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Benutzername: Almut Scheller-Mahmoud
Wohnort: Hamburg
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Bewertungen

Insgesamt 24 Bewertungen
Bewertung vom 02.06.2021
Das glückliche Tal
Schwarzenbach, Annemarie

Das glückliche Tal


ausgezeichnet

Elegie der Einsamkeit und der Freiheit


Annemarie Schwarzenbach war eine rastlos Reisende. Immer umarmt von der Sehnsucht nach Freiheit. Sie stammte aus einer reichen Zürcher Familie, ihr Vater war einer der größten Seidenfabrikanten der Welt, die Mutter und andere Familienmitglieder liebäugelten mit dem Nationalsozialismus.

Schwarzenbach war morphiumsüchtig und mehrfach in Behandlung, auch wegen suizidaler Tendenzen. Sie ist ein Beispiel jener merkwürdigen Zeit, zwischen den Kriegen, in der Schweiz selbst verschont, geschliffen von den Codes einer „abgehobenen“ Gesellschaft, mit internalisierten, lieblosen Gesetzen. Sie selbst beschreibt es so: „Das Leben in der zivilisierten Welt braucht Hilfsmittel, um die unbequemen Träume zu vernichten.“ Ein durchstrukturiertes Leben der Pflichten.

In diesem kleinen Büchlein, das tragisch durchzogen ist von wechselnden Stimmungen und Euphorien der gesuchten und zugleich gefürchteten Einsamkeit, vom Hohen Lied der Freiheit, schält sich schon sehr viel „J’accuse“ der westlichen heuchlerischen Zivilisation heraus und sie war damit ihrer Zeit voraus: „Ich habe den Sitten des Abendlandes den Rücken gekehrt. Und ich frage mich, um welchen Preis erkaufen sie dort den Frieden ihrer Seele? Angst hat Euch gepackt, wenn der Wall Eurer Sitten und Gewohnheiten nicht mehr standhält, Eure Maße und Ziele nichts mehr gelten“ .
Das Tragische an ihrem Leben ist, dass sie weder dort noch hier ihren Seelenfrieden gefunden hat. Vielleicht für Momente in den Umarmungen von Jalé, einer großen fraulichen Liebe, vielleicht in den Begegnungen mit Gauklern, Magiern, Schlangenbeschwörern, Feueranbetern, Haschisch-essern und Opiumrauchern. Vielleicht im „glücklichen Tal“ mit dem Blick auf den sich im Spiel des Lichts immer anders präsentierenden Demawend,

Immer wieder ertönen Heimwehklänge und Angst, den Heimweg als Verlorene Tochter nicht mehr zu finden. Aber auch fast trotzige Passagen: „Man hat nur ein einziges Leben und es will nicht verschwendet und vergeudet sein.“
Annemarie Schwarzenbach hat ihr kurzes Leben trotz aller Zerrissenheit nicht verschwendet und vergeudet. Denn sie war nicht zur Reisende, sie arbeitete an archäologischen Ausgrabungen mit, sie schrieb, sie fotografierte und ihr Nachlass ist ein Bild jener Zeit aus der Feder und mit dem Blick eines ganz besonderen Wesens.

Immer wieder elegische wehmutsvolle Gedanken an die vergehende Zeit: „Man müsste sich erinnern, zurückgehen, Schritt für Schritt, dann würde man sich vielleicht am Anfang wiederfinden. Alles noch einmal sehen, noch einmal zurückkehren.“ Da taucht viel Schmerz auf über das Wechselvolle des Lebens:„mein Gepäck sollte immer leichter werden, keine Gegenstände, keine Namen, keine Bilder, keine Bücher und kein Dach über dem Kopf.“
Aber können solche Wünsche nicht nur entstehen, wenn man eigentlich alles hat? Wenn da als Grundstock der Maslow’schen Pyramide die ökonomische Absicherung vorhanden ist?

Ganz wunderbar in dieser Prosa der Ich-Findung und zugleich der Ich-Entfremdung ist ihre poetische Sprache, ihre übersetzte Sprache der Natur mit wunderbaren Schilderungen des Tals, der Einöde, des Brausens des unsichtbaren Windes, des monotonen Rieselns des Gerölls.
Und die Farbigkeit der nomadischen Nachbarn, der ziegenfilzigen Zelte, der leuchtenden Röcke der Frauen und talabwärts eine andere Natur: Dschungel, Urwald, Reisfelder, Wasserbüffel.

Es ist nicht einfach, sich dem Rhythmus der Sprache und den hin und her springenden Gedanken und Gefühlswelten anzupassen, aber es ist eine Mühe, die sich lohnt.
Ein wichtiges kleines Buch aus einer Zeit, die uns heutigen Lesern so weit entfernt scheint.

Es ist elegisch wie die Duineser Elegien von Rilke, hin und her schwankend wie ein Bambusrohr wie das Glück, das sich der Klage über das menschliche Sein beugt.
Und wer möchte nicht gelegentlich ein Bambusrohr sein?

