerst spannend. Ich mag es auch, wenn man etwas über das Privatleben der Ermittler erfährt und das ist bei Viveca Sten immer der Fall. Ich freue mich jetzt schon auf die Fortsetzung dieser Reihe! Ich habe das Buch als Hörbuch, gelesen von Vera Teltz, gehört, und es war ein Vergnügen, ihrer ausdrucksstarken Stimme zuzuhören.

Bewertung vom 29.12.2025
Page, Libby

Das Jahr voller Bücher und Wunder


weniger gut

Vor Jahren habe ich das Buch „Im Freibad“ von Libby Page gelesen und fand es unterhaltsam und herzerwärmend. Deshalb habe ich mich nun über die Neuerscheinung „Das Jahr voller Bücher und Wunder“ der Autorin gefreut. Um es kurz zu machen: ich hatte viel mehr erwartet. Die Story hörte sich vielversprechend an. Mathilda Nightingale, deren Mann Joe vor einem halben Jahr gestorben ist, bekommt einen Anruf aus einer Buchhandlung, wonach sie ein Buch abholen soll, das Joe für sie hinterlegt hat. Es stellt sich heraus, dass Joe ihr für ein ganzes Jahr Bücher ausgesucht hat, jeden Monat kann Tilly sich ihr Buch in der Buchhandlung „Book Lane“ abholen. Seit Joes Tod konnte Tilly, die eigentlich eine Leseratte ist, kein Buch mehr lesen. Durch die monatliche Lektüre verliert sich ihre Leseblockade und dank der Bücher schafft sie es, sich wieder auf das Leben und seine Herausforderungen einzulassen. Sie unternimmt Reisen, lernt Kochen und beginnt mit Joggen, um nur ein paar zu nennen. So weit, so gut, die Idee ist ganz schön, doch leider ist die Geschichte von Anfang an auch mit einer Liebesgeschichte verquickt. Ich habe überhaupt nichts gegen Liebesgeschichten, doch die kitschigen Formulierungen und die überdeutlichen Anzeichen, wer am Schluss ein Paar wird, haben mir überhaupt nicht gefallen. Dauernd errötet jemand angesichts von putzigen Sommersprossen oder bekommt weiche Knie, wenn ein bestimmter Name genannt wird oder ein Stückchen nackte Haut aufblitzt. Ich habe das Buch als Hörbuch gehört. Gut möglich, dass es mir in Buchform besser gefallen hätte, denn obwohl die Sprecherin eine angenehme Stimme hat, verleiht sie manchen Personen eine dermaßen fürchterliche Stimme, dass mir das Zuhören schwerfiel. Beispielsweise Prudence, die über 70jährige Mitarbeiterin der Buchhandlung Book Lane, die eine dermaßen brüchige und zittrige Stimme hat, wie ich sie noch nie an einer lebenden Person gehört habe. Mir ist klar, dass es nicht einfach ist, so viele verschiedene Stimmen für all die Charaktere eines Buchs so darzustellen, dass man sie unterscheiden kann, aber man kann auch übertreiben. Ähnlich ist es mit Tillys Schwester Harper, die total hysterisch und überdreht klingt.
Die vielen Klischees, deren sich die Autorin bedient, haben mich auch genervt. So riecht Buchhändler Alfie nach Büchern, was ich reichlich seltsam finde, während Tilly, die mit ihrer roten Mähne und ihren Ringelstrümpfen an eine erwachsene Pippi Langstrumpf erinnert, nach Apfel und Vanille duftet.
Es gab Passagen im Buch, die mich gut unterhalten haben, aber alles in allem hat mich „Das Jahr voller Bücher und Wunder“ enttäuscht.

