Benutzer
Top-Rezensenten Übersicht

Benutzername: 
Milli11
Wohnort: 
Berlin

Bewertungen

Insgesamt 83 Bewertungen
Bewertung vom 26.07.2022
Blanche Monet und das Leuchten der Seerosen / Ikonen ihrer Zeit Bd.7
Paulin, Claire

Blanche Monet und das Leuchten der Seerosen / Ikonen ihrer Zeit Bd.7


sehr gut

Eine Malerin im Schatten der Männer

Blanche Hoschede ist schon als kleines Kind von der Malerei fasziniert, ihr Vater ist ein begeisterter Kunstsammler und so hat sie frühzeitig die Gelegenheit, den damals noch völlig unbekannten Claude Monet kennenzulernen. Dessen Bilder werden von der französischen Kunstszene verrissen und er ist dringend auf Unterstützer und Mäzene angewiesen.

Doch Blanches Vater hat sich finanziell übernommen, die Familie muss aus ihrem Landsitz ausziehen, der Vater schafft es nicht, die Familie weiter zu unterhalten und hat auch das Vermögen seiner Frau verbraucht. Diese wiederum lässt sich auf eine Affaire mit Monet ein, was ihrer Ehe nicht wirklich gut bekommt.

Nach dem Tod von Monets Frau lebt sie ganz offen mit ihm und den Kindern in einer Großfamilie zusammen und das Geld ist ständig knapp. Nur sehr langsam stellen sich erste Erfolge mit Monets Malerei ein, bis es endlich möglich ist, die berühmte Villa mit Garten in Giverny zu beziehen und zu gestalten.

Blanche wiederum beginnt ebenfalls zu malen und findet nach den langen Jahren der Unsicherheit und Unstetigkeit darin eine Erfüllung. In der Liebe bleibt ihr diese allerdings versagt. Sie verliebt sich ganz unsterblich in einen jungen amerikanischen Maler, aber Monet verbietet ihr die Hochzeit mit diesem Mann. Sie soll ihm weiterhin als Gehilfin zur Hand gehen.
Schlussendlich heiratet sie einen von Monets Söhnen, aber diese Ehe ist alles andere als glücklich.
Obwohl sie ganz hervorragend malt, bleibt sie stets im Schatten ihres berühmten Schwiegervaters, auch ich habe bislang nicht gewusst, dass es eine Malerin in der Familie Monet gibt.

Leider ist Blanches Leben ein gutes Beispiel dafür, wie schwer es Frauen damals hatten und wie wenig ihre Wünsche und Träume für ihr Leben zählten. Sie waren immer auf die Zustimmung ihrer Eltern und Ehemänner angewiesen und auch immer finanziell von diesen abhängig. Schlussendlich hat auch Monet Blanche für seine Zwecke benutzt.
Ich hätte mir mehr Durchsetzungskraft und Eigenständigkeit für sie gewünscht.

Insgesamt 4 Sterne von mir.

Bewertung vom 07.06.2022
Die Knochenleser
Ross, Jacob

Die Knochenleser


ausgezeichnet

Eine Welt der Männer

Der junge Michael Digger Digson lebt auf einer Insel der kleinen Antillen, hat die Schule mit besten Ergebnissen abgeschlossen und hat trotzdem keine Chance auf einen guten Job und ein halbwegs gesichertes Leben. Beim Herumlungern auf der Straße beobachtet er einen Mord und gerät ins Blickfeld des Detective Superintendent Chilman, der ihn für seine ganz spezielle Polizeitruppe rekrutiert.
Digger wird in England ausgebildet und arbeitet mit anderen Ermittlern der Spezialgruppe an diversen Vermisstenfällen der Insel. Dabei hilft ihm Miss Stanislaus, eine Tochter Chilmanns, die eigentlich keine ausgebildete Polizistin ist und recht unkonventionelle Ermittlungsmethoden verfolgt. Nebenbei betreibt Digger auch die Ermittlungen zum Tod seiner eigenen unter schwierigen Umständen verschwundenen Mutter.
Tatsächlich klären er und Miss Stanislaus die Fälle einiger vermissten Personen auf und können dabei auch einige brutale Mörder und Peiniger aus einem religiösen Kreis dingfest machen.
Das Ganze spielt in einer bunten exotischen Kulisse, die aber die Armut, permanente Korruption und Gewalt besonders gegen Frauen kaum überdeckt. Das Bild, das die meisten der dort lebenden Männer von Frauen, ihren eigenen Rechten und von den weit weniger zählenden Rechten der Frauen haben, ist für mich schwierig nachzuvollziehen und stößt mich ziemlich ab. Auch sind die Ermittlungsmethoden für unsere Welt ziemlich ungewöhnlich,
Da bin ich wieder sehr froh, in einem ganz anderen Kulturkreis leben zu können.
Die Sprache und Wortwahl im Buch ist auch etwas ganz anderes, der einfache Gassenslang, der ziemlich lautmalerisch wiedergegeben wird, hat in diesem Zusammenhang seinen eigenen Reiz.
Fazit: Ich würde vermutlich einen neuen Roman des Autors eher nicht kaufen, aber für Liebhaber der Karibik ist das Buch durchaus lesenswert.

