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Alte Herren haben bekanntlich ihre Marotten, und mit manchen Dingen des Alltags kommen sie nicht mehr so ganz zurecht. Einigermaßen verschreckt jedenfalls sucht der alte Herr in Gerhard Köpfs Novelle den Beistand seines Freundes - und zieht sich dann doch mehr und mehr zurück. Ja, der ehemalige Professor igelt sich in seinem Wintergarten regelrecht ein, hört versunken seine Musik, trinkt seinen guten Wein gern für sich allein und versucht dabei, sein Leben und seine Geschichte zu ordnen. Seine Ausflüge in die Gegenwart aber enden mehr oder minder sämtlich in kleinen Katastrophen. Und deshalb…mehr

Produktbeschreibung
Alte Herren haben bekanntlich ihre Marotten, und mit manchen Dingen des Alltags kommen sie nicht mehr so ganz zurecht. Einigermaßen verschreckt jedenfalls sucht der alte Herr in Gerhard Köpfs Novelle den Beistand seines Freundes - und zieht sich dann doch mehr und mehr zurück. Ja, der ehemalige Professor igelt sich in seinem Wintergarten regelrecht ein, hört versunken seine Musik, trinkt seinen guten Wein gern für sich allein und versucht dabei, sein Leben und seine Geschichte zu ordnen. Seine Ausflüge in die Gegenwart aber enden mehr oder minder sämtlich in kleinen Katastrophen. Und deshalb wiederum taucht der alte Herr nur noch mehr in seine Erinnerungen und Träume ein. Aber diese ergeben nichts als ein einziges Labyrinth, und allmählich läßt ihn sein Gedächtnis ganz im Stich.

Was den etwas sonderlich gewordenen alten Herrn anfangs bloß harmlos-verschroben und leicht skurril erscheinen läßt, das wird unter der Hand doch zum ernsten Problem, hinter dem schließlich eine bedrohliche Krankheit steckt. Und keiner weiß das nun besser zu beurteilen als der vertraute Medizinalrat, der uns in dieser anrührenden Novelle trotz seiner ärztlichen Schweigepflicht Auskunft gibt über den schleichenden Beginn und den zuletzt grausamen Verlauf einer Demenz resp. der Alzheimerschen Krankheit, die unter uns mehr und mehr um sich greift.
Autorenporträt
Gerhard Köpf, geboren 1948, Literaturprofessor an verschiedenen Universitäten des In- und Auslandes, Autor von Romanen, Erzählungen, Essays und Hörspielen, lebt in München.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 12.01.2007

Das kann uns auch passieren
Der Weg in die Demenz: Gerhard Köpfs vergnügliche Novelle

Als ich ihn kennenlernte, im Sommer 1983 bei den Lesungen zum Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, wo er sich den Preis der Klagenfurter Jury erlas, war er ein bärtiger, zwar nicht zorniger, aber knorriger, uriger junger Mann. Auch die Gestalten in Gerhard Köpfs ersten Romanen ("Innerfern", "Die Strecke", "Die Erbengemeinschaft") haben oft etwas Knorrig-Kauziges. Der literarische Ort dieser Romane heißt Thulsern; in ihm verschmelzen das bayerische Allgäu und das sagenhaft-satirische Schilda. Nun lässt Köpf in der Novelle "Ein alter Herr" wieder eine kauzige Welt erstehen, nur dass jetzt der Fall mehr ins Gebiet der Geriatrie als der Satire fällt.

