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SternchenBlau

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Insgesamt 171 Bewertungen
Bewertung vom 27.08.2025
Paterson, Katherine

Jella Lepman


sehr gut

Manchmal braucht es einfach eine Idee und die Leidenschaft, diese Realität werden zu lassen. Als Jella Lepman kurz nach Ende des 2. Weltkrieges von der US-Militärverwaltung gefragt wird, als »Beraterin für die kulturellen und erzieherischen Belange der Frauen und Kinder« zu arbeiteten, weiß sie zunächst gar nicht, wie sie das umsetzen soll. Kann die Jüdin, die mir ihren Kindern gerade so vor den Nazigräueln fliehen konnte, ins Land der Täter*innen zurückkehren? Aber Kinder können nichts für diese Taten, findet Lepman. Bei einer Recherche durch die Besatzungszone wird Jella klar, dass es an allem fehlt, aber am allermeisten an geistiger Nahrung, denn gerade Kinderbücher nutzten die Nazis zur Indoktrination. Die Kinder, glaubt Jella, brauchen Geschichten. Eine Ausstellung mit internationalen Kinderbüchern soll sie ihnen bringen. Später entsteht daraus die Internationale Jugendbibliothek in München und noch viel, viel mehr.

Was mir am besten gefällt: Dieses Buch gibt Hoffnung. Auch nach dem absoluten Zivilationsbruch der Shoah können gerade Kinder den Gedanken „Nie wieder“ tragen. Bücher, Kunst und Gemeinschaft fördern Demokratie und kritisches Denken. In einem späteren Lesekreis, der im Radio übertragen wurde, kritisierten die Kinder nicht nur eine Kinderbuchautorin für ihre früheren Nazi-Bücher, sondern auch die eigenen Eltern für deren Mittäterschaft am Nationalsozialismus.

»Erklären Sie mir«, fragte eine Universitätsprofessorin Jella, »wie können Nazi-Eltern solche Kinder haben?« »Jedes Kind beginnt ein neues Leben«, antwortete Jella. »Das ist eben das Geheimnis.«
Welche Kraft kann Literatur entfalten! In ihren Illustrationen zeigt Sally Deng die Trostlosigkeit und Härte der Nachkriegszeit, Lepmans Vision setzt sie dem mit warmen Farben und viel Kraft gegenüber. Katherine Paterson schildert die vielfältige Arbeit von Lepman und wie stark sie trotz aller Widerstände nie aufhörte, für die Kinder zu kämpfen. Etwas weniger Draufsicht und mehr Blickwinkel aus Sicht der Kinder hätte das Buch noch runder gemacht. Gerade im letzten Drittel nimmt die Schilderung der bürokratischen Hindernisse für die Zielgruppe ab 10 etwas überhand. Aber das ist Meckern auf ganz hohem Niveau, denn diese Bibliothek der Träume gefiel mir wirklich gut.

Zwei Punkte finde ich allerdings unglücklich. Da braucht es Erklärung von Eltern oder Lehrkräften, die bei einem Buch ab 10 aber nur noch selten mitlesen. Es wird zwar auf Hitlers Hass auf Jüdinnen*Juden und andere Minderheiten eingegangen, auch die Diskriminierung und die Notwendigkeit der Flucht wird erwähnt, die Vernichtungslager allerdings nicht. Gerade weil viele Kinder in der Schule noch nichts über die Shoah gehört haben und vielleicht auch noch nicht im Elternhaus, finde ich das ungünstig. Dann gibt es den Satz, dass jüdische Kinder nach England gehen konnten. So isoliert betrachtet wirkt das, als wäre dieser Weg allen Kindern offen gestanden. Kinder könnten auf die Idee kommen, dass keine Kinder im Nationalsozialismus gestorben wären. Dabei schärfte gerade der Fakt, dass Kinder in meinem Alter gestorben sind, mein kindliches Bewusstsein für die Grauen des Nationalsozialismus meisten.

Aus einem Traum kann Realität werden – auch gegen die allerschlimmsten Momente. 4 von 5 Sternen.

Bewertung vom 27.08.2025
Roeder, Annette

Frag Philomena Freud


sehr gut

Dieser spannende Kinderkrimi, den ich ab ca. 12 Jahren empfehlen würde, führt uns ins Wien von 1922. Philomena schlägt sich als Schuhputzerin durch und ihr Stammplatz befindet sich vor Siegmund Freuds Praxis. Ich habe schon als Kind Geschichten geliebt, mit denen ich mich in die Lebensrealität von Kindern zu anderen Zeiten oder anderen Orten einfühlen konnte.


