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Nur wer unterwegs ist, kann irgendwo ankommen - Reiseimpressionen aus Afrika, Asien und Bulgarien. Ilija Trojanow ist auf allen Kontinenten zu Hause, und was er zu berichten hat, geht weit über die Schönheit der Landschaften oder die Fremdheit der Sitten hinaus. Er erzählt, wie die Menschen leben in dem nicht zur Ruhe kommenden Afrika, in den Megacitys Indiens oder in Bulgarien, dem Land seiner Geburt. Neugierig und offen, kritisch und selbstkritisch mit dem Autor des Weltensammlers als Reisebegleiter sieht man die Welt in einem anderen Licht…mehr

Produktbeschreibung

Nur wer unterwegs ist, kann irgendwo ankommen - Reiseimpressionen aus Afrika, Asien und Bulgarien.

Ilija Trojanow ist auf allen Kontinenten zu Hause, und was er zu berichten hat, geht weit über die Schönheit der Landschaften oder die Fremdheit der Sitten hinaus. Er erzählt, wie die Menschen leben: in dem nicht zur Ruhe kommenden Afrika, in den Megacitys Indiens oder in Bulgarien, dem Land seiner Geburt. Neugierig und offen, kritisch und selbstkritisch mit dem Autor des Weltensammlers als Reisebegleiter sieht man die Welt in einem anderen Licht.
  • Produktdetails
  • dtv Taschenbücher Bd.13930
  • Verlag: Dtv
  • Seitenzahl: 194
  • 2010
  • Ausstattung/Bilder: 2010. 196 S. 191 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 190mm x 118mm x 20mm
  • Gewicht: 192g
  • ISBN-13: 9783423139304
  • ISBN-10: 3423139307
  • Best.Nr.: 29742058

Autorenporträt

Ilija Trojanow, geb. 1965 in Bulgarien, aufgewachsen in Kenia, studierte und arbeitete viele Jahre in Deutschland. Seit 1998 lebt er in Bombay. Trojanow ist Autor, Herausgeber und Verleger. Er beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit afrikanischer Geschichte, Kultur und Literatur. Der Autor erhielt zahlreiche Preise: 1995 den Bertelsmann-Literaturpreis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt, ein Aufenthaltsstipendium im Künstlerhaus Schloß Wiepersdorf sowie ein Arbeitsstipendium des Deutschen Literaturfonds e.V., 1996 den Marburger Literaturpreis, 1997 den Viktor-von-Scheffel-Preis und Thomas-Valentin-Preis der Stadt Lippstadt und 2000 den Adelbert-von-Chamisso-Preis. 2009 wurde ihm der Preis der Literaturhäuser verliehen und 2010 wurde er als 'poetischer Chronist der großen Exil- und Migrationsphänomene der Moderne' mit dem Würth-Preis geehrt.
Ilija Trojanow

Rezensionen

Besprechung von 10.02.2008
Der Menschensammler
Flammen, Gerüche, Bilder: Ilija Trojanows beeindruckende Reportagen / Von Anne Zielke

Den "Weltensammler" hatte ich eher zufällig in die Hände bekommen. Ich kannte zwar den Namen Trojanow, hatte aber noch nie ein Buch von ihm gelesen, und ich hätte mir das seitenreiche Buch, das von einem eher obskuren Thema zu handeln schien (was geht mich ein Offizier des neunzehnten Jahrhunderts an, der in Indien Sprachen lernt, verkleidet nach Mekka reist und dann zu Fuß durch halb Afrika?), wahrscheinlich nicht gekauft. Irgendjemand hat es mir geschenkt. Es lag wochenlang herum. Eines Tages blätterte ich darin, fing an zu lesen, stieß auf die Stelle, an der Burtons Lebensnotizen nach seinem Tod verbrannt werden. Was für eine Szene: Im Feuer fangen auf einmal auch die Buchstaben an sich zu verändern, der Satzbau biegt sich, aus den Flammen steigen Gerüche, Bilder der Vergangenheit, und noch bevor der Satz zu Ende ist, ist man ganz woanders und blickt mit dem jungen Burton ins brennende lange Haar einer Leiche, die gerade am Strand von Bombay bestattet wird. So einen Satz hatte ich noch nie gelesen. Aus der Vergangenheit ist Gegenwart geworden, und wie Trojanow das sprachlich geschafft hat, wirkt nach wie vor wie eine Zeitmaschine. Dieser Satz zog mich unwiderstehlich in die Geschichte hinein.

