Benutzer
Top-Rezensenten Übersicht

Benutzername: 
Magnolia
Wohnort: 
Bayern

Bewertungen

Insgesamt 491 Bewertungen
Bewertung vom 04.03.2024
Zehn Schritte zu dir, zu mir und zu uns
Weiss, Josefine

Zehn Schritte zu dir, zu mir und zu uns


ausgezeichnet

Man sollte viel öfter innehalten

Als Lilian ihrer Mutter freudestrahlend von der Verlobung mit Theo berichtet, drückt diese ihr einen Brief von ihrer schon verstorbenen Großmutter Edda in die Hand. Darin findet sie eine 10-Punkte-Liste: „Nimm dir fünf Wochen unbezahlten Urlaub“ liest sie als ersten Punkt und gleich danach sollte sie diese Zeit in Omas geliebtem Häuschen am Meer verbringen. Was tun? Ihr Chef ist nicht begeistert, könnte ihr aber, wenn sie sofort Urlaub nimmt, diese fünf Wochen gewähren. Also fährt sie an die Ostsee, nach Gasselsheide. Kaum angekommen macht sie Bekanntschaft mit einem großen Hund und einem jungen Mann, der diesen wilden Kerl für einen ziemlich griesgrämigen Nachbarn des Öfteren ausführt.

Matts heißt dieser junge Mann, dem sie immer mal wieder über den Weg läuft. Sie erzählt ihm von dieser Liste, sie bauen Steinmännchen am Strand, er nimmt sie mit in den Hochseilgarten.

Eddas Liste verlangt auch, sich ihrer Angst zu stellen – kann sie ihre Ängste überwinden? Und sie verlangt noch so einiges mehr, das zu bewältigen ihr schier unmöglich scheint. Viele Jahre hat sie Eddas Häuschen gemieden, sie haben sich zwar nicht oft, aber wenn doch, auf neutralem Boden getroffen. Und nun denkt Lilian zurück, an ihre Freundin in Kindertagen, sie lässt diese Gedanken endlich zu. In diesen fünf Wochen ist so einiges passiert mit ihr, sie musste ihre Ängste überwinden und sich von Schuldgefühlen lösen.

Edda war eine kluge Frau, sie hat mit dieser Liste Lilian innehalten lassen. Im Nachhinein ist ihre Enkelin ihr sehr dankbar, denn sie hat sich ihrer Vergangenheit gestellt und ist so bei sich selbst angekommen. Und ganz nebenbei hat sie wundervolle Menschen kennengelernt. Ihr Blick auf ihr Leben ist ein ganz anderer geworden.

Ja, es ist auch eine Liebesgeschichte, die so viel mehr zu bieten hat. Josefine Weiss ist eine fulminante Geschichtenerzählerin, ich kenne und schätze sie und ihre Bücher, zu denen ich immer wieder gerne greife. „Zehn Schritte zu dir, zu mir und zu uns“ hat mich nachdenklich zurückgelassen. Man sollte viel öfter innehalten, Ängste überwinden, Neues ausprobieren - das Leben ist bunt.

Bewertung vom 03.03.2024
Zur Schokoladen-Symphonie
Lilienthal, Cecilia

Zur Schokoladen-Symphonie


ausgezeichnet

Eine Symphonie der Sinne

„Zur Schokoladen-Symphonie“ erzählt von zwei Frauen – die eine will sich ihren Traum von einem eigenen Café verwirklichen, während die andere im Buchladen ihrer Eltern arbeitet.

Hannahs Café steht vor der Eröffnung, die letzten Arbeiten sind beinahe erledigt. „Zur Schokoladen-Symphonie“ soll es heißen, das Café ist wunderschön geworden, genau nach Hannahs Vorstellungen. In der Nähe des Bayreuther Festspielhauses hat sie das Haus von Christian, ihrem Ehemann, angemietet. Nicht nur das Interieur und die kulinarischen Köstlichkeiten sind stimmig, auch will sie unbekannten Künstlern eine Bühne bieten. Ihr Café ist ein voller Erfolg, ihre Gäste schätzen dieses ganz besondere Kleinod.