Annette Roeder zeigt durchaus die Härten des damaligen Alltags, bewahrt aber eine Leichtigkeit, wodurch die Zielgruppe nicht zu düster damit umgehen muss. Obwohl Philomena auf der Straße lebt, hat sie es noch ganz gut getroffen, denn im Waisenhaus zuvor ging es ihr noch viel schlechter. Und auf der Straße passen nicht nur die anderen Kinder gegenseitig aufeinander auf, auch ein Wachtmeister zählt zu Philomenas Freund*innen. Eine von Freunds Patientinnen gerät unter Verdacht, ihre Erbtante ermordet zu haben. Sidonie lebte früher im selben Waisenhaus wie Philomena und sie ist überzeugt, dass Sidonie unschuldig ist. Da muss Philomena ermitteln. Und dieser Ermittlung bin ich wirklich gerne gefolgt. Gerade im letzten Drittel nimmt die Geschichte richtig Fahrt auf. Und mir gefiel die Mischung aus historischem Setting, falschen Fährten und Spannung wirklich gut.


Da ich Wien liebe und den Dialekt, waren die Wiener und österreichischen Begriffe für mich echt ein Fest. Da gibt es Schwammerl und Kipferl, Mistkübel, Kieberer und Sandler. Aber keine Angst, auch junge Lesende werden durch das Glossar am Ende mit dem wundervollen Vokabular sehr gut zurecht kommen.


Zwei Kritikpunkte habe ich allerdings: Die Figuren blieben für mich recht oberflächlich, so dass ich u.a. bei Philomenas Entscheidung am Ende nicht wirklich emotional mitgehen kann. Die Motivationen und Beziehungen werden mehr erklärt als entwickelt. Und die Verknüpfung mit Freud und/oder mit seinen Ansätzen (gerne auch der Kritik daran) hätte für mich noch mehr Potential gehabt.


Spannender Krimi für Leser*innen ab ca. 12 mit einer mutigen Heldin. Auch, wenn ich die Figuren etwas oberflächlich fand, habe ich Philomenas ersten Fall gerne gelesen und gucke mir gerne auch den zweiten an. 4 von 5 Sternen.

Bewertung vom 12.08.2025
Schwab, V. E.

Bury Our Bones in the Midnight Soil


gut

So viel Seiten für einen einzigen Twist

Schon länger hatte ich mir vorgenommen, mal wieder was von Schwab zu lesen. Ihre „Villains“-Reihe mochte ich total gerne, auch, wenn es mir bereits dort etwas schneller hätte gehen können. Gerade die fiesen und ambivalenten Protagonist*innen sind nur sehr gut in Erinnerung geblieben.

Nun also drei Frauen und das Schlagwort Vampire haben mich sehr neugierig gemacht. Schwabs blumigen und seeeehr ausführlichen Stil kannte ich ja bereits, da kann ich durchaus mitgehen und er gefällt mir sogar oft, aber muss die Geschichte so auf der Stelle treten? Passiert ist zwar allerhand, auch viel brutales, über die Hälfte des Buches aber mit der allerundpannendsten Protagonistin. Ehrlich gesagt, fand ich eigentlich ALLE (Neben)Charaktere interessanter als Sabine. Das lag an zwei Aspekten: Mich hat wirklich nichts bei ihr überrascht. Jegliche feministischen Ansätze, die mir durchaus positiv aufgefallen sind, gingen in dieser Vorhersehbarkeit unter. Zur Erwartbarkeit kam noch hinzu, dass ich ihren Grausamkeit keinerlei Entwicklung gesehen habe. Dabei mag ich böse oder moralisch graue Charaktere… Da mir Sabine als Hauptfigur der ersten Hälfte recht egal blieb, wurde die langsame Erzählweise nochmal dröger.

Zum Glück kam ich an eine der drei Protagonist*innen deutlich mehr ran. Allerdings gab es da Rückblenden, die mich zunehmend nervten, weil auch hier die Auflösung genau so kam, wie ich mir das gedacht habe. Gähn. Eigentlich läuft alles auf einen einzigen Twist am Ende hinaus. Aber dafür hätte es wirklich deutlich weniger Seiten gebraucht.

