Benutzer
zu den Top-Rezensenten

Benutzername: Milli11
Wohnort: Berlin
Über mich:
Danksagungen: 1 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 59 Bewertungen
Bewertung vom 20.01.2020
Diabolic - Fatales Vergehen / Wyoming Bd.2
Jackson, Lisa; Bush, Nancy; Noonan, Rosalind

Diabolic - Fatales Vergehen / Wyoming Bd.2


weniger gut

Beginnt als Thriller – endet als Groschenroman

Nach diesem Buch weiß ich wieder, warum ich bei amerikanischen Kleinstadt-Thrillern immer etwas skeptisch bin.

Das Buch geht toll und rasant los: 3 junge Mädchen gehen nachts heimlich im See schwimmen, ein Gewalttäter lauert ihnen auf und überwältigt eines der Mädchen, mit viel Glück können die anderen beiden die 3. und sich selbst retten. Das ist wirklich spannend und packend und ich konnte es kaum abwarten zu lesen, wie es nun mit ihnen bzw. ihren Leidensgenossinnen weitergeht. Denn in dieser Kleinstadt im mittleren Westen verschwinden immer wieder junge Mädchen spurlos.

Einige Jahre später treffen die 3 nun als junge Frauen wieder in dieser Stadt aufeinander und wieder verschwindet ein junges Mädchen. Dafür wird die Leiche einer der damals vor vielen Jahren entführten Mädchen gefunden und die 3 Freundinnen beschließen, dass sie nun mit ihrem Wissen an die Öffentlichkeit gehen müssen.

Ab da wird das Buch mir immer mehr zum Ärgernis: eigentlich sind das 3 normale, selbstbewusste junge Frauen mit eigenständigem Charakter und Beruf, aber das Ganze mutiert zur Schmonzette: Jede der 3 bekommt nach einigen Irrungen und Wirrungen ihren überaus gutaussehenden Cowboy (ich wusste gar nicht, dass in den amerikanischen Kleinstädten das offenbar noch immer der verbreitetste Beruf sein soll), der ihr dann jeweils die individuellen Traumata bewältigen hilft und natürlich als Beschützer unentbehrlich wird. Die Typen sind jeweils mit unglaublichen Augen, Muskeln etc. ausgestattet und man liebt sich an allen unmöglichen Orten und das ausdauernd. Glücklicherweise sind diese tollen Männer auch noch alle Single und haben nur darauf gewartet, dass ihre Traumfrauen endlich in die Kleinstadt einreiten. Das trieft nur so vor Klischees und der Schmalz tropft aus allen Poren.

Als Gegenstück dann der Sexualverbrecher, der sich die Mädchen als Sexsklavinnen hält und mit permanent geschwelltem Schwanz durch das Buch getrieben wird.

Auch die Sprache gefällt mir immer weniger, wird immer billiger und flacher.
Von mir deshalb immerhin 2 Sterne, weil zumindest der Beginn des Buches durchaus spannend und gruselig war.

Bewertung vom 20.01.2020
Gar kein Plan ist auch eine Lösung
Groh, Kyra

Gar kein Plan ist auch eine Lösung


gut

Leichte flockige Unterhaltung

Ein Roman passend zum Zeitgeist: man arbeitet als Influencer oder zumindest als Assistentin einer Influencerin, man püschelt an einem Zwerghund herum, der der Influencerin gehört, schleppt Kaffee und alles Notwendige für die Chefin an und wird dafür zur Schnecke gemacht, man passt sich ins Design-Leben eines erfolgreichen Managers ein und merkt erst sehr spät, dass das alles kein eigenes und vor allem glückliches Leben ergibt.

Sehr erwartungsgemäß kommt nach wenigen Absätzen auch der Zusammenbruch dieses Lebens: Mara, die erwähnte Assistentin der erfolgreichen Influencerin wird sehr abrupt aus dem Leben und der Wohnung ihres Verlobten geworfen und steht erstmal nicht ganz auf der Straße, sondern zieht auf das Sofa ihres Büros. Und ebenso erwartungsgemäß findet sich in dem dortigen Co-working-space auch ein netter junger Mann, der zumindest über die ersten Hungersnöte hinweghilft – und später auch über etwas mehr.

