Benutzer
zu den Top-Rezensenten

Benutzername: julemaus94
Wohnort: Jena
Über mich:
Danksagungen: 6 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 238 Bewertungen
Bewertung vom 31.05.2021
Die Verlorenen
Halls, Stacey

Die Verlorenen


gut

Das Ende schwächelt

Wer ist wohl die bessere Mutter- die Frau, die das Kind zur Welt gebracht hat oder diejenige, die es aufgezogen hat? Stacey Hall hat eine interessante Fragestellung genommen und diese in ein historisches Gewand verpackt.

Die junge Bess kommt aus ärmlichsten Verhältnissen und hält sich als Krabbenverkäuferin gerade so über Wasser, als sie 1754 ein kleines Mädchen zur Welt bringt. Den Vater hält sie geheim, alleine kann sie das Kind aber nicht ernähren. Deswegen gibt sie es schweren Herzens noch am selben Tag im Findlingsheim ab, mit dem Versprechen, es zu sich zurückzuholen, sobald sie genug Geld beisammen hat. Sechs Jahre später kehrt sie zurück und muss feststellen, dass ihre Clara bereits vor langer Zeit von einer Frau abgeholt worden ist, die sich als ihre leibliche Mutter ausgegeben hat.

Die Geschichte wird aus der Sicht der zwei Frauen erzählt: Bess, die junge Mutter, die im heruntergekommendsten Teil Londons um ihr Überleben kämpft, und Alexandra, eine ebenso junge Frau aus gutsituierten Verhältnissen, die trotz ihres Wohlstandes mit ganz anderen Problemen umgehen muss.

Wenn die Autorin eines wirklich gut hinbekommen hat, dann wohl das historische Setting. Bei der Beschreibung von Bess Lebensumständen bin ich ein ums andere Mal froh, in der heutigen Zeit und unter so wohlbehüteten Verhältnissen aufgewachsen zu sein. Man spürt förmlich die Verzweiflung und des Elend, dass dort in allen Ecken herrscht.

Die Figuren sind auch recht gut gelungen. Sowohl Bess als auch Alexandra nimmt man jede Gefühlsregung zu hundert Prozent ab, allein ihre Beweggründe bleiben manchmal etwas nebulös. Gerade in Bezug auf Alexandra hätten es ruhig ein paar mehr Hintergrundinformationen sein dürfen, um ihre Handlungen und ihr Verhalten besser verstehen zu können, um eine stärkere Verbindung zu ihr aufbauen zu können.

Ein kleiner Minuspunkt ist der teilweise etwas verworrene Plot, der mit zu vielen Zufälligkeiten arbeitet. Natürlich lebt ein Buch von seinen Überraschungsmomenten und es muss auch nicht immer voll und ganz logisch sein, dafür ist es ein Roman, in den man sich gerne ein wenig fallen lässt, solange die Geschichte ansonsten überzeugen kann.

Allerdings fühlt sich diese Erzählung manchmal etwas holprig an, man stolpert über einzelne Geschehnisse, als würde die Reihenfolge nicht ganz stimmen. Und das Ende, so glücklich es mich einerseits auch gemacht hat, passt für mich weder zum Titel, noch zur restlichen Geschichte.

Fazit:
Alles in allem eine authentische Erzählung von der dem Glück abgewandten Seite Londons, die zum Schluss leider etwas an Glaubwürdigkeit verliert.

Bewertung vom 23.05.2021
Hard Land
Wells, Benedict

Hard Land


gut

Genretypisch

Was erwartet man von einem Coming of Age-Buch, in dem es um einen 15-jährigen Jungen geht, einen unvergesslichen Sommer und die erste große Liebe? Was soll da noch überraschendes kommen, wenn der Inhalt bereits mit dem ersten Satz vollständig zusammengefasst wird?

"In diesem Sommer verliebte ich mich, und meine Mutter starb."