3 von 5 Sternen.

Bewertung vom 05.08.2025
Avery, Sean E.

Neville gibt nicht auf


sehr gut

Absurd witziges Abenteuer um einen wagemutigen Pinguin

Neville ist ein wagemutiger Pinguin. Und allein das ist schon witzig, weil die Beispiele für seinen Wagemut überzeugen zwar die anderen Pinguine, wir als Lesende fragen uns vielleicht: Das ist doch gar nicht so hoch, wo er da runterspringt, oder? Mit dem Wagemut und Neville selbst scheint es dann vorbei, als er von einen Killerwal geschnappt wird. Aber er landet nicht im Magen, sondern im großen Maul des Tieres. Das Maul ist mit Couch, Spielkarten und Robbe Walter ausgestattet. Doch so schnell will sich Neville nicht geschlagen geben.

Ihr seht also, dieses Bilderbuch ist hübsch absurd, oder hättet ihr im Schlund des Killerwals einen Haufen Möbel entdeckt, die sich als Fluchthilfe nutzen ließen? Falls ihr absurde Ideen in Kinderbüchern ebenso liebt wie ich, dann ist das ein Buch für euch. Denn nein, es muss nicht immer alles logisch sein, stimmig reicht auch, finde ich. Und stimmig ist das Buch auf alle Fälle. Dazu wollen wir doch, dass unsere Kinder mit ihren Gedanken auf phantasievolle Reisen gehen und da tut etwas Absurdität oftmals ganz gut. Die Bilder passen ebenfalls super dazu. Klasse gefällt mir auch, dass Neville einfach nicht aufgeben will. Nur den Schluss finde etwas knapp und den letzten Satz nicht ganz gelungen, auch, wenn er eine Klammer bildet.

Absurd witziges Kinderbuch. 4 von 5 Sternen.

Bewertung vom 05.08.2025
Mikail, Nadia

Katzen, die wir auf unserem Weg trafen


sehr gut

Und wenn die Welt unterginge, was würdest du tun?

Nur noch acht Monate bleiben der kompletten Menschheit, denn ein Meteorit rast auf uns zu. Trotzdem ist „Katzen, die wir auf unserem Weg trafen“ keine Dystopie, sondern ein ruhiger Jugendroman, der die Frage stellt: Was würdest du tun, wenn die Welt unterginge?

Und nein, Menschen müssen den Menschen eben keine Wölfe sein. Vielleicht erzählen wir das eh viel zu häufig falsch. Es gibt ja eine reale Geschichte, die die Grundlage für „Herr der Fliegen“ bildet. Und ganz anders als in dem berühmten Roman, haben sich in der Realität alle gegenseitig geholfen und unterstützt.

Vier Monate, nachdem die Nachricht vom Weltuntergang alle erschüttert hat, haben sich die Menschen in Malaysia, wo Aisha lebt, sich seltsamerweise schon wieder beruhigt. Die Menschen konzentrieren sich auf das Wesentliche. Ihre Mutter will June suchen, Aishas ältere Schwester, die vor drei Jahren wegging und sich nie wieder gemeldet hat. Aisha will aber nur mit ihrem Freund Walter gehen und der nur mit seinen Eltern. So macht sich eine kleine Gruppe auf den Weg in einem alten, gemütlichen Bus.

Obwohl es um großen Themen geht, sind die Konflikte sehr klein gehalten. Selbst Hindernisse bei der Suche gibt es eigentlich nicht. Das finde ich erfrischend unkapriziös. Stattdessen folgen wir Aishas Gedanken, ihren Gefühlen, ihrer Wut angesichts des Endes, wo sie doch dachte, ihr Leben ginge nach dem Abitur endlich los. Und wir folgen der Achtsamkeit und Liebe, die zwischen den Figuren herrscht. Manchmal hätte ich mir ein, zwei erklärende Sätze mehr gewünscht. (Die unterschiedliche Herkunft von Aisha und Walter wurde zwar thematisiert, mir aber leider nicht ganz klar.) In den knappen Kapiteln bleibt manches offen, Gedanken werden angerissen, aber nicht immer verfolgt. Das Buch ist nicht 100% perfekt, aber das ist das Leben ja auch nicht.

Dieser leise Jugendroman mag manchen Lesenden zu leise sein, vielleicht auch zu harmonisch. Mich hat genau das fasziniert. Ich mochte das Buch sehr gerne und vergebe 4 von 5 Sternen.