Bewertung vom 18.05.2021
Asche und Sand
Couto, Mia

Asche und Sand


ausgezeichnet

Ein lusitanisch-mozambikanisches Epos. "The Clash of Civilizations"


Die Mythen des Landes dienen Mia Couto als Inspiration zu seiner Imani-Trilogie.
Hier beschreibt er die Geschichte Mosambiks Ende des 19. Jahrhunderts und den Krieg gegen den König des Gaza-Reiches. Es dominieren zwei gegensätzliche Pole: Portugiesen und Mosambikaner. Europa und Afrika. Imanis Erzählungen sind der rote Faden und jedes Kapitel wird von einem Zitat, Sprichwort oder einer afrikanischen Sage eingeleitet.

Anschaulich werden einzelne Persönlichkeiten gezeichnet wie Imanis Vater, einen Marimba-Spieler oder Pater Rudolfo, ein Mann zwischen zwei Hautfarben und zwei Geschlechtern und seine zauberkundige wundenheilende Gefährtin Bibliana. Die italienische Bordellbesitzerin Bianca Vanzini. Und natürlich König Ngungunyane mit seinen Frauen und sein Gegenspieler Zixaxa.
Germano de Melo, Imanis Geliebter. Andrea Alvaro, Kapitän der Kriegsmarine. Mouzinho de Albuquerque, Oberbefehlshaber, der den König gefangen nimmt.
Im März 1896 erreicht das Schiff Lissabon. Mit an Bord auch die schwangere Imani, auf ein Wiedersehen mit Germano hoffend. Ihr neugeborener Sohn wird ihr weggenommen. Sie wird weder ihn noch Germano je wiedersehen. Germanos letzter Brief ist ein feiger Abschiedsbrief: er liebe sie und sei ihr treu, aber es gebe keine gemeinsame Zukunft, habe es nie gegeben.
Neben der Liebesgeschichte nimmt der Krieg zwischen den Portugiesen und dem König des Gaza-Reiches einen bedeutsamen Platz ein.

Sinistre rassistische Denkgebäude: Die Weißen brauchen einen Feind wie den König. Sie brauchen diesen gedemütigten Herrscher, um den Afrikanern und auch den Europäern ihre Macht zu demonstrieren, als ob sie die Herren des Kontinents seien, von dem sie nichts wissen und nichts kennen außer ein paar Weilern. Sie sehen in den Afrikanern nur gottlose, feiernde, singende und tanzende Wesen. Europa hat Afrika nicht erobert.

Imani, eine starke junge Frau, die sich zwischen den beiden Welten wie ein Fisch im Wasser bewegt und die doch der eigenen Herkunft, dem eigenen Schicksal nicht entgehen kann, strahlt wie ein Leuchtturm in diesem umfangreichen Werk.
Mia Couto skizziert ein Panorama der Menschheit mit eindrucksvollen Wort-Bildern und verbindet historische Fakten mit afrikanischen Mythen.

Ganz unerwartet der narrative Schluss, ein gekonnt eingesetzter stilistischer Überraschungseffekt dieses Romans, aus dem die Traurigkeit über die Unvereinbarkeit der Welten, der Menschen, der Seelen atmet. Mia Couto ist es gelungen, in ausführlichen Schilderungen die komplexen Denk- und Handlungsweisen beider Parteien zu schildern. Die Fotos einiger real existierenden historischen Personen aus im Anhang komplettieren dieses unbedingt lesenswerte, unbedingt empfehlenswerte Buch.
Eine Metapher der afrikanischen Denkweise: Schuhe statt bloßer Füße. Die Schuhe werden Teile Deines Körpers werden. Deine Schritte werden nie mehr Deine eigenen sein. Du wirst Wege beschreiten, die Dich von dir selbst weit weg führen. Und wenn Du die Schnürsenkel zusammenziehst, wird es Deine Seele sein, die Du einschnürst.

Bewertung vom 21.03.2021
Die von Europa träumen
Sunjic, Melita H.

Die von Europa träumen


ausgezeichnet

Ein feste Burg ist...??!!

Die Autorin lebte selbst mehrere Jahre in einem Flüchtlingslager. Nach dem Studium arbeitete sie als leitende Pressesprecherin des Flüchtlingshilfswerks der UNO, war in Afghanistan, im Sudan und im Irak im Einsatz. Sie entwickelte sie die Kampagne "www.tellingtherealstory.org", eine digitale Plattform für die Menschen aus den betroffenen Ländern. So ist ihre Kritik an den Umgang der Politik mit den Flüchtlingsbewegungen profund, nachvollziehbar und geprägt von eigenen Erfahrungen.

Sie beschreibt 9 Einzelschicksale: Asif aus Afghanistan, Djamal und Becca aus Syrien, Berhane aus Eritrea, Dorine aus Kamerun, Karim aus Syrien, Mamadou aus dem Senegal, Imani und Idris aus Somalia, Nihad aus dem Irak. Die wenigsten wussten Konkretes über das „Europa“ und was sie dort erwartete. Alle waren von den Posts in den sozialen Medien geblendet, mit denen sich Freunde und Bekannte präsentierten. Allen gemeinsam der traditionelle soziale Hintergrund: Schande und Ehrverlust für die Familie, wenn sie erfolglos zurückkehren würden. Sie selbst posteten ebenfalls Erfolgsmeldungen und taten nichts, um dieses Perpetuum aufzubrechen, obwohl sie gescheitert waren.