Die Geschichte um den jungen Sam, der im kleinstädtischen Missouri aufwächst bietet auf den ersten Blick wenig Überraschung, die Wendungen der Geschichte scheinen schon vollkommen vorgezeichnet. Und im großen Ganzen konnte mich das Buch auch nicht besonders überraschen.

Die Charaktere scheinen beinahe etwas schablonenhaft. Da ist der große, schweigsame Schwarze, der mit Rassismus zu kämpfen hat; der heimlich Schwule oder zumindest sexuell Unentschlossene, der unter den Vorurteilen des Kleinstadtlebens leidet und die großspurige Blondine, die der Titelfigur den Kopf verdreht. Es hat lange gedauert, bis mich die Figuren in ihren Gesprächen und Unternehmungen wenigstens ab und zu mit ihrem Tiefgang abholen konnten.

Und auch die Geschichte an sich plätschert über weite Strecken wenig spektakulär dahin und wirkt seltsam austauschbar. Dass sie im Amerika der 80er Jahre spielt, wird mir erst nach längerem klar. Letzten Endes sind es aber tatsächlich die popkulturellen Hinweise und die Emotionalität, die durch die Krankheit der Mutter aufkommt, die mich mit dem Buch doch noch warm werden lässt.

Die Begeisterung, die dieser Benedict Wells bei manchen auslösen konnte, vermisse ich auch nach dem Zuklappen des Buches. Wer aber auf der Suche nach einem überzeugenden Coming of Age-Roman ist, macht mit ihm definitv nix falsch.

Bewertung vom 29.04.2021
So wie du mich kennst
Landsteiner, Anika

So wie du mich kennst


sehr gut

Geheime Untiefen

Egal, wie nahe sich Menschen zu sein glauben, es gibt doch immer Geheimnisse die man niemandem anvertrauen kann oder möchte.

Die Schwestern Marie und Karla, stehen sich so nahe, wie es nur geht, und das, obwohl sie durch einen ganzen Ozean getrennt sind. Während Karla ein ruhiges Leben als Lokaljournalistin in ihrem Heimatort führt, lebt Marie als erfolgreiche Fotografin in New York. Obwohl ihr Lebensstil nicht unterschiedlicher sein könnte, halten sie engen Kontakt, telefonieren täglich und wissen alles übereinander. Zumindest glaubt das Karla. Bis ihre Schwester bei einem Unfall ums Leben kommt und Karla nach New York reist, um Maries Haushalt aufzulösen und dabei auf ein großes Geheimnis stößt.

Auch wenn der Roman zunächst ziemlich nach Spannung und Aufregung tönt, so ist es doch eine sehr ruhig erzählte Geschichte, die vor allem von der Trauerbewältigung handelt. Der Verlust, den nicht nur Karla zu verarbeiten hat, der aber gerade sie zu manch unbedachter Handlung treibt, ist auf jeder Seite zu spüren. Karlas Schilderung der Wochen nach Maries Tod ist eine intensive Seelenschau.

Doch das ist nur die eine Seite der Geschichte. Denn die Autorin lässt nicht nur die überlebende Schwester von dem Scherbenhaufen erzählen, den der Tod hinterlassen hat, sondern lässt auch Marie zu Wort kommen und bietet so Einblicke in ein gänzlich anderes Trauerspiel. Denn hinter der Fassade der erfolgreichen Singlefrau erleben wir hier die emotionalen Auswüchse eines dramatischen Lebenseinschnittes, den die junge Frau nie ganz verarbeitet hat. Sie berichtet von gesellschaftlichen Zwängen und Mauern, die man sich selbst setzt, die ein ganzes Leben verschatten können.

Die Detailtreue, mit der hier verschiedene Emotionen und Gedankengänge dargestellt werden, ist wirklich große Handwerkskunst. Allein, die Spannung und der Erzählfluss bleiben dabei manches Mal und gerade gegen Ende etwas auf der Strecke. Da helfen auch die teilweise leider schon fast etwas künstlich aufgebauscht wirkenden Tempo liefernden Elemente nicht mehr. Aber das braucht dieser Roman eigentlich auch nicht, um seine Botschaft zu übermitteln.