Im ersten Roman der Zwischenzeit, "Piranesis Traum" (1992), entwarf Köpf, angeregt durch die architektonischen Träume und Albträume des bekannten italienischen Kupferstechers, die Figur eines galligen, antiklassizistischen Künstlers. Zur Huldigung an Hemingway wurde "Papas Koffer" (1993). Dann geriet der Erzähler Köpf aus dem Tritt ("Nurmi oder Die Reise zu den Forellen", 1996). Ich vermute, dass ein Knick in der Biographie dafür verantwortlich ist: das Hospitieren des Schriftstellers und Literaturprofessors in der Psychiatrie (zurzeit lehrt Köpf als Gastprofessor an der Psychiatrischen Klinik der Universität München). Wie neu gewonnenes Wissen auf sich aufmerksam macht, zeigt beispielsweise der Essay über das "pathologische Lachen" von 2002; wie es erzählerisch integriert werden kann, die Novelle "Ein alter Herr".

Diese Novelle erschien gleichzeitig mit Günter Kunerts Gedichtsammlung "Der alte Mann spricht mit seiner Seele", den melancholischen lyrischen Impressionen aus dem Alltag des Altersmüden. In Köpfs Novelle dagegen verfolgt der Nervenarzt des alten Herrn eine Entwicklung, das allmähliche Hinübergleiten eines geistvollen Komparatisten, der mit respektablen Büchern geglänzt hat, vom Dasein eines Salonlöwen in die Altersdemenz. Auch hier doziert der Erzähler gelegentlich, beispielsweise über posttraumatische Belastungsstörung, über das Speichergedächtnis und das Funktionsgedächtnis, über die Musik als Türöffnerin zur Vergangenheit.

Aber der Theorie wird nicht die erzählerische Anschaulichkeit geopfert. Schon die zunehmende Rechthaberei des Professors zeigt seine Erstarrung an. Am Kurzzeitgedächtnis hapert es, die Vergesslichkeit nimmt zu, Bücher werden im Zugabteil liegen gelassen, über den Selbstgesprächen wird der Tee kalt. Der alte Herr fühlt sich wie in einem Labyrinth, Depressionen beschleichen ihn. Schließlich gerät er auf den Weg in die Hilflosigkeit des bloß noch Kreatürlichen. Das Vormundschaftsgericht wird den Doktor zu seinem Betreuer ernennen.

Warum liest sich diese Geschichte einer unaufhaltsamen Verwirrung des Bewusstseins dennoch vergnüglich? Weil Köpf zwar die durch Blackouts entstehenden komischen Situationen weidlich nutzt, aber doch nicht auf verleumderische Art. Gewiss, ein bisschen Genugtuung stellt sich ein: Der mit sündhaft teuren Krawatten auftretende alternde Geck, der dem Wahlspruch "Der Schein bestimmt das Bewusstsein" auf den Leim geht, ist schon an sich komisch; aber wie viel mehr erst, als seine Eitelkeit nun so offenkundig strauchelt.

Dieses humorvolle Erzählen, das eine Hochstapelei des Äußerlichen zu Fall bringt und doch keine Schadenfreude aufkommen lässt, beherrscht Köpf hier wie nie zuvor. Den alten Herrn verlachen, sich über ihn erhaben fühlen mag wohl kein Leser. Was hier über den Patienten des Medizinalrates hereinbricht, kann am Ende jedermann widerfahren.

WALTER HINCK

Gerhard Köpf: "Ein alter Herr". Novelle. Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen 2006. 212 S., geb., 18,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Mit den "kauzigen" Erzählwelten des Gerhard Köpf kennt Walter Hinck sich aus. Um so mehr freut es ihn, dass der Autor in diesem Buch frisches Terrain betritt und seine theoretischen Erkenntnisse auf dem Gebiet der Medizin einbringt, ohne dabei wesentlich an Anschaulichkeit zu verlieren. Die "vergnügliche" Geschichte vom Älterwerden hin zum "bloß noch Kreatürlichen" genießt Hinck, ohne den Autor der Schadenfreude zu überführen. Das "bisschen Genugtuung" über die späten Eitelkeiten seines Helden gönnt er Köpf jedoch gern, vergisst er darüber doch nicht, dass so etwas schließlich jedem passieren kann.

© Perlentaucher Medien GmbH