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Benutzername: Milli11
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Bewertungen

Insgesamt 71 Bewertungen
Bewertung vom 04.02.2021
Die Kannenbäckerin
Spratte, Annette

Die Kannenbäckerin


ausgezeichnet

Johanna und die Töpferkunst

Die kleine Johanna hat durch die Pest im Mittelalter ihre komplette Familie verloren. Eine gutmeinende Nachbarin verkleidet sie als Jungen und schickt sie auf den gefahrvollen Weg zu einem unbekannten Onkel, der als Töpfer im Westerwald arbeitet. Und die Verkleidung hilft Johanna wirklich, relativ unbeschadet zu ihrem Onkel zu kommen und sie findet dort Aufnahme und nach einer Weile auch eine Art neue liebevolle Familie. Sie ist ganz fasziniert von der Tätigkeit ihres Onkels und beginnt, selbst zu töpfern, hat viel Spaß daran und erweist sich als durchaus talentiert. So könnte alles sehr schön sein, wenn nicht einerseits immer noch der 30-jährige Krieg wüten würde und man immer mit Überfällen durch Soldaten rechnen müsste und sie andererseits nicht dieses Geheimnis um ihr wahres Geschlecht mit sich herumtragen müsste.
Eines Tages kommt dann wirklich ihr Geheimnis ans Licht.

Ich will hier nicht zuviel verraten, aber das Leben als Frau/ Mädchen in jener Zeit ist durchaus gefahrvoller und schwerer als das der Männer. Zumal wenn man einen eigenen Willen hat und sich, ganz untypisch für eine Frau, nicht unterordnen und einschüchtern lässt.

Der Roman liest sich wirklich sehr flüssig, man erfährt einiges über die Gebräuche der Zeit und natürlich auch über das Töpferhandwerk. Es macht wirklich Spaß, Johannas Weg zu verfolgen. Natürlich ist das kein so großer historischer Roman wie z. B. Ken Follett schreibt, aber gerade für Einsteiger in das Mittelalterleben ist das ein wirklich gutes Buch.

Auch die Emotionen kommen nicht zu kurz, so dass hier viele Facetten gut bedient werden. Von mir eine klare Empfehlung mit 5 Sternen!

Bewertung vom 24.11.2020
Trümmermädchen - Annas Traum vom Glück
Bernstein, Lilly

Trümmermädchen - Annas Traum vom Glück


ausgezeichnet

Hunger, Kälte und Not zwischen Ruinen

Die kleine Anna und ihre Tante Marie leben in Köln, der Mann von Tante Marie ist Bäcker und allen könnte es richtig gut gehen, wenn man sich nicht mitten in den Jahren des 2. Weltkrieges befinden würde. Die Lebensmittel werden immer knapper, ständig gibt es nächtliche Luftangriffe auf die Stadt, die Männer müssen an die Front und die jüdischen Nachbarn verschwinden über Nacht spurlos.

Und dann muss Onkel Matthias auch an die Front, Anna und Marie sind darüber sehr unglücklich und in Angst um ihn, bekommen aber als Hilfe in der Bäckerei den polnischen Zwangsarbeiter Josef und so versuchen die 3, den Laden weiterhin offen und in Betrieb zu halten, während die Lage ringsherum immer schlimmer wird.

Nach Ende des Krieges liegt das Bäckerhaus weitgehend in Trümmern und Marie hat mit dem kleinen Karl ein weiteres Kind zu versorgen, alle leben in größter Not, es gibt keine Lebensmittel, kein Brennmaterial und so muss Marie bei ihrem ärgsten Widersacher arbeiten, um überhaupt irgendwie zu überleben. In dieser Zeit sind die Kinder weitgehend auf sich allein gestellt und versuchen ihrerseits, etwas zu organisieren und zum Leben beizutragen. Trotzdem gibt es auch für Anna und Marie kleine Glücksmomente, sie finden Menschen, die ihnen helfen und so versuchen sie tapfer, die Bäckerei zu erhalten und wiederzubeleben.

Das liest sich unglaublich nahe, man fühlt förmlich die permanente schreckliche Kälte, die im Nachkriegswinter 1946 geherrscht hat und vielen Menschen das Leben gekostet hat. Und man sieht auch, wie gut es uns in unserer heutigen Zeit trotz der gegenwärtigen Schwierigkeiten geht. Tiefen Hunger muss niemand leiden und auch nicht auf der Straße leben.