Bewertung vom 22.03.2022
Die Diplomatin
Fricke, Lucy

Die Diplomatin


sehr gut

Unsere Werte und die Welt

Da stellt man sich das Leben als Diplomat so glamourös vor, an wunderbaren exotischen Orten, aber immer im sicheren Schutz der Diplomatie und mit allen deutschen Werten um sich herum, die einem wichtig sind. Und dann besteht die Aufgabe hauptsächlich daran, den Nationalfeiertag möglichst ökologisch und politisch korrekt so zu organisieren, dass aber auch die einheimische Bevölkerung das abbekommt, was sie an Deutschland schätzt, z. B. deutsche Wurst.

Fred Andermann, Anfang 50, hat ihre Illusionen im Laufe ihrer Diplomatenkarriere längst verloren. Sie weiß, wie sie sich auch gegen ihre eigenen Vorgesetzten am besten absichert, vertraut keinem und niemanden und kommt an ihre letzten Station Istanbul trotzdem an ihre Grenzen. Sie sieht, wie Recht und Gesetz mit Füßen getreten wird, jeder, auch mit einem deutschen Pass absolut der Willkür der Regierung ausgesetzt ist und sieht auch, dass ihr und ihren Kollegen die Hände komplett gebunden sind. Die Menschen werden in diesem Despotensystem zerrieben und sie kann so gut wie nichts tun. Bis sie dann doch etwas tut.

Man sieht in diesem Buch ganz deutlich, wo die Grenzen unserer diplomatischen Bemühungen liegen und wie wenig unsere Werte zählen. Diese sind für den übergrößten Teil der Erde nicht logisch, nicht verständlich, nicht erstrebenswert und werden daher auch nicht anerkannt und respektiert. Der Tanz geht nur so lang gut, wie man sich von Deutschland finanzielle Hilfen und Vorteile verspricht und so gut wie immer auch erhält. Bis sich die andere Seite vom Bruch aller Regeln die größeren Vorteile verspricht und das sieht man ja tagtäglich in den Nachrichten.

Dass dies für unsere Diplomaten und Botschaftsangehörigen sehr zermürbend und frustrierend sein muss, liegt auf der Hand und das wird aus diesem Buch sehr deutlich.
Zudem liest sich der Roman wirklich spannend, lediglich das etwas offene Ende hat mir nicht so gut gefallen. Deshalb sehr gute 4 Sterne von mir.

Bewertung vom 01.03.2022
Tell
Schmidt, Joachim B.

Tell


ausgezeichnet

Rohe Gewalt und tiefes Leid

Ich kann ja schon lange Menschen nicht verstehen, die sich gerne in die menschliche Vergangenheit zurückversetzen lassen würden und dieses Buch ist für mich wieder mal eine Bestätigung, dass man eher selten das Schicksal einer verwöhnten Königstochter treffen würde (die ggf. mit 13 an einen uralten Nachbarkönig aus dynastischen Gründen verheiratet worden wäre), sondern mit weitaus größerer Wahrscheinlichkeit als Kind einer armen Bergbauernfamilie.

