Die große Regression

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Spätestens seit sich die Folgen der Finanzkrise abzeichnen und die Migration in die Europäische Union zunimmt, sehen wir uns mit Entwicklungen konfrontiert, die viele für Phänomene einer längst vergangenen Epoche hielten: dem Aufstieg nationalistischer, teils antiliberaler Parteien wie dem Front National und der AfD, einer tiefgreifenden Krise der EU, einer Verrohung des öffentlichen Diskurses durch Demagogen wie Donald Trump, wachsendem Misstrauen gegenüber den etablierten Medien und einer Verbreitung fremdenfeindlicher Einstellungen, die an dunkle Zeiten gemahnt. Politiker werden als…mehr

Produktbeschreibung
Spätestens seit sich die Folgen der Finanzkrise abzeichnen und die Migration in die Europäische Union zunimmt, sehen wir uns mit Entwicklungen konfrontiert, die viele für Phänomene einer längst vergangenen Epoche hielten: dem Aufstieg nationalistischer, teils antiliberaler Parteien wie dem Front National und der AfD, einer tiefgreifenden Krise der EU, einer Verrohung des öffentlichen Diskurses durch Demagogen wie Donald Trump, wachsendem Misstrauen gegenüber den etablierten Medien und einer Verbreitung fremdenfeindlicher Einstellungen, die an dunkle Zeiten gemahnt. Politiker werden als 'Vaterlandsverräter' verunglimpft, Muslime unter Generalverdacht gestellt, im Internet werden die krudesten Verschwörungstheorien propagiert.
In diesem Band untersuchen international renommierte Forscher und Intellektuelle die Ursachen dieser 'Großen Regression', verorten sie in einem historischen Kontext, erörtern Szenarien für die nächsten Jahre und diskutieren Strategien, mit denen wir diesen Entwicklungen entgegentreten können.
Mit Beiträgen von Arjun Appadurai, Zygmunt Bauman, Donatella della Porta, Nancy Fraser, Eva Illouz, Ivan Krastev, Bruno Latour, Paul Mason, Pankaj Mishra, Robert Misik, Oliver Nachtwey, César Rendueles, Wolfgang Streeck, David Van Reybrouck, Slavoj Zizek.
  • Produktdetails
  • Edition Suhrkamp Nr.7291
  • Verlag: Suhrkamp
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 319
  • 2017
  • Ausstattung/Bilder: 319 S. 200 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 200mm x 118mm x 25mm
  • Gewicht: 330g
  • ISBN-13: 9783518072912
  • ISBN-10: 3518072919
  • Best.Nr.: 24660960
Autorenporträt
Zygmunt Bauman, geboren 1925 in Posen, lehrte ab 1954 Soziologie an der Universität Warschau. 1968 ging er nach Israel. 1971 erhielt Bauman einen Ruf auf den Lehrstuhl für Soziologie an der University of Leeds, den er bis 1990 inne hatte. Bauman erhielt 1989 den Amalfi-Preis, 1998 wurde er mit dem Theodor-W.-Adorno-Preis ausgezeichnet. Zygmunt Bauman ist einer der bedeutendsten Soziologen der Gegenwart.
Rezensionen
Besprechung von 12.04.2017
Revolte der Ungewaschenen
Ein Suhrkamp-Band versammelt Krisendeutungen von Appadurai bis
Žižek. Ist das wirklich ein aktuelles Best-of linken Denkens? Erschütternd!
VON GUSTAV SEIBT
Was für ein merkwürdiger Begriff für eine Gegenwartsdiagnose: Regression. Einerseits hat er etwas spontan Einleuchtendes, man denkt an Hassorgien im Internet, an die erfolgreichen Tabubrüche Donald Trumps, den fremdenfeindlichen Brexit-Wahlkampf, den sich verbreitenden Hohn auf politische Korrektheit. Und man kann an andere „Regressionen“ denken wie den Abbau sozialer und ökonomischer Sicherheiten in einer „neoliberalen“, global entgrenzten Wirtschaftsweise.
Die Autoren des Sammelbands „Die große Regression“, den die Edition Suhrkamp als jüngsten Nachfolger ihrer jahrzehntelangen Ambition, die „geistige Situation der Zeit“ zu erfassen, vorlegt, verwenden beide Aspekte des Worts, den sozialpsychologischen und den sozialpolitischen. Allerdings liegt das Schwergewicht eindeutig bei der Sozialpsychologie, auch wenn diese ganz traditionell materialistisch auf ökonomische Bedingungen zurückgeführt wird.
