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Das letzte Auto unseres Vaters war ein weinroter Simca. Mama hatte über die Sitze gehäkelte Bezüge gelegt und auf die Ablage Kissen mit unseren Namen: María, Carlota, Paloma.
Ebendiesen Simca fährt die führerscheinlose Mutter nach dem Tod des Vaters in den Graben. Auch sonst ist die verträumte, chaotische Frau mit der neuen Situation überfordert, und María, Carlota und Paloma müssen sehen, wie sie allein zurechtkommen. Für die heranwachsenden Mädchen keine einfache Aufgabe, zumal in ihrer spanischen Heimat Ende der siebziger Jahre zum einen das Machotum regiert, zum anderen die politische…mehr

Produktbeschreibung
Das letzte Auto unseres Vaters war ein weinroter Simca. Mama hatte über die Sitze gehäkelte Bezüge gelegt und auf die Ablage Kissen mit unseren Namen: María, Carlota, Paloma.

Ebendiesen Simca fährt die führerscheinlose Mutter nach dem Tod des Vaters in den Graben. Auch sonst ist die verträumte, chaotische Frau mit der neuen Situation überfordert, und María, Carlota und Paloma müssen sehen, wie sie allein zurechtkommen. Für die heranwachsenden Mädchen keine einfache Aufgabe, zumal in ihrer spanischen Heimat Ende der siebziger Jahre zum einen das Machotum regiert, zum anderen die politische Lage kurze Zeit nach Francos Tod noch instabil ist. Dennoch verteilen sich die Rollen unter den Mädchen schnell neu. Maria, die Älteste, tritt als Familienoberhaupt an die Stelle ihres Vaters, Carlota hängt sich an den erstbesten Mann und heiratet, während Paloma, die Jüngste und gleichzeitig Rebellischste, neben dem Sex die Literatur für sich entdeckt. Es versteht sich von selbst, dass sich die drei selten einig sind, egal ob es um Religion, Männer oder den Putschversuch von 1981 geht.

Mit Witz, Biss und einer gehörigen Portion Galgenhumor fängt Martínez de Pisón in seinem Roman über die drei Schwestern die Stimmung einer Zeit ein. Am Ende hat nicht nur die Mutter nach zahlreichen erfolglosen Versuchen Autofahren gelernt, die drei Schwestern sind auch erwachsen geworden - und mit ihnen ein Land und seine junge Demokratie.
Autorenporträt
Ignacio Martínez de Pisón, geboren 1960 in Zaragoza, hat schon zahlreiche Romane veröffentlicht. In Spanien gilt der in Barcelona lebende Autor als einer der wichtigsten zeitgenössischen Romanciers.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 06.11.2004

Herrlichkeit und Häkeldeckchen
Gelobt sei das Matriarchat: Ignacio Martínez de Pisón bringt die Frauen an die Macht und zeichnet ein Psychogramm der spanischen Gesellschaft nach Franco

Nach einem Motto für seinen Roman "Die Zeit der Frauen" gefragt, soll der spanische Schriftsteller Ignacio Martínez de Pisón einmal seinen portugiesischen Kollegen António Lobo Antunes zitiert haben: "Ein dummer Mann ist nichts weiter als dumm. Eine dumme Frau dagegen etwas ungeheuer Komplexes." Wenig Appetit auf die Lektüre eines über vierhundertseitigen Buches macht eine solche Sentenz, die den Herrenwitz scheinbar bereits im Anschlag hält, besonders wenn im Mittelpunkt der Handlung gleich vier Frauen stehen, die sich im Spanien der späten siebziger Jahre plötzlich des Vaters und Ehemanns beraubt sehen. Dummheit in vierter Potenz, im polyphonen Dreigesang der hinterbliebenen Töchter, die als Ich-Erzählerinnen im Wechsel das Schicksal ihres Frauenhaushalts berichten, könnte so komplex sein, wie sie wollte - sie wäre kaum zu ertragen.

