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Forti

Bewertungen

Insgesamt 211 Bewertungen
Bewertung vom 27.08.2025
Georg, Miriam

Die Verlorene


sehr gut

Eine mitreißende Geschichte. Generationenübergreifend wird in "Die Verlorene" die Geschichte der Frauen einer deutsch-schlesischen Familie beschrieben. Zentrales Moment ist die Flucht Ännes in den Westen nach Ende des Zweiten Weltkriegs, die sich als generationsübergreifende unbewußte Prägung (vielleicht auch Trauma) erweist. Dazu wie üblich einige Familiengeheimnisse, denen Laura, die jüngste der Frauen, auf den Grund geht. Auch wenn eigentlich nur diese Enkelin Laura als sympathisch durchgeht, sind mir doch alle Frauen mit ihren Ecken und Kanten ans Herz gewachsen und ich habe mit ihnen in schweren Zeiten mitgefiebert. Das Gewichtung zwischen deutscher Schuld und deutschem Leid finde ich in dieser Darstellung gerade noch passend. Die schlesische Landschaft und den Gutshof fand ich sehr stimmungsvoll beschrieben. Vielleicht ist die Geschichte an manchen Stellen etwas einfach und dafür an anderen Stellen an den Haaren herbei gezogen, aber da lohnt es sich, großzügig zu sein, denn dann wird man gut unterhalten.
Die Geschichte ist von Miriam Georg sprachlich im besten Sinne einfach, aber dennoch fesselnd erzählt. Warum polnische Figuren in Büchern deutscher Autor*innen so selten einfach mal echte polnische Namen haben, bleibt allerdings auch in diesem Buch ungeklärt.
Kleine Kritikpunkte und leider blieb mindestens eine Frage offen, aber dennoch insgesamt für mich ein Pageturner.

Bewertung vom 22.08.2025
Erdmann, Kaleb

Die Ausweichschule


ausgezeichnet

Berührend, aber nie schwermütig, tatsächlich sowohl informativ als auch intelligent unterhaltsam und nie langweilig.
Eine Autofiktion über den Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium vor mittlerweile über zwanzig Jahren - das kann ja nur schief gehen und wer will sowas eigentlich lesen, könnte man denken, aber Kaleb Erdmann ist es tatsächlich gelungen, sich diesem Ereignis in seiner Kindheit zu stellen und mit "Die Ausweichschule" ein wirklich überaus gelungenes Buch darüber zu schreiben, das meiner Meinung nach immer den richtigen Ton trifft und die Begleitumstände des Amoklaufs persönlich und (selbst-)kritisch, aber ohne Schuldzuweisung darstellt.
Das Buch und sein namensloser Protagonist werden mir in Erinnerung bleiben und ich drücke Kaleb Erdmann die Daumen für den Deutschen Buchpreis!
Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung, es sei denn, die auf der Hand liegenden Trigger sind zu belastend.

Bewertung vom 19.08.2025
Lühmann, Hannah

Heimat


sehr gut

Ich konnte nicht mehr aufhören zu lesen. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was mich an "Heimat" so gefesselt hat, denn eigentlich ist die Geschichte eher erwartbar, aber irgendwie hat mich dieses Buch von Hannah Lühmann richtig gepackt, so dass ich es fast an einem Stück durchgelesen habe.
Das dystopische Deutschland, in dem die Handlung angesetzt ist, finde ich beklemmend gut beschrieben, denn ich habe mich an einigen Stellen gefragt, wie weit wir denn wirklich noch davon entfernt sind. Die Betäubung mit Social Media und der Strudel des Algorithmus, die Abgestumpftheit gegenüber schlimmen Nachrichten und die Salonfähigkeit rechter Parolen sind jedenfalls schon jetzt präsent.
Die Figuren sind ausnahmslos unsympathisch - trotzdem kommt die Faszination, die Karolin auf Jana ausübt, glaubhaft rüber. Auch den schleichenden Prozess zur Radikalisierung, den Jana durchläuft, halte ich durchaus für plausibel.
Geschrieben ist das alles sehr flüssig und eingänglich.