Es ist nützlich, die Tragweite dieser semantischen Vorentscheidung im Blick zu behalten, weil sie andere begriffliche Möglichkeiten in den Schatten rückt. „Regression“ kommt aus der Psychoanalyse und beschreibt den neurotischen Rückfall in frühe Stufen der Triebentwicklung; eigentlich geht es um ein Krankheitsbild. Eine markante, aber marginale soziologische Karriere machte der Begriff in der Theorie des Zivilisationsprozesses von Norbert Elias. Dort beschreibt er zivilisatorische Rückfälle, so bei den Deutschen im Nationalsozialismus, massenpsychologische Enthemmungen, Abbau von Triebsteuerung (etwa des Grausamkeitsverbots), Entsublimierungen aller Art. Auch die „Dialektik der Aufklärung“ Horkheimers und Adornos kennt solche Rückfälle, hier als Umschlagen (von Aufklärung in Mythos) dargestellt. Die aufgeklärte Moderne kann verrohen und infantil werden, auch in der Konsumkultur, lautet eine Lehre des 20. Jahrhunderts.
All das hat also eine gewisse Anschaulichkeit, es ist aber schwer zu fassen. Es bezeichnet den interessanten, von Heinrich Geiselberger herausgegebenen Band, dass kaum einer der durchweg prominenten Autoren – Vordenker der Linken von Indien bis Amerika, unter denen man eigentlich nur Chantal Mouffe vermisst – über den Leitbegriff des Bandes gründlich reflektiert. Die Ausnahme ist Oliver Nachtwey, der Diagnostiker der „regressiven Moderne“ in seinem Band zur „Abstiegsgesellschaft“ von 2016.
Mit solcher definitorischen Askese aber kommt nicht in den Blick, wie paternalistisch, ja pathologisierend der Regressionsbegriff eigentlich ist, obwohl die Autoren gerade solche Herablassung vermeiden wollen. Denn die ausgesprochene Intention der allermeisten Beiträger ist es, den „erschreckend unzivilisierten“ Protest als begründet ernst zu nehmen, sogar im Aufstieg rechter Bewegungen, im herzhaft-brutalen Widerspruch gegen politische Korrektheit, im „Populismus“, ihn also rational zu dechiffrieren. Schuld sei nämlich, so das Unisono, „der Neoliberalismus“, die globalisierte Wirtschaftsweise, die sich nach dem Ende des sowjetischen Kommunismus siegreich ausgebreitet hat, also der Komplex von Freihandel, Entgrenzung der Arbeitsmärkte, Deregulierung von Finanzmärkten und Sozialstandards, der die überkommenen Sicherheiten in den Containern national verfasster Sozialstaaten infrage stellt.
Nationalismus ist rational, wenn er die Anspruchsrechte der Besitzlosen auf die sozialstaatliche Allmende gegen globalisiertes Lohndumping und Migration meint. Gering ausgebildete weiße Männer werden wütend, wenn sie entdecken, dass kreative Schwule und Frauen in Führungspositionen dem Neoliberalismus lieber sind. „Diversity“ wird zum Vorteil im Konkurrenzkampf um Arbeit und Aufmerksamkeit. Wenn linke Parteien ihre klassische Klientel nicht mehr vertreten, dann dringen Populisten in die „Repräsentationslücken“ ein. Populismus ist der Aufstand der „Ungewaschenen“ (Wolfgang Streeck) gegen kosmopolitische Trickbetrüger. Und es gibt nicht nur offenen Protest, sondern auch die stille Auswanderung aus der pädagogisch als Ende der Geschichte gefeierten liberalen Demokratie.
Jedermann kann diese Diagnosen mittlerweile nachbeten. Wer sie auf unterschiedlichen Niveaustufen wirklich noch einmal lesen will, mag die Beiträge von Arjun Appadurai bis Slavoj Žižek vergleichen und allerlei Binnendifferenzierungen, je nach den nationalen Hintergründen (Indien, Italien, USA, Israel, Bulgarien, Frankreich, England, zweimal Deutschland, Belgien und Frankreich) mit Interesse zur Kenntnis nehmen. Aber ist das wirklich ein Best-of linken Denkens in der Welt? Das wäre erschütternd.
Das beginnt damit, dass die Neoliberalismus-Saga erschreckend unkonkret bleibt. Leidet Italien wirklich an Deregulierung und nicht doch eher an Mafia, Staatsklientelismus, sklerotischer Justiz und einem unterirdischen Ausbildungswesen? Neoliberal mag die internationale Umgebung für Italien geworden sein und damit wirtschaftlichen Misserfolg verschärfen, auf sein Innenleben hat sich das bisher kaum ausgewirkt.