Bewertung vom 29.04.2021
Darling Rose Gold
Wrobel, Stephanie

Darling Rose Gold


sehr gut

Wer ist die Böse?

Vom Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom hatte ich bisher nur sehr wenig gehört. Dass Eltern ihre Kinder zwanghaft krank pflegen, um sie stärker an sich zu binden und sich selbst gebraucht zu fühlen, hätte ich mir nur schwer vorstellen können.

Aber Patty ist das Paradebeispiel dafür: 18 Jahre lang hat sie ihrer Tochter Rose Gold eingeredet, an einer unheilbaren Krankheit zu leiden, sie so sehr gepflegt, dass das Kind im Rollstuhl saß. Die Folge davon ist, dass Rose Gold mit 18 unterernährt ist, viel zu klein für ihr Alter ist und mit brüchigen Haaren und faulen Zähnen kämpft. Patty geht dafür ins Gefängnis, Rose ist das Mitleid der ganzen Stadt sicher.
Als die Mutter nach fünf Jahren entlassen wird, findet sie Unterschlupf bei ihrer Tochter, die ihr offensichtlich vergeben hat. Aber stimmt das wirklich?

Gleich zu Beginn ist für den Leser klar: das Monster in dieser Beziehung ist eindeutig die Mutter. Doch im Laufe der auf mehreren Zeitebenen erzählten Geschichte wird schnell offensichtlich, dass auch in Rose Gold Abgründe schlummern. Wieviel Mutter steckt in dieser Tochter?

Stephanie Wrobel hat für meinen Geschmack ein bedrückendes, feinfühliges Psychodrama um dieses Gespann gewoben, das einen sehr oft an seiner Wahrnehmung und Einschätzung zweifeln lässt. Was ist wahr, was nur vorgespielt? Eines aber ist zumindest für mich ganz sicher: ich möchte keiner dieser beiden Frauen je begegnen!

Die Figuren sind die Träger dieser Geschichte, ihre Interaktionen halten die Spannung permanent hoch und machen das Buch zu einem Pageturner. Auch wenn sie ihre Fassade gut verkleiden können, so sorgen die kurzen Einblicke in ihe Gedanken immer wieder für Gänsehautmomente.

Fazit:
Ein wahres Familien-Psychodrama, das die Grenzen zwischen Gut und Böse sehr schnell verschwimmen lässt.

Bewertung vom 29.04.2021
Die ganze Wahrheit (wie Mason Buttle sie erzählt)
Connor, Leslie

Die ganze Wahrheit (wie Mason Buttle sie erzählt)


ausgezeichnet

Ode an die Außenseiter

Dieses Buch ist für alle, die sich in der Schule nicht so aufgenommen und akzeptiert fühlen. Die sich vielleicht ab und zu allein gelassen sehen und von größeren oder stärkeren Kindern geärgert werden: ihr seid nicht allein und ihr werdet mit Sicherheit Freunde finden, die euch so akzeptieren wie ihr seid!

Mason Buttle ist ein solches Kind. Er sticht nicht nur aufgrund seiner Größe und Legasthenie aus der Masse seiner Klassenkameraden hervor. Dank seiner einzigartigen, unverfälschten Sichtweise auf die Welt und seine Mitmenschen wird er von den Nachbarskindern gehänselt und schikaniert, nicht zuletzt, weil sein bester Freund vor zwei Jahren bei einem tragischen Unfall ums Leben kam. Doch als Calvin in sein Leben tritt, beginnst sich sein Alltag langsam zum Guten zu wenden.

Ich denke, mit diesem Jungen werden sich viele Kinder identifizieren können. Nicht nur von seinen Mitschülern, die sportlicher und beliebter sind, wird er geärgert. Auch die Erwachsenen scheinen seine Denkweise einfach nicht zu verstehen oder stellen immer die falschen Fragen.