In der Realität wurden sie konfrontiert mit überfüllten Heimen und einer überlasteten Bürokratie, die oft Jahre brauchte, um die Asylanträge zu bearbeiten. Und nicht zu vergessen, die Ablehnung, geschürt durch einige Politiker und folgsame Medien: ein Cocktail mit inflationären Zahlen, den man wunderbar für die eigenen Zwecke mixen kann mit Begriffen wie Überfremdung, Islamisierung der christlich-jüdischen Kultur (sic!!), Testosteron gesteuerten Jungmännern, die von blonden Germaninnen träumen. ´
Bei der Lektüre überkamen mich Wut, Enttäuschung und Scham. Alle Fakten waren mir bekannt, sie aber noch einmal so detailliert zusammengefasst zu lesen, war erschreckend. Da werden von der europäischen Union Millionen Euros verteilt wie im Grimm’schen Märchen „Sterntaler“, nur dass das Geld oft in intransparenten Kanälen versickert.

Die Autorin erklärt explizit die Unterscheidung zwischen Flüchtlingen und Migranten, letztere hier als Wirtschaftsflüchtlinge tituliert. Auch sie müssen ein Asylverfahren durchlaufen, obwohl sie arbeiten und lernen wollen, um dann in die Heimat zurückzukehren. Ihre Kenntnisse und Erfahrungen wären eine Bereicherung für ihr Ursprungsland und ein Faktor, die dortigen Verhältnisse zu verbessern.
Melita Šunjić unterbreitet Vorschläge zu einer ganzheitlichen Veränderung, die nicht nur bruchstückweise an den Symptomen herumdoktert. Ein erster Schritt: ein Masterplan, so dass Migranten befristete Arbeitsvisa bekommen könnten. Des weiteren: die Flüchtlinge in den Erst-Asylländern besser zu versorgen, das sei kostengünstiger und sicherer für alle. Die meisten wollen lieber in ihrem eigenen Kulturkreis bleiben und somit wäre die Sekundär-Migration leichter einzudämmen. Der allerwichtigste Schritt jedoch: die Schleppernetzwerke, die Menschenschmuggler und -händler vernetzen, zu unterwandern. Denn das ist ein mafiöses, perfekt organisiertes internationales Business. Die aufgegriffenen Helfer sind nur kleine Fische, wie kleine Straßendealer. Die Köpfe sitzen ganz oben, mit weißen Westen als Schreibtischtäter.


Eine eindringliche empfehlenswerte Lektüre, die dem, der gewillt ist zu sehen, die Augen öffnet über eine Politik, die sich mit Mäntelchen wie Humanität, Verfechter von Menschenrechten wortreich umhüllt.

PS: Auch die meisten europäischen Auswanderer nach Amerika hatten ihren Traum von einem besseren Leben und waren nach heutiger Definition Wirtschaftsflüchtlinge.
PS: Es gibt einen interessanten Roman des Somaliers Abdourahman Waberi: “Die Vereinigten Staaten von Afrika.“ Vielleicht wird sich das Schicksal der Europäer in klimawandlerischen Zeiten einmal umdrehen? Nobody knows.

Bewertung vom 02.03.2021
Das Leere und das Volle
Bouvier, Nicolas

Das Leere und das Volle


ausgezeichnet

Sesam öffne Dich.

Was fällt uns spontan zu Japan ein? Die klassischen Schlagwörter wie Zen. Teezeremonie. Geisha. Kimono. No-Theater. Shinto. Harakiri. Kamikaze. Samurai. Tusche. Hokusai. Kirschblüte. Bogenschießen. Sushi. Aikido. Tätowierung. Bonsai. Ikebana. Tatami. Futon. Yakuza. Und ganz modern und aktuell: Mangas und Hikikomori. Und natürlich ein klassischer Film wie „Rashomon“ oder die Romane von Murakami.

Nein, dies ist kein klassisches Reise-Buch. Hier geht es um die Andersartigkeit Japans: seiner Menschen, seiner Kultur und seiner Traditionen. Es ist kein Wegweiser zu Museen mit Öffnungszeiten, zu land-schaftlichen Highlights, zu Tempeln und Schreinen. Es mag ein „Sesam öffne Dich“ zur japanischen Seele sein….

Die Notizen von Nicolas Bouviers aus den Jahren 1964 bis 1970 zeigen ein Japan der Vormoderne. Inzwischen hat sich im Land selbst vieles verändert und die Gratwanderung zwischen Tradition und Moderne scheint aufgeweichter zu sein. Denn Japan ist ein Land, mehr als alle anderen Länder?, der Traditionen, der festen Verhaltens-regeln, ein „starrsinniges“ Land.

Damit hadert Bouvier, ein weit gereister Mann und Asien-Kenner, oft. Es sind subjektive Gedanken-splitter zu der japanischen Kultur, zu den japanischen Menschen und natürlich beeinträchtigt durch die Eigenaussage: „Ich schreibe über ein Land, dessen Sprache ich nur rudimentär beherrsche und dessen Schrift ich nicht lesen kann.“
Bis ins 19. Jahrhundert war Japan ein abgeschlossener Archipel: ein total abgekapseltes System. So dass dieses Japan, wie Bouvier es beschreibt, einem weltoffenen Fremden es nicht leicht macht, einzutauchen in seine Seele und seine Kultur, Distanzen zu überwinden.