Freilich, wer „Lebensweisen“ (Streeck) unter allen Umständen unter Artenschutz stellen will, muss den Italienern auch ihren Schwarzgeld- und Schwarzarbeitskapitalismus lassen. Um bei Streeck, der sich vom psychologisierenden Regressionsverständnis erfreulich fernhält, zu bleiben: Er blickt mit Zustimmung auf Theresa Mays Versprechen der „one nation“. Hoffen wir darauf, dass es sich nicht nur um die rhetorische Vorbereitung des Moments handelt, in dem britische Regierungen nicht mehr alles was, was schiefläuft im Land, auf „Brüssel“ schieben können.
Viel erschütternder als Unschärfen im Detail bleiben die großen Leerstellen dieser Diagnosen. Es erscheint in ihnen nämlich so, als sei der gegenwärtige Weltzustand vor allem eine Verschwörung neoliberaler „Eliten“, die, befreit vom Druck des Kommunismus, die Welt seit 1989 umgebaut haben. Aber war da nicht noch etwas anderes? Fand nicht seit den Neunzigerjahren eine Revolution in den Produktivkräften statt, die die erste industrielle Revolution mittlerweile an Geschwindigkeit in den Schatten stellt? Kann, wer vom Neoliberalismus redet, von der Digitalisierung schweigen? Das gilt übrigens nicht nur für Märkte und Betriebe, sondern auch für politische Revolten und Migration. Seit Luthers Reformation und ihrem vom Buchdruck gestützten Schnellerfolg dürfte kein Kommunikationsinstrument eine so revolutionierende Wirkung gehabt haben wie das Smartphone. Kein Wort dazu in der „Großen Regression“!
Damit hängt zusammen ein Umbau in der öffentlichen Kommunikation, bei dem die Regressiven getrennt marschieren und vereint schlagen. Dem Brexit voraus ging ein jahrzehntelanges Brüssel-Bashing der Murdoch-Presse, so wie Trump natürlich auch ein Produkt der planmäßigen Verschärfung des Tons im amerikanischen Privatfernsehen ist. Auch im intellektuellen Überbau gibt es seit Langem schöne Querfronten: von Boris Johnson zu Perry Anderson, von Peter Gauweiler zu Wolfgang Streeck. Protest entsteht nicht einfach, er ist machbar. Facebook-Revolutionen können inzwischen auch die Rechten anzetteln. „Eliten“ gibt es im Zweifelsfall überall. Und wenn man Lügenvorwürfe oft genug wiederholt, werden sie auch geglaubt. Denn, und das ist die eigentliche Schwäche des Regressionsbegriffs: Es gäbe ja auch immer noch die gute alte Reaktion.
„Reaktion“, ursprünglich ein Begriff aus der Newtonschen Physik, wurde seit 1789 zum konstanten Begleiter von Fortschritt und Revolution. Doch anders als bei „Regression“ sind hier keine schillernden Pathologien gemeint, sondern bewusste Haltungen und Maßnahmen. Dabei konnten die Reaktionäre übrigens immer an ein selbstkritisches Bewusstsein der Aufklärung von den Kosten des Fortschritts anknüpfen. Reaktionäre standen an der Spitze der Gesellschaft, aber Fortschrittsfeinde und Maschinenstürmer gab es auch an der Basis.
Der Anspielungshorizont des Suhrkamp-Bandes ist Karl Polanyis schon 1944 erschienene Studie „Die große Transformation“, die die kapitalistische Zerstörung traditioneller Lebenswelten in der ersten industriellen Revolution analysiert. Marktwirtschaft und Nationalstaat gingen dabei eine Verbindung ein, die sich derzeit wieder auflöst – die jüngste Regression kann als Widerstand gegen diese neue große Transformation gelesen werden.
Dieser Vergleich ist allerdings wenig ermutigend. Wütender Protest wird nicht reichen, es sei denn, man hofft auf den großen Kladderadatsch. Es wäre schön, die Linke käme mit umfassenden Vorschlägen, die mehr bedeuten als „Stahlhelmkapitalismus“ (Adam Tooze), Verlangsamung, Sand im Getriebe oder das lustvolle Starren auf ein „Interregnum“ mit Chaos und Gewalt. Der Begriff der „Regression“ macht sie nur wehrlos, im schlimmsten Fall dumm und zynisch.
Heinrich Geiselberger (Hrsg.): Die große Regression. Eine internationale Debatte über die geistige Situation der Zeit. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 320 Seiten, 18 Euro. E-Book 15,99 Euro.
Diese Linke verliert kein
Wort über Smartphones und
die digitalen Revolutionen
Reaktion heißt jetzt also
Regression
und findet viel Verständnis
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Besprechung von 09.05.2017
Sieht so die nächste große Transformation aus?
Dokumente einer großen Ratlosigkeit: Ein Sammelband führt vor, was der Linken zur politischen Weltlage einfällt

