20,00 €
inkl. MwSt.
Versandkostenfrei*
Sofort lieferbar
payback
0 °P sammeln
  • Gebundenes Buch

Angesichts von Krieg und politischen Zerwürfnissen in Europa sind Milan Kunderas Analysen zur Rolle Mitteleuropas im Spannungsfeld zwischen Zugehörigkeit zum Westen und der Bedrohung durch Russland brandaktuell. Gerade in den mitteleuropäischen Ländern, wo die eigene Sprache, Kultur und nationale Identität dauerhaft bedroht sei, argumentierte Kundera bereits 1983, stehe die westliche Demokratie auf dem Prüfstand. Dort befinde sich die Keimzelle europäischer Werte und möglicherweise der Blitzableiter für die Gefahren, denen sie ausgesetzt sind.
In deutlichen Worten prangert Milan Kundera die
…mehr

Produktbeschreibung
Angesichts von Krieg und politischen Zerwürfnissen in Europa sind Milan Kunderas Analysen zur Rolle Mitteleuropas im Spannungsfeld zwischen Zugehörigkeit zum Westen und der Bedrohung durch Russland brandaktuell.
Gerade in den mitteleuropäischen Ländern, wo die eigene Sprache, Kultur und nationale Identität dauerhaft bedroht sei, argumentierte Kundera bereits 1983, stehe die westliche Demokratie auf dem Prüfstand. Dort befinde sich die Keimzelle europäischer Werte und möglicherweise der Blitzableiter für die Gefahren, denen sie ausgesetzt sind.

In deutlichen Worten prangert Milan Kundera die Vernachlässigung, ja den Ausschluss der Länder im Zentrum Europas an, ihre Unterdrückung durch Russland und die Ignoranz, die der Westen ihnen entgegenbringt. Sein Plädoyer für eine Kehrtwende ist heute wichtiger denn je. Jahrzehnte nach dem Zerfall der Sowjetunion zeigen die Schützengräben auf ukrainischem Boden die Kluft zwischen Europa und Russland auf fürchterliche Weise auf. EinAbgrund, der nicht nur Mitteleuropa bedroht, sondern unseren ganzen Kontinent.
Autorenporträt
Milan Kundera wurde in der Tschechischen Republik geboren. Seit 1975 lebte er in Frankreich, wo er 2023 starb.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Dlf Kultur-Rezension

Ein Essay, der mit seinem ersten Erscheinen 1983 große Wellen geschlagen hat, wird jetzt neu aufgelegt, leider mit einem wenig hilfreichen Vorwort, bekundet Rezensent Jörg Plath, der bei Milan Kundera ein durchaus pathetisches Eintreten dafür liest, Polen, Ungarn und die Tschechoslowakei dem Westen zuzurechnen, nicht dem despotischen Osten, also Russland, gegen den sich die "kleinen Nationen" zu wehren suchen. Das muss man aus heutiger Perspektive natürlich ein Stück weit relativieren, räumt Plath ein, auch in den mitteleuropäischen Ländern gibt es starke rechtspopulistische Tendenzen. Er hätte sich abschließend gewünscht, dass Kampa diesen Auftakt zur Kundera-Werkausgabe sorgfältiger ediert hätte.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 18.10.2023

Die Rechte der kleinen Nationen

Mitteleuropa vor Augen: Zwei frühe Texte von Milan Kundera lesen sich wie Analysen

auch des heutigen

imperialen Machtstrebens Russlands.

Als Milan Kundera im vergangenen Juli starb, hatte er seit Jahren nichts mehr geschrieben, und trotzdem fand zuletzt ein kleines Bändchen noch einmal größte Beachtung. In der Reihe der bedeutenden Pariser Zeitschrift "Le débat" erschien "Un occident kidnappé", der jetzt auch in deutscher Übersetzung vorliegt. "Der entführte Westen" umfasst, eingeführt von den Historikern Jacques Rupnik und Pierre Nora, zwei Essays aus den Jahren 1967 und 1983, doch sie lesen sich wie dringende Nachrichten zur Stunde. Die Politik hat sie zurückkatapultiert in eine Aktualität, die sie im Grunde nie verloren haben - leider.