Und der Autor schafft es ganz hervorragend, das Elend und Leid der einfachen Bevölkerung zu schildern. Die Hauptfigur Wilhelm Tell hat schon als Kind böse Misshandlungen erleben müssen, die ihn für das restliche Leben geprägt haben. Der Tod seines Bruders kommt noch dazu, so kann er kaum Gefühle zeigen und ist ein tief in sich verschlossener Mann geworden. Keinesfalls eine lichte Heldenfigur, die für die Freiheit der Schweizer kämpft. Auch seine Frau lebt nicht aus Liebe mit ihm zusammen, die Umstände haben ihr keine Wahl gelassen, darunter leiden natürlich auch ihre Kinder.

Dagegen das Leben der Habsburger Landsknechte: je grausamer und gewalttätiger sie gegen die Bergbauern vorgehen können, desto mehr Spaß macht es ihnen. Ein Mord mehr oder weniger belastet sie nicht. Das liest sich wirklich schwer.

Der Autor lässt in diesem Buch die einzelnen Personen selbst erzählen und das erzeugt ein ganz eigenes Bild auf die einzelnen Menschen. Der Landvogt Gessler, sonst immer als böser Tyrann beschrieben, entpuppt sich hier als empfindsamer Mann, den es heim zu Frau und Tochter zieht und trotzdem immer weiter in den Strudel aus Gewalt und Gegenwehr gezogen wird und schlussendlich daran stirbt.

Ganz überraschend war für mich die Figur des Pfarrers Franz, den ein böses Geheimnis aus der Kindheit mit Wilhelm Tell verbindet.

Das Buch hat mir sehr gefallen, es bringt eine ganz eigene und ungewöhnliche Sichtweise auf die alte Geschichte und der Erzählfluss wird immer schneller und treibt geradezu auf das Finale hin. Unglaublich spannend, auch wenn die harten und brutalen Beschreibungen manchmal sehr schwer zu lesen sind. Dafür 5 Sterne.

Bewertung vom 01.03.2022
Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße
Leo, Maxim

Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße


ausgezeichnet

Aus Versehen zum Wende-Helden

Der Videothekenbesitzer Michael Hartung, dem bislang eher das Pech an den Fersen klebte, wird über Nacht und durch einen Story-versessenen Journalisten zum Star des Wende-Jubiläums. Und weiß nicht wirklich, wie ihm geschieht. Aus Faulheit und Unachtsamkeit hat er vor vielen Jahren einen S-Bahn-Zug über die Grenze nach West-Berlin fahren lassen, wobei auch das nur die halbe Wahrheit ist. Die Genossen der Grenzsicherungsorgane hatten völlig unbeabsichtigt auch ihren Anteil daran, aber das soll nun bitte erst recht nicht an die Öffentlichkeit.

Und die ist begeistert von diesem sympathischen, so ganz anderen Helden. Mal nicht so ein Zauselbart mit immer derselben moralinsauren Wendestory. Und alles könnte schön sein, wenn den Helden nicht das Gewissen plagen würde, dass die schöne Geschichte vielleicht eben auch ein bisschen zu schön gefärbt ist.

Ein Buch zum Lachen, aber trotzdem auch zum Nachdenken. Funktioniert unser Politiksystem wirklich so? Werden aus unseren Steuergeldern Unmengen an immer dieselben Erinnerungs- und Gedenkvereine ausgeschüttet, deren Selbstzweck nur der Erhalt der eigenen Positionen ist? Wir ersticken an Gedenkstunden, Denkmälern, Erinnerungsstätten, Mahnmalen, oft mit guter Absicht initiiert, aber irgendwann nur noch wichtig für die Betreiber aus profanen finanziellen Gründen. Und vermutlich liegen auch die Meinungen vieler Ossis und Wessis übereinander nicht so weit weg von dem, was hier im Buch so aufgeführt wird.

Besonders gut hat mir die Figur von Frau Dr. Mundsburg gefallen, eine Frau, deren Hauptaufgabe im Glattbügeln unliebsamer Zwischenfälle liegt. Bevor die Zwischenfälle überhaupt entstehen, natürlich. Genauso stelle ich mir unseren Politikbetrieb vor und alle spielen locker mit und profitieren. Auch zu einigen anderen Figuren kommen mir ganz schnell Assoziationen an bekannte Persönlichkeiten.

