Benutzername: marakkaram
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Bewertungen

Insgesamt 238 Bewertungen
Bewertung vom 21.10.2017
Der letzte Turm vor dem Niemandsland (eBook, ePUB)
Michael Schmidt

Der letzte Turm vor dem Niemandsland (eBook, ePUB)


sehr gut

Zum ersten Mal sagte Philipp es im Alter von drei Jahren. Es war ein trister Nachmittag und er sass am Fenster, gegen das der Regen trommelte.

Ob es um Drachen, magische Spiegelscherben, Wiedergeburt, Roboter oder Mais aus der Hölle geht; sie verfolgen alle das gleiche Ziel: den Leser zu unterhalten! Und das tun sie.

Wie es so ist bei Geschichtensammlungen, gibt es immer Highlights und auch die ein oder andere Story, die einen persönlich nicht ganz so anspricht. Insgesamt ist die Mischung, die den Leser hier erwartet, sehr bunt, gelungen und ausgewogen. Ein wirklich kurzweiliger Lesespass.

Mir liegt High Fantasy nicht so besonders und so hat wohl jeder Leser seine eigenen Vorlieben. Meine Highlights waren unter anderem "Meister Shini" und "Neu-Eden". Unter ersterer hatte ich Fantasy erwartet, bekommen hab ich eine lockere Crossover-Geschichte, die im Ruhrpott(Schnauzen)-Dialekt quer durch alle Genre geht. Und auch Neu-Eden hat mich geflasht. Mit nur vier Seiten zieht sie den Leser in den Bann und der Twist am Ende kommt völlig unerwartet. Und das sind nur zwei von vielen.

insgesamt gibt es 16 Stories von den unterschiedlichsten Autoren, die einen immer wieder überraschen, da man im Vorfeld nicht weiss, aus welchem Genre sie stammen. Das hat mir gefallen, auch wenn nicht alle aus meinem Lieblingsmetier stammen.

Fazit: Ein gelungener Mix und dadurch ein kurzweiliges Lesevergnügen.

Bewertung vom 17.10.2017
Du bist mein Feuer
Ronin, Isabelle

Du bist mein Feuer


ausgezeichnet

Veronika hat in ihrem Leben schon viel mitgemacht und wenn sie eins daraus gelernt hat, dann, dass es besser ist, sich unabhängig und allein durchzuschlagen.

Und da ist sie mal einen Abend lang nicht auf der Hut, lässt sich gehen, schlägt ausnahmsweise über die Stränge und prompt wacht sie am nächsten Morgen im Gästezimmer des reichen, verwöhnten Playboys Caleb auf.

Und es kommt noch schlimmer, scheinbar hat sie ihm auch noch gestanden, momentan obdachlos zu sein.
Caleb schlägt ihr einen Deal vor, den sie schwer ablehnen kann...

~ * ~ * ~ *

Selten wurde eine armes Mädchen / reicher Typ - Liebesgeschichte so schön erzählt.

Beworben wird das Buch ja als Wattpad Sensation, was mich im Vorfeld eher abgeschreckt hat. Doch es brauchte nur eine kurze Leseprobe und ich war Feuer und Flamme. Dieses Buch sticht wirklich aus der Masse heraus - vor allem geht es auch nicht vorrangig nur um Sex, was auch mal eine schöne Abwechslung ist.

Ja, der Roman hat vielleicht hier und da klitzekleine Schwächen in der Storyline, aber dafür zwei ganz große Stärken, die mich 600 Seiten lang durchgehend gefesselt haben. Zum einen sind es die Charaktere und zum anderen die Emotionen.

Es gibt nicht eine Figur, von der ich sagen könnte, sie überzeugt mich nicht, egal ob im positiven oder negativen Sinn. Sie sind alle greifbar und menschlich; jeder mit Fehlern und Schwächen, jeder mit seiner eigenen Geschichte und Vergangenheit. Die Meisten kann man sich sogar gut als eigene Freunde oder Clique vorstellen.
Davon mal ganz abgesehen, dass hier die Jungs mehr oder weniger zu Frauenverstehern mutieren, sind die Mädels schon eher was tougher drauf.
Emotionen hingegen zeigen sie alle und die gehen oftmals direkt unter die Haut.

Das macht das Buch für mich absolut aus und dazu ein flüssiger Schreibstil mit einem großartigem Humor. Habe ich mich anfangs noch gefragt, wie man 600 Seiten mit dieser Story, ohne Längen füllen kann, war ich am Ende total überrascht, das sie schon vorbei waren.