Natürlich schreibt Bouvier vom Zen, von der Teezeremonie, vom No-Theater, von Landschaften, von Menschen, aber mehr noch lese ich in seinem Buch eine Art Psychogramm der Menschen. Land und Menschen wirken wie gepanzert und verschlossen wie Entenmuscheln. Zeremonien und Rituale seien dazu da, „um einen aus Leere bestehenden Kern zu rechtfertigen, um den man diesen Panzer aufbaut.“
Immer wieder stößt Bouvier an die Grenzen des Individuums. Regeln befolgen und akzeptieren, blockierende Verpflichtungen, dem Glück misstrauen, rigorose Disziplin, Mangel an Heiterkeit, Improvisation und Spontaneität, falsche Höflichkeiten und feste Verhaltenskodexe, Furcht vor Einsamkeit und Einzelgängern, Ehrerbietung und Fügsamkeit, das Lächeln – ist es aufrichtig oder geheuchelt?, das Gesicht verlieren.

Bouvier gelingt es anschaulich und hinterfragend, uns diese so anders aufgebaute und gestaltete Gesellschaft zu schildern. Seine eigenen Gefühle mitzuteilen. Beschreibt die Leere und die Fülle.

Es gilt den Zen-Lehrsatz zu verinnerlichen: Man müsse zuerst selbst die Augen öffnen, bevor man die der anderen öffnen kann. An seinem Platz bleiben und lernen aus dem Fenster zu schauen.
Ich begnüge mich mit der aufschlussreichen und zum Nachdenken und Nachforschen anregenden Lektüre dieses Buches.

Bewertung vom 15.02.2021
Rue du Pardon
Binebine, Mahi

Rue du Pardon


ausgezeichnet

Rue du pardon. Von Mahi Binebine.

Der Tanz des Lebens.

Mahi Binebine ist ein marokkanischer Schriftsteller. Seine Bücher sind von gesellschaftspolitischer Kritik geprägt.
Sein aktuelles Buch „Rue du pardon“, dessen Narrativ den Aufstieg aus der „Gosse“, den Zusammenhalt unter Frauen und die Doppelmoral der marokkanischen Gesellschaft aufzeigt. Er verbindet das Leben zweier aussergewöhnlicher Frauen, die sich in ihren Platz an der Sonne erkämpfen.
Ausgangsort ist eine bescheidene Gasse in einem bescheidenen Viertel von Marrakesch.
Die Erzählerin Hayat („das Leben“) mit ihren blonden Locken, die im Tratsch der schwarzhaarigen Nachbarschaft zu etwas Fremdartigem, Unmoralischem stilisiert werden, lebt in einer Atmosphäre der Düsternis mit einer schweigenden Mutter und einem übergriffigen, missbrauchenden Vater.
Sie entkommt dieser gewalttätigen Tristesse mit 14 Jahren und findet Unterschlupf bei einer Nachbarin, der berühmten Serghinia. Einer bauchtanzenden Künstlerin, die zu ihrer Familie, Freundin und Gönnerin wird. In ihrem „Nähstübchen“mit der schwarz-goldenen Singer-Maschine im Kreise vieler Frauen, die nähen und sticken, plaudern und tratschen, literweise Minztee trinken und sich mit Baklava füllen lernt sie das Lachen, die Zärtlichkeit und die Verbundenheit unter Frauen in einer dominierenden Männerwelt. kennen. Man könnte dies als feministische Aussage werten. Ich sehe darin eher Reminiszenzen an ein verblasstes Matriarchat.
Bei Serghinia, die zu ihrer Mamyta wird, lernt sie das Königreich des orientalischen Tanzes kennen, eine Welt des Körpers und der Sinnlichkeit. Der Körper als Instrument, das mit wilden Schwingungen alle Körperteile erfaßt. Isolierte Bewegungen zu einem fließenden, harmonischen Gesamtbild modellierend. Ein erotischer Tanz mit seinem archaischen Ursprung in Fruchtbar-keitsriten.
Der Tanz ist ein Meisterwerk, der jahrelange Übung und Lebenserfahrung erfordert. Kühle Technik wie sie in speziellen Bauchtanzkursen gelehrt werden, erreicht niemals das pralle Lebensgefühl und die mittanzenden Traditionen.

Unter Mamytas Obhut wird Hayat zu einer erwachsenen selbstbewussten jungen Frau, die sich aus dem Käfig ihrer Kindheit befreit. Sie wächst hinein in dieses tanzende Leben, das von den Reichen wie von den Armen bejubelt wird: da wechseln sich sexueller Frust und Leidenschaft, Verrufenheit und Anrüchigkeit bis hin zu kollektiver Hysterie ab.

