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Benutzername: Jidewi
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Bewertungen

Insgesamt 20 Bewertungen
12
Bewertung vom 28.12.2020
Bären füttern verboten
Elliott, Rachel

Bären füttern verboten


sehr gut

Der einfühlsame Roman "Bären füttern verboten" von Rachel Elliott erzählt eine Geschichte über Tod, Trauer, das Leben mit seinen Launen, der Suche nach dem richtigen Platz und dem Mut sich eben all jenem zu stellen.

Sydney Smith ist von Kindesbeinen an leidenschaftliche Freerunnerin. Keine Wand ist ihr zu hoch, kein Hindernis zu gefährlich. Nur einen besonderen Ort, den meidet sie seit 30 Jahren. Zu ihrem 47. Geburtstag begibt sie sich auf eine Reise nach St. Ives, wo sie sich ihrer Vergangenheit stellen muss. Maria lebt in St. Ives mit ihrem Mann Jon, einem mehr oder minder begabten Künstler, ihrer Tochter Belle, die sich selbst noch nicht gefunden hat und mit 29 Jahren immer noch zu Hause wohnt, und ihrem Hund Stuart, dem empathischen Wolfshund. Eigentlich kann Maria sich glücklich schätzen, wenn sie nicht die Frage nach dem Sinn plagen würde, den sie mit speziellen Muffins zu bekämpfen versucht. Auf wundersame Weise führt das Schicksal alle zusammen, denn nicht nur Sydney hat mit ihren alten Dämonen zu kämpfen.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten im Lesefluss, bedingt durch die fehlenden Anführungszeichen bei Gesprächen, hat mich der Roman komplett gepackt. Er beginnt skurril, wechselt oft die Perspektiven, aber genau das entpuppt sich im Laufe des Buches als wunderbarer Einblick in die verschiedenen Köpfe der Protagonisten. Jeder einzelne hat seine eigene, spezielle Sicht auf das Leben und seine Rolle in diesem teils undurchdringbaren Dschungel aus Trauer, Angst, fehlender Selbstachtung, aber auch eben dem Mut das Hier und Jetzt zu hinterfragen. Die Charaktere sind schön skizziert, leben vor dem inneren Auge des Lesers und ich habe mich ihnen wirklich nah gefühlt. Die Abschnitte sind teilweise sehr kurzgehalten, wirken wie Kurzgeschichten in einem Roman und variieren von poetisch wertvoll, lyrisch unterhaltsam hinüber zu vollkommen absurd amüsant. Ein lesenswerter Roman für alle, die Geschichten mit Tiefgang lieben, selbst schon einmal das Gefühl hatten am Leben gescheitert zu sein und trotzdem weitergemacht haben, denn das ist die Rolle, die uns allen zukommt.

Bewertung vom 28.12.2020
Ungezähmt
Melton, Glennon Doyle

Ungezähmt


ausgezeichnet

Kaum hatte ich "Ungezähmt" von Glennon Doyle in der Hand und die ersten Seiten verschlungen, verfolgte mich die Frage, ob ich gerade das Leben lebe, dass ich leben möchte oder vielmehr das, was ich glaube leben zu müssen anhand meiner Erziehung, den gesellschaftlichen Einflüssen und dem Druck von außen, dem Vorbild durch andere. Was ist echt und von mir gewollt und was ist eine Blase, von außen obturiert? Was steuere ich aktiv und wo bin ich passiver Zuschauer? Was schwellt in mir von Kindesbeinen an und was hat erst später dazu geführt, dass ich an diesem Punkt in meinem Leben stehe? Immer wieder musste ich das Buch beiseitelegen, einen Moment nachdenken, die Wahrheit zwischen den Zeilen aufsaugen und reflektieren. Mir blieb im Grunde genommen keine Wahl, denn jedes Kapitel, ob kurz oder lang, lässt dich innehalten und hinterfragen, was richtig ist und was falsch und ob das in diesem Kontext überhaupt relevant ist.