Ich war sehr berührt von diesem Buch und bin sehr beeindruckt, wie die Menschen es geschafft haben, Mut zu fassen und Pläne zu verwirklichen, auch wenn das unter den gegebenen Umständen erstmal fast aussichtlos erscheinen musste. Ein für mich sehr gelungenes Buch, deshalb volle 5 Sterne.

Bewertung vom 26.10.2020
Das Erbe der Päpstin
Glaesener, Helga

Das Erbe der Päpstin


sehr gut

Eine Frau zwischen Danewerk und Rom
Das Buch lehnt sich an den Bestseller von Donna W. Cross „Die Päpstin“ an, allerdings liegt für mich doch eine kleine Welt zwischen den beiden Romanen.

Hier in diesem Buch wird Gisla, eine Freundin der späteren mutmaßlichen Päpstin Johanna, von den Dänen entführt und ihre in der Gefangenschaft geborenen Töchter machen sich nach ihrem Tod auf, den mütterlicherseits einzig verbliebenen Verwandten, ihren Großvater Gerold, zu finden. Dabei sind die beiden Mädchen Freya und Asta grundunterschiedlich, so dass sich ihre Wege nach einiger Zeit trennen.

Freya schafft es tatsächlich bis nach Rom, wo Ihr Großvater mittlerweile lebt und lernt auch Johanna kennen. Allerdings ist auch Rom in Aufruhr und vielerlei Machtkämpfe werden von unterschiedlichsten Seiten ausgefochten, denen Gerold und Johanna zum Opfer fallen. Für Freya kann es in dieser Stadt kein friedliches Leben geben und so zieht sie wieder nach Norden, um dort ein ruhiges freundliches Fleckchen für sich und ihre Ziehtochter zu finden.
Allerdings ist das in diesen Zeiten nahezu unmöglich und so trifft sie immer wieder auf ihren Erzfeind, der ihr nach dem Leben trachtet, findet aber auch ihre große Liebe wieder.

Das liest sich alles sehr nett und flüssig, sticht aber aus der Menge der historischen Romane auch nicht überragend heraus. Ein paar Zufälle zuviel, ein paar glückliche Wendungen zuviel, die es in dieser wirklich sehr harten kriegerischen und gefährlichen Zeit nicht gegeben haben kann.

Trotzdem spendet das Buch ein paar nette Stunden Lesespaß und wer nicht zu viel Wert auf historische Genauigkeit legt, kommt hier durchaus auf seine Kosten.

Bewertung vom 14.09.2020
Modehaus der Träume / Das Lichtenstein Bd.1
Averbeck, Marlene

Modehaus der Träume / Das Lichtenstein Bd.1


sehr gut

Modeträume in Berlin während des 1. Weltkrieges

Das ist der 1. Band einer Trilogie, die das Leben und Arbeiten verschiedenen Personen darstellt, die alle mit dem Kaufhaus „Lichtenstein“ in Berlin-Mitte verbunden sind. Hier im ersten Band wird die Zeit vom Beginn bis zum Ende des 1. Weltkrieges behandelt.

Den Kapiteln wird immer der Name derjenigen Person vorangestellt, aus deren Sicht erzählt wird. Das wäre zum Beispiel Jakob, einer der beiden Söhne des Lichtenstein-Besitzers, der im stetigen Kampf mit seinem Bruder um eine Neuausrichtung des Kaufhauses steht und sich daran aufreibt. Dazu kommt noch eine unglückliche Liebesbeziehung, aber er ist ein fairer Arbeitgeber und wird insgesamt sehr positiv dargestellt.
Die jungen Frauen Hedi, Thea und Ella arbeiten mehr oder weniger für das Kaufhaus, Ella ist eher ein Werbeaushängeschild, da sie hauptberuflich Schauspielerin ist. Sie ist aus meiner Sicht die fortschrittlichste und ausgefallenste der Frauen, hat 2 Liebhaber und ist sehr unabhängig und frei.
Thea ist dagegen eher das Kellerkind aus sehr ärmlichen Verhältnissen und zu ihren bescheidenen Verhältnissen kommt auch noch persönliches Unglück.
Hedi macht eine recht steile Karriere, sie liebt Mode, Schick und Stil und wechselt in kürzester Zeit vom Ladenmädchen in die Entwurfsabteilung. Und dort gibt es da noch Hannes…

Das wird alles mit recht leichter Hand beschrieben, natürlich gibt es auch große Schicksalsschläge, das Kaufhaus brennt weitgehend ab, Hannes wird im Krieg sehr schwer verwundet, aber insgesamt kommen die Personen alle recht gut und glimpflich durch die harten Zeiten, das ist mir eine Spur zu positiv. Gerade in Berlin gab es große Not, wenig zu essen und gegen Ende des Krieges viele wirre Straßenkämpfe und Unruhen.
Immerhin sieht man aber auch, dass selbst in den ärmsten Elendszeiten es immer noch genügend Menschen gibt, die es sich mit Mode und Kleidung gutgehenlassen wollen und können und mit großzügiger Hand auch gern viel Geld dafür ausgeben können.

