 | Besprechung von 05.04.2008 |
Alle Grenzen sind nur Zusammenflüsse
„Der entfesselte Globus”: Ilija Trojanow mag alle Menschen auf
dieser Welt, nur die nicht, die zu Hause bleiben
In Wien ist Ilija Trojanow eine Werbung aufgefallen. Ein
„Qualitätsscout” von McDonald’s „steht vor einem Kartoffelfeld und
sagt: ‚Ich habe immer geglaubt, die Pommes kommen aus Djibuti.‘”
Dabei kommen sie natürlich, wie alle Wiener McDonald’s-Produkte,
aus Österreich. Das arme Djibuti, das wohl kaum je Kartoffeln
exportiert hat, muss für eine x-beliebige Fremde herhalten, gegen
die sich das Einheimische einer Fastfood-Zutat hervortun darf.
„Djibuti”, bemerkt Trojanow zutreffend, „wird benutzt wie früher
Timbuktu”. Inzwischen denken wir bei Timbuktu an etwas anderes, das
kaum mehr mit dem realen Timbuktu zu tun haben mag als die
Kartoffeln mit Djibuti. Immerhin denken wir an etwas, nämlich an
Weltmusik, an Ry Cooder und Ali Farka Touré, und das findet
Trojanow auch nicht unbedenklicher als die Reklame vom McDonald’s:
„Aus Afrika kommen nur Versatzstücke für unsere übersättigte und
gelangweilt dahinplätschernde Kultur.”
Ein schlechtes Beispiel für kulturelle …
 | Besprechung von 10.02.2008 |
Der MenschensammlerFlammen, Gerüche, Bilder: Ilija Trojanows beeindruckende Reportagen / Von Anne ZielkeDen "Weltensammler" hatte ich eher zufällig in die Hände bekommen. Ich kannte zwar den Namen Trojanow, hatte aber noch nie ein Buch von ihm gelesen, und ich hätte mir das seitenreiche Buch, das von einem eher obskuren Thema zu handeln schien (was geht mich ein Offizier des neunzehnten Jahrhunderts an, der in Indien Sprachen lernt, verkleidet nach Mekka reist und dann zu Fuß durch halb Afrika?), wahrscheinlich nicht gekauft. Irgendjemand hat es mir geschenkt. Es lag wochenlang herum. Eines Tages blätterte ich darin, fing an zu lesen, stieß auf die Stelle, an der Burtons Lebensnotizen nach seinem Tod verbrannt werden. Was für eine Szene: Im Feuer fangen auf einmal auch die Buchstaben an sich zu verändern, der Satzbau biegt sich, aus den Flammen steigen Gerüche, Bilder der Vergangenheit, und noch bevor der Satz zu Ende ist, ist man ganz woanders und blickt mit dem jungen Burton ins brennende lange Haar einer Leiche, die gerade am Strand von Bombay bestattet wird. So einen Satz hatte ich noch nie gelesen. Aus der Vergangenheit ist Gegenwart …
Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension
Ilija Trojanow ist in Weltgegenden zuhause, die unsereinem nichts als Fremde ist. Wo wir uns nur als Touristen bewegen - staunend oder auch nicht -, in Afrika, Asien, in der Savanne und im Dschungel, da ist Trojanow, stellt Jakob Strobel y Serra fest, "mit größter Selbstverständlichkeit" unterwegs. Darum erscheint ihm nichts exotisch, der Autor versteht sich als "Empiriker" und "skeptischer Forscher". Im vorliegenden Band sind nun kürzere, bei Gelegenheit entstandene Texte, Essays und Reportagen versammelt, die zuvor meist anderswo erschienen sind. Die Qualität ist gemischt, so Strobel y Serra, ein wenig habe das Buch deshalb den Charakter eines "Resteessens". Und doch: Der Rezensent hat das offenkundig mit großem Interesse gelesen, bewundert die "Achtung vor dem Menschen", die Trojanow allermeist demonstriert. Immer und deshalb auch hier lasse sich bei ihm etwas lernen über Welten, von denen so genau und so frei vom Klischee man sonst so schnell nichts erführe.
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"Flammen, Gerüche, Bilder: Ilija Trojanows beeindruckende Reportagen." Anne Zielke, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.02.08 "Mit dem jüngsten Buch begleitet man den Autor an Orte, an die man selbst nie gekommen wäre ... Um das Denken der Differenz zu verlernen und durch wirksamere Systeme zu ersetzen, braucht es noch viel Training und noch mehr unablässiges Beteuern, Bereisen und Bezeugen durch zukunftsweisende Autoren wie Ilija Trojanow." Sabine Scholl, Die Presse, 09.02.08 "Was Trojanow von anderen weitgereisten Autoren unterscheidet, und das werfen seine Texte mit großer Helligkeit zurück, ist die Art und Weise, wie er sich der Fremde aussetzt." Anne Zielke, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.02.08 "Manchmal mit Humor, immer aber mit analytischer Schärfe, Temperament und in einer klaren Sprache erzählt." Anne Zielke, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.02.08 "Wer reist, hat etwas zu erzählen, und dieser elementaren Wahrheit ist Trojanow auf sehr unmittelbare Weise verpflichtet. Locker federt die Sprache seiner Reportagen, in denen sich kein Stilist offenbaren will, sondern einer, der sich einfangen lässt von den Farben und Gerüchen, den Geräuschen der Welt, ihrem Zorn und ihrer Liebe." Paul Jandl, Neue Zürcher Zeitung am Sonntag, 30.03.08 "Trojanow ist ein kluger Beobachter kultureller und sozialer Entwicklungen, in Indien, in Afrika, in Bulgarien, und er ist Erzähler genug, um aus erlebten Details und Szenen Zusammenhänge zu knüpfen, die sprechender sind als die begriffliche Annäherung." Christoph Bartmann, Süddeutsche Zeitung, 05./06.04.08
Ilija Trojanow, geb. 1965 in Bulgarien, aufgewachsen in Kenia, studierte und arbeitete viele Jahre in Deutschland. Seit 1998 lebt er in Bombay. Trojanow ist Autor, Herausgeber und Verleger. Er beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit afrikanischer Geschichte, Kultur und Literatur. Der Autor erhielt zahlreiche Preise: 1995 den Bertelsmann-Literaturpreis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt, ein Aufenthaltsstipendium im Künstlerhaus Schloß Wiepersdorf sowie ein Arbeitsstipendium des Deutschen Literaturfonds e.V., 1996 den Marburger Literaturpreis, 1997 den Viktor-von-Scheffel-Preis und Thomas-Valentin-Preis der Stadt Lippstadt und 2000 den Adelbert-von-Chamisso-Preis. 2009 wurde ihm der Preis der Literaturhäuser verliehen und 2010 wurde er als 'poetischer Chronist der großen Exil- und Migrationsphänomene der Moderne' mit dem Würth-Preis geehrt.