Ein Holzkästchen, das Hannah auf dem Dachboden findet, erweckt ihre Neugier. Darin liegen ein Tagebuch, Briefe und eine Mappe mit Noten fürs Klavier. Das Kästchen nimmt sie mit ins Café. Sie beginnt im Tagebuch zu lesen und so erfährt sie, dass in diesem Haus einst eine Buchhandlung war. Rosa, die Tochter der damaligen Besitzer, hat diese Zeilen geschrieben. Sie erzählt von ihrer Liebe zu David, die im Geheimen bleiben musste, denn 1923 waren es die Nationalsozialisten, die den Ton angaben, die den Hass gegen die Juden schürten, die die Gesellschaft mit ihren Parolen stetig unterwanderten. Dieses Tagebuch ist ein erschreckendes Zeugnis dieser Zeit. David ist Jude, schon allein deshalb war es ihm und Rosa nicht vergönnt, ihre Liebe öffentlich zu leben.

In den beiden Erzählsträngen um Hannah und Rosa erfahre ich viel über die Frauen, über ihre Gefühle, ihre Umgebung und auch über ihre Träume. Hannah in der Jetztzeit hat es als Frau natürlich sehr viel einfacher und doch sind sie sich ähnlich, auch wenn Rosas Leben vor hundert Jahren eher aus Zwängen und Fremdbestimmung bestand. Ihre Eltern wollten sie regelrecht an einen strammen Nazi und Egomanen verschachern, einen Juden hätten sie nie geduldet - der ausgeprägte Antisemitismus ist nur zu deutlich spürbar.

Das Buch war trotz der 475 Seiten schnell ausgelesen, denn ich konnte und wollte sowohl Hannahs als auch Rosas Geschichte unbedingt folgen. Um dieses Holzkästchen ranken sich die beiden Lebens- und Liebesgeschichten, die mir - jede für sich - sehr gut gefallen haben. Meist mag ich ja bei Büchern, die in zwei Zeitebenen geschrieben sind, die ältere Zeit lieber. Hier aber könnte ich nicht sagen, welche Person, welches Schicksal, mir mehr gegeben hat. Beide Frauenfiguren sind gut charakterisiert und der jeweilige Zeitgeist gut eingebunden. Cecilia Lilienthal hat mir mit ihrem so einnehmenden, fesselnden Schreibstil angenehme Lesestunden beschert. Es war mir ein Vergnügen, in Hannahs Café „Zur Schokoladen-Symphonie“ ein wenig zu verweilen.

Bewertung vom 02.03.2024
König von Albanien
Izquierdo, Andreas

König von Albanien


ausgezeichnet

Ein liebenswerter Schelm

Die gar unglaubliche Geschichte des Otto Witte, der für fünf Tage den albanischen Thron erobert, gibt Andreas Izquierdo aufs Vergnüglichste wieder. Ja, es hat ihn wirklich gegeben. Schon in jungen Jahren hat er sich Schaustellern angeschlossen. Er war so umtriebig wie schlitzohrig, war des Öfteren knapp bei Kasse, was ihn aber nicht sonderlich beunruhigte, war er doch ein fantasiebegabter (Über)Lebenskünstler.

Ich lese einen Schelmenroman erster Güte und mache Bekanntschaft mit Otto Witte, als er zu Salzburg Insasse im städtischen Irrenhaus war. Staunend lausche ich seinen Abenteuern und nicht nur mich zieht er in seinen Bann, auch seine Mit-Insassen scharen sich um ihn, ebenso der junge Doktorant Schilchegger, der zunächst vor der Tür, als Zaungast sozusagen, Ottos tollkühner Reise nach Albanien fasziniert folgt.

„Wahnvorstellungen. Der Patient glaubt, König von Albanien zu sein.“ So lautet der Befund von Professor Theodor Meyring, seines Zeichens Leiter dieser Heilanstalt für Gemütskranke. Wobei sein Hauptaugenmerk auf der Erforschung der Gehirne „seiner“ Patienten liegt. Es ist eher eine reine Verwahranstalt, die er mit harter Hand führt. Als er für einige Zeit nach Wien abberufen wird, übernimmt der junge Doktorant Schilchegger, der ganz anders als Meyring den individuellen Menschen sieht.

Die Frage, wie er denn als „König von Albanien“ nun hier gelandet ist, treibt mich um. Die Albaner wollen einen eigenen Staat, König soll ein Europäer sein, ein Moslem. So kommt Prinz Eddine, der Neffe des Sultans, als möglicher Kandidat für den Thron ins Spiel. Ein Bild von ihm in der Zeitung zeigt die frappierende Ähnlichkeit zu Otto und so reift der Plan, von dessen Ausführung ich so verblüfft wie hingerissen bin. Otto ist mit seinem besten Kumpel Max unterwegs, beide haben sie schon so manches krumme Ding gedreht. Der Weg hin zu Ottos Krönung führt sie zunächst nach Konstantinopel, hier lernen sie die wunderschöne, von allen bewunderte Comtesse Dumas kennen. Nun, Otto will sie umgarnen, dafür braucht er aber Geld, viel Geld und dies streckt ihm wiederum ein guter Freund zu, dessen Vater als sprudelnde Geldquelle fungiert.