Bewertung vom 08.07.2025
Johnston, Bret Anthony

We Burn Daylight


weniger gut

An Waco kann ich mich noch erinnern, an die Nachrichten, die ich als Kind gesehen haben. Und ich weiß, dass Waco für viele in der neuen Rechten und der MAGA-Bewegung als eine Art „Erweckungserlebnis“ gilt. Aber an die genauen Abläufe konnte ich mich überhaupt nicht mehr erinnern. Dabei hat auch dieser Roman nicht viel geholfen, weil Bret Anthony Johnston hier fiktive Charaktere in das reale Setting setzt, inklusive des Anführers. Das erfahren wir allerdings erst implizit im Nachwort und ich habe dann etwas quergelesen.

Zunächst wollte ich mich ganz auf das Buch einlassen. Und der Anfang hat mich richtig aufgesaugt. Das Buch erzeugt ein ganz intensives Gefühl, weil wir ja wissen, DASS etwas Schlimmes passieren wird, aber nicht genau, wie das zustande kommt. Die unterschiedlichen Blickwinkel und die Interviews machten mich zunächst ziemlich neugierig, aber es ist nach der kompletten Lektüre auch das, was mich am meisten irritiert hat.

Die ersten 50 Seiten laufen die Geschichten von Roy und Jaye, beide 14, autark nebeneinander her. Roy ist der Sohn vom Sheriff in Waco. Jaye bekommt mit, wie sich ihre Mutter in Lamb verknallt. Sie analysiert ihre Beobachtungen scharf und gewitzt, vielleicht zu intellektuell für ihre sonstige Lebenssituation, aber soweit wäre ich noch mitgegangen. Gestolpert bin ich, als sich die Wege der beiden kreuzen. Ich habe bis zum Schluss Jayes recht erwachsene Erzählperspektive nicht mit Roys Beschreibung von ihr zusammen gebracht, in der sie doch recht infantil wirkt. So wirklich ran komme ich an keine der Figuren. Das macht die spätere Razzia und Belagerung der Sekten-Ranch sehr langweilig und dröge, weil mir – trotz der schlimmen Geschehnisse – das alles sehr egal blieb.

Neben diesen beiden Erzählperspektiven gibt ganz am Anfang der Sektenführer ein paar Gedanken zum Besten. Dazu ziehen sich Transkripte eines Podcasts mit verschiedenen Akteur*innen durch das Buch. Hierbei stören mich zwei Sachen: Die Informationsvermittlung soll uns manchmal auf eine falsche Fährte führen, die Erzählkonstruktion als Ganzes entlarvt das aber als Finte. Und so was nervt mich einfach tierisch. Dann transportieren diese Podcasts teilweise eine starke Faszination für den (fiktiven) Sektenführer, Waffenbesitz und die absolute Freiheit gegenüber Staat und Behörden. Man könnte argumentieren, dass nun auch die Kritik daran geäußert wird, aber es gibt zum einen genau da auch Geraune von positiven Figuren, z.B. Roys Mutter, ob man die Leute nicht einfach in Ruhe lassen sollte, und ich kam wirklich auch immer wieder ins Grübeln, ob sich das Buch diese Argumentation nicht doch immer wieder zu eigen mache.

Da eine Rezension ja keine politikwissenschaftliche Abhandlung ist und das Vorgehen der Behörden in Waco durchaus kritikwürdig ist, wollte ich meine 2,5 Sterne lange Zeit noch aufrunden aufgerundet. Aber dann fand ich die Auflösung doch sehr mau, wieder viel zu breitgetreten, und dabei seltsam verkitscht. Dazu stützt sie das Bild, dass die Freiheit des Einzelnen über allem steht, dem Staat letztendlich nicht zu trauen ist. In der aktuellen Situation weltweit und auch in den USA mit rechtsradikalen Tendenzen im Aufwind schwierig für mich bei einem Symbol für Anhänger*innen dieser Ideologie. Dass bei einem realen historischen Ereignis, dass bereits viele Verschwörungserzählungen ausgelöst hat, dann fiktive Akteur*innen herangezogen werden, ist zusätzlich ungünstig. Aber wie gesagt, ich habe es nicht politikwissenschaftlich analysiert, trotzdem blieb neben der Langeweile bei der Lektüre ein Störgefühl. Daher runde ich meine 2,5 Sterne ab.