In der Fremde

Das Erstaunlichste am "Weltensammler" aber waren die Spätfolgen der Lektüre. Sie weckte ein nachhaltiges Interesse fü die Länder, die man mit dem Helden Richard Francis Burton betritt. Man will auf einmal mehr wissen über Indien, Mekka, Afrika, auch wenn es einen vorher gar nicht interessiert hat. Man will es am besten vom Autor selbst wissen, der die Welt nicht als Kulisse benutzt, sondern in Wirklichkeit zum Hauptthema seines Romans gemacht hat.

Jetzt ist "Der entfesselte Globus" erschienen, im Untertitel heißt es: "Reportagen". Das Buch macht einmal mehr klar, dass Trojanow seinem "Weltensammler" Burton genauso ähnlich ist, wie ohnehin zu vermuten war. Zumindest, was seine Interessen angeht. Was Trojanow nämlich von anderen weitgereisten Autoren unterscheidet, und das werfen seine Texte mit großer Helligkeit zurück, ist die Art und Weise, wie er sich der Fremde aussetzt. Bei wenigen deutschen Schriftstellern hat die Welt einen solchen Abdruck hinterlassen, in ihren Themen und gleichermaßen in ihrer Lebensgeschichte.

"Der entfesselte Globus" bringt beides zusammen. Denn damit fängt es doch bereits an: dass es richtig ist und gleichzeitig nicht, Trojanow als "deutschen" Schriftsteller zu bezeichnen. Er entkommt solchen Kategorien. Geboren ist er in Bulgarien, mit den Eltern über Italien nach Deutschland geflohen, später weiter nach Kenia, wo er mit mehreren Sprachen aufgewachsen ist, Deutsch ist eine davon. Seitdem hat er sich anderen Kulturen und Religionen ausgesetzt wie Touristen sonst nur der Sonne. Er lebte jahrelang in Bombay und in Kapstadt. Wenn es Texte wie Safaris gibt, aus einer nie abgelegten Distanz heraus, die beschreiben, ohne den beobachteten Objekten zu nahe zu kommen, so ist Trojanows Zugang das Gegenteil: Er geht immer zu Fuß. Und meistens durchs Gebüsch.

Die gut dreißig Texte im "Entfesselten Globus" stammen aus den zurückliegenden Jahren, sie springen durch die Zeit. Von 1981 ins Heutige, en passant 1995, in die Achtziger, vor und zurück. Bei den Themen ein ähnlicher Wechsel. Mal schreibt Trojanow von seiner Kindheit in Kenia, dann von Russen, die in Westafrika mit ausgemusterten Militärmaschinen den Luftverkehr aufrechterhalten, und wie er mit ihnen über dem Niger fliegt. Dann wiederum scheint es nur um Literatur zu gehen. Oder Musik. Er schreibt über Wirtschaft, den "War on Terror", persönliche Begegnungen, über Dissidenten, er entkleidet Günter Grass' Beobachtungen in Kalkutta, bis dessen Vorurteile nackt dastehen.

Das ist manchmal mit Humor, immer aber mit analytischer Schärfe, Temperament und in einer klaren Sprache erzählt. Die Form der Texte ist heterogen. Es stehen weniger klassische Reportagen im Buch als bildreiche, sprachklare Essays, Collagen, Parteinahmen, die aber im Vergleich zu scheinbar objektiven Berichten besser recherchiert sind. So schreibt Trojanow über die vermeintlich antiamerikanischen Reaktionen in den indischen Medien, als der "War on Terror" begann, und zeigt ein Denken, das Gewalt ganz anders begreift als der Westen: "Schon das Unterteilen der Menschen in Wir und die Anderen gilt als Gewalt." Genauigkeit des Blicks zeichnet Trojanow aus, etwas, das er auch von anderen Beobachtern einfordert. Über Intellektuelle im ultramodernen Bahrein schreibt er etwa: "Die Dichter und Denker versinken in die innere Emigration des Komforts." Dass der Titel des Buches auch an eine entfesselte Globalisierung denken lässt, ist sicherlich kein Zufall, oder, wie Trojanow feststellt: "Unser Wissen über ferne Länder und Kulturen scheint mit der Globalisierung nicht unbedingt zu wachsen."