Bewertung vom 22.12.2025
Horowitz, Anthony

Tod zur Teestunde


ausgezeichnet

Obwohl ich bisher alle Romane aus Anthony Horowitz‘ Reihe über Susan Ryeland gelesen habe, bin ich immer dankbar, wenn der Autor die komplexen Ereignisse der letzten Bände zusammenfasst und in Erinnerung ruft.
In gewohnter Manier ist auch „Tod zur Teestunde“ ein Buch im Buch. Zunächst erfahren wir, dass Susan Ryeland aus Kreta zurückgekehrt ist und wieder in London lebt. Dort soll sie den letzten Band der Atticus Pünd-Reihe lektorieren. Da der Autor der Reihe, Alan Conway, im letzten Band ums Leben kam, soll ein unbekannter Autor namens Eliot Crace das Buch im Stil von Conway weiterschreiben. Der Name Crace ist allerdings sehr bekannt, denn Eliots Großmutter schrieb eine höchst erfolgreiche Kinderbuchreihe namens „Little People“, in der herzensgute Menschen in einer heilen Welt leben. Im Gespräch mit Eliot erfährt Susan allerdings, dass Eliots Kindheit unter einem Dach mit der Großmutter alles andere als idyllisch war. Außerdem deutet er an, dass seine herrische Großmutter keines natürlichen Todes gestorben sei. In dem Buch, das er nun schreibt, finden sich viele Parallelen zu seinem eigenen Leben, viele Familienmitglieder kommen dabei nicht gut weg. Ihnen ist das Buch ein Dorn im Auge, in ihren Augen ist Eliot ein Nestbeschmutzer, der dem immer noch lukrativen Familienunternehmen schaden will. Als Eliot dann bei einem Unfall ums Leben kommt, gibt es eine ganze Reihe von Leuten, denen sein Tod gelegen kommt. Hauptverdächtige in den Augen der Polizei ist allerdings Susan Ryeland selbst.
Wie immer bei Horowitz‘ Büchern habe ich „Tod zur Teestunde“mit großem Vergnügen gelesen, auch wenn ich dieses Mal das eine oder andere Detail nicht sehr glaubhaft fand und in der Mitte des Buchs ein paar Längen aufkamen. Insgesamt tat dies dem Lesevergnügen jedoch keinen Abbruch. Die eingestreuten Anagramme sind wirklich clever. Ich bewundere Leute, die sich sowas ausdenken. Als treue Leserin freue ich mich schon auf den nächsten Band aus dieser unterhaltsamen Reihe, die im übrigen ganz hervorragend von Lutz-W. Wolff übersetzt wird!

Bewertung vom 08.12.2025
Edelmann, Max A.

Der unsichtbare Elefant


gut

Thomas Siebenmorgen, Anwalt in einer renommierten Düsseldorfer Anwaltspraxis, stürzt im Atrium der Anwaltskanzlei in den Tod. Seine Kollegin Maria will ihm noch helfen, zurück über die Balustrade zu gelangen, doch sie kommt zu spät. Sie konnte Thomas gut leiden und hat ihm viel zu verdanken, deshalb will sie mehr über die Beweggründe erfahren, die Thomas zu diesem für sie völlig unerklärlichen Schritt geführt haben. Vonseiten der Kanzlei wird der junge Staranwalt Simon damit beauftragt, sich mit dem Fall zu befassen und mögliche Imageschäden von der Kanzlei fernzuhalten. Die dritte Person, die sich vorrangig um Thomas‘ Eltern kümmern soll, ist Victor, ein früherer Schulkamerad des Toten, der inzwischen in einem Kriseninterventionsteam arbeitet. Die Kapitel werden abwechselnd aus der Perspektive dieser drei Personen geschildert.
Wir erfahren, dass Thomas‘ Elternhaus ausgesprochen spießig und ein wenig aus der Zeit gefallen ist, zumindest, was die Sprüche des Herrn Papa angeht. Wer sagt denn heute noch „Mein lieber Freund und Kupferstecher“ oder „Persil bleibt Persil“? Thomas wurde wohl von seinen Eltern dazu gedrängt, etwas „Ordentliches“ zu lernen, denn Jura war nicht seine erste Wahl gewesen. Trotzdem war er auf seinem Fachgebiet sehr versiert. Vor allem einer der Partner der Kanzlei verließ sich voll und ganz auf Thomas‘ Recherchen, nur um dann selbst die Lorbeeren einzustreichen.
Bis etwa zur Hälfte des Buchs hat mich die Geschichte sehr gefesselt. Das Erste, was mich gestört hat, war die Art und Weise, wie Maria auf einen entscheidenden Hinweis stößt, was der Auslöser für Thomas‘ Selbstmord gewesen sein könnte. Das war vollkommen unrealistisch. Je weiter die Geschichte fortschreitet, desto mehr geht der rote Faden verloren. Thomas‘ frühere Klassenkameraden veranstalten ein spontanes Klassentreffen, bei dem eine der Frauen einen Weinkrampf bekommt, als sie von ihrem lieblosen Elternhaus erzählt. Schön und gut, aber was hat das mit der Geschichte zu tun? Auch die Schilderung von Siebenmorgens teils problematischer Familiengeschichte nahm viel zu viel Platz ein, und die Andeutung, vererbte Traumata könnten zu Thomas‘ Suizid beigetragen haben, konnte mich nicht wirklich überzeugen.
Für mich ist dieses Buch regelrecht zweigeteilt: es beginnt mit einem Selbstmord und der spannenden Frage nach den Hintergründen und verliert sich dann in vielen einzelnen Handlungssträngen, die nur mäßig interessant sind.