Zum Glück gibt es trotz sehr verkorkster und trauriger Familienumstände noch einen Bruder, der Mara nicht nur wohntechnisch aufnimmt, sondern samt seinen Freunden auch wieder ins Leben hilft.

Das liest sich durchaus locker und flockig, auch wenn die Wendungen des Buchs für mich recht wenig überraschend waren. Es fällt mir auch schwer zu glauben, dass sich junge Frauen und auch Männer noch so derartig von Launen ihrer Chefs und Partner abhängig machen, das entspricht so gar nicht meiner Lebenswirklichkeit. Aber die würde wohl auch nicht genug Thema für so eine Geschichte hergeben.

Zum Glück und auch nicht wirklich überraschend findet sich doch alles am Ende des Buches, was für den Leser schon von Anfang an zusammengehört. Für einen netten Nachmittag auf dem Sofa gut geeignet und auch durchaus mit Humor geschrieben, deshalb von mir 3 gute Sterne.

Bewertung vom 06.11.2019
Heimat ist ein Sehnsuchtsort / Heimat-Saga Bd.1
Münzer, Hanni

Heimat ist ein Sehnsuchtsort / Heimat-Saga Bd.1


ausgezeichnet

Krieg: nichts als Elend, Schmerz und unendliches Leid

Von vornherein war ich vom Titel des Buches sehr angetan, ich finde ihn unglaublich zart und poetisch. Leider ist der Inhalt des Buches alles andere als das und es gelingt der Autorin ganz hervorragend, mich ganz langsam in den unausweichlich kommenden Krieg mit hineinzuziehen und die ganzen Gräuel erlebbar zu machen.

Aber am Anfang des Romans steht ein junges glücklich verliebtes Paar, Laurenz und Annemarie Sadler, und obwohl beider Neigungen nun gerade nicht das Leben und Arbeiten auf einem Bauernhof in Schlesien ist, gelingt es ihnen, sich mit der Situation mit den Eltern auf dem Hof zu arrangieren und dabei sogar Befriedigung, Freude und Glück zu finden. Auf dem Hof leben neben Laurenz‘ Eltern noch die polnische Köchin und der ukrainische Knecht und es gibt keine Probleme aufgrund der unterschiedlichen Nationalitäten.

Dann kommen 2 Mädchen zur Welt, Kati, die Ältere, entwickelt sich zu einem sehr aufgeweckten klugen Kind und auch mit den krankheitsbedingten Seltsamkeiten der jüngeren Tochter Franzi können alle mehr oder weniger ihren Frieden machen. Und bis kleinere Quereleien durch einzelne Personen im Dorf, die es immer gibt und die immer Unfrieden stiften, lebt die kleine Gemeinschaft in Frieden und Zufriedenheit.

Aber die politische Großwetterlage verändert sich, die Nazis und ihre Ideologie breiten sich immer mehr aus und nehmen auch Raum im Dorf ein. Im Wirtshaus empfiehlt es sich nicht mehr, seine Meinung offen zu äußern, einzelne Personen wie der alte jüdische Händler Levy und Kathis junge Lehrerin verschwinden von einem Tag auf den anderen und man fühlt bedrohlich und dunkel den kommenden Krieg herannahen, bis eines Tages Polen besetzt wird. Nach dieser leichten Kriegsbeute greift Deutschland dann auch die Sowjetunion an und nach anfänglichen schnellen Erfolgen beginnt das Kriegsglück umzuschlagen.

Aus dem Dorf ziehen die Männer in den Krieg und es gibt es erste Gefallene, die Versorgungslage wird schlechter und umso härter greift das Regime im Inneren durch. Und auch der Sadlerhof wird immer mehr in den Kriegsstrudel hineingezogen …

Das liest sich unglaublich spannend und gleichzeitig wird die Ohnmacht der einzelnen Personen klar und deutlich dargestellt, auch wer sich der Nazi-Ideologie nicht anschließt, hat schlussendlich keine Wahl und muss in den Krieg ziehen.

Die Zivilbevölkerung muss dann den Preis der Besiegten unter den Siegermächten und ihren verbündeten Truppen zahlen, die ihrerseits zuvor gelitten und geblutet haben.