Das ist der Ausgangspunkt des Buches. Und es ist der Globus selbst, der dem Band seine Ordnung verleiht. Die einzelnen Kapitel: Afrika - Indien - Asien - Bulgarien, sind zugleich der eigenen biographischen Bewegung Trojanows nachgezeichnet. Sie folgen weniger den konkreten Lebensstationen als seiner Blickrichtung, dem Erwachen seines Interesses. Dass Bulgarien dabei am Ende steht und keineswegs am Anfang, gehört zu dieser Logik. Erst spät scheint er seinen Blick auf das Land gerichtet zu haben, aus dem er gekommen ist.

Entfesselte Neugier

"Der entfesselte Globus" ist eine Reise in die Welt, aber auch in Trojanows Welt und zugleich ein Dokument, das die Reifung eines außergewöhnlichen Schriftstellers nachzeichnet, dessen beherrschendes Thema die Fremde ist: wie sie sich in Vertrautes verwandelt. Wie man Verständnis und Respekt für das Andere gewinnt, ohne immer gleich alles verstehen zu müssen. Wie man das Gutgemeinte durch Fakten und Anteilnahme ersetzt: Trojanows unerschöpfliches Interesse ist weniger Neugier als der Versuch, wirklich an der Welt teilzuhaben. Darum geht es in seinem Roman, darum geht es in seinen Reportagen. Es ist nur eine andere Herangehensweise. Im Roman ist die Wahrheit versteckt. Sie erschließt sich dem Leser durch eine stille Übereinstimmung, wenn er entdeckt, dass jemand hier etwas formuliert hat, was er immer schon gefühlt hat, ohne die Worte dafür zu haben. In den reportageartigen Texten wird Trojanow explizit.

Dabei ist "Reportage" vor allem eine Selbstpositionierung, die in größtmöglichem Gegensatz zur Form des Romans zu stehen scheint. Vor dem "Entfesselten Globus" hat Trojanow schon andere Reportagen veröffentlicht, Reiseberichte wie den, als er wochenlang allein den Ganges hinunterreist. Oder als er sich, wie Richard Francis Burton, zur Hadsch nach Mekka und Medina begibt, nachdem er monatelang die Feinheiten des Gebets studiert und geübt hat. So gesehen scheinen Reportagen, Berichte aus dem Heute, eine logische Ergänzung von Trojanows Arbeiten zu sein. Doch ist es heute ungewöhnlich, dass ein Schriftsteller Reportagen schreiben will und das zu seinem Selbstverständnis zählt. Zwar gibt es Journalisten, die Romane schreiben, und Schriftsteller, die ab und zu mal von den Redaktionen irgendwohin geschickt werden, aber eigentlich sind es zwei getrennte Welten. Hier die Handwerker der Information, dort die von der Muse wundgeküssten Künstler.

Dabei gibt es mehr Berührungspunkte, als man denkt. Es ist ja nicht so, dass das eine rein fiktional und das andere eine exakte Spiegelung der Fakten wäre. Auch eine Erzählung braucht Tatsachen, um sich aufzuschwingen, und umgekehrt braucht auch die Reportage eine Dramaturgie, eine Zuspitzung, einen Rahmen, der mehr mit dem Einfallsreichtum des Autors zu tun hat als mit seiner Beobachtungsgabe. Das alles zeigt Trojanow mit seinem Buch, wenn man es zusammen mit seinen literarischen Arbeiten betrachtet. Der wichtigste Berührungspunkt aber ist: eine gute Recherche. Selbst das kleinste Detail wird von Trojanow behutsam abgebürstet und präsentiert, denn es kann den Blick aufs Ganze ändern.

Diese Sorgfalt ist das ganze Buch hindurch zu spüren. "Der entfesselte Globus" gibt einen Blick frei auf die Welt, den man aus eigener Erfahrung so kaum haben kann - aber genau deswegen liest man doch. Dabei wirken selbst ältere Texte manchmal auf unheimliche Weise aktuell, wie einer über Kenia, in dem Trojanow von einem Busfahrer erzählt, der immer fluchte, "bis zu jenem Tag spät im August, als ein Staatsstreich versucht wurde und im Radio Marschmusik lief, als geschossen wurde in der Innenstadt und am Flughafen, als in Vierteln, die wir nie besuchten, Grauenhaftes geschah, als die Menschen, die wir Banyanis nannten, ausgeplündert und ihre Frauen vergewaltigt wurden".