Der erste, "Die Literatur und die kleinen Nationen", ist Kunderas Rede auf dem tschechoslowakischen Schriftstellerkongress im Juni 1967. Die Diskussionen auf diesem Treffen, rund ein Jahr vor dem brutalen Ende des Prager Frühlings, zeigen auch heute noch eindrucksvoll, wie entschieden der Aufbruch zur Freiheit in Prag gewesen ist und wie massiv die Herausforderung der Hegemonialmacht Sowjetunion. Kundera, der mit achtunddreißig Jahren gerade seinen ersten großen Roman, "Der Scherz", publiziert hat, beginnt mit einem historischen Abriss über die tschechische Nation, unübersehbar ist jedoch das politische Motiv: die Selbstbehauptung der kleinen Nationen - Polen, Ungarn, Tschechoslowakei, Baltikum - innerhalb des von der russischen Nation dominierten Imperiums. Liest man die Rede heute neu, wundert man sich nicht, dass dieses Imperium nur eine Möglichkeit sah, nämlich zurückzuschlagen.

Kundera emigrierte 1975 nach Frankreich, und dort erschien 1983 der zweite Text, der dem Band den Titel gibt. "Der entführte Westen" hatte sofort eine durchschlagende Wirkung, wurde weithin übersetzt und gab den Anstoß zu der heute bereits fast vergessenen "Mitteleuropadiskussion". Bezeichnenderweise war das Echo in Deutschland viel geringer als etwa in den USA oder eben in Frankreich, wo der Essay zur treibenden Kraft bei der antitotalitären Kritik an Marxismus und Kommunismus wurde; Richard Rorty sah Kundera deshalb als den Autor, der, alle geschichtsphilosophische Abstraktion überwindend, es gerade als Romancier unternahm, die Geschichte "in Gang zu halten, sich in sie hineinzustürzen". Hierzulande dagegen herrschte schon damals jenes weit verbreitete intellektuelle Appeasement gegenüber dem Sowjetimperium, das bis heute seine katastrophalen Konsequenzen zeigt. Der Text blieb damals im Abseits, gedruckt in der kleinen links-häretischen Zeitschrift "Kommune".

Die Zusammenstellung der beiden halb vergessenen Aufsätze bringt einen zusätzlichen Gewinn, denn sie schärft noch einmal den Kern der Argumentation. Kundera hat nie ein Geheimnis gemacht aus seinem jugendlichen kommunistischen Engagement; seine rasch wachsende Distanz ging einher mit der Erkenntnis vom imperialistischen Anspruch des sowjetischen Reichs, ein Anspruch, den die westliche Welt mit der Teilung Europas durch den Eisernen Vorhang de facto anerkannte - um des lieben Friedens willen. Die Freiheitsbestrebungen - Berlin 1953, Ungarn 1956, Prag 1968, Polen von 1970 an - waren also nicht nur eine Gefährdung der sowjetischen Macht, sondern zugleich eine des weltpolitischen Status quo, und an dessen Aufrechterhaltung bestand auch auf westlicher Seite durchaus Interesse. Die allzu oft nur rhetorische Unterstützung der Aufstände ist bekannt.

Kundera argumentiert politisch und kulturell. "Kleine Nationen" sind nicht vorgesehen in großen Imperien, im Gegenteil, sie sind es, die dem Willen zur Hegemonie entgegenstehen - eine Einschätzung, die heute nicht nur Russland bestätigt, sondern auch China. Die Selbstbehauptung der Nationen, ihr Streben nach Freiheit aber ist gebunden - bei Einsicht in die reale Machtlosigkeit kleiner Satellitenstaaten - an Kultur und Sprache. Das Beharren auf einer eigenen Sprache in Literatur, Musik, Theater, Filmkunst ist für Kundera deshalb per se ein oppositioneller Akt. Die Machthaber an den Schalthebeln von Zensur und Justiz verstanden es nicht anders.

Die von Kundera angestoßene "Mitteleuropadiskussion" stellte letztlich die Nachkriegsordnung von Jalta infrage, vor allem aber das westliche Selbstverständnis gegenüber dem kollektiv missverstandenen "Ostblock". Mitteleuropa jedoch, das ist Kunderas Pointe, war historisch nie ein Teil des Ostens, sondern des westlichen Europa: Die Kultur von Prag, Budapest, Warschau war immer nach Europa ausgerichtet, nach Wien, Paris, Berlin.