Bewertung vom 28.06.2025
Endler, Rebekka

Das Patriarchat der Dinge


ausgezeichnet

Endlers Buch ist so toll, dass ich es bereits zwei Mal mit Begeisterung gelesen habe. Und ich werde sicherlich auch weiterhin darin nachschlagen und daraus zitieren. Viele Frauen haben vermutlich das Gefühl, dass viele Gegenstände, Gegebenheiten, allgemeiner das Design der Welt nicht so wirklich passen. Aber zumindest ich dachte ja noch in meinen 20ern oft, dass das an mir läge. Doch es liegt am Design, das einfach nicht für Frauen gemacht ist. (Für PoCs, trans Personen und Menschen mit Behinderung übrigens auch nicht und es ist wichtig, dass Endlers im letzten Kapitel eine intersektionale Brücke schlägt.)

In einer Welt, in der kürzlich ein bekannter Theatermacher meinte: „Ich dachte immer, das Patriarchat sei überwunden“, und erst der Fall Pelicot zu einem Heureka-Moment führte, dass dies ein Trugschluss war – in dieser Welt ist das Bewusstsein um dieses patriarchales Design oftmals mehr als mangelhaft. Und obwohl ich mich schon seit langem mit struktureller Diskriminierung beschäftige und einige Aspekte aus dem Buch schon bei der Erstlektüre kannte, haben mich einige Tatsachen wieder überrascht. Das krasseste Beispiel: Das Satteldesign im Radrennsport wurde rein auf die männliche Anatomie angepasst. Die britische Profi-Radsportlerin Hannah Dines dachte zunächst auch, es läge an ihr, als sie Hornhautabschürfungen und eingewachsene Schamhaare bekam. Doch es blieb nicht dabei, die chronischen Entzündungen der äußeren Schamlippen und Lymphknoten führten zu Verhärtungen, die schließlich chirurgisch entfernt werden müssen. All das nur, weil die Industrie keine Sättel für Frauen konstruiert, die gut 50 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen. Und es liegt NICHT am Profisport, denn Männer haben keine solchen Probleme.

Cis Frauen sterben statistisch viel häufiger an Herzinfarkt, obwohl sie ihn seltener bekommen, einfach, weil ihre spezifischen Symptome nicht erkannt (oder nicht ernst genommen) werden. Es gibt langweilige Witze darüber, dass Frauen so lange auf Toilette brauchen würden, dabei liegt es auch daran, wie das Design der Toiletten aussieht. Endler sammelt viele solche Beispiele und es wird deutlich: Es gibt noch ganz viel zu tun.

Dabei macht Endlers Stil wirklich großen Spaß zu lesen. Sie dosiert die Analyse, die Verwunderung, die Absurdität ausgezeichnet.

Bitte lesen! 5 von 5 Sternen.

Bewertung vom 17.06.2025
Walder, Vanessa

Nightmore - Das gruseligste Internat der Welt (Band 1)


ausgezeichnet

Temporeich

Bei „Nightmore“ sind wir gleich mitten im Geschehen und hautnah dabei, wenn Fynn versucht aus dem verhassten Internat abzuhauen. Und dieses Internat hat es in sich: Denn als Fynn auf seine Strafpredigt vor dem Büro der Direktorin wartet, gesellt sich eine Dämonin zu ihm.

Vanessa Walder zeigt als Kinderbuchautorin eine große Bandbreite und ihre Bücher machen meinem Sohn und mir schon seit mehreren Jahren viel Spaß. Hier wird es nun gruselig – aber auch witzig. Und Walder gelingt ein seltenes Kunststück: Dieses Buch ist zwar für Erst- oder Wenigleser konzipiert, funktioniert aber so toll, dass selbst der 13jährige Teenager noch voll auf seine Kosten kam und viel gelacht hat. Das liegt zum einen am Tempo, denn wir halten uns nicht lange mit dem immergleichen Schul-/Internatsblabla auf, das in vielen Kinderbüchern ja mehr oder weniger identisch dargestellt wird, sondern es geht gleich zur Sache. Die Kernzielgruppe bekommt so schnell ein Erfolgserlebnis. Und ALLE landen gleich beim Wesentlichen: einer spannenden Geschichte. Dazu gehören – das sind die anderen großen Pluspunkt – die witzigen Charaktere und die Lust an vielen absurden Einfällen. Welche genialen Schulfächer und prominente Lehrkräfte es in der Nightmore Academy so gibt. Was ist bitte „Blutball“ und die Schulregeln erst... Walder spielt mit verschiedenen Elementen aus dem Fantasy- und dem Horrorgenre, so dass wir uns alle amüsieren und durchaus auch gruseln können. Absolut kindgerecht bleibt es trotzdem. Richtig begeistert uns Fynns Charakterbogen, weil hier ganz viel über Verantwortung und Selbstakzeptanz erzählt wird.