Die aktuelle Weltlage lässt rechtschaffene Bürger ratlos zurück und erst recht jene, deren Herz links der Mitte schlägt. Der Erfolg populistischer Figuren, das Erstarken nationalistischer und protektionistischer Politik, die Etablierung semi-diktatorischer Regierungen in Teilen Europas und die allgemeine Angeschlagenheit der Demokratie im Zeitalter postfaktischen Zwitscherns sind Grund zur Beunruhigung. Trump, Le Pen, Erdogan, Orban, Kaczynski, Brexit - das ist nur ein Auszug aus dem Lexikon der Schreckbegriffe.

Heinrich Geiselberger hat als Lektor des Suhrkamp Verlags ein Buch über die große Ratlosigkeit herausgebracht, das international besetzt ist und gleichzeitig in mehreren Ländern erscheint. Namhafte Publizisten, Politologen, Philosophen und Soziologen bieten hier ihre Deutung der Entwicklung an. Da es sich um ein Buch über die große Ratlosigkeit handelt, ist es nicht überraschend, dass wenig schlechterdings neue Erkenntnisse geboten werden, sondern zunächst vieles, was auch in täglichen Leitartikeln zu lesen ist, angereichert um unkonventionellere und kontroversere Thesen, die man so noch nicht kennt. Das Spektrum der Deutungsmöglichkeiten links der Mitte dürfte damit gut ausgelotet sein.

Häufiger Ausgangspunkt ist die Feststellung, der Trend zum Populismus und zur neuen Einigelung sei getragen durch den Protest gegen die neoliberale Globalisierung und den Aufschrei der Globalisierungsverlierer, die unter Prekarisierung, wachsender Einkommensspreizung und den Folgen der globalen Finanzkrise leiden. Für linke Beobachter steckt darin das grundsätzliche Problem, dass das eine Alternative wie die zwischen Pest und Cholera ist: Sowohl Globalisierung und Neoliberalismus als auch Rechtspopulismus und Nationalismus sind prinzipiell Gegner und Schreckbild.

Es stellt sich dann die Aufgabe, eine Positionierung zu finden zwischen einem gewissen Verständnis für populistische Politik und ihre Anhänger einerseits und einer kritischen Beschreibung ihrer rückschrittlichen, antiliberalen Tendenzen andererseits. Auch stellt sich die Frage nach dem Versagen linker Politik: Warum schafft sie es nicht, die Situation für sich zu nutzen und ihre Politikentwürfe erfolgreich als Alternative anzubieten?