Wichtig für jede Tänzerin und ihre Truppe sind die Männer, die ihnen den musikalischen Background, den rhythmischen Anstoß liefern. Und eine ganz wichtige Persönlichkeit in diesem aussergewöhnlichen „Familienroman“ ist Omar, Ex-Ehemann der großen Serghinia, der als Portier im Grand Palace-Hotel zu einer lebenden Legende wird. Er ist für Hayat der „Großvater“, ein zärtlicher, aufmerksamer, großherziger Großvater mit einer Adlernase und schalkvollen Augen.

Diese schillernde glitzernde Welt wird durch Boshaftigkeit und Neid und durch eine Unze Hyänenhirn, 1 Teelöffel spanische Fliege, eine Handvoll Couscous aus dem Mund eines Verstorbenen, der Milz einer Kröte, dem Auge eines Wiedehopfs und dem Ei eines Chamäleons und geriebenem Horn eines unfruchtbaren Ziegenbocks zerstört. Und nimmt nach dem Tod Mamytas und 10-jähriger Absence von Hayat einen neuen Weg. Wie Phönix aus der Asche geht sie den Weg des Triumphes bis in den Königspalast. Denn die Menschen brauchen Träume, Tanz und Musik. Und sie geht ihren Weg zurück in die Vergangenheit.

Binebines Roman ist eine Hymne an die Kunst, an die Leidenschaft und an die Freundschaft, ein Plädoyer für den Mut zur Freiheit. Er ist eine Ode an das sinnliche Leben, an den sinnlichen Tanz.
Er ist ein Pas de deux zweier Frauen, zweier Künstlerinnen, die sich selbst gefunden und in einer Männerwelt behauptet haben.Der Autor konfrontiert seine Leserschaft mit den Themen Männerwelt vs. Frauenwelt, Befreiung aus materiellem und mentalem Elend, Selbstfindung. Und das ist eben nicht nur exotisch, sondern im Hier un

Bewertung vom 07.01.2021
Die Ameiseninsel
Kemal, Yasar

Die Ameiseninsel


sehr gut

Vom großen Unglück und vom kleinen Glück, Vertreibung und Krieg, Heimat und Freundschaft.

Yasar Kemal ist ein sozialkritischer und politischer Autor mit Anregungen zum Hinterfragen der Gegebenheiten. Wieso warum wozu weshalb?
Hintergründige Hauptthemen dieses Romans sind die Kaukasusfront des 1. Weltkriegs und der Bevölkerungsaustausch von Griechen und Türken.
Nach dem Zusammenbruch des „Kranken Mannes am Bosporus“ marschierten griechische Nationalisten in Anatolien ein, wurden jedoch zurückschlagen. Der Friedensvertrag von Lausanne von 1923 beinhaltete die Rückkehr von über einer Million Griechen und einer halben Millionen Türken. Alle in der Türkei lebenden Griechen werden nach Griechenland zwangs-umgesiedelt so wie ihr türkisches Pendant von Griechenland in die Türkei. Niemand dieser beiden Volksgruppen ging freiwillig: was sollten sie dort in der Fremde? Und was sollte sie dort erwarten? Offene Arme, freudige „Seid Willkommen“-Rufe? Oder Misstrauen und Missgunst: was wollen die hier, was sollen die hier? Die nehmen uns Land weg, die nehmen uns Arbeit weg…..ein altbekanntes Lied.

Die Protagonisten sind Musa der Nordwind, der ein Haus und eine Mühle kauft auf der Insel kauft und Vasili Atoynaranoglu. Der erste komm als Fremder, um hier ein Refugium, Frieden und eine neue Heimat zu finden, der andere stammt von hier und weigerte sich, zu gehen.
Wunderbare Naturschilderungen, poetisch, leuchtend und duftend, manchmal fast ein bisschen zu schwelgerisch. Eine flügelschlagende, wellenbrechende, blumige Poesie.

Und die Menschen: Panos Valyanos – der beste Fischer weit und breit. Hat allen das Fischen beigebracht. Ohne ihn wäre das Meer kein Meer, die Insel keine Insel, der Fisch kein Fisch. Rais Yani, der alle Steine im Meer kannte, der es anbetete und der die Sprache der Fische sprach. Yordanis Güzeloglu, der einfüßig aus dem Krieg heimkehrte, aber sein Lächeln nicht verloren hatte, der sogar über den verloreren Fuß ein Lied singen konnte. Lena Papazoglu, einstmals besungen und gerühmt: Heute eine alte gebeugte Frau. Hadschi Remzi Bey, der dem Perikles Karagüloglu die goldrandigen Teller, die Kelims und die Sessel und vor allem sein Boot abkaufen wollte. „Und wenn Du es mir nicht verkaufen willst, lasse ich Deiner Tochter Gewalt antun.“
Die menschliche Triebfeder der Habgier: auch hier wiederholt sich Geschichte der ewigen Profiteuere von Vertreibungen.

Vasili wird immer wieder heimgesucht von grauen erregenden Kriegserinnerungen: die Schlacht von Sarikamis: 10.000 erfrorene Soldaten der Allahuekber-Berge. Ein Wald der Schneemänner. Ein Bild, das sich durch die Retina des Lesers in seinem Gehirn abspeichert.