Geradezu staunend verfolge ich Ottos wundersamen Weg, ein Schelmenstück sondersgleichen. „Otto wusste, dass Menschen selten das sahen, was sich tatsächlich vor ihren Augen abspielte, sondern meistens das, was sie sehen wollten.“ Diesen Umstand machen sich Otto und Max zunutze, ihr legendärer Coup profitiert von diesem Wissen.

Andreas Izquierdo ist ein brillanter Erzähler. Nicht nur Otto Witte ist ein fulminanter Geschichtenerzähler, nein. Auch er, der Autor, entführt seine Leser in die schier unglaubliche Welt des Otto Witte, dem kurzzeitigen König von Albanien. Neben dem Hauptakteur gibt es so manch schillernden Charakter, jeder einzelne davon ist behutsam ausgearbeitet und aufs Beste dargeboten – es war mir ein Vergnügen, eure Hoheit näher zu betrachten, sie ein entscheidendes Stück ihres Weges zu begleiten.

Bewertung vom 29.02.2024
Die Halbwertszeit von Glück (eBook, ePUB)
Pelt, Louise

Die Halbwertszeit von Glück (eBook, ePUB)


gut

Schicksalhafte Verbindungen

Drei Frauen, drei Schicksale, drei ganz unterschiedliche Leben.

Mylène ist in ihrer Heimatstadt Paris glücklich. Sie wird in ein paar Wochen heiraten, ihre Firma läuft gut, sie steht mitten im Leben. Als dann ein Anwalt bei ihr anklopft und ihr von einem überraschenden Erbe berichtet, scheint ihr Leben aus den Fugen zu geraten. Auch bei Holly im fernen Los Angeles läuft nach einem schrecklichen Unglück nichts mehr rund. Sie plagt sich mit Schuldgefühlen, auch wenn ihre Umgebung immer wieder betont, dass sie an diesem Unfall keine Schuld trägt. Etliche Jahre zuvor - es ist kurz vor der Maueröffnung - lerne ich Johanna kennen. Sie lebt zurückgezogen im DDR-Grenzgebiet, als sie eines Tages ein junges Mädchen blutend im Wald findet. Sie wurde von den Grenzposten angeschossen, konnte ihnen aber entwischen. Es war eine durchaus schicksalhafte Begegnung, denn Johanna nimmt das völlig erschöpfte Mädchen mit und versteckt es in ihrer Hütte.

Um diese drei Frauen rankt sich die Erzählung, die allem Anschein nach nichts miteinander zu tun haben. Mylènes Geschichte beginnt hier 2019, Holly begegne ich 2003 und Johannas Part nimmt 1987 seinen schicksalhaften Lauf.

Louise Pelt erzählt abwechselnd von ihnen. Nicht nur einmal frage ich mich, was denn diese drei Erzählstränge miteinander zu tun haben könnten, denn die drei Frauen leben in unterschiedlichen Zeiten, auf zwei Kontinenten und auch die Länder Frankreich, Deutschland Ost und USA lassen keinerlei Schlüsse auf eventuelle Gemeinsamkeiten erkennen. Dabei hat mich Johannas Geschichte am meisten berührt, sie konnte ich mir hautnah vorstellen, die beiden anderen Frauen dagegen waren mir zu konstruiert, zu klischeebehaftet. Mylène, die Powerfrau, wuppt alles. Klinkt sich einfach mal so aus, verschwindet von der Bildfläche und doch scheint ihr alles zu gelingen, ein Helfer ist genau zur rechten Zeit an ihrer Seite. Natürlich gibt es Irrungen und Verwicklungen, genau so bei Holly. Auch deren Leben gerät aus den Fugen. Sie ist – im Gegensatz zu der toughen Mylène ein liebes Mädchen, das wenig braucht, wenig Selbstwert hat und doch viel Zuspruch erhält. Wäre da nicht die wundervolle, sehr einfühlsame Geschichte von Johanna und ihrem Einsiedlerleben, das jenes verletzte Mädchen gehörig auf den Kopf stellt, hätte mir „Die Halbwertszeit von Glück“ nicht viel gegeben.