Bewertung vom 28.11.2025
Keweritsch, Katja

Das Flüstern der Marsch


gut

Mona fährt zu ihren Großeltern in die Marsch, ihre alte Heimat, um den 80. Geburtstag ihres Opas Karl zu feiern, nur um festzustellen, dass ihre Großmutter Annemie verschwunden ist. Karl ist erstaunlich gelassen und geht davon aus, dass Annemie schon irgendwann wieder auftauchen wird. Mona macht sich Sorgen und spricht mit einer alten Freundin ihrer Oma, die Andeutungen macht, dass die Ehe der Großeltern vielleicht nicht ganz so harmonisch war wie angenommen. Außerdem findet Mona ein Babyfoto, das weder ihre Mutter, noch deren zwei Brüder zeigt. Welches Geheimnis hat Annemie gehütet?
Mona selbst hat ebenfalls Geheimnisse. Sie ist schwanger, der Vater des Kindes, den sie nicht liebt, ist gerade ins Ausland gezogen und sie weiß nicht, ob sie das Kind überhaupt bekommen will. Zum Glück trifft sie auf einen Freund aus ihrer Kindheit, mit dem sie sich immer noch gut versteht und über alles reden kann.
Diese Familiengeschichte wird in kurzen Kapiteln und aus wechselnden Perspektiven erzählt. Eigentlich mag ich Perspektivwechsel in Büchern ganz gern, hier waren die Kapitel aber so kurz, dass es den Lesefluss gehemmt hat. Immer, wenn ich Interesse für eine der erzählenden Personen entwickelt habe, kam schon die nächste wieder zu Wort. Lange weiß man nicht, wie Freya, eine der Erzählerinnen, in die Geschichte passt. Was mich auch ein wenig genervt hat, war die sehr norddeutsch geprägte Sprache. Ich weiß nicht, was die Wörter gienen, luschern und Bagalut bedeuten und ich finde es mühsam, in einem Buch, das in meiner Muttersprache geschrieben ist, Wörter nachzuschlagen.
Ich fand „Das Flüstern der Marsch“ nicht schlecht, aber ich habe bestimmt zwei Wochen fürs Lesen gebraucht, ein klarer Indikator, dass das Buch mich nicht sonderlich gefesselt hat.

Bewertung vom 15.11.2025
Schäfer, Stephan

Jetzt gerade ist alles gut


sehr gut

Das Glück im Alltäglichen finden
Die Familie ist dabei, das Auto zu bepacken und in den Urlaub zu fahren, als der Erzähler sich plötzlich elend fühlt. Sein Zustand verschlimmert sich schnell dramatisch. Im Krankenhaus wird festgestellt, dass er sich aufgrund eines kleinen Schnitts in den Finger eine lebensgefährliche Sepsis zugezogen hat. Die Heilung zieht sich hin und dem Ich-Erzähler wird nach dieser einschneidenden Erfahrung klar, wie schnell sich alles ändern kann. Er überlebt, doch es hätte auch anders ausgehen können.
Er beschließt, fortan sein Leben bewusster zu leben und die kleinen Glücksmomente des Alltags bewusster zu erleben. Die folgenden Kapitel sind Schnappschüsse aus seinem Leben, Begegnungen mit Familie und Freunden, Fahrradtouren, gemeinsame Essen usw.
Das Buch beginnt sehr spannend und dramatisch. Die Kapitel nach der Genesung des Erzählers lesen sich gut und die Botschaft „Genieße den Augenblick“ ist gut und richtig, und doch war ich ein wenig enttäuscht, dass es sich nicht um eine fortlaufende Geschichte, sondern vielmehr um eine Aneinanderreihung von Kurzgeschichten handelte. Am meisten in Erinnerung ist mir die Geschichte über einen langjährigen engen Freund, der ihn plötzlich ghostet. Da mir dasselbe auch schon passiert ist, konnte ich die Gefühle des Ich-Erzählers sehr gut nachempfinden. Außerdem fand ich es gut, dass in „Jetzt gerade ist alles gut“ Sepsis als dritthäufigste Todesursache in Deutschland thematisiert wird. Kurzweilige Lektüre mit ernstem Hintergrund.