Man kann etwa sagen: In der gegenwärtigen Populismuswelle zeigt sich Demokratie von einer Seite, die als "Diktatur der Mehrheit" bezeichnet werden kann. Historisch sei Demokratie lange mit Pluralismus und Liberalismus verbunden gewesen und habe dazu beigetragen, diverse Minderheiten - ethnische, religiöse, sexuelle Minderheiten - mit Rechten und Stimme auszustatten. Es zeige sich nun, dass das keine notwendige Verbindung sei, dass Demokratie vielmehr auch ein Herrschafts- und Abwehrinstrument der Mehrheitsbevölkerung sein könne, die ihre Identität gegen als Bedrohung empfundene Minderheiten verteidige. In diesem Sinn seien "bedrohte Mehrheiten" derzeit die dominierende politische Kraft (Ivan Krastev).

Man muss dann auch die unbequeme Frage zulassen, warum, wenn die progressive Linke jahrzehntelang das Recht auf eigene Identität und intakte Lebensweise für alle möglichen Gruppen - etwa Indigene in Brasilien - verfochten hat, dasselbe Recht nicht auch dem deutschen, britischen oder ungarischen Spießbürger zukommen sollte. Oder man kann einen historischen Entwicklungsbogen im Jahr 1989 ansetzen, also mit dem Ende der Systemkonkurrenz zwischen Ost und West. Mit der Durchsetzung der westlich-kapitalistischen Ordnung seien gehaltvolle politische Alternativen und Kämpfe verblasst und man müsse sich deshalb nicht wundern, wenn politische Kämpfe jetzt unter dem Banner von Identitätspolitik wieder aufleben (Ivan Krastev, Pankaj Mishra).

Den entfesselten Kapitalismus mit globalen Regulierungen einhegen

Manche Kommentatoren knüpfen an die Globalisierungsdebatte der neunziger Jahre an und sehen das Problem als Frage der relativen territorialen Reichweite politischer und wirtschaftlicher Ordnungen, kurz gesagt als die Frage, ob Märkte in Staaten oder Staaten in Märkte eingeschlossen sind. Man kann dann die globale Vision einer "zweiten großen Transformation" entwickeln, wie in Anlehnung an Karl Polanyi gesagt wird: In der ersten Transformation hatte sich die moderne kapitalistische Wirtschaft aus lokalen Kontrollen und Einhegungen herausgelöst und sich teils zu zerstörerischer Wucht entfaltet, wurde dann aber durch die Herausbildung des Sozialstaates auf nationalstaatlicher Ebene wieder eingefangen. In einer zweiten Welle wurde der Kapitalismus globalisiert, emanzipierte sich immer mehr vom regulierenden Zugriff des Nationalstaates und muss nun folglich auf globaler Ebene durch globale Regulierung wieder eingefangen werden (Arjun Appadurai, Donatella della Porta).

Man kann sich aber auch auf die Seite des nationalen Ordnungsrahmens schlagen und hier die Verkörperung politischer Gestaltungsmöglichkeiten sehen. Was andere "Populismus" nennen, ist dann die "Wiederentdeckung der Demokratie": Die Marginalisierten, die Underdogs, trauen sich endlich wieder, ihre Stimme zu erheben, politische Apathie und Wahlenthaltung hinter sich zu lassen, offen für ihre Interessen zu sprechen und den Verfechtern neoliberaler Globalisierung und Gesellschaftsverwüstung die Stirn zu bieten.

Was dem Durchschnittsbeobachter als populistischer Rückgriff auf billige Parolen und als Versprechen unterkomplexer Lösungen für komplexe Probleme erscheint, ist dann einfach die Stimme derer, die sich nicht vom Tina-Talk ("There Is No Alternative") unaufhaltsamer Globalisierung und unentrinnbarer ökonomischer Sachzwänge einschüchtern und einlullen lassen (Wolfgang Streeck).

Es finden sich auch einige fast verschwörungstheoretisch anmutende Diagnosen. So wird der globale Durchmarsch des Neoliberalismus auf ein perfides Bündnis von liberal-emanzipatorisch-progressiven Kräften, wie Feministen und kosmopolitischen Kultureliten, mit Vertretern des globalen Finanzkapitalismus zurückgeführt - ein Bündnis, das in der Person von Hillary Clinton perfekt verkörpert sei (Nancy Fraser). Oder es wird das Agieren "obskurantistischer Eliten" auf der reichen Nordhälfte des Planeten ausgemacht, die beschließen, dass, wenn das Schiff schon sinkt und der Planet Erde infolge des Klimawandels dem Untergang entgegengeht, nicht sie selbst, sondern andere als Erste ertrinken sollen (Bruno Latour).