Ich, der Häftling

Das Bulgarien-Kapitel schließlich gehört zum Intensivsten im Buch. Die Geschichte handelt von den Ereignissen in einem GULag. Sie ist auch deswegen äußerst verstörend, weil man öffentlich seinen Frieden mit den neuen EU-Mitgliedern gemacht hat. Der Verbrechen während der sozialistischen Regime ungeachtet, wirkt ihre EU-Mitgliedschaft wie eine Generalamnestie. Der GULag-Text ist montiert, die Geschichte von außen und innen erzählt. An dieser Stelle scheint es, als überschreite Trojanow das Genre. Als versetze er sich selbst in einen Häftling hinein, um aus der Ich-Perspektive möglichst direkt das Grauen zu beschreiben. Ich, der Häftling. Das ist in seiner Anmaßung kaum erträglich. Doch am Ende des Textes steht ein Schock, ein noch größerer; die Erkenntnis nämlich, dass die Ich-Sätze gar nicht aus Trojanows Feder stammen, sondern tatsächlich dokumentarisch sind. Die kursiv gesetzten Berichte entstammen den unveröffentlichten Memoiren eines Überlebenden. Trojanow, der Menschensammler, hat die Stimme dieses Mannes hörbar gemacht.

Ilija Trojanow: "Der entfesselte Globus. Reportagen". Hanser-Verlag. 200 Seiten, 17,90 Euro. Unsere Autorin Anne Zielke, 36, veröffentlicht im März "Die Frau, die vom Himmel fiel - und andere wahre Geschichten" im Blumenbar-Verlag.