Ich würde mir die Nachfolgebänder auf jeden Fall gern ansehen, bestimmte Andeutungen, wie es mit einigen der Personen weitergeht, sind schon zu erkennen und vergebe hier schon mal gute 4 Sterne.

Bewertung vom 14.09.2020
Saale Premium - Stürme über dem Weinschloss / Weinschloss-Saga Bd.1
Seifert, Paula

Saale Premium - Stürme über dem Weinschloss / Weinschloss-Saga Bd.1


sehr gut

Eine Frau im Weinberg

Ein Sprung zurück in die Anfänge des 20. Jahrhunderts: in Freyburg an der Saale wird Wein angebaut und als Sekt oder Wein in alle Länder verschickt, wo er großen Anklang findet. Aber das wirtschaftliche Leben wird ganz klar von den Männern bestimmt und so ist es für Aennes Vater ein großes Problem, dass er zwar eine kluge, wissbegierige und an der Winzerei interessierte Tochter hat, aber eben leider keinen Sohn. Und diese Tochter ist dazu noch recht eigenwillig und verliebt sich ausgerechnet in ein Mitglied derjenigen Familie, die Aennes Vater vor Urzeiten sehr brüskiert hat. Deshalb kommt eine Heirat mit dem jungen Clemens auf gar keinen Fall in Frage. Schlussendlich muss sich Aenne dem Willen des Vaters beugen und heiratet einen anderen Mann. Und das wird nicht das letzte Mal bleiben, wo ihr das Schicksal oder andere Menschen einen dicken Strich durch ihre Lebenspläne machen.

Da wäre zum Beispiel die Reblaus, die nicht nur den Familienbetrieb von Aennes Vater ruiniert, sondern allen vom Weinbau abhängigen Regionen in Deutschland und Europa schwere existenzielle Nöte bereitet. Oder der Tod ihr nahestehender Menschen, der sie immer wieder sehr trifft.
Zum Glück ist Aenne hart im Nehmen und allen Widrigkeiten zum Trotz versucht sie immer wieder, auf die Beine zu kommen.

Das klingt ein wenig Courts-Mahler-haft, zu diesem Eindruck trägt sicherlich bei mir auch das wunderschöne Coverbild bei, aber viele Ereignisse sind durchaus historisch belegt und könnten sich so zugetragen haben. Sehr schön finde ich, dass hier mal eine Region Deutschland beschrieben wird, über die man so wenig hört und liest und die durchaus bereisenwert ist und mehr bietet als nur die riesige Rotkäppchen-Sektkellerei. Freyburg ist ein nettes Städtchen und in der näheren Umgebung gibt es auch mehr als nur Weinberge.

Das Buch ist als Beginn einer Trilogie angelegt und die Zeiten werden wohl nicht einfacher werden.
Das Einstiegsbuch ist für mich schon mal gut gelungen, dafür 4 Sterne.

Bewertung vom 04.08.2020
Ozelot und Friesennerz
Matthiessen, Susanne

Ozelot und Friesennerz


sehr gut

Sylt – eine Kindheit im Luxus-Pelzgeschäft

Ich bin etwas jünger als die Autorin, aber viele Begebenheiten und Persönlichkeiten, in denen sie in ihren Anekdoten erzählt, sind mir auch gut bekannt.