Dieses Buch spricht unheimlich wichtige Themen an, die man auch als Erwachsener unbedingt mal aus der Sicht eines Kindes erklärt bekommen sollte. Es geht um Ausgrenzung, Anderssein unter Gleichaltrigen, aber auch darum, was Erwachsene mit ihrem Verhalten und ihren Aussagen bei Kindern anrichten können und wie wichtig es manchmal ist, ihnen einfach mal zuzuhören.

Die Geschichte bietet eine Vielzahl interessanter Figuren, mit verschiedenen Krankheiten, Problemen oder Lebenskonzepten, ohne die jeweilige Situation zu bewerten. Aus Masons Sicht sind all diese Menschen normal und gleich beachtenswert.

Auch erzählerisch macht das Buch einiges her: es ist einerseits eine Familiengeschichte, andereseits bringen die Rätsel um Bennys Tod auch ziemlich viel Spannung und Krimirätsel mit. Jüngere Kinder sollten die Geschichte deshalb villeicht lieber gemeinsam mit ihren Eltern lesen, um das Gelesene leichter verarbeiten zu können.

Insgesamt finde ich diese weltoffene, bunte Geschichte einfach wundervoll und wünsche jedem einen Mason Buttle als Freund!

Bewertung vom 29.04.2021
Amari und die Nachtbrüder / Amari Bd.1
Alston, B. B.

Amari und die Nachtbrüder / Amari Bd.1


sehr gut

Magisch und vielfältig

Harry Potter trifft Men in Black trifft Black lives matter- und ergibt eine gelungene Mischung unterhaltsame Kinderfantasy.

Die junge Amari kommt aus einem Problem-Viertel und sticht als schwarzes Mädchen mit Stipendium an ihrer Privatschule immer wieder ungewollt hervor. Als sie von ihrem vermissten Bruder eine Einladung zu einer mysteriösen Sommerakademie bekommt, nimmt sie natürlich an- nicht zuletzt, um sich auf die Suche nach Quinton machen zu können. und so taucht sie ein in die geheime Welt der Oberbehörde, die die Interaktionen der magischen Wesen mit der Menschenwelt kontrolliert, und steckt schnell im größten Abenteuer ihres Lebens.

B.B. Alston schafft es, aus bereits bekannten Elementen eine komplexe, aufregende Welt zu erschaffen, in der man auf jeder Seite etwas neues entdecken kann. Dabei stellt er die magischen Elemente genauso überzeugend dar wie Amaris Gefühlswelt, die sich als armes, schwarzes Mädchen nirgendwo wirklich aufgenommen und ebenbürtig sieht. Die gesellschaftskritischen Passagen sind so unauffällig in die Geschichte eingewoben, dass sie vollkommen natürlich wirken und einen doch zum Nachdenken anregen.

Die Figuren wirken überzeugend, dreidimensional, auch wenn Amari natürlich am meisten heraussticht.

Die Geschichte wird sehr detailliert beschrieben, der Autor nimmt sich viel Zeit um die Rahmenhandlung nachvollziehbar zu erklären und zu beschreiben. Und trotzdem bleibt die Spannung dabei nicht auf der Strecke und überrascht mit einigen unerwarteten Wendungen. Lediglich der finale Showdown hätte für meinen Geschmack ein klein wenig ausführlicher ausfallen dürfen.

Insgesamt eine absolut runde Geschichte, die dennoch genug Raum für Spekulationen über eine mögliche Fortsetzung lässt.

1 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 08.04.2021
The Second Princess. Vulkanherz
Hiemer, Christina

The Second Princess. Vulkanherz


gut

Nicht die beste Wahl

Die Geschichte einer Prinzessin auf einer Karibikinsel mit einem mysteriösen Schicksal klingt doch eigentlich wirklich toll, könnte aber vielleicht doch nicht die beste Wahl sein.

Saphina wächst als jüngste von drei Schwestern in einer von Frauen regierten Dynastie auf einer Karibikinsel auf. Sie führt ein überaus behütetes Leben, bis ihre liebste Schwester und beste Freundin kurz vor der Hochzeit ihrer ältesten Schwester ums Leben kommt. Plötzlich deutet alles darauf hin, dass Saphina die Erfüllung eines dunkles Schicksal geerbt hat.