Die Handlungsstränge führen letztendlich zusammen, das Wie und auch das Warum sind für mein Empfinden eher zurechtgebogen. Gerne hätte ich noch mehr von Johanna erfahren und die beiden anderen - Mylène und Holly – dafür ins Nebensächliche abgeschoben, die Story hätte davon profitiert.

Bewertung vom 29.02.2024
Die Entflammten (eBook, ePUB)
Meier, Simone

Die Entflammten (eBook, ePUB)


sehr gut

Jo van Gogh-Bonger

Wer kennt ihn nicht – Vincent van Gogh. Er und seine Werke sind weltberühmt, ein echter van Gogh ist für uns Normalsterbliche zwar nicht erschwinglich und doch findet man seine Motive auf allen nur erdenklichen Artikeln. Zu seinen Lebzeiten konnte er nicht von seiner Kunst leben, er war mittellos und ist geistig verwirrt gestorben. „Die Entflammten“ erzählt aber nicht seine Geschichte, zumindest nicht vordergründig, es ist die seiner Schwägerin. Jo van Gogh-Bonger war mit Vincents Bruder Theo verheiratet, nach seinem frühen Tod (Vincent war vor ihm gestorben) nahm sie sich seiner Bilder an. Sie hatte ein Händchen dafür, organisierte Ausstellungen und war damit sehr erfolgreich. Vincent van Goghs Werke sind heute sehr begehrt, seine Kunst wird global anerkannt.

Simone Meier erzählt von zwei Frauen – von Jo und von der Kunsthistorikerin Gina, die über hundert Jahre später auf das Leben und Wirken der Jo van Gogh-Bonger aufmerksam wird. Und so beginnt Gina, alles über Jo zusammenzutragen.

Jos Geschichte hat mich sofort gefesselt. Bald nach ihrer Heirat mit Theo wird ihr bewusst, dass sein älterer Bruder Vincent zu seinem Leben gehört, er finanziert nicht nur seine Farben, nein. Er sorgt dafür, dass Vincent sich seiner Malerei widmen kann, Theos Einkommen in der Galerie muss einfach für sie alle reichen. Nachdem Vincent tot ist, wird auch Theos Gesundheitszustand immer schlechter, er stirbt jung und hinterlässt Frau und Kind. Jo bleiben die Gemälde ihres Schwagers, diese Hinterlassenschaft verwandelt sie mit viel Geschick zu einer Erfolgsstory.

Auch lese ich von Gina, deren Vater einst einen Roman schrieb. Zwar viel beachtet, aber doch nicht der monetäre Erfolg, der ihm vorschwebte. Und doch versucht er sich seitdem an ein Nachfolgewerk, das ihm aber nicht gelingen mag. Er animiert jedoch seine Tochter, an der Geschichte der Jo van Gogh-Bonger dranzubleiben.

Im Wechsel erfahre ich von beiden Frauen, wobei Gina direkt erzählt und sie dann über Jo berichtet. Diese beiden Erzählstränge gehen gefühlt nahtlos ineinander über, was mir anfangs ein wenig Schwierigkeiten bereitet hat. Bald aber war ich im Lesefluss, wobei mir Jos Geschichte sehr zugesagt, die von Gina mich dagegen nicht recht abgeholt hat. Zwischendrin unterhalten sich die beiden Frauen miteinander. Diese Dialoge über die Jahre hinweg sind sehr reizvoll, es ist eine ganz besondere Finesse des Erzählens. Auch lässt die Autorin den Bau des Eiffelturms mit dem Drumherum der damaligen Zeit mit einfließen und natürlich gehören auch die Maler dieser Epoche dazu wie etwa Gauguin oder Degas.

„Die Entflammten“ proträtiert eine zupackende Frau, die mir bis dato unbekannt war, deren Leben und Wirken äußerst interessant und kurzweilig dargeboten wird. Ich hätte noch sehr viel mehr von Jo lesen mögen, Ginas Part dagegen hätte mir in Kurzform gereicht.