Bewertung vom 12.08.2025
Hewitt, Seán

Öffnet sich der Himmel


sehr gut

Das ist eine andere Liebesgeschichte. "Öffnet sich der Himmel" nimmt uns mit in das Jahr 2002 in Nordengland. Der jugendliche James ist auf der Suche nach sich selbst und seinen Platz in Familie, Schule, Gesellschaft. Er hat sich als schwul geoutet, was von seiner Umgebung nicht offen mit Ablehnung, aber auch nicht wirklich mit Unterstützung aufgefasst wird. Wenn ihm schon im Buch für diesen mutigen Schritt niemand Respekt zollt, so will ich das zumindest tun. Er findet keinen Anschluss, ist einsam und in der Familie wird ihm neben der Schule ein Job und die Betreuung des kranken kleinen Bruders abverlangt. Dann kommt Luke neu ins Dorf, dem nachgesagt wird, ein schlechter Umgang zu sein. Die beiden Außenseiter haben einen Draht zueiandern, ohne dass sich aber eine tiefere Beziehung entwickelt. Es ist weder eine Bilderbuchfreundschaft und wohl auch nicht die Liebesgeschichte, die James sich wünscht, was das ganze aber durchaus realistischer machte. Die Unsicherheit von James, was seine Liebe, sein Begehren und das richtige Verhalten allgemein und speziell gegenüber Luke betrifft, ist immer spürbar. Dabei verschwimmen auch die Grenzen zwischen Realität und (Wunsch-)Traum.
Es ist das Roman-Debüt von Seán Hewitt, der aber zuvor schon als Lyriker und Literaturkritiker publiziert hat. Ihm ist eine ruhige, manchmal traurige Coming-of-Age-Geschichte mit einem Hauptdarsteller, der in Erinnerung bleibt, gelungen. Hervorheben möchte ich noch die sehr stimmungsvollen Beschreibungen des nordenglischen Dorfes, der Natur und der Jahreszeiten, die die Geschichte begleiten. Diese Bilder haben mir auch sehr gut gefallen.

Bewertung vom 27.07.2025
Kuhn, Yuko

Onigiri (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

Ein Buch und Figuren, die mir sehr nahe gingen. Yuko Kuhn erzählt in "Onigiri" die Geschichte von zwei (oder drei) ganz unterschiedlichen Frauen. Dreh- und Angelpunkt ist die Migration der Mutter von Japan nach Deutschland. Der große Mut und die Aufgeschlossenheit, die das frühe Leben der Mutter prägen, enden nach einer Verkettung von Rassismus und psychischen Problemen schließlich in der Demenz und einer letzten gemeinsamen Reise von Mutter und Tochter nach Japan. Ausgehend von dieser herzzerreissend traurig-schönen Reise wird in Rückblicken die Geschichte der dysfunktionalen Familie der beiden erzählt. Dieses Leben zwischen den Kulturen voller Unbeständigkeit, Rassismus und psychischer Probleme ist teilweise nur schwer zu ertragen. Statt Bitterkeit zieht sich aber eher ein versöhnlicher Ton durchs Buch.
Erzählt ist das in einer fast schon distanzierten Sprache, die mich an Literatur aus Japan erinnert.
Mein literarisches Highlight dieses Jahr (bisher). Klare Leseempfehlung!

Bewertung vom 08.07.2025
Lohse, Stephan

Das Summen unter der Haut


gut

Ich fand "Das Summen unter der Haut" nicht so fröhlich, wie Cover und Beschreibung vermuten lassen können. Stephan Lohse erschafft schon eine stimmungsvolle, manchmal auch befreite Sommeratmosphäre, über der ich aber immer einen dunklen Schatten liegen sah. Dadurch hätte ich am Ende auch mit mehr Drama gerechnet, als es dann gab. Die Geschichte endet ohne Knall, ohne komplette Auflösung, vielleicht sogar etwas unrund. Die eben erwähnte Ambivalenz passt aber vielleicht auch dazu, dass die beiden Protagonisten dieser Coming-of-Age-Geschichte irgendwo zwischen kindlicher Unschuld und Erwachsenwerden stecken.
Das Schwulsein von Julle beschäftigt ihn selbst, in seiner Umgebung ist es aber kein großes Thema oder gar Problem - keine Ahnung, wie realistisch das war, aber es war mal anders und ein angenehm entspannter Umgang.