Für Viellesende gibt es nur einen Wermutstropfen: Das Buch ist viel zu schnell weggelesen. Aber tröstet euch, es wird bald einen weiteren Band geben.

Ganz wundervoll für Erst- und Weniglesende, aber hier gelingt das großes Kunststück, dass auch alle anderen hier noch auf ihre Kosten kommen. 5 von 5 Sternen.

Bewertung vom 10.06.2025
Green, John

Tuberkulose


ausgezeichnet

Eindringlich und emotional verpackt

John Greens Engagement gegen Tuberkulose ist mir schon auf SocialMedia mehrfach sehr positiv aufgefallen. Wie er am Ende seines Buch schreibt, bekam er durch seine Prominenz ein Megafon in die Hand gedrückt, das er nun für dieses wichtige Thema nutzt. Und das klappte für mich auch in Buchform sehr gut. Obwohl das Thema so düster ist, schafft Green es, dieses sehr eindringlich und emotional zu verpacken.

»Nichts ist so privilegiert wie die Annahme, die Geschichte wäre Vergangenheit«, zitiert er auf den ersten Seiten einen Freund. Und damit treffen beide den Kern. Während wir im sogenannten "Westen" vieles überwunden glauben, schlagen viele Probleme in anderen Regionen immer noch heftig zu. Wir sind so privilegiert, dass wir Millionen Menschen jährlich sterben lassen, einfach, weil sie arm sind, in den falschen Ländern leben und/oder als Teil einer marginalisierten Gruppe geboren wurden.

Greens Engagement begann, als er in Sierra Leone ein TB-Krankenhaus besucht und Henry trifft. Der 16jährige ist von der Tuberkulose so gezeichnet, dass Green erst glaubt, der Teenager wäre noch ein Kind von 9 oder 10 Jahren. Henry begleitet uns das ganze Buch über, anhand seiner Geschichte schildert Green viele Aspekte, die ich über Tuberkulose noch nicht wusste, wie z.B. dass die Patient*innen während der Behandlung so viel Hunger haben, aber sich ausreichende Nahrungsaufnahme gar nicht leisten können.

Neben Henrys Geschichte verfolgt Green die Geschichte der Tuberkulose, sowohl medizinisch als auch sozial und kulturhistorisch. Er zeigt eindringlich auf, dass es auch immer soziale Aspekte eine Rolle spielen, wie wir eine Krankheit bekämpfen (oder nicht). Bei der Tuberkulose spielen auch viele rassistische Vorurteile eine Rolle. Im 19. Jahrhundert, als im großen Maße auch noch Weiße betroffen waren, wurden die Patient*innen als sensible, kreative Seelen beschrieben, später, als sich die Lebensverhältnisse für Weiße verbesserten und klar war, dass Bakterien die Krankheit verursachen, wurde der Lebenswandel der rassifizierten Menschen verantwortlich gemacht. Besonders fasziniert haben mich die absurden Zusammenhänge, z.B. dass New Mexicos Anerkennung als US-Bundesstaat ebenfalls mit der Tuberkulose verknüpft ist.

Ein dritter Aspekt, der sich durchs Buch zieht, sind Greens eigene Erfahrungen, neben Tb-Fällen in seiner Familie sind das die Erlebnisse mit seiner Angsterkrankungen und wo uns Menschen im Westen privilegiert werden. Dabei bleibt der große Respekt, den Green vor dem Betroffenen und den Tb-Aktivist*innen hat, immer im Vordergrund.

Green emotionalisiert bei Henrys Geschichte und auch bei seinen persönlichen Erlebnissen sehr. Ich kann mir vorstellen, dass das einige vielleicht kitschig finden, aber das Buch wird so sehr nahbar und nachvollziehbar. Und weil die westlichen Leser*innen sich vieles sonst vielleicht nicht nachvollziehbar fänden, ist das wichtig. Und es trifft letztlich auch Greens Stil, den seine Leser*innen von „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ oder „Margos Spuren“ kennen. Und ihr solltet auch keine breite medizinhistorische Darstellung erwarten, das Buch hat rund 200 Seiten, aber gelernt habe ich trotzdem einiges.