Bewertung vom 03.11.2025
Lillegraven, Ruth

Düsteres Tal


sehr gut

Die ehemalige Finanzministerin Clara Lofthus hat die letzten Jahre in Nairobi verbracht und sich um den Aufbau einer Schule gekümmert. Als es dort zu einem Anschlag kommt, verlässt sie das Land wieder und kehrt in ihre norwegische Heimat zurück. Ihr Partner Axel, der beste Freund ihres verstorbenen Ehemanns, und die beiden Söhne sind froh darüber, allerdings trifft sie die Entscheidung über ihre Köpfe hinweg. In diesem dritten Band der Reihe verhält sie sich noch rücksichtsloser und unsympathischer als in den beiden Vorgängerbänden und es wundert mich, dass sie in Talkshows einen sympathischen Eindruck macht. Das Medieninteresse an ihr ist groß, denn bei dem Anschlag in Kenia hatte sie vielen Kindern das Leben gerettet. Ihr wird erneut der Posten als Finanzministerin angeboten. Kaum hat sie sich entschieden, die Stelle anzunehmen, wird die Leiche einer Frau gefunden, die Clara auf dem Gewissen hat. Ein Journalist, der ohnehin vorhatte, den Fall der vor Jahren verschwundenen Sabiya zu recherchieren, will in diesem Zusammenhang auch Clara ins Visier nehmen, was der neu ernannten Ministerin ganz und gar nicht passt…
„Düsteres Tal“ ist der dritte Teil einer Trilogie um eine machthungrige und rachsüchtige Frau, die über Leichen geht. Für Leser, die die beiden Vorgängerbände nicht kennen, werden die Details von Claras früheren Morden noch einmal aufgerollt. Einerseits war ich froh darüber, da ich die Bücher zwar gelesen habe, mich aber auch nicht mehr an alle Einzelheiten erinnern konnte, andererseits war es auch ein wenig ermüdend, so ausführlich über die Vergangenheit zu lesen. Auch in „Düsteres Tal“ räumt Clara Menschen, die ihr gefährlich werden könnten, aus dem Weg, mit einem davon hätte ich ganz und gar nicht gerechnet. Aufgrund der kurzen Kapitel, die aus verschiedenen Perspektiven erzählt werden, lässt sich das Buch schnell und flüssig lesen, doch so richtig spannend ist es nur selten. Es endet mit einem offenen Schluss, was die Vermutung nahelegt, dass der Trilogie womöglich noch ein weiterer Band folgt.

Bewertung vom 27.10.2025
Lewis, Caryl

Wilder Honig


sehr gut

Die heilende Kraft der Natur
Hannah, frisch verwitwet, hat das Haus, in dem sie aufgewachsen ist, nie verlassen. Ganz anders ihre jüngere Schwester Sadie, die in der Welt herumkam. Nach Hannahs Verlust kehrt Sadie zurück, um ihrer Schwester beizustehen. Sie räumen gemeinsam Johns Arbeitszimmer aus und stoßen auf ein Geheimnis, das sie beide schockiert.
Hannahs Ehemann John war Schriftsteller und leidenschaftlicher Imker. Als er sein Ende kommen sah, verfasste er Briefe an Hannah, in denen er ihr vor allem sein Wissen über Bienen weitergibt. Diese Informationen über Bienen und ihr Zusammenleben fand ich sehr interessant. Als trauernde Witwe hätte ich mir allerdings von den Briefen mehr Persönliches erhofft, zumal John Jahrzehnte lang ein Geheimnis vor Hannah verborgen hielt.
„Wilder Honig“ ist ein sehr ruhiges Buch. Wir lernen Hannah und Sadie, die junge Megan, die sie besucht und beschließt, für eine Weile zu bleiben, und Jack, den John in die Imkerei eingeweiht hatte, kennen. Die Natur und die Liebe zur Natur spielt eine große Rolle in diesem walisischen Roman, doch auch die Beziehungen der Protagonisten untereinander und die persönliche Entwicklung der Personen sind ein Schlüsselthema. Mir hat das Buch gut gefallen, nur der Schluss ließ mich seltsam unbefriedigt zurück.