Das Buch ist kein Roman im üblichen Sinn, sondern besteht eher aus einzelnen Skizzen, die unterschiedliche Zeiten aus der Kindheit der Autorin beschreiben. Sie lebt mit ihren Eltern auf Sylt, die Eltern betreiben ein luxuriöses Pelzmodengeschäft und vermieten nebenbei ihr Haus an Feriengäste. Dabei fallen die Kinder ein Stück weit hintenunter, was aus heutiger Sicht schon nahezu an Kindeswohlgefährdung grenzen würde, war damals völlig normaler Alltag. Und es bot den Kindern ein beträchtliches Stück mehr an Freiheit, als es heute in vielen Familien üblich ist. Allerdings war das Leben der Eltern auch nicht nur Heiterkeit, der Dienst an den zwar meist sehr reichen, aber auch nicht unkomplizierten Kunden samt abendlicher Betreuung und Unterhaltung muss zumindest in der Saison auch extrem anstrengend gewesen sein.
Nebenbei erfährt man einiges über die damals Schönen und Reichen und ihre Eigenheiten, Probleme und Problemchen. Wie z. B. „Was schenkt man der besten Freundin, wenn diese immens reich ist, alles hat und sich alles leisten kann?“. Auch das gibt es in dieser Form schon lang nicht mehr und ein bisschen Wehmut schwingt auch immer mit.

Aber nun hat der Zeitgeist das Pelzgeschäft schon lang in den Ruin geschickt, das Elternhaus ist verkauft und neue Ferienhäuser stehen dort, die Kinderfreunde betreiben mal sehr, mal etwas nicht ganz so lukrativ ihre Hotels und Ferienappartements und haben auch mit der Kehrseite des großen Tourismusbooms zu kämpfen. Wer alles an Wohnraum an die Touristen vermietet, entzieht damit auch seinen Angestellten den Wohnraum und muss sich nicht wundern, dass Handwerker und Reinigungspersonal knapp werden.

Diese Probleme des Tourismus, die ja nicht nur auf Sylt, sondern auch in bestimmten Alpendörfern und sonstiges Hotspots auftreten, behandelt die Autorin in Pro- und Epilog. Aber die Genehmigungen für Luxushotels und –resorts im Naturschutzgebiet fallen ja nicht vom Himmel, sondern werden eben von den Behörden und Politikern der einzelnen Kommunen erteilt, die wiederum von der örtlichen Bevölkerung gewählt werden. Wenn es da keine Proteste gibt gegen den Ausverkauf der Insel, verdienen offenbar noch zu viele sehr gut daran.
Gut gefällt mir der etwas lakonische Schreibstil, die Zeiten waren damals eben so, haben sich deutlich geändert und lassen sich nicht mehr zurückdrehen.

Für dieses durchaus unterhaltsame Bild der westdeutschen goldenen Zeiten von mir sehr gute 4 Sterne.

Bewertung vom 27.05.2020
Das eiserne Herz des Charlie Berg
Stuertz, Sebastian

Das eiserne Herz des Charlie Berg


ausgezeichnet

Skrude Geschichte – absolut unterhaltsam zu lesen

Eigentlich konnte ich mir aus dem Klappentext so gar keine Richtung zusammenreimen, in die dieses Buch gehen könnte. Und auch nach dem Lesen ist das noch immer nicht klar: Liebesroman, Familiengeschichte, Krimi?
Von allem etwas und das sehr rasant und unterhaltsam.

Hier schreibt Charlie Berg, ein junger Mann mit hervorragender Nase und ganz schwachem kranken Herz über seine verkorkste Familie, seine sehr seltsamen Freunde und natürlich über Mayra, die mexikanische Kinderfreundin, die in seinem Leben die Hauptrolle spielt, auch wenn sie so weit weg lebt.

Charlies Familie ist eine einzige Katastrophe, die Mutter als Aktionskünstlerin immer in der Welt unterwegs mit keinerlei Interesse an ihren Kindern, der Vater zwar anwesend, aber ständig im Drogennebel im Keller an seiner Musik feilend, die kleine Schwester eine Autistin, die nur in der Bibliothek wirklich glücklich ist, Oma und Opa ganz allein im Wald lebend und Charlie versucht, dies alles irgendwie zusammenzuhalten. Bis auf einem Jagdausflug mit Opa alles schiefgeht und am Ende 3 Leichen im Wald liegen. Und genau da setzt der Roman ein und es reiht sich eine absurde skrude Situation an die andere, es kommen Erlebnisse aus seiner Vergangenheit zu Tage, die man sich nicht vorstellen geschweige denn erleben möchte und trotzdem ist das Buch für mich ein großer Lesespaß geworden.

Glücklicherweise hat Charlie ein paar gute Freunde, allen voran der unvergleichliche David, dessen Lebensinhalt einzig und allein im Sex liegt und auch Mayra taucht noch ganz leibhaftig auf. Was Charlies Leben nicht eben einfacher macht.

Trotzdem das eigentlich ein Genre ist, das ich selten lese, habe ich mit diesem Buch ein paar wirklich lustige und spannende Stunden gehabt, wer sich auf Charlies ausgefallene Welt einlässt, wird sicherlich ebenfalls viel Lesefreude haben.