Ich hätte sehr gern gleich im Anschluss den avisierten 2. Band der Geschichte gelesen, es klingt sehr interessant, wie es mit Kathi und ihrer Familie in der Nachkriegszeit weitergehen könnte, allerdings wird dieses Buch erst Ende 2020 erscheinen.

Von mir 5 Sterne für eine sehr realitätsnahe Historiengeschichte, es hat mir auch unglaublich gefallen, dass die Autorin nicht nur auf das Leid der Menschen eingeht, sondern auch das der Tiere erwähnt, die an der Front und im Hinterland leiden und sterben.

Bewertung vom 06.11.2019
Ein neues Blau
Saller, Tom

Ein neues Blau


sehr gut

Das Leben zweier junger Mädchen in Berlin

Im Berlin der 80er Jahre treffen Lili und Anja aufeinander. Die eine eine sehr zurückgezogen lebende alte Dame, die ein tiefes Leiden aus ihrem langen und wechselhaften Leben in sich trägt und die andere ein Teenager, der sehr unter den elterlichen Streitereien leidet und daraus psychische Störungen entwickelt. Trotz dieser sehr unterschiedlichen Hintergründe beginnt ein ganz vorsichtiger Annäherungsprozess, bei dem Lili Anja aus ihrer Kindheit und Jugend im Berlin der 20er und 30er Jahre erzählt.

Lili hat sehr früh ihre Mutter verloren und ihr Vater Jakob versucht nach allen Kräften, seiner Tochter trotzdem ein liebevolles und behütetes Kinderleben zu ermöglichen. Dabei wird er von seinem japanisch-chinesischen Freund Takeshi bestmöglich unterstützt. Durch einen Zufall lernt Lili die Familie von Pechmann kennen, der Vater ist Direktor der staatlichen Porzellanmanufaktur KPM in Berlin und damit beginnt Lilis Liebe zum Töpfern und zum Porzellangestalten. Ihr Weg führt bis zur Kunstgewerbeschule auf der Burg Giebichenstein, wo sie der berühmten Gestalterin Marguerite Friedlaender zur Hand gehen wird. Bis es dann zu einem tragischen Unfall kommt.

Gleichzeitig beginnt sich das politische Klima in Deutschland immer mehr zu radikalisieren, der Nationalsozialismus gewinnt immer mehr Macht und das bekommen gerade die jüdischen Familien wie z. B. Lilli‘s zu spüren.
Das liest sich alles sehr flüssig, man kann sehr gut Anteil nehmen gerade an Lilis Leben im damaligen Berlin, auch wenn das natürlich eine materiell sehr privilegierte Kindheit und Familie war. Und es ist sehr schön zu lesen, wie sich dann ganz langsam auch Anja öffnet und versucht, einen Weg mit und zu ihren Eltern und deren Problemen zu finden.

Sehr interessant fand ich die Beschreibung der Porzellangestaltung und der Verknüpfung mit dem Bauhaus, ich wusste nicht, dass extra für den Flughafen Halle-Leipzig ein spezielles Geschirr von der Kunstgewerbeschule entworfen und von der KPM produziert wurde, diesen Teil hätte ich mir gut etwas länger vorstellen können. Und die Unterschriften zu den einzelnen Kapiteln hätten für meinen Geschmack nicht unbedingt sein müssen, die haben mich mehr irritiert als einen Ausblick auf das neue Kapitel zu geben.

Trotzdem ein sehr schönes Buch, vielleicht sogar auch für Jugendliche gut geeignet. Deshalb von mir 4 Sterne.