Musa jagte mit seiner Einheit Jesiden, raubte und plünderte, watete in einem Meer aus Blut. Auch hier ein Bild, das einen nicht losläßt: Abgeschnittene Brüste im Wüstensand. Jesiden waren schon damals ein Fremdkörper im „Volkskörper“. Auch hier wiederholt sich die Geschichte. Oder ist die Vertreibung und Mordung der Jesiden durch den IS schon wieder aus dem kollektiven Gedächtnis entschwunden?.
Er findet Ruhe und Heimat auf der Ameiseninsel mit Vasili, der alten Lena und Kapitän Kadri und dessen Mutter. Kadri, der mit sieben Jahren als Lehrling bei Panos, dem besten Fischer, begann.
Ein Roman mit Happy end also? Ein stilisiertes Paradies?

Der Roman ist orientalisch ausschmückend, voller wundersamer Bilder, die im Kopf bleiben. In langen Passagen und langen Weilen erfühlen wir das Glück der Natur, in Düften und Farben, lebensprall, zartblütig. Die Gegenüberstellung menschengemachter Grausamkeit und der Natur: „Die Schönheit der Welt ohne Menschen. Sollte es der Mensch sein, durch die sie hässlicher und schmutziger wird? Aber ohne die Wärme eines Menschen wird die Welt eiskalt“.

Es ist ein politisches Buch voller Schönheit und Grausamkeit und zugleich eine Hymne auf das Leben.

Bewertung vom 10.11.2020
Die Geheimnisse des Roten Meeres
Monfreid, Henry de

Die Geheimnisse des Roten Meeres


ausgezeichnet

Alles Schrifstellerleben sei Papier, heißt es.

Henry de Monfreid lockte die Liebe zur Freiheit in ein Abenteuerleben am Horn von Afrika unter Piraten, Waffenschmugglern, Perlentauchern und Sklavenhändlern. Er entführt uns in diese entfernte Weltgegend, wo Franzosen, Briten, Türken und Italiener ihre „Claims“ abgesteckt hatten und um Besitz und Einflussnahmen rivalisierten.
Er schreibt autobiographisch, sein Leben speist sich aus Wagemut, Unbekümmertheit und seinem Freiheitsrausch: ohne erfundene Ausschmückungen abenteuerlicher Phantasien wie bei Karl May. Weder Jack London, noch Lawrence of Arabia, Thesiger oder Richard Burton waren bei ihren Reisen so sehr auf die persönliche Freiheit fixiert.

Er kauft eine Dhau, um mit der Perlenfischerei finanziell ein freier Mann zu bleiben. Er trifft er auf windige Händler von Perlen, Waffen, Sklaven und Drogen und auf Piraten. Er bewundert das einfache Leben der Völker und Stämme. Das Leben seiner zivilisierten Zeitgenossen sieht er fremdbestimmt und eingeengt von Gendarmen und Zöllnern, Gefängniswärtern, Soldaten und Gouverneuren. Er kleidet sich wie die Einheimischen, spricht Arabisch und achtet ihr Wesen, ihre Mentalität und Religion. Er konvertiert sogar zum Islam.

Das Buch enthält Sozialkritik und Auflehnung gegen den Hochmut der Weißen, Nachdenkliches über den Einfluss des Westens auf das Leben und die Kultur. Er konstatiert auch bei sich selbst eine koloniale Denkweise, die er aber er hinterfragt. Exotische geographische Namen tauchen auf (Vorschlag an den Verlag: die Integration einer kleinen Karte zur Orientierung). Menschen werden vorgestellt wie Ato Joseph, Jaques Schouchana, Zanni, Said Ali, Cheik Issa, Sergent Chevet, sein Freund Lavigne, Monsieur Cocalis und die verschiedenen Beamten.

De Monfreids Lebensbericht endet durch Intrigen: natürlich ist ein intelligenter freiheitsliebender Mann, der die schon damals üblichen Manipulationen um Macht und Geld aufdeckt, den engstirnigen moralinsaueren Hütern von Recht und Ordnung ein Dorn im Auge.

Dieser Roman ist ein lebenspralles authentisches Werk, nicht zu vergleichen mit der heutigen
Reiseliteratur, die privilegierte Aussteiger-Literatur ist. Anschaulich werden die einzelnen Charaktere der indigenen Bevölkerung wie der ansässigen Weißen skizziert. Meereslandschaften beschreibt er aufwühlend und farbig: Meerespoesie. Aber auch die erdigen und himmlischen Landschaften sind mitreißend poetisch verewigt. Seine Sprache ist malerisch, wie mit dem Pinsel geschrieben.

Wer ein Faible für das Meer hat, wer wahrheitsgetreue virile Abenteuer in exotischen Landstrichen und Meeresbuchten schätzt – dem Seemännischen wird in epischer Breite gehuldigt – wer zudem noch wissbegierig ist zu nicht alltäglichen Fakten, für den ist dieses Buch ein Schatzkästlein.
Dieses ist wahrhaftig kein papiernes Schriftstellerleben, sondern strotzend vor Leben. Es ist ein Beweis für Amor fati.


Interessant, das Damals mit dem Heute zu vergleichen: überall der Orient klischeehaft in Szene gesetzt, kaum noch Ursprüngliches.