Der Stil ist sanft und inkludierend, nicht überschäumend verkünstelt, sondern eher wir ein Gespräch unter Freunden, eine Offenbarung, eine Offenlegung der tiefsten Gefühle, Verfehlungen, aber auch Errungenschaften. Einfühlsam, nahbar und voller Weisheiten geleitet Glennon Doyle den Leser durch ihr Leben, die Tiefen und ihre Höhen, ihre Momente voller Glück und die voller Zweifel. Die Punkte, an denen sie sich entschieden hat einen komplett anderen Weg einzuschlagen. Das klingt so leicht, lapidar, wie mit einem Handwisch erledigt, aber es ist ein schwieriger Prozess und Glennon Doyle bietet eben diesen dar, auf einem Silbertablett, verletzlich und angreifbar. Das passiert nicht chronologisch, sondern die Handlung bricht immer wieder auf, gibt Raum für Gedanken und Diskussionen und folgt eher der inneren Eingebung, dem Bauchgefühl, als einem stringenten roten Faden. Jedes Kapitel fordert den Leser auf eine andere Art und Weise, schwankt zwischen Anekdote und bahnbrechendem Erlebnis. Mal ist der Grad der Identifizierung sehr hoch, weil das Erlebte eins zu eins in meinem Tagebuch stehen könnte, mal das Beschriebene unfassbar, erschütternd und mal einfach nur eine Geschichte über den Mut sich freizumachen von allen Zwängen und den unrealistischen Vorstellungen, die im Kopf herumschwirren und endlich das Leben bei den Hörnern zu packen, real und geschönt. "Ungezähmt" ist so viel mehr als Worte fassen können, als eine kleine Rezension umreißen kann. Für mich eine Pflichtlektüre für alle Frauen, die hier und da bereits an ihre Grenzen gestoßen sind, die den schmalen Grat zwischen Spaß und Diskriminierung bereits kennen und die einen Roman eintauchen möchten, der sich zu einem Leitfaden durchs Leben für einen selbst entwickelt. Ein Roman voller Mut, voller Leidenschaft mit der ganz klaren Botschaft, dass wir alles selbst in der Hand haben.

Bewertung vom 13.12.2020
Amissa. Die Verlorenen / Kantzius Bd.1
Kodiak, Frank

Amissa. Die Verlorenen / Kantzius Bd.1


ausgezeichnet

Vielleicht ist es meine persönliche Betroffenheit zu dem Thema. Vielleicht die spannende Geschichte gepaart mit einem Fluss voller Emotionen, wie ein nicht enden wollender Regenschauer auf der Haut mit Gänsehaut. Vielleicht ist es beides, dass für mich "Amissa" von Frank Kodiak, alias Andreas Winkelmann, zu einem Thriller formt, den ich nicht wieder aus den Händen legen konnte und in einem Rutsch die gut 400 Seiten verschlungen habe.

Thematisch offeriert Frank Kodiak einem neuen Ermittlerduo die Bühne, Rica und Jan Kantzius, die ungeahnt in einen Verkehrsunfall mit tödlichen Folgen schlittern: ein Mädchen ist voller Panik auf die Autobahn gestürmt, wurde erfasst und erliegt noch vor Ort ihren Verletzungen. Jan hält ihre Hand bis zum letzten Atemzug, in dem sie ihm noch "die Grube" zuflüstert. Zusammen mit einem rätselhaften Zettel in der Hand der Toten wirft beides viele Fragen auf. Parallel wird der Schauplatz von einer Explosion in der Nähe erschüttert. In einem Wohnmobil brennt die Leiche eines Mannes, der das Mädchen kurz zuvor nach ihrem kürzlichen Umzug entführt haben soll. Für Rica und Jan ergibt nichts davon Sinn und je weiter sie den Spuren folgen, desto tiefer geraten sie in ein Netz mit weit größerem Umfang als zuvor angenommen.

Von den ersten Seiten hat mich dieser Thriller mitgenommen, durch die fließende Sprache, die leichten Worte, den wechselnden Spannungsaufbau und die überzeugenden Protagonisten. Jan und Rica sind nicht bloß ein ungleiches Ermittlungsduo, sondern auch ein Ehepaar mit Ecken und Kanten. Dem Leser werden Charaktere mit Tiefe und Vergangenheit vorgestellt, was der Geschichte für mich noch mehr Glaubwürdigkeit verleiht. Es steckt sehr viel mehr hinter den beiden als nur der dargestellte Handlungsstrang, was die Neugier weckt, das langfristige Interesse an dem Duo. Da es sich bei „Amissa“ um den ersten Teil handelt, lässt dies auf weitere Geschichten hoffen. Weiterhin ist die Geschichte einnehmend, emotional, dynamisch ohne unglaubwürdig zu wirken. Ich fand sie fesselnd, jedoch nicht zu verworren, sodass ich stets der Handlung folgen konnte. Die Hintergründe sind nicht direkt ersichtlich, sondern komplex verwoben und dennoch gut recherchiert in Anbetracht der schwierigen Thematik. Eine Empfehlung für alle, die spannende Thriller schätzen, emotionale und nahbare Charaktere mit Vergangenheit und das Gefühl von Nebelschwaden und Regenschauern beim Lesen genießen.