Fazit: Ja, manchmal sollte man seine Vorurteile einfach ablegen, ich bin froh, einer Wattpad-Geschichte eine Chance gegeben zu haben.
Wer mal wieder eine richtig schöne, emotionale Liebesgeschichte lesen möchte, bei der sich nicht eine Sexszene an die andere reiht, dem kann ich dieses Buch wärmstens empfehlen.
Ich jedenfalls freue mich schon auf den zweiten Teil.

Bewertung vom 13.10.2017
Der gefährlichste Ort der Welt
Johnson, Lindsey Lee

Der gefährlichste Ort der Welt


gut

Sie erwiderte das Lächeln von Tristans Mutter. Und begriff: Sie hat gedacht, jemand wäre mit ihm befreundet gewesen.

Der gefährlichste Ort der Welt oder erwachsen werden im Zeitalter von Social Media.

Tristan ist ein stiller Junge, ein Aussenseiter, mit seinen knalligen Jogginghosen und den Origami-Kranichen. Er gehört nirgendwo richtig dazu, aber man lässt ihn in Ruhe. Das ändert sich schlagartig mit einer einzigen Begegnung. 5 Minuten, ein Wimpernschlag und nichts ist mehr wie es war. Aus dem Gefühl heraus, die 13-jährige Cally, wäre wie er, schreibt Tristan ihr einen Liebesbrief, nicht ahnend, dass sie ihn all ihren Freunden zeigt.
Für Tristan beginnt eine Hetzjagd über FB und Twitter.

~ * ~ * ~ *
Ich finde das Thema, auch jetzt im Nachhinein, noch unheimlich spannend und bewegend. Es geht um Social Media, das Erwachsen werden in der heutigen Zeit, Mobbing, Alkohol und Drogen.

Der gefährlichste Ort der Welt, ist in dir selber; ist der Ort, den du überleben musst, durch Entscheidungen, die du triffst, auf dem Weg zur Volljährigkeit.

Leider hat die Autorin es nicht zu 100% geschafft, mich dahin mitzunehmen. Ihr Schreibstil ist sehr klar und relativ sachlich, schafft es aber nicht, den Leser in die Distanz zu setzen, sondern man hängt irgendwo dazwischen. Ich konnte nicht wirklich eine emotionale Verbindung zu den Figuren aufbauen, deren Alltag ich hautnah miterlebt habe.
Emotionen waren für mich schwer bzw. nur sehr selten wirklich greifbar und ich habe mich mit dem trockenen und etwas langatmigen Schreibstil ein wenig schwer getan.

Hinzu kam, das mir ausser Tristan, kaum eine Person sympathisch war. Man erfährt zum Schluss, dass das wohl auch so gewollt ist, aber dadurch fand ich grade die ersten Geschichten (jede Person hat ein eigenes Kapitel) etwas fad, da sie auf nichts greifbares hinausliefen. Das steigert sich im Laufe des Buches und hat auch seinen Sinn, hat es für mich aber nicht einfacher gemacht. Die Figuren an sich sind gut herausgearbeitet, orientieren sich aber an klassisch amerikanischen Stereotypen.

Fazit: Ich muss gestehen, erst im Nachhinein habe ich gemerkt, dass ich die Geschichte, den Aufbau und die Personen eigentlich doch ganz interessant und spannend fand, wo mir während des Lesens einfach der dröge Schreibstil viel davon genommen hat. Ein Buch, dass mich auch nach ein paar Tagen noch nicht losgelassen hat.

Bewertung vom 13.10.2017
Durch alle Zeiten
Hammer, Helga

Durch alle Zeiten


ausgezeichnet

Stundenlang stand Elisabeth neben ihrem toten Vater. Nie hatte er das Wort an sie gewandt, nie hatte er gelächelt, er aß und trank, ging weg und kam wieder. Wie hatte die Mutter das ausgehalten?

Elisabeth wächst in ärmlichen Verhältnissen in den österreichischen Bergen auf. Schon früh wird ihr bewusst, dass sie mehr vom Leben erwartet. Sie bricht aus, beginnt eine Ausbildung an der Haushaltsschule und verliebt sich unsterblich in Niklas. Auch er ist sofort angetan von der dunkelhaarigen Schönheit. Doch Niklas versteckt sie und bald wird klar, er hält die Beziehung geheim. Die Erkenntnis, dass Elisabeth für seine Familie nicht standesgemäß ist und er hinter ihrem Rücken schon eine andere trifft, bricht ihr fast das Herz.