Der Verrat des Westens bestand im bewussten Vergessen dieser historischen Realität und in der Akzeptanz einer politischen und kulturellen Gleichschaltung der unterworfenen Nationen unter die sowjetische, und das heißt dezidiert: russische Hegemonie. "Nach 1945 verschob sich die Grenze zwischen den zwei Hälften Europas einige hundert Kilometer nach Westen, und einige Nationen, die sich immer für westlich gehalten hatten, wurden eines schönen Tages wach und mussten feststellen, dass sie im Osten lagen." Die tschechische, die polnische, die ungarische Kultur, ja alle kleinen Nationen des "Ostblocks" wurden Opfer eines geopolitischen Kidnapping, einer "Russifizierung", und der kollektive Westen gewöhnte sich so schnell an den Verlust, dass Prag für ihn bald näher an Moskau lag als an Wien.

Mit Blick auf Putins großrussische Ideologie stellt sich der Eindruck ein, es habe sich nichts verändert in den Jahrzehnten seither: "Die Ukraine, eine der großen europäischen Nationen (es gibt fast vierzig Millionen Ukrainer), ist im Begriff, langsam zu verschwinden. Und dieser ungeheuerliche, nahezu unglaubliche Vorgang vollzieht sich, ohne dass die Welt es bemerkt." Das schreibt Kundera im Jahr 1983! Und weiter: "Mitteleuropa wollte ein verdichtetes Abbild Europas sein, ein erzeuropäisches kleines Europa, das verkleinerte Modell des Europas der Nationen, aufgebaut auf der Regel: maximale Vielfalt auf minimalem Raum. Wie konnte man da nicht angesichts eines Russlands in Angst und Schrecken versetzt werden, das demgegenüber auf der entgegengesetzten Regel gründete: minimale Vielfalt auf maximalem Raum?" Die Zeit, da man so etwas als "antikommunistischen Reflex" denunzierte, ist definitiv vorbei, und wenn es heute eine Vorstellung vom freien Europa geben kann, dann ist es dieses vielfältige Europa der Nationen.

Kaum irgendwo findet man so klar, so konzentriert die Rechnung aufgemacht für das, was man schon früher hätte wissen können. Doch die Wiederlektüre von "Der entführte Westen" ist noch aus einem weiteren Grund zwingend. Sogar für Kundera war das alte Mitteleuropa nur noch beschworene Vergangenheit, und 1983 betrachtete auch er die imperialistische Macht Russlands als nahezu unerschütterlich, das Ende der europäischen Teilung sah auch er nicht voraus.

So erteilt das Jahr 1989 auch heute die optimistische Lehre, dass es eine unabänderliche Fatalität nicht gibt. Milan Kundera, einer der großen Romanciers der Epoche, hat die Wiedergeburt der kleinen Nationen miterleben können, er, den das Exil inzwischen zum französischen Schriftsteller gemacht hatte. Dennoch, dem neuen europäischen Frieden, dem Ende des russischen imperialen Anspruchs hat er bis in seine letzten Jahre nie getraut; die Illusionsbereitschaft war allzu groß. "Der entführte Westen" macht noch einmal überdeutlich, welcher Krieg jetzt geführt wird: nicht um einige Quadratkilometer Land, sondern um die Alternative zwischen der Revision von 1989 und der Freiheit Europas. WOLFGANG MATZ

Milan Kundera: "Der entführte Westen". Die Tragödie Mitteleuropas.

Aus dem Französischen von Uli Aumüller. Kampa Verlag, Zürich 2023. 96 S., geb., 20,- Euro.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr
»Der jüngst verstorbene tschechische Schriftsteller Milan Kundera veröffentlichte 1983 im französischen Exil einen Aufsatz namens Die Tragödie Mitteleuropas, der international Aufsehen erregte und den man heute wieder lesen sollte. Der Essay war so hellsichtig, so düster, so kompromisslos, dass er einem während der Lektüre noch immer den Atem raubt.« Adam Soboczynski / ZEIT, vom 20.7.2023

»Wir können uns glücklich schätzen, dass Milan Kundera uns den Kontext der Kämpfe zwischen Russland und Europa und die Notlage derer, die zwischen ihnen gefangen sind, herstellt. Sein Eintreten für kleine Sprachen, kleine Kulturen und kleine Nationen ist eindringlich.« Claire Messud / Harper's Magazine, New York

»Milan Kundera konzentriert sich auf die Beziehung der 'kleinen Nationen' im Zentrum Europas wie der Tschechoslowakei und der Ukraine zum Westen und führt uns vor Augen, wie die Bedrohung ihrer kulturellen Identitäten zugenommen hat.« New York Book Review

» Kundera argumentiert politisch und kulturell.« Wolfgang Matz / Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Einer der großen Romanciers der Epoche« Wolfgang Matz / Frankfurter Allgemeine Zeitung