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»Ein Stück Literatur, das zu den aufregendsten Experimenten der letzten Jahre gehört.« Hannes Hintermeier in der 'Woche'. Ausgezeichnet mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis.
Peter Schönlein war ein angesehener Restaurator. Wo er hinblickte in seiner Lebenswelt, war alles schön und richtig: Sein Edelgehöft, seine Ehe, seine Freunde, seine Kinder. Was war geschehen, daß er sich jetzt hier befand, allein in einer Trabantenstadtwohnung am Rande von München? War das die Wirklichkeit? Oder war er tatsächlich einfach nur verrückt geworden?

Produktbeschreibung
»Ein Stück Literatur, das zu den aufregendsten Experimenten der letzten Jahre gehört.« Hannes Hintermeier in der 'Woche'. Ausgezeichnet mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis.

Peter Schönlein war ein angesehener Restaurator. Wo er hinblickte in seiner Lebenswelt, war alles schön und richtig: Sein Edelgehöft, seine Ehe, seine Freunde, seine Kinder. Was war geschehen, daß er sich jetzt hier befand, allein in einer Trabantenstadtwohnung am Rande von München? War das die Wirklichkeit? Oder war er tatsächlich einfach nur verrückt geworden?
Autorenporträt
Niemann, Norbert
Norbert Niemann, geboren 1961, studierte Literatur, Musikwissenschaft und Geschichte und spielte als Jazz- und Rockmusiker. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Chieming. Sein erster Roman 'Wie man's nimmt' (1998) wurde mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis und dem Clemens-Brentano-Preis ausgezeichnet.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 09.05.1998

Auf der Schwelle
Norbert Niemanns Debütroman · Von Peter von Matt

Von diesem Autor wird man noch hören. Er hat Zeit, er besitzt Reserven, und er wagt es, dem Leser Steine in den Weg zu legen. Es ist ohne weiteres möglich, von Norbert Niemann nicht gefesselt zu sein. Keiner wird hier auf der ersten Seite schon gepackt und liest atemlos weiter bis zum letzten Satz. Keinem erkaltet der Kaffee, keinem verbrennt die Pizza im Ofen, während er dieses Debüt liest. Man legt den Roman zwischendurch gern weg und pflegt das Verhältnis zu seinen Nächsten.

Vielleicht tut man dies sogar mit besonderer Behutsamkeit. Denn die kuriose Langsamkeit des Romans bewirkt, daß man sich selbst wie in einer geräumigeren Zeit vorkommt. Es ist nicht jene magische, in die tiefsten Schichten dringende Existenzverzögerung, die sich bei der Lektüre Stifters ergeben kann. Der Roman betreibt nur eine andauernde Verschiebung von der Handlung ins Denken, von der spektakulären Aktion in ein Sinnieren, dem keine Grenzen gesetzt scheinen. Wohl geschehen dramatische Dinge. Lebensläufe brechen, Menschen verschwinden, verknüpfte Seelen reißen schreiend auseinander. Diese Ereignisse würden ausreichen für einen tüchtigen Roman von der Sorte, die man spannend nennt, geistreich und unterhaltsam. Niemann, geboren 1961, aber kehrt das übliche und erwünschte Verhältnis von Tat und Betrachtung in der Erzählung um. Die Taten schildert er in drei, vier Zeilen, die Betrachtungen über Seiten hin.

Der Leser muß sich also entscheiden: Soll er sich das wirklich bieten lassen? Falls er es nicht tut - es gibt ehrenwerte Gründe, das Buch nach einer Stunde dankend wegzulegen. Bleibt man aber dabei, gerät man in eine Erzählwelt, die auf neue und andere Weise spannend ist. Das unentwegte Nachdenken nämlich über das, was getan werden könnte, getan wird, nicht getan wird, hätte getan werden sollen oder besser nicht getan worden wäre, dieses Nachdenken, das den Roman mit einer seltsamen, wilden Energie durchzieht, ist nicht die Gehirnarbeit des Autors, der seinen Lesern eifrig mitteilen will, was ihm zur eigenen Erzählung alles einfällt - das wäre unerträglich -, sondern es ist die Gehirnarbeit der Figuren. Als solche wird sie zur Physiognomie einer Generation.