Elisabeth flieht erneut.
Sie ergreift ein Jobangebot, das sie nach England führt, wo das Leben und die Liebe viel leichter und unbeschwerter sind.
Erst die Nachricht vom Tode ihrer Mutter lässt sie nach daheim zurückkehren, mit einem unehelichen Kind unter dem Herzen....

~ * ~ * ~ *

Der Titel besagt es schon, wir begleiten Elisabeth "Durch alle Zeiten" in ihrem langen Leben. Davon gibt es einige gute, aber es gibt auch viele schwere Zeiten.

Helga Hammers Roman spiegelt das Bild der Frau und ihre Möglichkeiten, in den ländlichen 60-igern, gnadenlos wider. Es ist die Zeit der Kuckuckskinder und der Vernunftehen.

Elisabeth kommt einem wie eine Gefangene in ihrem eigenen Leben vor, trotz dass sie alles dransetzt aus dieser vorgezeichneten Rolle auszubrechen. Und obwohl einem durch den klaren, knappen und sehr distanzierten Schreibstil, die enge emotionale Verbindung zu ihr fehlt, hat mich ihr Leben und ihre Geschichte dennoch sehr berührt und mitgenommen. Sie ist eine unheimlich starke Persönlichkeit, die ihr Ziel verfolgt und dadurch sehr mutige aber für den Aussenstehenden oftmals auch sehr egoistische Entscheidungen trifft.

Der Erzählstil war im ersten Moment gewöhnungsbedürftig, im Zweiten aber umso interessanter.
Die Kapitel sind relativ kurz, manchmal sogar nur 2-3 Seiten und es gibt mit jedem Kapitel einen Wechsel. Die erste Ebene zeigt Elisabeths derzeitiges Leben und auf der anderen wird ihre Vergangenheit erzählt. Durch den kontinuierlichen Wechsel ist man chronologisch bei allen wichtigen Ereignissen dabei; die Unbeschwertheit, die erste Liebe, Enttäuschung usw. und auf der anderen Seite geht man im hier und jetzt mit, denn auch ihr derzeitiges Leben auf dem Brandstätterhof steht nicht still.
Was ich damit sagen will, es gibt keine langen rückblickenden Erzählungen, sondern auf beiden Ebenen relativ gleichmässige Happen.

Der Autorin versteht sich darauf beide Erzählstränge geschickt nebeneinander herlaufen zu lassen. Das besondere Kunststück, zum Ende hin fliessen sie ineinander über, ohne sich zu wiederholen, zu überschneiden oder irgendetwas vorwegzunehmen.

Ein Roman, der auf knapp 300 Seiten ein ganzes, sehr bewegendes Leben erzählt und den Leser dabei mitnimmt, ist schon großes (Kopf) Kino.
Helga Hammer hat das geschafft. Trotz oder vielleicht grade durch ihre knappen Szenen, die Kunst das Prägnante herauszufiltern und in wenigen Sätzen aufleben zu lassen.
Mit einer Distanziertheit und manchmal gradezu Herzlosigkeit, Emotionen beim Leser aufkommen zu lassen.
Mit einer Heldin, die oftmals am sympathisch-sein vorbeischrappt aber dafür authentisch bleibt. Und mit der man trotzdem mitfühlt, weil man sie versteht, wenn man auch selber vielleicht anders gehandelt hätte.

Fazit: Eine intensive Lebensgeschichte, die vor allem für die ältere Generation nachvollziehbar sein wird und auf die jüngere Leser sich vielleicht erst einmal einlassen müssen. Ich liege dazwischen und mich hat Helga Hammer von der ersten Seite an mitgenommen durch eine bewegte Zeit.

Bewertung vom 06.10.2017
Herrn Haiduks Laden der Wünsche
Beckerhoff, Florian

Herrn Haiduks Laden der Wünsche


ausgezeichnet

*Das große Los oder wie viel Glück verträgt ein Mensch*

Spätestens da hätte ich hellhörig werden müssen. aber ich fühlte mich geschmeichelt, und seine blumigen Worte passten zu diesem so schönen Ort. Außerdem war ich wirklich gespannt zu hören, was er mir erzählen wollte, obwohl oder grade weil ich kein Schriftsteller mehr war.

Der Liebe wegen kam er nach Berlin. der sanfte stille Mann aus dem Morgenland mit dem Clark-Gable-Bart und der wildwüchsigen Nase. Die Liebe zog schnell weiter - Herr Haiduk aber blieb und ist seitdem stolzer Besitzer eines winzigen Kiosk mit allem was das Herz begehrt; Zigaretten, Zeitschriften, Süsses und auch einem Lottostand.