Bewertung vom 10.11.2020
Spaziergänger Zbinden
Simon, Christoph

Spaziergänger Zbinden


ausgezeichnet

Ein Mensch, der spaziert, kann überhaupt nicht unglücklich sein.

Ich hätte nicht erwartet, von einem Poetry Slammer einen so wunderbaren, einfühlsamen Text zu lesen. Ein sensibler Text von einem jungen über einen alten Mann. Ein Text, der achtsam und zugleich gekonnt die Erinnerungsebenen mischt, liebevoll, zart und humorvoll, kombiniert mit scharfer Beobachtungsgabe, dem Leser die spaziergängerische Philosophie des Lukas Zbinden nahebringend.

Er mischt die Erkennnisse des alten Lehrers und seines langen Lebens mit den Kurzbiographien seiner Mitbewohner in einem Berner Altersheim, er stellt sie Kazim, von dem man nicht viel mehr erfährt, als dass er Zivildienstleistender ist und rudert, erzählerisch mit ihren Charakteristika und ihren kleinen Macken vor.
Er lässt uns treppauf, treppab durchs Seniorenheim tapern, immer in Begleitung von Kazim. Er erzählt, und was Kazim fragt oder antwortet, bleibt offen. Aber immer und überall, im Vordergrund wie auch im Hintergrund, ist die große Liebesgeschichte von Emilie und Lukas präsent: Denn es gab ein Leben vor dem Altersheim.

„Wenn ich noch hundert Leben hätte, ich würde immer wieder Spaziergänger werden wollen.“
„Aber alles Schwierige, Wahrhaftige, Bereichernde erschließt sich niemals beim ersten, schnellen Gebrauch: Die Orgelwerke von Bach, die Dramen von Shakespeare, die Geheimnisse des Weltraums oder die Decke der Sixtinischen Kapelle. Alles braucht eine tiefe, sich vertiefende, liebevolle Annäherung.“

Man versinkt in einer fast meditativen Lektüre und kann dieser Liebeserklärung an das Leben nur zustimmen. Denn der Spaziergang ist nur eine Metapher für achtsame Wahrnehmung der kleinen Glücksmomente am Wegesrande. Wege wie Perlen auf einer Schnur:
Wege, die eine Ode an die Sonne singen. Schwache Wege, hinterhältige Wege, tyrannische Wege, verspielte Wege, einsiedlerische Wege, verspielte Wege, weise Wege, wohlbeleibte Wege, düstere Wege. Wege als Mikrokosmos im Makrokosmos.

Christoph Simon hat uns wie sein Landsmann Robert Walser mit dessen Erzählung „Der Spaziergang“ ein Kleinod geschenkt: voller Herzlichkeit und Weisheit, voller liebevoller Erinnerungen und auch voller Wehmut.

Bewertung vom 10.11.2020
Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer
Gauß, Karl-Markus

Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer


ausgezeichnet

Reisen en miniature: Pars pro toto.

Karl-Markus Gauß ist ein schreibender und belesener Mensch, der auch in seinen anderen Büchern durch die Welt der kleinen Dinge mäandert. Aus dieser häuslichen Reise wird eine Reise mit weitem Radius, dekoriert mit geschichtlichen und kulturgeschichtlichen Petitessen. Die im Leser Entdeckungsfreude wecken und ihn zu Recherchen animieren, Anregungen zu eigenen Erkundungen durch die Welt der unbelebten Dinge. Denn betrachtet und beschrieben werden sie lebendig.
Dieses kleine Buch ist in vorcoronaren Zeiten geschrieben worden, gewinnt aber durch die JETZT-Situation eine besondere Bedeutung. Wenn man nicht weltläufig reisen kann, reist man ins Innere und sei es in und durch das eigene Zimmer. Damit steht Gauß nicht allein, seine Vorläufer waren Xavier de Maistre mit „Die Reise um mein Zimmer“ und Sophie von La Roche mit „Mein Schreib-tisch“. Sie waren gewiss Anregungen zu dieser ganz persönlichen Exkursion.

Natürlich sind da die wichtigsten Accessoires im Leben eines Schriftstellers - die über 30.000 Bücher, die viel gelesenen, die zerfledderten (auf Flohmärkten wegen ihrer Kuriosität gekauft) und die vielen, vielen anderen. Und der Schreibtisch aus massivem Nussholz. Mit tiefen Schubladen und kleinen Schubfächern. Schreibblöcke, die auf ihre Beschriftung warten. Vom Schreibtisch aus blickt der Autor in die Welt der Dinge: einen Globus-Anspitzer, ein Heiligenbildchen der assyri-schen Christen, ein Boot in Miniaturformat, einer „Ulmer Schachtel“ gleich, mit denen die Menschen donauabwärts fuhren in ein neues Leben, so wie heute die Menschen, die über das Mittelmeer kommen.