Das Positive daran: Wir sind der Tuberkulose (noch) nicht hilflos ausgeliefert. Wir können als Weltgemeinschaft etwas gegen diesen stillen Killer unternehmen.

Ich hoffe, „Tuberkulose“ findet viele interessierte Lesende, die das Thema Tuberkulose weiter in die Öffentlichkeit bringen. 4,5 von 5 Sternen.

Bewertung vom 10.06.2025
Westerboer, Nils

Lyneham


ausgezeichnet

Grandioses Worldbuilding, atmosphärisch dicht erzählt

Diese Welt ist definitiv eigen. Nils Westerboer hat mit „Lyneham“ eine faszinierende Welt erschaffen, die mich richtig ins Buch hineingezogen hat. Die Konstruktion der Geschichte, die auf zwei Zeitebenen mit zwei unterschiedlichen Erzählenden geschildert wird, enthüllt erst nach und nach, wie die Zusammenhänge sind, aber von Anfang an spüre ich dieses Unbehagen, dass hier längst nicht alles gut ist, selbst, als Henry und seine Familie auf diesem fremden, lebensfeindlichen Planeten in einem vermeintlich sichern Biom ankommen.

Mehr als die Hälfte der Geschichte erfahren wir aus Henrys Ich-Perspektive. Der 12-jährige hat von seinem Vater längst nicht alle Hintergründe über Perm erfahren und auch nicht, warum seine Mutter Mildred erst nach ihnen die Erde verlassen hatte. Zwischen jugendlichem Trotz und Neugierde erfahren wir schließlich immer mehr. Manchmal kam mir Henry aber fast schon zu naiv für einen Pre-Teen vor. Fein beobachtet erfahren wir von der Beziehungen zu den beiden Geschwistern, älterer Bruder und kleinere Schwester, und wie die Menschen in den Biomen auf Perm nun eine Utopie aufbauen, die aber immer wieder zu haken scheint.

Von Mutter Mildred gibt es Tagebuchaufzeichnungen. Die Wissenschaftlerin ist ein kluger, eigenständiger Kopf, was bei ihren Mitstreitenden der „Primarmission“ nicht wirklich gut ankommt. Westerboer verschränkt die unterschiedlichen Erzählenebenen richtig gut, besonders am Anfang, wie sich die unterschiedlichen Informationen über die Welt und die Personen ergänzen.

Die Beschreibungen von Perms Welt sind faszinierend, manchmal aber so abgedreht und mit so vielen Namen behaftet, dass ich einige Tiere und Phänomene bis zum Schluss nicht wirklich als Vorstellung im Kopf hatte. Aber das kann auch an mir liegen. Trotzdem habe ich es genossen, dass Westerboer hier ganz neue Elemente beschreibt. Das hatte manchmal schon fast meditative Tendenzen.

„Lyneham“ stellt viele philosophische und politische Fragen, die gerade in Zeiten, in denen Tech-Bros immer mehr Einfluss auf unsere Welt nehmen (Stichwort transhumanistische Mythologie) sehr relevant sind. Wie können wir gemeinsam zu Entscheidungen kommen? Wie beeinflusst die Technik uns? Dürfen wir gegen das Leben entscheiden, um Leben zu retten?

Vieles mochte ich wirklich sehr und wäre eigentlich bei 5 Sternen gelandet. Manchmal ging mir die Erzählungweise aber schon fast zu langsam. Mildreds Ablehnung der klassischen Mutterrolle scheint mir die im Gegenzug überzubetonen. Das Ende lief dann irgendwie zu rund, zu gebaut, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass das wirklich so klappen würde. Eine moralisch richtige Entscheidung war dann mir nicht stimmig, weil sie vorher mit bestimmten Klischees spielte, um hier die Richtigkeit der Entscheidung zu verstärken. Und dann verstehe ich eine andere Entscheidung der Protagonist*innen emotional nicht.

Grandioses Worldbuilding. Atmosphärisch dicht erzählt. Aber einiges war dann doch nicht ganz stimmig. 4 von 5 Sternen und eine Empfehlung für alle, die mal eine ganz andere SciFi-Welt erleben wollen.