Als seine Stammkundin, die schüchterne Alma, eines Tages einen verlorenen Lottoschein mit den Zahlen des Millionenjackpots findet, ist sie fest entschlossen, den rechtmässigen Besitzer zu finden. Und für Herrn Haiduk ist es selbstverständlich Ehrensache, sie dabei zu unterstützen.

~ * ~ * ~

Mit "Herrn Haiduks Laden der Wünsche" ist Florian Beckerhoff ein absolutes Großstadt-Wohlfühlmärchen gelungen.
Locker, federleicht und mit einem kleinen Augenzwinkern, wie ich es eigentlich nur von französischen Autoren kenne.
Purer Lesegenuss!

Erzählen lässt er die Geschichte von Herrn Haiduk, der sich dabei nicht an den Leser, sondern an seinen Lieblingsschriftsteller, den einzigen, den er kennt, wendet. Paul ist ein ehemaliger Stammkunde von ihm und grade erst wieder zurück in Berlin. Seinen Beruf hat er jedoch, aufgrund von Erfolglosigkeit, schon lange an den Nagel gehängt. Aber das weiss Haiduk ja nicht, oder doch?

Die Hauptfiguren sind allesamt unheimlich sympathisch und mit viel Liebe zum Detail ausgearbeitet. Und auch die Nebendarsteller, manchmal nur ganz kurz angerissen, sind unverwechselbar charakterisiert, wie der Kettenraucher, die Gläubige usw.

Eine wunderschöne Geschichte die zeigt, dass das Glück meist in den kleinen Dingen und Gesten zuhause ist.

Fazit: Ich habe Herrn Haiduk geliebt. Seine 10qm sind eine Mini-Oase inmitten der anonymen Großstadt. Hier geht es um das wahre Leben, Glück, Hoffnungen und große Träume... und mittendrin Herr Haiduk...

Bewertung vom 05.10.2017
Er & Sie
Levy, Marc

Er & Sie


gut

Federleicht, spritzig und eher seichte Kost

"Meinst du die halbe Stunde, in der die Frau dachte, sie würde mit einem Verrückten zu Abend essen, oder den Moment, in dem mir bewusst wurde, wie lächerlich du mich gemacht hast?"

Ein recht erfolgloser amerikanischer Schriftsteller und eine angesehene britische Schauspielerin, treffen durch einen Streich in einem Restaurant aufeinander. Beide haben eine mehr oder weniger funktionierende Beziehung ausserhalb von Paris und wissen, dass da nicht mehr sein darf.
Aber seit wann hält Liebe sich an irgendwelche Regeln?

~ * ~ * ~ *
Irgendwie wurde ich beim Lesen dieses Buches immer an Screwballkomödien erinnert. Das liegt weniger an "Komödie", sondern eher am Schreibstil. Wie Levy seine Figuren hier durch die Wortwechsel jagt, vermittelt schon ein gewisses Tempo. Dabei verzichtet er dankenswerterweise auf ein "Er sagt / Sie sagt", so dass sich das Ganze einfach nur flüssig wegliest und Spass macht.

Leider war die Geschichte ausserhalb der Wortwechsel eher zäh und langweilig.

Der Schreibstil ist französisch federleicht, vermittelt dadurch aber auch eine enorme Oberflächlichkeit. Mit tiefer gehenden Emotionen wird sich nicht aufgehalten. Dieser Stil, der bei kleinen Bändchen gefällt, lies mich auf knapp 350 Seiten irgendwann doch etwas vermissen.

Auch die Protagonisten blieben insgesamt sehr blass und nur angerissen.

Die Geschichte liest sich sehr nett zur Entspannung, ist aber nichts, was mir auch nur ansatzweise im Kopf bleiben wird. Und sowas finde ich dann immer sehr schade.

Fazit: Wer einen anspruchslosen, flotten Roman zum Abschalten sucht, der kann hier bedenkenlos zugreifen und auch wem ein luftig-leichter französischer Schreibstil gefällt. Ich mag Beides und es hat mich gut unterhalten. Aber erwartet und auch gewünscht hatte ich mir schon ein bisschen mehr Tiefe und greifbare Emotionen. Da bin ich von Levy anderes gewohnt.