Das Risiko, das Martin Schulz mit seiner Strategie eingeht

Andere beschreiben das Schrumpfen der alten, industriebasierten Arbeiterschaft und seine politische Folge, den Niedergang der klassischen Arbeiterparteien (Paul Mason, Robert Misik). Hier wird eine schonungslose Analyse und düstere Zukunftsprognose sozialdemokratischer Parteien angeboten. Deren Wählerpotential bestehe heute zu etwa gleich großen Teilen aus eigentlich inkompatiblen Gruppen: aus dem modernen, urbanen, gebildeten, "kulturlinken" Milieu einerseits, wo man sich für Ökologiefragen, Gender- und Lifestyle-Pluralismus interessiert, und aus Teilen der alten Arbeiterklasse andererseits, die durch Globalisierung, Digitalisierung, Arbeitsplatz- und Sozialabbau bedroht sei und ihre alte Existenzform zu verteidigen suche.

Diese beiden Gruppen seien auf absehbare Zeit nicht mehr zusammenzubringen. Der Versuch von Sozialdemokraten vom Schlage eines Martin Schulz oder Jeremy Corbyn, die alten Motti von sozialer Gerechtigkeit und Umverteilung wiederzubeleben, trage das Risiko in sich, die erste Wählergruppe zu verprellen, ohne die zweite effektiv zurückgewinnen zu können.

Das Spektrum der Deutungen reicht noch weiter und bis ins Psychologische hinein. So wird etwa Donald Trump als Verkörperung einer mangelnden Affektkontrolle und insofern eines Entzivilisierungstrends im Sinn Norbert Elias' beschrieben (Oliver Nachtwey). Oder es wird die Frage aufgeworfen, ob dem Menschen eine natürliche Neigung zur Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit innewohnt - eine elementare Neigung, das Bekannte und Vertraute gegenüber dem Unbekannten und Unvertrauten zu bevorzugen, einfach weil es weniger Anstrengung kostet.

Soweit diese Neigung elementar und vorideologisch ist, kann sie durch äußere Bedingungen wie wirtschaftliche und politische Unsicherheit nur verstärkt, nicht aber erzeugt werden (Zygmunt Bauman). Verstärkt wird sie möglicherweise nicht nur durch akute Problemlagen wie Wirtschaftskrisen oder Migrationswellen, sondern auch durch die Gewöhnung an das Prinzip des Marktes und das Internet, die beide die freie Wahl von spontan gefallenden Alternativen, das hemmungslose Ausleben eigener Vorlieben zum Prinzip machen (Ivan Krastev).

Die Ordnung von Argumenten muss sich der Leser selbst schaffen, da die Ordnung des Buches dem Zufall der alphabetischen Namensreihung folgt. Was den Schreibstil angeht, ist alles zu finden von normativer Aufladung und offenem Engagement bis zu analytischer Distanz und nüchterner Beobachtung. Dabei korreliert der Charakter der Beiträge nicht unbedingt mit der institutionellen Stellung des Autors als akademischen Wissenschaftlers oder als Publizist und politischen Schreibers. Die Dissoziation zwischen dem Schlagen des eigenen politischen Herzens und den Fragen des eigenen analytischen Verstandes scheint in Zeitungen und Thinktanks mindestens ebenso gut zu gelingen wie an Universitäten.

BARBARA KUCHLER

Heinrich Geiselberger (Hrsg.): "Die große

Regression". Eine internationale Debatte über die

geistige Situation der Zeit.

Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 319 S., br., 18,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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"So bietet der Band Die große Regression nicht nur unterschiedliche Analysen der Hintergründe für die Erfolge des Populismus, sondern auch zahlreiche sich daraus ergebende durchaus unterschiedliche Perspektiven."
Hans-Martin Schönherr-Mann, Deutschlandfunk 23.04.2017