Die Geschichte bringt viel Potential mit: exotisches Setting, großes Drama, dunkle Geheimnisse und eine fantastische Bedrohung. Und doch stimmt so vieles nicht.

Zunächst einmal ist das Setting so gar nicht ausgereift: Die Karibik spielt keine größere Rolle, der Erzählung nach könnte die Geschichte in jedem x-beliebigen Land spielen. Mir fehlten typische Stilelemente, die die Geschichte hätten lebendig wirken lassen.

Der größte Knackpunkt war allerdings die zeitliche Einordnung. Der anfänglichen Beschreibung nach habe ich die Geschichte sofort ins viktorianische bzw in die vor-technische Ära eingeordnet. Umso verblüffter war ich, als plötzlich die Rede von Fernseher und Kameras war. Auch hier fehlte mir einfach das Feingefühl der Autorin für Beschreibungen.

Auch die Figuren können mich nicht so ganz überzeugen. Bis auf Saphina erfährt man von allen Figuren zu wenig um sie wirklich lebendig wirken zu lassen. Sie scheinen austauschbar, schablonenhaft und zweidimensional, und verschwinden ganz schnell in der Versenkung sobald sie nicht mehr benötigt werden. Ähnlich wie der Geschichte im Ganzen, fehlen den Figuren einfach ein paar mehr beschreibende Hintergrundinfos.

Einzig über Saphina erfährt man ein paar Details mehr, nicht dass sie das deshalb sympathischer oder nahbarer wirken würde.

Das einzig Positive sind die Wendungen und Enthüllungen, die einen auf den letzten Seiten doch noch in Erstaunen versetzen können.

Insgesamt gefällt mir die Idee der Geschichte wirklich gut, nur die Umsetzung ist wenig gelungen und hätte dringend ein paar Seiten mehr gebraucht, um dieser Idee Leben einzuhauchen.

Bewertung vom 31.03.2021
Kim Jiyoung, geboren 1982
Cho, Nam-joo

Kim Jiyoung, geboren 1982


ausgezeichnet

Alltagsdiskriminierung

Cho Nam-Joo beschreibt in ihrem Buch, wie das typische Leben für eine Frau in Korea aussieht.

Gemeinsam mit ihr tauchen wir in die Familiengeschichte von Kim Jiyoung ein, erfahren wie sich die Frauen ihrer Familie über mehrere Generationen ihr Leben gestaltet haben. Wie sie dabei täglich Rückschritte gegenüber Brüdern, Vätern und Ehemännern hinnehmen mussten, wie sie täglich von der Gesellschaft dazu gezwungen wurden, zurückzuweichen in die zweite Reihe.

Mich hat dieses Buch unheimlich beeindruckt. Zum einen gibt es einen tieferen Einblick in die koreanische Kultur und trägt dabei sehr zur Erweiterung meines Weltbildes bei.

Zum anderen zeigt es sehr deutlich die Alltagsdiskriminierung gegenüber Frauen, nicht nur in Korea sondern überall auf der Welt. Immer wieder kann ich Parallelen zu eigenen Erfahrungen ziehen, fühle mich bestätigt und verstanden.

Gleichzeitig macht mich das Buch unheimlich wütend. Weil die Frauen so passiv bleiben. Keine steht auf, fängt an sich zu wehren. Sie akzeptieren scheinbar die ihnen von den Männern zugedachte Rolle. Ob das daran liegt, dass sie keinen Ausweg sehen, wird dabei nicht so ganz klar.

Dafür bewirkt der Text bei mir selbst eine umso größere Reaktion. Ich beginne, meinen eigenen Alltag zu analysieren, Interaktionen mit Männern zu hinterfragen. Und bei unangebrachten Gesten oder Sätzen eher mal den Mund aufzumachen.