Zum Glück hat aber unser Held noch ein recht geerdetes Umfeld, das ihn wieder auf den Boden holt und der Geschichte einen guten Ausgang bringt.
Sehr unterhaltsam und amüsant, den Autor behalte ich gerne im Gedächtnis. Dafür 5 Sterne.

Bewertung vom 22.12.2021
Die Brücke der Ewigkeit / Die Baumeister Bd.1
Hector, Wolf

Die Brücke der Ewigkeit / Die Baumeister Bd.1


sehr gut

Liebe, Hass und eine wunderschöne Brücke

Ich weiß gar nicht, wie oft ich schon über die Karlsbrücke gelaufen bin, aber muss zugeben, dass ich mir über die Zeit und den immensen Aufwand für den Bau nie Gedanken gemacht habe.

Und der wird in diesem Buch sehr anschaulich geschildert. Schon allein die Zeiträume innerhalb derer die Bauten damals, also nicht nur Brücken, sondern auch Kirchen und Paläste geplant und ausgeführt wurden, sind für uns unvorstellbar. In der Regel haben die Baumeister, die die Bauten begonnen haben, das Ende gar nicht erlebt und oft sind auch die Ursprungsideen sehr abgewandelt worden. Exakte Baupläne so wie heute gab es ja auch nicht.
Das ist in diesem Buch glücklicherweise anders, aber gehörige Rückschläge gab es auch. Immer wieder Hochwasser, die große Teile der Konstruktion wegreißen, Baugrundverhältnisse, die man nicht vorhersehen konnte und Probleme mit Material und Personal.

Aber auch der menschliche Faktor kommt in diesem Buch nicht zu kurz, der Baumeister Jan Otlin liebt eine sehr ungewöhnliche junge Frau, die von klein auf sehr viel Böses erlebt hat, sein Polier liebt wiederum eine Frau, die für ihn völlig unerreichbar ist und wird von dieser Leidenschaft und seinem großen Ehrgeiz, die Stelle des Brückenbaumeisters einnehmen zu können, förmlich zerfressen. Um Frau und Stellung zu erreichen, nutzt er alle Möglichkeiten und bedient sich auch einer geheimnisvollen Magierin, für die allerdings ihre eigenen Ziele immer Vorrang haben und dafür geht sie wortwörtlich über Leichen und opfert alle und jeden.

Das liest sich durchaus spannend, die mittelalterlichen Verhältnisse werden sehr anschaulich dargestellt und natürlich gibt es auch recht glückliche Wendungen, die es wohl in Realität nie gegeben haben dürfte. Aber das tut dem Buch keinen Abbruch.
Von mir hier gute 4 Sterne.

Bewertung vom 16.09.2021
Julius oder die Schönheit des Spiels
Saller, Tom

Julius oder die Schönheit des Spiels


sehr gut

Sport und Politik

Der kleine Julius wächst in einer sehr privilegierten Familie auf, die auf einem alten Adelsgut hoch über dem Rhein lebt und sein Großvater ist so begütert, dass er seinen Enkeln sogar einen Tennisplatz anlegen lassen kann. Und das zu einer Zeit kurz nach dem 1. Weltkrieg, als die meisten Menschen froh gewesen wären, genügend Essen zu haben.

Julius liebt dieses neuartige Spiel und gemeinsam mit seinen Schwestern, die für Mädchen in dieser Zeit durchaus unkonventionell aufwachsen, übt er ohne Ende und mit großer Begeisterung. Er gewinnt erste Tourniere und seine Familie und besonders der Großvater unterstützen seine Leidenschaft.

Nach dem Abitur zieht er nach Berlin, vordergründig zum Jura-Studium, wie das in seiner Familie so üblich ist, tatsächlich aber, um das Tennisspiel in einem der besten Clubs des Landes weiter zu perfektionieren. Das Leben in Berlin ist ganz anders als in der ruhigen Weinbau-Gegend seiner Heimat, er kommt in der Berliner Gesellschaft an, macht erste Erfahrungen mit Frauen und trifft sogar seine alte Jugendliebe Julie wieder, die er noch immer heftig liebt und heiratet. Was ihn nicht davon abhält, auch Erfahrungen mit der Männerliebe zu machen.

