Produktdetails
  • Verlag: Goldmann Verlag
  • ISBN-13: 9783442761395
  • ISBN-10: 3442761395
  • Artikelnr.: 24098085
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 14.10.2003

Pate des Mittelmaßes
Eine Auswahl aus Coppolas Magazin "Zoetrope: All-Story"

Es ist seine ganz selbstverständlich erscheinende Gigantomanie, die schon zu den beeindruckendsten Eigenschaften von Francis Ford Coppola gehörte, als der Name "Zoetrope" noch für den Traum vom eigenen Studio stand, das Hollywood mit dessen eigenen Mitteln überbieten wollte. Doch der Visionär ging Anfang der achtziger Jahre bankrott, er kam mühsam wieder auf die Beine, und von Zoetrope blieb nur der Name, der heute mit dem Zusatz "All-Story" als Titel für ein Literaturmagazin dient.

Es ist lange her, daß Coppola einen Film gedreht hat, der aussah wie ein Coppola-Film. Man konnte lesen, daß er auf seinem Weingut im Napa Valley bei San Francisco arbeitet, dort bisweilen sogar am Holztisch sitzt und Touristen die Etikette der Weinflaschen signiert. Manchmal aber ist der Dreiundsechzigjährige auch noch ganz der alte: "Als ich mit ,Zoetrope: All-Story' begann, hatte ich die Vorstellung, die größte Geschichtenabteilung der Welt zu schaffen, und mir schauderte bei dem Gedanken, sie so zu nennen", schreibt er im Vorwort - wobei man ihm das Schaudern nicht recht glaubt. Und fast schon wieder beruhigend ist es, wenn man hört, daß Coppola seit Jahren an einem Projekt mit dem programmatischen Titel "Megalopolis" arbeitet, für das er in New York vor dem 11. September bereits Hunderte von Stunden auf Digitalvideo gedreht hat.

Sein Literaturmagazin "Zoetrope: All-Story" beruht dagegen auf einer simplen Idee. Der Meister hat einen Einfall, er gibt ihn weiter an seine Angestellte Adrienne Brodeur, die sich im Verlagsbusineß auskennt, sie findet einen zum Einfall passenden Autor, und wenn dem Autor dieser Einfall gefällt, darf er damit machen, was er will. So sind seit Ende der neunziger Jahre viele Storys zustande gekommen; siebzehn von ihnen wurden für dieses Buch ausgewählt. Kleine Stars wie Melissa Bank finden sich hier, die vom Männerangeln und -jagen erzählt, ein paar Fingerübungen, konventionelle Short stories, keine wirklichen Entdeckungen - eher eine Routine, wie sie aus Coppolas letzten Filmen sprach. Eine Stimme, ein Sound, der einen überraschte oder packte, ist da nirgends, und warum der deutsche Untertitel "Film und Fiktion" hinzugefügt wurde, bleibt ein Rätsel, weil es in Coppolas Vorwort heißt, daß die Stories gerade nicht im Lichte ihrer möglichen Verfilmbarkeit geschrieben werden sollten.

Als kleine Teaser hat der Band Salman Rushdie und David Mamet an Bord geholt, wobei ersterer eigentlich gar keine Story erzählt, sondern eine lange Anekdote, warum die Verfilmung seines Romans "Mitternachtskinder" gleich mehrfach schiefging - das ist eher etwas für die Wochenendbeilage des "Guardian" oder der "New York Times". Und David Mamet, was seine Brillanz nicht schmälert, hat auch nicht allzuviel zu berichten.

"Zoetrope: All-Story" ist natürlich ein sympathisches Projekt, dem man mit Wohlwollen gegenübersteht - doch das ist bei einem Mann wie Francis Ford Coppola enttäuschend, in dessen großen Projekten es nicht darum ging, Sympathie oder Konsens beim Publikum auszulösen, sondern stärkere Gefühle wie Bewunderung oder tiefes Befremden, Wut oder Enthusiasmus. Wer nach "Apocalypse Now" 1980 verkündete, er sei nun mächtiger als der amerikanische Präsident, der macht als Pate des gediegenen Mittelmaßes nun mal keine sonderlich überzeugende Figur.

PETER KÖRTE

Adrienne Brodeur/Samantha Schnee (Hrsg.): Francis Ford Coppolas Zoetrope: All-Story. Film und Fiktion. Berliner Taschenbuch Verlag, Berlin 2003. 442 S., br., 11,90 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Der von Adrienne Brodeur und Samantha Schnee herausgegebene Band, der eine Auswahl von siebzehn Storys aus Francis Ford Coppolas Magazin "Zoetrope: All-Story" versammelt, zeichnet sich nach Ansicht von Rezensent Peter Körte vor allem durch "gediegenes Mittelmaß" aus. Das Magazin basiert nach Auskunft Körtes auf einer "simplen Idee": Coppola hat einen Einfall und seine Angestellte Adrienne Brodeur sucht den passenden Autor, der damit machen kann, was er will. Das Ergebnis findet Körte keineswegs berauschend: "ein paar Fingerübungen, konventionelle Short stories, keine wirklichen Entdeckungen". Eine Stimme, ein Sound, "der einen überraschte oder packte", sucht er vergeblich. Nicht einmal die beiden Beiträge der prominenten Autoren Salman Rushdie und David Mamet reißen die Sache heraus. Nichtsdestoweniger hält Körte "Zoetrope: All-Story" für "ein sympathisches Projekt", nur von Coppola hätte er sich mehr erwartet.

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