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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 27.07.2009

Hilde Spiel in Wien

Zehn Jahre lang war sie nicht in ihrer Geburtsstadt gewesen, und die Veränderung hätte nicht größer sein können. Am 31. Januar 1946 streift die fünfunddreißigjährige Hilde Spiel durch die ihr einst so vertrauten Wiener Straßen - und sieht vor allem Trümmer, die selbst persönlichste Erinnerungen verschüttet zu haben scheinen: "Ein Blick in die Seitengasse, in der ich fünfzehn Jahre zu Hause war, erweckt in mir kein Heimatgefühl." 1936 war sie nach England emigriert, und auch jetzt ist die Reise in die von vier Mächten besetzte Stadt keine private, sondern eine berufliche. Fünf Wochen verbringt sie als Korrespondentin des "New Statesman" in Wien, fünf Wochen lang hadert sie mit dem Schmerz und der Befriedigung, "hier nicht mehr herzugehören". Die innere Distanz drückt sich äußerlich in der englischen Uniform aus, die sie trägt, auch darin, dass sie ihre Eindrücke in englischer Sprache festhält. Aber die Erschütterung über den geistigen wie materiellen Untergang der Stadt ihrer Jugend kann auch die comfort zone, in der sie sich als Zugehörige der siegreichen Seite bewegt, nicht dämpfen. Obwohl 1946 niedergeschrieben, gab Hilde Spiel dieses Tagebuch, berührendes Wien- und scharfsichtiges Selbstporträt in einem, das sie selbst zu diesem Zweck ins Deutsche übersetzt hatte, erst 1968 zur Publikation frei. Da lebte sie bereits seit einigen Jahren wieder in Wien. Jetzt hat der Milena Verlag dieses große kleine Werk, das der Autorin in England sogar das Kompliment eintrug, sie sei "der weibliche Proust aus Wien", neu herausgebracht. (Hilde Spiel: "Rückkehr nach Wien". Ein Tagebuch. Mit einem Vorwort von Daniela Strigl. Milena Verlag, Wien 2009. 138 S., geb., 17,90 [Euro].) fvl

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