Doch zum Glück entsteht ein Buch nicht in den Klatschmeldungen spanischer Gazetten. Vertieft man sich in das burleske Familiendrama, das Martínez über vier Jahre hinweg von 1979 bis 1983 entspinnt, so tut sich in den Schicksalen im mütterlichen Anwesen der "Villa Casilda" das intime Porträt einer ganzen Gesellschaft auf, ein Psychogramm Spaniens in den ersten Jahren nach dem Tod des Diktators Franco.

Papa ist tot. Daß man sich bei den Huren eines Bordells an der Landstraße nicht gerade durch ein "Geschäftsessen" einen Herzinfarkt holt, wie es in der offiziellen Darstellung des Hinscheidens heißt, ist selbst den drei halbwüchsigen Töchtern klar. Nur Mama ahnt nichts, weiß nichts, will nichts wissen. Sie ist bereits mit den praktischen Problemen des Augenblicks so überfordert, daß sie vom Gedanken an seine unschönen Hintergründe verschont bleibt. Als Feuerprobe dient die erste eigene Fahrt mit dem vor dem Bordell geparkten Simca-Automobil, eine Bastion des Patriarchats, in die Mutter bislang nur durch das Häkeln von Sitzkissenbezügen eingreifen durfte. Da Häkelnadel und Schalthebel sich als zwei inkompatible Instrumente erweisen, endet die Fahrt nach wenigen Metern im Straßengraben.

Ohne Papa steuert in der Folge auch der gesamte "herrenlose" Haushalt der Villa Casilda einem durch und durch "dämlichen" Schicksal entgegen. Während Mama beginnt, hinter den Gardinen heimlich Fläschchen zu verstecken und ihre zerrütteten Nerven in einem Dauerbad aus Schlehenlikör einweichen will, läßt sich Carlota nach einer Phase des religiösen Fanatismus von einem Neofaschisten ein Kind machen und heiratet ihn, um schließlich, zur sozialistischen Aktivistin konvertiert, im ganzen Hause Felipe-González-Poster aufzuhängen. Paloma dagegen, Nesthäkchen und Rebellin der Familie, bricht von zu Hause aus, flüchtet sich in Abenteuer mit verheirateten Männern - und in die Literatur, die sich ihr, neben ihrem Tagebuch, als einzige Möglichkeit der Sinnstiftung auftut.

Um diesen Hühnerhaufen im Zaume zu halten, macht sich allein die älteste Schwester Maria daran, den Vater zu ersetzen. Rasch ermittelt sie, daß er seinen und den Lebensunterhalt der Familie als skrupelloser Aasgeier bei Zwangversteigerungen finanzierte, und bald schon tut sie es ihm nach. Als erste weibliche Auktionatorin holt sie sich "Onkel Delfín", Papas Geschäftspartner, ins Boot und zugleich ins Bett. Ihre Tragödie kulminiert im Erlebnis der Zwangsversteigerung des Elternhauses, das Mama ohne das Wissen der Töchter mit einer Hypothek belegt hatte und das in der Folge einem modernen Appartementhaus weichen muß. Die Geschichte, die mit dem Tod des Vaters begann, findet ihren Endpunkt im Abbruch der Villa Casilda.

In geradezu archetypischer Weise scheint Martínez de Pisón seine Frauen nach den Klischees weiblichen Versagens zu bilden: die Hysterikerin, das unterwürfige Heimchen am Herd, die Schlampe und das asexuelle Karriereweib. Schlimm wäre das, wenn es ernst gemeint wäre. Doch was dem Roman Leichtigkeit ebenso wie Komplexität verleiht, ist eine allgegenwärtige Ironie, durch die alle Stereotype gebrochen werden.

Zugleich beweist der Autor eine tiefe Zuneigung zu seinen Frauenfiguren, indem er ihren mystisch-hysterischen Anwandelungen, Horoskop- und Doktor-Schiwago-Obsessionen neben aller Komik auch eine tiefernste Dimension abgewinnt und sie in jeder Situation vor dem Abgleiten ins Karikaturhafte schützt. Schwächer, desorientierter, ja nachgerade lächerlich präsentieren sich im Vergleich zu den Frauen, die sich durch eine bewundernswerte Solidarität und Liebe trotz aller Familienzwiste in ihrer Einheit zu behaupten wissen, die Männer. Das idealisierte Bild des Vaters weicht dem eines Hallodris, der die heile Welt seiner Familie durch das Geschäft mit dem Elend anderer erkaufte.