Fazit:
"Kim Jiyoung" ist in sofern ein unheimlich starkes Buch, da es den Leser erreicht und eine direkte Reaktion bei ihm auslöst.

Bewertung vom 31.03.2021
Das Flüstern der Bienen
Segovia, Sofia

Das Flüstern der Bienen


ausgezeichnet

Poetisches Mexiko

Auch wenn ich bisher noch nie in Mexiko gewesen bin, konnte ich dank Sofia Segovia zumindest gedanklich dieses Land bereisen.

Im Mexiko der 1920er Jahre wird die Bevölkerung von Landwirtschaftsreformen, Revolution und der Spanischen Grippe auf Trab gehalten. In diese aufgewühlte Zeit wird der kleine Simonopio geboren; ein Findelkind, das eine besondere Beziehung zur Natur und den Bienen zu haben scheint. Ein Kind das zu einem jungen Mann heranwächst, der im Leben seiner Ziehfamilie eine ganz besondere Rolle spielen wird.

Den Charakter dieses Buches in Worte zu fassen, fällt mir ausnehmend schwer. Es ist eine historische Geschichte und spielt in einer kulturell sehr interessanten Zeit. Gleichzeitig ist es aber vor allem die Familiengeschichte der Familie Morales, deren Mitglieder einem im Laufe der Erzählung sehr eng ans Herz wachsen. Nicht zuletzt besitzt das Buch dank Simonopio aber auch einige fast schon mystische Elemente. Insgesamt entsteht so ein wundervoller, einzigartiger Cocktail an Erzählkunst, der durch den ganz besonderen, fast schon poetischen Erzählstil getoppt wird.

Es gibt so viele Passagen, deren Worte einem tief ins Herz schneiden, Mut machen oder einen zum Schmunzeln bringen.

Fazit: Ein absolutes Herzensbuch, wenn man es zulässt.

Bewertung vom 24.03.2021
Vati
Helfer, Monika

Vati


gut

Geschichte einer Familie

Monika Helfer verarbeitet in ihren autobiografischen Romanen die zerrüttete Beziehung ihrer großen Familie. Nachdem sie in "Die Bagage" über die Kindheit ihrer Mutter geschrieben hat, widmet sie sich in "Vati" nun den spärlichen Erinnerungen an ihren Vater.

Der Kriegsversehrte, der in einem Lazarett seine spätere Ehefrau kennenlernte, war Zeit seines Lebens ein stiller, kluger Mann, der seine Liebe in Büchern und Bibliotheken fand. Das sind zumindest die stärkesten Erinnerungen, die seine Töchter an ihn behalten.

Die Kürze des Buches und die recht zerstreut hin und her springenden Erinnerungen, die mehr vom Rest der Familie als vom Vati selbst erzählen, zeigen schon, wie schwierig das Erinnern an geliebte Menschen fallen kann.

Der ruhige, ohne Kitsch auskommende Erzählstil der Autorin macht die Geschichte auch nicht fühlbarer, erlebbarer. Die Liebe zu den Eltern, zur großen Familie der Bagage ist nicht offensichtlich, springt nicht gleich ins Auge. Der Vati scheint Zeit seines Lebens eine Randfigur, die immer mal wieder auftritt, sich aber sonst im Hintergrund hält. Und doch spürt man, dass er besonders zu seiner Monika eine innige Beziehung hatte, die sich auf gemeinsamen Interessen aufgebaut hat.

Und man liest die gleichen Probleme, die jeder mit Erinnerungen an Verstorbene hat: sie verschwimmen, verblassen. Vieles, gerade Erinnerungen an die Kindheit, ist meist nur schwer interpretierbar.

Als Leser muss man oft zwischen den Zeilen lesen. Aber so ist es nun einmal mit dem Erinnern: nur die wirklich starken Emotionen und Personen verbleiben in der Erinnerung frisch und stark.

Fazit:
Ein interessantes Buch in unverwechselbarem Schreibstil verfasst, wenn auch nicht ganz so stark wie sein Vorgänger.