sein, fast andächtig, er kann zuhören, und er kann Gefühle zeigen, manchmal schnell aufeinander, zu schnell. Marlon zeigt Mona ein Stück Himmel auf Erden. An einem kleinen Tümpel, verwunschenes Grün im Hochhausgrau, sitzen sie oft nah zusammen. Für Mona ist das ein Zipfel Erinnerung an das Leben, als noch alles gut war. Und Marlons Hände fühlen sich fast so groß und warm an wie die vom Vater. Marlon ist schon in der achten Klasse und Mona erst in der dritten.
Kirsten Boie zeichnet diese innige, so störanfällige Begegnung zwischen dem sonderbaren Jungen und dem gekränkten, aber wackeren Mädchen - wie sie es nun einmal kann - gnadenvoll einfühlsam. Mona ist selig, daß so ein Großer überhaupt Interesse für sie zeigt, und: Sie ist voller Sehnsüchte, da nimmt man es nicht so genau. Sie mögen und verstören einander immer wieder aufs neue. Mona bleibt die ganze Zeit schmerzlich hin- und hergerissen, bis sie - am Ende - den Schwachsinnigen fallenläßt, mit den neugewonnenen Freundinnen gackernd durch die Wohnblocks zieht und zu schreien lernt: "Hau ab, du Idiot, quatsch mich nicht an!"
Wir kennen die Autorin schon als eine, die nachfaßt, eine, die Kinder mit Wirklichkeit nicht verschonen wird. Dazu wählt sie eine Sprache, die den Kindern von den Lippen abgelesen und ihnen dann wieder in den Mund gelegt ist, und dazu wählt sie Kontexte und Bilder, die so angefüllt sind mit wahrer Wirklichkeit, daß man an Nüchternheit und Wiedererkennungseffekten fast zu ersticken droht. So läßt die Autorin, in der leibhaftigen Absicht, aufrichtigst den Stoff zu überbringen, gelegentlich wohltuende Distanz vermissen, wodurch auch die Poesie auf der Strecke bleibt.
Doch ist das Buch zu ungewöhnlich, um übersehen zu werden. Im Sinne einer wunderbaren Liebe ist der gewagte Schluß nur schlüssig. Kein Happy-End, kein Zupflastern der aufgezeigten Wunden. Mona im Bann ihrer Freundinnen, Marlon wieder allein. Wir wissen, daß in Mona etwas zurückbleibt. Was sie tat, mußte sie tun. So weit, so wunderbar. Es folgt ein Nachwort, ein emphatisch geführter Dialog zwischen der Autorin und einem Kind, das leider zu einer Art Bekenntnisschreiben gerät. Das Kind fordert, wie einsichtig, ein Happy-End à la Versöhnung: Sie lassen den armen Irren nicht allein oder Er rettet ihr das Leben, und sie ist ihm auf ewig dankbar. Die Autorin aber will das nicht bedienen. Sie will wirklich diese Wirklichkeit oder ein anderes Buch in einer anderen Wirklichkeit. Aber ändert man die Wirklichkeit durch ein so wirkliches Buch? Das Buch jedenfalls hat diese Erklärung nicht nötig, die Autorin offensichtlich schon.
KATRIN STENDER Kirsten Boie: "Eine wunderbare Liebe". Oetinger Verlag, Hamburg
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