Bewertung vom 11.09.2019
Die Wege der Liebe / Die Ärztin Bd.3
Sommerfeld, Helene

Die Wege der Liebe / Die Ärztin Bd.3


sehr gut

Familiäre Verwicklungen in der Zeit des 1. Weltkrieges

Ich wusste nicht, dass dies der 3. Band einer Buchreihe ist und wunderte mich am Anfang, dass es sofort in die aktuellen Geschehnisse geht, zu denen mir leider die Vorgeschichten fehlten. Aber es wird zumindest die Historie so weit angerissen, dass man auch mit dem Band allein etwas anfangen kann. Zumal der Beginn gleich hochdramatisch ist: Nach einer längeren Zeit in Fernost kehrt die Ärztin Ricarda Thomasius samt Ehemann auf das Gut ihrer Familie in Brandenburg zurück. Sie ist noch nicht ganz angekommen, da fallen Schüsse und sie findet ihre erwachsene Tochter Henny mit einem verletzten blutenden Mann im Schoß im Schlosspark sitzend vor. Der junge Mann ist der Verlobte ihrer Tochter und beide haben gerade erfahren, dass sie auf verwickelten Wegen Halbgeschwister sein sollen. Das schockiert natürlich das junge Paar und die gesamte Familie, aber passenderweise gibt die Mutter des jungen Mannes Victor an, dass alles ganz anders sein soll. Ricarda kann dieser allzu schönen Geschichte allerdings nicht trauen und das führt zu einem tiefen Zerwürfnis zwischen Mutter und Tochter.

Henny geht mit ihrem Ehemann nach Amerika und erlebt dort schöne und sehr schwierige Zeiten, auch in Amerika ist nicht alles Gold, was glänzt. Trotzdem hat sie es zumindest materiell wesentlich angenehmer als der Rest der Familie, der sich in Deutschland irgendwie durch die Hungerjahre des 1. Weltkrieges schlagen muss.

Ricarda arbeitet an der Charite und kämpft dort ebenfalls mit Mangel und Elend, immerhin hat der Krieg zumindest die positive Folge, dass auf den Arbeitsplätzen der Frontkämpfer nun sehr gern auch Frauen zeigen dürfen, dass sie es nicht schlechter machen. Nach dem Krieg ist das allerdings sehr schnell wieder vorbei.
Ihre jüngere Tochter Antonia möchte gern Tierärztin werden, was zu dieser Zeit völlig undenkbar ist und arbeitet im Berliner Zoo. Auch dort mangelt es den Tieren an allem und es ist sehr schwer, den Betrieb überhaupt am Laufen zu halten. Man sieht Toni langsam erwachsen werden mit allem Glück und Problemen, die in diesem Alter so auftreten.

Ricardas Sohn Georg kommt schwer traumatisiert von der Front wieder und sie hat die große Aufgabe, ihn wieder „zum Leben zu erwecken“. Zumal die Behandlung von Traumapatienten gerade erst ganz am Anfang steht und auch die gesamte Gesellschaft sehr wenig Verständnis für die Betroffenen und ihre Leiden zeigt.
So hat jeder sein Päckchen zu tragen und aufgrund des großen Leids und Elends, dass die normale Bevölkerung in diesen Jahren zu ertragen hat, ist es umso unverständlicher, dass gerade mal 20 Jahre später ein noch grausamerer Krieg von Deutschland ausgehen wird.

Das Buch liest sich sehr flüssig, nicht alle Handlungen kann ich nachvollziehen, aber das ist ja auch im wahren Leben so. Und es bildet für geschichtsinteressierte Leser ein durchaus facettenreiches Bild der 20er und 30er Jahre nicht nur in Deutschland ab. Dafür von mir 4 Sterne.

Bewertung vom 11.09.2019
Die Leben der Elena Silber
Osang, Alexander

Die Leben der Elena Silber


weniger gut

So weit und leer wie die russische Steppe

Ich hatte mich sehr auf dieses Buch gefreut, da ich den Schreibstil von Alexander Osang im „Spiegel“ immer gut fand, aber leider trifft das Buch so gar nicht meinen Geschmack. Ich hatte einen wunderbar dicken und breiten Familienroman erwartet, natürlich lösen sich im wahren Leben auch nicht alle Rätsel auf, aber das erschien mir schon alles sehr inhaltsleer.