Bewertung vom 27.05.2020
Margos Töchter
Stephan, Cora

Margos Töchter


sehr gut

Frauenschicksale in Ost- und Westdeutschland

Mir war vorweg nicht bekannt, dass es einen Vorgängerroman gibt, diesen gelesen zu haben ist aber aus meiner Sicht nicht unbedingt notwendig.
Der Roman beginnt mit Jana, der jüngsten der 4 Frauen, um die sich das Buch dreht. Jana bekommt Nachricht, dass in der Stasiunterlagenbehörde Informationen zu einer ihrer beiden Mütter aufgetaucht ist. Da weiß man dann schon, dass bei zwei Müttern es sich ganz offenbar nicht um eine einfache normale Familiengeschichte handeln wird.

Hauptsächlich handelt aber das Buch von ihrer Mutter Leonore. Leonore wächst als Kind in den 60er Jahren in der niedersächsischen Provinz auf, ihre Mutter Margo ist eine große Macherin, untypischerweise für diese Zeit berufstätig und sehr umtriebig, der Vater eher eine Randfigur. Leonore hat die üblichen Teenagerprobleme mit ihren Eltern, verlebt eine wilder Flower power-Zeit in London, durchleidet das WG-Leben mit anderen Studenten, die zwar gut auf Kosten des kapitalistischen Staates leben, ihn aber bis ins Innere ablehnen und sogar mehr oder minder gewaltsam bekämpfen. Nach einer sehr unschönen Erfahrung mit einem mutmaßlichen RAF-Terroristen findet Leonore ein ganz spießiges kleines Familienglück, in dem ihre Adoptivtochter Jana die absolute Hauptrolle spielt.
Dieser Teil des Buches ist sehr ausführlich und detailliert, hier merkt man, dass die Autorin sich sehr in dieses Leben hineingedacht hat und das offenbar wirklich gut kennt.

In einem 2. Buchteil wird das Leben von Clara, der Halbschwester Leonores, beschrieben und das bleibt für mich nicht nur zu viel kurz, sondern auch recht steif und holzschnittartig. Die ganze DDR-Welt wirkt da nicht wirklich lebendig und realistisch, erst als Clara als verdeckte Agentin in den Westen gerät und dort dann später auch Kontakt zur Treuhandanstalt und deren Chef bekommt, merkt man, dass die Autorin sich in diesem Bereich wieder besser auskennt und auf bekanntem Boden arbeitet.

Das Buch hat ein paar durchaus interessante Wendungen und Überraschungen, auch wenn sich der Leser manche Sachen schon während des Lesens zusammenreimt. Und gerade die Schilderungen aus der Zeit der RAF und der mit ihr sehr sympathisierenden Studentenbewegung sind sehr lebendig, realistisch und aus heutiger Sicht auch ein Stück belustigend und befremdend. Die Ängste um Umwelt, Baumsterben, Krieg, Atomkraft sind schon so uralt, sehr typisch deutsch und erreichen uns heute noch immer.

Zum Ende des Buches hin bekommt auch Jana über einige Rätsel ihres Lebens und ihrer Familie Aufklärung.
Wer sich für die Zeit des kalten Krieges bis hin zur Gegenwart in Ost- und Westdeutschland interessiert, ist mit diesem Buch gut beraten.

Bewertung vom 20.04.2020
Die Insel der vergessenen Träume
Lind, Christiane; Rodeit, Julia K.

Die Insel der vergessenen Träume


weniger gut

Leichte Unterhaltung in netter Kulisse

Im Corona-Home Staying liest man dann auch mal Bücher, die man sonst definitiv weglassen würde und dieses ist so eines.

Es verschränken sich 2 Frauenschicksale:
Einmal die junge Leonie in der Gegenwart im schönen Hamburg lebend und aus vermögendem Haus, was es ihr auch ermöglicht, 3 Studien zu beginnen und alle wieder warum auch immer abzubrechen, ebenso wie diverse Praktika. Das arme Mädchen hat eben noch nicht wirklich gefunden, wofür sie brennt und da die Eltern zahlen, ist das ja auch kein großes Problem. Man kann ja auch seine Zeit damit verbringen, für die Rechte der Frauen in Uganda zu demonstrieren und hinterher gepflegt einen Latte trinken zu gehen, das ist sicherlich für die afrikanischen Frauen auch sehr wichtig.