Bewertung vom 28.02.2024
Die Burg (MP3-Download)
Poznanski, Ursula

Die Burg (MP3-Download)


sehr gut

KI in alten Gemäuern

KI ist in aller Munde, sie bietet unendlich viele Möglichkeiten im Guten wie im Schlechten. Gerne lasse ich mir Zeitungsartikel vorlesen, denen man aber die stellenweise doch etwas holprige Sprache noch anmerkt. Diesen Service nehme ich gerne an, was mich aber erschreckt, sind die täuschend echt gemachten Fake-Videos. Ich verfolge die Technik und natürlich hat mich „Die Burg“, der neue KI-Thriller von Ursula Poznanski, unheimlich gereizt. Das Hörbuch bietet sich direkt an, um nicht nur die Story zu verfolgen, sondern auch den ganz besonderen Horror hautnah mitzuerleben. Und diesen Horror, dieses Grauen, Frösteln, ja dieses Angstgefühl hat Rainer Strecker, der Sprecher, bestens vermittelt.

Die halbverfallene Burg, die sich der Milliardär Nevio gönnt, lässt er mit neuester Technik ausrüsten - ihm schwebt eine Escape-Welt vor, gesteuert durch Künstliche Intelligenz, die alles zu bieten hat, was das verwöhnte Spielerherz begehrt. Egal ob Vampirschloss oder Fantasywelt oder was auch immer, jede noch so abgehobene Location ist möglich. Nun steht der erste Testlauf an, dafür lädt Nevio ausgewählte Experten ein, unter ihnen auch Maxim, der selbst Escape-Rooms anbietet, einen Vergleich mit denen von Nevio halten seine Spielewelten jedoch in keinster Weise stand.

Das Spiel beginnt, die Teilnehmer sind begeistert und je weiter sie kommen, desto schwieriger wird es für sie. Irgendwann kommt der Punkt, an dem alles stockt. Die KI führt ein Eigenleben, sie scheint Freude an den zunehmenden Ängsten zu haben. Das Safeword ist falsch, von außen lässt sich die Technik nicht mehr steuern, um sie herum ist es teilweise zappenduster, auch läuft ihnen die Zeit davon. Das Szenario wird zunehmend beklemmend und unheimlich. Spätestens dann, wenn man realisiert, dass es keinen Weg nach draußen gibt, verdammt man seine Gier auf Neues, seine unbändige Spielsucht. Kismet nennt sich ihr Gegenspieler, der seine helle Freude an ihrem Grauen hat. Nüchtern betrachtet ist diese KI durchaus gelungen, unterscheidet sie sich doch lediglich durch fehlende Empathie von einem echten Menschen. Auch überlistet KI den Gamemaster, der im Notfall eingreifen sollte.

Ursula Poznanski hat ein sehr aktuelles Thema aufgegriffen. KI kann immer mehr, keiner weiß, wohin dies führen mag. Auf der Burg ist alles aus dem Ruder gelaufen, KI ist nicht mehr zu beherrschen – ein durchaus realistischer Ansatz, auch wenn diese Technik noch am Anfang dessen steht, was alles möglich wäre, es noch gar nicht sichtbar ist, inwieweit sich KI verselbständigt.

Die durchweg düstere Atmosphäre hilft meiner Vorstellungskraft, um in diese virtuelle Welt abzutauchen. Die Charaktere passen in ihrer für mich etwas abgehobenen, eher unsympathischen Art gut dazu, der flüssige Schreibstil tut ein Übriges. Nach dem spannenden Anfang war irgendwann dann die Luft raus, die Story hatte einige Längen, ein Dranbleiben wird dann schon mit einem für mich passenden Ende belohnt. Bis auf einige zu ausgedehnte Seqenzen war “Die Burg“ ein durchweg kurzweiliger, nervenaufreibender Horrortrip in die Welt der Künstlichen Intelligenz, mit der wir immer mehr konfrontiert werden.

Bewertung vom 27.02.2024
Reichenau - Insel der Geheimnisse
Benedikt, Caren;Ebert, Sabine;Hurst, Heidrun

Reichenau - Insel der Geheimnisse


ausgezeichnet

Wissenswertes über die Klosterinsel Reichenau

Es gibt viel Interessantes zu erzählen über die Reichenau, der größten Insel im Bodensee. Vor nunmehr 1300 Jahren, im Jahre 724, gründet der Wandermönch Pirminius hier ein Kloster.