Wir begegnen Onkel Hugos Traum, Venedig zu sehen, in der Manifestation eines Aschenbechers aus Murano. Mit Tassen aus ganz Europa – Mitbringsel von Freunden – kann der Autor quasi durch ganz Europa reisen: von Göteborg nach Neapel, von Vilnius nach Basel, von Marseille über die Pyrenäen. Am liebsten ist ihm jedoch eine selbst gekaufte, erworben in der moldawischen autonomen Republik der Gagausen,
Die biedermeierliche Wanduhr, ein Brotmesser mit einem lockeren Holzgriff, das Kochbuch seiner donauschwäbischen Großmutter mit 379 Rezepten, das nach der Flucht der Großeltern durch Europa in einem bayerischen Dorf landete und Symbol einer multikulturellen Welt ist.
Natürlich dürfen Briefe und Bilder nicht fehlen. Von einem Maler gibt es 34 landschaftliche Miniaturen.

Immer wieder schweift Gauß ab, begibt sich auf Exkurse zu Kroatien, angeregt durch ein T-Shirt mit dem Konterfei des Partisanen Stjepan Filipovíc, zu Stadtplanung und Arbeitersiedlungen und zum Warten: die verschiedenen Arten des Wartens. Und natürlich in Vino veritas: die Kunst des Rausches. Und auch das „Außen“ – Spaziergänge über die Friedhöfe der Stadt – gerät in sein erzählerisches Visier.

Der ganze Text wird von Wehmut und Heiterkeit zugleich gestreift, er symbolisiert eine Reise, für die man nur offene Augen, wache Sinne und ein gutes Erinnerungsvermögen braucht.
Ein wahres Kleinod für kontemplative Momente.

Bewertung vom 09.11.2020
Sarab
Alem, Raja

Sarab


sehr gut

Der Fanatismus ist das tödliche Metronom, ohne dass die Wiegenlieder des Terrors nie erklängen. (Peter Rudl)

Ist dieses Buch die Beschreibung eines terroristischen Aktes? Eine Seelenbeschreibung zweier junger Menschen? Ein morbider Liebesroman, versteckt hinter politischem Gewand? Ein Abenteurroman gewürzt mit Prisen von Gewalt und Erotik?
Bringt es uns Aufklärung über den Fanatismus Korangläubiger? Über den Fanatismus im allgemeinen? Über religiöse Manipula-tionen? Über die naive Leichtgläubigkeit der Menschen, die sich nach Reinheit und Sicherheit sehnen, nach Gott?
Bleiben wir bei den Fakten:1979 wurde in Mekka DER Heilige Ort des Islam von salafistischen Kämpfern erobert. Pilger aus aller Welt wurden Opfer und Geiseln von Männern, die glaubten, den Mahdi gefunden zu haben und ihn als neuen Herrscher der Welt auf den Thron bringen wollten. Der Mahdi, der Erlöser, der in der Endzeit erscheinen, Gerechtigkeit auf die Erde bringen und das Unrecht auf der Welt beenden sollte. Mahdi – im Judentum der Messias, im Christentum Jesus.
Der Roman beschreibt die fünf Tage der Besetzung. Und bringt das Beduinenmädchen Sarab und den französischen Soldaten Raphael zusammen. Beide leben in ihren inneren Käfigen, dem westlichen und dem orientalischen. Sie gehen zusammen nach Paris. Wir erleben das Sichherantasten des Beduinenmädchens an die „Freiheit“, aber immer wieder blinken Relikte aus ihrer Vergangenheit auf: die zwanghafte Sucht nach seelischer und körperlicher Reinheit. Immer wieder tauchen die Toten des Kampfes auf, auch Raphael wird gequält von Bildern seiner Greueltaten, verbrämt mit Heldenmut und Soldatenehre.
Die Botschaft, der Mahdi sei in Mekka erschienen, wurde von den Pilgern nicht mit frenetischem „Allahu akbar, Gott ist der Größte“, begrüßt. Sondern mit Angst und dem einzigen Gedanken, dem Tod zu entfliehen. Es gab kein Entrinnen. Auch der „Mahdi“ war nur ein Sterblicher.

Beschreibungen der Todeskämpfe, des Blutrausches. Als ob dies ein Zeichen des Lebendigseins wäre. Wieso glauben Fanatiker ihr Weg sei der einzig wahre Weg zum Paradies? Woher der besessene Glaube des Auserwähltseins? Woher nehmen sie das Recht menschliche Lebewesen auszumerzen? Woher der Glaube an das Paradies? Und wozu?

Beduinenmädchen trifft auf männliche „Tötungsmaschine“. Beides kann uns Angst machen. Denn beide sind charakterisiert durch blinde Gefolgschaft. Die inneren Kämpfe der beiden sind recht gut ausgeleuchtet und doch springt der Funken des Nachvollziehbaren nicht über. Sie bleiben fremd. Sollen sie die Wunden von Okzident und Orient versinnbildchen?
Ein Roman aus einer anderen Welt, oft überfrachtet, in vielem zu unglaubwürdig, zu unwahrscheinlich. Aber was ist heute schon glaubwürdig oder wahrscheinlich? Eine intensive Lektüre: eine Liebesgeschichte, die sich mit den historischen Vorfällen verbindet und mit ihnen verstrickt ist. Gekonnt geschrieben, einfühlsam und kenntnisreich. Ein exotischer Liebesroman. Aber: Eine Verschlankung des Textes wäre dem Gesamten zuträglich.