Das Buch beginnt im zaristischen Russland, kurz vor Ausbruch der Revolution. Jelenas Vater wird von der betrunkenen Dorfbevölkerung erschlagen und im Nachhinein zum großen Revolutionär und Märtyrer für die kommunistische Sache stilisiert. Ihre Kindheit und Jugend mit dem gewalttätigen Stiefvater ist nicht wirklich schön, allerdings findet sie doch ein zartes junges Liebesglück. Später bietet sich ihr die Chance, einen deutschen Ingenieur kennenzulernen, der der russischen Produktion auf die Sprünge helfen soll und ergreift diese Möglichkeit, ihrem Leben in der russischen Provinz zu entkommen, es geht nach Leningrad, nach Moskau, nach Berlin und schlussendlich nach Sorau in Schlesien, die Heimatstadt ihres Mannes. Es werden 5 Mädchen geboren, der Krieg beginnt, die Familienverhältnisse sind allesamt unfreundlich und trotz all dem wird mir Elena nicht fassbar. Ob sie ihren Mann zumindest mag, von Liebe ganz zu schweigen, wird mir nicht klar, die anderen Männer, die ihr Leben streifen, sind eigentlich auch nur Staffage, soweit sie ihr nützlich sein können. Irgendeinen Ehrgeiz, ein Interesse an irgendeiner Sache gibt es nicht in ihrem Leben. Die Zuneigung zu ihren Töchtern ist auch sehr unterschiedlich verteilt, sie schafft es mit Bravour, die Leben und Entwicklungen der Mädchen nach ihren eigenen Vorstellungen zu lenken, Begabungen und Leidenschaften der Töchter werden eisern unterdrückt und so ist es kein Wunder, dass alle Töchter unglücklich und untereinander sehr zerstritten sind. Dieses destruktive Muster zieht sich dann weiter bis in die Enkelgeneration, die ebenfalls nicht in der Lage ist, ein halbwegs normales glückliches Leben zu führen.

Parallel wird das Leben des Mittvierzigers Konstantin, des Enkels von Elena, geschildert. Er lebt in Berlin, hat einen Sohn, von dessen Mutter er getrennt ist und reibt sich permanent an seinen Eltern auf. Von was er eigentlich lebt, bleibt mir unklar, er verkauft sich unter dem Label „Filmemacher“, aber da er sein ganzes Leben halbherzig und ohne erkennbares Engagement führt, ist wohl klar, dass die Erfolge sich eher nicht einstellen werden.

Schlussendlich kommt er auf die Idee, den diversen Geschichten der Familie nachzugehen, aber außer großem Aufwand bis hin zu einer Reise nach Russland kommt da nicht viel heraus. Weder kann er in Erfahrung bringen, wohin sein Großvater/ Elenas Mann in den Kriegswirren verschwunden ist noch kann er die unterschiedlichen Geschichten und Interpretationen seiner Mutter und Tanten in Einklang bringen. Hier musste ich mich wirklich zwingen, das Buch überhaupt weiter zu lesen, irgendwie hatte ich doch die Hoffnung, dass zumindest einige Familienrätsel noch gelöst werden, aber dem war nicht so. Grundsätzlich lebe und leide ich liebend gern mit den Figuren meiner Bücher, aber hier war für mich nur Langeweile.

Grundsätzlich ist mir noch am ehesten Konstantins Vater Claus halbwegs sympathisch, der halb dement im Pflegeheim lebt, ansonsten würde ich wohl im wahren Leben auf die Bekanntschaft aller anderen Personen gern verzichten. 2 Sterne gebe ich, weil ich die Beschreibung der Zustände in Russland sehr treffend finde, den Berliner Teil finde ich nur langatmig und ohne viel Substanz.

Bewertung vom 13.08.2019
Wo die Freiheit wächst
Reifenberg, Frank M.

Wo die Freiheit wächst


ausgezeichnet

Eine Jugend mitten im 2. Weltkrieg

Der Roman springt mitten hinein in das Leben im Köln in 1942. Lene Meister berichtet per Brief ihrer besten Freundin Rosie von allen Neuen, was es in Köln so gibt und das ist in der Regel nichts Gutes. Köln wird sehr schwer von den Engländern bombardiert, die Gefallenen-Meldungen verschlingen den größten Platz in den Zeitungen, jüdische Nachbarn verschwinden spurlos und Lebensmittel gibt es auch nur noch mit größter Mühe. Anhand der weiteren Briefe erfährt man, dass Lenes großer Bruder Franz an der Ostfront kämpft und dort schreckliche Sachen erlebt, die Lage immer aussichtsloser wird und er der Front am liebsten den Rücken kehren würde. Lenes jüngerer Bruder Kalli wiederum ist ein glühender Hitler-Anhänger und begeisterter Pimpf, der sich nichts sehnlicher wünscht, als endlich für den großen Sieg kämpfen zu können. Lenes Mutter ist gesundheitlich schwer angeschlagen und hat mit der Sorge um ihre 5 Kinder genügend zu tun. Der Vater ist unter seltsamen Umständen vermisst und so hält Lene mit ihren 16 Jahren weitgehend die Familie am Laufen.