Bewertung vom 03.10.2017
Die Party
Day, Elizabeth

Die Party


ausgezeichnet

Mir fiel auf, dass Martins Platz am Tisch als einziger blitzsauber, krümel- und fleckenlos war. Er hätte in diesem Moment aus dem Raum gehen können, und nichts hätte darauf hingewiesen, dass er überhaupt da gewesen war.

Ben`s kleiner Schatten, wird er genannt. Gemeint ist Martin, der seinen Freund seit der Schulzeit anhimmelt, ja fast schon vergöttert. Er ist eine richtige kleine Kopie von ihm geworden.
Ihre Frauen sehen das nicht ganz so gelassen. Vor allem Lucy, Martins Frau, hat über die Jahre ihrer Ehe, immer wieder mit seiner Hingabe, ja fast schon Unterwürfigkeit an Ben, zu kämpfen.
Auf einer Party kommt es dann zum Eklat.

~*~*~*
Ein wahnsinnig vielschichtiges Psychospiel, mit einem Ende, das ich so nicht kommen sehen habe.

Elizabeth Day hat mich mit ihrem ersten, auf Deutsch erschienenen, Roman völlig überrascht. Eine Geschichte, die ich mir erhofft, aber nicht so ausgefeilt erwartet habe.

Die Party, Bens 40. Geburtstag und der Auslöser, steht gar nicht mal im Mittelpunkt.
Viel mehr geht es um die Vielschichtigkeit menschlicher Beziehungen, dass was der Kitt zwischen Liebe und Freundschaft ist, Hingabe, Vertrauen, sein wahres Gesicht nicht verstecken müssen, dazugehören wollen, Gesellschaftsschichten, alltägliche Masken...

Dabei ist das von Elizabeth Day gewählte Format und ihr Schreibstil sehr interessant, abwechslungsreich und spannend. Erzählt wird nicht nur aus dem polizeilichen Verhörraum nach der Party und Martins Sicht, sondern wir erfahren auch durch Lucy`s Tagebucheinträge viel über ihn, ihre Ehe und die Geschehnisse. Dem gegenübergestellt sind immer wieder Rückblicke in die Vergangenheit; Kindheit, Schulzeit und die Freundschaft zu Ben.

Die beständigen Wechsel machen die Geschichte unheimlich spannend und vielschichtig. Man bekommt tiefe Einblicke in die Charaktere, Beweggründe und Denkweisen und formt sich so sein eigenes Bild.

Fazit: Ein definitives Highlight 2017 und für Fans von Donna Tartt und Lucy Whitehouse ein Must have.
"Die Party" ist spannendes Spiel mit den Tiefen und Abgründen der menschlichen Psyche.

Bewertung vom 03.10.2017
Shadows
Grant, Alexandra; Reeves, Keanu

Shadows


ausgezeichnet

A shadow of shadows
Letting
go

Ein Spiel mit Licht und Schatten, Bewegung, Konturen und Größenverhältnissen.
Ich nenne es gern, eine Art negativer Scherenschnitt in Fotografie. Mit Sicherheit nicht jedermanns Geschmack.

Der Einband bringt schon ein recht gutes Beispiel, worum es geht und was einen erwartet - es wird aber definitiv noch verspielter und abstrakter.

Die Bilder fesseln mich jedes Mal und ich kann mich teilweise regelrecht in ihnen verlieren.

Auf der anderen Seite ein kurzer, fast schon spiritueller Satz oder Wortfolgen wie:
And I knew it was done
And you were gone
Forever

Fazit: Ein großartiger Bildband mit (negativen, also weissen) Schattenfotografien.
Schatten in Bewegung, im Stillstand, wild, zahm....
Experimentell und einzigartig.
Wer allerdings Fotos von Keanu Reeves sucht, wird höchstwahrscheinlich enttäuscht sein.

Bewertung vom 20.09.2017
Bilder des Bösen (eBook, ePUB)
Hasler, Britta

Bilder des Bösen (eBook, ePUB)


sehr gut

Julius war für einen Moment sprachlos, als er die ordinäre Fotografie sah.

Wien um die Jahrhundertwende. Es ist die Zeit der bitteren Armut, der Psychoanalyse und Prostitution.
Julius, der zusammen mit seinem Freund, dem ehemaligen Polizisten Lischka, eine Detektei betreibt, haben die Schatten der Vergangenheit nie losgelassen. Die Welt in die Luise von Schattenbach ihm einen kurzen Einblick gewährt hat, kann er nicht vergessen und er sucht sein bisschen Seelenheil immer öfter bei einer Prostituierten.
Und auch die kleine Detektei hält sich in diesen Zeiten allein durch betrogene Ehefrauen mehr Schlecht als Recht über Wasser.
Doch dann bittet die Polizei, in Gestalt ihres alten Bekannten Tscherba, um Unterstützung bei der Suche nach einem brutalen Serienmörder, der es auf Prostituierte abgesehen hat.
Sind Julius und Lischka dem gewachsen?