Bewertung vom 08.12.2020
Dreck
Buford, Bill

Dreck


sehr gut

Was bedeutet eigentlich Haute Cuisine? Und wo liegt der Ursprung der französischen Küche? Was braucht es, um zu den Spitzenköchen der Welt zu zählen? Definitiv ein Ausflug nach Lyon, die Chance eine Kochlehre anzustreben und somit die Geschichte der Kulinarik neu zu erfinden.

Und diesen Mut besitzt Bill Buford, Autor von "Dreck" und tendenziell Alleskönner, Alles Tester und ein Mann, der Herausforderungen sucht. New Yorker Starautor, Liebhaber diverser Küchen und Familienvater. Er stellt sich der Herausforderung in der Spitzenklasse der französischen Küche Fuß zu fassen und packt dafür kurzerhand Kind und Kegel zusammen, verlässt New York und ohne weitere Planung begibt er sich nach Lyon, ein zuerst kleiner Ausflug des Genuss der zu einem jahrelangen Abenteuer in der Ferne wird. Zwischen Baguette und Hummertürmchen arbeitet sich Bill Buford durch diverse Küchen, Gänge und Spezialitäten, vom Kartoffel schälen über Filetieren- er stellt sich jeder Herausforderung. Nahbar und amüsant erfährt der Leser nicht nur mehr über die Tiefen und zugleich Abgründe der französischen Küche, bekommt hautnah und visuell die Zubereitung diverser Gerichte vorgeführt, sondern erfährt zugleich mehr über das Leben von Bill Buford, gefühlt ohne Distanz, denn ich konnte mittendrin mitfiebern, bei allen Hochs und Tiefs, die die kleine Familie durchläuft.

Mich hat vor allem der Erzählstil gefesselt, einnehmend wie ein guter Freund, der eine wirklich interessante, vielschichtige Geschichte erzählt voller Emotionen und Inbrunst und du dabei schlichtweg mitfiebern musst. Es ist eine Geschichte voller Mut, dem Gefühl, dass sich dranbleiben immer lohnt und dass manchmal alles aufgegeben werden muss, um sich komplett neu zu entdecken. Streckenweise etwas langatmig, aber wie ein guter Wein, der über die Zeit reift. Eine Empfehlung alle, die schon einmal einen Einblick in das Leben hinter den Mauern einer Küche werfen wollten, die kulinarische Reportagen zu schätzen wissen, gepaart mit Aspekten eines Romans in Hinblick auf die Protagonisten und die Lyon bis dato vollkommen unterschätz haben.

Bewertung vom 22.11.2020
Marigolds Töchter
Woolf, Julia

Marigolds Töchter


sehr gut

Wie sehr schätzen wir das Jetzt und Hier? Leben wir im Augenblick oder warten wir auf die vielversprechende Zukunft, in der alles besser wird? Wieviel bedeuten Erinnerungen, wenn wir uns diese bewusst vor Augen führen? Und welchen Stellenwert hat Familie, der Freundeskreis, unsere Heimat, wenn dunkle Zeiten nahen?

Diese und viele weitere Fragen haben mich bei dem Roman "Marigolds Töchter" von Julia Woolf begleitet, in der sie auf einfühlsame Art und Weise die Geschichte von Marigold erzählt und ihrer Familie, deren Leben durch einen Schicksalsschlag nachhaltig verändert wird. Marigold ist die Konstante der Familie, der Fels in der Brandung. Sie führt engagiert einen kleinen Laden und ist der Dreh- und Angelpunkt der Geschehnisse im Dorf. Hilfsbereit steht sie jedem mit Rat und Tat zur Seite und ihre bedingungslose Aufopferung kennt keine Grenzen. Bis sie sich eines Tages eingestehen muss, dass sich schleichend etwas verändert und sie in sich selbst die größte Herausforderung findet.