Die schlaflosen Nächte im Keller wegen der Bombenangriffe, die großen Zerstörungen in Köln und der Kampf um Lebensmittel lassen sich besser ertragen, da es einen Lichtblick gibt: Lene hat einen jungen Mann getroffen, Erich, und verliebt sich Hals über Kopf. Erich hat einen großen Freundeskreis und der verhält sich ganz anders, als es die offizielle Propaganda vorgibt. Die Jungs und Mädchen mit dem Edelweißabzeichen ziehen singend durch die Wälder und Umgebung von Köln, lehnen den Drill von HJ und BDM ab und stellen sich zum Teil sogar aktiv gegen den Krieg. Das bleibt natürlich auch der Gestapo nicht verborgen und nimmt die Gruppe immer mehr ins Visier.

Anhand der Briefe sieht man, wie sich die Stimmung unter den Schreibern verändert, wie sich bei manchen eher, bei anderen später die Erkenntnis durchsetzt, auf verlorenem Posten zu stehen und in diesem Krieg keinen Sinn zu sehen. Natürlich ist gerade das Schreiben dieser Briefe auch sehr gefährlich, nicht nur die Feldpost, auch die Briefe der normalen Bevölkerung werden mitgelesen und das kann tödlich enden. Deshalb ist z. B. auch Rosies Angst verständlich, wenn ihr Lene recht unbekümmert von ihren Aktionen mit ihren Edelweißfreunden berichtet.

Ich mag Briefromane sehr gern, da ich so die Innenansichten und unterschiedlichen Auffassungen und Stile der einzelnen Beteiligten am besten nachvollziehen kann und das klappt hier wirklich wunderbar. Ich finde die Beschreibungen der Zustände im zerstörten Köln sehr anschaulich, leide mit Lene, als ihre Familie sich langsam auflöst und freue mich an der zarten jungen Liebe mit Erich. Die beiden wünschen sich lediglich eine gemeinsame Zukunft und diese ist sehr unwahrscheinlich unter diesen Umständen. Auch die Briefe von Lenes Bruder von der Ostfront sind sehr berührend, zumal man weiß, wie verheerend für die Wehrmacht die Schlacht um Stalingrad enden wird.

Und es tut mir so schrecklich leid und macht mich so wütend, dass das Leben und die Zukunft so vieler Menschen so schrecklich verändert und zerstört wurde lediglich aus dem Machtstreben und dem Wahnsinn einiger weniger „Führer“ heraus, die leider zum richtigen Zeitpunkt an die Macht gekommen sind. Und ich bin sehr dankbar, dass es zumindest in weiten Bereichen in Europa in den vergangenen Jahrzehnten gelungen ist, derartige Gräuel zu vermeiden und wir in Frieden und Wohlstand leben können.

Sehr gut gefällt mir auch das offene Ende des Buchs, so kann sich jeder eine für ihn passende realistische oder eher freundliche Variante vorstellen. Von mir ganze 5 Sterne.