Anlässlich des Jubiläums ist dieses Buch „Reichenau – Insel der Geheimnisse“ entstanden. Hierin schreiben die acht Autorinnen (in alphabetischer Reihenfolge) Caren Benedikt, Sabine Ebert, Heidrun Hurst, Tanja Kinkel, Iny Lorentz, Carmen Mayer, Heidi Rehn und Juliane Stadler Geschichten über die Insel und deren Bewohner. Dazu gehört auch die Gründungssage, als Pirminius die Insel Reichenau, die voller Schlangen, Kröten und Insekten war, für einen Kapellenbau wählte. Dort, wo er zuerst seinen Fuß auf die Insel setzte, bildete sich eine Quelle und sämtliches Ungeziefer verließ innerhalb von drei Tagen die Insel. So konnten er und seine Begleiter das Gebiet roden, die Insel bewohnbar machen und das Kloster gründen.

Aber nicht nur diese Sage wird in reizvolle Anekdoten verpackt, die Anthologie bietet viel Wissenswertes, unterhaltsam und informativ präsentiert. Allein das Cover ist eine Augenweide, genau so der Vor- und Nachsatz. Hier findet man einen Plan, eine kolorierte Federzeichnung von 1627 von der Reichenau.

Die einzelnen Erzählungen sind vorab in Stichpunkten chronologisch abgedruckt, beginnend im Jahre 724. Sie ziehen sich durch die Jahrhunderte, endend mit der letzten, „Exorzismus“ überschrieben Geschichte, anno 1428. Als dann das Kloster 1540 an den Bischof von Konstanz verkauft wird, endet die Unabhängigkeit der Reichsabtei.

Im Vorwort – Anno Domini 724 – stimmt Tanja Kinkel auf die nachfolgenden Geschichten ein. Es sind ganz unterschiedlich aufgemachte Erzählungen, jede einzelne davon hat ihren eigenen Reiz. Viel zu schnell sind sie gelesen, sie bieten ein buntes Kaleidoskop über die Jahrhunderte, über das Leben im Kloster und darüber hinaus. Sie handeln von König und Kaiser, von Mönchen und Äbten und von den einfachen Leuten.

Die Reichenau ist immer eine Reise wert, meine Reise zu den Anfängen dieser Insel und dem Leben und Wirken darin während der Jahrhunderte war ein kurzweiliges, aufschlussreiches und sehr informatives Lese-Vergnügen. Gerne bin ich den Autoinnen und ihren Geschichten gefolgt. Man kann sie einzeln oder auch alle nacheinander lesen, einmal oder mehrmals, längst vergangene Zeiten werden hier wieder lebendig.

Bewertung vom 26.02.2024
Hallo, du Schöne (eBook, ePUB)
Napolitano, Ann

Hallo, du Schöne (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

Von Familie, von Freud und Leid

„Hallo, du Schöne“ – so begrüßt Charlie seine soeben geborene Enkelin und jetzt, nach so vielen Jahren, würde er es auch voller Liebe zu ihr sagen, zu Sylvie, seiner zweitältesten Tochter. Dazwischen sind Jahre voller Liebe, aber auch voller Schicksalsschläge, voller Freude und Leid, voller Schuld, Schuldgefühlen und Sprachlosigkeit und trotz allem voll tiefer Verbundenheit.

Die vier Padavano-Töchter wachsen in einem liebevollen Elternhaus auf. Julia, die Älteste, ist ehrgeizig. Was sie sich vornimmt, gelingt. Ihre Zukunft sieht sie mit William, der diesen Familienzusammenhalt nie erfahren hat. Beide heiraten und bald schon kündigt sich Nachwuchs an. Sylvie ist eher eine Träumerin, sie liebt Bücher über alles. Wären da noch die Zwillinge Cecelia und Emeline, die sich in vielem ergänzen. Die vier Mädchen sind eine unzertrennliche Einheit, sie werden stets von ihren Eltern unterstützt, sie geben sich gegenseitig Halt und man könnte meinen, dass nichts und niemand sie trennen kann. Die Fassade beginnt zu bröckeln, als Cecelia schwanger wird.

Ann Napolitano gewährt einen tiefen Blick hinter die Kulissen. Julia und William sind ein Traumpaar, man spürt direkt ihre Liebe und doch ist es William, der sich ihr fügt. Sie verlangt viel, vielleicht zu viel, sie sieht in ihm den kommenden Professor, er jedoch ist dem Basketball verhaftet. Hier ist er integriert, hier hat er das erste Mal einen unbedingten Zusammenhalt verspürt, der ihm in seinem lieblosen Elternhaus nie zuteil wurde. Die Geschwister werden älter, das Schicksal nimmt seinen Lauf. Jede der vier Schwestern geht ihren eigenen Weg, die Familienidylle wird nicht nur von der Mutter aufgebrochen, denn sie kann es nicht verwinden, dass Cecelia nach dem gleichen Muster verfährt, sie den in ihren Augen gleichen Fehler macht, der einst ihre Lebenspläne zunichte gemacht hat. Alle vier lerne ich näher kennen und auch wenn ich Julias Entscheidungen nicht immer gut heiße, so kann ich sie durchaus verstehen und je mehr ich von William weiß, desto öfter möchte ich ihn ganz einfach in den Arm nehmen. Die so unterschiedlichen Charaktere sind voller Leben, voller Zuneigung zueinander, zuweilen aber auch geprägt von Härte und Sprachlosigkeit.