Diese Generation weiß alles über sich selbst. Für jede Regung der Seele und des Unterleibs besitzt sie ein theoretisches Modell. Und auch dieses Wissen selbst hat sie längst erkannt und durchreflektiert. Was seit nunmehr dreißig Jahren von Psychologie, Soziologie und Ästhetik an Konzepten ausgestoßen wurde, um die Menschen über sich selbst zu unterrichten und sie frei zu machen, furchtlos, überlegen gegenüber jeder Regung der Seele und des Unterleibs, das überzieht nun wie ein phantastisches Geschwür die endgültig aufgeklärten Gehirne. Phantastisch aber ist das Geschwür nicht, weil es falsch wäre, eine "Mystifikation", wie die großen Gurus der siebziger Jahre es nannten. Phantastisch ist das Geschwür, weil es die blanke Wahrheit ist. Alles stimmt, jede Analyse trifft zu, und nichts gibt es, was der effizienten Analyse nicht zugänglich wäre. Es ist nur alles grauenhaft.

Die Hauptfigur des Romans heißt Peter Schönlein, was nicht ganz zufällig an die Namensgebung bei Martin Walser erinnert. Dieser Schönlein verkommt im Laufe der Geschichte auf traurige Weise - oder er kommt im Laufe der Geschichte haarscharf davon und findet zu sich selbst. Was zutrifft, ist schwer zu entscheiden. Es gibt reichlich Argumente für die Annahme eines jämmerlichen Niedergangs, aber unterderhand signalisiert der Roman auch das Gegenteil. Zehnmal sagt Schönlein auf den letzten zwei Seiten, er sei nicht verrückt. Bestätigt dieses Insistieren nun die Aussage oder widerlegt es sie?

Was ist geschehen? Schönlein, er könnte auch Schönling heißen oder Dr. Schön wie einst bei Wedekind, denn Niemann liebt das leichte Allegorisieren, Schönlein also hat sich nach einer eleganten Karriere das denkbar perfekte Leben eingerichtet. Er ist Restaurator, eine angesehene, gutbezahlte Persönlichkeit, die alles Angemoderte, Wasserfleckige, Verrußte, Verpilzte und Zerfallende mit ruhiger Hand und versierter Technik dem drohenden Untergang entzieht. Wo er hinblickt in seiner Lebenswelt, ist alles gut und richtig. Hinreißend, wie er das alte Gehöft, wo er lebt, instand gesetzt hat. Ein mit höchster Sensibilität imprägnierter Ort ist das geworden für eine mit höchster Sensibilität imprägnierte Existenz. Und so wohlgeraten und rundum abgesichert ist auch seine Ehe, sind seine Kinder. Wie er seine schöne Christa liebt! Und sie ihn! Und die Kleinen ihre schönen Eltern! Und wie herrlich das zugeht in den Liebesnächten, instinktsicher und durchreflektiert!

Und nun gerät dieser schöne Schönlein in einen Prozeß der langsamen Dekomposition. Ob es Zerfall ist, Fäulnis, Moder, Verpilzung oder etwas ganz anderes, das ist eben die Frage, mit der der Roman die Leser am Ende entläßt. Schönlein selbst weiß es auch nicht, mindestens für eine sehr lange Zeit bleibt ihm völlig rätselhaft, was ihm passiert, besser: was er unversehens treibt. Er sieht nur immer ein Bild vor sich; alle die Monate, da seine Ehe kaputtgeht, da er seine Stellung ruiniert, seine Freundschaften verdirbt, seine Kinder verliert, sieht er wie eine schwimmende Augenschliere immer dieses eine Bild vor sich: den eigenen Fuß auf der Schwelle in ein halbzerfallenes Haus, wo eine Frau wohnt, die er nicht ausstehen kann. Und als er schließlich fernab von seinem imprägnierten Edelgehöft im tristen Ein-Zimmer-Appartement eines tristen Wohnsilos am Rande von München gelandet ist, erblickt er immer noch täglich, wie von einem Hyperrealisten gemalt, diesen seinen Fuß im eleganten Schuh auf der Schwelle des vergammelten Hauses mit der vergammelten Frau.

Es begab sich nämlich, daß er eines Tages diese Schwelle überschritt, ohne zu wissen warum, und die Treppen hochstieg und mit der Frau in ein Gespräch geriet und daß er, während er sie immer weniger ausstehen konnte, während er immer gerührter an die weiche Schönheit seiner eigenen Frau dachte, mit diesem knochigen, schmerzhaft eckigen Wesen schlief. Und dann ist er wieder hingegangen und wieder, ohne sie anziehender zu finden und weniger eckig, und durch seine Welt lief ein erster Riß und bald ein zweiter, und schließlich brach alles auseinander, als wäre das Perfekte morsch gewesen und nur das Morsche ein Winkel von Solidität.