César, der Liebhaber von Paloma, begeht Selbstmord, als er erfährt, daß sie ihn mit seinem Vater betrog; Jordi, der großmäulige marxistische Studentenführer, bekommt beim rechtsgerichteten Militärputschversuch des "23-F" am 23. Februar 1981 Muffensausen und verläßt das Land panisch in Richtung Frankreich, während Fernando, der faschistische Ehemann Carlotas, die Hochschwangere zwingt, mit ihm in ein letztes Gefecht gegen die "Roten" zu ziehen, das außerhalb seiner Phantasie nirgends stattfindet.

Haben die Erzählerinnen im Mikrokosmos der Villa Casilda den Vater verloren, so hat der Makrokosmos der Gesellschaft um sie herum in der Gestalt des Diktators Francisco Franco einen Übervater verloren, dessen Fehlen gerade bei den Männern eine traumatische Leere hinterließ. Ihre Manifestation, die politische und gesellschaftliche Instabilität der jungen Demokratie, weiß Martínez de Pisón ingeniös in die Welt der Villa Casilda einzuspinnen. Da die Männer mit der Krise ihrer männlichen Macho-Identität zu sehr beschäftigt sind, um sich den anstehenden Aufgaben zu widmen, müssen sich darum die Frauen kümmern. Mit Erfolg.

Trotz aller Verluste und Peripetien besitzen am Schluß alle drei Töchter eine geordnete Karriere und sind in der Lage, eine ihren Verhältnissen angemessene Wohnung zu mieten. Und Mama beweist durch einen heroischen Akt, daß sie nun den "Stier bei den Hörnern" gepackt hat und Papas Auto zu lenken weiß. Seinen besonderen Charme erhält dieser Prozeß der weiblichen Emanzipation dadurch, daß er voll Humor und ohne verbissene Programmatik beschrieben wird. Die spanische Demokratie, so scheint der Roman zu proklamieren, hat sich nach dem Patriarchat des Faschismus als eine "Zeit der Frauen" etabliert. Wie lange diese anhält, weiß der Herr allein. Nur eines ist sicher: Gott ist eine Frau.

Ignacio Martínez de Pisón: "Die Zeit der Frauen". Roman. Aus dem Spanischen übersetzt von Sibylle Martin. Verlag Hoffman und Campe, Hamburg 2004. 413 S., geb., 21,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Rezensent Florian Borchmeyer hatte viel Spaß an diesem burlesken Familiendrama, in dem sich für ihn als intimes Porträt außerdem das Psychogramm der spanischen Gesellschaft nach dem Tod Francos entfaltet hat - und zwar mit Humor und ohne verbissene Programmatik. Im Mittelpunkt des Romans, der in den Jahren 1979-1983 spielt, stehen seinen Informationen zufolge vier Frauen - die Witwe und drei hinterbliebene Töchter eines spanischen Patriarchen, die der Rezensent als Ich-Erzählerinnen im Wechsel ihr Frauenschicksal erzählen sieht. In geradezu archetypischer Weise habe der Autor sie "nach den Klischees weiblichen Versagens" gebildet: "die Hysterikerin, das unterwürfige Heimchen am Herd, die Schlampe und das asexuelle Karriereweib". Doch der Rezensent findet das nicht weiter schlimm, da der Autor den Roman aus seiner Sicht mit einer allgegenwärtigen Ironie geschrieben hat, durch die nicht nur alle Stereotypen gebrochen würden, sondern der Roman Komplexität und Leichtigkeit gleichermaßen gewinne. Außerdem hat der Autor dem Rezensenten eine so tiefe Zuneigung zu seinen Frauenfiguren bewiesen, dass er ihnen bei aller Komik auch eine tiefernste Dimension abgewinnen konnte: den Weg aus der traumatischen Leere, die der Verlust des Übervaters hinterließ in die Emanzipation.

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