„Hallo, du Schöne“ beginnt voller Zuversicht. Aber wie das Leben so spielt, ist beileibe nicht nur alles eitel Sonnenschein, das Schicksal hält so manches Ungemach bereit. Ann Napolitano hat mich sofort abgeholt, sie hat mich direkt hineinversetzt in deren Mitte, die Padavanos, jeder einzelne, waren mir sehr nah. Es ist ein Familiendrama, das schleichend seinen Anfang nimmt, das von drei Generationen erzählt. Von Glück und Eigensinn, von Depressionen und den damit einhergehenden finsteren Tagen, von bedingungsloser Liebe und Kameradschaft und von noch so vielem mehr. Ich hätte sie gerne noch ein Stück ihres Weges begleitet, es war eine wunderbare Zeitreise, es ist ein wundervolles, ein sehr empfehlenswertes Buch.

Bewertung vom 24.02.2024
Stimme der Angst / Max Bischoff - Mörderfinder Bd.4
Strobel, Arno

Stimme der Angst / Max Bischoff - Mörderfinder Bd.4


sehr gut

Krankhafte Besessenheit

Der Fallanalytiker Max Bischoff ermittelt in seinem nunmehr vierten Fall. Bei der Beerdigung des von ihm sehr geschätzten Professors Bormann glaubt Max seinen Augen nicht zu trauen, sieht er doch das Ebenbild seiner einstigen großen Liebe Jenny, die seit nunmehr fünf Jahren tot ist. Nicht nur er starrt diese Frau an, auch sie scheint ihn zu kennen. Dies lässt ihm keine Ruhe und so lädt er sie zum Kaffee ein, sie stellt sich ihm als Dominique Klauber vor.

Jenny ist damals auf grausame Weise ums Leben gekommen, diese Begegnung am Friedhof reißt alte Wunden auf und ist der Anfang einer ganzen Serie von Ungereimtheiten – sein ehemaliger Kollege und alter Freund Böhmer verschwindet ebenso wie Jana, eine junge Kommissarin, die Max auch privat sehr gerne sieht. Auch sorgt er sich um Dominique, deren Freund nicht nur eifersüchtig, sondern auch sehr gewalttätig ist.

Natürlich begegne ich auch hier Marvin Wagner, den grandiosen Psychologen, dem man seine Brillanz auf den ersten Blick nicht ansieht, denn er fällt schon allein optisch aus dem Rahmen. Auch mischt Eslam Keskin mit, die Leiterin des KK11 und noch einige andere – alle sind sie mir mittlerweile wohl vertraut. Max bittet Marvin um Mithilfe, da ihm die Zeit davonläuft und er auch wegen Kriminalrätin Keskin nicht recht vorwärts kommt. Sie torpediert ihn, bremst ihn aus und meint dann lapidar, dass er als Zivilperson nichts zu melden habe. „Man könnte sagen, wir stehen am Fuße von Mount Bullshit“ fasst Marvin all die Merkwürdigkeiten und all die unbeantworteten Fragen zusammen.

Neben der Ermittlungsarbeit lese ich auch von einer vermeintlichen Täterfigur. Die kurzen Abrisse sind in kursiver Schrift dargestellt und auch wenn ich Einblick in die Gedanken dieser unbekannten Figur erhalte, rätsle ich lange um deren Identität.

Max lässt sich auf ein Spiel ein, das für ihn zunehmend bedrohlich wird. Es sieht ganz so aus, als ob er die Marionette ist, deren Fäden andere in Händen halten. Krankhafte Besessenheit und manipulative Charaktere sind am Werk, auch blitzt hier KI durch, ein Stilmittel unserer Zeit.