Manchmal dachte ich wirklich: nein; aber das macht die zwei ja nur umso menschlicher und sympathischer.

Britta Hasler legt mit ihrer Fortsetzung von "Das Sterben der Bilder" einen weiteren sehr gut recherchierten und die Atmosphäre der damaligen Zeit großartig einfangenden historischen Krimi hin.

Der aber, und das muss man dazusagen, eindeutigere SM-Erotikszenen enthält, als nach dem Ende des ersten Teils zu erwarten war. Aber sie gehören zur Geschichte von Luisa und haben mich beim Lesen nicht gestört.
Im Gegenteil, sie passen nicht nur in die Zeit, sie unterstützen auch die ganze düstere, teilweise beklemmende Atmosphäre, die mir, wie auch schon im ersten Teil, wahnsinnig gut gefällt. Man kann sich hineinversetzen in die jungen Frauen und Kinder und irgendwann nicht nur ihre Motivation nachvollziehen, sondern auch ihre Gefühle.

Die verschiedenen Charaktere sind toll ausgearbeitet und rundum gelungen.
Und auch der Schreibstil ist sehr flüssig, elegant und zieht einen durch die Geschichte. Vor allem da der Spannungsbogen, aufgrund unterschiedlicher Handlungsstränge, immer wieder enorm in die Höhe schiesst und bis zum Showdown fast keine Verschnaufpause zulässt.

Fazit: Atmosphärisch dichter Krimi aus dem alten Wien, mit starken Geschichten und eindeutigen Erotik-Elementen. Ich würde mich über weitere Bücher mit Julius, Lischka und natürlich Luise freuen.

Bewertung vom 19.09.2017
Das Haus der Monster
King, Danny

Das Haus der Monster


ausgezeichnet

Andererseits war das hier tiefstes, dunkelstes Lincolnshire. Wenn so mancher Stamm im Kongo gewollt hätte, hätten sie herkommen und den Einheimischen Glasperlen verkaufen können.

Wer kennt ihn nicht noch aus seiner Kindheit, den kauzigen alten Sonderling, bei dem`s einen gegruselt hat, obwohl man gar nicht wusste warum. Der blos "Buh" sagen musste und all die coolen Kids gaben Fersengeld. Und dessen Haus einen genauso verwahrlosten Eindruck machte, wie er selbst.

Eines Tages stellt John Coal mit Erstaunen fest: dieser Mann ist er!
Die Kids spielen ihm fiese Streiche und John weiss, wenn er nicht für den Rest seines Lebens Zielscheibe sein will, muss er handeln und zwar jetzt. Und so beschliesst er die Jungs mit einem Trick zu ködern und ihnen seine Geschichte zu erzählen...
~ * ~ * ~ *
...und die hat es in sich.

Danny King verpackt hier eigentlich 4 Schauergeschichten, mit einem durchgängigen Bezug: John, in einer nicht minder spannenden und passenden Rahmenhandlung und fügt das Ganze zu einem starken Konstrukt zusammen.

Die Geschichten an sich sind recht unterschiedlich; von Anfang an atmosphärisch sehr dicht, steigern sie sich dennoch jedes Mal noch in Sachen Düsternis und Beklemmung.
Aber was sie alle gemein haben, ist ein umwerfend großartiger Humor. Weder platt noch plump, noch wird man ihn auch nur eine sekunde überdrüssig. Sowas von herrlich trocken und tief schwarz.

Danny King glänzt mit Ideenreichtum und spielt nicht nur mit den Jungs, denn auch als Leser weiss man irgendwann nicht mehr, was man von seinen Geschichten halten soll. Nimmt man das alles für bare Münze oder will John die Kinder blos er- und verschrecken? War ich mir irgendwann meiner Sache ganz sicher, hat mich die Auflösung dann doch überrascht.

Fazti: Was soll ich sagen, es hat einfach Spass gemacht, mich durch Johns Leben treiben zu lassen. "Das Haus der Monster" hat alles, was eine gute Gruselgeschichte braucht und ich hoffe, das bald weitere Romane des Autors übersetzt werden und Danke an den Luzifer Verlag, dass sie hiermit den Anfang gemacht haben. Bitte mehr davon.