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Besprechung von 05.04.2008
Alle Grenzen sind nur Zusammenflüsse
„Der entfesselte Globus”: Ilija Trojanow mag alle Menschen auf dieser Welt, nur die nicht, die zu Hause bleiben
In Wien ist Ilija Trojanow eine Werbung aufgefallen. Ein „Qualitätsscout” von McDonald’s „steht vor einem Kartoffelfeld und sagt: ‚Ich habe immer geglaubt, die Pommes kommen aus Djibuti.‘” Dabei kommen sie natürlich, wie alle Wiener McDonald’s-Produkte, aus Österreich. Das arme Djibuti, das wohl kaum je Kartoffeln exportiert hat, muss für eine x-beliebige Fremde herhalten, gegen die sich das Einheimische einer Fastfood-Zutat hervortun darf. „Djibuti”, bemerkt Trojanow zutreffend, „wird benutzt wie früher Timbuktu”. Inzwischen denken wir bei Timbuktu an etwas anderes, das kaum mehr mit dem realen Timbuktu zu tun haben mag als die Kartoffeln mit Djibuti. Immerhin denken wir an etwas, nämlich an Weltmusik, an Ry Cooder und Ali Farka Touré, und das findet Trojanow auch nicht unbedenklicher als die Reklame vom McDonald’s: „Aus Afrika kommen nur Versatzstücke für unsere übersättigte und gelangweilt dahinplätschernde Kultur.”
Ein schlechtes Beispiel für kulturelle Selbstbedienung auf dem „Kontinent des Staunens” (André Heller) liefert ihm die Sängerin Björk. Sie schwebt nach Bamako ein für ein Duett mit dem Kora-Virtuosen Diabaté, hat dann aber nicht die Zeit, sich die Aufnahme mit ihrem Partner anzuhören. Die Zeit lobt Björk dafür, dass die Zusammenarbeit mit dem Mann aus Mali ohne „Weltmusikkitsch” ausgekommen sei, un Björk lässt sich zitieren mit der Feststellung: „We’re all fucking animals, so let’s make some universal tribal beat!” So schließt sich in Trojanows kleiner Betrachtung der Kreis zwischen McDonald’s, Björk und Afrika, und man kann Trojanow nur zustimmen in dem Befund, dass Afrika bei diesen Kommunikationen auf der Strecke bleibt.
Trojanow, der in Bulgarien aufgewachsen und in Kenia zur Schule gegangen ist, der in Indien und Südafrika gelebt hat und derzeit in Wien wohnt, hat ein waches Auge für solche Asymmetrien im Kulturdialog. Seine Reisereportagen sind aber nicht primär in kritischer Absicht geschrieben. Eher artikulieren sie etwas vom Glück eines Kosmopoliten, dem ein lärmumtostes Zimmer in Bombay mehr Heimat ist als jeder deutsche Landstrich. Kann es dann ein größeres Geschenk geben, als Schüler der Deutschen Schule von Nairobi gewesen zu sein? „Wir sind gewappnet für die globale Welt”, sagen sich Trojanow und seine früheren Klassenkameraden bei einem Wiedersehen, „denn was von der Schulzeit bleibt, ist gelebte Vielfalt. Das Aufwachsen in mehreren Sprachen. Die selbstverständliche Existenz des Anderen.” Durch Trojanows Reiseberichte zieht sich das Lob einer fröhlichen Diversität, eine große „Kampfabsage” (so der Titel eines anderen Trojanow-Buches), deren Botschaft wir so verstehen: Wenn alle nur möglichst unbekümmert ihre eigene und jedes anderen „Hybridität” anerkennen würden, gäbe es Kulturkonflikte nicht. „Wenn wir”, so eine repräsentative Aussage dieses Buches, „uns für die Zukunft wappnen wollen, sollten wir unsere Grenzen als Zusammenflüsse begreifen, (. . .) als Spielwiesen von Mischkulturen. (. . .) Denn das Trennende ist stets nur eine momentane Differenz, eine Flüchtigkeit der Geschichte.”
Trojanow ist ein kluger Beobachter kultureller und sozialer Entwicklungen, in Indien, in Afrika, in Bulgarien, und er ist Erzähler genug, um aus erlebten Details und Szenen Zusammenhänge zu knüpfen, die sprechender sind als die begriffliche Annäherung. Mit freundlicher Neugier und großer Unerschrockenheit begibt sich Trojanow in alle möglichen Fremden, und wie man es bei ihm anders nicht erwartet, kehrt er bereichert zurück. Es gibt in Trojanows Reiseerlebnissen eigentlich keine Enttäuschungen, es gibt auch nichts Tragisches oder irgendwie Verstörendes. Bombay etwa ist einerseits zwar schrecklich, andererseits die schönste „Spielwiese von Mischkulturen”, die sich denken lässt, und damit trotz allem ein Ort, der versöhnlich stimmt, ja eigentlich eine Stadt, die man möglichst vielen interkulturell zurückgebliebenen deutschen Provinzlern als Kontrastprogramm wünschen würde. Unversöhnlich ist Trojanow im Grunde nur mit denen, die nicht reisen, die sich in ihrer Unkenntnis von Djibuti und Timbuktu eingerichtet haben. Wir sollten also mehr reisen, und dies möglichst nicht „all inclusive”, das ziehen wir als Summe aus Trojanows Buch, und zweitens: Kultur gibt es nur im Plural, und Kulturen sind immerfort im Fluss. Das mag so sein, ist aber nicht der Standpunkt jener, die V. S. Naipaul „the believers” nannte. Von ihnen gibt es immer mehr, während die Zahl der enthusiastischen Interkulturalisten eher abnimmt. Mit Begeisterung allein werden die kulturellen Krisen dieses Erdballs wohl nicht zu beheben sein. CHRISTOPH BARTMANN
ILIJA TROJANOW: Der entfesselte Globus. Reportagen. Carl Hanser Verlag, München 2008. 195 Seiten, 17, 90 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Ilija Trojanow ist in der Welt zuhause und erstattet von unterwegs den Daheimgebliebenen Bericht. Versteht man den Rezensenten Christoph Bartmann richtig, dann ist die Welt von Bombay bis Nairobi dabei niemals Projektionsfläche von Exotismen, und zwar ganz programmatisch nicht: All jenen, die sich beim Fremden bedienen, ohne sich einzulassen, gilt, ganz im Gegenteil, Trojanows ausdrückliche Kritik. Er ist vielmehr für die Symmetrie der Verhältnisse und erkennt in einer überall, wenn auch jeweils anders, anzutreffenden Hybridisierung das Allgemeine einer global differenzierten Gegenwart. Christoph Bartmann vermag diese Einstellung zwar nicht als Allheilmittel für die Probleme zu begreifen. Daran, dass er lesend ausgesprochen gerne mit Trojanow in den unterschiedlichsten Weltgegend unterwegs ist, ändert das aber nichts.

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