Arno Strobels vierter Mörderfinder-Band hat schon allein auf den ersten Blick einen Wiedererkennungswert, das Cover passt sich hervorragend den Vorgängerbänden an. Er hat hier zwar nicht sein bestes Werk vorgelegt, trotzdem ist auch dieser Thriller ein spannendes, ein kurzweiliges Lesevergnügen, das ich am Stück konsumiert habe.

Bewertung vom 22.02.2024
Das Philosophenschiff
Köhlmeier, Michael

Das Philosophenschiff


sehr gut

Russlands Intelligenzija

Sein neuestes Buch führt Michael Köhlmeier nach Russland in die zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. In sogenannten Philosophenschiffen werden Russlands kluge Köpfe nach Europa deportiert. Das Regime gewährt ihnen die Gnade des Exils, sie hätten auch direkt hingerichtet werden können.

Es ist der hundertste Geburtstag von Frau Professor Anouk Perleman-Jacob, zu dem der Schriftsteller auf ihren ausdrücklichen Wunsch hin eingeladen wird. Am nächsten Tag um drei am Nachmittag erwarte sie ihn in ihrem Haus in Hietzing, das sagt sie ihm nach dem Dessert. „Ich habe mich über Sie erkundigt. Sie haben einen guten Ruf als Schriftsteller, aber auch einen etwas windigen…“ Und genau deshalb habe sie ihn ausgesucht. Es gefalle ihr, dass er Dinge erfindet und diese dann als wahr hinstelle, er seine Leser damit hinters Licht führe.

Und Anouk beginnt zu erzählen, sie geht ins Jahr 1922 zurück, da war sie vierzehn Jahre alt. Sie berichtet von ihrer neuen Wohnung in Sankt Petersburg, aus der alten wurden sie ausquartiert. Es war Bürgerkrieg, ein Krieg der Armen und Ungebildeten. Ihre Eltern gehörten zur Intelligenzija und gehörten zu denen, die auf das letzte Philosophenschiff verbracht wurden. Sie hatten sich an genaue Vorgaben zu halten, an die Liste dessen, was sie mitnehmen durften und selbst dann konnten sie sich nicht sicher sein, ob sie nicht doch an die Wand gestellt und einfach erschossen würden. Zwölf Passagiere waren es, die es auf diesen Dampfer geschafft hatten. Dieses Häufchen wurde auf diesem riesigen Schiff in der dritten Klasse untergebracht. Sie waren schweigsam, jeder in sich gekehrt, keiner wusste den Grund ihrer Reise, keiner kannte das Ziel.

Von diesen Philosophenschiffen, die missliebige Intellektuelle außer Landes brachten, hatte ich vorher noch nie gehört. Es hat mehrere dieser Schiffe gegeben, „unseres“ ist frei erfunden, auch Anouks Geschichte ist fiktiv und doch erzählt Michael Köhlmeier von den Verhältnissen in der damaligen Sowjetunion. Er hat seinen ganz eigenen Stil, Geschichte in Geschichten lebendig werden zu lassen. Seine hundertjährige Protagonistin ist zwar schon alt, im Kopf jedoch ist sie klar, auch wenn sie sich zuweilen verschmitzt und ein wenig erschöpft gibt. Sie erzählt nicht chronologisch und doch kommt sie gut vorwärts. So erfahre ich nicht nur von dieser Fahrt ins Ungewisse, auch wird mir das Russland dieser Jahre anschaulich und gut lesbar nähergebracht. Der Autor geht so weit, dass er Lenin auf diesem Schiff erscheinen lässt. Hier ist er nicht der machtbesessene Revolutionär, nein. Köhlmeier lässt ihn als kranken Mann im Rollstuhl auftreten. Dieses Bild eines gebrechlichen Lenin gefällt mir sehr gut, auch wenn mich so manche Episode ein wenig ratlos zurücklässt. Er flicht etwa eine Story um die RAF mit ein, die später dann im Sande verläuft. Solcher Nebenschauplätze hätte es in meinen Augen nicht unbedingt bedurft, Lenin und der Bolschewismus hätten vollauf genügt.

„Das Philosophenschiff“ bietet einen Einblick in die russische Geschichte um 1922. Gründlich recherchiert, wie es sich für einen wie Köhlmeier gehört. Dabei lässt er seine Protagonistin zurückblicken und vermengt ihre fiktiven Erinnerungen mit dem Historischen und es bleibt nicht aus, Parallelen zu heute zu ziehen. Das Buch regt zum Nachdenken an, ich habe es nach anfänglicher Skepsis dann doch gerne gelesen.