Aber die Republik verändert sich, die Nazis gewinnen immer mehr Einfluss und das Spiel unter Gentlemen darf nicht mehr der sportlichen Begeisterung und der Fairness dienen, sondern muss Siege für das Reich einfahren. Und da kollidiert Julius‘ Sicht auf den Sport ganz gewaltig mit der Politik. Das muss er sehr schmerzhaft erfahren.

Das Buch erzählt in 3 Ebenen, zum einen der Werdegang von Julius von Kindheit an, dann in kurzen Briefen von Julius aus dem Gefängnis und dann die Sicht des sportlichen Gegners, gegen den er in seinem letzten großen Spiel in Amerika angetreten ist.
Mir hat das Buch sehr gefallen, die Handlungen der einzelnen Personen sind durchaus schlüssig und nachvollziehbar, das Leben im Berlin der 20iger und 30iger Jahre wird sehr bunt beschrieben und die Spannung, wie es mit Julius endet, hält sich bis zum Schluss. Der dann doch sehr überraschend war.

Deshalb von mir eine klare Empfehlung und sehr gute 4 Sterne.

Bewertung vom 16.09.2021
Ein Koffer voller Schönheit / Frauen, die die Welt schöner machen Bd.1
Engel, Kristina

Ein Koffer voller Schönheit / Frauen, die die Welt schöner machen Bd.1


sehr gut

Mit AVON in die Selbständigkeit

Die junge Mutter Anne tuckert in ihrer himmelblauen Isetta durch das winterkalte Lüneburger Land, neben sich einen großen Koffer voller Avon-Kosmetik. Das ist der Einstieg in dieses Buch, das sich sehr flüssig und unterhaltsam liest.

Anne hat es nach den Brandnächten des 2. Weltkrieges mit ihren Eltern in das kleine Lüneburg verschlagen, alle leiden mehr oder weniger noch an den Kriegstraumata, nicht nur Anne selbst und ihre Eltern, sondern auch der junge Tischler Benno, den Anne noch während des Krieges kennengelernt hat und der unter sehr glücklichen Umständen den Krieg als Soldat überlebt hat. Die beiden finden sich, aber der Alltag ist alles andere als leicht, trotzdem bekommen sie Zwillingen und ihre Liebe hilft über vieles hinweg.

Und dann beginnt der Aufschwung, Benno eröffnet mit einem alten Freund ein Möbelhaus und die Probleme beginnen. Das Möbelhaus läuft nicht gut, auch die Beziehung zwischen Anne und Benno kriselt. Sie möchte nicht nur Mutter und Hausfrau sein, sondern sich als Avon-Vertreterin selbständig machen. Unterstützt wird Anne darin von ihrer Schwiegermutter Margarethe, die ein absolutes Unikum ist, selbständige Besitzerin eines Friseursalons und modisch immer ganz vorn dabei. Ein unabhängiger Geist mit einem aktiven Liebesleben, wie es einer ehrbaren Witwe in den 50iger Jahren ganz bestimmt nicht zusteht.

Aber Anne braucht Bennos Zustimmung um arbeiten zu dürfen, ein Unding aus heutiger Sicht. Und auch die vielgeschmähte DDR, die nicht weit weg von Lüneburg lag, war da wesentlich fortschrittlicher. Nachdem Benno widerwillig zugestimmt hat, kämpft sich Anne durch die Tücken der Selbständigkeit, gewinnt aber bald nicht nur Kundinnen, sondern auch Freundinnen in den Landfrauen, die sie mit bunten Produkten versorgt. Das Geschäft läuft gut, was aber weder Benno noch den Kindern so richtig gefällt.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen, man erfährt sehr viel über die Probleme und Ängste, die die Menschen nach dem Krieg noch tief in sich getragen haben und in der Regel alleine bewältigen mussten, da der alltägliche Überlebenskampf viel wichtiger war. Und wie wunderbar der Fortschritt dann in den Häusern eingezogen ist, mit Fernsehgeräten und so großartigen Erfindungen wie Dosenravioli, Tütenkartoffelpüree und löslichem Kaffee.