Bewertung vom 13.08.2019
Die Gärten von Monte Spina
Scriverius, Henrike

Die Gärten von Monte Spina


ausgezeichnet

Liebe in verschiedensten Facetten
Die junge Gärtnerin Toni hat gerade ihren sehr geliebten Mann verloren und leidet unglaublich unter diesem Verlust. In ihrem Beruf als Gärtnerin vergräbt sie sich deshalb immer weiter in die Einsamkeit eines wunderschönen, aber kalten englischen Parks und kapselt sich immer weiter von dem Menschen um sie herum ab.
Zum Glück erhält und nutzt Toni die Gelegenheit, sich um die Gärten auf einer einsamen kanarischen Privatinsel zu kümmern, die schrecklich vernachlässigt wurden und zum Teil sogar vorsätzlich zerstört erscheinen. Die Mitbewohner auf der kleinen Insel sind sehr überschaubar und äußerst unterschiedlich. Aber Toni braucht keine Menschenmengen, um sich seelisch zu erholen. Sie liebt den Garten, die Pflanzen und Tiere und findet in der Sekretärin Lou sogar eine Art Freundin.
Schwierig und unangenehm wird es, als der geheimnisvolle Besitzer der Insel zu Besuch kommt und schon beim ersten Zusammentreffen ein äußerst übles und bösartiges Verhalten ihr gegenüber an den Tag legt. Mr. Bror hat ein ganz feines Gespür, Menschen an ihrer wundesten Stelle zu treffen und nutzt diese Gabe nicht nur gegenüber Toni.
Und trotz seiner unmöglichen Art spürt Toni etwas ganz Anderes hinter dieser Fassade und wird neugierig. Mr. Bror tut alles, um die jungen Frau abzuwehren und abzuschrecken, aber Toni ist das Kämpfen um verletzte Pflänzchen gewohnt …

Schon mit den ersten Beschreibungen von Tonis Zustand nach dem Unfalltod ihres Mannes hatte mich die Autorin am Wickel. Ich bin selbst begeisterte Gärtnerin und kann mich daher bestens in ihre Figur als Gärtnerin und Kümmerin hineinversetzen, so dass ich bis hin zu einigen Tränen völlig gepackt und begeistert von diesem Buch war. Dazu kommt die wirklich gelungene Beschreibung der Inselnatur, der Stürme und Landschaften, man merkt hier die Liebe der Autorin zur Natur.
Für mich ein absolut tolles und empfehlenswertes Buch, das mich wirklich sehr tief berührt hat.

Bewertung vom 08.07.2019
Die Zarin und der Philosoph / Sankt-Petersburg-Roman Bd.2
Sahler, Martina

Die Zarin und der Philosoph / Sankt-Petersburg-Roman Bd.2


sehr gut

Katharina, die Große - eine starke Frau mit Willen zur Macht

Der Roman setzt ein am Tag der Trauerfeier für Katharinas Mann, den Zaren Peter III., den sie hat ermorden lassen. Damit sind die Grundzüge ihres Wesens eigentlich schon klar erkennbar. Sie hat unbedingten Willen zur Macht und wer sich diesem entgegenstellt, muss mit allem rechnen. Ihre diversen Liebschaften und Affairen bestätigen dies nur. Keiner wird von ihr und neben ihr zum Zaren gemacht, selbst die Heirat mit Potjomkin wird geheim gehalten und alle ihre Männer sind gleichzeitig auch Figuren, die sie zum Machterhalt benutzt. Anders würde eine Frau zu jener Zeit sich kaum so lange Zeit auf dem Thron halten können.

Ein 2. Erzählstrang, dem ich viel abgewinnen konnte, ist der preußische Philosoph Stephan Mervier, der mit seiner Frau von König Friedrich von Preußen an den Zarenhof geschickt wird, um dort die Lage für ihn auszukundschaften. Mervier erkennt recht schnell, dass Katharina zwar der Idee der Aufklärung theoretisch freundlich gegenübersteht und sich gerne als Vertreterin des Fortschritts inszenieren, aber praktisch sich auf keinen Fall ihre eigene Macht mindern lassen möchte und es sich auch mit dem Adelsstand nicht verderben will und kann, auf dessen Unterstützung sie ebenfalls stark angewiesen ist. So schließt sich Mervier einem kleinen Kreis von gebildeten Männern mit revolutionären Gedanken an und versucht so, Änderungen in diesem so furchtbar elenden und gleichzeitig überaus verschwenderisch reichen Land zu bewirken.

Seiner Frau verschweigt er seine Mitgliedschaft und aus diesen Heimlichkeiten erwächst eine immer größere Entfremdung zwischen den Eheleuten. Auch die Nöte und Einsamkeit seiner Frau in dem sehr fremden Land erkennt er nicht oder will sie nicht verstehen. Das ist alles gut beschrieben und man leidet förmlich mit seiner Frau, das ist ja eine Lebenswirklichkeit, die es auch heute nicht allzu selten gibt.