Dieser Weg des schönen Schönlein vom prächtigen Gehöft ins trostlose Appartement ist die organisierende Achse des Romans. Von diesem Weg aus muß alles andere gesehen werden. Die Parallel- und Kontrastfiguren gewinnen ihre Bedeutung erst aus dem Verhältnis zu ihm. Allerdings sind sie nicht bloße Zutat. Sie werden schrittweise aufgebaut und rundum modelliert zu Gestalten mit eigenem Gesicht, Schicksal, Wahn. Aber die Schönlein-Kurve setzt die Determinanten. Das Buch macht dies deutlich, indem es mit derselben Szene beginnt und endet, dem verlotterten, reglos in seiner Einsamkeit hockenden Restaurator.

Ist das nicht alles etwa gar bekannt, ein später Abklatsch der Zerfalls- und Desillusionsromane, ein letztes Echo auf den "Tod in Venedig"? Schönlein ein Provinz-Aschenbach der neunziger Jahre? Ganz abzuweisen ist der Gedanke nicht. In Niemanns Roman erinnert manches an die Erzähler der Jahrhundertwende, nicht zuletzt an die Wiener - Schnitzler, Hofmannsthal, Musil - mit ihren Komödien des überzüchteten Bewußtseins. Indessen ist das Aufgreifen alter Handlungsmuster ja wohl das legitimste Geschäft der Literatur. Der Bestand ist begrenzt, und nur Dilettanten meinen, sie müßten alles neu erfinden. Entscheidend ist die Eigenart der neuen Inszenierung.

Wer den Test machen will, lese das sechste Kapitel des ersten Teils. Es ist das Paradekapitel in jeder Hinsicht, das Ganze in Miniaturgestalt. Es zeigt, wie dieser Autor schreiben kann. Und selbst wenn einer den ganzen Roman über sagt: Ich möchte doch lieber meine Pizza aus dem Ofen holen", muß er angesichts dieser dreizehn Seiten zugeben: "Von dem Autor wird man noch hören."

Es ist das Kapitel mit dem Ehebruch. Der Schöne liegt bei der Knochigen. Liebesverrat im aktuellen Vollzug. Eine vertraute Situation für Leser, auch Nichtlesern womöglich nachvollziehbar. Aber wie dieser Ehebrecher da ans Werk schreitet und vornimmt, was er keinesfalls vornehmen will, wie er treibt, was ihm weiterhin der abwegigste Gedanke von der Welt ist - nur die zuständigen Instanzen seiner Körperlichkeit machen zur Überraschung ihres Herrn und Meisters begeistert mit -, das hat den Charakter einer metaphysischen Komödie. Er ist nicht der Puritaner, der eines Tages aus der Welt des Triebverzichts ausbricht und durchstößt zu verruchten Genüssen. Die Genüsse, die er sich zu Hause bereiten kann, sind erlesener, polyphon komponierte Ekstasen. Hier graust es ihm vorwiegend, und immer bohrt sich irgendwo ein Knie oder Hüftknochen in die verwöhnten Weichteile. Warum also dieser grimmig vorangetriebene Ruin seiner selbst?

Man kann die Antwort nicht auf eine Formel bringen. Erst die gegenseitige Spiegelung der Figuren, die je auf ihre Weise am totalen Wissen über sich leiden, denen jeder "Code" vertraut ist, nach dem sie funktionieren, denen aber auch jedes Gefühl und Gespräch und Verhalten als ein solches Funktionieren auf der Stelle bewußt wird, ergibt das gespenstische Gefängnis einer rundum aufgeklärten Welt. Da wird der Ausgang aus der eigenen Unmündigkeit so routiniert betrieben wie das Jogging im Designerdreß. Die Schwelle aber, die Schönlein überschreitet, führt in einen Bereich, für den keine Modelle mehr zur Verfügung stehen.

Plötzlich steht einer vor sich selbst wie vor einem Tier, das er noch nie gesehen hat. Und ringsum birst das universale Design. Er weiß nur noch, daß er vorhanden ist, aber nicht mehr so recht, wo. Wie abscheulich er sich verhält, ist ihm klar, er kann es nicht ändern. Die schöne Frau verachtet ihn, die schönen Kinder werden ihn hassen. Er sitzt im Appartement wie einst die Anachoreten in der Wüste. Die Leere steht um ihn mit der Gewalt eines riesigen Engels. Vielleicht ist das jetzt die Wirklichkeit, vielleicht ist er aber auch nur tatsächlich verrückt geworden.

Norbert Niemann: "Wie man's nimmt". Roman. Hanser Verlag, München 1998. 432 S., geb., 46,- DM.

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