Im 19. Jahrhundert wiederum lebt Clara auch in einem guten Hamburger Bürgerhaushalt, ihr Vater verstirbt früh und damit beginnen für sie die Schwierigkeiten. Schlussendlich heiratet sie etwas überstürzt den Plantagenbesitzer Paul Rautenbergen, mit dem sie auf seine Farm auf Hawaii zieht. Leider entpuppt sich Paul als gewalttätiger grober Säufer, der Clara nur geheiratet hat, um seine Schulden loszuwerden. Clara wiederum entdeckt auf Hawaii ihre Liebe zu den Eingeborenen und zu einem verwilderten Amerikaner, dem sie nach der 3. kurzen Begegnung im Urwald sofort unsterblich verfällt.

Am Ende wird alles gut, Leonie kämpft an der Seite eines muskulösen Surfers, dessen Bräune in weißen T-Shirts besonders gut zur Geltung kommt, nun für die Rechte der Eingeborenen auf Hawaii und auch zu Clara findet sich der Verbindungsfaden.

So leicht und seicht das alles klingt, so liest sich auch das Buch. Man merkt, dass die Autorinnen Hawaii sehr mögen und sich auch in die Geschichte der Inselgruppe eingelesen haben, aber für mich ist das alles leider zu wenig. Deshalb nur magere 2 Sterne.

Bewertung vom 20.04.2020
Raffael - Das Lächeln der Madonna
Martin, Noah

Raffael - Das Lächeln der Madonna


sehr gut

Raffael – ein Künstlerleben in der Renaissance

Der junge Raffael verliert sehr früh seine Eltern, hat aber das Glück, dass sein großes Talent von Förderern erkannt wird und diese ihm helfen und ihn unterstützen, dass er weiter malen und seine Kunst entwickeln kann. Allerdings ist die Hochrenaissance auch und gerade in Italien eine zutiefst kriegerische und grausame Zeit, eine Vielzahl an Fürsten, Königen und sonstigen Herrschern und auch die jeweiligen Päpste kämpfen permanent und in ständig wechselnden Allianzen und Konstellationen um die Vorherrschaft in Italien und den angrenzenden Ländern. Dies beeinträchtigt nicht nur das Leben der normalen, einfachen Menschen ständig aufs Schlimmste, auch die Künstler sind immer wieder davon betroffen, dass ihnen die Auftraggeber von heute auf morgen wegbrechen und sie sich ständig auf neue Situationen und Aufträge einstellen müssen.

Andererseits ist es auch eine Zeit, in der es den Herrschenden und Mächtigen sehr wichtig war, sich als Kunstkenner und Förderer zu gerieren und sich durch große, pompöse Bauwerke, Statuen und Gemälde für die Ewigkeit darstellen zu lassen. Es bestand ein ständiger Wettstreit, sich von den größten Künstlern der damaligen Welt malen zu lassen und sie an den eigenen Hof zu binden. Diese Situation bot den Künstlern wiederum auch eine Vielzahl an Möglichkeiten, zu durchaus lukrativen Aufträgen zu kommen und ihre Begabungen auszuleben.
Dies gelingt auch Raffael, nach Stationen in Perugia, Siena und Florenz, wo er auf die ebenfalls großartigen Künstler Michelangelo und Leonardo da Vinci trifft, verschlägt es ihn nach Rom, wo er einen großen Bewunderer und Auftraggeber im Papst direkt findet. Er baut sich dort eine Künstlerwerkstatt auf und findet sich schnell in der römischen Gesellschaft ein.

Nur in der Liebe läuft es nicht ganz so perfekt und hier beginnt auch die Fiktion in diesem Historienroman: er ist seit langem in die schöne Margherita Luti verliebt, allerdings ist sie im Buch die Ehefrau eines mächtigen Edelmannes, der sie nicht aus der Ehe entlassen will.

Raffael stirbt sehr früh mit 38 Jahren und hat in dieser kurzen Zeit eine unglaubliche Anzahl an Kunstwerken geschaffen, gerade seine Madonnenbildnisse sind weltbekannt und berühmt.

Sein Leben wird im Roman sehr lebendig und verständlich dargestellt, es ist natürlich viel Fiktion und auch eine Portion Historienverfälschung dabei, aber das tut dem Lesevergnügen keinen Abbruch. Auf jeden Fall gibt das Buch einen sehr guten Blick auf die damalige Zeit mit all ihren Vor- und aus heutiger Sicht sehr beträchtlichen Nachteilen. Von mir eine eindeutige Empfehlung mit guten 4 Sternen!