Sehr nahbar führt Julia Woolf durch die Geschehnisse rund um Marigold und nähert sich der ernsten Thematik des Buches mit sehr viel Ruhe und reflektiert verschiedene Sichtweisen, sowie Entwicklungen ähnlich einem Dirigent, der sein Orchester langsam, aber bestimmt auf den aufbrausenden Höhepunkt vorbereitet. Das ist eine der vielen Stärken des Buches, das es sich nicht auf eine Dimension beschränkt, sondern mehrere Ebenen beleuchtet, viele Meinungen zu einem finalen Höhepunkt vereint. Die Emotionalität der Worte ist die zweite Stärke, der Zusammenhalt und große Freundlichkeit, sowie Wärme zwischen den Zeilen führt den Leser zur Essenz des Ganzen: das wir alle Höhen und Tiefen nur gemeinsam meistern können. Das mag jetzt als Phrase aufgefasst werden, wird aber herzerwärmend in diesem Buch aufbereitet, dass es sich trotz der schwerwiegenden Thematik wie ein Feel Good Movie anfühlt, welcher dich zu Tränen rührt. Der einzige Kritikpunkt ist für mich der etwas schwächere letzte Teil, der mich etwas auf Distanz zu den Charakteren und der Geschichte gehalten hat. Eine klare Empfehlung für alle, die leicht fließende Romane lieben, emotionale Geschichte mit Mehrdimensionalität und die gerne die essentiellen Fragen des Lebens beleuchten, den Schubs in die richtige Richtung zu schätzen wissen, der dich wieder auf das Wesentliche fokussieren lässt. Denn was am Ende bleibt ist immer wieder die Frage, ob wir alle das Jetzt und Hier ausreichend zu schätzen wissen.

Bewertung vom 15.11.2020
Ein neuer Anfang / Palais Heiligendamm Bd.1
Grünig, Michaela

Ein neuer Anfang / Palais Heiligendamm Bd.1


sehr gut

Elisabeth steht am Strand und blickt auf das Palais Heiligendamm, der ganze Stolz der Familie Kuhlmann. Sie spürt ihr Herz springen bei dem Gedanken, wohin das neue Hotel die Familie führen wird, die dafür ihr Leben in Berlin aufgegeben hat. Sie spürt die Sonne auf der Haut und einen wohligen Schauer. Ihr Vater führt lieber ihren Bruder Paul in die Geschicke des Hotelmanagements ein als sie, aber das wird sie nicht aufhalten alles für das Hotel zu opfern. Sie sieht einen Sturm aufziehen in weiter Ferne und die Wolken färben sich dunkel. Grau überzieht den Himmel rasch und Elisabeth sieht sich gezwungen angesichts des Wetterumschwungs zurück zum Palais zu kehren, aber der Regenschauer erwischt sie, bevor sie sich in Sicherheit wähnt. Donnergrollen in der Ferne lässt vermuten, dass das erst der Anfang war und das Unwetter noch folgen wird.

Genau dieses Szenario hat mich beim Lesen von "Palais Heiligendamm- Ein neuer Anfang" von Michaela Grünig begleitet: Es fühlt sich an wie ein Urlaub am Strand in einem luxuriösen Palais im im Angesicht der goldenen 20er bei strahlendem Sonnenschein und dann wiederum wie ein andauernder Regenschauer, bei dem die Sonne als unrealistisches Szenario im Hintergrund verblasst. Sanft und zugleich tragisch führt Michaela Grünig den Leser in die Familie Kuhlmann ein, die sich trotz großer Konkurrenz in Heilgendamm etablieren wollen. Der Vater eine Koryphäe in der Branche und siegessicher. Sein Sohn Paul kann diese Fußstapfen bereits jetzt nicht ausfüllen und so hilft ihm seine Schwester Elisabeth mit Rat und Tat, weil sie selbst für die Hotellerie brennt. Als das Palais in Schieflage gerät, muss sich Vater Kuhlmann in letzter Instanz an Julius Falkenhayn wenden, einen jungen Mann der Berliner Society mit großem Führungsgeschick, der mit seiner liberalen Denkweise nicht nur bei Vater Kuhlmann schnell aneckt.