Vieles erscheint mir so unendlich weit weg und doch gleichzeitig sehr bekannt. Mein Fazit: ein wunderbarer Ausflug in die jüngere westdeutsche Geschichte, dafür von mir sehr gute 4 Sterne.

Bewertung vom 18.08.2021
Ich hätte da was für Sie
Cordes, Vera

Ich hätte da was für Sie


ausgezeichnet

Ich mag die Gesundheitssendungen der 3. Programme sehr gerne, weil sie in der Regel relativ einfache Möglichkeiten zur Verbesserung der Gesundheit vorstellen, daher war ich sehr interessiert, diese Tipps mal gesammelt als Buch und in Ruhe lesen zu können. Ich bin nicht enttäuscht worden.

Eine ganze Menge Anregungen habe ich schon umgesetzt (z. B. ist das Arthrose-Gewürz bei mir jetzt schon im Einsatz) und Manches werde ich noch angehen. Vielleicht sogar mal wieder Kopfstand probieren? Oder einen Hafertag einlegen? Allerdings werde ich eher keine Schlaufen und Haken an meiner Wohnzimmerdecke befestigen, da geht mir die wohnliche Optik doch über die Sportbetätigung.
Die meisten Ideen lassen sich ohne viel Aufwand zumindest mal probieren, das mindert die Hemmschwelle zum Einsteigen doch erheblich.

Der Schreibstil gefällt mir sehr gut, die Kapitel sind übersichtlich gegliedert und mit kleinen Illustrationen versehen, das jeweilige Gesundheitsproblem wird erstmal erläutert und auch der persönliche Bezug zu Erfahrungen mit und bei den Familienmitgliedern lockern das Buch gut auf, so dass es alles andere als ein dröges Sachbuch ist. Und auch auf eine Ratgeberin aus dem Fernsehen wird offenbar in der eigenen Familie nicht immer gehört.

Ich werde das Buch mit Sicherheit immer mal wieder zur Hand nehmen und versuchen, etwas daraus umzusetzen oder Hilfe zu finden.
Von mir ganz klar eine 5-Sterne-Empfehlung.

Bewertung vom 21.07.2021
In diesen Sommern
Hecht, Janina

In diesen Sommern


gut

Rückblicke

Ich hatte mir unter diesem Buch etwas komplett Anderes vorgestellt, eher einen langen ausführlichen Familienroman, aber hier besteht das Buch eher aus mehr oder minder kurzen Rückblicken oder Momentaufnahmen in die Kindheit und Jugendzeit der Hauptperson Teresa.

Sie lebt in einer ganz normalen Vater-Mutter-2 Kinder-Familie und die ersten Episoden erzählen vom Fahrradfahren-lernen mit dem Vater, von Sommeraktivitäten mit der Mutter, alles ganz banale alltägliche Geschichten. Trotzdem schwebt da immer so eine unklare Wolke darüber und diese Wolke entpuppt sich als der Vater.
Offenbar hat dieser ein gewaltiges Alkoholproblem und wie immer in diesen Konstellationen leidet die Familie schwer darunter. Das geht hin bis zu Tätlichkeiten, gerade auch der kleine Bruder hat damit schwer zu kämpfen. Und die Kinder wissen nie, wie sich der Tag entwickelt, diese Ungewissheit belastet ganz besonders.

Andererseits gibt es auch ganz glückliche normale Momente, mit den Großeltern, im Urlaub und auch mit dem Vater, er unterstützt Teresa in ihren Hobbys und alles scheint ganz normal und alltäglich.
Schlussendlich und nach langen Jahren entscheidet sich die Mutter zur Trennung und dem Vater fehlt dann jeglicher Halt, die Kinder haben wenig Kontakt zu ihm und gewisse Reflexe und Ängste werden wohl für das restliche Leben bei ihnen eingebrannt bleiben.

Der Schreibstil ist eher nüchtern und einfach, große und dramatische Emotionen sind da nicht zu finden, aber eine gewisse Eindringlichkeit entsteht vielleicht auch gerade dadurch.

Mir tut die ganze Familie leid, auch der Vater, der von seiner Sucht nicht loskommt und dadurch die Familie verliert, aber so richtig tief berührt mich das Buch nicht, dafür ist mir der Schreibstil zu sachlich und lakonisch, daher von mir gute 3 Sterne.