Eine 3. Hauptperson des Romans ist Sonja, die Ziehtochter Katharinas, die als Findelkind die ersten Lebensjahre im Wald in einer Erdhütte aufwächst und sich dann am luxuriösen Zarenhof zu einer sehr seltsamen und ungewöhnlichen jungen Frau entwickelt. Natürlich verwickeln sich die Personen in- und umeinander und es ergeben sich ganz neue Konstellationen, Beziehungen und Verhältnisse.

Das alles liest sich flott und unterhaltsam, die Beschreibung von St. Petersburg ist sehr liebevoll, allerdings wird das Buch zum Schluss aus meiner Sicht etwas unglaubwürdig und fast sentimental, ich glaube kaum, dass eine absolutistische Frau wie Katharina sich von der Macht der Liebe so rühren lässt, dass sie Hochverräter und Menschen, die sie persönlich hintergangen haben, begnadigt, solche Zeichen der Schwäche darf sich kein Herrscher erlauben.

Trotzdem ein gut lesbares Buch über Russland in einer sehr interessanten Zeit, das vielleicht helfen mag, auch die Zustände im heutigen Russland besser zu verstehen.
Deshalb von mir 4 Sterne.

Bewertung vom 08.07.2019
Die stille Tochter / Kommissar Tommy Bergmann Bd.4
Sveen, Gard

Die stille Tochter / Kommissar Tommy Bergmann Bd.4


gut

Ein Ost-West-Spionage-Verwirrspiel

Das junges Mädchen Christel Heinze aus der DDR schafft es, bei einer Sportveranstaltung in Oslo ihren Bewachern zu entkommen und sich in die Botschaft der BRD zu flüchten. Doch diese gefährliche Aktion ist nur der Auftakt zu einem immer schwieriger und gefahrvoller werdenden Leben in der sogenannten „Freiheit“. Ihr Verwandten in der BRD wollen von ihr nichts wissen, eine Rückkehr in die DDR ist unmöglich, da sie dort aus allen Registern und Unterlagen gestrichen und getilgt ist und so kehrt sie nach Oslo zurück.

Doch auch da kann sie sich kein neues Leben aufbauen, da sie sehr an ihrer jüngeren Schwester Magda hängt, ist das der Schlüssel für Stasi und KGB, sie zu erpressen. Und so gerät Christel immer tiefer in einen Sumpf an Verrat, Lügen, Betrug und Täuschung. Letztendlich wird sie von allen Seiten benutzt und verraten und auch sie belügt und verrät alle ihre Männer und Liebhaber, sie kann niemandem vertrauen und ist tief unglücklich.

Jahrzehnte später wird eine Frauenleiche in einem abgelegenen norwegischen See gefunden und der Polizist Tommy Bergmann bekommt unter seltsamen Umständen den Auftrag, in diesem Fall zu ermitteln. Immer mehr Menschen, sogar hochrangige Politiker, interessieren sich für diesen Fall und scheinen dabei eher ihre eigenen Interessen zu verfolgen. So springt der Roman zwischen den beiden Zeitebenen, einmal Christels Leben in den 70er Jahren bis zu ihrem rätselhaften Verschwinden 1982 und den Ermittlungen in der Gegenwart hin und her.

Das Ganze liest sich recht komplex, wirkliche Sympathien kann ich kaum für eine Person dieses Buches entwickeln, auch wenn mir Christel durchaus etwas leid tut. Trotzdem konnte mich dieses Buch nicht richtig packen, zu unklar alle diese verwickelten Stränge, zu kalt und düster, zu viel Verrat, Erpressung und Gegenverrat.

Auch die Ermittlungen in der Gegenwart sind zu verworren, zu viele Gegenspieler haben ihre Hände im Spiel, ich musste mich zeitweise zwingen, das Buch zu Ende zu lesen. Deshalb von mir 3 Sterne.
Wer aber Interesse an der Zeit des kalten Krieges und an Spionagegeschichten hat, wird hier sicher gut bedient.