Mich begeistert die Leichtigkeit des Romans, die Authentizität der Charaktere, die dem Leser Seite um Seite ans Herz wachsen. Elisabeth ist die überschäumende Hauptprotagonistin, die der Leser durch ihre Jugend begleitet und sie an den Herausforderungen Zeit wachsen zu sehen ist eine sehr nahbare, emotionale Reise durchs Leben, geprägt von feministischen Zügen. Michaela Grünig thematisiert zudem sehr aktuelle Themen, lässt sie zwischen den Zeilen einfließen, sodass diese über die beschriebene Epoche hinausreichen. Die detailreiche Sprache gepaart mit dem leichten Lesefluss katapultiert den Roman in die Riege der lesenswerten Sonntagsschmöker. Der einzige Minuspunkt für mich ist die Dynamik des zweiten Teils, die Geschwindigkeit der Ereignisse, die mich persönlich etwas überrollt hat. Eine klare Empfehlung für alle Liebhaber von gut geschriebenen, historischen Geschichten, die einem einen wohligen Schauer bescheren, dabei aber auch sanft aufklären über das Zeitgeschehen, die einen den Moment im Hier und Jetzt vergessen lassen, deren Worte sich schnell visualisieren und für Fans von Hotellerie und auch Gastronomie, eingebunden in einen Romankontext.

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Bewertung vom 09.11.2020
Das Wörterbuch des Windes
Blazon, Nina

Das Wörterbuch des Windes


ausgezeichnet

Was bedeutet es komplett neu anzufangen? Sein altes Leben in einen Karton zu verpacken, luftdicht zu verschnüren und sich komplett loszusagen von allem gewohntem, allem bekannten? Wir alle träumen von diesem sagenumwobenen Neuanfang nach einer erlebten Krise, dem Wendepunkt im Leben, der einen kompletten Neustart ermöglicht, eine Neuausrichtung, eine Zeit, in der längst Vergessenes neu in den Fokus gerät und verflossene Möglichkeiten zum Greifen nah erscheinen. Wir alle träumen von dieser Kraft, die in letzter Konsequenz diesen neuen Weg durchs Leben ermöglicht.

Swea findet sich inmitten des Scherbenhaufens ihrer Ehe wieder während der zweiten Hochzeitsreise nach Island. Sie lässt ihren Mann am Straßenrand zurück und somit auch ihr altes Leben. Der Zufall trägt sie zum Haus von Einar Pàlsson, einem pensionierten Lehrer, und seinem Mieter Jòn Àrnason, dem stillen, tageslichtscheuen Wikinger. Das ungleiche Trio verbindet mehr, als Swea am Anfang zu glauben vermag und schon bald sehen sich alle mit der Vergangenheit konfrontiert, den Altlasten eines früheren Lebens, aber auch der Chance sich einfach vom Wind führen zu lassen, wenn sie sich nur mutig den Gezeiten stellen.

Nina Blazon ist mit "Das Wörterbuch des Windes" ein so leichter Roman gelungen, der den Leser auf seichten Schwingen davonträgt, gleichzeitig humorvoll mit einem Augenzwinkern versehen, aber auch einnehmend, tiefgründig, sowie herrlich authentisch, dass es mir wirklich schwergefallen ist, dass Buch abends beiseite zu legen. Der Stil ist fließend und immer wieder spürt der Leser selbst den Wind, der die Protagonistin mal nach links und mal nach rechts zieht, mal ihr Fortschreiten verhindert und mal als Rückenwind beschleunigt. Swea ist eine unglaublich sympathische Protagonistin, die immer nahbar wirkt, reflektiert und so vielseitig, dass ihre Entwicklung das wohl schönste Attribut dieses Romans darstellt. Sie zu begleiten durch Höhen und Tiefen ihrer Gedankenwelt hat mich wieder aufs Neue verzaubert. Alle weiteren Charaktere sind gar zärtlich skizziert und nehmen den Leser bei der Hand, der sofort in ein Flugzeug steigen möchte, um Island mit seinen Einwohnern wirklich kennenzulernen. Der Roman hat mich unglaublich entschleunigt, die Fragen des Lebens in den Raum geworfen und mir immer wieder ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Eine klare Empfehlung für alle, die immer schon nach Island reisen wollten, liebevolle Charaktere zu schätzen wissen, Geschichten, die dem wahren Leben entspringen und die die Frage umtreibt, ob es immer die Möglichkeit eines Neuanfangs gibt, egal was das Leben vorher für einen parat gehalten hat.