Bewertung vom 18.04.2025
Lorenz, Sarah

Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken


sehr gut

Eigentlich will ich sowas gar nicht lesen: eine autofiktionale Geschichte voller Leid. Aber bei Sarah Lorenz ist das tatsächlich sehr gut gelungen. Es wird hier mehr Leid und Suche nach Liebe und Glück beschrieben, als in einem Leben vorkommen sollte, aber es wird nie schwermütig oder gar weinerlich, sondern es schwingt immer eine gewisse Zuversicht und Optimismus mit. Die Erzählerin hat dabei eine bewundernswerte Weitsicht auf ihre Erlebnis und Mitmenschen. Diese gewisse nie unangemessene Leichtigkeit spiegelt sich auch in der Sprache. Sehr modern, mit eigener Note, aber immer gut lesbar.
Dass die Geschichte in Form eines Briefes an Mascha Kaleko geschrieben ist und auch kapitelweise mit thematisch passenden Gedichten verbunden ist, gibt dem Buch eine weitere eigene Note, die mir gut gefallen hat, ohne dass ich (Sarah Lorenz möge mir verzeihen), Mascha Kalekos Werk bisher kannte - das Buch hier war hoffentlich ein erster Schritt, dass sich das nun ändert.

Bewertung vom 26.07.2024
Bronsky, Alina

Pi mal Daumen


sehr gut

Anfangs hat man bei Alina Bronskys neuem Roman "Pi mal Daumen" vielleicht das Gefühl, dass diese Geschichte der zwei gegensätzlichen Charaktere Oscar und Rosa etwas einfach und schnell auserzählt ist, aber das ist nicht so. Die Figuren waren mir am Anfang zu überzeichnet, wuchsen mir aber mit der Zeit dann trotzdem richtig ans Herz. Rosa, Oscar und auch Linus hätte ich gerne noch weiter durchs Leben begleitet.
Die Geschichte erzählt von Freundschaften, ungerechten Bildungschancen, dem Wissenschaftsbetrieb an einer Universität und davon, sich nicht vom ersten Eindruck einer Person blenden zu lassen. Das ist jetzt alles nicht neu und auch nicht hoch komplex, aber sehr unterhaltsam und liebenswert geschrieben.
Für mich hat diese Geschichte sehr viel mehr Inhalt, skurrilen Charme und Aussagekraft als es anfangs wirkte und das hat mir sehr gut gefallen.

Bewertung vom 15.07.2024
Suffrin, Dana von

Nochmal von vorne


sehr gut

Wie schon in ihrem Debut "Otto" widmet sich Dana von Suffrin auch in "Nochmal von vorne" einer dysfunktionalen, traumatisierten deutsch-(ost)jüdischen Familie. Das ist oft schwarz-humorig, bohrt in Abgründen ohne immer Antworten zu haben. Das Buch hat wenig Handlung, beleuchtet in Rückblenden das Familienleben mit all seinen Abgründen. Und obwohl das Buch durchaus Potential zu einer sehr dunklen Lektüre hat, wird es nicht dauerhaft düster. Die Ich-Erzählerin Rosa vermittelt immer die Hoffnung, zwar nicht auf eine strahlende Zukunft, aber darauf, irgendwie mit diesem Leben und all seinem Ballast zurecht zu kommen.
Wem "Otto" gefallen hat, der wird auch das neue Buch von Dana von Suffrin mögen. Wer hingeben ein Problem mit Schachtelsätzen und/oder der Abwesenheit einer Handlung hat, wird mit diesem Buch nicht glücklich werden.

Bewertung vom 10.01.2024
Bones, Antje

Nebenan ist doch weit weg


sehr gut

Ein gelungenes Jugendbuch (ab ca. 11 Jahren), das nicht nur das Thema Umzug in eine fremde Umgebung sensibel umsetzt, sondern auch das Thema Polen gelungen behandelt. Beide Themen werden von der Autorin Antje Bones nicht zum Exzess ausgeschlachtet, so geht es beim Thema Polen nicht wirklich in die Tiefe, aber das wäre hier auch zu viel. Stattdessen auch viel Alltag einer Zwölfjährigen mit Schule, Familie, Freundschaften, aber halt mit Polen-Hintergrund. Die Ich-Erzählerin lässt dabei aber auch immer tief in ihre aufgewühlte Gefühlswelt blicken nach dem Umzug in ein fremdes Land mit neuer Sprache.
Die gelungenen Zeichnungen von Michael Szyszka lockern das Buch auf, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.