Bewertung vom 25.10.2020
Das Flüstern der Bäume
Christie, Michael

Das Flüstern der Bäume


ausgezeichnet

Wie klein und unbedeutend wir Menschen sind in unserem kurzen, sterblichen Dasein und wie wenig wir doch wissen über das Leben unserer Familien, der Generationen vor uns, die gewollt oder ungewollt unser jetziges Dasein prägen. Die uns Laster der Vergangenheit aufhalsen, deren Bedeutung wir nie gänzlich begreifen können und uns mit besonderen Gaben segnen, die uns nahezu in den Schoß fallen, das Leben erleichtern. Wie mächtig ist dagegen die Natur und vor allem die Bäume, die uns alle überdauern und in ihren Jahresringen alles abspeichern, jede Dürre, jedes ertragreiche Jahr, lesbar, konserviert für Jahrhunderte.

Diese Demut hat mich überfallen während ich "Das Flüstern der Bäume" von Michael Christie nahezu in einem Zug verschlungen habe, der in seinem Mehrgenerationen Drama die Geschichte der Familie Greenwood langsam entmantelt, dem Lösen einer Baumrinde eines mächtigen Mammutbaumes gleich und mit einem markanten Schnitt durch den Stamm Jahresring um Jahresring offenlegt. Zu Tage gefördert wird eine komplexe, spannende, emotionale Geschichte, die mich mit Staunen erfüllt, emotional aufwühlt und mich mit vielen Fragen ins Hier und Jetzt entlässt, allen voran mit der Gewissheit, wie wenig wir in unserem Leben eigentlich über uns wissen, wie klein das Puzzleteil ist, dass wir im großen ganzen Bild ergänzen. Manchmal wollte ich schreien, denn als Leser wird dir auf unbeschreibliche Weise eben dieses Bild auf diese Familie eröffnet, dass du mit jeder Generation teilen willst, dich aber der Entscheidung jedes einzelnen Protagonisten beugen musst der eben sein kleines Puzzleteil erfüllt, nicht mehr und nicht weniger. Das ist die Aufgabe, die jedem einzelnen in seiner Zeit durchs Leben zufällt.

Der Roman ist ein wahrer Pageturner, zwingt den Leser weiterzulesen, tiefer in die Jahresringe der Zeit einzudringen, denn die Bäume sind die einzig wahren Zeitzeugen und ihren Geschichten zu lauschen, dem roten Faden der Handlung, das ist eben der besondere Reiz der Geschichte. Die Sprache ist fließend, leicht, dazu mit spannenden Wendungen versehen. Die Zeitsprünge sind animierend und gut gewählt, lassen sie den Leser zu Beginn die Größe der wahren Geschichte nicht greifen, sondern eher im Unklaren über die Bedeutung der Sätze, Protagonisten, Momentaufnahmen, was mir persönlich sehr gut gefallen hat. Es steckt so viel Liebe zum Detail in diesem Roman, jede einzelne Figur ist so wunderbar gezeichnet, für sich klar und deutlich vorstellbar und überdauert die Zeit mit dem immer klaren Bezug zur Natur und vor allem zu den Bäumen, die als Wächter überdauern. Die Charaktere könnten unterschiedlicher nicht sein und doch eint sie mehr, als ihnen selbst bewusst ist. Mich begleitet vor allem nach dem Ende die Frage, wieviel zwischen den Generationen unausgesprochen bleibt, verloren mit der Zeit, hinfort getragen vom Wind. Nur konserviert durch die Jahresringe der Bäume, den Zeugen der Zeit, denen jedoch die Stimme fehlt das Puzzle unseres Lebens über Generationen hinweg zu beleuchten und unser kleines Dasein so viel größer erscheinen zu lassen. Eine klare Empfehlung für alle, die sich auf eine unglaubliche Reise durch die Zeit einlassen wollen, die verzahnte Mehrgenerationen Romane lieben und sich immer schon gefragt haben, was eigentlich nach dem Ende bleibt.

Bewertung vom 07.10.2020
Die zitternde Welt
Paar, Tanja

Die zitternde Welt


sehr gut

"Die zitternde Welt", ein wahrhaft passender Titel für den Roman von Tanja Paar, der den Leser zurücklässt mit einem Gefühl der Rast- und auch Ratlosigkeit angesichts dieser Generationengeschichte, die die Weltkriege überdauert. Getrieben von der Frage nach den Wurzeln, dem Sinn des Lebens und der eigenen Identität versuchen alle Familienmitglieder auf ihrer Reise zu ergründen, inwieweit das Schicksal bestimmend ist oder wir selbst vieles in Hand haben.

Maria wagt sich 1896 hochschwanger ins unbekannte Anatolien, denn der Vater ihres ungeborenen Kindes, Wilhelm, hat sich heimlich davongemacht, um als Ingenieur bei der Bagdadbahn mitzuwirken. Ein monumentales Bauwerk mit epochalen Ausmaßen, das Wilhelm durch seine Faszination flüchten ließ. Maria findet eine Heimat in Bünyan für ihre Familie und schon bald leben sie ein wunderbares Leben, ohne Trauschein, ohne Konventionen. Aber wie lange wird diese Idylle erhalten bleiben im Angesicht der stürmischen Zeiten, die bevorstehen?

Der Schreibstil ist einnehmend, fließend und der Leser wird direkt entführt in eine eher unbekannte Welt, das Anatolien des 20 Jahrhunderts und für mich bis dato eine Epoche in Kombination mit der Bagdadbahn, die mir nicht geschichtlich geläufig war. Die Geschichte an sich ist sehr facettenreich, zu Beginn gar blumig und romantisch, an manchen Stellen begegnet dem Leser das vollkommene Glück, Momente, in denen die Handlung in sich ruht und wie eine Blase erscheint, erhaben und fernab der Realität. Aber es gibt auch die zweite Seite der Medaille, die Zerrissenheit zwischen Heimat und Vernunft, die eigene Suche nach der Identität und die Frage, welche Entscheidungen gut und welche schlecht sind und ob das überhaupt eine Rolle spielt. Sehr intensiv, teilweise brutal, sowie unverblümt, schockierend und stilistisch wertvoll schildert Tanja Paar diese Mehrgenerationen Wanderung durchs Leben, die wie eine Reise auf dem Rad der Fortuna erscheint, mal auf dem höchsten Punkt mit wunderbarer Aussicht, mal auf der Talfahrt, umgeben von Nebelschwaden, die nichts mehr klar erscheinen lassen, den Weg verdunkeln und die Gabelungen unkenntlich zeichnen. Die Charaktere sind markant gezeichnet, für mich jedoch stellenweise nicht nahbar, emotional genug, sodass dies mein einziger Kritikpunkt bleibt. Insgesamt ein fesselnder Roman, der gekonnt zwischen Perspektiven und Zeitverläufen wechselt, stilistisch sich immer wieder neu erfindet, sich aber doch selbst treu bleibt. Eine Empfehlung für alle, die Romane mit geschichtlichem Hintergrund bevorzugen, spannende Geschichten über Generationen hinweg verfolgen wollen und sich der ehrlichen Realität der Folgen der Weltkriege stellen möchten.

Bewertung vom 07.10.2020
Kalmann
Schmidt, Joachim B.

Kalmann


ausgezeichnet

"Kalmann" wie er leibt und lebt, mit Cowboyhut und Sheriffstern, Mauser im Holster ist er der selbsternannte Sheriff von Raufarhöfn in den weiten Islands. Joachim B. Schmidt beschreibt einen unglaublich herzlichen, charmanten, etwas naiven, aber stets mit einem Augenzwinkern versehenden Charakter, der Haifischjäger ist, von seinem Großvater die Welt erklärt bekommen hat, die manchmal einfach so unglaublich kompliziert ist und sich unversehens mit einer großen Blutlache konfrontiert sieht. Von da an wird alles noch viel komplizierter, aber Kalmann setzt seinen Rucksack auf, rückt den Hut zurecht und kümmert sich, denn das ist sein Job.

Mit Kalmann wurde ein sehr skurriler, jedoch herzlicher Charakter geschaffen, der den Leser in die wunderschönen Weiten Islands entführt, ihm alles über das Haifischen und die Kunst der Gammelhaiherstellung beibringt, ihn staunen lässt über sein Geschick mit Petra und immer wieder herzlich zum Lachen und schmunzeln bringt. Er sieht die Welt so einfach und klar, wie es uns manchmal nicht möglich ist. Kalmann mag seine Defizite haben, aber mit dem Herz am rechten Fleck und dem richtigen Gespür löst er alle Probleme. Es ist so charmant und sympathisch geschrieben, dass der Leser sich gar nicht lösen kann von der Geschichte und seinen Charakteren, die Tiefgang aufweisen und mit schönen Anekdoten aufwarten. Dabei ist die Handlung überraschend, birgt einige Wendungen und hat mich zum Schluss verblüfft. Eine Empfehlung für alle, die gerne beim Lesen schmunzeln, besondere Charaktere schätzen und Krimis mit Wendungen favorisieren.

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